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"Was mir geblieben ist?" Das fragt sich die 43-jährige Klara, während sie auf ein gut situiertes Leben und eine gescheiterte Ehe zurückblickt. Sie fühlt sich gefangen zwischen Arbeit und Alltag und beschließt, dass es an der Zeit für einen Aufbruch ist. Klara möchte Leben - dafür ist sie bereit, alles in Frage zu stellen und zu verändern. Sie begibt sich auf Reisen und taucht in fremde Kulturen ein. Es wird nicht nur ein Trip ans andere Ende der Welt, sondern auch zum Grund ihrer Seele.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2021
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UNTERWEGS Teil 1
UNTERWEGS Teil 2
ANKOMMEN
EPILOG
Was mir geblieben ist? Nichts …
Keine Firma, kein Haus, kein Geld auf dem Konto.
Bin ich deswegen so ruhig, so ausgeglichen, so glücklich? Das wäre ja nun wirklich absurd!
Vielleicht hätte ich doch nicht mit Yoga anfangen sollen …
»… feel your breath … feel your body … stop thinking … only yourself are important …«
Ich konzentriere mich auf die Stimme des Yogalehrers. Das muss ich auch; sein Englisch ist nicht immer verständlich.
Aus den Augenwinkeln heraus schiele ich zu den anderen Yogis, um zu sehen, ob ich die Übung richtig verstanden habe.
Was will ich mir hier beweisen, wie bin ich hierhergekommen?
Okay, meine Yogalehrerin in Lingen hat gesagt: »Wenn du mal in Singapur bist, Klara, dann musst du unbedingt zu ›PURE YOGA‹ gehen. Man hat einen traumhaften Blick vom 42. Stock über die gesamte Stadt.«
Aber muss ich dies in die Tat umsetzen?
Anscheinend schon …
Aber wie bin ich hierhergekommen? Und wo geht meine Reise hin?
Meine Gedanken wandern zurück …
Ich bin auf meiner Lieblingsinsel Sylt – hier kann ich immer abschalten, meinen Akku aufladen, die Seele baumeln lassen. Egal wie es mir geht, dieses Eiland hat eine beruhigende Wirkung auf mich.
Und die benötige ich zurzeit ganz dringend.
Ich stehe am Strand, der Wind zerzaust mein kurzes Haar und die Tränen laufen mir übers Gesicht. Ich kann gar nichts dagegen tun, sie kommen einfach, ergreifen von mir Besitz und strömen nur so aus mir heraus.
Ich, die immer Beherrschte, stehe am Meer und heule.
Vor einiger Zeit noch undenkbar.
Weinen kann eine heilende Wirkung haben, wie ich später noch erfahren soll, aber im Moment bin ich einfach nur einsam und verzweifelt und eine innere Stimme sagt mir, dass ich noch an vielen Stränden stehen und weinen werde, bevor es mir wieder besser geht!
Esoterischer Krempel? Keine Ahnung, nur das komische Gefühl, dass es tatsächlich so sein wird.
Ich bin hier, um zu verarbeiten …
»… Krankenhaus St. Vincent, guten Tag. Bitte kommen Sie auf die Intensivstation, es ist dringend.«
Wie vom Teufel gejagt, fahre ich zum Krankenhaus, um kurz danach unserem lieben Freund und Chefkardiologen Manfred gegenüberzustehen. Mit ernster Miene erklärt er mir noch auf dem Flur der Intensivstation, dass mein Mann während der Bandscheiben-OP einen Herzinfarkt erlitten hat. Das gesamte OP-Team hat 45 Minuten gebraucht, um ihn zu reanimieren. Nun liegt er im künstlichen Koma.
»Wird er wieder aufwachen und wenn ja, wie?«, höre ich mich fragen. »Et kütt, wie et kütt«, dringt es wie durch einen Nebel zu mir.
»Das ist nicht die Antwort, die ich hören wollte, Manfred!«
»Aber die Einzige, die ich dir geben kann.«
Wie ein Kartenhaus bricht alles über mir zusammen. Binnen Sekunden läuft mein bisheriges Leben vor mir ab und ich kann nur noch eines denken.
Den ersten Herzinfarkt vor zwei Jahren hat er überlebt, aber seine Verhaltensweisen nicht verändert!
Wir haben ein Haus mit großem Garten, eine Firma und jede Menge Schulden.
Ich arbeite schon seit Jahren parallel in der Gastronomie und Hotellerie – wie soll ich das alles schaffen?!
Im Zimmer angekommen sehe ich meinen Mann Klaus an vielen Geräten angeschlossen liegen – ganz ruhig und bleich liegt er da.
Ich nehme seine Hand. Sie ist warm und dennoch kommt keine Reaktion – kann ja auch nicht, sagt mir mein Verstand. Hätte ich aber gern, sagt mein Gefühl.
»Es braucht Zeit.« Manfred ist ins Zimmer gekommen; ich habe es gar nicht bemerkt.
»Wird er mich erkennen, wenn er wach wird?«
»Das kann ich dir nicht sagen. Wir haben lange gebraucht, um ihn zu stabilisieren. Ob das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen worden ist, wird sich zeigen.
Bleib noch eine Weile bei ihm, berühre ihn und erzähle ihm etwas. Wir wissen nicht, ob das Unterbewusstsein es wahrnimmt, aber es schadet auf keinen Fall.«
Stunden später verlasse ich die Klinik. Mein Freundeskreis ist informiert, alle sind für mich da. Ein beruhigendes Gefühl. Dennoch überkommt mich die Verzweiflung.
