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Erst wenige Monate sind vergangen, seit Celina von ihrer Abstammung und dem großen Erbe, dass sie in sich trägt, erfahren hat. Doch noch immer tut sie sich schwer damit, Fort Kain zu verlassen. Nachdem es auf einer Party zu einem Zwischenfall kommt, hat Celina aber keine andere Wahl mehr: Sie muss ihrer Heimat den Rücken zukehren und sich auf die Suche nach dem Amulett begeben. Gemeinsam mit ihrem Gefährten Aaron und seinem Clan macht sie sich auf den Weg nach Lawthornville und muss dort tief in die Vergangenheit eintauchen. Dabei stößt sie auf ein düsteres Geheimnis… Geheimnisse der Schatten ist der zweite Teil der Fantasy-Buchreihe "Yasirahs Erbe". Mehr Informationen (Kurzinhalte, kostenlose Leseproben usw.) findet Ihr auf der offiziellen Homepage.
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Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Bettina Lorenz
Yasirahs Erbe - Geheimnisse der Schatten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zitat
Prolog
Ein verhängnisvoller Abend
Tolle Aussichten
Scheideweg
Ein alter Freund
Lawthornville
Trümmer der Vergangenheit
Ein unerwartetes Geschenk
Kleine Freiheiten
Naestur Reyndar
Sophias Geschichte
Im Zwiespalt
Ablehnung
Erlösung
Epilog
Impressum neobooks
~ Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht? ~
Es war ein Sommertag mitten im August. Zur Mittagszeit, als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, wurde die Hitze nahezu unerträglich. Nicht ein einziger Windhauch wehte durch das kleine Tal bei Lawthornville und die Luft stand. Man sah der Natur sehr deutlich an, dass es seit Längerem keinen Regen mehr gegeben hatte und wie sehr es sie danach verlangte. Überall waren verbrannte Stellen im Gras, die Ernte verdorrte auf den Feldern und auch der Wald, der das Tal umgab, war so trocken, dass die geringste Unachtsamkeit einen unkontrollierbaren Waldbrand zur Folge hätte haben können. Die Menschen sehnten nun schon seit Wochen den Regen herbei, aber er wollte sich einfach nicht einstellen und auch heute sah man nicht das geringste Anzeichen dafür, dass sich dies ändern würde. Keine einzige Wolke zeigte sich am strahlend blauen Himmel.
William Addison lag im Schatten eines Baumes an dem kleinen, halb ausgetrockneten See, der sich ganz in der Nähe des Anwesens seiner Familie befand. Er gab vor, ein kleines Schläfchen zu halten. Obwohl er versuchte sie auszublenden, hörte er dabei ganz leise die Stimmen seiner Mutter und seiner Schwester Sophia. Die beiden zu ignorieren, war ihm mittlerweile so zur Routine geworden, dass er sich kaum mehr daran erinnern konnte, dass es jemals anders gewesen war. Auch wenn es ihn erst recht vom Schlafen abhalten würde, versuchte er, in Gedanken zu diesen Zeiten zurückzukehren. Die Erkenntnis, wie schön und sorgenfrei sein Leben einst gewesen war, traf ihn erneut schmerzlich tief und auch wenn er wusste, dass ihn die Erinnerung an die Vergangenheit nur noch mehr in die Verzweiflung stürzen würde, kam er nicht umhin, sich Tag für Tag aufs Neue mit diesen Bildern zu geißeln. Er kehrte zurück zu den Zeiten vor den Gedanken voller Rache und Hass. Damals hatte in der Familie Addison noch die Gleichberechtigung der beiden Kinder an oberster Stelle gestanden. William und Sophia wurden als Zwillinge geboren und ihre Mutter hatte ihnen immer exakt die gleiche Bildung und Erziehung zukommen lassen. Ihre Kindheit war so unbeschwert und glücklich verlaufen, wie man es sich nur erträumen konnte und seit ihre Mutter sie an ihrem zehnten Geburtstag in das Geheimnis um ihr großes Erbe eingeweiht hatte, hatte er sich so groß und bedeutend gefühlt, wie man nur eben konnte. Niemals wäre er auf den Gedanken gekommen, ihre Versprechen von unvorstellbarer Macht und den einzigartigen Fähigkeiten, die ihnen bis zu ihrem zwanzigsten Geburtstag angedeihen sollten, als reine Fantastereien abzutun. Brav hatte er sich auf sein Erbe und die damit einhergehende Verantwortung vorbereiten lassen. Er hatte davon geträumt, wie viel Gutes er in der Welt bewirken könnte und welche Möglichkeiten sich ihm darboten. Dabei hatte seine Mutter ihnen stets versichert, dass sie beide etwas ganz Besonderes wären und dies nicht daran gebunden sei, ob sie Mädchen oder Junge sind. William hatte ihr geglaubt und vertraut, aber er wurde bitter enttäuscht. Als sie das achtzehnte Lebensjahr erreicht hatten, kamen Sophias Kräfte über Nacht, aber bei William blieben sie aus. Anfangs sagte seine Mutter noch, dass er mehr Geduld haben müsse, weil sie damals noch in dem festen Glauben war, dass es bei ihm nur länger dauere, aber nachdem nun fast zwei Jahre ins Land gegangen waren, schien sie die Hoffnung begraben zu haben. Es schmerzte zu sehen, wie sie ihn Schritt für Schritt immer mehr aufgab.
