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In einer Welt, in der Soldaten für den Schutz des Königs und des Königreiches kämpfen, steht die junge Yashi. Ihr sehnlichster Wunsch ist es die Nachfolge ihres Vaters anzutreten. Jedoch ist dies gar nicht so einfach. Zu allem Überfluss erfährt Yashi an ihrem 16. Geburtstag das Geheimnis ihrer Herkunft. Eine Reise beginnt, in der sie sich immer wieder den Schrecken von Verrat, Krieg und Magie erwehren muss, aber nur die Natur kennt die wahre Bedeutung von Yashis Schicksal. Wird sie sich den Gefahren stellen können und ihrer Bestimmung gerecht werden? Welche Rolle nimmt dabei der Prinz ein?
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Seitenzahl: 1058
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für Papa
Mein Fels in der Brandung
Prolog
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Epilog
Danksagung
Er lief, als wäre ein wildes Tier hinter ihm her, doch nichts in der Welt hätte ihn jetzt aufhalten können. Äste schlugen ihm ins Gesicht, Dornen zerkratzten ihm Hände und Arme und bohrten sich schmerzvoll in seine Haut. Wurzeln brachten ihn immer wieder zum Stolpern, doch er stand wieder auf, denn sein Ziel war nicht mehr weit.
Er fasste keinen klaren Gedanken, nur den einen, der ihm gebot weiter zu laufen und zu ihr zu kommen. Es war riskant sie so nah an der Grenze zu treffen, besonders jetzt, wo die Front soweit vorgerückt war, doch er musste nach ihr sehen. Nach ihr schauen ob es ihr gut ging, ob es ihnen gut ging. Deshalb hatte er bis zur Dämmerung gewartet, damit man sein Verschwinden nicht gleich im Lager bemerken würde. Das schummrige Licht tat sein Bestes, um ihn zu verwirren, doch sein Ziel hätte er auch mit geschlossenen Augen gefunden, so oft war er den Weg schon gegangen.
Sakuro lief und lief und langsam spürte er die Erschöpfung in seinen Beinen, trotz des jahrelangen Trainings. Er war Soldat und kämpfte für sein Land, das Königreich des Phönix, doch jetzt war er dem Verrat nahe, nein, er hatte sich bereits seit zwei Jahren dem Verrat schuldig gemacht, denn er liebte den Feind. Einen mächtigen Feind und diese wartete nun in der kleinen Holzhütte auf ihn, in der sie sich immer heimlich getroffen hatten. Wartete auf ihn, um ihm sein Kind zu zeigen.
Er durchbrach das letzte Unterholz und befand sich auf der Lichtung, auf der die Hütte stand. Die Hebamme, Ariadne, wartete bereits draußen auf ihn. Sie hielt eine kleine Fackel in der Hand.
Atemlos fragte er sie: »Wie geht es ihr? Wie geht es ihnen?«
»Die Geburt war anstrengend, aber beide sind wohl auf!«
Sakuro strahlte über das ganze Gesicht und umarmte Ariadne.
Sie war die Einzige, der sie ihre Liebe anvertraut hatten. Ariadne war eine gütige und liebevolle Frau und wusste um die Macht der Liebe. Vor ihr hatten sie nichts zu befürchten.
Sakuro betrat die Hütte und dort auf dem einfachen Bett lag seine geliebte Espanja. Sie hielt ein kleines Wunder in ihren Händen – sein Kind –
Er war entzückt wie winzig es doch war. Espanja lächelte ihn an, doch man konnte noch die Strapazen der Geburt auf ihrem wunderschönen Gesicht sehen.
»Mein Liebster, endlich bist du da!«
»Espanja meine Liebste, wie geht es dir?«
»Sehr gut, jetzt wo du bei mir bist. Sieh her, dies ist deine Tochter.«
»Du hast mir eine wunderschöne Tochter geschenkt!«
»Verzeih, dass es kein Junge geworden ist, aber das wusstest du ja bereits.«
»Ich bin überglücklich und wenn sie nach ihrer Mutter kommt, dann wird sie sehr mächtig werden.«
»Ich weiß«, sagte sie traurig.
»Espanja, was hast du?«
Ariadne spürte, dass die beiden einen Moment für sich brauchten, nahm deshalb das Kind und ging hinaus.
»Sakuro, ich spüre schon jetzt, dass in ihr große Kräfte schlummern. Sie wird ein großes Schicksal haben und dies wird nicht lange unbemerkt bleiben. Sakuro, ich möchte, dass sie so lang wie möglich ein normales Leben führt, ohne von ihrer wahren Identität zu wissen. Ihre Herkunft könnte uns alle in große Schwierigkeiten bringen. Ich bitte dich, nimm du unser geliebtes Kind und zieh sie mit Ariadne auf, damit sie friedlich leben kann. Ich habe mit Ariadne schon alles in die Wege geleitet.«
»Nein Espanja, das Kind gehört doch zur Mutter.«
»Sakuro versteh doch, wenn sie bei mir bliebe, würde man Fragen stellen. Man würde bemerken, wer sie ist. Sieh doch die Zeichen. Sie trägt nicht das Wappen der Silberschwingen, sondern den Phönix. Was soll ich ihnen antworten, wer der Vater ist? Nein Sakuro, bei euch ist sie sicherer und keiner wird etwas bemerken. Wenn der Krieg vorüber ist, können wir eine Familie sein, aber bitte sorge für unser Kind.«
»Das werde ich, aber ich werde dich nie ersetzen können!«
»Wir müssen uns voneinander fernhalten, um unsere Tochter zu schützen. Wir dürfen uns nicht mehr sehen. Ihre Kräfte könnten uns verraten. Die Zauberinnen könnten sie spüren. Nur wenn sie bei dir bleibt und nicht in meine Nähe kommt, werden ihre Kräfte bis zu ihrem 16. Geburtstag verborgen bleiben.«
»Espanja, weißt du, was du da von mir verlangst? Ich liebe dich!«
»Ich weiß und ich liebe dich auch! Glaub nicht, dass es mir leicht fiel diese Entscheidung zu treffen, aber tu es für unser Kind, bitte!«
Sie war den Tränen nahe und Sakuro nahm sie in den Arm.
Die beiden verabschiedeten sich lange voneinander, wussten sie doch nicht, wie lange sie sich nicht wiedersehen würden. Dann ging er hinaus, nahm seine Tochter und ging zurück zum Lager.
Espanja hatte sich mit Ariadne schon während der Schwangerschaft eine Geschichte ausgedacht, wie sie die Herkunft der Kleinen vertuschen konnten. So wie Espanjas Bauch wuchs, so wuchs auch der von Ariadne. Es würde ihr Kind sein, was sie mit Sakuro aufziehen würde. Sie hatte bereits einen kleinen Sohn von ihrem ersten Mann, der vor einem Jahr im Krieg gefallen war. Er war ein guter Freund von Sakuro und so nahm er Ariadne und ihren Jungen, Jack, bei sich auf. Niemand würde Verdacht schöpfen, wenn die beiden ein gemeinsames Kind bekommen würden.
Sie hatte auch sofort eingewilligt, als Espanja sie gefragt hatte, ob sie, an ihrer statt, die Kleine aufziehen würde, denn sie war Sakuro so viel schuldig. Sie würde ihr so viel Liebe geben, wie ihrem eigenen Kind. So war die Geburt der Kleinen schon turbulent und ihr Leben würde genauso verlaufen.
Was würde die Tochter eines Soldaten wohl alles erleben, die den wunderschönen Namen Yashimi trug und nun in den Händen ihres Vaters lag und schlief. Was würde sie alles erleben?
Yashi stand wie jeden Morgen mit der Sonne auf, um das Frühstück für sich und ihren Vater zuzubereiten. Ihr machte es nichts aus so früh aufzustehen, sie war es schon gewohnt. Wenn man Yashi so ansah, hätte man glauben können, dass sie ein ganz normales Mädchen wäre, was den Haushalt für ihren allein erziehenden Vater führte, doch weit gefehlt. Yashi kochte zwar das Essen, machte die Wäsche und hielt auch sonst alles sauber, doch viel lieber griff sie zum Schwert und übte sich mit ihrem Vater im Schwertkampf.
Bereits als sie sechs Jahre alt war, begann ihr Vater damit, sie an der Waffe auszubilden. Sein eigentliches Ziel war es, ihr zu zeigen, wie man sich verteidigte, doch schnell begriff er, dass Yashi andere Ziele verfolgte. Schon bald fasste sie den Entschluss oberster Offizier des Heeres zu werden, genau wie ihr Vater. Da ihr Vater ihr nichts abschlagen konnte, bildete er sie weiter aus. Nach dem Frühstück trainierten sie jeden Tag und bei jedem Wetter eine Stunde lang. Danach musste Sakuro zum Trainingsplatz, um die neuen und jungen Soldaten auszubilden und abends trainierten sie noch mal drei Stunden. Während ihr Vater nicht da war, nahm sie ihr Holzschwert und ging in den Wald, um dort ihre Kunst zu perfektionieren. Dabei leistete ihr Bruder Jack, ihr Gesellschaft. Sakuro hatte ihn und seine Mutter bei sich aufgenommen, als Jacks Vater im großen Krieg sein Leben ließ. Leider starb auch ihre Mutter, ein Jahr nach Yashis Geburt, an einer unheilbaren Krankheit, deshalb hatte Jack beschlossen, seine Fähigkeiten in die Heilkunst zu legen, als er alt genug dafür war. Beide liebten sich sehr und sie waren ein Herz und eine Seele, trotz dass Jack fünf Jahre älter war als sie.
