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Rose Bloom

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Beschreibung

Ich bin doch ganz nett, oder?« Mit meiner Aussage entlockte ich ihm ein schmales Lächeln. Seine Lippen waren wie dafür geschaffen. Es war ein deutlich schönerer Anblick, als die harte Linie, die er sonst zeigte. Es heißt, er war im Gefängnis. Es heißt, jemand wie er macht nur Ärger. Es heißt, Mädchen wie ich sollten die Finger von solchen Jungs lassen. Aber ich sehe nicht die Tattoos oder dass sein Körper praktisch dafür gemacht wäre, einem anderen Menschen Schaden zuzufügen. Ich sehe die unsichtbaren Narben, die noch viel schwerer wiegen als die sichtbaren. Ich sehe seine Augen. Stumpfe, dunkelgrüne Augen. Sie tragen die gleiche Trauer in sich, die mir jeden Atemzug erschwert. Denselben Schmerz, der an mir zerrt und mich bald zerreißt. Ich sehe nicht den großen bösen Jungen. Ich sehe nur einen Verbündeten.

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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Epilog
Danke
Bereits erschienen
Kapitel 1
Kapitel 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Buchbeschreibung

 

Es heißt, er war im Gefängnis. Es heißt, jemand wie er macht nur Ärger. Es heißt, Mädchen wie ich sollten die Finger von solchen Jungs lassen. Aber ich sehe nicht die Tattoos oder dass sein Körper praktisch dafür gemacht wäre, einem anderen Menschen Schaden zuzufügen. Ich sehe die unsichtbaren Narben, die noch viel schwerer wiegen als die sichtbaren. Ich sehe seine Augen. Stumpfe, dunkelgrüne Augen. Sie tragen die gleiche Trauer in sich, die mir jeden Atemzug erschwert.

Denselben Schmerz, der an mir zerrt und mich bald zerreißt. Ich sehe nicht den großen bösen Jungen. Ich sehe nur einen Verbündeten.

 

 

 

 

 

 

 

Über die Autorin

 

Wir schreiben das Jahr 1993. Ein braunhaariges achtjähriges Mädchen, wir nennen sie der Einfachheit halber Rose Bloom, sitzt stundenlang in ihrem Zimmer und kritzelt mit Buntstiften und viel Fantasie eine Geschichte nach der anderen in ihre Schulhefte. Sehr zum Bedauern ihres Mathelehrers, der außer seinen Zahlen und Formeln nichts anderes als Hausaufgabe gelten lässt.

In Rose Blooms Familie hatten Bücher schon immer einen hohen Stellenwert. Im Grundschulalter entdeckte sie selbst das Schreiben und konnte es nach einer längeren Pause niemals wirklich sein lassen.

Dann entdeckte Rose die weiten Möglichkeiten des Selfpublishings und im Januar 2016 entstand die erste Szene zu ihrem allerersten Liebesroman, den sie im Mai 2016 veröffentlichte.

Rose Blooms Bücher zeichnen sich vor allem aus durch viel Gefühl, Liebe und Leidenschaft in einem bildlichen Schreibstil. Sie möchte den Leser vollständig in die Geschichte saugen, genauso wie sie beim Schreiben völlig darin aufgeht.

Übrigens, heute wäre ihr Mathelehrer ganz sicher stolz auf sie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage, 2020

© 2020 Rose Bloom – alle Rechte vorbehalten.

Rose Bloom

c/o Papyrus Autoren-Club

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin

 

[email protected]

www.rose-bloom.de

 

 

 

Lektorat:

Wortkosmos, Sarah Nierwitzki,

www.wortkosmos.jimdofree.com

Coverdesign:

Einzigartig Buchdesign, Sandra Maier,

www.einzigartig-Buchdesign.de

 

 

 

 

 

 

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Kapitel 1

Sadie

 

 

Eine einzige Entscheidung bestimmt, ob du lebst oder stirbst.

Ein Augenblick, ein Gedanke, eine Idee, eine Situation.

Was, wenn du die Straße in genau dem Moment überquerst, in dem ein Betrunkener anrauscht?

Was, wenn du viel zu weit schwimmst, obwohl du weißt, du bist schon müde und schaffst kaum den Weg zurück?

Und was, wenn du niemals auf dieses Motorrad zu einem Fahrer gestiegen wärst, dem du nicht zu hundert Prozent vertraust, den du vielleicht sogar gar nicht wirklich kennst?

Manche Menschen sprechen von Schicksal oder einer Vorherbestimmung, die unser Leben lenkt. Aber war das nicht zu einfach? Immer zu sagen: Hey, du trägst keine Schuld, das Schicksal hat es so gewollt!

War das nicht eher eine Ausrede als eine erleichternde Erklärung? Meine Mom klammerte sich an diesen Gedanken, obwohl er rein gar nichts besser machte. Sie glaubte an Gott, glaubte daran, dass er einen Plan für meine Schwester gehabt hatte, genau so wie er für jeden von uns einen hatte. Doch ich glaubte das nicht, hatte ich noch nie. Also wieso verdammt noch mal forderte ich diesen sogenannten Gott dann jetzt nicht einfach heraus? Ich müsste nur ein Stückchen nach vorne rutschen, ein kleines bisschen weiter über die Brüstung und sehen, was passiert.