Und jetzt behandeln sie mich, als wäre ich unsichtbar,dachte er verbissen.
Ja, er hatte einst ein schönes Leben gehabt und wie naiv musste er damals gewesen sein, zu glauben, dass es ewig so weitergehen würde. Jetzt musste er mit ansehen, wie seine Mutter Sophia ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen ließ und er hasste sie beide dafür. Wieder einmal begann die Eifersucht an ihm zu nagen. Ein ganz kleiner Teil von ihm wusste, dass sein Verhalten nicht fair war. Seine Mutter bedauerte es sehr, ihm falsche Hoffnungen gemacht zu haben und auch Sophia versuchte immer wieder aufs Neue, ihm Trost zu spenden. Noch vor zwei Jahren hätte er seiner Schwester blind geglaubt, dass sie es ernst mit ihm meinte, doch jetzt war jedes Wort, das sie ihm gab, nur noch mehr Nahrung für den Neid, der ihn innerlich zerfraß. Mit jedem Tag, an dem sie stärker wurde, wuchs seine Verachtung für sie und insgeheim genoss er es. In ihrer Gegenwart hatte er immer das Gefühl, ungenügend zu sein. Sie hatte ihm alles genommen und er konnte sie dafür nicht einfach ungestraft lassen.
Jemand berührte ihn sanft an der Schulter und riss ihn somit aus seinen düsteren Gedanken. Er schrak zusammen und riss die Augen auf. Er brauchte einen Moment, bis diese sich an das gleißende Licht gewöhnt hatten. Sophia stand strahlend über ihm. Ihr Anblick versetzte ihm einen Stich und er funkelte sie wütend an. Als sie es sah, verschwand das Lächeln sofort aus ihrem Gesicht und sie wich seinem bösen Blick aus.
«Mutter sagt, dass wir nach Hause gehen sollten, weil Vater sicher bald von seiner Reise zurückkehren wird», sagte sie kaum hörbar.
Beherrsch dich,ermahnte er sich, als er den sorgenvollen Blick seiner Mutter sah, welche die Szene aus einiger Entfernung beobachtet hatte.
William glaubte von sich selbst, dass er eine absolute Enttäuschung für sie sein musste und war deshalb stets darum bemüht, sie nicht noch mehr zu frustrieren. Sie hätte es sicher gern gesehen, wenn er sich bei Sophia für sein ungebührliches Verhalten entschuldigt hätte, aber er schaffte es nicht, ihr auch nur ein freundliches Wort zuzugestehen. Deshalb nickte er nur und erhob sich langsam. Dann stapfte er wütend zum Haus, während seine Mutter und Sophia ihm leise tuschelnd folgten. «Du musst ihm nur Zeit geben...»…, hörte er seine Mutter sagen und beschleunigte seinen Schritt. Er dachte nur noch an Flucht. Wenn er jetzt stehen bleiben würde, käme ihm mit Sicherheit etwas über die Lippen, das er später bereuen würde. Jedes unüberlegte Wort hätte nur eine weitere endlose Diskussion mit sich gebracht und er war es leid, ihre ständigen Ausflüchte und Reuebekundungen über sich ergehen zu lassen.