Anfangs fochten sie noch miteinander, doch schon bald konnte ihr Jack nicht mehr das Wasser reichen.
Als sie zehn Jahre alt war, war ihr das Holzschwert nicht mehr genug und sie stahl das Schwert ihrer Mutter aus dem Zimmer ihres Vaters. Natürlich wusste Sakuro davon, doch er ließ es ihr durchgehen und ließ sie in dem Glauben, dass sie ihn überlistet hätte.
Yashi und ihr Vater waren ein eingespieltes Gespann und wenn sie mit einer Mutter aufgewachsen wäre, hätte ihr Leben vielleicht eine andere Wendung genommen. Inzwischen war sie fünfzehn Jahre alt und bildhübsch mit ihren langen braunen Haaren, die ihr bis zur Hüfte reichten und den tiefblauen Augen, doch ein normales Mädchen war sie sicher nicht.
»Guten Morgen Papa, ich hoffe du hast gut geschlafen, denn heute will ich nämlich gegen dich gewinnen und da musst du mit Herz und Seele dabei sein, damit es sich für mich lohnt.«
»Werd bloß nicht frech Yashi, noch bin ich dein Vater«, scherzte er.
»Ja ich weiß, aber beim Training bist du mein Gegner.«
»Da hast du recht und dann werde ich dich nicht verschonen.«
»Das sollst du auch nicht, schließlich will ich deine Nachfolgerin werden und da muss ich mindestens so stark sein wie du, aber ich werde sowieso stärker.«
Bei diesen Worten musste sich Sakuro eingestehen, dass sie Recht hatte, schließlich kam sie nach ihrer Mutter.
Sie saßen gemeinsam am Tisch, als plötzlich jemand an die Tür klopfte und ein Soldat eintrat.
»Sakuro, es gibt Neuigkeiten über das bevorstehende Turnier und der König möchte deswegen sogleich mit dir sprechen.«
»Ja, ich komme sofort«, antwortete er.
Yashi sprang auf und sah ihren Vater erwartungsvoll an: »Papa, lass mich bitte diesmal mitkommen. Ich finde es ist an der Zeit, dass ich den König kennen lerne, wenn ich deine Nachfolgerin werden soll.«
»Ich will ja gar nicht, dass du meine Nachfolgerin wirst und du bleibst hier.«
»Es ist doch aber mein Traum und du hast mir immer beigebracht, dass man für seine Träume einstehen und kämpfen sollte. Ich mach dir auch bestimmt keine Schwierigkeiten und spreche nur, wenn ich gefragt werde, aber bitte lass mich mitkommen.«
Yashi bat ihren Vater jedes Mal, wenn er zum König beordert wurde, ob sie mit ihm kommen durfte, doch bis jetzt blieb ihr Vater immer hart. Dennoch versuchte sie es immer weiter und heute sollte sich ihr Wunsch erfüllen.
Ihr Vater überlegte einen kurzen Moment und sah in die glänzenden und entschlossenen Augen seiner Tochter. Er kam zu dem Schluss, dass es nun wirklich an der Zeit war, dass sie für ihren Traum kämpfte. Er erinnerte sich daran, dass er damals genauso wie sie war, deshalb sagte er schließlich: »Na schön, aber du musst dich benehmen. Denk daran, was du im Umgang mit Adligen gelernt hast.«
»Ich verspreche es und ich halte mich daran.«
»Gut dann zieh dich jetzt um, in diesen Sachen kannst du dem König nicht gegenübertreten.«
Glücklich rannte sie in ihr Zimmer und zog sich um. Sie zog ein kurzärmliges Hemd an und darüber eine Korsage, eine Lederhose vollendete das Bild. Als sie fertig war, kam sie wieder in die Küche zurück.
»Yashi, ich meinte dein Kleid und nicht das.«
»Wieso denn, in diesen Sachen fühl ich mich wohl und der König soll doch sehen, dass ich entschlossen bin, später Offizier zu werden. Da ist ein Kleid unangebracht«
»Komm jetzt, bevor ich es mir noch anders überlege und dich doch hierlasse.«
Auf dem Weg zum Palast wurde Yashi immer unruhiger. Mit jedem Schritt, den sie tat, wurde sie aufgeregter. Sie konnte es nicht erwarten, dem König endlich persönlich gegenüber zu treten.
Ihr Vater und der Soldat unterhielten sich über irgendwas, aber Yashi hörte nicht richtig zu. Sie versuchte sich vorzustellen, wie der König war und ob er ihr zutrauen würde so stark zu sein, um später das Heer zu führen. Schließlich machte sie nicht gerade den Eindruck, als wäre sie so stark, wie ein ausgebildeter Soldat. Doch Yashi war fest entschlossen ihr Können irgendwann unter Beweis zu stellen.
Am Palast angekommen, gingen sie durch die große Eingangshalle und Yashi kam aus dem Staunen nicht mehr raus. An der Wand hingen die Gemälde aller bisherigen Könige, einschließlich des Gemäldes des jetzigen Königs –Senko-.
Als sie die Eingangshalle durchquert hatten, gingen sie eine breite Treppe nach oben, wo eine große eichene Tür ihnen den Weg versperrte.
»Wartet einen Augenblick, ich werde seiner Majestät ausrichten, dass ihr da seid.«
Nach diesen Worten öffnete der Soldat die Tür und Yashi konnte einen kurzen Blick auf den dahinterliegenden Raum werfen und was sie sah, verschlug ihr den Atem. Sie sah vor sich einen großen Ballsaal mit dunkelroten Vorhängen und goldenen Kronleuchtern und am Ende des Saals standen zwei goldene Throne. Doch die Tür ging schnell wieder zu und die Sicht war versperrt.
Yashi versuchte sich vorzustellen, in so einem Saal, mit einem gut aussehenden Mann zu tanzen. Auch wenn sie manchmal wie ein Junge wirkte, sie war ein Mädchen und träumte von der großen Liebe.
Nach einer kleinen Weile wurde die Tür wieder geöffnet und der Soldat sagte: »Ihr könnt jetzt eintreten, der König erwartet euch.«
Daraufhin öffnete er die Tür ganz und die beiden traten in den großen Saal. Ihr Vater ging ganz normal auf den König zu, doch Yashi wurde fast ohnmächtig vor Aufregung, doch sie ließ es sich nicht anmerken. Dann standen sie vor ihm und verbeugten sich tief. Yashi machte keinen Knicks, wie es sich für eine Dame gehörte, sondern verbeugte sich wie ein Soldat.
»Hallo Sakuro, gut, dass du so schnell gekommen bist und ich freue mich auch endlich deine Tochter kennen zu lernen, von der du mir schon so viel erzählt hast«, begrüßte der König Sakuro.
Nach den letzten Worten schaute Yashi ihren Vater verdutzt an. Sie hatte damit gerechnet, dass der König sie gar nicht kannte, nie von ihr gehört hatte und jetzt erfuhr sie, dass ihr Vater von ihr sprach. Das verblüffte sie.
»Ja, sie kann sehr hartnäckig sein, wenn es um ihre Träume geht, doch ich stell sie Euch erstmal richtig vor. Das ist meine Tochter Yashi, die sich in den Kopf gesetzt hat meine Nachfolgerin zu werden.«
»Deine Nachfolgerin? Aber sie ist doch ein Mädchen und noch dazu so ein hübsches.«
»Verzeihung Majestät, ich bin zwar ein Mädchen, aber bin trotzdem schon fast so stark wie mein Vater, schließlich hat er mich neun Jahre lang trainiert.«
»Ach ja, hat er gar nicht erwähnt. Trotzdem bin ich nicht überzeugt, dass du die Fähigkeiten besitzt das Heer führen zu können. Es tut mir leid, aber du machst eher den Eindruck wie ein kleines schwaches Mädchen.«
»Das mag sein, aber ich bin der Meinung man sollte sich nicht von Äußerlichkeiten lenken lassen.«
»Da hast du Recht, aber dennoch, ein Mädchen als Offizier, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.«
»Majestät, Yashi ist wirklich stark. Ich will sie nicht in ihrem Vorhaben bestärken, aber ich finde in diesem Punkt tut Ihr Yashi Unrecht.«
»Schon möglich. Nun du hast mich wirklich neugierig gemacht, aber ich finde du müsstest mir irgendwie beweisen, wie stark du wirklich bist.«
»Ich hätte da auch schon einen Vorschlag«, sagte sie und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
»Ach ja?«, fragte der König verblüfft.
