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Yolanda von Falkenstein, die übellaunige Zauberin, hat einen schlechten Tag erwischt. Ihr langjähriger Lakai und Weggefährte ist mit einer drallen Blondine durchgebrannt und dann naht auch noch der Graf von Silberauen mit seinen Männern, um sich wegen dieser kleinen Belagerung von damals zu rächen. Verfolgt von der mordlustigen Meute flieht sie über die Berge ins Nachbarland, wo sie einen Skiunfall erleidet und zu einem gewissen "Marlon" gebracht wird, der ebenfalls ein Zauberer ist und einen eigenen Problemhaufen angesammelt hat. Der tyrannische Prinz John hat es sich auf dem Thron seines verschollenen Bruders Richard gemütlich gemacht. Er soll abgesetzt und durch einen Jungen namens Arthur ersetzt werden. Doch der Thronräuber hat das Prisma gestohlen, die Multifacetten-Kristallkugel, mit der Marlon gleichzeitig mehrere Orte überwachen konnte. Yolanda wittert ihre Chance, im geplanten Putsch mitzumischen.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Niels Rudolph
Yolanda
und der böse Prinz
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Landkarten
Vorwort des Chronisten:
Vorwort von Yolanda:
¼. Kapitel: was dann geschah …
1. Kapitel: was wirklich geschah.
2. Kapitel: Willkommen in Harpienfels
3. Kapitel: auf nach Camealot
4. Kapitel: Die Reise beginnt.
5. Kapitel: Kupferbach-Katastrophen
6. Kapitel: ein kleiner Umweg
Kurzintervention des Chronisten
7. Kapitel: die lustigen Gesellen
8. Kapitel: Edward im Schneeversteck
9. Kapitel: Mission Impossible?
10. Kapitel: in den Fängen des Mystikers
11. Kapitel: aus dem Kerker in den Kerker …
12. Kapitel: die letzten Stunden
13. Kapitel: das Duell
Anhang: Yolandas Tagebuch
Impressum neobooks
»Nach der Niederschrift der ersten Chronik der Scherbenländer blieben einige Fragen offen. So fragte man mich zum Beispiel, was aus Yolanda und ihrem Lakaien Manon wurde, nachdem der Turm auseinanderbrach, in dem der Webstuhl der übellaunigen Zauberin stand.
Mithilfe von Teleportation rettete sie sich auf die Turmkrone, doch war sie gegen den Liebesspruch des Zauberringes nicht gefeit, den Wulfhelm dem ehemaligen Diener gab.
In seiner jugendlichen Weisheit maß der Zauberlehrling dem Reif genug Macht bei, um Manon vor dem Zorn der Meisterin zu schützen und den Gefährten gleichzeitig keinen Schaden zufügen zu können. Die Kraft des Schmuckstücks wirkte, und nachdem Yolanda die Verzauberungen von ihrem Diener genommen und seine Gestalt wiederhergestellt hatte, teleportierte sie sich mit ihm in ein entlegenes Versteck, um die Niederlage zu verarbeiten. Hier nun soll mein Bericht der Ereignisse beginnen, die danach stattfanden, so wie es in den Chroniken der Scherbenländer aufgezeichnet ist.«
»Umbringen wollte er mich. Yolanda von Falkenstein, den heimlichen Star der ersten Chronik. Gegen mein brillantes Spiel blieb der bleiche Bengel mit dem spitzen Hut doch genauso zurück, wie er aussah: blass und farblos! Die perfiden Akzente fieser Bosheit setzte einrichtigerCharakterdarsteller, nämlich ich!
Aber was war der Dank? Im Fluss plante dieser Chronist mich zu ersäufen, wie einen Sack voller Katzenjungen, derer man überdrüssig war. Ich entwischte ihm jedoch.« Yolanda kichert bösartig. »Wenn er wenigstens den Arsch in der Hose hätte, zuzugeben, dass es ihm die ganze Zeit nur darum ging, meine Gage einzusparen.
Ich muss gestehen, dass mich die Sache mit diesem Ring kalt erwischte. Auch brillante Geister haben mal einen schwarzen Tag.