Ganz allein sitze ich später in unserer Küche, die leere Flasche Rotwein vor mir. So findet mich unsere Haushaltshilfe am nächsten Morgen.
»Sie müssen auf sich aufpassen«, höre ich sie sagen. Einen Satz, den ich in den nächsten Monaten noch des Öfteren hören werde.
»… Feel your breath … feel your body … stop thinking … only yourself are important …«
Stop thinking – leichter gesagt als getan.
Nachdem mein Mann bei klarem Verstand aus dem Koma erwacht ist, beginnt die eigentliche Odyssee.
Aus Liebe wird Kontrolle und aus Kontrolle wird Besitz.
Nach außen sind wir immer das Vorzeigepaar, aber in den eigenen Wänden wird es immer unerträglicher für mich.
Hinzu kommt, dass ich nach einigen Wochen merke, wie er sich hinter seiner Krankheit immer mehr versteckt.
»Ich bin herzkrank, ich kann nicht mehr im Garten arbeiten … Das ist zu schwer für mich …«
»Aber Tabletten mit Rotwein einnehmen, das geht?«
»Du bist ungerecht, du gönnst mir nichts mehr.«
»Doch, aber eine Partnerschaft bedeutet auch, sich einzubringen!«
»Du liebst mich nicht mehr …«
»… feel your breath … feel your body … stop thinking … only yourself is important …«
Only yourself is important – dies realisiere ich erst, als mein Hausarzt zu mir sagt: »Ich weiß, dass Sie ein sehr gläubiger Mensch sind, und dass sie einmal in der Kirche zu Ihrem Mann gesagt haben: ›Bis dass der Tod uns scheidet‹, aber das bedeutet nicht Ihren Tod!«
Ich bin nervlich und körperlich am Ende! Gerade einmal 50 Kilogramm bringe ich noch auf die Waage.
Mittlerweile ist unsere Firma verkauft (und mein Mann als Arbeitskraft halbe Tage gleich mit), unser Haus hat ebenfalls neue Besitzer gefunden und wir beide wohnen bei meiner Schwiegermutter! Eigentlich nur vorübergehend. Haben wir doch von einer Eigentumswohnung am Kanal geträumt. Leider hat der Grundstückbesitzer einen Rückzug gemacht – wir sitzen aber schon auf gepackten Umzugskisten.
Was für Klaus sich als glückliche Fügung erweist – heim zu Mutti –, wird für mich von Tag zu Tag unerträglicher.
Mein Mann hat sich total verändert. Aus einem witzigen, fröhlichen und humorvollen Menschen wird ein verbal aggressiver Mann.
Nach Wochen ziehe ich mit fünf Umzugskisten ins Hotel.
Mittlerweile bin ich Hoteldirektorin desselbigen und in der Kleinstadt natürlich das Klatsch- und Tratschgespräch!
»… feel your breath … feel your body …«
Auf Sylt gelingt mir das. Durch die Seeluft kann ich immer sehr gut entspannen. Aber dieses Mal fällt mir das nicht leicht. Ich hadere mit mir und es fällt mir schwer, Entscheidungen zu treffen.
Was will ich, wo will ich hin? Gebetsmühlenartig habe ich diese Sätze im Kopf.
Selbst am Strand werde ich nur bedingt ruhiger. Immer wieder kommt es mir in den Sinn: »Du wirst noch an vielen Stränden dieser Welt stehen und weinen, bevor es dir besser geht!«
So ein Blödsinn! An welche Strände will ich denn?
Will ich weg? Wohin?
Gerade erst habe ich eine kleine Wohnung gefunden, unweit vom Hotel entfernt.
Der Klatsch hat sich gelegt, ich bin glücklich in meinem Job.
Die Einrichtung stammt nun von Ikea und nicht mehr vom Antiquitätenhändler.
Den gesamten Hausrat habe ich aufgeteilt, Klaus war leider keine große Unterstützung. Achtzig Umzugskisten habe ich allein umgepackt.
Eigentlich wäre es nun an der Zeit, meine Zukunft zu regeln. Möchte ich mich scheiden lassen?
Doch wozu? Der Besitz bzw. das, was davon übrig ist, ist aufgeteilt. An einen neuen Partner verschwende ich keinen Gedanken. Aktuell bin ich mit meinem Leben doch recht zufrieden.
Aber bin ich das wirklich? Immer wieder höre ich die kleine Stimme in meinem Hinterkopf. Es ist fast so, als hätte ich eine kleine Zecke in meiner Seele, die mich immer wieder zwickt und mir vor Augen hält, dass es Zeit ist, mit dem LEBEN anzufangen.
»… feel your breath … feel your body … stop thinking … only yourself is important …«
»Many thanks for visiting my lesson, enjoy your day. Namaste.« Mit diesen Worten entlässt uns der Yogalehrer in den Tag.
Ich packe meine Yogasachen zusammen und Minuten später stehe ich draußen vor Tür. 35 Grad empfangen mich, quirlige Asiaten laufen in hektischem Treiben um mich herum. Es geht geschäftig zu auf Singapurs Haupteinkaufsstraße. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich hier stehe und es wahrgemacht habe.
Ich bin auf Reisen – für dreieinhalb Monate bin ich dann mal weg.
Alles habe ich hinter mir gelassen. Meinen Job als Hoteldirektorin habe ich gekündigt, meine Miete ist noch bis Ende August bezahlt. Danach werden wir sehen …
Nachdem ich von Sylt zurückgekehrt bin, hat ein Wunsch immer mehr Gestalt angenommen. Ich will mein Leben mehr genießen, etwas von der Welt sehen. Ich will weltoffener werden, mitreden können, mein Englisch verbessern.
