Your cold Lies - Alexandra Maibach - E-Book

Your cold Lies E-Book

Alexandra Maibach

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Beschreibung

Sie lügt gut – er lügt besser. Doch ihre Liebe ist wahr. Eine mitreißende Romantic Suspense vor eisiger Kulisse für Fans von Kristina Moninger und Leonie Lastella  »›Es wird nicht betrogen. Und nicht gelogen. Nicht untereinander.‹ Die goldenen Regeln unserer Clique. Als hätte ich nicht jede einzelne für ihn gebrochen. Und damit auch mein Herz.«  Für Mex besteht das Leben aus Lügen und Hochstapeleien mit ihrer Clique, nur ihre Liebe zu Louis ist echt. Als er sie ohne ein Wort sitzen lässt, geht sie mit gebrochenem Herzen eine neue Wette ein: In einem luxuriösen Hotel in den Alpen soll sie als Pflegerin der jungen Erbin arbeiten, ohne dabei als Betrügerin aufzufliegen. Doch bald muss sie feststellen, dass sich hinter der eisigen Fassade des Hotels Geheimnisse, Intrigen und ungeklärte Todesfälle verbergen. Und dann ist da noch Louis, der unversehens wieder auftaucht und in die Vorfälle verwickelt ist. Wider besseres Wissen kommt Mex ihm erneut gefährlich nahe – und plötzlich ist nicht mehr nur ihr Herz in Gefahr ... 

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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© Piper Verlag GmbH, München 2025

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf.

Redaktion: Natalie Röllig

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Florin Sayer-Gabor – www.100covers4you.com

Covermotiv: Unter Verwendung von Grafiken von Adobe Stock: neurostructure

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Triggerwarnung

Widmung

Kapitel 1

Jetzt

Vier Wochen zuvor

Kapitel 2

Jetzt

Vier Wochen zuvor.

Kapitel 3

Jetzt

Ein Jahr zuvor

Kapitel 4

Jetzt

Zwei Jahre zuvor

Kapitel 5

Jetzt

Zwei Jahre zuvor

Kapitel 6

Jetzt

Zwei Jahre zuvor

Kapitel 7

Jetzt

Zwei Monate zuvor – Louis

Kapitel 8

Jetzt

Ein Jahr zuvor – Maria

Kapitel 9

Jetzt

Zwei Jahre zuvor

Kapitel 10

Jetzt

Zwei Monate zuvor – Chris

Kapitel 11

Jetzt

Eineinhalb Jahre zuvor – Diana

Kapitel 12

Jetzt

Zwei Monate zuvor – Tim

Kapitel 13

Jetzt

Eineinhalb Jahre zuvor

Kapitel 14

Jetzt

Eineinhalb Jahre zuvor

Kapitel 15

Jetzt

Kapitel 16

Jetzt

Drei Monate zuvor – Maria

Kapitel 17

Jetzt

Kapitel 18

Jetzt

Ein Jahr zuvor – Chris

Kapitel 19

Jetzt

Ein Dreivierteljahr zuvor – Tim

Kapitel 20

Jetzt

Kapitel 21

Jetzt

Ein Jahr zuvor – Melissa Mehringer

Kapitel 22

Jetzt

Kapitel 23

Jetzt

Kapitel 24

Jetzt

Ein Jahr zuvor – Louis

Kapitel 25

Jetzt

Kapitel 26

Jetzt

Kapitel 27

Jetzt

Ein Jahr zuvor – Maria

Kapitel 28

Jetzt

Einen Tag zuvor – Mark

Kapitel 29

Jetzt

Kapitel 30

Jetzt

Epilog

Jetzt

Danksagung

Triggerwarnung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Triggerwarnung

In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Textes findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.

Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.

Widmung

Für Allie

Kapitel 1

Jetzt

Das Zimmer ist so weiß wie der frisch gefallene Schnee auf den Berggipfeln vor dem Fenster. Sonnenlicht fällt durch die Scheibe und spiegelt sich auf der Oberfläche des Schreibtischs. Kein einziger Fingerabdruck ist darauf zu sehen. Alles hier ist hochwertig, auf Hochglanz poliert und funkelt – alles außer mir.

Ich zupfe meine Bluse zurecht und kontrolliere ein letztes Mal den Knopf, den ich gestern Abend angenäht habe. Er ist ein wenig größer als die übrigen, einen halben Farbton dunkler. Unmöglich, dass er Melissa Mehringer nicht auffällt. Reflexartig versuche ich, meine Haare darüberfallen zu lassen, um ihn zu verstecken. Ich vergesse immer noch, dass ich sie mir vor einer Woche habe abschneiden lassen.

Mit einem leisen Klicken rückt der silberne Zeiger der Wanduhr rechts von mir vor. Jetzt warte ich bereits seit siebzehn Minuten. Mit jeder weiteren wird es schwieriger, das Offensichtliche zu ignorieren: Wenn ich das hier nicht hinbekomme, habe ich ein Problem.

Meine Hände zittern ein wenig, als ich mein Handy aus der Tasche ziehe. Bisher habe ich diesen Automatismus vermieden. Meine Muskeln, meine Finger führen die Bewegung wie von selbst aus, um die Nachrichten zu checken. Mittlerweile warte ich nicht mehr auf diese bestimmte. Diejenige, die nie kommen wird. Stattdessen hat mir Diana geschrieben.

Na, hast du schon kalte Füße? Ihre Art zu fragen, wie es mir geht.

Kalte Füße? Vergiss es. Damit habe ich die Wahrheit mehr als überstrapaziert. Es ist fast schon eine kleine Lüge. Ich wünschte, ich könnte sie selbst glauben.

Diana antwortet mit einem lachenden Smiley. Wollte nur sichergehen, dass du nicht kneifst. Ist ja ne Weile her …

Ich beginne zu tippen, lösche die Nachricht aber sofort wieder. Ich kann es mir nicht erlauben, zu kneifen. Diese Wette ist alles, was ich habe. Doch meine Freundin weiß das bereits, ihr muss ich es nicht sagen. Ich bin immer noch fit, mach dir mal keine Sorgen. Lieber darum, was passiert, wenn ich gewinne. 😊

Das beantwortet sie mit einem Herz. Ich kann es kaum erwarten, Mexielein! Ich hab dich vermisst! Zeig es denen!!! ❤

Ich kann mir vorstellen, wen sie mit denen meint. In der Chat-Gruppe unserer Clique habe ich über hundert ungelesene Nachrichten. Und das, seit ich aus dem Zug ausgestiegen bin. Ich habe nicht auf mein Handy gesehen, seit mich der Shuttle-Dienst des Hotels hierhergebracht hat. Dieser Chat explodiert jedes Mal, wenn einer von uns mit einer Wette beginnt. Früher habe ich jede Nachricht darin angesehen, jetzt möchte ich nichts davon lesen. Spekulationen darüber, wie genau ich scheitern werde, kann ich nicht brauchen.

Ich gebe mein Bestes, texte ich Diana. Und bis dahin ignoriere ich die Gruppe. Sag mir Bescheid, wenn es etwas Wichtiges gibt.

Klar, mach ich. Ich drücke die Daumen. Und wir telefonieren bald!

Ich höre zuerst die Schritte hinter der Schiebetür unter der Uhr, bevor sie sich öffnet. Rasch schiebe ich das Telefon in meine Tasche. Setze mich ein wenig aufrechter hin und lege die Hände möglichst entspannt in meinem Schoß ab.