Aber was, wenn genau das mein Plan wäre? Mein Leben auf der Steinterrasse meiner Tante in ihrem Strandhaus in Santa Barbara bei strahlendem Sonnenschein zu beenden. Was für ein schräger Gedanke.

Mit den Fingern umfasste ich die Balustrade, auf der ich saß, noch fester. Meine Beine baumelten in der Luft und die Sonne brannte heiß auf meiner Haut. Ich schloss die Augen, versuchte, mir vorzustellen, wie es sich anfühlte, zu fallen. Einfach nur zu fallen. Obwohl ich das im Grunde jeden verdammten Tag tat. Voll ins Leere.

Als ich meine Lider erneut öffnete, schaute ich seufzend über den Strand, der am Ende des Gartens begann und beobachtete die Wellen, die ruhig und gleichmäßig zum Sand schwappten, um sich daraufhin wieder zurückzuziehen. Meine Schwester Amber und ich hatten diesen Ort schon als kleine Mädchen gemocht. Den Geruch von Salz in der Luft, die Ruhe, einfach alles. Doch mittlerweile lag in all diesen Erinnerungen eine Schwere, die ich kaum ertrug.

»Sadie!«

Ich zuckte zusammen, hielt zwanghaft meine Balance und sah zu meinen nackten Füßen, die in der Luft pendelten. Wahrscheinlich würde mir ein Sturz aus dem ersten Stock sowieso nichts bringen außer gebrochenen Knochen. Mit denen hätte ich nur noch mehr Probleme und davon hatte ich bei Weitem schon genug. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die Stimme, die sich mir näherte.

»Hier bist du! Wahnsinn, das Nickerchen und die Dusche danach haben so gutgetan.« Meine beste Freundin lehnte sich mit ihren Unterarmen neben mich auf die Brüstung. Sie hatte ihr blondes nasses Haar zu einem seitlichen Zopf zusammengeflochten und der Kokosduft ihres Duschgels zog durch den seichten Wind zu mir herüber. »Deine Tante hat wirklich ein hammermäßiges Haus! Fast hätte ich mich verlaufen und dich nicht gefunden!«

Kat sah mich an und lächelte breit. Auch sie erkannte die Trauer nicht, die ich vor ihr und der gesamten Welt verbarg. Nicht, weil ich meine beste Freundin davon ausschließen wollte. Ich musste es verheimlichen, um nicht komplett daran zu zerbrechen.

»Ja, als Kind war ich immer völlig verrückt drauf, in den Ferien zu Tante Mona zu fahren. Vor allem wegen des Strandes direkt vor der Tür.« Ich nickte in Richtung Meer. »Was kann man sich als Kind Schöneres vorstellen als den ganzen Tag durch den Sand zu rennen?«

»Vergiss den Pool nicht!« Kat lehnte sich ein Stück vor, um das gigantische Schwimmbecken besser zu erkennen, das fast genau unter uns lag. »Und dass sie uns hier den Sommer über wohnen lässt, wenn sie in Asien ist, ist wirklich unglaublich großzügig! Ich liebe deine Tante, obwohl ich sie überhaupt nicht kenne!« Kat wirkte total aufgekratzt und ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten vor Aufregung und Freude. Auch wenn mir der Abstand von zu Hause guttat, konnte ich mir nicht vorstellen, ganz allein hier zu sein, denn meine kreisenden Gedanken hätten mich nur weiter in das bodenlose, schwarze Loch gezogen. Mit Kat war es perfekt. Sonne, Strand und haufenweise Ablenkung. Nach diesem Sommer würde ich als neuer Mensch gestärkt zu meiner Mom nach Hause fahren und genug Kraft besitzen, weiterhin so tun zu können, als wäre alles in Ordnung.

Um nicht doch noch abzurutschen, kletterte ich von der Steinbrüstung und stellte mich neben Kat. »Also bist du bereit, für eine Spazierfahrt nach West Beach zum besten Fischrestaurant im ganzen Ort?«

»Nein …«

Ich runzelte die Stirn. Kat wirkte auf einmal abwesend und starrte hinter mir ins Leere. »Wieso nicht?«

Sie hob die Hand und ich folgte mit dem Blick ihrem ausgestreckten Zeigefinger. »Weil ich jetzt gerade erst bemerkt habe, wie fantastisch die Aussicht hier ist«, murmelte sie und ich drehte den Kopf, bis ich auf das Nachbargrundstück sehen konnte.

Als ich den Grund für Kats fehlende Worte erblickte, wurde mir einiges klarer. Ein Typ in ungefähr unserem Alter mähte den Rasen hinter dem Haus. Seine dunkelbraunen Haare glänzten, als wären sie nass, sein Oberkörper war nackt und gab den Blick auf braun gebrannte Haut, zahlreiche Tätowierungen und ziemlich definierte Muskeln frei. Entweder er verbrachte neben der Gartenarbeit Stunden im Fitnessstudio oder er war hauptberuflicher Gärtner und arbeitete jeden Tag unter körperlicher Anstrengung. Ich konnte mir vorstellen, dass die Frauen, die ihn für ihre Pflanzen bestellten, etwas ganz anderes im Sinn hatten, als dass er nur ihre Blumen düngte. Okay, okay, dieser Gedankengang war äußerst merkwürdig. Ich wandte mich von dem Anblick ab und schnippte vor Kats Gesicht, bis ich ihre Aufmerksamkeit hatte.