Dazu beigetragen hat meine Yogalehrerin Saskia.
»Wenn du in deinem Leben NICHTS verändern willst, dann darfst du nicht mit Yoga anfangen …!«
Zu dumm, dass meine Yogastunden am Montagabend zu einem festen Ritual geworden sind. Alle im Hotel wissen, dass ich für diese anderthalb Stunden nicht zu erreichen bin.
Hier kann ich zur Ruhe kommen, hier schöpfe ich Kraft. Aber hier wird auch die Idee geboren, dass ich in die Welt hinauswill. Zugegeben nicht unbedingt der schlechteste Gedanke.
Mein Vetter ist vor zehn Jahren nach Neuseeland ausgewandert – ich finde es nun an der Zeit, ihn zu besuchen.
Nach einigen ruhigen Abenden auf meinem kleinen Balkon und mehreren Gin Tonic nimmt meine Reise immer mehr Gestalt an.
In Dubai will ich beginnen und mir den Hotelmarkt ansehen (immer noch getrieben von dem Gedanken, es sollte zumindest ein bisschen etwas mit Arbeit zu tun haben).
Danach will ich über Singapur nach Neuseeland. Meine beste Freundin Kerstin wollte schon immer mal mit mir nach Südamerika reisen, ich wollte gern nach New York und Boston. Kanada wäre auch nicht schlecht, Südafrika finde ich klasse.
Mit diesen Gedanken mache ich mich auf ins Reisebüro, um zwei Stunden später mit gefühlten 40 Kilogramm an Katalogen wieder auf dem Heimweg zu sein.
Ich muss mir klar werden, welche Prioritäten ich setzen will. Alles geht nicht – da macht mein Bankkonto nicht mit.
Überhaupt – war es nicht eine verrückte Idee? So ein Haufen Geld für eine Reise auszugeben? Danach würde mir von meinem Ersparten bzw. von Haus- und Firmenverkauf nur noch ein kleiner Teil übrigbleiben. Gerade einmal so viel, dass ich eine Wohnung anzahlen könnte.
Ist es mir das wert? Bin ich so mutig?
»Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben«, ist einer der Lieblingssprüche meiner Mutter. Übersetzt für mich bedeutet er so viel wie: »Du kannst alles schaffen.«
Also wovor habe ich Angst? Vor meiner eigenen Courage?
Mit dem Hotel habe ich verhandelt – ich habe so viele Überstunden, dass ich die kommenden fünf Monate noch auf der Gehaltsliste stehe – also auch alle Versicherungen abgedeckt waren.
Was oder wer soll mich aufhalten?
Nach endlosen Gesprächen mit guten Freunden und meiner Familie steht mein Plan und meine Reiseroute Anfang 2011 fest.
Start in Dubai, gefolgt von Singapur, dann Neuseeland. Dort will ich acht Wochen verbringen.
Mein Vetter Christoph lebt mit seiner Familie mitten auf der Nordinsel. Nach mehreren Skype-Terminen steht fest, ich werde nur an den Wochenenden bei ihnen im Country sein. Die restliche Woche werde ich in Auckland in einer WG mit zwei Südafrikanern leben!
»David und Ted sind tolle Kerle. Ich habe mit ihnen zusammengelebt, als ich nach Neuseeland gekommen bin«, war Christophs Kommentar. »Du passt gut zu ihnen und kannst mit ihnen deine Sprachkenntnisse verbessern.«
»Okay, wenn du meinst …« Ganz wohl ist mir bei dem Gedanken am Anfang nicht. Aber ich will ja mal anders leben.
Von Neuseeland aus mit einem Zwischenstopp in L. A. zur Südamerika-Rundreise mit Kerstin. Peru, Bolivien, Argentinien und Brasilien stehen auf dem Programm.
Danach Miami, New York und Boston.
Ich bin aufgeregt, spüre eine unglaubliche Energie in mir und Lust auf das Abenteuer.
Und was total cool ist, viele meiner Freunde wollen mich unterwegs treffen und einen Teil meiner Reise mit mir verbringen – ich bin überwältigt.
»Was möchtest du eigentlich nach deiner Reise machen?«, fragt mich meine Mutter bei einem Telefonat Ende Dezember 2010 so ganz nebenbei.
»So genau weiß ich das nicht. Ich könnte mir gut eine Stelle in der Assistenz vorstellen – oder ich bleibe einfach da auf der Welt, wo es mir gefällt …« Den zweiten Teil des Satzes sage ich aber nicht laut. Bin ich doch selbst ein wenig erschrocken über diesen Gedanken.
Wäre ich wirklich bereit, mein Leben derart radikal zu ändern? Gewiss würde ich in Neuseeland einen Job finden. Ich bin gelernte landwirtschaftlich-technische Assistentin, ausgebildete Zahntechnikerin und habe mir meine Berufsjahre in der Hotellerie und Gastronomie anrechnen lassen, habe sogar meinen Ausbilder gemacht, sodass ich bestimmt in einem der Aufgabengebiete Fuß fassen könnte.
Mal sehen, was die Zeit bringt.
Seit fünf Tagen bin ich nun auf Reisen.
In Dubai bin ich fasziniert davon, was man alles auf Sand und mit Sand bauen kann.
Vom Kopf her bin ich aber noch ganz in meinem Arbeitsrhythmus gefangen. Genießen kann ich nur wenige Augenblicke. Eigentlich habe ich die gesamte Zeit meinen Plan abgearbeitet, was ich mir alles ansehen möchte – aber von Genuss keine Spur. Ich erinnere mich noch genau.