Schnurstracks marschierte William in das Arbeitszimmer seines Vaters und ließ sich auf dem Stuhl, der sich gegenüber dem großen, dunklen Schreibtisch befand, nieder. Er wusste genau, dass sein Vater früher oder später kommen würde und lauschte dem lauten Ticken der Standuhr, die hinter ihm stand. Er wurde nicht enttäuscht. Nach nur wenigen Minuten betrat jemand das Büro. «Guten Tag, Vater», sagte er betont höflich, als er die vertrauten Schritte hinter sich hörte. Sein Vater setzte sich an seinen Schreibtisch und sah ihn prüfend an. Dabei schien er seine Worte genau abzuwägen. «Deine Mutter hat mich gebeten, mit dir zu sprechen.» William atmete tief durch. Er wusste ganz genau, was jetzt kommen würde und doch setzte er eine Unschuldsmiene auf und sah betroffen zu Boden. «Ja, Sir?» «Wir sind einstimmig der Meinung, dass dein Verhalten Sophia gegenüber mehr als nur unhöflich ist und bitten dich darum, dies zu ändern. Es erwarten dich ernsthafte Konsequenzen, falls das kein nahes Ende finden sollte. Wir lieben euch beide und finden es nicht gut, wenn ihr euch nicht vertragt. Was ist nur los? Mein Verständnis reicht leider nicht aus, das zu dulden!» William ballte seine Hände zu Fäusten und starrte zu Boden.
Natürlich verstehst du es nicht,dachte er verzweifelt und mit einem Anflug von Protest.
Er verkniff sich jede Bemerkung. Sein Vater war der Letzte, der etwas für die Ungerechtigkeit konnte, mit der seine Mutter ihn strafte. Er war nur selten zu Hause und bekam nichts von Alldem mit. Er würde es auch nie erfahren.
Dafür hatte sie schon gesorgt,dachte er wütend.
Williams Mutter war der Meinung, dass das Wissen um die Herkunft ihres Teils der Familie für die Menschen, und somit auch für seinen Vater, verborgen bleiben sollte. Deshalb mussten die Zwillinge bereits mit zehn Jahren einen Schwur leisten, der es ihnen verbot, das Geheimnis zu offenbaren. Genau wie dieses Mal, hatte er schon mehrfach kurz davor gestanden, seinen Vater einzuweihen und auch jetzt, war es einzig und allein seine Ehre, die ihn davon abhielt, es zu tun.
Was bin ich noch wert, wenn ich jetzt zum Eidbrecher werde,dachte er traurig und antwortete laut: «Ich werde mich ernsthaft bemühen, Sir!»
Sein Vater nickte zufrieden und wendete sich seiner Arbeit zu. Das Gespräch schien in seinen Augen beendet. William stand auf und ging in sein Zimmer. Dort zog er die schweren Vorhänge zu und verkroch sich für den Rest des Tages im Dunkeln. Er suchte krampfhaft nach einem Weg, die stetig wachsende Abneigung gegen seine Schwester Sophia unter Kontrolle zu bekommen, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen.
Am nächsten Morgen erwachte William sehr früh und fühlte sich elend. Wieder einmal hatte er kaum geschlafen und der fünfzehnte August war schneller gekommen, als es ihm eigentlich lieb war. Heute war sein zwanzigster Geburtstag. Da sich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal die geringste Spur der alten Macht in ihm geregt hatte, war somit jedes letzte Fünkchen Hoffnung versiegt. Er würde ein normaler Mensch bleiben und Sophia würde das Kronjuwel der hoch angesehenen Familie Addison sein. Trotz der Tatsache, dass die beiden Zwillinge waren, fühlte William sich weiter von Sophia entfernt, als es ihm je möglich erschienen war. Er empfand die Kluft zwischen ihnen als unüberwindbar. Wieder einmal meldete sich der immer größer werdende Knoten in seiner Brust und es schmerzte ihn, dass er sich abermals diesen finsteren Gedanken hingegeben hatte. Wie gerne würde er zu seinem früheren unbekümmerten Ich zurückfinden, aber der Weg dorthin blieb ihm verwehrt. Anfangs überlegte er, ob er einfach liegen bleiben sollte. Als er sich bereits eine Ausrede für seine Unpässlichkeit zurechtgelegt hatte, entschied er sich dann aber doch anders, weil er dieses Verhalten als würdelos erachtete. Er stand auf, zog sich leise an und ging über den Hof zum Stall. Auf dem Weg begegnete ihm keine Menschenseele. Schnell sattelte er sein Pferd Dark Night und führte es nach draußen. Der schwarze Hengst wieherte vor Vorfreude. Als William sich sicher sein konnte, dass er außer Hörweite war, stieg er auf und galoppierte davon. Diese morgendlichen Ausritte waren schon seit einiger Zeit seine einzige Freude. Je weiter er sich dabei vom Addison-Anwesen entfernte, desto größer schien auch die Distanz zu seinen Problemen zu werden. Nach wenigen Kilometern fiel die Anspannung von ihm ab und er fühlte sich unendlich frei. Er hätte ewig so weiter reiten können, aber als die Sonne bereits hoch am Himmel stand, ermahnte er sich zur Rückkehr.