Als ich den faulen Zauber jedoch erst mal durchschaute, war es ein Leichtes, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Die Pläne, die Weltherrschaft an mich zu reißen, lagen nach wie vor auf dem Tisch. An dieser Stelle soll nun die Geschichte erzählt werden, wie sie sich wirklich zugetragen hat, und wie es mir gelang, zu alter Größe aufzusteigen. Besser gesagt: Sie zu übertrumpfen, überflügeln … Sonnt Euch im Glanze meiner triumphalen Herrschaft! Los Schreiberling, fang schon an!«
Etwas irritiert öffne ich die Chronik, und beginne zu erzählen:
»Das weitere Schicksal von Manon und Yolanda beginnt mit der Flucht in den Familienlandsitz jener von Falkenstein, einige Meilen nordwestlich von Silberauen. Das Anwesen war seit geraumer Zeit verwaist und wies diverse Baufälligkeiten auf, die dem Glück des jungen Paares jedoch nicht im Wege stehen sollten. Liebestrunken vergaß die Zauberin ihre finsteren Pläne und begann das Haus behaglich einzurichten, während Manon sich um die Schäden draußen kümmerte …«
»Mach mal halblang, Tintenlutscher. Willst Du jetzt die ganze Zeit so geschwollen daherschwafeln? Was kommt als Nächstes? Häkeldeckchen und Landidylle mit einem Haufen Bambinos wie die Orgelpfeifen?«
»Am Anfang wart Ihr doch glücklich verliebt und zufrieden miteinander. Die Machtgelüste waren in weite Ferne gerückt und hatten Platz für profanere Wünsche nach Familie und Geborgenheit gemacht.«
»Aber nur, bis ich den Zauber durchschaut und Stummel in die Wüste geschickt habe.«
Ich stutze, schiebe die Brille auf den Nasenrücken und lasse den Finger über die Zeilen der Chronik gleiten. »War es nicht eher umgekehrt? Dass er Deiner überdrüssig wurde und sich nach einer Anderen umgeschaut hat?«
»Du vergisst wohl, wer der beschränkte Lakai und wer der geniale Bösewicht ist.«
»Bescheuert war Manon ja nun wirklich nicht, eher gehandicapt, was ja wiederum Dein Verschulden war. Er hatte Dir auf dem Turm die Hand gereicht, weil er es als Chance betrachtete. Doch sehr viel Zeit dürfte kaum vergangen sein, bis er gemerkt hat, dass Du im tiefsten Inneren stets die herrschsüchtige Tyrannin geblieben bist.«
»WAS? Du %§&$# &#§%*!!!« Yolandas Augen funkeln böse. »Wer hat mich denn so erschaffen?!«
»Immer sachte. Du hast doch eine adlige Kinderstube, in die solche Kraftausdrücke wirklich nicht passen. Denk daran, dass auch Kinder diese Geschichte lesen könnten«, versuche ich sie zu beruhigen.
»Ach ja? Ich möchte Deinen Umgangston mal hören, wenn Du tagaus, tagein in einer muffigen Ungeheuer-WG leben müsstest.«
Ich räuspere mich und bin bemüht, den Faden aufzunehmen.
»Manon verließ Yolanda also, und die garstige Zauberin gab sich immer öfter der zweiten großen Leidenschaft neben der Weltherrschaft hin: Tee und Schokoladenkeksen. In unendlichem Herzeleid verlor sie die Kontrolle über den Gebäckkonsum und nahm beträchtlich zu …«, ich stutze erneut. Da stimmt doch etwas nicht.
»Pah! Neunmalkluger Geschichtenonkel! Sieht es etwa so aus, als hätte ich auch nur ein Gramm zu viel auf den Rippen?« Sie dreht sich keck um die eigene Achse.
»In der Tat …«, stammele ich. In meiner Chronik ist alles völlig anders beschrieben, als ich es in Fleisch und Blut vor mir sehe. Yolanda ist das blühende Leben. Schlank, attraktiv, jung … Das ist es! Sie wirkt zu jugendlich. Ich rechne nach.