Am ersten Morgen bin ich nach einer traumlosen Nacht aufgewacht, sitze auf meinem Bett – und habe keine Idee, was ich machen soll oder will! Alles um mich herum ist gigantisch, höher, größer, so viel konnte ich durch meinen Tränenschleier erkennen.
»Reiß dich zusammen, Klara. Du wolltest eine Fahrt auf dem Creek unternehmen und dir den Souk ansehen.«
Beeindruckt bin ich von der Jumeirah Moschee.
Die Shopping Malls sind gigantisch, faszinierend auch die Wasserspiele vor dem Burj Khalifa.
Imposant die künstlichen Inseln von »The Palm« mit dem Hotel Atlantis und dem spektakulären Meeresaquarium.
Ich lege einen Strandtag ein, gehe baden vor der traumhaften Kulisse des Burj Al Arab, liege auf meiner Liege – und weine.
Dies ist mein erster Strand auf der Reise und nichts als Tränen – das kann ja heiter werden!
Irgendwie bin ich froh, diesem künstlichen Ort Lebewohl sagen zu können.
Am Flughafen überkommen mich Zweifel. Schaffe ich alles, was ich mir vorgenommen habe? Wie ein Häufchen Elend sitze ich in meinem Stuhl und warte auf mein Boarding.
Es dauert lange, bis ich mich einigermaßen beruhigt habe. Der sehr turbulente Flug trägt auch nicht gerade zur Entspannung bei.
… only yourself is important …«
Alles ist neu für mich in Singapur. Ich wohne bei einer guten Bekannten. Unsere Mütter sind Freundinnen und ich habe den Kontakt vor meiner Reise gesucht. Ich will mit und bei anderen Menschen wohnen und Lisa und Tom sind weltoffen und nehmen mich mit offenen Armen auf.
Ich habe ein Zimmer und Bad für mich allein, die Wohnung ist traumhaft im 10. Stock. Der Pool ist im zweiten Stock – so kann man leben.
Lisa kommt aus dem gleichen kleinen Dorf wie ich, Tom kommt aus Neuseeland. Beide sind beruflich hier in Singapur und so schließt sich der Kreis.
Irgendwie wirkt hier in Singapur alles schon viel leichter. Vielleicht macht es die schwüle Luft oder die unglaubliche Freundlichkeit der Singapurer? Ich kann es nicht so recht greifen, merke nur, dass ich etwas ruhiger werde.
Mit dem Taxi fahre ich nach Chinatown. Ich tauche ein in diese kleinen Gässchen und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Ich schließe die Augen, rieche und höre diese fremde Kultur und lasse mich darauf ein.
Ein paar Meter weiter höre ich eine sympathische Stimme um einen »Stein« feilschen.
Ich biege um die Ecke und sehe vor einem Stand mit unterschiedlichen Jadesteinen eine Italienerin mittleren Alters stehen, die sich mit einer Einheimischen über die Kraft und Magie dieser Steine unterhält. Ganz untypisch für mich und mit noch holprigem Englisch mische ich mich in die Unterhaltung ein. Marinella (sie ist wirklich Italienerin) sucht einen Jadestein, der ihr Kraft und Zuversicht gibt. Gemeinsam suchen wir ein wunderschönes Exemplar aus, und sie ermutigt mich, auch eins für mich zu kaufen.
»Du trägst so eine schöne Kette um deinen Hals, daran kannst du den Stein hängen.«
Ich habe noch gar nicht daran gedacht, die Kette zu erweitern, doch genau in diesem Augenblick wird die Idee geboren.
»Was ist denn in dem Amulett, das du um den Hals trägst?«
»Ein Haar von jeder meiner Freundinnen! Es ist ihr Abschiedsgeschenk gewesen, bevor ich auf Reisen gegangen bin. Etwas von ihnen sollte mich begleiten!«
»Und von wem ist das silberne Herz?«
»Von einer großen Liebe«, höre ich mich leise, aber voller Inbrunst antworten.
Wir schauen uns an, wissend, dass jede von uns eine Geschichte hat, und beschließen spontan, gemeinsam Kaffee trinken zu gehen.
Marinella lebt schon seit sieben Jahren mit ihrem Mann in Singapur. Sie ist glücklich hier, hat aber heute einen entsetzlichen Tag. Ihr Mann hat Krebs und heute wurde es zur Gewissheit, dass es für ihn keine Heilung geben wird! Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, als sie mir dies erzählt.
Wir kennen uns nicht, trotzdem erzählen wir uns unser Leben. Für mich eine der ersten beeindruckenden Situationen auf meiner Reise.
Wir verabreden uns auf Facebook, wollen auf diese Weise in Kontakt bleiben.
Kurz bevor wir uns verabschieden, fragt sie mich nach meinem Sternzeichen.
»Zwilling« antworte ich.
»Und von deiner großen Liebe?«
»Schütze.«
»Passt!«
Irgendwie bin ich benommen von dieser Begegnung. Im Nachhinein fühlt sie sich total surreal an. Aber der Stein an meiner Kette ist Beweis genug.
Ich habe Hunger und esse in einer Garküche, die ich in Deutschland nie im Leben betreten hätte.
Gegenüber ist ein Tempel. Ich ziehe meine Schuhe aus und zünde für all meine Lieben zu Hause Räucherstäbchen an. Ist dies der Weg zur Entspannung?
PURE YOGA, Orchard Road, 42. Stock.
Nur ich bin wichtig …
Klingt egoistisch und doch irgendwie richtig. Lange Zeit habe ich das ICH vernachlässigt. Habe mich immer mehr darum gekümmert, was andere von mir wollen und denken. Habe funktioniert, irgendwie.