»Ja, mit Eurer Erlaubnis und natürlich die meines Vaters würde ich gerne an dem bevorstehenden Turnier teilnehmen, um mein Können unter Beweis zu stellen. Ich würde alles geben, um später der Aufgabe eines Offiziers gerecht zu werden.«
»Also ich weiß nicht Yashi, du weißt ich bin nicht sehr erfreut darüber, dass du meine Nachfolgerin werden willst.«
»Bitte Papa, es ist mein größter Traum.«
»Yashi, ich wollte nie, dass du so wirst wie ich. Ich möchte, dass du ein ganz normales Mädchen bist.«
»Papa, dann hättest du mich nie trainieren dürfen, denn du hast den Traum in mir geweckt. Ich möchte für mein Königreich kämpfen, meinen König beschützen und alles, was in meiner Macht steht, tun, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Bitte erlaube mir an dem Turnier teilzunehmen. Ich meine, es ist noch gar nicht bewiesen, ob ich stark genug dafür bin, aber bitte, bitte gib mir die Gelegenheit dies herauszufinden.«
Der König war von Yashis Entschlossenheit sehr überrascht. Noch nie war ihm jemand begegnet, der so für seinen Traum kämpfte wie Yashi und deshalb sagte er: »Also an mir soll es nicht liegen. Ich gebe dir die Möglichkeit dich zu beweisen, aber unter einer Bedingung.«
»Wie lautet diese, Euer Majestät?«, fragte Yashi.
»Wenn du das Turnier gewinnen solltest, musst du dich noch mit meinem besten Soldaten messen. Besiegst du ihn, werde ich dich zum Nachfolger deines Vaters ernennen.»
»Ich bin einverstanden. Also Papa, wie lautet deine Entscheidung?«
»Wenn dich der König schon lässt, dann kann ich es dir schlecht verbieten.«
»Oh danke Papa«, sagte sie glücklich und umarmte ihn stürmisch, doch sie ließ ihn sofort wieder los, drehte sich zum König um und sagte: »Entschuldigt Majestät, es ist mit mir durchgegangen. Ich bin nur so froh, dass ich an dem Turnier teilnehmen darf, dass ich jetzt nicht anders konnte, als meinen Papa zu umarmen.«
»Das macht doch nichts. Aber Yashi du verblüffst mich schon wieder.«
»Ich? Euch verblüffen? Ich versteh nicht?«
»Na ja, ich habe noch niemanden gesehen, der so für seinen Traum einsteht. Du bist so entschlossen, aber manchmal auch wieder wie ein Kind. Andererseits, wenn du merkst, dass du dich falsch benommen hast, entschuldigst du dich, als wärst du schon eine richtige Frau. Man merkt dir wirklich nicht an, dass du erst fünfzehn Jahre alt bist. Ich habe noch nie einen Menschen wie dich getroffen und das meine ich im positiven Sinne.«
»Oh Majestät, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Es freut mich aber, dass Majestät mich so gut einschätzen und ich werde versuchen auch weiterhin Euren Erwartungen zu entsprechen.«
»Siehst du, dass meine ich. Wenn du sprichst, bist du höflich, beherrschst jede Förmlichkeit und du sollst tatsächlich erst fünfzehn sein?«
»Ja ich bin es, Euer Majestät und ich danke Euch für Eure Komplimente.«
»Wenn mein Sohn doch auch schon so reif wäre wie du, das würde es mir erleichtern ihn für seine späteren Pflichten vorzubereiten, aber er benimmt sich immer noch wie ein Kind und …«
Plötzlich wurde eine Tür schräg hinter dem Thron des Königs geöffnet und es trat der schönste und stattlichste Mann in den Raum, den Yashi je gesehen hatte. Er war muskulös und doch konnte man sehen, dass er kein Soldat war. Als er lächelte, klopfte ihr Herz wie wild in ihrer Brust und sie hoffte niemand würde es hören. Sie wusste selbst nicht, was mit ihr geschah. Ihre Knie wurden weich, wenn sie sein Lächeln sah und sie spürte wie sie leicht errötete. Was war nur los mit ihr? Dieses Gefühl war so neu für sie, dass sie es nicht wagte, es zu definieren.
»Vater, ich werde jetzt ausreiten und komme erst spät zurück, ich hoffe …, oh, du hast Besuch. Verzeiht, dass ich Euch nicht gleich bemerkt habe, Sakuro.«
»Das macht doch nichts, mein Prinz.«
Bei dem Wort Prinz zerbrachen alle Träume von Yashi, denn sie wusste, dass Prinzen niemals Bürgerliche heirateten.
»Und wer ist diese junge Dame neben Euch Sakuro?«, fragte der Prinz.
»Ja natürlich, darf ich vorstellen, meine Tochter Yashi.«
»Hallo, schön dich kennen zu lernen!«
»Ganz meinerseits, mein Prinz. Es ist mir eine Ehre Euch persönlich gegenüberzustehen.«
»Warum so förmlich? So alt bin ich doch noch gar nicht!«
»Adam, sei gefälligst höflich. Vor dir steht vielleicht unser neuer Offizier.«
»Sie, ein Offizier? Ein Mädchen? Nimm es mir nicht übel Vater, aber sind Mädchen nicht im Haus tätig?«
»Verzeiht mein Prinz, aber nur, weil ich ein Mädchen bin, heißt das noch lange nicht, dass ich kein Offizier werden könnte.«
»Das mag sein, aber trotzdem, ich glaube nicht, dass du dafür stark genug wärst.«
»Das denkt Euer Vater auch, doch wir werden sehen.«
»Sehen, was denn?«
»Wie stark ich wirklich bin und zwar beim nächsten Turnier. Wenn ich das gewinne, trete ich gegen den besten Soldaten an und wenn ich ihn besiege, steht mir nichts mehr im Wege ein Offizier zu werden.«
»Yashi, werde nicht frech, du sprichst mit seiner Hoheit.«
»Entschuldige Papa und entschuldigt auch Ihr, mein Prinz.«
»Schon gut. Ich freue mich schon jetzt auf das Turnier. Es verspricht interessant zu werden.«
Yashi merkte, wie sie errötete, doch sie unterdrückte das wieder aufkommende Herzklopfen und antwortete: »Danke für Euren Zuspruch und ich versuche Euch nicht zu enttäuschen.«
»Das hoffe ich auch. Also Vater, bis heute Abend.«
»Ja, mein Sohn, geh nur.«
Der Prinz verabschiedete sich noch von Yashi und ihrem Vater und verschwand durch die Tür, durch die er gekommen war.
»Seht ihr was ich meine? Er ist zu ungezwungen.«
»Aber Majestät, er ist erst neunzehn und will noch frei leben, bevor er seine Pflichten als König wahrnehmen soll«, sagte Sakuro.
»Wie immer hast du Recht, aber sieh dir deine Tochter an, sie weiß was sie will, aber mein Sohn nicht.«
»Das wird sich noch legen. »
Der König sprach nun mit Sakuro die Einzelheiten des Turniers durch, doch Yashi war mit ihren Gedanken schon wieder bei dem Prinzen. Nach einer Weile sagte Sakuro schließlich: »Da nun alles geklärt ist, würde ich jetzt gern gehen, damit sich Yashi wieder ihrem Training widmen kann.«
»Natürlich, das verstehe ich.«
Yashi und ihr Vater verbeugten sich noch einmal und gingen dann aus dem Saal. Yashis Herz klopfte immer noch wie wild in ihrer Brust. Irgendwie war ihr der Prinz zu verzogen und doch war sie ihm verfallen. Sie fragte sich immerzu, was mit ihr geschah, doch sie durfte sich nicht länger von diesen Gefühlen beeinflussen lassen. Das Wichtigste, was jetzt zählte, war das Turnier.