»Gerade begleitete ich Wulfhelms Reisen in die Südlande. Die erste Chronik spielt vor zwölf Jahren und damals warst Du Mitte zwanzig, also musst Du schon fast 40 sein. Da hast Du doch an der magischen Matrix herumgezupft, um Deine Kurven wieder in Form zu bringen«, stelle ich tadelnd fest.
»Wulfhelm! Immer dieser Zauberlehrling! Was hat der, was ich nicht habe?«, stöhnt sie entnervt.
»Einen guten Charakter«, antworte ich humorlos. »Können wir jetzt weitermachen?«
»Ja, ja …«
»Yolandas Herz brach also, weil ihr Geliebter sie so schnöde für eine dralle Blondine aus Graustein verließ, die in einem Wäldchen in der Nähe Beeren sammelte, als …«
»Das ist ja gar nicht wahr! Erzähl die Geschichte gefälligst richtig!«, faucht Yolanda. »Ich sehe ja aus wie die letzte Loserin! Berichte lieber, wie ich die Kaiserin von Harpienfels wurde.«
»Äh …«, beginne ich und blättere verwirrt in der Chronik. »Wann soll das stattgefunden haben?«
»Wahrscheinlich, als Du in den Südlanden Wüstenflöhe gezählt hast. Geh mal beiseite. Jetzt erzähle ich die Geschichte!«
Natürlich sah ich die drohende Niederlage im Turm der Burg Falkenstein voraus und beschloss, einen strategischen Rückzug anzutreten. Stummel nahm ich mit mir, denn jeder Oberbösewicht, der etwas auf sich hält, verfügt selbstverständlich über einen speichelleckenden Lakaien, der für Tee, Kekse und die sonstige anfallende Drecksarbeit zuständig ist. In dieser Hinsicht war er auch weit zuverlässiger als die Ungeheuer.
Der alte Familienlandsitz erschien mir ein recht brauchbarer Unterschlupf zu sein - wenigstens, bis sich etwas Besseres fand. Als Erstes ordnete ich an, die windschief in den Angeln hängenden Fensterläden mit ein wenig fescher Farbe aufzuhübschen. Schließlich sollte die Residenz meine zukünftige Visitenkarte werden, und der abblätternde Lack wirkte alles andere als prunkvoll. Ich will die Leser aber nicht mit der langwierigen Renovierung des Anwesens langweilen.
Wir lebten bereits einige Monate dort und ich hatte just die kleine Glocke gebimmelt, mit der ich mein Bedürfnis nach etwas Gebäck zum Frühstück signalisierte. Es war keinerlei Regung im Haus zu spüren. Als es mir schließlich zu bunt wurde und ich beschloss aufzustehen, um den Lakaien zu bestrafen, stellte ich fest, dass seine Seite des Bettes unberührt war. Seltsam … War er denn nicht gestern Abend noch da gewesen? Der selbst gemachte Met war aber auch zu lecker. Dementsprechend schwer war heute der Kopf.
In letzter Zeit war einfach kein Verlass mehr auf das Personal. Dauernd trieb er sich irgendwo herum, wenn ich seine Dienste am dringendsten benötigte. Ich beschloss, dem ein Ende zu bereiten, stand auf und öffnete das Fenster.
»Du bist gefeuert, Stummel!!! Solltest Du es wagen, wieder angekrochen zu kommen, verwandel ich Deinen Hintern in eine Hornhautraspel und schicke Dich zurück zu den Ungeheuern nach Burg Falkenstein!« Als ich so meine Ungnade zum Ausdruck brachte, fielen mir mehrere Reiter auf, die sich dem Landsitz näherten. Sie trugen das Banner des Grafen Oswald von Silberauen und Waffen und Rüstungen, die in der Morgensonne blitzten. Der hatte mir gerade noch gefehlt. Damals hatte ich versucht, diesen Landstrich zu erobern, was leider nicht ganz geglückt war. Irgendeine olle Petze, womöglich sogar Stummel selbst, musste dem Landesfürsten gesteckt haben, dass im verlassenen Anwesen jener von Falkenstein abends Licht brannte. Jetzt wollte er sich gewiss persönlich ein Bild von der Lage verschaffen. Ob Oswald nachtragend war?