Am Abend fand ein Ball zu Ehren der Addison-Zwillinge statt. Dort bekam Sophia das Amulett geschenkt, das ihnen beiden hätte gehören sollen. Als sie noch Kinder waren, hatte ihre Mutter es ihnen gezeigt und sie seine Bedeutung und seine Macht gelehrt. Sophia stolzierte in ihrem protzigen weißen Ballkleid damit herum und zeigte jedem Gast das einmalig schöne Familienerbstück und jeder bewunderte es. Für William hielt Mr. Addison aber noch eine böse Überraschung bereit. Groß verkündete er vor der versammelten Gesellschaft, dass er entschieden habe, seinen Sohn zur Universität zu schicken. Für William war es wie ein Schlag ins Gesicht. Das also waren die Konsequenzen, vor denen er am Vortag gewarnt worden war. Er versuchte seinen Vater zur Seite zu nehmen und ihn zu überreden, seine Entscheidung zu überdenken, aber dieser befand, dass es das Beste für ihn und auch für die gesamte Situation sei, wenn er Abstand gewinnen und sich seiner Zukunft widmen würde. Seine Meinung war unumstößlich. Nachdem William bereits den Schmerz, seine Mutter nicht mehr auf seiner Seite zu wissen, seit Monaten in sich trug, hatte ihn jetzt auch noch die letzte Person, der er vertraut hatte, verraten und schickte ihn fort. Er hatte das Gefühl, dass ihm der Boden unter den Füßen wegbrach und er für immer verloren sein würde. Bis zum Ende des Balls machte er gute Miene zum bösen Spiel und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie tief verletzt er war. Aber in seinem Inneren reifte ein Plan. Ein Plan, den er schon seit geraumer Zeit in sich trug. Allerdings hatte ihm bisher die Entschlossenheit gefehlt, ihn auszuführen. Doch nun, da der Hass endgültig die Überhand gewann, warf er alle Bedenken über Bord und kannte nur noch ein Ziel: Rache! Rache an seiner Schwester, die ihm so vieles genommen hatte und Rache an der Familie, von der er sich verstoßen fühlte. Sie wollten ihn loswerden? Dann würde er gehen, aber er würde sich nicht ihren Vorstellungen beugen und hinnehmen, was sie ihm angetan hatten! Diese Gedanken begleiteten ihn den ganzen Abend und am nächsten Morgen war Williams Bett leer. Er und sein Pferd Dark Night waren verschwunden.
Einen Tag später fand man den schwarzen Hengst. Sein stolzer Körper lag zerschlagen in einer Schlucht und von William fehlte jede Spur. Er wurde nie gefunden.
Es war zehn Uhr morgens und als Celina in die Küche kam, wurde sie bereits von Anne erwartet. Der Tisch war gedeckt und ihre beste Freundin stand am Herd. Sie mühte sich gerade mit Pancakes ab. Die Gelungenen wanderten auf einen großen Teller und die anderen in den Mülleimer, der direkt neben ihr stand. Mittlerweile war Anne zumindest schon so gut, dass die Menge nicht angebrannter Pancakes überwog und sie nicht noch eine neue Pfanne hatten kaufen müssen. Celina wünschte Anne einen guten Morgen, nahm sich einen großen Becher Kaffee und setzte sich auf ihren Platz gegenüber dem Küchenfenster.