Die Frau, die hereinkommt, wirkt genauso kühl wie das Zimmer. Und mindestens ebenso elegant. Als ich aufstehe, huscht ihr Blick einmal über meine Erscheinung, und ihrer Miene ist nicht zu entnehmen, ob sie zufrieden ist oder ob ich gerade durchgefallen bin.

»Melissa Mehringer«, stellt sie sich vor. »Schön, dass Sie den langen Weg auf sich genommen haben, Frau Sellner.« Sie macht keine Anstalten, mir die Hand zu geben, und ich folge ihrem Beispiel. In der Gesundheitsbranche ist es nicht üblich, das zu tun.

»Natürlich. Vielen Dank für die Einladung zu dem Gespräch.« Wir haben bereits miteinander telefoniert. Damals fand ich ihre Art zu sprechen einschüchternd. In persona verstärkt sich dieser Eindruck.

Sie geht um den Schreibtisch herum und bedeutet mir, mich wieder zu setzen. »Sie haben eine sehr interessante Vita«, fährt sie fort, während sie eine Ledermappe heranzieht, in der sich die Unterlagen befinden müssen, die ich ihr gemailt habe. »Wollen Sie mir davon erzählen?«

»Sie ist nicht perfekt«, erwidere ich und senke kurz den Blick, um ihn dann gleich wieder auf Frau Mehringer zu richten. »Nach meinem Schulabschluss … habe ich ein wenig Zeit gebraucht, um herauszufinden, was ich will.«

Sie tut mir nicht den Gefallen, die Miene zu verziehen. »Sie haben Abitur gemacht.«

Ich nicke. »Ja, da wusste ich noch nicht, dass die Pflege meine … dass ich Krankenpflegerin werden will.« Bestimmung ist ein großes Wort. Zu groß für ein Bewerbungsgespräch.

»Sie haben sich nie überlegt, vielleicht Medizin zu studieren?« Echtes Interesse liegt in ihrer Stimme.

»Nein. Meine beste Freundin studiert Medizin, für mich ist das nichts.« Ich beiße mir auf die Lippe. »Ich glaube, dass die Arbeit als Krankenpflegerin mindestens genauso wichtig ist wie die ärztliche Tätigkeit. Und ebenso anspruchsvoll – nur eben auf eine andere Art.«

Die Andeutung eines Lächelns. »Das glaube ich auch.« Sie schlägt die Mappe auf und blättert nachlässig durch die Unterlagen. Mein Bewerbungsbild lächelt mir vom Deckblatt entgegen. »Ich könnte Ihnen jetzt die Frage stellen, warum ich gerade Sie einstellen sollte – aber das können wir uns sparen. Diese Empfehlungsschreiben sprechen für sich.«

Ich persönlich fand sie ein bisschen zu dick aufgetragen. Doch offensichtlich gerade richtig für Frau Mehringer. »Das freut mich.«

Sie mustert mich erneut, und diesmal erahne ich Wohlwollen in ihrem Blick. Wie aus Reflex lege ich die Hand auf den falschen Knopf. »Ich denke, dass ich Ihren Ansprüchen voll und ganz genügen werde«, sage ich und räuspere mich. »Ich arbeite sehr hart.« Die gleichen Worte wie im Empfehlungsschreiben.

»Ich fürchte, das wird auch nötig sein«, erwidert Frau Mehringer. »Isabella kann bisweilen … etwas schwierig sein.«

Ich nicke. »Damit komme ich zurecht.«

»Davon bin ich überzeugt.« Sie schlägt die Mappe zu. Endgültigkeit liegt in der Geste, so als hätte sie eine Entscheidung getroffen. »Ich würde Ihnen gern das Hotel zeigen«, sagt sie. »Und Ihnen Isabella vorstellen, wenn Sie wollen.«

»Sehr gern sogar.«

Sie mustert mich erneut. So lange, dass es beinahe unhöflich ist. »Ich würde Sie auch gern einstellen, Frau Sellner.«

Erleichterung macht sich in mir breit. Diana hat recht gehabt – es war kein Problem, die Stelle zu bekommen. Sie hat meistens recht mit ihren Einschätzungen, aber diesmal steht so viel auf dem Spiel, dass ich ihr nicht geglaubt habe. Und das, obwohl ich gewusst habe, dass ich mich mit den perfekten Unterlagen bewerbe. »Das freut mich! Ich würde sehr gerne hier anfangen.«

»Dann wollen wir mal eine Tour machen.« Frau Mehringer schiebt die Mappe beiseite, und wir stehen auf.

Ich spüre, wie sich meine Nervosität noch mehr verflüchtigt. Weggehen wird sie nicht. Aber ein wenig Anspannung ist vielleicht nicht einmal schlecht. Frau Mehringer muss sie gespürt und ihre Schlüsse daraus gezogen haben. Sie muss angenommen haben, dass ich diese Stelle unbedingt will und mich deswegen unter Druck gesetzt habe. Ganz falsch liegt sie damit nicht. In letzter Zeit habe ich genug verloren. Und ich habe nicht vor, so weiterzumachen. Schon gar nicht die Wette gegen die Clique zu verlieren. Eingestellt zu werden, ist nur der erste Schritt zum Sieg. Der erste Schritt, der mich ins Spiel gebracht hat. Oft ist er der schwierigste.

»Ich bin sehr gespannt darauf, alles zu sehen und die Patientin kennenzulernen.«

»Wir besuchen Isabella zuerst. Derweil kann meine Assistenz schon einmal die erforderlichen Unterlagen herrichten.«

»Das klingt sehr gut. Vielen Dank für Ihr Vertrauen!«

Frau Mehringer lächelt wohlwollend. »Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass Sie gut zu uns passen könnten. Ihre Qualifikationen, Ihr Lebenslauf – Sie sind ideal für diese Stelle.«

Ich strahle sie an, als würde mich diese Tatsache überraschen. Sie tut es nicht. Natürlich nicht. Ich wusste, dass meine Bewerbungsunterlagen ideal sind. Eine Vita mit genau den richtigen Lücken. Mein Auftreten, bis hin zu dem falschen Knopf. Perfektion darf nicht vollkommen sein, sonst wirkt sie unecht.

Ich habe gewusst, dass meine Bewerbungsunterlagen ideal sind. Immerhin hat Diana sie eigenhändig gefälscht.

Vier Wochen zuvor

Die Wolkendecke hing tief über den Dächern der Stadt, als ich das Gebäude verließ. Mir brummte der Kopf von der Party – und von den wenigen Stunden Schlaf, die ich danach ergattert hatte. Sofas mit abgesessenen Kissen waren nicht die beste Option für die Ruhe, die mein Körper nach einer durchtanzten Nacht brauchte.

Die Luft kam mir diesig vor, als hinge der Qualm des Feuerwerks noch darin. Unter meinen Füßen verlor aufgeweichtes Konfetti im Schneematsch auf dem Bürgersteig seine Farbe. Frohes neues Jahr. Fuck. Ich hatte fest damit gerechnet, jetzt nicht mehr hier zu sein.

Ich machte einen Bogen um eine Pfütze aus Schneematsch und musste mich an der Hauswand abstützen, um nicht hinzufallen. In meinem Kopf drehte sich alles.

