Youtasia - Nicola Strekow - E-Book

Youtasia E-Book

Nicola Strekow

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Beschreibung

"Youtasia – Die Quelle der Macht" ist ein Fantasy - Endzeit Epos, das für die Altersstufe ab 16 geeignet ist. Die Geschichte beginnt in ferner Zukunft, nach dem dritten Weltkrieg, welcher die Welt so sehr verwüstet hat, dass nur noch ein kleiner Teil der Erde bewohnbar ist. Es gibt kaum Überlebende. Auf dem ehemaligen Kontinent Afrika, den die Menschen nun Youtasia nennen, finden sich jedoch noch ein paar lebende Individuen, die sich vorallem dem Spirituismus und teilweise dem Reisen und Kommunizieren zwischen verschiedenen Astralebenen verschrieben haben. Die Menschen werden als Seelen von Dämonen und ähnlichen schaurigen Kreaturen versklavt. Aber auch einige der Oberhäupter der Menschen spielen nicht fair. Zudem zeigt sich eine neue Quelle der Macht, die sich selbst noch identifizieren und finden muss. Diese Quelle wird entscheidend dafür sein, wie der letzte Kampf der Menschheit endet. Dies ist der Einstieg in eine faszinierende Geschichte mit vielen Plottwists und starken Charakteren, die noch einige weitere Bände entstehen lassen wird. Die vielen verschiedenen Haupthandlungen die parallel zueinander laufen und doch ein großes Ganzes ergeben, werden für Spannung und große Lesefreude sorgen und euch auf eine unfassbare Reise in die dunkelsten Ecken von Youtasia und dessen übersinnliche Kräfte mitnehmen.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Nicola Strekow

Youtasia

Die Quelle der Macht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

~ Prolog ~

~ Kapitel 1 Die Legende ~

~ Kapitel 2 Am Rande der Menschheit ~

~ Kapitel 3 Wenn die Welten sich vermischen ~

~ Kapitel 4 Die Suche beginnt ~

~ Kapitel 5 Pandorra! ~

~ Kapitel 6 Die Flucht ~

~ Kapitel 7 Die Erscheinung ~

~ Kapitel 8 Verhandlung und Entdeckung ~

~ Kapitel 9 Wandlung im Feuer ~

~ Kapitel 10 Dämonen ~

~ Kapitel 11 Energiegewinnung ~

~ Kapitel 12 Kraut ~

~ Kapitel 13 Foltern für Fortgeschrittene ~

~ Kapitel 14 Der Plan ~

~ Kapitel 15 Alte Freunde ~

~ Kapitel 16 Unter Kontrolle ~

~ Kapitel 17 Weg in die Zukunft ~

~ Epilog ~

Danksagungen der Autoren:

Impressum neobooks

~ Prolog ~

„Marek, ich verspreche, ich komm‘ zurück und hol’ dich hier raus!“ 

Das ist das Letzte, was ich zu meinem Weggefährten sage. Mein Körper fühlt sich gespalten an - wörtlich meine ich. In diesem Moment bin ich gefangen zwischen den beiden Welten. Ich entschwebe meinem Körper und sehe Marek dort sitzen, wie er versucht mich zu erreichen - vergebens. Ich habe keine Kontrolle mehr über mich, ich werde förmlich aus der Welt gesogen. Doch ich spüre keine Angst, tatsächlich bin ich euphorisch, denn ich kenne mein Ziel.

Meine Mutter ist ein Genie, wenn es um das Brauen aller möglichen Zaubertränke und Beschwörungen geht. Sie hat es geschafft, einen so starken Beschwörungszauber zu finden, dass sie mich aus dieser Hölle befreien kann. Ich schließe meine Augen, koste jede Sekunde dieser sonst so befremdlichen Prozedur aus und spüre, wie jede Zelle meines Körpers sich auflöst und davon schwebt. Es ist wie eine kribbelnde Explosion, die mich komplett umhüllt. Ich genieße diese Reise, denn sie bringt mich nach Hause. Endlich wird mein Leid ein Ende haben. Meine Peiniger werden mich nicht mehr erreichen können. Nur fort aus dieser buchstäblichen Hölle mit all ihren bösartigen Kreaturen. Dort wo ich hingehe, wird mich Niemand mehr quälen können. Nur noch wenige Minuten trennen mich von meiner Familie. Bevor ich mich in diesen Gedanken komplett verlieren kann, lässt das Kribbeln in meinen Gliedern nach und ich spüre, wie das Leben in mich zurückströmt. Bin ich zurück? Ich wage kaum, die Augen zu öffnen. Ich habe mein Ziel erreicht - zumindest ein Teil von mir.