»Und jetzt bringt dich ein einfacher Typ so durcheinander, als hättest du noch nie einen halbnackten Kerl gesehen?«

Sie riss die Augen auf und atmete tief ein. »Ein einfacher Typ? Hast du ihn dir richtig angeschaut?«

Ich zuckte mit den Schultern. Wenn ich in diesem Sommer etwas nicht im Kopf hatte, dann waren es irgendwelche Bekanntschaften mit Kerlen, die ich nach unserem Aufenthalt hier sowieso niemals wiedersehen würde. Das war nicht der Weg, der mir Besserung brachte. Im Gegenteil.

»Habe ich. Er ist heiß, ziemlich sogar, das kann ich zugeben, aber jetzt habe ich Hunger. Andiamo!«

Kat schüttelte den Kopf und schenkte dem Gärtner einen letzten sehnsüchtigen Blick. »Ich wusste, dass du durchdrehst, wenn du hungrig bist, aber wie sehr, war mir nicht bewusst. Lass uns nur noch ein paar Mi-«

»Nein!« Ich verließ den Balkon und betrat das Schlafzimmer, das ich hatte beziehen dürfen. Meine Tante hatte es ähnlich wie die anderen Räume in weißen und cremefarbenen Tönen eingerichtet. Alles hier war luxuriös ausgestattet und sehr gemütlich. Wenn ich könnte, würde ich irgendwann hierherziehen. Nicht nur, weil zahlreiche wunderbare Erinnerungen an diesem Ort klebten wie Kaugummi an einem Schuh. »Komm schon, Kat!«, rief ich noch einmal und betrat die Wendeltreppe aus weißem Holz in das untere Stockwerk. Sie war weiträumig und von hier oben hatte man einen guten Blick auf das riesige Wohnzimmer mit einer hellen Couchlandschaft und der offenen Küche, die aus viel Chrom und Edelstahl bestand. Im Gegensatz zu dem altmodisch eingerichteten Haus meiner Mom hätte diese hier auch irgendeinem jungen Star gehören können. Aber meine Tante war nicht nur in Hinblick auf ihren Einrichtungsgeschmack völlig anders als meine Mom.

»Ja, ja, ich komm ja schon!«, hörte ich Kats genervte Stimme hinter mir, gefolgt von eiligen Schritten.

»Wenn du den Typen so scharf findest, sprich ihn doch einfach an«, sagte ich und lief zu meinem Rucksack, der auf der Couch lag.

»Ihn ansprechen? Bist du wahnsinnig! Ich bin nicht wie du, Sad!«

Ich nahm mein Geld heraus und steckte die Scheine in die hintere Tasche meiner Jeans. Unhandliche Taschen mit mir herumzuschleppen hasste ich und begnügte mich meist mit ein bisschen Geld und meinem Handy in meiner Hosentasche. »Wie bin ich denn?«, fragte ich und drehte mich zurück zu Kat. Sie zögerte kurz, anscheinend spürte sie, dass ich die Frage ernst gemeint hatte. Nach all dem, was passiert war, fragte ich mich das selbst viel zu oft: Wer war ich noch? Was war von mir übrig geblieben?

»Du bist offen, magst Menschen und kannst das mit dem Small Talk ziemlich gut. Vielleicht kommt ihr ins Gespräch und du findest ihn nett.«

Ich lächelte und nahm Kats Hand, um sie zur Haustür zu ziehen. »Ich würde meiner besten Freundin doch niemals den Typen wegschnappen.«

»Noch ist er Freiwild und ich gönne ihn dir sehr gern! Das tut man schließlich unter Freunden, oder?« Ich musste lachen und schüttelte trotzdem den Kopf.

»Nein danke, auch wenn ich dein Angebot sehr zu schätzen weiß. Heute Abend ist Ladys Night, und zwar nur das!«

Kat seufzte und hakte sich bei mir unter, während wir zu meinem schwarzen Jeep Wrangler liefen, damit meine Freundin endlich auf andere Gedanken kam.

»Und wenn wir ihn nur mal fragen, ob er - «

»Kat?«

»Ja?«

»Steig ein!«

»Ist ja gut!«

 

 

 

 

Kapitel 2

Vince

 

 

»Weißt du eigentlich, was für ein egoistischer Wichser du bist?« Meine Brust hob sich schwer unter meinen tiefen Atemzügen. Die Wut beherrschte jede einzelne meiner Körperzellen. Jeden Tag wuchs sie um ein Vielfaches weiter an und ich hatte immer mehr Mühe, sie unter Kontrolle zu bringen. »Wenn du wenigstens zurückrufen würdest, aber … ach weißt du was, fick dich, Chase!«

Ich tippte deutlich zu fest auf den roten Hörer und steckte mein Handy zurück in meine Jeanstasche. Würde ich rauchen, hätte ich nun mindestens eine Schachtel inhaliert. Aber das Zeug rührte ich ganz bestimmt nicht mehr an, seitdem unser angeblicher Vater vor zehn Jahren jämmerlich an Lungenkrebs krepiert war. Also blieb mir nur, das Kaugummipäckchen aus meiner Tasche zu ziehen und mir gleich zwei davon in den Mund zu stecken. Danach lehnte ich mich gegen den roten Müllcontainer und starrte leer über den Hinterhof. Selbst hier war es ordentlich. Nicht so wie in der Müllhalde, die sich Inglewood und mein Zuhause nannte. Eigentlich war ich froh, dass ich hier in Santa Barbara festhing. Es war tausendmal besser und vor allem sicherer, auch wenn alle Leute, die hier wohnten, tierische Snobs waren.