»Ist das ein Walk of Shame?«

Ich wirbelte herum. Die Bewegung war zu schnell, sofort begann der Boden wieder zu schwanken. Gut, dass ich noch an der Mauer stand. Auf der anderen Straßenseite, in einem Mantel aus rotem Kaschmir, den nur eine einzige Person tragen konnte, die ich kannte, war Diana aufgetaucht. In den Händen hielt sie zwei Becher aus Pappe. Sie erfasste meinen Zustand mit einem Blick und kam über die Straße zu mir herüber. »Kaffee gefällig?«

»Ich habe auf dem Sofa geschlafen«, erklärte ich, nachdem ich ihr um den Hals gefallen war. »Mark hat schon jemand anderen abgeschleppt. Zwei Mädels sogar, wenn ich mich richtig erinnere.« Sicher war ich mir dabei nicht. Dafür hatte ich gestern zu viel Gas gegeben – und war zu tief abgestürzt. Ein Muster, das sich in letzter Zeit wiederholte.

»Er hat es einfach drauf«, urteilte Diana und fuhr sich durch die blonden Locken. »Und was ist mit dir?«

»Ich war nicht in Stimmung«, erwiderte ich und nippte an dem Becher. Das Koffein würde meinem Magen bestimmt nicht guttun, dafür aber helfen, mich wieder wie ein Mensch zu fühlen. Halbwegs. »Und was ist mit dir? Ich hatte dich erst in einer Woche wieder zurückerwartet. Gab es Ärger im Paradies?« Die Bilder, die sie auf ihren Social-Media-Kanälen geteilt hatte, sahen jedenfalls nicht danach aus.

»Nein. Ganz im Gegenteil, das wäre wenigstens unterhaltsam gewesen. Wie es aussieht, kann auch ein Kerl mit einer Yacht extrem langweilig sein.«

Vorsichtig löste ich die Hand von der Hauswand. Glücklicherweise hatte die Welt aufgehört sich zu drehen. Und das würde hoffentlich so bleiben, wenn ich vorsichtig war. Nachdem ich mir sicher war, dass ich nicht mehr oder weniger unsanft auf dem Boden landen würde, musterte ich Diana scharf von der Seite. »Er war also langweilig. Aber die Ohrringe sind neu.«

Sie lachte. »Ja, gut beobachtet. Er meinte, dass sie gut zu meinen Augen passen.« Unwillkürlich fragte ich mich, ob die grünen Steine echte Smaragde waren. Vermutlich, wenn sie von dem Besitzer der Yacht kamen.

»Das tun sie auch. Und man sieht dir an, dass du drei Wochen in der Sonne gelegen hast.« Auf der Yacht eines Typen, den sie auf einer Kunstausstellung kennengelernt hatte. Mark mochte gut sein, Diana war besser. So wie ich früher einmal.

»Du dagegen siehst echt beschissen aus«, erwiderte sie. »Und red dich nicht darauf heraus, wie hart die Party gestern war – das meine ich nicht. Du siehst nicht nur aus wie ein Zombie, sondern wie einer, der an Schwindsucht leidet und es mit Hautpflege nicht besonders ernst nimmt.«

»Vielen Dank auch.«

»Ich bin ehrlich, weil ich dich lieb habe, Zombie-Mex«, gab sie erbarmungslos zurück. »Du hast schon wieder abgenommen.«

Eine Feststellung, keine Frage. »Ich weiß nicht. Ich habe einfach keinen Hunger.« Und Essen war teuer. Zu teuer, um es einzukaufen und nur ablaufen zu lassen.

Unvermittelt blieb Diana stehen. »Worauf? Keinen Hunger auf Essen oder auf das Leben?«

»Du übertreibst.«

»Tue ich nicht. Ich weiß, wie schwer du dich mit Trennungen tust. Geht mir auch so. Das ist, als wäre man wieder das Kind, das von den Eltern im Stich gelassen worden ist, oder?«

Dazu sagte ich nichts, setzte mich nur wieder in Bewegung. Diana hatte in ihrer Kindheit das Gleiche durchgemacht wie ich. Vielleicht waren wir deshalb so gute Freunde. Aber das mit Louis konnte sie nicht verstehen.

»Kein Typ ist es wert, ein ganzes Jahr lang zu trauern.«

»Er ist nicht nur irgendein Typ, und ich war auf der Party, oder nicht?« Und auch auf allen davor, die ich hatte auftreiben können. Mit einem großen Schritt stieg ich über einen ausgebrannten Knallfrosch hinweg, der mitten auf dem Weg lag. Schmerzen wummerten hinter meiner Stirn, als ich strauchelte und mich wieder an einer Hauswand abstützte. Ich musste dringend etwas gegen das Dröhnen in meinem Kopf einwerfen, dann konnte ich den Rest des Tages verschlafen.

»Das mit den vielen Partys ist mir nicht entgangen«, stellte Diana mit einem Naserümpfen fest. Sie hielt mühelos mit mir Schritt. »Dein Social-Media war voll davon.«

»Du hast mir gesagt, dass ich weiterleben muss.«

»Ja, weil du dich am Anfang nur eingegraben hast.«

»Ich war mit dir auf jedem Weihnachtsmarkt, auf den du mich geschleppt hast, bevor du in die Karibik abgehauen bist.«

»Ich hätte dich mitgenommen, das weißt du. Da waren eine Menge Leute, die du hättest kennenlernen können.«

»Nein danke.«

»Ja, das hast du damals auch gesagt.« Sie packte mich am Arm und zwang mich dazu, stehen zu bleiben. »Was dir fehlt, findest du bestimmt nicht beim nächsten Absturz auf der nächsten beliebigen Party.«

Unwillig machte ich mich los. »Was willst du von mir?«

»Dich auf den Pfad der Tugend zurückführen.«

Ich verdrehte die Augen, konnte mir ein Lachen jedoch nicht verkneifen. »Den du selbst noch nie in deinem Leben beschritten hast.«

»Also bitte«, erwiderte sie hoheitsvoll. »Ich war doch diejenige, die dich erst darauf gebracht hat. Und du brauchst einen Urlaub für deinen Kopf.«

»Nein. Es ist mitten im Semester. Und ein Urlaub kostet Geld.«

»Ja, aber du musst diese Stadt mal verlassen. Prüfungen kann man wiederholen, das Leben nicht. Ich will die echte Mex zurück. Die vor …«

Energisch hob ich die Hand. So energisch, dass Kaffee über den Rand des Bechers schwappte, den ich in der anderen hielt. »Bitte nicht.«

Diana kniff die Augen zusammen. »Sind wir schon so weit? So weit, dass du nicht einmal seinen Namen hören möchtest?«

»Ich kann ihn schon hören«, entgegnete ich. »Aber ich ziehe es trotzdem vor, es nicht zu tun.«

»Louis. So heißt der Typ, der dich sitzengelassen und nicht ein einziges Mal angerufen hat. Louis. Vor einem Jahr. Das ist lange genug, um aus der Trauerphase rauszukommen, Mex. Und die Sache mit der Wut hast du auch komplett übersprungen. Du könntest … zum Beispiel sein Hirn essen wollen. Das wäre vielleicht sogar nahrhaft, nachdem du jetzt ein Zombie bist.«

Ich schaffte es nicht, über ihren lahmen Witz zu lachen. »Er ist weg. Also kein Grund für Mordgedanken.«

»Ja, er hat uns alle zurückgelassen. Das ist nicht das Problem. Wirklich übel nehme ich ihm, dass er dich mitgenommen hat. Zumindest einen Teil von dir.«

Den Teil von dir, der lustig war und mit dem man Spaß haben konnte. Ich biss mir auf die Lippen. Ich wusste, was sie sagen wollte. Louis hatte mir das Herz gebrochen, das war uns beiden klar. Nur würde Diana etwas so Banales nie aussprechen. »Sorry«, sagte ich.