»Yashi, du musst dich jetzt intensiv für das Turnier vorbereiten, wenn du deinen Traum verwirklichen willst. Ich mache mir um das Turnier weniger Sorgen, das wirst du bestimmt meistern, aber dennoch darfst du nicht leichtsinnig werden. Was mir aber Sorgen macht, ist der Soldat, gegen den du antreten wirst, wenn du das Turnier gewinnst. Ich habe ihn selbst trainieren sehen und er trainiert mindestens so hart wie du. Er heißt Corsa und er wird es dir bestimmt nicht leichtmachen.«
»Das soll er auch nicht. Denn was nützt es mir, wenn er nur halbherzig kämpft? Ich wäre dann sicher, dass ich gut genug bin, aber in Wirklichkeit bin ich nicht stärker als jeder andere Soldat.«
»Na übertreib mal nicht. Du bist stärker als jeder Soldat, den ich kenne und das weißt du auch, aber Corsa ist eben nicht so ein Soldat und du musst vorsichtig sein. Er hat ein paar gute Techniken, die dir gefährlich werden könnten.«
»Ich werde aufpassen. Papa, aber jetzt muss ich dich mal was fragen. Warum sprichst du mit dem König über mich und warum hast du plötzlich zugestimmt? Ich will mich nicht beschweren, aber woher der Sinneswandel?«
»Nun ja, nachdem deine Mutter verstorben war, habe ich etliche Versammlungen verpasst, da ich mich zunächst an meine Vaterrolle gewöhnen musste. Vorher hat dies ja alles deine Mutter gemacht. Der König und ich pflegen schon seit langem ein freundschaftliches Verhältnis und er hatte sich Sorgen um mich gemacht. So besuchte er mich und als er dich sah, war er sehr entzückt von dir. Daraufhin wollte er immer wieder erfahren, wie es dir geht und wie du dich entwickelst. Nur eins habe ich verschwiegen und zwar, dass ich dich trainiere. Ich wollte es ihm nicht sagen, weil er bestimmt gewollt hätte, dass ich damit aufhöre, weil Mädchen zu keinen Kämpfern ausgebildet werden. Aber ich wollte, dass du dich später verteidigen kannst. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du dir in den Kopf setzen würdest in meine Fußstapfen zu treten. Na ja und so hat er es heute herausgefunden.«
»Ich hoffe, ich habe dir jetzt keine Schwierigkeiten eingehandelt, Papa.«
»Aber nein, so wie es aussah, fand er sogar Gefallen an deiner Entschlossenheit. Er mag Herausforderungen.«
»Meinst du wirklich? Das wäre ja großartig. Ich werde alles tun, um ihn nicht zu enttäuschen.«
»Ja tu das. Aber eins sei dir gesagt, der König wird dir keine zweite Gelegenheit geben, dich zu beweisen, also nutze sie.«
»Ich werde es mir merken.«
»Gut, dann geh schon mal vor und fang mit deinem Training an. Ich muss noch was erledigen, denn auch Corsa muss wissen, dass er gegen dich kämpfen soll.«
»Nimmt er eigentlich auch am Turnier teil?«
»Nein, der König wird ihn vom Turnier abziehen, damit ihr später kämpfen könnt.«
»Stimmt da hast du Recht. Also bis heute Abend Papa.«
Sie trennten sich und Yashi machte noch einen kleinen Spaziergang, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Ihre Gedanken schwirrten nur um Prinz Adam und sie wusste nicht mal warum.
»Was ist nur los mit mir? Ich habe mich doch sonst nie für Männer interessiert. Ich versteh es nicht, warum habe ich nur das Gefühl, dass mein Herz fast aus der Brust springt und mein ganzer Körper zittert, wenn ich an ihn denke. Wie er mich ansah, ich dachte meine Beine würden mich nicht mehr tragen. Irgendwie ist er arrogant und dann wieder nett. Wie kann ein einzelner Mensch mich nur so beschäftigen und solche Gefühle in mir wecken?«
Mit solchen Gedanken befasste sie sich noch eine ganze Weile.
Als sie in einen steinigen Weg einbog, hörte sie plötzlich Schreie von hinten.
»Ah …, bleib doch stehen, halt endlich an, du alter Maulesel, ah …«
Yashi drehte sich um und sah den Prinzen, wie er galoppierend, auf seinem Pferd, auf sie zukam.
»Vorsicht, geh beiseite, ich habe es nicht mehr unter Kontrolle.«
Das Pferd kam immer näher. Yashi wollte gerade ausweichen, als sie aber nach hinten trat, knickte sie mit ihrem linken Fuß um und stürzte rücklings, mit ihrer linken Schulter, auf einen spitzen Stein.
»Ah …, Verdammt«, stöhnte sie.
Adam reagierte blitzschnell, er sprang von seinem Pferd, fing sich ab und rannte zu Yashi.
»Oh je, bist du verletzt? Kann ich dir irgendwie helfen? Oh, das tut mir unendlich leid.«
Yashi stand mühsam und unter starken Schmerzen wieder auf.
»Es geht schon, ich bin nur umgeknickt. Macht Euch keine Sorgen, mein Prinz.«
»Warte, was ist mit deiner Schulter? Lass mich das mal sehen!«
Yashi zeigte sie ihm und er erschrak bei dem Anblick. Über ihren ganzen Rücken lief Blut.
»Mist, du blutest sehr stark. Du bist doch nicht nur hingefallen.«
»Wahrscheinlich auf einen Stein. Keine Sorge, das sieht zwar schlimm aus, aber es ist nur ein Kratzer, …, Ah.«
»Das ist nicht nur ein Kratzer. Ich bring dich zu meinem Arzt.«
»Nein, bringt mich zu Jack, er ist der beste Arzt, er wird mir helfen.«
»Jack? Ich kenne keinen Arzt mit so einem Namen.«
»Natürlich nicht, denn er ist kein Arzt aus dem Palast, aber er hat mich schon immer behandelt.«
»Also schön, wo wohnt dieser Jack?«
»Er wohnt ganz in meiner Nähe. Ich führe Euch hin.«
»Kommt nicht in Frage. Mit so einer Verletzung kannst du nicht mehr aufrecht gehen.«
»Glaubt mir mein Prinz, ich habe schon schlimmeres durchgestanden.«
»Trotzdem, ich nehme dich Huckepack und keine Widerrede, ich bin ein Prinz.«
»Also schön, wenn’s nicht anders geht.«
Yashi kletterte vorsichtig auf seinen Rücken.
»Bin ich Euch auch nicht zu schwer?«
»Zu schwer, machst du Witze? Also, wo geht es lang?«
»Erstmal zur Stadt zurück.«
»Gut. Sag mal, du bist doch die Tochter von Sakuro? Du warst doch heute im Palast, wenn ich mich richtig erinnere.«
»Oh, Euer Hoheit habt mich also erkannt.«
»He, ich bin zwar ein verzogener Prinz, aber ich vergesse bestimmt kein schönes Gesicht.«
»Ihr, Ihr findet mich hübsch?«
»Warum nicht? Man merkt dir gar nicht an, dass du eine Kämpferin bist und das ist auch gut. Deswegen werden dich viele auf dem Turnier unterschätzen und du gewinnst.«
»Ich danke Euch, dass Ihr so viel Vertrauen in mich habt.«
»Sagen wir es mal so, ich bin gespannt, wie du dich schlägst. Du hast mich neugierig gemacht. Nur nimm dich vor Corsa in Acht, er ist wirklich sehr stark.«
»Ich danke Euch für die Warnung, … ah.«
»Was ist?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe nur plötzlich solche Schmerzen in der Schulter.«
»Verdammt, ich beeile mich.«
»Nein, mir geht’s gut …«, doch plötzlich versagte ihre Stimme und Yashi wurde ohnmächtig.
»Yashi, Yashi, verdammt ich muss mich beeilen.«
Als er aus dem Wald herauskam, spürte er, wie das Blut von Yashi schon über seine Finger lief.
Er fragte sich bis zu Jacks Haus durch.
Als er es endlich gefunden hatte, stieß er die Tür mit dem Fuß auf und Jack wollte gerade etwas erwidern, als er erkannte, wer vor ihm stand.
»Euer Hoheit, was führt Euch in mein bescheidenes Heim?«
»Yashi, sie ist schwer verletzt.«
»Legt sie auf das Bett. Was ist passiert?«
Nachdem Adam Yashi auf das Bett gelegt hatte, erzählte er was passiert war.
»Sie hat sehr viel Blut verloren.« Es war eine Feststellung und er sagte es ganz ruhig.
»Und das heißt, ich meine, wird sie durchkommen?«, fragte Adam ganz aufgeregt.
»Natürlich, die Wunde ist tief, aber nur klein. Wäre sie größer, dann könnte ich jetzt nichts mehr für sie tun, aber Ihr habt richtig gehandelt.«
»Kann sie an dem Turnier teilnehmen?«
»Was für ein Turnier?«, fragte Jack verwirrt.
»Du weißt noch nichts? Yashi nimmt an dem nächsten Turnier teil, um meinem Vater zu beweisen, dass sie das Zeug zu einem Offizier hat.«
»Dann ist sie ihrem Traum ja wirklich ein Stück nähergekommen. Ihr müsst wissen, Yashi wollte schon mit sieben Jahren in die Fußstapfen unseres Vaters treten.«
»So was Ähnliches sagte sie bereits. Aber kann sie überhaupt teilnehmen?«
»Das glaube ich weniger, aber so wie ich meine kleine Schwester kenne, lässt sie sich nicht davon abhalten ihrem Traum ein Stück näher zu kommen.«
»Yashi ist deine Schwester?«
»Ja oder eher Halbschwester. Wir haben dieselbe Mutter. Sakuro hat meine Mutter und mich aufgenommen, nachdem mein Vater im großen Krieg gefallen war. Aber kurz nach Yashis Geburt starb unsere Mutter.«
»Oh, das tut mir leid. Aber kann sie mit dieser Verletzung überhaupt teilnehmen, ich meine du kennst sie besser als ich.«
»Wenn Yashi will, dann schafft sie es auch. Ich hoffe nur es werden gerechte Kämpfe. Wenn jemand sie an der Schulter trifft, kann das schlimme Folgen haben.«
»Ich hoffe so sehr, dass sie es schafft.«
»Ach ja? Es ist doch unüblich, dass eine Frau ein Soldat werden will und noch dazu oberster Befehlshaber«, erwiderte Jack irritiert.
»Ich weiß, aber irgendwie zieht sie mich in ihren Bann. Ihre Entschlossenheit zeigt mir, dass man alles erreichen kann, wenn man es nur will«, antwortete Adam euphorisch.