»Hey, Vince, deine Pause ist vorbei! Beweg deinen faulen Arsch wieder zu den Zapfsäulen, wir haben Kundschaft«, brüllte Hall. Ich atmete noch einmal tief durch und folgte seinem Ruf durch die Hintertür.

»Bin schon wieder da«, murmelte ich, als ich den Verkaufsraum durchquerte und Hall ein knappes Nicken zuwarf. Eigentlich war er als Chef ganz okay. Zumindest bezahlte er nicht schlecht und das war doch schließlich alles, was zählte.

Er trommelte mit seinen Fingern auf dem Tresen, hinter dem er stand. Das tat er immer und meistens machte mich seine Art unheimlich nervös. Hall hatte mir mehr als einmal erzählt, dass er mit Anfang zwanzig als Schlagzeuger in einer Band gespielt hatte. Hier in Los Angeles hatten sie ihr Glück finden wollen. Aber wie es bei neunzig Prozent der Leute war, die in dieser Stadt groß rauskommen wollten, hatten sie sich nach zwei Jahren eingestehen müssen, niemals erfolgreich zu werden. Hall gab nach Auflösen der Band seine Karriere auf, heiratete irgendeine hübsche Kellnerin aus Eastside und lebte nun seit über zwanzig Jahren hier. Seine Tankstelle würde ihm wohl keinen Ruhm bringen, aber wenigstens ein geregeltes, glückliches Leben. Ein Traum, fand ich. Und das meinte ich noch nicht mal ironisch.

»Junge, du musst lächeln, wenn du da raus gehst, das gibt mehr Trinkgeld!«, sagte er und schüttelte sein schulterlanges graues Haar hin und her. Dabei trommelte und grinste er wie ein Irrer. Ich blieb stehen und sah ihn einige Sekunden durch zu Schlitzen geformten Lidern sprachlos an.

»Wenn ich das da draußen mache, was du tust …« Ich deutete mit dem Zeigefinger auf seine Showeinlage. »Dann buchten sie mich eher ein.«

Hall reckte die Arme in die Luft und läutete mit schrägen Gesängen sein Finale ein. Ich schüttelte den Kopf und ging nach draußen. Ihm war sowieso nicht mehr zu helfen.

Die Hitze erwischte mich, als würde ich gegen eine harte Betonmauer laufen. Die Klimaanlage im Innern der Tankstelle war zwar nicht das neuste Gerät, aber bei vierzig Grad Außentemperatur trotzdem effektiv. Draußen zu arbeiten war bei diesem Wetter wirklich kein Klacks, wenn man allerdings hier Urlaub machte, wie die Hälfte der anwesenden Menschen, waren diese Temperaturen wohl ziemlich genial. Mir fiel auf, dass ich, seit ich in Santa Barbara wohnte, kein einziges Mal direkt am Strand oder im Meer gewesen war. Ich hatte es bisher nur von Weitem gesehen.

Mein Blick fiel auf zwei Mädchen ungefähr Anfang zwanzig. Eine Blonde saß auf dem Beifahrersitz eines Jeeps, dessen Verdeck geöffnet war, und spielte am Radio herum, aus dem irgendwelche Popmusik dröhnte. Eine Brünette stieg aus und lachte dabei, als hätte die andere irgendeinen Witz gemacht. Sie trug knappe Shorts, ein weites, helles Top, unter dem ihr pinkfarbener Bikini herausblitzte. Sie war heiß, aber eindeutig die Art reiche Mädchen, das hier in Daddys Ferienhaus Urlaub machte. Also genau das Leben führte, das einen kompletten Kontrast zu meinem bildete. Ich hatte keine Ahnung, wie es sich anfühlen musste, sich einen Tag mal keine Gedanken über Geld zu machen und einfach zu leben. Grundsätzlich hatte ich nichts gegen Menschen, denen es finanziell besser ging. Im Gegenteil. Ich beneidete sie. Ich mochte nur diejenigen nicht, die es andere unter die Nase rieben und sich für etwas Besseres hielten. Ob diese Mädchen dazugehörten, konnte ich allerdings nicht abschätzen und das war auch gar nicht meine Aufgabe. Ich hoffte nur auf ein dickes Trinkgeld.

Die Brünette griff zu dem Zapfhahn, bevor ich neben ihr stehen blieb und ihn ihr aus der Hand nehmen wollte.

»Ich mache das schon«, sagte ich ruhig und sah zu ihr herunter. Ihre Haare reichten ihr bis zu den Schultern, sie waren lockig und sie roch fruchtig mit einer Unternote Meer, Salz und Sonne. Auf ihren Wangen lag eine sanfte Röte und winzige Sommersprossen, als hätte sie den ganzen Tag am Strand in der Sonne verbracht. Langsam sah sie mit ihren blauen Augen zu mir hoch. Sie rührte sich nicht und wir hielten immer noch beide den Zapfhahn fest.