Es war erstaunlich, wie viel sich in den letzten paar Monaten geändert hatte. Eines Tages war bei einem gemütlichen Mädelsabend zwischen Celina und ihrer Tante herausgekommen, dass Marie schon seit ihrer Jugend davon träumte, für ein Jahr auf eine kleine Bildungsreise nach Europa zu gehen, um ihrer Kunst neue Einflüsse hinzuzufügen. Kurz bevor sie damals aufbrechen wollte, waren diese Pläne aber gescheitert, da Celina in ihr Leben getreten war. Als Celina das erfuhr, hatte sie ihre Tante dazu überredet, sich diesen Traum endlich zu erfüllen. Sie kannte niemanden, der es sich mehr verdient hatte, als ihre fürsorgliche und sich stets aufopfernde Tante und für Celina würde dadurch auch Einiges leichter werden. Ihre Argumente waren gut und Marie hatte schließlich nachgegeben und ihre Pläne wieder aufgegriffen.
Wenige Tage vor Maries Abreise wurde Anne Celinas neue Mitbewohnerin. Deren Eltern steckten gerade mitten im Scheidungskrieg und die Situation zu Hause war unzumutbar. Mrs. Carper wusste, dass Anne die Sache zwischen ihren Eltern sehr mitnahm und sie Abstand brauchte. Deshalb hatte sie Marie angerufen und ihr den Vorschlag mit der Mädels-WG unterbreitet, als ihr Celina von den Plänen ihrer Tante berichtet hatte. Alle waren einstimmig übereingekommen, dass es so das Beste wäre und nach nicht einmal zwölf Stunden war Anne bereits eingezogen und bewohnte nun das Gästezimmer der Familie Young. Es war jetzt genau eine Woche her, dass Marie in den Flieger gestiegen war. Erst gestern hatte sie Celina angerufen und ihr von Prag erzählt. Es gab nur zwei Bedingungen, die sie vor Antritt ihrer Reise gestellt hatte: Celina hatte jeden Freitagabend um sieben ein Date mit ihrem Handy, damit Marie sich davon überzeugen konnte, dass es ihr gut ginge und ihre Tante hatte ihr auch das Versprechen abgerungen, dass sie egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit anrufen würde, wenn etwas vorfallen oder sie jemanden zum Reden brauchen würde. Kurz nach Silvester war sie dann abgereist.
Heute war Samstag, der zwölfte Januar und im Vorgarten lag meterhoch der Schnee. Als Celina aus dem Fenster sah, kam es ihr vor, als ob das Haus ihrer Tante mitten im Nirgendwo stehen würde, da man vor lauter Nebel die Nachbarhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht sehen konnte. Das Wetter war so ungemütlich, dass Celina trotz ihres dicken Wollpullis fror. Dies lag aber wahrscheinlich nicht allein am Wetter. Seit sie wusste, dass sie Fort Kain verlassen musste, war ihr ständig kalt und sie fühlte sich schlecht, immer wenn dieser Gedanke in ihr aufkeimte. «Ist alles ok? Du träumst schon wieder vor dich hin», sagte Anne leise und Celina spürte eine sanfte Hand auf ihrer Schulter. «Sorry, ich weiß...», murmelte sie in sich hinein. Anne setzte sich ihr gegenüber und schob ihr schweigend den Teller Pancakes hin. Eigentlich hatte Celina keinen Hunger, aber sie wollte Annes Mühe am frühen Morgen nicht zunichtemachen und bediente sich deshalb trotzdem. In den letzten Wochen hatte das Verhältnis zwischen den beiden Freundinnen viel von ihrer früheren Leichtigkeit verloren. Celina war oft auf dem Anwesen der Laurents und verbesserte ihre Fähigkeiten. Sie machte unglaubliche Fortschritte und ihre Kraft schien grenzenlos zu sein. Wenn sie nicht dort war, war sie stets darum bemüht sich unauffällig zu verhalten und sich durch nichts zu verraten. Es kam ihr vor, als ob sie auf einmal zwei Leben führen würde und eins davon musste sie unter allen Umständen vor Anne geheim halten. Dieser war natürlich nicht entgangen, dass ihre Freundin sich immer mehr zurückzog. Dafür kannte sie Celina viel zu gut und zu lange. Anfangs hatte sie ihr auch Zeit gegeben, aber mittlerweile hatte sich eine Kluft zwischen ihnen aufgetan und diese schien mit jedem Tag größer zu werden. Sie machte sich große Sorgen und wünschte, Celina würde ihr endlich mitteilen, was ihr auf dem Herzen lag. Deshalb hatte sie sich eine Taktik einfallen lassen, die Celina aus der Reserve locken sollte. Ihr war zwar auch klar, dass ihr Vorschlag sicher nicht gut ankommen würde, aber da ihr nichts anderes mehr einfiel, war es zumindest einen Versuch wert. Vorsichtig begann sie: «Heute ist doch Samstag und wir haben schon so lange nichts mehr unternommen...» Celina sah sie misstrauisch an, als ob sie wüsste, was jetzt gleich kommen würde. Fast hätte Anne ihre Idee aufgegeben, aber jetzt gab es keinen Weg zurück.