»Nichts da«, gab sie zurück. »Du bist jetzt einfach einmal so gut und hörst auf mich. Ich bin nicht umsonst extra früher aus der Karibik abgereist.«

Schlechtes Gewissen breitete sich in mir aus. »Ich dachte, der Typ mit der Yacht war langweilig.«

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »War er, aber die restliche Gesellschaft war amüsant genug. Und in der Karibik hätte ich es auch noch ausgehalten. Aber reiche, spendable Typen gibt es genug. Gute Freunde dagegen sind spärlich.«

Jetzt schossen mir die Tränen in die Augen. »Scheiße, Diana …«

»Fang jetzt ja nicht an, zu heulen«, sagte sie streng. »Ich will, dass du zurück ins Spiel kommst. Mark hat mir gesagt, dass du mehrere Wetten abgelehnt hast. Den Kick, den du suchst, findest du nicht auf einer Party. Ganz egal, zu wie vielen Drinks du dich einladen lässt.«

»Mark ist unmöglich. Und ich kann mir den Einsatz für eine Wette gerade nicht leisten.«

»Mark ist vielleicht unmöglich, aber du bist ein Zombie. Und dabei kann ich nicht mehr länger zusehen. Mach dir mal keine Gedanken um den Einsatz. Den treiben wir schon auf. Du, Mexielein, brauchst dringend einen Urlaub für deinen Kopf.«

»Du weißt, dass ich mir einen Urlaub auf gar keinen Fall leisten kann.«

Ihre Augen sprühten Funken, und ich schwieg. Sie hatte nur darauf gewartet, dass ich das sagte. »Da habe ich etwas für dich«, verkündete sie. »Die perfekte Gelegenheit. Eine Wette, die auch ein Urlaub ist.«

Kapitel 2

Jetzt

Das Hotel Eiskristall hat fünf Sterne. Diana zufolge ist einer davon für die Lage, ein weiterer für die Ausstattung und den Wellnessbereich, die nächsten beiden für Service und Essen. Der letzte Stern wird für das Personal vergeben. In Dianas Augen nur dann, wenn die Mitarbeiter allesamt auch wirklich heiß sind.

Bisher kann ich ihre Hypothese bestätigen. Die Rezeptionistinnen tragen schwarze Hosen, dunkelrote Westen über kurzen Blusen und ein gewinnendes Lächeln, das Frau Mehringer im Vorbeigehen mit einem strengen Blick kontrolliert.

Wir durchqueren die Lobby mit zügigen Schritten. Auf halbem Weg kommt uns ein älteres Paar entgegen.

»Willkommen, Herr und Frau Schneider«, sagt Frau Mehringer und schüttelt den beiden die Hand. »Hatten Sie eine angenehme Anreise?«

»Nein, es war wirklich strapaziös«, erwidert die Frau. »Unser Flieger hatte Verspätung, und wir hätten eine halbe Ewigkeit am Flughafen ausharren müssen. Glücklicherweise hat Ihr Concierge dann alles geregelt, und wir mussten nicht eine Minute auf das Shuttle warten.«

»Das freut mich zu hören! Und ich bin sehr froh, dass Sie es wohlbehalten zu uns geschafft haben.«

»Wie jeden Winter«, sagt der Herr. »Und ich bin immer wieder begeistert, was Sie aus diesem Hotel gemacht haben, Frau Mehringer. Ich hätte niemals gedacht, dass sich das Hotel nach diesem schweren Schicksalsschlag noch verbessern könnte. Aber Sie haben wirklich das Beste herausgeholt.«

»Und dieser junge Concierge ist hervorragend!«

Frau Mehringer verabschiedet das Paar mit ein paar freundlichen Worten, bevor sie mir zunickt. »Entschuldigen Sie. Gäste kommen in dieser Branche immer an erster Stelle.«

»So wie die Patienten in der Krankenpflege.« Die Aussage ist keine Lüge, weshalb es mir leichter fällt, sie auszusprechen. Am Anfang habe ich mich schwer damit getan, gänzlich von der Wahrheit abzuweichen. Jetzt bin ich besser darin, doch ich bevorzuge es, mich im Graubereich zu bewegen.

»Da haben Sie recht«, erwidert Frau Mehringer. »In vielerlei Hinsicht ein ähnlicher Bereich.«

»Ich schätze, Patienten sind dankbarer als Gäste.« Ein Schuss ins Blaue. Aber das, was eine leidenschaftliche Pflegekraft sagen würde. »Der Beruf gibt viel zurück.«

Das lässt Frau Mehringer unkommentiert. Mit raschen Schritten führt sie mich durch die beeindruckende Lobby zu den Aufzügen. »Das Obergeschoss ist nur mit einer Chipkarte zu erreichen. Wenn Sie die Karte an den Leser halten, stoppt der Aufzug auch nicht in den anderen Geschossen. Bitte denken Sie daran, dass niemand außer Ihnen, mir und Dr. Berger Isabellas Appartement betreten darf. Das Service-Personal bringt das Essen in das Obergeschoss und stellt es vor der Tür ab. Es ist dann Ihre Aufgabe, es hereinzuholen.«

Die silbernen Aufzugtüren öffnen sich mit einem leisen Pling, und wir steigen ein. In der Kabine ist die Luft klimatisiert, und mir kriecht sofort eine Gänsehaut über die Arme. Ich friere leicht, seit ich weniger Hunger habe. Keinen Hunger auf Leben, wie es Diana ausgedrückt hat. Das hier fühlt sich an wie das Gegenteil.

»Sagen Sie – wie lange waren Sie in der Psychiatrie tätig?«, will Frau Mehringer wissen. Die Frage ist beiläufig, früher hätte sie mich paranoid gemacht. Jetzt jagt sie nur einen Schauer durch meine Zellen. Eine Schockwelle, die mich bis in die Fingerspitzen belebt und die Kälte vertreibt. Besser als Koffein, besser als Alkohol. Das ist er. Der Kick, der mir im letzten Jahr gefehlt hat.

Ich kenne meinen Lebenslauf auswendig. Alles andere wäre ein Anfängerfehler. »Ein Jahr«, erwidere ich genauso beiläufig wie Frau Mehringer. »Ich fand die Zeit dort sehr interessant, die Schwerpunkte sind ganz anders als die in der Somatik.« Das Satzfragment habe ich von einem von Dianas Kommilitonen entwendet. Wir waren oft genug mit ihnen unterwegs, dass mir die Floskeln geläufig sind. Ohne dieses Wissen hätte ich mich vermutlich nicht an eine Rolle als Pflegerin herangewagt.

»Und diese Schwerpunkte lagen Ihnen gut, wenn man nach dem Empfehlungsschreiben geht.«

»Ja.«

Die Türen des Aufzugs öffnen sich wieder, und wir steigen in einen langen Flur aus. Wie unten liegt ein heller Teppich auf dunklem Holzboden. Die Türen sind in grauer Schieferoptik gehalten.