»Kein Problem, ich bin ein großes Mädchen, ich kann das schon, ist kein Ding«, sagte sie und wirkte dabei kein bisschen hochnäsig oder zickig. Im Gegenteil, sie machte den Eindruck, als hätte sie tatsächlich nichts dagegen, selbst Hand anzulegen. Neunundneunzig Prozent der Mädchen, die ich hier traf, überließen mir liebend gern die Arbeit. Die meisten fragten mich sogar noch, ob ich ihnen Spritzwasser oder Öl nachfüllen könnte, einige auch nach meiner Nummer. Hauptsache sie konnten mit mir flirten. Ich wusste, wie ich auf Frauen wirkte und das hatte mir in der Vergangenheit oft schöne Stunden beschert. Vor allem die braven Töchter wollten oft nur eines: Mit einem Typen wie mir einige Stunden aus dem spießigen Leben ausbrechen. Aber im Moment verzichtete ich darauf, denn ich hatte deutlich andere Dinge im Kopf als One-Night-Stands.

»Und ich werde dafür bezahlt.« Sie sah immer noch zu mir auf, da sie mir gerade mal bis zur Schulter reichte. Ich spürte den Blick ihrer Freundin ebenfalls auf mir, als sie mich aus dem Seitenspiegel fixierte.

»Mein Chef beobachtet uns, oder?« Sie drehte ihren Kopf und ich zischte mahnend. »Nicht so auffällig hinsehen!« Schnell wandte sie sich wieder mir zu, diesmal mit aufgerissenen Augen. »Ich bekomme kein Gehalt, wenn er denkt, ich mache meine Arbeit nicht, also …« Ich zog sanft am Zapfhahn und augenblicklich ließ sie los. Aufgrund ihres Gesichtsausdruckes konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich den Auslasshahn in die Tanköffnung hängte.

»Du hast mich verarscht, oder?«, fragte sie überrascht. Ich drehte den Kopf und sah, wie sie die Arme vor der Brust verschränkte. Im Augenwinkel fiel mir ein horizontales Tattoo auf ihrem Oberschenkel auf, das teilweise im Saum ihrer Shorts verschwand. Ein filigraner Schriftzug, den ich aber von hier aus nicht entziffern konnte. Außerdem wollte ich sie nicht anstarren, das wäre irgendwie schräg rübergekommen oder hätte unnötiges Interesse gezeigt und irgendetwas provoziert, was ich nicht wollte.

»Nein, nicht wirklich, er nimmt diese Servicesache hier tatsächlich ziemlich ernst.«

Sie runzelte die Stirn und dabei zog sie die Nasenspitze ein Stückchen hoch, was irgendwie niedlich war. »Kann es sein, dass du einen Zwillingsbruder hast?«

Ich stockte in der Bewegung und atmete für einige Sekunden flacher. Das konnte nicht sein. Sie meinte das sicherlich nicht so, wie ich es auffasste.

»Der zufälligerweise Gärtner ist?«, fügte sie hinzu.

Der Hahn gab ein Klacken von sich, als der Tank sich vollständig gefühlt hatte, und ich steckte ihn zurück in die Halterung der Zapfsäule. »Wieso?«

»Du hast heute Morgen den Rasen eines Hauses unten am Strand gemäht, oder?«

Ich tippte an meinen imaginären Hut und verbeugte mich ein Stück. »Richtig, Ma’am.«

Ihre Freundin kicherte und ich zwinkerte ihr zu. Irgendwie machte es doch Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten. Oder eher gesagt nur mit der Brünetten, auf die ich nun wieder meine Aufmerksamkeit richtete. Sie drehte sich zu ihrer Freundin um, dabei zog sie die Augenbrauen hoch, als würde sie sagen wollen: »Siehst du, hab ich es dir nicht gesagt?«

»Wieso, habt ihr einen Job für mich?«

»Nein, meine Tante hat einen eigenen Gärtner, der einmal die Woche kommt. Wir wohnen den Sommer über in ihrem Haus und haben dich heute Morgen nur gesehen.«

»Okay.« Auf was wollte sie hinaus? Ich tippte einige Male mit der Schuhspitze auf und biss mir auf die Innenseite meiner Wange.

»Was kriegst du von uns?«, fragte sie, ohne mehr zu erzählen, und ich deutete auf die Tankanzeige.

»Sechzig Mäuse.«

Sie zog ein Bündel Scheine aus ihrer Gesäßtasche und erfüllte damit erneut den Eindruck, den ich zu Beginn von ihr gehabt hatte – sie war ein reiches Mädchen. Dann zählte sie einige Dollarnoten ab und streckte sie mir hin.

»Danke dir, beim nächsten Mal verärgern wir deinen Chef nicht, versprochen.«

Ich lächelte. Zumindest ein bisschen. »Bye.«

»Bye! Wir sehen uns!« Sie stieg ein und als der Wagen die Straße hinuntergefahren war, zählte ich die Scheine durch. Zehn Dollar Trinkgeld. Nicht schlecht. Ich brachte Hall das Geld und der wackelte mit den Augenbrauen.