Nervös öffne ich dann doch meine Augen und sehe meine Mutter, diese einst so starke Frau, und meinen Bruder, dem ich meine „Wiederauferstehung“ zu verdanken habe. Doch dann zieht der Mann neben Branko meine Aufmerksamkeit auf sich. Auch er lacht und freut sich offensichtlich, dass ich es zurückgeschafft habe. Ist das Keeth? Dieses offene Lachen, die strahlenden grauen Augen. Er muss es sein! Ich würde diese Augen überall erkennen. Schon immer habe ich eine tiefe Verbundenheit zu diesem Chaoten gefühlt. Er fokussiert mich mit seinem Blick, der voller Hoffnung ist. Dieser Blick gibt mir ein zusätzliches, warmes Gefühl im Inneren. Meine Seele freut sich, ihn zu sehen …

Meine Mutter stockt kurz in ihrer Beschwörung als sie mich sieht. Ihr laufen Tränen der Erleichterung über die Wange. Wie gerne würde ich sie sofort in meine Arme schließen, doch noch kann ich mich nicht frei bewegen. Bisher hat nur ein Teil von mir die Materialisierung geschafft – und zwar der Mentale. Die Blicke all der Freunde und Bekannten sind auf mich gerichtet. Und mir wird mit einem Mal bewusst, dass sie in mir nicht nur die Tochter eines Clanmitglieds sehen. Sie schauen alle so hoffnungsvoll zu mir. Sie alle halten mich für … ja, für was eigentlich? Ihre Retterin? Aber ich spüre, dass ich diese Hoffnung wahrscheinlich noch enttäuschen werde.

Nun bin ich wieder in unserer Welt, die Erlösung aus der Pein ist zum Greifen nah und Mutter fängt an, die nächste Beschwörung zu sprechen. Mit jedem ihrer Worte spüre ich, dass sich mein realer Körper wieder aufbaut. Ich schließe meine Augen noch einmal, um mich besser konzentrieren zu können, damit mich die andere Welt nicht wieder zurückholen kann.

„Argh!“

Was war das? Wer schreit da? Ein Mann! Aber wer? Wo?

Ich reiße meine Augen auf und sehe in die schockierten und panischen Gesichter meiner Familie und meines Clans. Ich weiß nicht, was passiert. Wieso springen alle auf, schreien panisch durcheinander und versuchen zu fliehen? Ein Ruck reißt mich zurück, zerrt an meinen Zellkörpern und will mich anscheinend in die andere Welt zurückziehen. Panik ergreift mich und ich suche mit Blicken ängstlich nach meiner Mutter, denn der Energiefluss droht abzureißen und mich in diese Hölle zurückzuziehen.

Auf der Suche nach meiner Mutter, bleibt mein Blick an einer grauenvollen Szene hängen: Nein, das kann nicht sein! Wie haben sie mich gefunden?

Ich sehe das Unglaubliche: Eines der Wesen, die mir bereits in der anderen Welt so viel Leid zugefügt haben, hat mit seiner Klaue den Körper unseres Clanoberhauptes durchbohrt! Plötzlich sehe ich Branko und Keeth im Augenwinkel auf das Wesen zu stürmen. Was haben sie vor? Ich kann nichts tun, außer zu schreien und tatenlos zuzusehen, wie es mir alles nimmt, was mir wichtig ist. Unser aller Ende ist gekommen! Meine Angst vermischt sich mit Hass und ich habe das Gefühl, dass ich alles dafür tun muss, um meinen Clan - meine Familie - zu retten! Aber ich kann mich nicht bewegen!

Ich schließe die Augen wieder, schreie, so laut ich kann und verfluche meine Unbeholfenheit. Meine Wut und Verzweiflung steigen ins Unermessliche. Ich kann nur hören, wie die Anwesenheit des Wesens alles mit sich reißt. Plötzlich spüre ich, wie sich eine seltsame Macht in mir entfaltet. Sie lässt mich meinen Körper so intensiv spüren, dass ich das Gefühl habe, gerade neu zu entstehen. Es scheint eine Art Urknall zu sein, der mich plötzlich neu erschafft. Innerhalb von Sekunden breitet sich dieses Gefühl in jeden Winkel meines Körpers aus. Diese unglaubliche, reine Energie füllt mich aus, bis sie mich zu zerbersten droht. Ich spüre, wie mein altes Ich wie ein sterbender Stern implodiert und sich die Energie in einem reinen, grellen Lichtstrahl entlädt … Ich bin mir sicher, dass dies nun auch mein Ende ist. Seltsamer Weise ist mir das völlig egal. Nur bitte, bitte hilf Keeth und Branko!

Zögerlich öffne ich meine Augen und hoffe, dass alles nun vorbei ist, dass ich Ruhe habe und meine Familie doch in meine Arme schließen kann. Aber ich bin noch immer in diesem Albtraum gefangen. Doch etwas ist anders. Ich fühle mich anders. Ich schaue an mir herunter, damit ich begreifen kann, was mit mir in den letzten Sekunden passiert ist. Ich traue meinen Augen nicht. Ich bin wieder da, als Mensch. Mein Körper hat sich von selbst wieder materialisiert.

Aber es bleibt mir keine Zeit, mich lange darüber zu freuen. Rücksichtslos werde ich durch die Schreie der kämpfenden Menschen und dem Brummen des Wesens aus meinen Gedanken gerissen. Ich blicke nach vorn und sehe sie sterben - alle nacheinander. Jeden den ich liebe. Ich habe keine Zeit mehr, ich muss etwas tun! Jetzt!