»Warum haben Sie gewechselt?«

Jetzt hat das Gespräch nichts Beiläufiges mehr an sich. »Ich hatte das Gefühl, dass ich woanders mehr tun kann als in der Psychiatrie.«

Frau Mehringer antwortet nicht sofort, und ich warte, ob ich den richtigen Ton getroffen habe. Sie hat das Thema nicht zufällig angesprochen. Wir befinden uns noch immer im Bewerbungsgespräch, auch wenn sie etwas anderes behauptet hat. »Ich verstehe.« Eine weitere Pause. Wir bleiben vor einer der Türen stehen. »Isabella hat bisher jegliche Form der Psychotherapie abgelehnt. Gerade deshalb war es mir wichtig, jemanden einzustellen, der sich gut auf seine Patienten einlassen kann. Und Sie passen auch deswegen perfekt in das Bewerberprofil, weil Sie in Isabellas Alter sind. Seit ihrem Unfall ist sie sehr … zurückgezogen. Es wäre schön, wenn Sie ihr etwas von der Außenwelt zurückgeben könnten.«

Für einen schwindelerregenden Moment spüre ich, was hinter ihren Worten und ihrer kühlen Fassade verborgen ist. Verzweiflung. Isabella muss ihr am Herzen liegen. Und auch wenn ich keine echte Pflegerin bin, erkenne ich, was sie von mir erwartet. Sie möchte von mir hören, dass alles gut wird. Besser zumindest.

»Ich werde mein Bestes geben.« Nicht zu viel versprechen. Perfektion wirkt unecht. Ich bin gut in diesem Spiel. Vielleicht wurde ich dafür geboren. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass mich meine Kindheit darauf vorbereitet hat.

Frau Mehringer nickt, und ihre Fassade ist wieder undurchdringlich. »Das freut mich zu hören.«

Isabellas Unterkunft unterscheidet sich vom Rest des Hotels. Der elegante Stil mit seinen geschmackvollen Möbeln und den vereinzelten Naturelementen ist verschwunden und einer Einrichtung gewichen, die ich nur als kalt bezeichnen kann. Schnörkellose Einrichtungsstücke aus Metall, verschraubt mit Leisten aus schimmerndem Chrom. Das Tageslicht wird durch blassblaue Vorhänge ausgesperrt.

Es fühlt sich an, als wäre ich in einem Eispalast gelandet. Unwillkürlich frage ich mich, ob sich Isabella die Einrichtung so gewünscht hat. Vielleicht ist sie auch rein zweckmäßig gewählt.

»Isabella«, ruft Frau Mehringer. In dieser sterilen Umgebung kommt mir ihre laute Stimme fehl am Platz vor. »Ich möchte dir jemanden vorstellen.« Sie nickt mir zu, und wir durchqueren den Raum. Ein silberner Tisch, eine Sitzbank mit weißen Polstern. Ob meine Haut daran festklebt, wenn ich sie berühre?

Die schimmernde Schiebetür am Ende des Zimmers gleitet beinahe geräuschlos auf, und Frau Mehringer geht voran. »Isabella«, sagt sie mit einem Seufzen. »Warum bist du denn hier hinten und sperrst wieder die Sonne aus? Es ist so schönes Wetter draußen.«

Ich folge ihr langsamer. Ich fühle mich wie ein Eindringling in diesem Eispalast. Ein Eindringling, der ich auch bin.

Hinter der Schiebetür betreten wir ein Schlafzimmer. Wie vorne gibt es hier keinerlei Dekoration, ein Großteil des Raums wird von einem Bett eingenommen. Auch sein elegantes Design kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein Krankenhausbett handelt. Mein Herzschlag beschleunigt sich.

Frau Mehringer geht auf die Vorhänge zu, die in diesem Raum ebenfalls geschlossen sind, und reißt sie auf. Sonnenlicht strömt herein, und der Knoten in meinem Bauch wird fester. Fast muss ich mich überwinden, Isabella anzusehen.

Ich weiß nicht viel von ihr. Außer, dass sie fünfundzwanzig Jahre alt ist und seit einem Unfall vor einem Jahr auf den Rollstuhl angewiesen. Dass sie seitdem kaum noch spricht. Die Dinge, die mir Frau Mehringer in dem telefonischen Vorstellungsgespräch gesagt hat. Den Rest kann ich mir zusammenreimen.

Worauf ich nicht vorbereitet bin, ist die Tatsache, wie schön sie ist. Sie sitzt so aufrecht in ihrem Rollstuhl, als wäre er ein Thron. Hellblonde Locken ringeln sich über ihre Schultern, und als ich sie ansehe, begegnen sich unsere Blicke, und sie hält den meinen mühelos fest. Keine Regung liegt auf ihrem Gesicht.

Frau Mehringer tritt neben mich und legt eine Hand auf meinen Arm. »Isabella, das hier ist Meggie Sellner. Sie wird dir Gesellschaft leisten.«

Isabellas Miene zeigt noch immer keine Regung. Ihre hellen Augen huschen kurz zu Frau Mehringer, dann wieder zu mir. Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. Schließlich betätigt sie mit der rechten Hand den Steuerknüppel ihres Rollstuhls und dreht sich zum Fenster um. Und obwohl sie nichts sagt, fühle ich mich durchschaut. Es sieht aus, als hätte ich die wahre Herausforderung meiner Stelle entdeckt. Eingestellt zu werden war noch das Einfachste. Ich hätte mir mehr Gedanken darüber machen sollen, was danach kommt.

Ich werfe Frau Mehringer einen hilfesuchenden Blick zu. Das würde ich tun, wenn ich eine richtige Pflegekraft wäre. Ich wäre nicht an Ablehnung gewöhnt. »Isabella, das ist keine Art, jemanden zu begrüßen. Wo sind deine Manieren?«

Die junge Frau zeigt nicht die leiseste Regung. Verständlich. Frau Mehringer redet mit Isabella, als wäre sie ein Kind. Ein Kind, das nicht folgt.

»Es ist schon okay«, sage ich. Ich wäre vermutlich auch nicht begeistert, wenn plötzlich eine Fremde in meinem Schlafzimmer stehen würde. Ich spreche den Gedanken nicht aus. Es ist keine gute Idee, Frau Mehringer zu verärgern. Immerhin ist sie diejenige, die mich hierhaben will. Andererseits scheint Isabella nicht besonders gut auf sie zu sprechen zu sein. Bei ihr könnte ich vermutlich mit einem Kommentar punkten – doch das werde ich nicht riskieren, bevor ich nicht den Vertrag unterschrieben habe.

»Ist es nicht«, erwidert Frau Mehringer und geht zu Isabella, um sich vor sie zu stellen. »Ich erwarte, dass du Frau Sellner eine Chance gibst.«

Falls Isabella reagiert, bekomme ich es nicht mit. Frau Mehringer schüttelt den Kopf und kommt wieder zu mir, fasst mich am Arm. »Kommen Sie kurz mit.«

Sie geht mit mir zurück ins Wohnzimmer. Die Schiebetüren schließen sich lautlos hinter uns.

»Ich habe leider nicht die Zeit, diese Diskussion für Sie zu führen«, eröffnet sie mir, und ihr Gesichtsausdruck lässt keinen Funken der Verzweiflung sehen, der vorhin kurz zum Vorschein gekommen ist. Lediglich Geschäftsmäßigkeit und eine Spur von Frustration, dass sich Isabella ihr widersetzt. Keine Zeichen dafür, dass die junge Frau ihr am Herzen liegt. Vielleicht habe ich mir den Ausdruck vorhin nur eingebildet. »Das müssen Sie selbst tun.«

»Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier erwünscht bin.« Meine Haut prickelt. Mich als Krankenpflegerin auszugeben, ist das Eine. Mich jemandem aufzudrängen, der mich der Lüge zum Trotz ablehnt, etwas vollkommen anderes.