»Na, hast du ihre Nummer?«

»Ich hab keine Ahnung, was dich das angeht und auch nicht, weshalb ich dir so etwas erzählen sollte, aber … nein, habe ich nicht.«

Er sah enttäuscht aus. »Warum nicht?«

»Wieso sollte ich?« Es gab haufenweise hübsche Mädchen hier, der Anblick einer schlanken Brünetten in kurzen Jeansshorts war mir nicht gerade fremd.

»Weil du gelächelt hast.« Wieder runzelte ich die Stirn. Wegen Hall bekam ich noch vor meinem vierundzwanzigsten Geburtstag Falten. »Das tust du sonst nie.«

Ich wandte mich zur Tür. »Muss los, Kundschaft …«, murmelte ich und öffnete sie. Erneut warf mich die Hitze fast um.

»Klar, diesmal lass ich dir die Ausrede noch durchgehen, aber später nach Ladenschluss erzähl ich dir erstmal, wie man richtig bei den Frauen landet!«, rief er mir hinterher, doch ich hob bloß winkend die Hand.

»Alles klar.«

 

 

 

 

Kapitel 3

Sadie

 

 

»Gott, ich hätte nicht gedacht, dass der Tag noch besser werden kann!«, rief Kat gegen den Fahrtwind an, der zu uns in den Innenraum drang und unsere Haare wild durcheinanderwirbelte. »Erst der Strandtag, dann das Essen und nun noch denGärtner an dieser Tankstelle zu treffen!« Sie lachte und ich musste ebenfalls grinsen, während ich meinen nun wieder vollgetankten Jeep durch die Straßen zu unserem Haus auf Zeit lenkte. »Wie er dich angesehen hat!«

Ich schüttelte den Kopf und versuchte, seinen Anblick damit herauszubekommen. Ehrlicherweise hatte ich nicht sehr viel Erfahrung mit Jungs, auch wenn die meisten in unserer Heimatstadt Phoenix annahmen, ich wäre hemmungslos. Aber in Wirklichkeit hatte ich nur zwei Beziehungen gehabt und bei keiner davon kam ich über die zweite Base hinaus. Von einem Homerun befand ich mich Lichtjahre entfernt.

Matty McKibben war mit siebzehn ein Jahr und drei Monate mein Freund gewesen. Mit ihm hatte es ein paar Küsse und harmloses Gefummel über den Klamotten gegeben. Und Eric Douglas hatte ich fünf Monate gedatet, als ich das College angefangen hatte. Mit ihm hatte es ein paar Küsse, aber deutlich mehr Gefummel gegeben. Beide waren eher die Art von Jungs, die nicht der Rede wert gewesen waren. Dagegen war der Gärtner, wie Kat und ich ihn getauft hatten, eine ganz andere Hausnummer. Und auch wenn ich vorhatte, mich nicht auf jemanden einzulassen, so lange ich haufenweise Dinge nicht auf die Reihe bekam, konnte ich nicht abstreiten, dass er mir gefiel.

Vor allem seine selbstsichere, entspannte Art und wie er sich bewegt hatte. Sein Blick aus dunkelgrünen Augen, der auf mir lag, als hätte mich noch niemals jemand zuvor richtig angesehen. Was Schwachsinn war und ich konnte auch nicht sagen, woher diese Überlegungen kamen. Vielleicht versuchte sich mein Körper auf diese Weise abzulenken. Von all den Gedanken, all dem Schmerz, all den Dingen, die ich seit einem Jahr nicht mehr zulassen konnte. Weil sie mich verbrennen würden und ich nicht wusste, ob ich aus diesem Feuer wieder heil herauskommen konnte.

»Du musst dich mit ihm treffen! Da führt überhaupt kein Weg dran vorbei!«, riss mich Kat zurück ins Hier und Jetzt, als ich auf die Einfahrt abbog und den Wagen abstellte.

»Ich dachte, das Ziel wäre gewesen, dir einen Kerl zu suchen«, antwortete ich schmunzelnd und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Kat zuckte mit den Schultern und grinste nur noch breiter.

»Ich habe jetzt einundzwanzig Jahre auf meinen ersten Kuss gewartet, auf ein paar Wochen oder Monate kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an. Außerdem … vielleicht hat er ja sogar ein paar heiße Freunde.« Plötzlich änderte sich etwas an dem Ausdruck, mit dem meine beste Freundin mich ansah. »Ich fände es viel wichtiger, dich glücklich zu sehen. Und ich meine richtig glücklich - nicht das, was du allen vorspielst. Auch wenn es nur für diesen Sommer ist.« Wieder dieser Blick, der aus einer Mischung aus Mitleid, Bedauern und Trauer bestand. Wieder der pochende Schmerz, der sich daraufhin in meiner Brust zu einem Felsen zusammenfand und mir die Luft zum Atmen abschnürte.

Ich wandte mich ab und stieg aus dem Auto. Kat folgte mir ins Haus.

»Es tut mir leid«, sagte sie leise und ich blieb stehen. Fest ballte ich meine Hände zu Fäusten und krallte meine Fingernägel in die Innenflächen. Es musste ihr nicht leidtun, denn ich war hier das Problem. Ich und mein Gepäck, das tonnenschwer auf meinen Schultern lastete und mich stetig nach unten Richtung Boden drückte. Langsam drehte ich mich zu ihr um.