Wie von selbst und blitzschnell setzt sich mein neugeborener Körper in Bewegung. Dann stehe ich plötzlich vor diesem drei Meter großen Wesen. Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich tun soll. Angetrieben von meiner Verzweiflung strecke ich dem Wesen meine nackten Hände entgegen, in der Erwartung die Nächste zu sein, die gleich sterbend am Boden liegt. Der Anfang vom Ende ist unbestreitbar gekommen …

~ Kapitel 1 Die Legende ~

Er schaut zu den Sternen. Sie sind klar heute Nacht. Er hatte schon fast vergessen, wie sie einmal aussahen. Zufrieden wendet der Mann sich vom Fenster ab und lässt sich langsam in den gemütlichen Sessel neben dem Kamin sinken. Zwei Jungen hocken auf einem riesigen Kissen vor dem prasselnden Feuer und blicken ihn erwartungsvoll an. In der Ferne ist eine Explosion zu hören, das Lodern eines Feuers spiegelt sich im Fenster.

Der Alte schließt sinnierend die Augen und murmelt:

„Schon wieder diese Stadt, dieser Ort … Selbst diese Straße …“

Ein Husten schüttelt seinen Körper und unterbricht ihn in seinem laut ausgesprochenen Gedankengang.

„Diesmal ist es aber irgendwie anders … Diese Geschichte wird euer Leben verändern. In einer Weise, wie ihr es nie zu träumen gewagt habt. Denn dies ist nicht nur eine simple Geschichte, vielmehr ist es eine Sage voller Mysterien. Eine alte Legende, die aber noch nicht beendet ist … Es begann vor ungefähr 150 Jahren. Man hatte damals alles versucht, dass sie nie jemand zu hören bekommt. Alle Beweise wurden vernichtet … Doch ich kenne diese Geschichte. Wollt ihr sie hören?“

„Oh ja! Bitte!“, rufen die beiden Jungen begeistert, die zu seinen Füßen sitzen. Sie sind neugierig und ahnen nicht, was sie tatsächlich erwartet.

Der alte Mann hustet erneut. Die feuchte Luft in seiner schäbigen Dachgeschosswohnung schlägt ihm wieder auf die Lungen. Er räuspert sich und beginnt seine sonderbare Geschichte zu erzählen:

„Die Menschen waren schon immer eigenartige Wesen. Sie bekriegten sich und schufen Leid, wie keine andere Spezies auf der Erde je zuvor. Nach den drei Weltkriegen gab es damals auf der Seite der Industriestaaten energische Forscher, die weder an den Himmel noch an die Hölle glaubten. Doch sie glaubten an eine alles übersteigende Macht. Sie forschten, um einen Weg zu finden, sich selbst und ihre Länder vor Bedrohungen zu beschützen. Eine Waffe, mit der sie einen weiteren Krieg ohne eigene Opfer gewinnen könnten. Aber sie wurden von ihren Staatsoberhäuptern, der Presse und der Bevölkerung ausgelacht und als Versager beschimpft, denn niemand verstand ihre Vision. Niemand verstand, wie eine solche Waffe funktionieren sollte. Niemand wollte ihnen Gelder dafür geben … Versteht ihr, was ich sage?“

Die beiden Jungen werfen sich verstörte Blicke zu. Dann sagt einer von ihnen:

„Es gab Krieg und die Forscher haben versucht eine Waffe zu bauen, um den Krieg zu gewinnen?“

Der alte Mann lächelt gutmütig und neigt leicht den Kopf. Er nimmt die Pfeife aus der Brusttasche seines Hemdes und während er sie stopft erklärt er:

„Genau. Aber ohne eigene Soldaten in diesem Krieg zu verlieren. Die Regierung glaubte jedoch nicht, dass es möglich sein könnte. Und weil es galt keine Zeit und Geld zu verschwenden, wurde das Projekt nicht unterstützt.“

Als die Jungen nun eifrig nicken, fährt der Mann mit seinem Monolog fort.

„Geschmäht von dieser Häme, entschieden sich die Forscher, diesen Weg nur noch für sich selbst zu gehen. Die Waffe fortan nur für sich selbst und ihren eigenen Schutz zu nutzen. Sie forschten im Geheimen bald 50 Jahre lang. Mittels ihrer Hypothesen, vieler Diskussionen, mathematischen Formeln, Prototypen und in schier endlosen Astralebenen forschten sie, um diese ultimative Waffe zu finden. Doch zu keiner Zeit gab es den großen Durchbruch, den sie brauchten. Sie dachten irgendwann, sie müssten den Teufel selbst bändigen und kontrollieren …“

„Den Teufel?“, unterbricht ihn einer der Jungen erschrocken. Als der Mann tadelnd eine Augenbraue hebt, schlägt sich der Junge erschrocken die Hände vor den Mund und der Alte fährt fort:

„Doch irgendwann fanden sie etwas Neues, etwas, das anders war. Genau an diesem Punkt führten sie ihre Arbeit fort. Immer weiter, mit immer größeren Fortschritten … Die Menschen da draußen aber ahnten Eines nicht: Diese Forschung schritt unaufhaltsam im Geheimen voran. Sie dachten nicht über die fatalen Konsequenzen nach, die dieser Weg mit sich führen könnte. Zweifler unter den Forschern wurden ohne Zögern ausgeschlossen. Die Forscher arbeiteten unaufhörlich und wie vom Wahn getrieben weiter, ohne dass es jemand bemerkte.