Frau Mehringers Miene wird noch strenger. »Isabella ist schwer krank, Frau Sellner. Und die zertrümmerte Wirbelsäule ist das, was wir sehen können, aber in Wirklichkeit geht die Verletzung viel tiefer.« Ihre Worte sind sanfter, als ich erwartet habe. Sie nehmen Anteil an Isabellas Schicksal, auch wenn sie sich das nicht anmerken lässt. »Darf ich Sie Meggie nennen?«

»Mex, bitte.«

»Schön.« Sie streicht sich eine imaginäre Haarsträhne aus dem Gesicht und wirkt mit einem Mal müde. »Ich hätte Sie vorwarnen müssen, dass das hier eine Herausforderung wird, doch ich wollte nicht, dass Sie voreingenommen sind. Das hier ist kein normaler Pflegejob.«

Was gut für mich ist, weil ich sonst untergehen würde. Aber das darf ich nicht zugeben. Stattdessen nicke ich. Alles Unrechtsbewusstsein der Welt könnte mich nicht von hier vertreiben. Diana hat recht gehabt, ich habe eine Herausforderung gebraucht, um mich wieder lebendig zu fühlen. Außerdem bin ich pleite, wenn ich hier scheitere oder aufgebe. Dann kann ich mein Studium vergessen.

»Also, was soll ich machen?«

Vier Wochen zuvor.

»Pflege? Das kannst du nicht ernst meinen!«

Diana grinste mich über den Tisch hinweg an, und ich konnte ihr ansehen, dass sie mit dieser Reaktion gerechnet hatte. »Ich habe doch gesagt, dass die Stelle eine Herausforderung ist. Das muss sie aber auch sein.«

Ich schob das Tablet von mir und schüttelte den Kopf. »Kannst du vergessen, das mache ich nicht. Ich bin zwar dreist, aber nicht, wenn es jemanden in Gefahr bringt.«

»Jetzt sei nicht dramatisch, Mex. Außerdem sehe ich hier genau eine Person, die in Gefahr ist. Und das bist du.«

»Jetzt bist du diejenige, die dramatisch ist«, erwiderte ich. »Ich kann mich doch nicht einfach als Pflegekraft einstellen lassen. Gibt es keine anderen Stellenausschreibungen? Das ist ein Hotel.«

»Ja, aber du musst an die Wette denken. Du hast dich ein Jahr lang aus allem herausgehalten, während die anderen eingezahlt haben. Wir müssen den anderen etwas bieten, damit sie sich darauf einlassen. Je höher das Risiko ist, desto eher kannst du dir den Einsatz leisten. Und die Quote wird besser.«

»Ich kann mir den Einsatz so oder so nicht leisten.«

»Darüber kannst du dir Gedanken machen, wenn es so weit ist. Außerdem musst du es positiv sehen: Nur mit diesem Job kommst du an die Hotelerbin heran.«

Ich starrte sie an.

»Die Patientin, um die du dich kümmern wirst, ist die Erbin des Hotels.«

Natürlich sprach sie darüber, als wäre es eine beschlossene Sache. Diana bekam meistens ihren Willen. »Und?«

»Und das ist die perfekte Gelegenheit, um dir neben dem Wetteinsatz ein paar Vorteile zu sichern. Wenn du dich mit ihr anfreundest. Das bekommst du bestimmt hin.«

Ich verschränkte die Arme. »Wo hast du diese Stellenausschreibung überhaupt gefunden?«

»Ich habe so meine Quellen.« Dianas Quellen waren in der Clique berüchtigt. So oft sie davon sprach – sie machte grundsätzlich ein Geheimnis darum, wer oder was dahintersteckte. Sogar bei mir. Sonst sprachen wir über alles.

Sie zog das Tablet an sich heran und tippte auf dem Bildschirm herum. »Und du wirst ganz schnell begeistert sein, wenn ich dir erst das Hotel zeige. Fünf Sterne, in einem der besten Skigebiete der Welt. Toplage, mit beheiztem Außenpool. Der ist perfekt zum Rummachen, wenn du dir dann einen heißen Skifahrer geangelt hast. Du musst endlich über diesen Typen …«

Ich hob den Zeigefinger, und sie tat mir den Gefallen, zu verstummen. Vermutlich weil sie ahnte, dass mich ein Gespräch über Louis nicht gerade besänftigen würde. »Heiße Skifahrer sind das eine, aber wie zur Hölle soll ich mich bitte als Pflegekraft ausgeben? Ich habe keine Ahnung …«

»Das ist nicht so schwer.« Sie begann, an ihren Fingern abzuzählen. »Du kannst Erste Hilfe leisten, vermutlich sogar besser als ich. Du hast mich das eine oder andere Mal in Pharma abgefragt, da muss etwas hängengeblieben sein.«

Ich versuchte, sie zu unterbrechen, doch sie schnitt mir das Wort ab. »Du hast dir oft genug den Stuss angehört, den meine Kommilitonen so von sich geben, um den richtigen Ton zu treffen …«

»Diana …«

»… und außerdem ist die Stelle eher für eine Gesellschafterin als für eine Pflegekraft. Man braucht bestimmt keine Ausbildung für Intensivmedizin.«

»Aber generell eine Ausbildung zur Pflegekraft.«

»Von der du ein Jahr absolviert hast.«

»Da war ich nur Praktikantin. Und eine Prüfung …«

»Hast du zu deinem Glück …« Sie zog mit viel Aufhebens eine Mappe aus der Tasche. »… mit Bestnote bestanden. Und großartige Empfehlungsschreiben.«

Ich machte keine Anstalten, die Unterlagen an mich zu nehmen. »Du hast bereits Dokumente organisiert?«

»Anfertigen lassen und bezahlt.« Sie erwiderte fest meinen Blick. »Hauptsache, du kommst endlich mal wieder raus, Mex.«

»So schlimm?«

»Noch viel schlimmer, Mex. Zombie ist beinahe noch ein Kompliment für deinen Zustand. Du musst mal wieder raus ins Leben. Und da ist eine Wette genau das, was du brauchst. Außerdem kannst du damit richtig Geld verdienen. Es wäre schön, wenn du wieder etwas mehr zu unserer Miete beiträgst.«

»Was meinst du denn, was für eine Quote ich kriege?«

Diana machte sich keine Mühe, ihr Strahlen zu verbergen. Sie wusste, dass sie mich am Haken hatte. »Job im Ausland, riskante Stelle in einem wichtigen Beruf, elitäre Hotelgesellschaft, anspruchsvolle Arbeitgeber«, fasste sie zusammen. »Wenn man jetzt noch eine ordentliche Zeitspanne angibt, lassen sich mehr als 300 % rausholen.«

»300 %?«, wiederholte ich ungläubig. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt circa zwei Jahre dabei war, war mir erst einmal eine derartig hohe Quote untergekommen. Bei einer Wette, die über bloße Hochstapelei hinausgegangen war. Mein Herz zog sich zusammen, als ich daran dachte. Sie war ziemlich genau achtzehn Monate her, trotzdem erinnerte ich mich daran, als wäre sie gestern gewesen. Und seit geraumer Zeit wünschte ich mir, ich wäre nicht in sie verwickelt gewesen.