»Sorry, ich wollte uns nicht den Tag vermiesen. Eigentlich sollte dieser Urlaub doch schön werden«, erwiderte ich seufzend und meine beste Freundin zog mich unvermittelt in eine kräftige Umarmung. Damit fiel es mir noch schwerer, alles zu verdrängen, also löste ich mich sanft von ihr und versuchte mich an einem schmalen Lächeln.

»Dieser Urlaub ist doch schön! Auch wenn du es dir erlaubst, darüber zu sprechen! Du belastest mich nicht damit, glaub mir!«

»Der Deal war trotzdem ein anderer«, erwiderte ich schmollend, um Kat und mich selbst wieder auf bessere Gedanken zu bringen. »Du wolltest deine Erfahrungen mit Jungs und Partys hier machen und ich brauchte nur Abstand zu meiner Mom. In diesem Moment geht es also nicht um mich.«

Kat seufzte, weil sie wusste, es brachte nichts, mich überzeugen zu wollen. Ich würde es nicht tun. Ich würde nie wieder über meine Schwester sprechen, so lange ich das Gefühl hatte, daran zugrunde zu gehen. »Okay. Wie lautet der Plan?«

Mein Lächeln wurde ehrlicher. Ich zog sie in die Küche und sie schob sich auf einen Hocker, während ich mich auf die Suche begab und die Unterschränke aufriss.

»Punkt Nummer eins: Du trinkst deine erste Colada und zwar keine Virgin, die dein Dad an deinen Geburtstagspartys macht. Meine Tante hat immer Zeug für Cocktails im Haus. Sie veranstaltet mehr Partys als eine Studentenverbindung. Hah! Da ist er ja!« Ich hob eine Flasche Rum hoch, als wäre sie ein Pokal.

Kat lachte und schüttelte dabei den Kopf. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie mich Alkohol meinem Ziel, einen netten Jungen kennenzulernen, näherbringen soll.«

»Du wirst lockerer.« Ich stellte zwei Cocktailgläser und alle restlichen Zutaten vor ihre Nase und stützte mich auf dem Tresen ab. »Danach können wir schauen, ob wir irgendwo eine Strandparty finden!«

Kat runzelte die Stirn. Ich wusste, wie schwierig es für sie war, aus ihrer Haut herauszukommen und sich fallen zu lassen. Deshalb war es meine Priorität, ihr beizustehen und nicht irgendeinem heißen Typen hinterherzuschmachten, den ich nicht einmal kannte. Was womöglich sowieso nur eine Ausflucht meines Kopfes war, nicht über das Wesentliche nachdenken zu müssen. Das konnte er nämlich ziemlich gut.

Mein Ziel war klar! Mit Kat all die Erfahrungen machen, die für eine Einundzwanzigjährige normal waren. Partys, der erste Kuss und auch mal ein bisschen Alkohol. In Maßen. Für üppige Trinkgelage hatte ich selbst nichts übrig. Ich wusste aber auch, dass es dauern würde, bis ich Kat so weit hatte, sich auch gedanklich von ihrem kontrollsüchtigen Dad zu lösen. Doch das war okay, dafür hatten wir schließlich den gesamten Sommer.

 

 

 

 

Kapitel 4

Vince

 

 

»Hey, Rob, ich bin zu Hause!«, rief ich in den Flur und schmiss meinen Schlüssel auf die Kommode. Ich atmete schwer aus. Der Tag war genauso lang gewesen wie jeder einzelne davor. Erst die stundenlange Arbeit in den Gärten der Schönen und Reichen, die kaum ein überflüssiges Blatt auf ihren getrimmten, saftgrünen Rasen ertrugen, und dann die Sieben-Stunden-Schicht bei Hall. Tagein tagaus. Es war immer das gleiche Schema. Und trotzdem kam nicht annähernd so viel Geld dabei rum, wie ich gehofft hatte, als ich Robs Angebot vor einem Monat angenommen hatte und zu ihm gezogen war.

Ich lauschte in die winzige Zweizimmerwohnung, doch vernahm keine Antwort. War er überhaupt zu Hause? Als ich das Wohnzimmer erreichte, in dem Rob seit meiner Ankunft auf einer alten Klappcouch schlief, sah ich ihn dort liegen. Seine Augen waren geschlossen und seine Finger ruhten verschränkt auf seinem Bauch, der sich gleichmäßig hob und senkte. In dem flackernden Licht des Fernsehbildschirms wirkte er älter, als er es mit fünfundvierzig tun sollte. Das verdammte Leben hatte seine Züge deutlich gezeichnet und trotzdem hatte er den Glauben an eine bessere Zukunft niemals verloren. Anders als ich.

Ich ging zu ihm und breitete eine dünne Wolldecke über seinem Körper aus, dann stellte ich den Fernseher aus und räumte seinen leeren Teller und ein Glas in die Küche. Auch wenn Rob selbst kaum etwas besaß, hatte er nicht gezögert, mich bei sich wohnen zu lassen. Vor allem, als er die ganze verkorkste Geschichte gehört hatte, die es über meinen Bruder Chase zu erzählen gab.