Eines Tages fanden sie jedoch tief im Boden unter Schwefelminen einen riesigen steinernen Eingang. Er war mit einem Tor aus massivem Titan verschlossen und verziert mit goldenen, eigenartigen Zeichen. Sie vermuteten, dass es längst vergessene Buchstaben waren. Die Forscher taten alles, um dieses Rätsel zu entschlüsseln. Irgendwann waren sie so weit, dass sie das Tor öffnen konnten. Die Inschrift konnten sie jedoch nicht entziffern, da selbst die erfahrensten Archäologen dazu nicht in der Lage waren. Sie hatten nie zuvor eine solche Symbolik gesehen und konnten sie nicht in einen Bezug zu gebräuchlichen oder alten Schriftzeichen setzen. Schließlich wollte der Hohe Rat der Forscher das Tor nach schier endlosen Diskussionen öffnen lassen, um die Forschung an der universellen Waffe nicht zu gefährden und ins Stocken geraten zu lassen. Die Mehrheit des Rats erhoffte sich, dass dieser Weg den Zugang zu neuen Materialien, Metallen oder gar Gold oder Edelsteinen freigeben würde. Die Gier nach Macht und Einfluss war einfach zu groß. Doch nach dem Öffnen des riesigen Tors bemerkten sie, dass sie das Tor zu einer Unterwelt gefunden hatten!

Was die Forscher fanden, war etwas, das Homer in seinen Geschichten nicht besser hätte beschreiben können: Es war alles da, wie es geschrieben stand: Ein Fluss, der statt Wasser heiße Lava führte, große Hitze, Eiseskälte. Sie nannten ihn Styx. Doch wandelnde Tote oder den Teufel selbst fanden sie nicht. Es zeigte sich kein einziges lebendes Individuum. Dennoch dachten die Forscher, dass es möglich sei, die Vorgänge des Tors zu kontrollieren, die super-flüssige Lava des Styx für den Zweck der Waffe zu benutzen. Sie dachten auch, sie könnten bestimmen und auswählen, wer diese Unterwelt betritt und sie wieder verlässt. So hatten sie die Vision, alle Feinde oder Personen, die gegen sie waren, letztendlich dorthin zu verbannen; die Unterwelt also selbst als Waffe oder Gefängnis zu benutzen. Aber die natürlichen Gesetze, die zwischen Himmel, Unterwelt und der Erde herrschen, lassen sich nicht einfach so kontrollieren wie die Gesetze der Physik. Die Forscher hatten keine Ahnung, dass es der Anfang vom Ende der Ära der Menschen sein sollte.“

„Aber wir sind doch noch da!“, protestiert wieder der Junge. Sein Freund boxt ihm rüde in die Rippen und zischt genervt:

„Psst!“ Der alte Mann setzt jedoch seinen Monolog ohne Pause fort.

„Durch die Nutzung des Tores wurden die Gesetze des Todes und der Seelen verändert, ja, in eine gefährliche Schieflage gebracht. Der Schleier zwischen der Welt des Diesseits und des Jenseits riss auf. Das Tor zur Unterwelt wurde immer durchlässiger, bis der Zugang in einer Explosion ganz aufriss und die Welt, wie sie die Menschen bis dahin kannten, ins Chaos stürzte. Das von vielen beschriebene Höllenfeuer, das die Forscher zunächst noch nicht bemerkt hatten, breitete sich unbemerkt aus. Das Feuer folgte dem Lavafluss Styx und bahnte sich seinen Weg zum Tor. Dort angelangt, sprengte es mit-samt des Lavaflusses den Boden zwischen den Welten mit einer riesigen Explosion auseinander.

Alle Seelen, die je Verbrechen begangen hatten, aber auch jede Seele, die auf Erden körperlich oder seelisch gequält wurde, wurden in die Unterwelt hinabgezogen. Es blieben nur noch Schreie von ihnen übrig. Schreie des Leids, Schreie der puren Qual. Die Forscher erinnerten sich an Dantes Inferno und dass die Seelen für ewig im Fegefeuer schmoren würden. Sie fragten sich, ob es genau dieses Höllenfeuer war. Also suchten sie schnellstmöglich einen Weg, um das Tor wieder zu verschließen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Doch sie waren nicht schnell genug!