»Das stimmt. Mir haben sie immer nachgerufen, ich wäre ein Pfuscher, nicht fähig jemanden zu heilen, doch Yashi hat zu mir gehalten. Sie ist auch weiterhin zu mir gekommen und hat sich behandeln lassen und ich habe sie immer wieder hinbekommen. Yashi war immer für mich da und ich für sie. Mittlerweile kommen auch andere zu mir und das ist gut so, so komm ich ganz gut über die Runden.«
»Das ist schön zu hören. Jack, tust du mir einen Gefallen?«
»Aber natürlich, Euer Hoheit.«
»Würdest du mich benachrichtigen, wenn sie wieder wach ist? Ich würde sie dann nämlich gern besuchen.«
»Sehr wohl! Ich werde einen Boten schicken lassen, der es Euch dann mitteilt.«
»Ich danke dir.«
Adam verließ das Haus von Jack, doch auf dem Weg nach Hause machte er sich schreckliche Vorwürfe. Er würde es sich nie verzeihen, wenn durch seinen Fehler Yashis Traum nicht in Erfüllung gehen würde.
»Warum, warum musste ich die Kontrolle verlieren? Warum musste sie da langgehen? Wenn sie wegen mir verliert, wird sie mich für immer hassen. Komisch, warum mach ich mir so viele Sorgen um sie? Ich kenne sie doch gar nicht. Was ist nur los und was kümmert es mich, wenn sie mich hasst? Warum ist es mir nicht egal? Ich habe sie heute erst kennen gelernt und mach mir solche Sorgen, als würde ich sie schon ewig kennen. Irgendwas an ihr berührt mich.«
Er ging weiter und als er am Palast ankam, ging er sofort zu seinem Vater.
»Vater, ich muss dich um etwas bitten.«
»Um was denn mein Sohn?«, fragte Senko wenig interessiert.
»Bitte verschieb das Turnier!«
»Warum sollte ich das tun?«
»Durch einen Fehler von mir, wurde Yashi verletzt. Jack meinte sie wird durchkommen, doch es wird sehr schwer sein das Turnier zu gewinnen mit so einer starken Verletzung.«
»Und wer soll dieser Jack sein?«
»Er ist ihr Arzt.«
»Ah ja. Es tut mir leid mein Sohn, doch die Boten sind ausgesandt. Übermorgen findet das Turnier statt, ob mit oder ohne Yashi.«
»Aber Vater, es ist ihr Traum. Du kannst doch nicht verlangen, dass sie so schwer verletzt teilnimmt«, brauste Adam auf.
»Das tue ich auch nicht. Sie muss ja nicht kämpfen.«
»Wenn sie nicht kämpft, hat sie ihre einzige Gelegenheit, ein Offizier zu werden, verwirkt.«
»Das ist nicht mein Problem. Außerdem hätte sie vielleicht das Turnier gewonnen, aber Corsa ganz sicher nicht besiegt.«
»Woher willst du das wissen und warum lässt du sie dann überhaupt teilnehmen?«
»Macht die Sache interessanter!«, lächelte er.
»Das kann nicht dein Ernst sein?«
»Doch! Also, entweder sie kommt und kämpft um ihren Traum oder sie lässt es bleiben. Frauen gehören nicht auf ein Schlachtfeld und dies wird ihr Corsa mit einer Niederlage beweisen«, sagte er hart.
»Was macht dich so sicher, dass sie verliert? Du hast sie nie kämpfen sehen«, fragte er herausfordernd.
»Ach, aber du schon oder wie darf ich das verstehen?«
»Nein, aber ich glaube, du unterschätzt sie gewaltig. Ich bitte dich noch mal das Turnier zu verschieben.«
»Das werde ich nicht tun!«
»Und ich dachte, du würdest jedem die Gelegenheit geben sich zu beweisen.«
»Das tu ich auch. Sie ist zum Turnier zugelassen, wenn sie diese Gelegenheit nicht wahrnimmt, dann ist das ihre Entscheidung. Aber sollte sie nicht antreten, dann war es das für sie.«
»Vater, sie ist verletzt. Du kannst sie doch nicht so hintergehen. Sie war ehrlich zu dir und du trittst ihre Ehrlichkeit mit Füßen. Und du sollst ein gerechter König sein? Das ich nicht lache«, brüllte er wütend.
»Schweig Adam! Noch bin ich König und es wird das gemacht was ich sage. Außerdem, warum setzt du dich so für sie ein? Du kennst sie genauso wenig wie ich«, fragte er lauernd.
»Ich weiß es nicht. Ich nehme an, weil sie die Erste ist, die mir gezeigt hat, dass man für seine Träume kämpfen und für sie einstehen muss.«
»Sie hat ja einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen. Aber merk dir eins, auch wenn sie die Tochter eines Offiziers ist, bleibt sie dennoch eine Bürgerliche und deshalb wird es keine Beziehung zwischen euch geben, niemals.«
»Was soll diese Unterstellung?«
»Na so wie du dich für sie einsetzt, bist du doch sicher in sie verliebt?«
»Nein, bin ich nicht. Ich finde nur, dass du sie ungerecht behandelst, nichts weiter. Aber ich merke schon, mit dir kann man nicht über diese Sache reden. Ich hoffe inständig, dass Yashi es schafft und wenn es nur dafür ist, um dir zu zeigen, dass du dich irrst, Vater.«
Mit diesen Worten verließ er den Saal und ließ den König dort allein sitzen.
Doch Adams Rede beeindruckte ihn nicht im Geringsten und das Turnier würde, wie besprochen, übermorgen stattfinden.
In der Zwischenzeit lag Yashi immer noch bewusstlos bei Jack.
»Ich frage mich wirklich, woher er Yashi kennt. Vater hat sie doch nie mit in den Palast genommen oder hat er es jetzt doch? Ich hoffe nur, ich bekomm sie wieder hin, damit sie wenigstens das Turnier gewinnt.«
Auf einmal regte sich Yashi wieder und gleich danach schlug sie ihre Augen auf.
»Was ist passiert und wo bin ich?«, fragte sie noch etwas benommen.
»Keine Sorge, du bist bei mir.«
»Jack, wie komm ich hier her?«
Sie wollte aufstehen, doch plötzlich bemerkte sie den stechenden Schmerz in ihrer Schulter.
»Ah, was sind das für Schmerzen?«
»Weißt du wirklich gar nichts mehr?«
»Nicht so richtig. Ich kann mich noch erinnern, dass ich spazieren gegangen bin und …, oh, jetzt weiß ich es wieder. Der Prinz hat die Kontrolle über sein Pferd verloren und ich wollte ausweichen, bin aber gestolpert und auf einen Stein gestürzt. Dann hat er mich nach Hause getragen und das war’s, mehr weiß ich nicht mehr.«
»Ja, genau so ist es passiert. Warte mal kurz, bin gleich wieder da.«
Er ging raus vor die Tür und rief einen kleinen Jungen zu sich.
»He Kleiner, geh zum Prinzen und sag ihm, er könne jetzt zu Yashi gehen.«
Der Junge nickte und Jack gab ihm noch einen Groschen und der Junge rannte los. Daraufhin kam er wieder zu Yashi.
»Was hast du gemacht?«
»Einen kleinen Jungen zum Prinzen geschickt.«
»Warum denn das?«
»Weil er mir das aufgetragen hat. Er sagte zu mir, ich solle ihm sofort Bescheid sagen, wenn du wieder wach bist.«
»Das hat er gesagt?«, fragte sie ungläubig.
»Ja, es schien, als würde er sich große Sorgen um dich machen. Übrigens, woher kennst du ihn eigentlich und was hat es mit diesem Turnier auf sich?«
»Ich konnte Vater endlich überreden mich mit in den Palast zu nehmen. Wir haben mit dem König über mich gesprochen und dass ich Offizier werden will. Er hat es mir nicht zugetraut, daraufhin habe ich ihm vorgeschlagen mich am Turnier teilnehmen zu lassen. Er stimmte zu, doch ich müsste, wenn ich es gewinne, auch noch gegen seinen besten Soldaten antreten. Ich habe zugestimmt und dann kam der Prinz in den Saal. Er hat sich erst über mich lustig gemacht, doch dann war er neugierig geworden und freut sich darauf mich kämpfen zu sehen.«
»Ach so war das also. Yashi, ich muss dir aber sagen, dass es keine guten Aussichten gibt das Turnier zu gewinnen. Na ja das Turnier vielleicht noch, aber den Soldaten nicht. Du hast eine Menge Blut verloren und wenn jemand deine Schulter trifft, ist alles vorbei. Wann ist das Turnier?«
»Übermorgen!«
»Übermorgen! Yashi, das wirst du niemals schaffen mit dieser Verletzung. Es tut mir leid, aber ich kann nicht zulassen, dass du kämpfst«, sagte er bestimmt.
»Was? Jack das ist meine einzige Möglichkeit meinen Traum zu verwirklichen. Ich muss an diesem Turnier teilnehmen, sonst ist mein jahrelanges Training umsonst gewesen«, erwiderte Yashi entsetzt.