Rob war vor drei Jahren kurze Zeit mit unserer Mom zusammen gewesen und in diesen dreizehn Monaten war es ihr besser gegangen, als irgendwann sonst in meiner Erinnerung. Sie hatte gelächelt. Jeden Tag. Und Rob war einer der besten und anständigsten Stiefväter, die wir je gehabt hatten. Man konnte nicht behaupten, dass er es nicht ernsthaft mit ihr versucht hätte, aber wenn meine Mom etwas draufhatte, dann alle in ihrem Umkreis von sich zu stoßen und danach zu zerstören.

Chase. Rob. Mich.

Rob war es schwergefallen, uns zu verlassen, und am liebsten hätte er meinen Bruder und mich mitgenommen. Aber das war nicht möglich gewesen, weil wir gewusst hatten, unsere Mom würde das Alleinsein nicht überleben. Mir war es bis heute ein Rätsel, wie sie es überhaupt so lange geschafft hatte, sich selbst und zwei Babys über Wasser zu halten.

Jetzt war das Schicksal, das Chase ihr überlassen hatte, bedeutend schwerer als ihr gesamtes Leben. Und trotzdem nahm sie ihn und seine bescheuerten Entscheidungen vor jedem in Schutz.

Ich nahm mir eine Wasserflasche und schmierte ein Erdnussbuttersandwich, mit dem ich in mein Zimmer ging und alles auf den alten Schreibtisch unter dem Fenster stellte. Ich zog die obere Schublade auf und fischte das Geld aus meiner Jeanstasche, das ich heute für meine Arbeit erhalten hatte. Hundertachtzehn Mäuse, abzüglich dem, was ich für ein Mittagessen aufgebraucht hatte.

Ich verstaute alles in der alten Zigarettenschachtel und schloss die Schublade wie jeden Abend. Mein Handy begann auf der Schreibtischplatte zu blinken, und ich konnte nicht verhindern, dass Hoffnung meine Gedanken blendete. Doch diese wurde umgehend ausgelöscht, als ich sah, dass nicht Chase mir endlich geantwortet hatte, sondern ich nur eine Anfrage bekam, mich um einen weiteren Garten zu kümmern. Natürlich sagte ich zu, obwohl ich jetzt schon kaum wusste, wohin mit all der Arbeit. Aber was blieb mir anderes übrig? Ich brauchte das Geld.

Die alten Federn der Matratze quietschten, als ich mich mit dem Teller auf den Bettrand setzte. Ich ließ den Kopf hängen und starrte das Sandwich an. Eigentlich müsste mich der Hunger nach der ganzen Arbeit überrennen, doch er wollte sich nicht einstellen. Stattdessen sammelte sich Übelkeit in meinem Magen, wenn ich daran dachte, wie das alles hier ausgehen könnte. Oder sogar würde.

Leise klopfte es an der Tür und ich hob den Kopf.

»Hey«, sagte Rob und lächelte, als er in das Zimmer spähte. Seine Augen waren rot geädert und verschlafen, seine Stimme klang belegt. »Wie war dein Tag?«

Ich erwiderte sein Lächeln knapp. Nie zuvor hatte mich vor Rob ein Mensch nach meinem Tag gefragt.

»Gut«, antwortete ich und nickte, als müsste ich mich selbst davon überzeugen. Es war keine komplette Lüge, denn es hatte deutlich schlechtere Tage in meiner Vergangenheit gegeben.

»Hast du dir mein Angebot überlegt?«

Ich wich kurz seinem Blick aus, denn ich konnte mit dem Ausdruck darin nicht umgehen, wenn ich ihm absagte. Generell hatte ich Probleme damit, einen Menschen in meinem näheren Umkreis zu enttäuschen. Oder erneut zu verlieren. Ich hasste diese Hilflosigkeit, die es mir erschwerte, richtig zu atmen.

»Ich kann nicht«, sagte ich nur leise und Rob nickte, als hätte er die Antwort bereits gewusst. »Es tut mir leid.«

»Das muss dir nicht leidtun, Junge. Dein Anstand deiner Mom und deinem Bruder gegenüber ehrt dich sehr, aber bitte vergiss dabei wenigstens nicht, selbst zu leben.«

Leben? Wie ging das noch mal? Ich konnte nur arbeiten. Und existieren. Darin war ich gut, das hatte ich unter Kontrolle. Trotzdem nickte ich. Am liebsten hätte ich das Geld, das ich gespart hatte, Rob gegeben, denn er hätte es weitaus mehr verdient als jemand anderes, den ich kannte. Aber es ging nicht. Es ging nie. Und das kotzte mich so langsam tierisch an.

»Schlaf gut und iss mehr, du bist nur noch Haut und Knochen. Wie willst du deinen Job anständig machen?«, fragte Rob grinsend und lockerte so die Situation ein Stück weit auf. Ich brauchte nichts zu erwidern, denn wir beide wussten, dass ich eines nicht war … kraftlos. Zumindest nicht körperlich.

Ich hob den Teller an. »Bin schon dabei.«

Er schenkte mir ein letztes warmes Lächeln und schloss die Tür hinter sich. Einen Vater wie Rob hatte ich mir immer gewünscht, stattdessen hatte ich eine Mom bekommen, die mit Anfang zwanzig aus Versehen schwanger geworden war und auch noch Zwillinge geboren hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---