Eines Tages stiegen die Seelen wieder aus dem lodernden Höllenfeuer empor. Doch sie waren nun verändert. Sie schienen dunkler als die Dunkelheit. Wie Schwarze Löcher im All, die das umgebende Licht schlucken. Sie waren nun Kinder des reinen Bösen. Jede Menschlichkeit, Empathie oder Hoffnung war durch das Höllenfeuer ausgebrannt worden. Alle Feindseligkeiten im Diesseits waren für sie nun lächerlich bedeutungslos geworden. Schlagartig hatte der Kompass der Menschheit die Richtung seiner Nadel geändert und neu ausgerichtet. Es gab nun zwei neue Lager auf der Welt: Auf der einen Seite die Menschen, die ihr Dasein weiter an der Oberfläche verbringen mussten, und die bösartigen Seelen auf der anderen Seite. Der letzte Kampf der Menschen hatte begonnen.“

~ Kapitel 2 Am Rande der Menschheit ~

Nach Jahrzehnten des Krieges und unzähliger Naturkatastrophen liegt die Welt in Trümmern. Die Menschheit ist nahezu ausgerottet. Es gibt kaum noch freie Lebewesen. Das Böse hat die Oberhand gewonnen. Fast die ganze Welt ist verseucht, überall brennt sich der Gestank von Schwefel und Ammoniak in die Nase, Vulkane sind wieder aktiv und einige Kontinente sind radioaktiv verseucht. Dämonen, wie sie genannt werden, patrouillieren in den Landstrichen, die noch bewohnbar sind und das ist nur ein kleiner Teil der Erde: Youtasia.

Das Land liegt in dem Teil der Erde, den sie einst „Afrika“ nannten. Vor der Katastrophe war „Kap der Guten Hoffnung“ die Bezeichnung eines Teils dieses großen Landstrichs. Das klingt nun voller Ironie. Hier leben noch Menschen in weit verstreuten Clans. Die furchtbaren Ereignisse der letzten Jahrzehnte haben fast alle Städte und fruchtbaren Ländereien auf der Erde vernichtet. Die Welt, wie sie einmal war, gibt es nicht mehr. Fast ausschließlich Elend und Leid zeichnen den Alltag der Überlebenden in Youtasia. Es bleibt ihnen nur Eines, was beständig ist, nur Eines, an dem sie sich festhalten können, für das es sich lohnt, zu überleben; sich jeden Tag aufs Neue aufzuraffen und für einen neuen Morgen zu kämpfen: Ihr Glaube. Ihr Glaube daran, dass höhere Wesen ihren Kampf gegen das Böse schlagen werden. Der Glaube daran, dass sie eines Tages befreit werden würden.

Die Menschheit fand nach dem Aufstieg der Hölle zu alten Lehren zurück. Mystik, Magie und Spiritismus wurden seitdem wieder in großem Maße von den Menschen praktiziert. Wie einst Hexen und Druiden lernten die Menschen wieder die Geisterwelt zu beschwören oder mittels Zauber und Kräutern Schmerzen zu lindern. Die Kräuterkunde lebte wieder auf. Die Menschen praktizierten diese Art von Magie in der Hoffnung, etwas Neues, etwas Gutes zu erschaffen, etwas, das sie alle retten würde. So beschworen sie auch die Seelen der Verstorbenen, um zu wissen, dass sie nicht allein sind. Für die Menschen bedeutete dies Halt in einer grausamen Realität, immer auf der Suche nach einem Wunder. Die Jahrzehnte zogen ins Land und die Menschen lebten teilweise mit den zurückbeschworenen Seelen der Verstorbenen zusammen, doch die erhofften Wunder blieben aus. Stattdessen bildete sich eine Gesellschaft, die neues Unheil über sie brachte: Die Kluft zwischen arm und reich wurde immer größer. Die Reichen lebten auch nur noch in der einzigen Stadt Youtasias namens Youtana, eine vor Jahrzehnten hastig errichtete Stadt in der Gegend, wo eine große Stadt namens Johannesburg stand. In Youtana konnten die Wohlhabenden hinter den Stadtmauern ihren Reichtum vor den Armen und den Dämonen beschützen und mehren. Die Gesellschaft entwickelte schließlich eine neue Art von Sklaverei, die nicht nur arme Menschen versklavte, sondern auch die geplagten Seelen, die für die Reichen in der Stadt arbeiten mussten. Dafür wurden sie von einer Armee beschützt.

Das Gebiet im Norden von Youtasia, an der Grenze zur unbewohnbaren Welt, ist das Traurigste der ganzen bewohnbaren Region. Die Landschaft ist quasi tot, Wüste, kaum mehr als Sand und Stein. Vereinzelt gibt es ein wenig verdorrte Vegetation und einen Wald, der alles Andere als grün ist. Das Wasser in den Flüssen der Umgebung ist verseucht und gefährlich. In genau dieser Gegend leben die Granker.