Und nun? Bin ich auf dem »Ich-finde-mich-Weg«? Das klingt mir zu banal, außerdem liest man das in jeder Frauenzeitschrift beim Friseur oder beim Arzt.
Aber immerhin lasse ich solche Gedanken zu, beschäftige mich damit.
Auf dem Heimweg komme ich an einem Supermarkt vorbei. Spontan gehe ich hinein und lasse mich von Regal zu Regal treiben. Viele Lebensmittel kenne ich nicht, aber ich bin neugierig und so wandert das ein oder andere in meinen Einkaufswagen – egal, Lisa und Tom werden schon etwas damit anfangen können.
Es ist schon eigenartig. Eine Straße weiter reiht sich ein Shopping-Tempel am anderen, doch ich ziehe es vor, durch einen Supermarkt zu laufen.
Lange habe ich dies nicht mehr gemacht. In Deutschland habe ich die vergangenen Monate im Hotel gelebt, musste mich nicht um die alltäglichen Dinge des Lebens kümmern.
Selbst als ich meine kleine Wohnung hatte, fand doch mein gesamter Tag im Hotel statt. In meinem eigenen Kühlschrank war außer Prosecco wenig zu finden!
»Bleib nicht zu lange in Little India. Wir treffen uns heute Abend noch mit meinen Arbeitskollegen auf einen Drink und veranstalten anschließend ein Barbecue bei Freunden«, ruft Lisa mir nach.
»Keine Angst, ich bin pünktlich zurück!« Fröhlich mache ich mich auf den Weg, um erneut in eine andere Welt einzutauchen. Mit allen Sinnen nehme ich die Gerüche auf und staune über die Farbenpracht der Gewänder, die in diesem Viertel angeboten werden.
Völlig verschwitzt – und auch dreckig – komme ich in die Wohnung zurück und habe gerade noch Zeit für eine schnelle Dusche.
Schon geht es mit Lisa zu ihren Kollegen. Wir treffen uns in einer Bar und ich bin umringt von ihren Kollegen aus Norwegen, China und den Philippinen. Es ist ein bunter Mix. Zugegeben, ich verstehe nicht mal die Hälfte, aber es sind genau die Begegnungen, die ich mir vorgestellt habe. Raus aus dem Trott, mitten ins Leben.
Anschließend noch Barbecue bei Deborah and Dean. Er ist Südafrikaner und ein Arbeitskollege von Tom. Noch nie habe ich am Tisch solch eine Lebhaftigkeit gespürt. Ihre vier Kinder sind im Alter von sieben bis sechzehn, jeder hat etwas zu berichten, aber jeder hat auch seine Aufgabe.
Ich werde sehr nett aufgenommen und ich erlebe einen Multi-Kulti-Familienabend mit viel Gelächter.
Als ich später im Bett liege, spüre ich eine Sehnsucht nach dieser Art von Geselligkeit. Gern möchte ich solche Erlebnisse in Zukunft genießen – mit meiner Familie.
Doch wer und was macht meine Familie aus?
Ein Teil meiner Familie lebt in Neuseeland – diesen werde ich schon in den nächsten 36 Stunden sehen.
Ein anderer Teil lebt am Tegernsee.
Meine Eltern leben getrennt. Meine Mutter ist im Elternhaus geblieben, was für mich auch Heimat bedeutet. Mein Vater lebt bei seiner Lebensgefährtin in der Nähe von Aschaffenburg.
Keine guten Voraussetzungen für die Umsetzung eines solchen gemütlichen Abends.
Doch da gibt es ja noch Paul – meine große Liebe, die so unverhofft, plötzlich und mit Wucht in mein Leben getreten ist …
Köln, E-Werk, 29. Januar 2011, Stunksitzung
… Soll ich mitfahren zu dieser Karnevalsveranstaltung? Mein gesamter Freundeskreis ist bei diesem Event vertreten. Alles Jecken! Wir sind eine Truppe von 32 Personen, alle karnevalistisch verkleidet. Ich bin mir sicher, dass wir jede Menge Spaß haben werden.
Aber eigentlich ist im Hotel so viel zu tun. Ich bin ja auch nicht mehr lange hier. Am 1. April (kein Scherz) startet meine dreieinhalb-monatige Reise.
Aber ich muss auch mal aus dem Trott heraus, wieder mehr mit meinen Freunden unternehmen. Außerdem ist die Karte schon längst bezahlt.
Mit diesen Gedanken mache ich mich auf nach Köln. Ansgar und Bernadette nehmen mich mit und versprechen mir, am anderen Tag recht früh zurückzufahren.
»Bitte seid alle pünktlich um 17:00 Uhr in der Lobby. Wir haben mehrere Taxis geordert, damit wir alle gemeinsam starten können.« Tina und Fritz, unsere Organisatoren, haben alles perfekt im Griff. Es ist schön, wenn ich mich mal um gar nichts kümmern muss.
Ich teile mein Zimmer mit Babette, der Schwester meiner guten Freundin Maria.
Nach gemeinsamem Schminken im Bad geht’s los und wir treffen uns im Foyer. Es ist schon ein witziges Bild, alle im Kostüm. Aber in Köln zu dieser Jahreszeit nichts Ungewöhnliches.
»Wir können nicht alle nebeneinander sitzen. Wir haben Karten in mehreren Blöcken. Klara, du kennst doch Saskia und ihre Freundinnen mit am besten. Hier sind vier Karten für euch. Ihr sitzt ganz weit vorne, wir anderen im hinteren Teil verteilt. Ich denke, das ist so okay, oder?«, fragt mich Tina, die wirklich große Mühe hat, uns alle unter einen Hut zu bringen!