Ich beschloss, es nicht auf einen Versuch ankommen zu lassen und schlüpfte aus meinem Nachthemd und in ein schwarzes Samtkleid. Es erschien mir das Beste, durch die Hintertür im nahe gelegenen Wald zu verschwinden. Als ich kurze Zeit später aus dem Unterholz heraus das Anwesen in Flammen aufgehen sah, war ich sicher: Oswald war nachtragend und unzivilisiert dazu.
Was für ein übel riechender Haufen Trolldung! Lakai weg, Schaltzentrale der Macht weg. Besser ich sah zu, dass ich auch schleunigst wegkam. Und Du: Mach den Kopf zu, Chronist! Das war alles geplant.
Ich floh in den Wald, in Richtung der Berge des Todes. Es war unwahrscheinlich, dass mir die Soldaten folgten, aber ich zog es vor, kein unnötiges Risiko einzugehen. Bestimmt war es empfindlich kühl dort oben. Außerdem hielten sich hartnäckige Gerüchte, dass in der Gegend ganz übles Gelichter hausen sollte. Meine Laune war dementsprechend nicht die beste, denn ich war gezwungen, ohne ein stärkendes Frühstück aufzubrechen. Der Boden in Ardavil war im Moment einfach zu heiß für weltherrschaftliche Ambitionen geworden, besonders im familiären Anwesen, und ich überlegte, wohin ich mich wenden sollte. Selbst wenn Oswald unverrichteter Dinge abrückte, schienen mir die Umdekorierungsmaßnahmen meiner Residenz wenig dazu geeignet, dass man sich dort weiterhin wohlfühlen konnte.
Der Mischwald wurde mit zunehmender Nähe zum Gebirge immer mehr von Nadelbäumen dominiert, hauptsächlich mächtigen Kiefern. Farne und dorniges Gestrüpp erschwerten mir das Vorwärtskommen.
»Das fehlte jetzt noch, dass ich mir das Kleid ruiniere«, knurrte ich missvergnügt, als sich zielstrebig Hufschlag näherte. Verflixt! Sie schienen die Fährte aufgenommen zu haben. Wie war das nur möglich? Schließlich sanken meine zierlichen Füße kaum in den Waldboden ein.
Ohne länger zu überlegen, lief ich los. Mit ihren Pferden konnten die Verfolger nicht viel schneller in diesem Dickicht vorankommen, als ich, und sobald ich etwas bessere Sicht hätte, würde ich mein arkanes Muster an einen geeigneteren Ort verschieben.
Menschliche Zauberer verließen sich auf Formeln und Gesten, um die gewünschten Effekte zu erzielen. So eine Art von Magie beherrschte ich zwar auch ein wenig, nutzte jedoch meist eine andere. Ähnlich wie die Elfen, besaß ich einen natürlicheren Bezug zum magischen Geflecht, das alle Dinge umgibt. Es war mir möglich, es zu »sehen« und zu beeinflussen! Wenn ich die Knotenpunkte verschob, war ich in der Lage, aus einem Quader eine Pyramide zu machen. Nur die Beschaffenheit ließ sich auf diese Weise nicht verändern. Ich konnte weder Blei in Gold verwandeln, noch Mist in Erdbeeren. Das war den Bauern vorbehalten - also Letzteres …
»Da ist die Hexe! Ergreift sie!«, hörte ich hinter mir eine Stimme. Was redete der da? Ich war versucht, stehen zu bleiben und dem Lümmel mal meine Meinung zu geigen. So eine Unverschämtheit! Doch ein Trieb steuerte dagegen und meinte, es sei besser, erst mal ein paar Meilen zwischen mich und diese unzivilisierten Rüpel zu bringen. Oder zwanzig Höhenmeter, was aufgrund der geringen Sichtweite leichter zu bewerkstelligen war. Ich schob mein Muster auf die Spitze des nächsten Baumes. Wie entwürdigend!