»Ich weiß Yashi, aber als dein Arzt und auch als Bruder kann ich das nicht verantworten.«
»Es muss doch eine Möglichkeit geben. Bitte Jack, hilf mir!«
»Ich würde gerne, aber ich kann nicht. Yashi, ich kann nicht zaubern. Es ist unmöglich dich bis übermorgen kampfbereit zu bekommen.«
»Es ist also aussichtslos?«
»So leid es mir tut, aber ja.«
»Dir ist klar, dass du gerade meinen Traum zerstörst?«, sagte sie verzweifelt.
»Was soll ich denn machen, Yashi? Es gibt kein Heilmittel, das dich von jetzt auf gleich wieder gesundmacht.«
»Ich weiß, es tut mir leid.«
In Jacks Haus herrschte nun bedrückende Stille. Ihm tat es in der Seele weh seine Schwester leiden zu sehen.
Plötzlich öffnete sich die Tür und Prinz Adam trat ein.
»Ich habe die Nachricht erhalten, dass du wieder wach bist, Yashi.«
»Ja, ich bin es, aber mein Traum wird immer ein Traum bleiben«, antwortete sie resignierend.
»Was? Warum?«
»Jack wird es nicht schaffen mich gesund zu machen.«
»Nein und das ist alles meine Schuld.«
»Euer Hoheit, macht Euch keine Vorwürfe. Es ist nicht Eure Schuld. Das Pferd ist schuld«, scherzte sie.
»Danke, dass du mich aufmuntern willst, aber das klappt nicht. Ich habe versucht meinen Vater dazu zu überreden das Turnier zu verschieben, aber er wollte es nicht einsehen. Es tut mir unendlich leid Yashi.«
»Schon gut, Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Ich würde jetzt aber ganz gerne allein sein.«
»Das verstehe ich. Ich werde morgen noch einmal vorbeischauen.«
»Ja, tut das. Ich würde mich freuen«, sagte sie wenig überzeugt, doch immerhin konnte sie sich ein Lächeln abringen.
Der Prinz verabschiedete sich auch von Jack und trat den Heimweg an. Als er so durch die Gassen ging, hing er mit seinen Gedanken noch bei Yashi. Er wollte ihr helfen, doch er wusste nicht wie. Er kam sich so hilflos vor. Dann plötzlich sprach ihn eine eingehüllte Frau an. Er hatte sie gar nicht bemerkt, so versunken war er in seinen Gedanken.
»Verzeihung Euer Hoheit«, sprach sie,«aber ich habe hier ein Heilmittel, womit Ihr Yashi heilen könnt. Zumindest soweit heilen, dass sie an dem Turnier teilnehmen kann. Bringt es ihrem Arzt.«
»Wer seid Ihr und woher kennt Ihr Yashi?«
»Das ist nicht von Bedeutung. Ich sage nur so viel, ich kenne sie gut genug, dass es mir wichtig ist, dass sie ihren Traum ausleben kann. Bitte vertraut mir und stellt keine weiteren Fragen.«
»Woher weiß ich, dass Ihr die Wahrheit sprecht?«
»Das könnt Ihr nicht wissen, aber Ihr könnt es spüren. Ich muss nun gehen, aber ich bitte Euch inständig, gebt das Heilmittel ihrem Arzt, wenn Ihr wollt, dass Yashi schnell wieder gesund wird«, sagte sie geheimnisvoll.
Auch wenn er noch skeptisch war, nahm er das Fläschchen an und bedankte sich bei der Frau. Er wusste nicht wieso, doch die Frau hatte Recht. Er spürte, dass sie die Wahrheit sprach. Auf eine bizarre Art und Weise wusste er, dass er dieser Frau vertrauen konnte. Er wusste, dass in dem Fläschchen kein Gift war und es die einzige Möglichkeit war, Yashi ihrem Traum wieder näher zu bringen. Nur wusste er nicht woher diese Erkenntnis kam. Aber darüber zu grübeln, brachte ihn nicht weiter, deshalb rannte er zu Jack zurück, um ihm das Heilmittel zu bringen. Yashi schlief bereits wieder.
»Jack, Jack!«
»Mein Prinz, was tut Ihr noch hier?«
Er berichtete Jack von seiner Begegnung mit der fremden Frau. Er gab ihm genau das wieder, was sie zuvor zu ihm gesagt hatte. Er verschwieg auch nicht, dass er dieser Frau wirklich vertraute, doch als er dies aussprach, hörte es sich in seinen Ohren noch seltsamer an.
»Aber das ist unmöglich und Ihr kennt sie nicht?«
»Nein, ich habe sie noch nie gesehen. Jack, bin ich verrückt?«
»Das ganz sicher nicht. Wir probieren es einfach mal aus und werden dann ja sehen, ob es wirkt.«
Jack ging an Yashis Bett und schmierte etwas von dieser Tinktur auf ihre Verletzung. Und wirklich, die Verletzung wurde kleiner und hörte auf zu bluten, doch sie war nicht ganz weg, es hatte sich nur eine dünne Schicht Haut gebildet.
»Ich glaube nicht, was ich sehe. Das ist doch Zauberei, oder?«, fragte Jack.
»Möglich wäre es, aber es hat ihr auf jeden Fall geholfen.«
»Da habt Ihr auch wieder Recht, mein Prinz.«
»Gut, ich werde dich jetzt mit ihr allein lassen und zurück zum Palast gehen.«
Adam ging zum zweiten Mal aus Jacks Haus, doch er musste ständig an die verhüllte Frau denken. Es war doch seltsam. Sie wusste alles über die Zustände, aber woher? Darüber zerbrach er sich noch lange den Kopf.
Nachdem der Prinz gegangen war, ging Jack zu Sakuro, um ihn von Yashis Zustand zu berichten.
»Vater, ich bin es, Jack.«
»Ah, hallo Jack, was führt dich her?«
»Nun, es geht um Yashi«, antwortete Jack.
»Ist etwas passiert?«, fragte Sakuro sorgenvoll.
»Also das war so: Nachdem ihr euch getrennt hattet, ging Yashi noch eine Weile spazieren und traf leider auf den Prinzen.«
»Was heißt leider?«
»Zumindest in dieser Situation.« Jack erzählte Sakuro was sich im Wald zugetragen hatte.
»Oh nein! Das heißt ihr Traum ist vorbei, bevor er begonnen hat.«
»Nein, nein, durch einen glücklichen Zufall kann sie nun doch teilnehmen.«
»Was für ein Zufall?«, fragte Sakuro irritiert.
»Na ja, als der Prinz zum Palast zurückkehren wollte, traf er eine seltsame Frau, die über alles Bescheid wusste, was vorgefallen war. Sie hatte ihm ein Heilmittel gegeben, welches Yashi so weit heilte, dass sie kämpfen könnte. Es hat auch geholfen, nur ich hoffe inständig, dass es gerechte Kämpfe werden.«
»Eine Frau sagst du, die über alles Bescheid wusste?«
»Ja, der Prinz hat sie nicht gekannt und ich war nicht dabei.«
»Ich weiß wer diese Frau war, zumindest vermute ich das.«
»Du weißt es? Wer ist es denn?«, fragte Jack aufgeregt.
»Jack, ich habe jahrelang die Wahrheit verschwiegen und es sollte erst mit Yashis sechzehnten Geburtstag ans Licht kommen, doch in Anbetracht der Umstände ist es an der Zeit dich einzuweihen. Ich kann einfach nicht mehr länger schweigen. Ich werde dir jetzt etwas anvertrauen, dass niemand weiß, außer mir und der mysteriösen Frau. Und du, Jack, darfst es niemandem sagen, bis zu Yashis Geburtstag, versprichst du das?«
»Ich verspreche es, ja, aber ich verstehe nicht, wie das alles zusammenhängt.«
»Nachdem ich dir die Wahrheit anvertraut habe, wirst du verstehen.«
»Also gut, ich höre.«
»Du weißt ja wie schrecklich der Krieg zwischen unserem Königreich und dem Königreich der Silberschwingen war.«
»Ja allerdings. In diesem Krieg habe ich meinen Vater verloren«, sagte er und all seine schlimmen Erinnerungen spielten sich erneut vor seinem geistigen Auge ab, obwohl er damals noch ein Kind gewesen war.
»In der dunkelsten Zeit dieses Krieges habe ich mich in eine Frau aus diesem Königreich verliebt.«
»Du hast was? Aber ich dachte du hättest dich in meine Mutter verliebt und hättest uns deswegen bei dir aufgenommen«, erwiderte er fassungslos.
»Das war eine Lüge, um meine wahre Liebe zu verheimlichen. Wir wussten, dass es verboten war und riskant, dennoch hielten wir an unserer Liebe fest und haben gegen all unsere Prinzipien verstoßen und geheiratet. Deine Mutter wusste davon und sie versprach uns zu helfen, denn sie war mir so dankbar, dass ich sie und auch dich zu mir genommen hatte, dass es für sie eine Selbstverständlichkeit war. Mit unserer gespielten Romanze konnten wir meine wahre Liebe vertuschen und dies war auch wichtig, denn ich habe mich nicht in irgendeine Frau verliebt, sondern in die Zauberin des Landes.«
»Das ist jetzt nicht wahr? Du willst mir ernsthaft weismachen, dass du mit der starken und tapferen Espanja verheiratet bist?«, fragte er schockiert.