Sie atmete tief durch und fragte gerade heraus: «Im Wohnheim steigt heut' Abend eine Party und ich dachte, dass wir da ja vielleicht hingehen könnten. Nur wir beide. Ich weiß, was du normalerweise davon hältst, aber wir hatten schon so lange keinen lustigen Abend mehr. Bitte, bitte, bitte...», fügte sie bettelnd hinzu. Celina antwortete ihr nicht gleich. Sie wusste nur eins: das Letzte worauf sie jetzt Lust hatte, war auf eine dieser bescheuerten Wohnheimpartys zu gehen und zuzusehen, wie bei den meisten ihrer Kommilitonen der Alkoholpegel anstieg, während das Niveau immer mehr absank. Ihr war einfach nicht nach feiern und sie hatte echt andere Sorgen. Zwar war Tante Marie jetzt aus dem Haus, aber ihr war immer noch nicht eingefallen, wie sie Anne ihre hoffentlich nur vorübergehende Abwesenheit mitten im Semester erklären sollte. Sie wollte Anne nicht wehtun und deshalb suchte sie fieberhaft nach einer Lösung. Ihr wollte aber nichts einfallen. Auch jetzt saß sie ihr gegenüber und überlegte krampfhaft, wie sie ihrer besten Freundin diese grandiose Idee wieder ausreden könnte. Aber Anne wartete auf eine Antwort und je länger sie ihr die schuldig blieb, desto ungeduldiger wurde diese, bis sie es am Ende einfach nicht mehr aushielt und es aus ihr herausplatzte: «Ist schon gut. Es scheint ja mittlerweile so schrecklich mit mir zu sein. Vielleicht sollte ich besser wieder ausziehen? Ich weiß echt nicht, was ich dir getan habe, aber vielleicht wäre es dir angenehmer, wenn ich dich einfach in Ruhe lasse und jeder von uns seinen eigenen Weg geht», fauchte sie. Überrascht sah Celina sie an. Sie hatte ihre beste Freundin noch nie so erlebt. Bevor sie etwas erwidern konnte, sah sie Aaron vom Fenster aus. Celina gab ihm zu verstehen, dass er gehen sollte, aber er blieb wortlos in einiger Entfernung stehen und beobachtete die Szene durch das Küchenfenster. Als Anne ihn bemerkte, stand sie auf und rannte mit einemIs' ja wieder typischdie Treppe hoch. Noch immer verwirrt von Annes Gefühlsausbruch öffnete Celina Aaron die Tür. Fragend sah er sie an und Celina gab ihm einen kurzen Einblick in das vorher stattgefundene Gespräch. Ohne ein Wort zu sagen betrat Aaron nach Celina die Küche und setzte sich. Celina lehnte sich gedankenverloren ihm gegenüber an die Küchenzeile. «Ich weiß, dass ich mich ihr gegenüber nicht fair verhalte, aber vielleicht wäre es besser, wenn sie wütend auf mich ist. Dann fällt es ihr vielleicht leichter, sich keine Sorgen zu machen, wenn ich weg bin», fragte sie mit Tränen in den Augen. Aaron ging zu ihr und zwang sie ihn anzusehen.