»Wo ist sie hin?!«, schrie einer der Reiter am Boden. Ich konnte nur drei Gestalten entdecken - weniger, als befürchtet - war mir jedoch ziemlich sicher, dass der Rest von Oswalds Leuten ganz in der Nähe war.
Es schadete gewiss nicht, wenn ich mir eine überlegene Strategie zurechtlegte. Es war doch eine Unart, dass mich so ein paar Hampelmänner eines Landadligen durch den Wald scheuchten wie ein Reh! Obwohl der Vergleich recht gut zu meinem zarten Wesen passt, falls ich das einmal anmerken darf. Eine von Falkenstein gibt nicht so schnell auf, also nahm ich mir vor, die gesamte Bande bis Anbruch der Nacht vor mir im Schlamm kriechen zu lassen, wo sie hingehörten. Sie waren noch langsamer geworden und sahen aufmerksam in alle Richtungen, während sie dicht an einem weiteren Baum vorbei ritten. Den suchte ich mir für ein Ablenkungsmanöver aus und schnürte sein Muster unten am Stamm zusammen wie einen Sack Getreide, den man mit einem Band verschließt. Es knirschte und knackte Unheil verkündend. Dann neigte sich die Kiefer und fiel splitternd auf die Reiter zu.
»Vorsicht! Der Baum!«, rief einer und presste dem Pferd ruckartig die Fersen in die Flanken. Seine Begleiter taten es ihm gleich und sprengten ein gutes Stück von der Stelle davon, wo Sekunden später die Nadeln auf den Boden peitschten.
»So ein Ärger«, murmelte ich verdrossen. Dann entfuhr mir ein Aufschrei, den ich sofort unterdrückte. Der Baum, an dem ich mich selbst festklammerte, war voller Harz und hatte mein teures Samtkleid ruiniert. Der Versuch, das stinkende Zeug abzuwischen, endete damit, dass es noch besser verteilt wurde und die Hände klebten. Ich musste wie ein Fliegenfänger aussehen und erfüllte gewiss auch einen solchen Zweck.
»Das sollen sie büßen!«, schwor ich mir. Zu allem Überfluss hatten die Burschen offenbar gehört, wie ich meinem Unmut Luft machte, denn kurze Zeit später flog ein Feuerpfeil in das Geäst und setzte die harzigen Zweige in Brand. Ein Hörnersignal erklang und in einiger Entfernung antwortete ein anderes. Beißender Rauch stieg mir in die Augen und erschwerte die Sicht auf die Matrix. Das war dramatisch und konnte absolut untriumphal enden. Als es langsam unangenehm hitzig wurde, gelang es mir, die Konzentration auf einen benachbarten Baum zu lenken und ich verschob mein Muster darauf. Viel Zeit, um durchzuatmen, blieb mir jedoch nicht. Der Sprung war zu kurz, um aus dem Blickfeld der Verfolger zu entschwinden. Der Rauch brannte in den Augen, ich klebte wie ein Honigbrötchen und zu allem Überfluss flog ein zweiter Pfeil in die Äste und setzte sie in Brand. Diese Idioten würden noch den gesamten Wald abfackeln. Vielleicht sollte ich geschmeichelt sein, dass sie das in Kauf nahmen, um Yolanda von Falkenstein in die Finger zu kriegen. Denkste, Oswald, so einfach mache ich es euch nicht!
Mit tränenblindem Blick suchte ich nach einem weiteren Ziel, um einen komfortableren Abstand zwischen mich und meine Häscher zu bekommen. Ich machte die Silhouette der Berge im Westen aus und sprang mit kleinen Hopsern von einer Baumkrone zur anderen. Es gelang mir jedoch nicht, die Verfolger abzuschütteln, denn die Stimmen folgten mir. Auch wenn sich die Distanz vergrößerte, schlossen die Häscher doch immer wieder zügig zu mir auf.
Langsam ermüdete ich von der vielen Zauberei ohne morgendliche Stärkung. So war es kein Wunder, dass ich den Halt verlor und inmitten zerbrechender Äste dem Boden entgegenstürzte. Die Nadeln stachen mir schmerzhaft in die Haut, bremsten aber auch den Fall und verhinderten wohl, dass ich mir das Genick brach. Ich landete in einem Haufen trockenen Laubs und Tannennadeln, die an meinem verharzten Kleid hängen blieben. Ich hatte zwar keinen Spiegel zur Hand, konnte mir jedoch lebhaft ausmalen, welchen Anblick ich bieten musste.