»Klar, kein Problem. Wir sehen uns dann in der Pause an der Bar!«
Zu viert bahnen wir uns den Weg durchs Gedränge. Vorbei an Pferden, Clowns, Piraten, Cowboys, aber auch an Personen, die nicht verkleidet sind. Immerhin ist die »Stunksitzung« als Anti-Karnevalsveranstaltung gestartet!
Das Programm ist fantastisch. Satire und Bissigkeit pur gepaart mit rheinischem Frohsinn.
Wir haben jede Menge Spaß und unser Gelächter erfüllt den Saal.
Das Kölsch fließt, die Band »Köbis Underground« spielt einen klasse Sound.
Zu späterer Stunde stehe ich neben Saskia auf der Bank. Wir singen die Kölsche Lieder, und Saskia fragt mich, wie es mir so geht und ob es wieder einen Partner in meinem Leben gibt.
»Ach, weißt du, Saskia. Ich bin so in meinem Trott eingefahren, dass ich es gar nicht merken würde, wenn ›der Richtige‹ vor mir stehen würde! Aber der Gitarrist da vorne, so jemand könnte mir schon gefallen!«
»Ach der! Schau doch mal da drüben …« Saskia zeigt in die andere Richtung. »Der mit dem blauen Hemd da. Der sieht doch nett aus. Der wäre doch was, oder?«
»Wo, wen meinst du?«
»Na, den da in der Vierertruppe, die nicht verkleidet ist.«
Mein Blick folgt Saskias Zeigefinger, der wild fuchtelnd vor meinem Gesicht auf und nieder schwebt.
Vierertruppe, nicht verkleidet – sehe ich. Blaues Hemd – sehe ich auch.
Und dann blicke ich in zwei Augen – im Nachhinein kann ich nicht mehr sagen, wie lange. Auch nicht, ob aus dem Sehen ein Starren wurde.
Saskia stupst mich an; »Und?«
»Ja, ganz nett …«
»Ganz nett? Der ist doch klasse!«
Ich schaue wieder hin, immer noch schunkelnderweise auf der Bank stehend mit ungefähr zwölf Kölsch intus.
Mein Blick wird erwidert und ich freue mich über dieses sympathische Gesicht in der Menge.
Wir setzen uns wieder und für kurze Zeit widme ich meine Aufmerksamkeit wieder völlig dem Geschehen an unserem Tisch.
Aber diese Augen lassen mich nicht los. Ich wage einen Blick über meine Schulter, aber leider ist mir die Sicht versperrt. Das Einzige, was ich sehe, ist die Hutfeder von Kapitän Jack Sparrow!
»Hat er dir gefallen?« Saskia lässt nicht locker.
»Ja, schon irgendwie.«
»Dann gib ihm ein Zeichen.«
»Ich bin doch keine zwölf!«
»Ist doch egal …«
Tosender Applaus, die Stunksitzung ist zu Ende; der Elferrat zieht aus. Aufbruchstimmung. Unsere Truppe hat beschlossen, nebenan noch tanzen zu gehen.
Wir schieben uns durchs Gedränge und erneut finden sich unsere Augen. Mit einigen Gesten deute ich an, dass ich nebenan zum Tanzen gehe.
Bin ich verrückt? Ich habe viel zu viel Bier getrunken (zumindest Kölsch).
Na, was soll’s, es ist Karneval.
»Und, wo ist er?« Saskia kann echt eine Nervensäge sein.
»Keine Ahnung.«
»Wie keine Ahnung! Soll ich ihn suchen gehen?«
»Kommt nicht infrage. Ich habe ihm angedeutet, dass ich tanzen gehen werde. Wenn er nicht kommt, seine Schuld.«
Wir stehen mit allen anderen in dem zur Disco umfunktionierten Tanzsaal und lassen die Sitzung Revue passieren. Viel gelacht haben wir alle und uns an den Pointen erfreut.
»Ich gehe jetzt mal nachsehen, wo der bleibt.« Saskia ist hartnäckig.
»Meinetwegen …«
Mittlerweile sind Maria und Babette von Saskia infiziert worden.
Na super, jetzt kann ich mir von dreien die Ratschläge anhören!
»Er steht da vorne an der Tür. Die drei anderen sind auch dabei.« Saskia schreit es förmlich in mein Ohr.
»Ja und nun?«
»Und nun, und nun. Dann geh halt zur Toilette …«
»Da war ich doch gerade!«
»Das weiß er doch nicht.«
Ein wenig entnervt mache ich mich auf den Weg.
Was mache ich hier eigentlich? Bin ich noch bei Trost? Da vorne steht er, ins Gespräch vertieft.
Ich biege ab in einen kleinen Gang, halte inne.
Okay, es ist Karneval! Aber in drei Monaten bin ich auf Reisen! Ich habe keine Zeit für irgendetwas »Zwischenmenschliches«! Ich bin 43 Jahre alt, lebe mein Leben und werde jetzt zu den anderen zurückgehen und einen netten Abend verbringen!
Als ich wieder in den Saal komme, blickt er mich geradewegs an und deutet an, dass er sich in meine Richtung in Bewegung setzen wird.
Auch gut, komm du nur!
Und dann kam er!
»Hallo.«
»Hallo.«
»Ich bin Paul.«
»Klara.«
»Wollen wir tanzen?«
»Gern.«
So fing alles an …
Lisa und Tom sind heute Morgen extra noch mal nach Hause gekommen, um mich zu verabschieden.