Die Granker wohnen vorwiegend Höhlen, denn dort sind sie vor den Dämonen am sichersten. Aber sie wissen, wenn sie sich zeigen - besonders nachts - besteht die Gefahr, von Dämonen entdeckt und getötet zu werden. Die Granker sind sehr arme Wesen, verwahrloste, verkümmerte Menschen, teilweise missgebildet oder mutiert und kaum in der Lage, mehr zu sein, als ein lebendes Individuum. Sie ernähren sich von Kräutern, Algen, den Überresten verstorbener Lebewesen, manchmal sogar von Überresten eigener Artgenossen. In diesem ärmsten und wüstesten aller Gebiete treffen wir Branko.

„Ich geh da jetzt raus und schlitze ihnen die Kehlen auf!“

Aufgebracht tigert Branko in der Höhle auf und ab. Diese steinernen Mauern erdrücken ihn, die Dunkelheit raubt ihm den letzten Nerv. Die abgestandene Luft in der Höhle kann er kaum mehr ertragen.

In seiner unruhigen Bewegung wird er plötzlich von John - dem Oberhaupt des Clans - am Arm gepackt. Er dreht ihn rüde zu sich herum. Trotz seines fortgeschrittenen Alters und seiner abgemagerten Gestalt hat er einen erstaunlich festen Griff.

„Beruhig‘ dich, Branko!“, beschwichtigt John den jungen Mann. „Du weißt doch gar nicht, wie man die umbringt. Niemand weiß das!“

Wütend reißt Branko sich aus dem Griff los, geht einige Schritte, bleibt erneut stehen und fährt sich mit der Hand durch das zerzauste braunschwarze Haar.

„Und? Was erwartest du nun von mir? Mir reicht es hier unten, ich fühle mich, als ob mein Körper erstickt. Kein Licht, keine frische Luft und nichts als diese verfaulten ekelhaften Algen an den Wänden! Wir haben seit Tagen weder richtig gegessen noch getrunken!“

Branko kneift die Augen zusammen und blinzelt sehnsüchtig zum schwachen Schein des Höhleneingangs hinauf. Seine dichten Augenbrauen bilden fast eine durchgezogene Linie.

„Ich muss mal wieder raus“, beschließt er. „Auch, wenn das gefährlich ist. Wir haben alle kaum noch die Kraft zu atmen! Wir werden hier alle sterben, wenn wir nichts zu Essen finden! Sieh dich doch selbst mal an! Du bist auch nur noch Haut und Knochen. Du kannst dich kaum mehr auf den Beinen halten, wie die meisten von uns! Ich geh jetzt da raus!“

Entschlossen läuft Branko die in Stein gehauenen Stufen zum Höhleneingang hinauf, bevor John ihn aufhalten kann. Sein Körper hat eigentlich kaum noch die Kraft, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Immer wieder rutscht er von den scharfen, glatten Kanten der Steinstufen ab. Nur mühselig und schnaufend gelingt es ihm, diese Hürde zu meistern. Oben angekommen lehnt er sich erschöpft an die Höhlenwand, schließt die Augen und atmet tief durch, während sich etwas Blut aus den Wunden seiner aufgeschnittenen Füße in kleinen Rinnsalen seinen Weg durch den Sand bahnt. Diese Luft! Es riecht nach Sand, Schwefel und verdorrten Pflanzen. Aber wenigstens keine trockene, staubige Höhlenluft mehr. Die Sonne scheint unerbittlich heiß, wie immer in dieser Gegend. Kein Vergleich zu der Kühle der schützenden Höhle.

Als er die Augen wieder öffnet, braucht er einige Sekunden, um sich an die ungewohnte Helligkeit zu gewöhnen. Geblendet und angestrengt blinzelt Branko in den Himmel und versucht, seine Glieder wieder unter Kontrolle zu bringen. Er streckt sich und schüttelt seine Arme und Beine, dann lehnt er sich an die Felswand. Als sich seine Augen, Lungen und Knochen nach und nach an die Umstände gewöhnt haben, stößt er sich entschlossen von der steinigen Felswand ab und taumelt los. Er weiß nicht, wohin er laufen soll, doch er muss einfach weg von diesem jämmerlichen Unterschlupf. Nach einigen hundert Metern steht er auf einem Hügel und lässt seinen Blick über die traurige Landschaft wandern, die sich hinter den vielen Felsen vor seinen Augen entlarvt. Er sieht fast nur Sand und Fels. Ein paar verdorrte Pflänzchen und vertrocknetes Buschwerk sehen aus wie kleine Sprenkel in der Landschaft. Er sieht die Trümmer. Trümmer zerstörter Häuser, die unter dem vom Wind verwehten Sand langsam begraben werden; Trümmer verlorener Schlachten und zugeschüttete Brunnen. Wenn er Glück hat, verirren sich Wüstenfüchse oder Ratten in die Gegend, die ebenfalls auf der Suche nach Nahrung sind. Die könnte man wenigstens erschlagen und essen. Etwas Proteine würden ihm guttun.