Hör mir jetzt bitte zu. Du musst das nicht tun. Wir finden eine Möglichkeit. Es ist auf alle Fälle keine Lösung, alle die dir etwas bedeuten, wegzustoßen, um es ihnen damit leichter zu machen. So bist du doch eigentlich gar nicht. Das wirst du dein Leben lang bereuen, redete er beschwörend auf sie ein.
Celina konnte ein hysterisches Lachen nicht unterdrücken.
Ein Leben lang? Was denkst du, wie lange dieses Leben noch dauern wird, wenn ich es nicht bald schaffe zu gehen? Ich habe eine Aufgabe und anstatt mich hier so dermaßen egoistisch aufzuführen, sollte ich lieber ganz schnell anfangen erwachsen zu werden. Sonst wird bald keiner mehr da sein, mit dem ich es mir verscherzen kann, sagte Celina bitter.
Aaron sah ihren Schmerz und redete beruhigend auf sie ein:Du bist nicht egoistisch. Du sorgst dich einfach nur um die Personen, die dir wichtig sind. Ich verstehe auch, dass dir solche Gedanken kommen, aber so geht das nicht. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede. Ich denke, es wäre wirklich das Beste, dir einen schönen Abend mit deiner besten Freundin zu machen. Wer weiß, wann das wieder möglich sein wird. Willst du es wirklich so enden lassen? Gib dir einen Ruck. Wir finden schon eine Lösung und sie wird es verstehen. Vertrau mir!
Zuerst wollte sie ihm widersprechen, aber als sie ihn ansah, konnte sie nicht anders. Sie glaubte ihm, auch wenn sie nicht verstehen konnte, warum das so war. Sie versuchte sich an ihre Argumente zu klammern, aber ihr wollte plötzlich kein einziges mehr einfallen. Noch bevor sie es weiter versuchen konnte, lagen seine Lippen auf ihren und alle Sorgen waren vergessen. Diese Wirkung hatte er immer auf sie. Allein Aarons Anwesenheit reichte aus, um ihre Probleme in den Hintergrund zu drängen. Statt sich zu wehren, resignierte sie und zog ihn fest an sich. Er war ihr Rettungsanker. Nachdem sie sich von ihm lösen konnte, wusste sie genau, was sie zu tun hatte. Sanft wischte Aaron ihr die Tränen weg.
Ohne, dass sie etwas sagen musste, schlug er vor:Komm einfach zu mir, wenn ihr euch ausgesprochen habt.
Sie nickte nur und sah ihm nach, als er das Haus verließ. Dann nahm sie die zwei Kaffeetassen vom Tisch und ging nach oben. Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie an Annes Tür klopfte. Als sie ein tränenersticktesHereinhörte, öffnete Celina vorsichtig die Tür. Anne saß auf ihrem Bett und Celina ging zu ihr. Sie reichte ihr eine der beiden Tassen und setzte sich neben sie. Es war wieder einmal Anne, die als Erste sprach: «Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das tut. Ich weiß auch nicht, was das war. Ich habe das Gefühl, dass du dich von mir distanzierst und da hab ich Panik bekommen. Bitte verzeih mir», sagte sie entschuldigend und sah sie flehend an. Celina war klar, welches Glück sie hatte, mit einer so quirligen, freundlichen und doch so eigensinnigen Person wie Anne, befreundet zu sein. Nur ein Blick in Annes sorgenvolles Gesicht reichte aus und sie schämte sich für ihr Verhalten. Natürlich war es Anne nicht entgangen, dass sie Probleme hatte und sie versuchte ihr irgendwie zu helfen. Aber Celina war einfach nicht zu helfen und da sie Anne ihr Geheimnis nicht anvertrauen konnte, war sie es ihr wenigstens schuldig, so zu tun, als ob alles nur halb so schlimm wäre und sie es allein bewältigen könnte. Celina zeigte sich versöhnlich und begann, so schwer es ihr auch fiel, zu scherzen: «Ich wusste ja nicht, dass es dir sooo wichtig ist. Das hättest du mir auch einfach sagen können. Natürlich lass ich mich von dir dahin schleifen, aber du sollst wissen, dass Freunde zu foltern, nicht die feine Art ist.» Sie nahm einen großen Schluck Kaffee und grinste Anne über den Becherrand an. Es schien zu klappen: Diese atmete erleichtert auf und begann zu glucksen. «Natürlich nicht, aber irgendwie muss ich dich ja aus deinem tristen Alltag locken. Also dann treffen wir uns heute Abend hier und hübschen uns an», fragte sie mit leuchtenden Augen. «Ok, ich gebe mich geschlagen. Wenn es dich glücklich macht», antwortete Celina kapitulierend. «Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr», jubelte Anne, sprang auf und umarmte sie, bevor sie begann, wie wild durchs Zimmer zu hüpfen. Celina sah sie kopfschüttelnd an und seufzte. Annes Freude zeigte ihr, dass sie richtig gehandelt hatte und irgendwie begann sie sich sogar auf den Abend zu freuen, auch wenn sie ein komisches Gefühl bei der Sache hatte.