Zwei Stationen meiner Reise liegen nun schon hinter mir. Heute starte ich für acht Wochen nach Neuseeland. Ich verspreche mir sehr viel von dieser Zeit. Ich habe die große Hoffnung und Sehnsucht, dass ich endlich zur Ruhe komme.
Und ich sehe meinen Vetter wieder. Eigentlich ist Christoph mehr mein Bruder als mein Cousin.
Er ist nur ein halbes Jahr älter als ich. Wir sind zusammen eingeschult worden, hatten gemeinsam Konfirmation. Sind durchs Abi gegangen und dann haben wir auch noch die gleiche Ausbildung. Auch er ist Zahntechniker, hat sogar ein Jahr lang für mich und meinen Mann in unserer Firma gearbeitet. Während dieser Zeit hat er auch bei uns gewohnt.
So entstand schon eine große Vertrautheit.
Als er damals mit 63 Kilogramm Gepäck für zwei Jahre nach Neuseeland geflogen ist, habe ich am Frankfurter Flughafen schon gespürt, dass er nicht wiederkommt.
Und als er dann Charlotte kennengelernt hat, war es auch dem Rest der Familie klar!
Die beiden haben zwei gemeinsame Kinder – Ben und Laura – Tom und Joanna hat Charlotte mit in die Ehe gebracht.
Charlotte kommt gebürtig von den Kapverdischen Inseln, ihre Familie lebt aber nun in Rotterdam.
Mulitkulti und Patchwork ist angesagt. Ich freue mich darauf.
Der Flug ist lang und nicht gerade entspannt. Ein Kleinkind schreit fast die gesamte Zeit und ich komme sehr gerädert an.
Von Weitem kann ich Christoph sehen. Er hat es sich nicht nehmen lassen, mich abzuholen.
Es ist 22:00 Uhr. Er hat einen Arbeitstag hinter sich und ist nun die anderthalb Stunden von Wellsford nach Auckland gefahren, um mich am Flughafen in Empfang zu nehmen.
Ich bin glücklich und gerührt.
Irgendwie hatte ich ein bisschen Respekt vor dieser Begegnung, kann ich doch in solchen Situationen recht nah am Wasser gebaut sein.
Doch nachdem wir uns entdeckt haben, fallen wir uns einfach für Minuten in die Arme, lachen uns an – und können dann vor lauter Emotionen nur noch schweigen!
»Welcome to New Zealand – your home for the next eight weeks.«
»Many thanks.«
Durch das nächtliche Auckland fahren wir zu dem Zuhause von David und Ted.
243 East Coast Bay Road, Mairangi Bay, Auckland 0640.
Dies wird nun auch meine Adresse für die nächsten zwei Monate sein.
Das Haus ist dunkel. Die beiden schlafen schon. Kein Wunder, ist es doch mittlerweile 23:45 Uhr.
Christoph schließt auf und übergibt mir den Schlüssel. Meinen Schlüssel! Ich kann gar nicht beschreiben, was für ein Gefühl das ist.
In einem schnellen Rundgang zeigt er mir das Haus, mein Zimmer – und die Küche.
Eine Küche, in die ich mich sogleich verliebe. Bin gespannt, wie sie bei Tageslicht aussieht.
Christoph muss zurück. Er ist sowieso nicht vor 2:00 Uhr zu Hause!
Und auch ich bin k. o. Er wird mich übermorgen abholen, morgen soll ich erst mal hier ankommen!
Mein Bett ist gemacht, einige Handtücher liegen parat – ein netter Empfang.
Auspacken, duschen, Mails und SMS checken. Ab ins Bett. Doch ich kann nicht schlafen. In meiner Segeltasche befindet sich der Brief meines Chefs. Handgeschrieben. Erst in Neuseeland zu öffnen.
Trotz Neugier habe ich es geschafft: Er ist noch zu.
Soll ich ihn jetzt öffnen, oder doch lieber erst morgen?
Ich halte ihn in der Hand, drehe ihn hin und her – und mache ihn auf.
Ach, du meine Güte. Er ist komplett mit der Hand geschrieben – acht DIN-A4-Seiten – und ich habe Mühe, alles zu entziffern. Wo ist meine Brille?
Ich lese langsam. Fast bedächtig. Vieles, was er mir mit auf den Weg gibt, ist sehr persönlich, eigentlich zu persönlich für einen Chef!
Ich liege im Bett und weine!
Ich ärgere mich über mich selbst. Warum musste ich den Brief jetzt öffnen? Es ist mitten in der Nacht. Ich bin in Neuseeland, am anderen Ende der Welt! Ich bin k. o., alles ist neu, ich werde für die nächsten acht Wochen mit zwei Südafrikanern in einer WG leben, die ich bis dato noch nicht kenne – und nun Tränen und auch Wut – Wut darüber, dass mir jemand, der mir persönlich nicht nahesteht, mich so gut analysiert und damit auch verletzen kann!
Irgendwann schlafe ich ein und wache auf um 8:30 Uhr! Mist, ich hatte mir den Wecker auf 6:00 Uhr gestellt, damit ich David und Ted Hallo sagen konnte!
Toller Einstieg, Klara!
Ich gehe in die Küche und bin gefangen von dem Ausblick!
Die Sonne scheint, ich stehe an der Spüle und schaue auf das Meer!
Es ist eine Wohnküche mit Gasherd, riesigem Kühlschrank, Sitz- und Fernsehecke mit Klavier und einem großen Tisch für mindestens acht Personen.
»Hier werde ich mich wohlfühlen. Hier kann ich zur Ruhe kommen.« Das sind meine ersten Gedanken.