»Dahinten muss sie sein! Die Hexe ist vom Baum gefallen.«
Langsam wurde es brenzlig und entwickelte sich immer mehr zu einer Treibjagd. Fehlte noch, dass sie mit Hunden anrückten. Am ganzen Körper mit Laub bedeckt, rappelte ich mich auf und lief weiter. Endlich kam ich an eine Stelle, wo der Silberfluss an mir vorbeirauschte. Hier, in der Nähe der Quelle, war er sehr flach und floss mit heftiger Strömung über kleine und große Steine. Am anderen Ufer erkannte ich hoch aufragende Felswände und rettete mich auf einen Felsvorsprung, auf dem eine mickrige Fichte den kargen Lebensbedingungen trotzte. Ich atmete erleichtert auf, sah jedoch gleich darauf, dass ich mit dem Baum allein hier oben war. Kein Weg führte hinunter von dem schmalen Sims, der kaum größer war als ich selbst. Ich hatte ein halbwegs sicheres Gefühl und beschloss, eine kleine Verschnaufpause einzulegen, als der erste Pfeil geräuschvoll von der Felswand neben mir abprallte. Ich warf mich flach auf den Boden und spähte über die Kante. Meine drei Verfolger ritten am anderen Ufer entlang und machten zögernde Versuche, den reißenden Fluss zu durchqueren. Die Strömung war jedoch zu stark für die Pferde, sodass sie wieder an Land trotteten.
»Ha! Bestellt eurem Grafen, dass Yolanda von Falkenstein nicht so leicht zu fassen ist!«, rief ich triumphierend und drehte ihnen eine lange Nase, was sie prompt mit erneutem Pfeilbeschuss quittierten. Die Geschosse hatten jedoch kaum noch Wucht, als sie gegen den Fels schlugen. Ich zog mich so weit wie möglich an die Felswand zurück und sammelte meine Kräfte. Unten taten die nachfolgenden Truppen das Gleiche und ein Teil ritt schließlich flussaufwärts, wo sie gewiss einen Übergang finden und in besserer Bogenschussweite zurückkehren würden. Die anderen sollten mich wohl im Auge behalten. Mist.
Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis Oswald eine Möglichkeit fand, den Fluss zu überqueren, also beschloss ich, so schnell wie ich konnte, ins Gebirge abzuhauen. So gern ich diesen Lumpen dort unten ein paar Manieren beigebracht hätte, war ich doch viel zu erschöpft dazu. Als ich mich kräftig genug fühlte, nahm ich einen der schneebedeckten Gipfel der Berge des Todes ins Visier und versetzte mein Muster darauf.
»Kalt, kalt, kalt!«, bibberte ich und schlang die Arme um den Körper. Der plötzliche Temperaturunterschied traf mich zwar nicht völlig unvorbereitet, fiel jedoch heftiger aus, als erwartet. Für alpine Exkursionen war meine Garderobe weniger ausgelegt, doch ich stellte erleichtert fest, dass der Himmel wolkenlos war. Es dauerte eine Weile, bis sich die Augen an das blendende Weiß gewöhnt hatten und der Kreislauf so weit in Schwung kam, dass ich nicht mehr so fror. Missmutig stapfte ich durch den Schnee in Richtung Westen, tiefer in die Berge. Wann immer meine magische Energie es zuließ, hüpfte ich auf den nächsten Gipfel in Sichtweite. Mir knurrte der Magen, ich wurde langsam durstig und die Schuhe drückten. Ich formte einen Schneeball und stopfte ihn in den Mund. Nie hätte ich es für möglich gehalten, den Tee je auf die Hauptzutat reduzieren zu müssen: schnödes Wasser, das nicht einmal heiß war.