»Eher mehr«, sagte Diana. »Für wie viel würdest du es denn machen?«

Ich kniff die Augen zusammen. Ihr Tonfall war ein klein wenig zu unschuldig. »Was verrätst du mir nicht?«

Sie drehte die Mappe in den Händen hin und her. »Die Unterlagen haben eine Menge gekostet. Die würde ich nicht einfach so anfertigen lassen.«

»Und das bedeutet?«

»Dass ich schon mal mit den anderen geredet habe«, sagte sie beiläufig. »Sie sind bereit, darüber hinwegzusehen, dass du dich rausgenommen hast. Dafür musst du mindestens drei Monate dort arbeiten, ohne aufzufallen.« Ein listiger Ausdruck schlich sich auf ihr Gesicht. »Sie haben keine Ahnung von deiner angefangenen Ausbildung zur Pflegekraft. Aber ich werde nichts verraten, wenn du es nicht tust.«

Ich atmete tief ein. Diana hatte bereits mit den anderen verhandelt. Und so wie sie darüber sprach, war die Wette auch durchgegangen. Da war aber etwas anderes, was mich verunsicherte. »Du hast sie angelogen?« Damit hätte sie selbst eine der drei goldenen Regeln unserer Clique verletzt.

»Ich habe nicht gelogen. Nur etwas verschwiegen. Und das geschieht ihnen ganz recht. Sie wollten dich nämlich erst nicht für die Wette zulassen.«

»Und jetzt schon?«

»Ja, die Sache mit dem Pflegejob hat sie überzeugt.« Sie lächelte zufrieden. »Die glauben nicht, dass du es durchziehen kannst. Ich dagegen glaube das schon. Deswegen habe ich auch deinen Einsatz direkt gestellt.«

Ich konnte sie wieder nur anstarren, unfähig, ein Wort zu sagen.

Sie zwinkerte mir zu. »Diese Ohrringe waren mir ohnehin zu schwer.«

»Wie hoch ist der Einsatz?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das verrate ich dir auf gar keinen Fall. Aber die Quote beträgt 350 %. Du wirst mir also alles zurückzahlen können. Und dann kann ich die Ohrringe aus der Pfandleihe zurückholen. Falls ich will.« Sie massierte sich die Ohrläppchen. »Sie haben wirklich gut zu meinen Augen gepasst.«

»Es ist keine richtige Wette, wenn du die ganze Arbeit für mich erledigst. Und auch noch meinen Einsatz stellst.«

Jetzt lächelte sie. »Lass mich das für dich tun. Außerdem ist das Geld ja nur geliehen. Ich bekomme es zurück, wenn du gewonnen hast.«

Falls ich gewann. Langsam zog ich die Mappe zu mir heran und öffnete sie. Das erste Blatt darin war mein Lebenslauf. So, wie er gewesen wäre, wenn ich die Ausbildung zur Krankenpflegerin durchgezogen hätte. Zweifelnd sah ich Diana an.

»Keine Sorge, du gibst eine hervorragende Pflegerin ab«, sagte sie. »Schwester Mex.«

Ich schluckte. »Und den Einsatz hast du schon bezahlt?«

»Klar. Sonst hättest du es mir verboten, das für dich zu machen.«

Das hätte ich. Weil ich es nicht leiden kann, in jemandes Schuld zu stehen. Schließe niemals eine Wette ab, bei der du auf die Hilfe anderer angewiesen bist. Die vierte Regel, die inoffizielle. Aber ich war über den Punkt hinaus, an dem ich es allein schaffen konnte.

»Wie, du schimpfst mich gar nicht dafür?«, zog Diana mich auf. »Nicht mal ein bisschen?«

»Ich sollte – aber nein. Ich bin dir nur unglaublich dankbar, dass du das für mich tust.«

»Gut. Dann kann ich mir meinen Vortrag sparen, dass du genug opferst, indem du alle Klausuren für dieses Semester schiebst.«

Schieben musste ich sowieso. Ich hatte so oft gefehlt, dass ich in den meisten Veranstaltungen ohnehin durchgefallen war. Und die restlichen Prüfungen zu bestehen, würde kaum möglich sein. Mein Studium vertrug ein verpasstes Semester, solange ich mir das nächste leisten konnte. Wenn ich diese Wette gewann, wäre das kein Problem mehr.

»Und falls es Schwierigkeiten gibt, kannst du mich jederzeit anrufen«, sagte Diana und stellte das Tablet auf, sodass ich die Website sehen konnte, die sie aufgerufen hatte. Ein malerischer Skiort war darauf zu sehen und mitten darin ein riesiges Hotelgebäude mit besagtem Außenpool. Hotel Eiskristall, stand in eleganter Schrift auf einem beleuchteten Schild. Darunter funkelten fünf Sterne.

»Das sieht nach einem schönen Urlaubsziel aus, findest du nicht? Und nach heißen Skifahrern. Ich komme dich dann besuchen, wenn das Semester vorbei ist. Davor – und damit meine ich jetzt – wettet die Clique, dass du es nie schaffst, das durchzuziehen. Was denkst du?«

Ich seufzte. »Vermutlich, dass es gar nicht meine Entscheidung war, dagegenzuhalten. Aber ich habe mich schon darauf eingelassen, oder?«

»Das hast du.«

Ich warf noch einmal einen Blick auf die vorbereitete Mappe, auf die schneebedeckten Berge auf der Website. Diana bekam ihren Willen, mal wieder. Und ich bekam eine Chance. Die Chance, alles wiedergutzumachen. Und das zurückzubekommen, was ich verloren hatte. Mein Leben.

»In Ordnung. Ich bin dabei.«

Kapitel 3

Jetzt

Diana scheint mit ihrer Annahme recht gehabt zu haben, dass keine allzu anspruchsvollen Tätigkeiten verlangt werden. Mein Aufgabenbereich beinhaltet es, Isabella bei der Basispflege zu helfen und ihr Gesellschaft zu leisten. Das Stellen der Medikamente hat übergangsweise Dr. Berger übernommen, sie müssten noch für einige Tage gerichtet sein. Er kommt ein- bis zweimal pro Woche vorbei, um Isabella zu untersuchen. Ich habe mir den Medikamentenplan abfotografiert, um mich zu den entsprechenden Mitteln einlesen zu können. Aus meiner Zeit als Auszubildende in der Pflege kenne ich einen Großteil der Namen, könnte sie jedoch niemals zuordnen. Glücklicherweise lässt sich das durch ein wenig Recherche ändern.

Hochstapelei besteht zu einem Großteil aus Dreistigkeit, der Rest sind gute Vorbereitung und das Wissen, wann man besser das Feld räumen sollte. Für Letzteres entwickelt man im Laufe der Zeit einen gewissen Instinkt – ich kann nur hoffen, dass meiner nicht eingeschlafen ist.

Er rührt sich zumindest nicht, als mir Frau Mehringer die Unterlagen gibt, die sie von unten heraufbringen lassen hat. Ein Arbeitsvertrag, der im Vergleich zu der beigelegten Verschwiegenheitserklärung geradezu übersichtlich ist. Meine Vorgesetzte beobachtet mich mit Argusaugen, während ich die Dokumente durchlese.