Mühsam zieht Branko seine Runden in der Gegend und konzentriert sich dabei auf seine Umgebung. Er muss nicht nur endlich etwas Essbares auftreiben, sondern sich auch vor den patrouillierenden Dämonen in Acht nehmen. Zu oft schon hatte ein Granker einen unbedachten Schritt zu viel getan und war einem der ekligen Wesen in die Arme gerannt. Was mit ihnen geschah, wusste hier Niemand. Sie kehrten einfach nie wieder zurück.

Seit sechs Tagen habe ich nichts gegessen und kaum was getrunken. Ich kann kaum mehr als taumeln, kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Die Sonne ist so heiß! Ich kann meinen Augen nicht mehr trauen … Doch ich muss achtsam bleiben!,denkt Branko.

Während er mit seinem Bewusstsein und seinem Schicksal ringt, mischt sich eine weitere Stimme in seine Gedanken. Zunächst versteht er die zischenden Laute nicht, glaubt aber, es handele sich um ein lästiges Fiepen in seinen Ohren aufgrund seiner Aufregung. Doch die Stimme wird langsam immer lauter und klarer. Plötzlich versteht er die Worte, die sie flüstert:

„Branko … Branko!“

Er bleibt erschrocken stehen. Hatte ihn etwa jemand gerufen? Er schließt die Augen, schüttelt den Kopf. Wer wäre denn außer ihm verrückt genug den Unterschlupf zu verlassen?

Die Hitze steigt mir wohl allmählich zu Kopf, denkt er.

Gerade, als er weitergehen will, hört er erneut jemanden seinen Namen rufen. Es scheint eine weibliche Stimme zu sein.

„Was? Wo …?“, kommt es schneller aus seinem Mund als ihm lieb ist.

Panisch reißt Branko den Kopf nach rechts, schaut sich um, doch nirgendwo ist jemand zu sehen. Er dreht sich einmal um die eigene Achse - nichts.

„Komm zu mir …“, zischt die weibliche Stimme leise.

Die Stimme ist nun ganz deutlich zu hören. Branko spürt, wie ihm das Mark in den Knochen gefriert. Diese unbestreitbare Vertrautheit in der Stimme - sie kommt ihm unglaublich bekannt vor …

„Wer … wer ist da? Und … und wo bist du?“, fragt er in den Wind.

Branko bemüht sich, seine Stimme fest klingen zu lassen, denn er weiß, wer Angst zeigt, der hat in dieser Welt schon verloren. Dennoch kann er nicht verhindern, dass seine Hände zittern. Er ballt sie zu Fäusten zusammen. Seine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Tapfer hält er die Stellung, lauscht der weiblichen Stimme in seinem Kopf, die ihm so seltsam vertraut vorkommt. Das plötzliche Knacken eines Astes lässt ihm das Herz in die Hose sinken, erschrocken dreht er sich um. Eine zierliche Gestalt springt plötzlich aus dem Gestrüpp.

„Ha!“

„Oh, Mann, Keeth!“

Es klingt wie ein Stoßgebet von Branko. Am liebsten hätte er vor Erleichterung gelacht oder geweint oder ihn zusammengeschrien. Er will ihn fragen, was er sich dabei denkt, sich einfach so anzuschleichen. Aber Branko hat keine Kraft dazu. Noch während der Junge namens Keeth sich einige kleine Äste von seiner Kleidung wischt und aus seinem Irokesenschnitt sammelt, nähert er sich Branko auf nackten Füßen. Schuhe besitzt hier schon seit Ewigkeiten Niemand mehr. Keeth betrachtet noch argwöhnisch einen langen Schnitt auf seinem linken Oberarm, aus dem ebenfalls ein dünnes Blutrinnsal austritt. Dann scheint er zu befinden, dass es sich hierbei nicht um eine tödliche Verletzung handelt und blickt Branko mit einer Mischung aus Verwunderung und Besorgnis an.

„Mit wem zum Teufel redest du?“

„Aber, äh, das warst gar nicht-“ Noch während Branko versucht, seiner Verwirrung Ausdruck zu verleihen, unterbricht ihn erneut diese Stimme …

„Branko! Ich brauche deine Hilfe!“, drängt sie ihn leise flüsternd.

Branko blickt sich erneut um, nach links und nach rechts, als es ihn wieder durchfährt. Er hat das Gefühl, dass ihn etwas hinabzieht. Ein Strom von Erinnerungen schlägt plötzlich auf ihn ein und ihm ist, als ob sein Herz herausgerissen werden würde. Mit einem Mal erkennt er diese Stimme, auch wenn es schier unmöglich erscheint. Das kann nicht real sein!

„Jaden?! Jaden bist du es?“, stammelt er und sucht ängstlich den Boden und den Himmel nach einer zu der Stimme gehörenden Gestalt ab. Doch er sieht niemanden. Er sieht nur Keeth, der ihn anschaut, als hätte ihn ein Dämon oder ein Geist befallen.

„Ey, Alter, alles okay bei dir? Ganz normal bist du ja nie, aber jetzt auch noch Halluzinationen?!“, stichelt sein Freund teils amüsiert, teils besorgt.

„Ja, ich bin es“, wispert wieder diese Stimme. „Komm’ zu unserem alten Versteck!”