Gegen achtzehn Uhr trafen sie sich zuhause. Anne hatte ihr Outfit für den Abend schon rausgehängt und für Celina lagen zehn verschiedene Sachen zur Auswahl bereit auf dem Bett. Sie entschied sich für einen schwarzen Rock und das am wenigsten tief ausgeschnittene Oberteil. Es war grün und harmonierte mit der Farbe ihrer Augen. Anne schminkte und frisierte sie und gegen neun gingen sie aus dem Haus.
Als sie beim Wohnheim ankamen, war das ganze Gebäude hell erleuchtet. Aus den Boxen dröhnte geradeOutsidevon Staind.Wie passend,dachte sich Celina, bevor Anne sie am Arm mit sich zog. Sie unterhielten sich mit ihren Kommilitonen, lachten und tanzten viel. Anne blieb die ganze Zeit an ihrer Seite und auch wenn Celina es sich nicht eingestehen wollte, hatte sie tatsächlich Spaß und vergaß die Zeit. Als sie das erste Mal auf die Uhr sah, war es schon halb eins und es sah nicht so aus, als ob die Party so bald enden würde. Das konnte ihr nur Recht sein. Aaron war sowieso nicht da, weil er mit seiner Familie jagen war. Cyrus war heute Nacht zu ihrem Schutz abgestellt worden. Er hielt sich aber gekonnt im Hintergrund. Sie konnte ihn nirgends entdecken, aber trotzdem war seine Anwesenheit, wenn auch nur in der Ferne, greifbar. Seit mehreren Monaten schon tat sie keinen Schritt aus dem Haus, ohne das ein Mitglied ihrer neuen Familie über sie wachte und irgendwie war das auch beruhigend, wenn man bedachte, welche Gefahr lauerte.
«Ich könnte frische Luft gebrauchen. Lass uns kurz rausgehen», schlug Anne gegen eins vor und sie gingen ihre Jacken holen. Als sie vor die Tür traten, atmete Celina tief durch. Langsam spazierten sie durch den Nebel über den Campus. Die Musik wurde immer leiser, während sie sich mehr und mehr vom Wohnheim entfernten. Am naturwissenschaftlichen Institut war sie kaum mehr zu hören und sie waren allein. Anne lehnte sich an das Geländer der überdachten Treppe im Eingangsbereich und Celina gesellte sich zu ihr. «Alles gut», fragte Anne vorsichtig. Als Celina sie angrinste und nickte, schien sie erleichtert. «Das war echt eine gute Idee. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann wir das letzte Mal so viel Spaß hatten. Ich könnte mich sogar dazu hinreißen lassen, das öfters zu machen.» «Hört, hört. Das sind ja ganz neue Töne», gackerte Anne. «Ich hab mich ganz ehrlich über Logans Tanzstil amüsiert und hast du gesehen, wie Tim Ruby eine Eifersuchtsszene vom Feinsten geliefert hat, nur weil sie sich eine Minute mit 'nem anderen Typen unterhalten hat. So etwas will man doch nicht verpasst haben», sagte sie und begann zu lachen. «Ja und wie sie ihm dann vor lauter Wut ihr Getränk ins Gesicht gekippt hat, war doch echt absolut filmreif...», sagte Anne glucksend. Lachend machten sie sich auf den Rückweg und Anne imitierte dabei andere Leute. Es gelang ihr gut und Celina kam aus dem Lachen nicht mehr raus. Sie wurden richtig albern, aber das tat auch mal gut.
Als sie nur noch vierhundert Meter vom Wohnheim entfernt waren, hörten sie hinter sich den Schrei.