»Haben Sie Fragen dazu?«

Ich schüttle den Kopf. Vereinbarungen zur Geheimhaltung von Patientendaten sind in der Gesundheitsbranche üblich. Ich bin mir relativ sicher, dass diese Erklärung um einiges ausführlicher ist, doch ich habe keinerlei Vergleich. »Ich hätte nur gern eine Kopie der Dokumente für meine Unterlagen.« Damit ich in Ruhe durchgehen kann, worauf ich mich eingelassen habe.

»Natürlich, die Kopien lasse ich Ihnen in Ihr Quartier bringen. Ebenso wie Ihre Arbeitskleidung.«

»Vielen Dank.«

Der Kugelschreiber gleitet ohne merklichen Widerstand über das Papier, als ich unterzeichne. Es fühlt sich an wie ein Sprung vom Zehnmeterturm. Genauso schwindelerregend, genauso erfrischend.

»Sehr schön«, sagt Frau Mehringer, als sie die Verträge an sich nimmt. »Sie können mit mir nach unten fahren, wenn Sie wollen. Ihr offizieller Arbeitsbeginn ist erst morgen.«

»Ich würde gern noch einmal zu meiner Patientin.« Der erste Eindruck ist der Wichtigste. Ich kann nicht zulassen, dass Isabella mich bis morgen für Frau Mehringers Handlangerin hält. Das würde sich nur in ihr Gedächtnis einbrennen und mir meinen Start morgen erschweren.

»Ganz, wie Sie wollen. Wenn Sie möchten, können Sie sich zuerst einmal in die Krankenakte einlesen. Sie liegt im Tresor bei den Medikamenten. Der Schlüssel dazu hängt am Bund mit der Chipkarte.« Sie deutet auf den Schlüsselbund, den sie mir mit den Unterlagen ausgehändigt hat. »Den Weg nach unten finden Sie danach ja. Wenn Sie irgendeine andere Auskunft brauchen, wenden Sie sich bitte an Herrn Stern, er ist einer von unseren Concierges. Ich habe ihn gebeten, dass er Ihnen die Ankunft ein wenig erleichtert und Ihnen alles zeigt.«

Der Mann, von dem die Hotelgäste vorhin gesprochen haben. Wenn er tatsächlich so kompetent ist, wird es hilfreich sein, auch auf ihn einen guten Eindruck zu machen und ihn für mich einzunehmen. »Das klingt wunderbar, vielen Dank. Ich komme so schnell wie möglich nach.«

»Er wird in der Lobby auf Sie warten. Den Pager werde ich Ihnen an der Rezeption hinterlegen.«

»Vielen Dank.«

Mit einem Nicken geht sie zur Tür. Dann bleibt sie stehen und dreht sich noch einmal zu mir um. »Da wäre eine letzte Sache. Sie werden merken, dass es einiges Gerede im Hotel gibt.«

»Gerede?«

»Klatsch und Tratsch. Gerüchte. Wie auch immer Sie es nennen wollen. Es ist mir klar, dass es nicht möglich ist, sich davon gänzlich fernzuhalten. Selbst wenn ich Ihnen genau das ans Herz legen würde.« Sie scheint sich zu sammeln. »Das meiste entspricht nicht nur nicht der Wahrheit, es ist auch unter der Gürtellinie – geradezu bösartig.«

Ich bleibe stumm. Warte darauf, dass sie mir mehr Informationen gibt.

»Bitte achten Sie nicht auf dieses Gerede.«

»Ähm, ich versuche es.«

»Gut«, entgegnet sie, wirkt aber alles andere als zufrieden. Als hätte sie mehr von mir erwartet. Eine heftigere Reaktion, ein Versprechen vielleicht. »Sie sind clever genug, die Wahrheit zu erkennen.« Und damit geht sie.

Ich bleibe noch für einen Moment an Isabellas Eis-Tisch sitzen. Gerede gibt es überall, doch hier muss es sich um etwas Besonderes handeln. Bestimmt sind eine Menge Mitarbeiter der Meinung, dass Frau Mehringer zu wenig Spaß versteht. Doch das kann es nicht sein. Über jeden Vorgesetzten wird gelästert. Wenn Frau Mehringer das Thema anspricht, muss mehr dahinterstecken. Vielleicht bekomme ich aus diesem Herrn Stern mehr heraus.

Davor muss ich aber noch nach meiner Patientin sehen. Die Schiebetür gleitet auf, als ich mich ihr nähere.

»Isabella?«

Sie sitzt nach wie vor dem Fenster zugewandt. Die Vorhänge sind offen, und hinter dem Glas liegt die Kulisse von Lech mit den Skiliften und dem atemberaubenden Bergpanorama. Der Schnee reflektiert die Sonne und taucht alles in gleißendes Licht. Als wären wir wirklich in einem Märchen, in einem verwunschenen Schloss. Und Isabella ist die Prinzessin im höchsten Turm.

Ich durchquere den Raum und stelle mich vor das Fenster, damit sie mich sehen kann. »Ich bin Mex. Frau Mehringer hat mich als Pflegerin eingestellt.« Wieder ein Satz, in dem ich die Lüge hinter der Wahrheit verstecken kann.

Keine Reaktion.

»Sie hat mich vor allem eingestellt, um dir Gesellschaft zu leisten.« Das wird sie sich gedacht haben. Eine andere Frage ist wichtiger. »Hat dir jemand gesagt, dass ich komme?«

Sie bewegt sich noch immer nicht, ihre blassen Augen sind weiterhin nach draußen gerichtet. Ich hätte Frau Mehringer fragen sollen, ob sie mich angekündigt hat.

»Wäre eine ziemlich miese Aktion, wenn nicht. Ich hätte jedenfalls keinen Bock darauf, dass auf einmal eine Fremde in meinem Schlafzimmer steht.«

Eine winzige Regung huscht über ihr Gesicht.

»Also hat sie dir nichts gesagt?«

Jetzt richtet sie ihre Augen auf mich. Sie passen perfekt in die Umgebung, haben die Farbe des Winterhimmels an einem Tag im Dezember. Langsam bewegt sie die Finger ihrer rechten Hand. Deutet auf etwas.

»Brauchst du was?«

Sie bleibt unbewegt, ihr Finger zeigt noch immer auf den Nachttisch.

Ich sehe eine Fernbedienung, mit der das Bett gesteuert werden kann. Direkt daneben ein Anhänger mit einem schwarzen und einem roten Knopf. Er ist an einer dünnen Kette befestigt, sodass man ihn um den Hals tragen kann. Dann fällt mein Blick auf das, worauf sie deuten muss. Ein schlankes Tablet. Ich nehme es in die Hand und halte es ihr entgegen. »Willst du das?«

Sie nickt nicht, lässt nur den Finger sinken. Ihr Gesichtsausdruck ändert sich kaum merklich, und ich verstehe.

Ich stelle es auf die Ablage, auf der ihre linke Hand ruht. Ich warte, während ihre Finger über den Bildschirm wandern. Sie hat ein Textverarbeitungsprogramm geöffnet. Tippt einen Buchstaben nach dem anderen an.

Am liebsten hätte ich ihr über die Schulter gesehen, doch ich halte mich zurück. Ich bin schon genug in ihre Privatsphäre eingedrungen. Darauf reagieren die meisten Menschen nicht besonders gut. Und Isabella muss mich hier akzeptieren.

Mit gefrorener Miene starrt sie auf den Bildschirm, ihre Finger schweben knapp darüber. Die Sekunden vergehen. Dann, ganz langsam, sieht sie zu mir hoch.

»Darf ich?«, frage ich.