Anfangs zupfte ich noch an den Blättern herum, die überall an meinem Kleid klebten, bemerkte jedoch bald, dass mich die Laubhülle etwas vor der Kälte schützte. Da ich kaum erwarten konnte, in dieser Gegend auf vernunftbegabte Wesen mit einem gewissen Modebewusstsein zu treffen, ließ ich den Kram hängen. Dazu war immer noch genug Zeit, wenn ich die andere Seite erreichte: Harpienfels. Ich war nie dort, doch ich hatte in Büchern darüber gelesen, dass die Armee des Landes einst über die Berge kam, und versuchte Ardavil zu erobern, was jedoch kläglich scheiterte. Erinnerungen an eigene Ambitionen, Graf Oswalds Ländereien unter mein Joch zu zwingen, ließen mich innehalten. Der Antrieb dazu kam von Rachegelüsten, die noch viel weiter zurücklagen. Damals, als ich dreizehn war und beide Elternteile verlor. Bis dahin war das Verhältnis der Familie von Falkenstein zur Grafschaft Silberauen sehr herzlich. Ich sollte sogar einmal den Sohn des Grafen, Brandan, heiraten, doch dann verstarb Vater unter mysteriösen Umständen und ich war überzeugt davon, dass er das Opfer einer Intrige wurde, für die Oswald verantwortlich war. Ein halbes Jahr später folgte meine Mutter ihm aus lauter Gram nach. Ich sah sie im Mondlicht in ihrem weißen Nachthemd auf den Zinnen stehen. Dann, als eine Wolke kurz den Mond verfinsterte, war sie verschwunden. Für immer.
Ein Feuer brannte nun in mir, das mich beherzt ausschreiten ließ. Um eine weitere Bergspitze herum und mit neuer Entschlossenheit dem Ziel entgegen. Vielleicht fand ich Verbündete in dem fremden Land, mit denen ich dann zurückkommen könnte, um Rache an dem Mörder meiner Eltern zu nehmen. Plötzlich hatte ich Rauchgeruch in der Nase und … gebratenes Fleisch! Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Das hieß aber auch, dass hier jemand lebte.
»Sei vorsichtig, Yolanda!«, ermahnte ich mich, doch der Geruch wirkte wie ein Zauberinnenmagnet. Hinter der Biegung erblickte ich eine Höhle, vor der Schilde aus Fell und primitive Spieße in einem Gestell aus zusammengebundenen Ästen aufgestellt waren. Um eine Feuerstelle lagen ein paar kurze Baumstämme als Sitzgelegenheiten. Das sah mir sehr nach orkischem Mobiliar aus. Von den Bewohnern konnte ich keine Spur entdecken, aber sie mussten in der Nähe sein, denn über einem Bratspieß hing ein mäßig abgehäutetes Tier, das wohl einmal eine Ziege oder Gams war. Vermutlich hielten sich die Ungeheuer in der Höhle auf. Dicht an die Felswand gedrängt näherte ich mich dem Eingang und spähte um die Ecke. Ein etwa fünf Schritte breiter Gang, in dem mannsgroße Felsen lagen, führte leicht abwärts in eine natürliche Kaverne. Von den Bewohnern konnte ich keine Spuren ausmachen. Perfekt. Ich würde mir ein Ziegenbein ausleihen und zusehen, dass ich weiterkam. Geschwind näherte ich mich dem Braten und fuhrwerkte an einem Schenkel des Tieres herum - bog, drehte und zerrte, bis er sich löste. Verkohlte Stoppeln vom Fell rieb ich ab und schlug gierig die Zähne hinein. Ziege war wegen des strengen Geschmacks nicht unbedingt mein Leibgericht - da bevorzugte ich zarten Fasan oder Pasteten - aber in der Not …
Hinter mir erklang ein wildes Geschrei und ein hastiger Blick über die Schulter bestätigte: Der Mundraub war aufgeflogen und offenbar keineswegs von der Gastfreundschaft abgedeckt. Mit der Ziegenkeule in der einen und dem Kleidersaum in der anderen Hand machte ich mich hurtig davon, als sich neben mir bereits ein Speer in den Schnee bohrte. Das war wirklich nicht mein Tag! Der Verfolger, ein haariger Bursche mit Fellen und Ledergurten bekleidet, wandte mir den Rücken zu und bellte etwas in die Höhle hinein. Feigling! Der rief nach seinen großen Brüdern, oder wie? Zu viert rannten sie zeternd hinter mir her, und da meine Aufmerksamkeit ganz ihnen galt, rutschte ich auf einer vereisten Fläche aus und schlitterte in einer Rinne talwärts.