»Es stimmt! Ich bin mit Espanja verheiratet bis heute. Kurz nach unserer Hochzeit wurde sie schwanger und trotz aller Schwierigkeiten wollten wir das Kind bekommen und dieses Kind liegt jetzt bei dir zu Hause und kuriert sich aus.«
»Dann ist Yashi gar nicht die Tochter meiner Mutter, sondern Espanjas? Sie ist also auch nicht wirklich meine Schwester. Wie habt ihr die Schwangerschaft denn verbergen können?«
»Durch einen Zauber sah es für alle Außenstehenden so aus, als wäre deine Mutter schwanger. So schöpfte niemand Verdacht.«
»Das muss ich erstmal verarbeiten«, er strich sich mit der Hand übers Gesicht, bis er plötzlich sagte:
»Moment mal, wenn Yashi die Tochter von Espanja ist, dann ist Yashi ja auch eine …, eine Zauberin«, stellte er ungläubig fest.
»Ja genauso ist es. Yashi ist eine Zauberin und zu ihrem sechzehnten Geburtstag soll sie alles erfahren, denn an diesem Tag bekommt sie ihre Kräfte. Auf ihrer Haut wird sich das Familienzeichen ihrer Mutter, sowie das Wappen von dem Land, in dem sie geboren wurde, zeigen.«
»Aber warum bekommt sie ihre Kräfte nicht früher? Ich glaube dann würde niemand mehr an ihr als Offizier zweifeln.«
»Ich bin der Grund. Wenn eine angehende Zauberin bei ihrem leiblichen Vater aufwächst, bekommt sie ihre Kräfte erst mit dem vollendeten sechzehnten Lebensjahr oder wenn der Vater stirbt. Außerdem glaube ich nicht, dass der König sehr erfreut wäre, wenn er erfahren würde wer Yashi ist, was sie ist. Er würde sie akzeptieren, aber niemals zulassen, dass sie mehr Entscheidungsgewalt bekommen würde.«
»Das verstehe ich nicht! Wäre dies nicht eine Bereicherung?«
»Neutral gesehen schon, doch er vertraut keinen Zauberinnen nach dem schrecklichen Schicksalsschlag, den er durch eine Zauberin erfahren hat.«
»Du meist den Mord an der Königin, nicht wahr?«
»Ja! Der Mord wurde von einer Zauberin verübt, aber dies weiß kaum jemand, deshalb verzichtet der König auch auf jegliche Zauberinnen in seinem Beraterstab, obwohl es einer Zauberin zusteht. Laut Gesetz muss wenigstens eine Zauberin im Beraterstab anwesend sein. Dazu müsste der König eine Zauberin zur obersten Zauberin des Landes ausrufen. Doch seit er die Mörderin unserer Königin davongejagt hat, hatte er kein Vertrauen mehr zu den Zauberinnen und ignorierte das Gesetz.«
»Gut jetzt sehe ich etwas klarer, aber zurück noch mal zu der seltsamen Frau, wer ist es denn nun?«
»Das hast du aus diesem Gespräch noch nicht raus gehört?«
»Nein, wie sollte ich … oh, du meinst es war Espanja?«
»Ja, das glaube ich.«
»Vater, Yashis Geburtstag ist bereits in einem halben Jahr. Was glaubst du wird der König mit dir machen, wenn er erfährt, wer deine Frau und wer deine Tochter wirklich sind?«
»Ich weiß es nicht. Uns verbindet eine lange Freundschaft, vielleicht vergibt er mir, doch was er mit Yashi macht, weiß ich nicht. Er ist ein Mann, der sein Wort hält und wenn Yashi seine Bedingungen erfüllt, ist sie offiziell meine Nachfolgerin. Doch wenn er erfährt, wer sie wirklich ist, könnte er alles rückgängig machen.«
»Das heißt, egal ob Yashi es schafft oder nicht, sie wird niemals Offizier werden, zumindest nicht unter Senkos Herrschaft.«
»Ja und weil ich dies wusste, habe ich mich so lange dagegen gesträubt sie mit zum Palast zu nehmen. Ich ahnte, dass sie ihn überzeugen würde ihr Können unter Beweis zu stellen. Du weißt selbst, dass ihr das zumeist gelingt. Aber dennoch war es richtig, denn Senkos Herrschaft ist irgendwann vorbei und Adam kommt an die Macht. Er sympathisiert mit Yashi und wenn sie ihn beeindrucken kann, dann kann sie auch unter ihm Offizier werden. Er ist nicht voreingenommen gegenüber Zauberinnen, denn er kennt nicht die Wahrheit über den Tod seiner Mutter, wie so viele nicht.«
»Dann hoffe ich, dass Yashi ihren Traum unter Adam leben kann.«
»Das hoffe ich auch und Jack, vergiss nicht, du darfst es niemandem erzählen!«
»Keine Angst, ich verspreche es dir.«
»Dafür danke ich dir und dank Espanja kann Yashi wenigsten schon die ersten Schritte zur Erfüllung ihres Traums gehen. Was die Zukunft bringt, weiß nur die Zeit.«
»Ich bin mir sicher, dass alles gut werden wird, da habe ich vollstes Vertrauen, du nicht?«
»Ich hoffe es. Doch zuerst muss sie gewinnen und mit dieser Verletzung wird dies gar nicht so einfach werden. Das Turnier selbst wird nicht das Problem sein, aber um Corsa mache ich mir Sorgen. Er ist sehr stark.«
»Ja, darüber habe ich auch schon nachgedacht, aber vielleicht ist Corsa so eingeschüchtert, dass er aufgibt.«
»Das glaube ich weniger. Corsa würde dann nur noch mehr angestachelt werden, also können wir diese Möglichkeit schon ausschließen. Was das angeht, ist er Yashi ähnlich.«
»Na ja falls die Wunde nach dem Turnier wieder aufgehen sollte, habe ich noch etwas von der Tinktur, die uns Espanja überlassen hat.«
»Das ist gut.«
»Gut, dann werde ich jetzt erstmal wieder nach ihr sehen.«
Jack und Sakuro umarmten sich noch mal und Jack ging danach zu sich nach Haus und fand eine friedlich schlafende Yashi vor.
Während er sie so ansah, konnte er noch immer nicht richtig begreifen, was Sakuro ihm anvertraut hatte. Er war mit der mächtigen Espanja verheiratet, Yashi war eine Zauberin und nicht seine Schwester. Das war etwas viel auf einmal.
Am nächsten Morgen ging Adam zu seinem Vater, um ihm die Neuigkeit von Yashis Genesung zu berichten. Wie immer saß der König in seinem Studierzimmer an einem großen Tisch. Doch auf diesem lag ein Durcheinander an Schriftrollen und Büchern. Adam fragte sich jedes Mal, wie sein Vater dabei den Überblick behalten konnte.
»Vater, ich habe eine wichtige Neuigkeit für dich.«
»Und die wäre?«, fragte er leicht genervt.
»Yashi wird kämpfen!«, sagte er herausfordernd.
»Aber wie ist das möglich? Du hast mir doch gestern erzählt, dass sie zu schwer verletzt wäre«, erwiderte der König irritiert.
»Ja das habe ich in der Tat, aber wie durch ein Wunder ist ihre Verletzung kein Problem mehr«, sagte er triumphierend. Er behielt die Wahrheit lieber für sich, da er wusste, dass sein Vater nicht gut auf Magie zu sprechen war. Warum wusste er allerdings nicht.
»Nun gut. Jetzt bin ich wirklich mal gespannt wie sie sich bewähren wird und ob sie überhaupt weit kommen wird mit dieser Verletzung.«
»Vater, ich glaube du wirst dich noch wundern, wozu Yashi im Stande ist.«
»Ich dachte du hast sie noch nicht kämpfen sehen?«
»Das habe ich auch nicht, aber irgendwie habe ich es im Gefühl. Sie wird dir schon beweisen, dass sie gut genug für dieses Amt ist.«
»Wir werden es morgen sehen. Aber erst, wenn sie beide Herausforderungen bestanden hat, werde ich Einsicht zeigen. So war die Abmachung.«
»Diese Entscheidung zweifelt auch niemand an. Wie auch immer, ich werde sie jetzt besuchen.«
»Aber vergiss nicht mein Sohn, sie ist für dich Tabu«, sagte der König drohend.
»Vater, ich habe dir schon mal gesagt, dass ich mir nur Sorgen mache. Also hör auf Dinge zu sehen, die gar nicht vorhanden sind.«
»Dann ist ja gut. Ich wollte nur, dass du dies nicht vergisst. Im Übrigen habe ich dich schon Komtesse Nicole versprochen.«
»Du hast was?«
»Ich habe dich Ihr versprochen«, wiederholte er gelassen.
»Wie kommst du darauf, dass ich diese Entscheidung billige?«, fuhr Adam ihn an.