Auf der Anrichte stehen Obst und Müsli für mich. Daneben liegt ein Zettel von Ted:
Hi Klara! Welcome!
Hope you had a good sleep. Please help yourself to anything, I have taken breakfast out for you. Ted
Außerdem hat er mir für den Notfall auch noch seine Telefonnummern dagelassen.
Ich bin gerührt. Damit habe ich nicht gerechnet. Nun habe ich erst recht ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht aufgestanden bin.
Ich brauche ewig, den Gasherd in Gang zu kriegen. Aber irgendwie schaffe ich es, der Espresso blubbert in die kleine, silberne Kanne, Kaffeeduft erfüllt die Küche.
Ich setze mich auf den Balkon und genieße die Aussicht.
Gestärkt von Müsli und frischem Obst bin ich mutig genug, den Brief meines ehemaligen Chefs noch einmal zu lesen – und wieder kullern mir die Tränen.
Vieles bringt er sehr gut auf den Punkt. Ich merke, dass er mich in den drei Jahren unserer Zusammenarbeit sehr genau beobachtet hat. Mit seiner sehr guten Wahrnehmung und mit seinem analytischen Verstand, aber auch mit seiner Offenheit spricht er in dem Brief Wesenszüge und Charaktereigenschaften von mir an, die nicht unbedingt immer angenehm sind.
Auf der einen Seite bin ich erschüttert, andererseits sagt mir eine innere Stimme, dass ich den Inhalt des Briefes als Chance sehen soll.
Ich habe doch letztendlich diese Reise auch angestoßen, um etwas zu verändern, um mich zu verändern.
Spätestens nun weiß ich, dass meine Reise auch ein »trip to the bottom of my soul« werden wird!
Ein Satz brennt sich in mein Gedächtnis ein: »… und wenn Sie bei all Ihrem Engagement, Ihrem Einsatz und Ihren Fähigkeiten nun auch noch Ihre Weiblichkeit in Ihr tägliches Tun und Handeln einfließen lassen, dann können Sie auf Dauer nur erfolgreich sein!«
So ein A…, denke ich, was fällt dem eigentlich ein! Jahrelang habe ich immer nur gekämpft, gearbeitet und Entscheidungen getroffen. Ich weiß auch, dass ich viel zu dünn bin und meine sehr kurzen Haare nur bedingt zu einer weiblichen Erscheinung beitragen!
Meine Mutter liegt mir diesbezüglich auch ständig in den Ohren.
Und was soll ich nun tun? Mir Rundungen anfuttern?
Immerhin trägt meine Wut dazu bei, dass ich nicht mehr weinen muss. Auch ein Vorteil.
Mein Blick fällt durch die offene Tür ins Wohnzimmer. Ganz weit kann man hier die Flügeltüren öffnen, die Sonne scheint bis in die Hälfte des Raumes.
Ein perfekter Ort für meine Yoga-Übungen.
Ohne lange zu überlegen, ziehe ich mir meine Sportsachen an, lege zwei Decken übereinander und beginne mit den Sonnengrüßen.
… feel your body … feel your breath …
Es geht wie von selbst. Der Blick ist fantastisch, in der Ferne glitzert das Meer, die Palmen im Garten wiegen sich im leichten Wind.
Mit jedem Atemzug genieße ich mein neues Zuhause, meine Heimat für die nächsten acht Wochen.
Deutlich ruhiger und entspannt packe ich nach einer guten halben Stunde meine Sachen zusammen und beschließe, die Umgebung zu erkunden. Außerdem brauche ich Bargeld. Vielleicht sollte ich mal den Kühlschrank etwas auffüllen. Mit David und Ted muss ich heute Abend besprechen, wie die Aufgaben in unserer WG verteilt werden.
Immer den Berg hinunter Richtung Beach. Ich orientiere mich an Kreuzungen und Straßennamen. Es ist keine große Entfernung. Schon nach ca. zehn Minuten stehe ich am Strand.
Ich staune und lasse die neuen Eindrücke auf mich wirken.
Wasser hatte schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich – oder sagen wir mal, eine befreiende.
Hier stehe ich nun, am anderen Ende der Welt. In Deutschland ist es Mitternacht und mir scheint hier um 12:00 Uhr mittags die Sonne ins Gesicht.
Ich setze mich auf einen großen Stein und schließe die Augen.
Was fühle ich? Stolz, dass ich es bis hierher geschafft habe. Glück, dass bis hierher alles gut funktioniert hat. Angst, was die Zukunft bringen wird …
Dieses Gefühl ist einfach da. Ich schaffe es nicht, den Schalter umzulegen, positiv zu denken.
Die Tränen laufen – wieder an einem Strand!
Wenn ich wieder zu Hause bin, brauche ich einen Job. Ich muss Geld verdienen.
Zurück in die Hotellerie möchte ich nur bedingt. Es macht riesigen Spaß, aber der Verdienst ist lausig und die Arbeitszeiten mörderisch – ein Beziehungskiller.
Und eine Beziehung möchte ich nicht noch einmal aufs Spiel setzen.
Nachdem wir die halbe Nacht unter Beobachtung von 32 Augenpaaren getanzt haben – gute Freunde wollten mich sogar vor diesem aufdringlichen Kerl »retten« – warten Paul und ich gemeinsam mit Maria und Saskia vor dem E-Werk auf ein Taxi.
Ich habe meinen grauen Wollmantel mit dem großen Kragen an. Paul steht hinter mir und vergräbt seine Hände in meinen Manteltaschen.
Es ist ein sehr angenehmes Gefühl, wenn er mit seinen 1,94 Metern hinter mir steht – es hat etwas Beschützendes an sich.