Die lange Herrschaft über einen Haufen Ungeheuer hat mich einige derbe Flüche gelehrt und die probierte ich jetzt alle einmal aus. In einer seichten, rundlichen Spur, in der etwas zur Höhle hinauf oder herunter geschleift worden war und durch den gepressten Schnee vereiste, nahm ich immer mehr Fahrt auf. Johlend folgten die Orks meinem Beispiel und warfen sich bäuchlings in die Rinne. In Serpentinen ging es mit rasant steigendem Tempo den Berg hinunter und ich rechnete besorgt aus, wie viel Yolanda in etwa übrig bliebe, falls ich unvermittelt auf eine Wand träfe. Wenn ich schon sterben sollte, dann nicht mit leerem Magen, also biss ich herzhaft in die Ziegenkeule, die ich immer noch umklammert hielt.
Während ich mich stärkte, überlegte ich fieberhaft, wie ich dem Quartett hinter mir am ehesten die Lust an der weiteren Verfolgung verleiden konnte. Ich spürte zwar, wie meine Kräfte langsam zurückkehrten, doch sollte ich trotzdem mit ihnen haushalten. Vier Ungeheuern die Füße auf die zehnfache Größe anschwellen zu lassen, klang zunächst recht amüsant, aber das ließ sich kaum bewerkstelligen, ohne mich erneut mächtig auszulaugen. Nein, da musste eine bessere Lösung her. Ich war satt und spielte mit dem Gedanken, die angekaute Keule einfach nach meinen Verfolgern zu werfen, doch ein Geistesblitz gebot mir, auch davon Abstand nehmen. Vielleicht konnte ich den fleischigen Knochen noch als Ruder oder Waffe gebrauchen. Eine innere Stimme schlug mir außerdem mit zynischem Unterton vor, anstelle von acht Orkfüßen lieber zwei Zauberinnenfüße zu vergrößern, was mir einen besseren Stand auf dem rutschigen Untergrund geben würde. Ich hielt ihr entgegen, dass ich dafür umso schlechter laufen könnte, aber sie lachte nur und meinte, ich sollte versuchen, auf den großen Sohlen über den Schnee zu gleiten. Sicher, jetzt war genau der richtige Zeitpunkt, um mit fragwürdigen Experimenten zu beginnen. Doch die Stimme ließ nicht locker und gaukelte mir Bilder vor, wie ich auf Riesenfüßen vor den Orks davonbrauste mit dem Ziegenbein als Steuerruder. Das wirkte schon in der Vorstellung dämlich und erniedrigend, wo es funktionierte! Wie sähe das Ganze in der Realität aus, in der ich nicht zur Körperertüchtigung neigte?
Die Gedanken wurden jäh unterbrochen, als die Rinne eine scharfe Kehre beschrieb, mein Körper aber unbedingt geradeaus weiter wollte. In hohem Bogen flog ich aus der Spur und purzelte durch den Schnee, der sich zwischen den Blättern und Nadeln auf dem Kleid festsetzte. Immer langsamer rollend blieb ich schließlich schnaufend liegen. Den Orks war es gelungen, in der Kurve zu bremsen und sie kamen brüllend angelaufen. Also gut, keine Zeit für Eitelkeiten. Ich war bereit, meiner inneren Stimme nachzugeben und stellte mir mit zusammengekniffenen Augen - ich wollte mir so eine Peinlichkeit nicht noch anschauen - vor, wie die Füße immer länger wurden.
»Hinten auch, wie bei einem Vogel, sonst fällst Du auf den Podex«, belehrte mich die Stimme. Vogelfüße? Pah! Zusammen mit dem laubverunzierten Kleid sah ich ja aus, wie eine Harpyie!