»Es ist eine sehr gute Verbindung und Lord Saru hat schon zugestimmt.«
»Nicole ist eingebildet und sieht nur auf andere herab. Wie konntest du glauben, dass ich so einen Menschen lieben könnte?«
»Ich habe es nie geglaubt, ich habe es bestimmt. Du wirst Komtesse Nicole heiraten, ob mit oder ohne Liebe. Es ist beschlossen, also finde dich damit ab!«
»Ich werde schon eine Möglichkeit finden, dich vom Gegenteil zu überzeugen und eine bessere Frau finden, die ich lieben kann und die mich um meiner selbst liebt, nicht meine Krone.«
Nach diesen Worten ging er wutentbrannt aus dem Studierzimmer und machte sich auf den Weg zu Jack. Er konnte nicht fassen, dass sein Vater ihn in eine Ehe drängen wollte. Warum musste er nur immer so starköpfig sein. Als er bei Jack ankam, war Yashi nicht mehr da.
»Jack, wo ist Yashi?«
»Oh, Euer Hoheit, guten Morgen. Yashi ist schon früh aufgestanden, um zu trainieren.«
»Sie macht was?«
»Sie trainiert«, sagte er seelenruhig.
»Aber müsste sie sich nicht noch schonen?«
»Ihr kennt Yashi nicht. Selbst wenn Yashi eine tödliche Verletzung hätte, würde sie dennoch trainieren und jetzt noch mehr. Morgen ist das Turnier und sie weiß, was für sie auf dem Spiel steht.«
»Oh je und wo ist sie jetzt?«
»Sie müsste im Hof sein bei ihrem Prellbock.«
»Ihrem was?«
»Ihrem Prellbock, damit übt sie sich im Nahkampf.«
»Ich hoffe sie weiß aber auch, dass nicht nur Nahkampf eine Disziplin ist. Es gibt nämlich auch noch Bogenschießen und Schwertkampf.«
»Doch, doch das weiß sie. Und im Bogenschießen und Schwertkampf konnte ihr bis jetzt noch keiner das Wasser reichen. Selbst ihr Vater versagt beim Bogenschießen.
»Jack, ich mach mir wirklich Sorgen, dass sie mit der Verletzung scheitert.«
»Euer Hoheit, habt Vertrauen in Yashi. Egal wie schwer sie verletzt ist, sie würde immer weitermachen bis sie ihren Traum verwirklicht hat und ich bin mir sicher, dass sie es schafft. Heute Abend werde ich noch etwas von der Tinktur auf die Wunde reiben und danach kann ich nichts mehr für sie tun. Dann können wir nur noch hoffen.«
»Ich verstehe. Na ja wir werden sehen. Ich würde Yashi jetzt sehr gern sehen, im Hof ist sie, ja?«
Jack nickte und sagte ihm wo er lang musste, um den Hof zu erreichen. Adam ging durch einen kleinen Gang hinaus zum Hof und was er dort sah, verschlug ihm die Sprache. Er sah wie Yashi dem Baumstamm stark zusetzte. Ihre Fäuste und Füße prallten immer wieder hart gegen die Holme. Sie kämpfte mit allem was sie hatte: mit Armen und Beinen, Händen und Füßen, einfach mit allem.
Adam hörte wie sie etwas flüsterte, doch er konnte es nicht verstehen.
»Ich muss es einfach schaffen. Ich will das Heer anführen, koste es, was es wolle und wenn ich bis zum äußersten gehen muss.«
Adam war so verblüfft von der Szene, die ihm sich bot, dass er nicht bemerkte, wie Sakuro langsam durch den Gang kam.
»Guten Morgen Euer Hoheit, schon so früh hier?«
Adam zuckte zusammen, erwiderte dann aber: »Oh Sakuro. Ja, ich wollte sehen, wie es Yashi geht. Trainiert sie immer so hart?«
»Nein«, erwiderte er traurig.
»Nicht, dann ist sie jetzt stärker geworden, durch ihre Entschlossenheit, nicht wahr?«
»Nein, mein Prinz. Yashi trainiert sonst härter, doch ihre Verletzung lässt es leider nicht zu.«
»Was denn, noch härter als jetzt? Das glaub ich nicht«, sagte er ungläubig.
»Glaubt es nur, es ist die Wahrheit. Wenn sie richtig trainieren könnte, wären jetzt schon keine Holme mehr an dem Stamm. Hört ihr das?«
»Ja, aber ich verstehe es nicht.«
»Sie sagt, dass sie ihren Traum um jeden Preis verwirklichen will und sie würde alles dafür geben. Ich glaube, ich habe einen großen Fehler gemacht« und mit diesen Worten senkte er seinen Kopf und blickte traurig zu Boden.
»Wieso das?«
»Ich hätte sie nie trainieren dürfen. Sie hätte ein ganz normales Mädchen sein können, aber ich musste sie ja wie einen Jungen behandeln.«
»Sakuro so darfst du nicht denken. Ich glaube du konntest sie nicht besser behandeln. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie zum Kämpfen geboren wurde. Sieh sie dir doch mal an und hör wie sie mit Leidenschaft von ihrem Traum erzählt. Du hast keinen Fehler gemacht, im Gegenteil, du warst ein sehr, sehr guter Vater, zumindest sehe ich das so.«
Sakuro dachte bei sich, dass der Prinz gar nicht so Unrecht hatte. Yashi wurde ja wirklich zum Kämpfen geboren, schließlich würde sie bald zu einer Zauberin werden.
»Ihr mögt sie, mein Prinz, nicht wahr?«
»Wie meinst du das?« Bei diesen Worten merkte er wie er errötete.
»Ihr mögt sie. Ich sehe es, ihr macht Euch Sorgen und verteidigt sie, so wie es ein guter Freund machen würde.«
»Kann schon sein. Ja, ich glaube du hast Recht, ich mag sie wirklich, als wäre sie die Schwester, die ich nie hatte. Weißt du Sakuro, manchmal wünschte ich mir, dass mein Vater so mit mir reden würde, wie du es tust. Aber er sieht immer nur den Prinzen in mir und den späteren König, aber nie seinen Sohn. Ich habe mir immer gewünscht, dass er mit mir spielt, mit mir ausreitet oder einfach nur Zeit mit mir verbringt. Aber das Einzige was ihn interessiert, ist, ob ich später ein guter König werde.«
»Ihr dürft nicht zu streng mit ihm sein. Er will nur, dass Ihr versteht, wie wichtig und wie schwierig es ist ein Land zu regieren. Er will Euch vorbereiten und er liebt Euch von ganzem Herzen und bedauert, dass er so wenig Zeit mit Euch verbracht hat, das hat er mir zumindest gesagt.«
»Ist das dein Ernst? Ich kann kaum glauben, dass das mein Vater gesagt haben soll«, meinte er abwertend.
»Glaubt es. Euer Vater liebt Euch von Herzen und das Volk wird Euch später als König auch lieben. Bis dahin wird Yashi vielleicht schon Offizier sein und wird Euch mit Rat und Tat zur Seite stehen.«
»Glaubst du wirklich? Ich hoffe sehr, dass das Volk mich genauso liebt wie jetzt meinen Vater. Was passiert eigentlich, wenn Yashi es nicht schafft? Wer wird dann dein Nachfolger?«
»Corsa!«
»Was Corsa, aber gegen ihn muss doch Yashi antreten.«
»Ja und jetzt wisst Ihr auch warum. Corsa ist der beste Soldat und er hätte nach mir den Platz als Offizier eingenommen, doch jetzt gibt es zwei Anwärter und zwischen ihnen muss man sich entscheiden. Das geht am besten durch einen Zweikampf und wer den gewinnt, wird Offizier und daran ist nicht mehr zu rütteln.«
»Jetzt verstehe ich auch endlich die Bedingung, die mein Vater Yashi gestellt hat.«
Während die beiden weiter sprachen, gingen Yashis Kräfte langsam zu Ende.
»Oh nein, jetzt bloß nicht aufgeben. Ich muss es schaffen. Ich muss beweisen, dass ich stark genug bin, um ein Offizier zu werden.«
Plötzlich knallte sie so hart mit der rechten Faust an einen Holm, dass dieser splitterte und die Haut auf ihren Fingerknöcheln aufplatzte. Der Schmerz zog sich bis zur Schulter hoch und sie schrie auf, fasste sich an die Schulter und fiel zu Boden.
Sakuro und Adam erschraken bei dem Schmerzensschrei und liefen sofort zu ihr, als sie sahen, dass Yashi gestürzt war. Als sie bei ihr ankamen, sah Sakuro den abgesplitterten Holm und wunderte sich, warum er kein Geräusch von absplitterndem Holz gehört hatte.
»Yashi was ist passiert?«, fragte Adam besorgt.
»Nichts, nichts, es geht schon wieder. Der Schmerz ist schon vorbei. Ich kann weitermachen.«
»Was ist mit deiner Schulter?«, fragte ihr Vater.
»Sie hat nur etwas gezwickt, mehr nicht.« Sie hob ihre Hand, um abzuwinken und dabei sah Sakuro, dass diese blutig war.
»Was ist mit deiner Hand?«
»Ach das, das war nur wegen dem Holm, ich habe ihn nicht richtig erwischt und da ist die Haut aufgerissen. Aber keine Sorge, dass ist nur ein kleiner Kratzer. Das hält mich doch nicht auf, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen.«