Brankos offensichtliche Verwirrtheit lässt Keeth langsam nervös werden. Vorsichtig wedelt Keeth mit seiner linken Hand vor dem Gesicht des Freundes rum, der ihn gar nicht mehr wahrzunehmen scheint. Er wirkt beinahe apathisch. Langsam ernsthaft verunsichert versucht Keeth auf ihn einzureden:

„Mit wem zum Teufel redest du da? Hier ist doch niemand außer mir!“

Nach wie vor reagiert Branko nicht im Ansatz auf ihn. Er scheint völlig in einer eigenen Welt gefangen zu sein, als wenn er plötzlich ein Autist geworden sei.

Jaden ist wieder da!, durchfährt es Branko.

Seinen Freund Keeth ignoriert er völlig. Dass er die Stimme nicht zu hören scheint, kommt Branko gar nicht in den Sinn.

Ohne weiter darüber nachzudenken, rennt Branko los. Wie von Dämonen gejagt, sprintet er mit letzter Kraft in Richtung des nahegelegenen Flusses. Das reißende Wasser ist schon von weitem zu riechen, die Flüssigkeit ist gelb-braun und alles Andere als klar. Der Fluss wird über einen Wasserfall aus zehn oder 15 Meter Höhe gespeist. Branko interessiert das alles nicht, er nimmt das verschmutzte Wasser kaum wahr. Japsend sinkt er am Rand einer kleinen Bucht auf die Knie und lässt sich ins schmutzige Wasser rollen, ohne zu bedenken, dass er seit Jahren nicht mehr richtig geschwommen ist - schon gar nicht in diesem reißenden Gewässer.

Keeth, der Branko teils aus Sorge, teils aus Neugierde gefolgt ist, sieht, wie Branko sich ins gelbgefärbte Wasser stürzt.

Oh, mein Gott. Er will sich umbringen!, schießt es ihm durch den Kopf. Todesmutig springt Keeth hinter seinem Freund her. Er versucht, ihn aus dem Wasser zurück wieder ans Ufer zu ziehen.

„Was tust du denn da? Komm da raus!“, fleht Keeth ihn an und versucht, den Freund zu packen, doch dieser wehrt sich verbissen.

„Lass mich, verdammt! Ich muss zum Wasserfall! Lass mich los! Du musst sie doch auch gehört haben!“

Wie vom Wahn getrieben und ohne auf eine Antwort zu warten, beginnt Branko, sich mit Armen und Beinen fortzubewegen und zum Wasserfall zu schwimmen. Seine Bewegungen sind wild und unkontrolliert und kosten ihn zu viel Energie, doch kann er sich knapp über dem Wasserspiegel halten und gegen die Strömung schwimmen. Gerade, als er die Hälfte der Strecke überwunden hat, verlassen ihn seine geringen Kräfte endgültig. Es reicht nicht mehr, um voran zu kommen, es reicht nicht einmal mehr dafür, dass er sich über Wasser halten kann, die Strömung ist einfach zu stark.

Oh nein, ich schaffe es nicht mehr …, sind Brankos letzte Gedanken, bevor er merkt, wie seine Arme und Beine ihm den Dienst verweigern.

Er spürt, wie der Sog der Wasserströmung immer stärker wird und die Wellen immer heftiger auf ihn niederschlagen. Kraftlos ergibt er sich seinem Schicksal und bemerkt noch benommen, wie die Wellen ihn in die Tiefe reißen und das Wasser ihn unter sich begräbt – fort vom Wasserfall. Er verliert das Bewusstsein und sinkt nunmehr ungehindert wie ein Stein tiefer ins Wasser. Doch noch bevor Branko auf den Grund des Gewässers gelangt, zieht eine Hand ihn wieder an seinem T-Shirt herauf. Mit letzter Kraft klemmt sich Keeth seinen Freund unter den Arm und paddelt schnaufend und prustend voran. Das stinkende gelb-braune Wasser ist überall um ihn herum - zu viel davon, zu kraftvoll. Es raubt ihm die Orientierung und es brennt in seinen Augen.

„Komm schon, Mann, mach’ dich nicht so schwer …“, fleht er den bewusstlosen Branko an.

Auch in seinen Lungen brennt das Wasser, seine Augen sind mittlerweile rot und neblig getrübt von der gelblichen und morastigen Flüssigkeit.

Ich will gar nicht wissen, wie viele arme Kerle grade unter uns treiben, die Keinen hatten, der sie gerettet hat …, denkt Keeth zynisch, als es ihn plötzlich erwischt.Eine gewaltige Welle kracht tosend auf die beiden jungen Männer nieder, eine Kraft, die sie in unendliche Tiefen zu reißen droht. In Todesangst reißt Keeth reflexartig seinen freien linken Arm hoch - und ertastet etwas Festes! Seine Finger krallen sich verzweifelt an das unbekannte, anscheinend steinerne, Objekt. Sein Körper drückt sich seinem linken Arm entgegen - und mit einem Mal liegen sie beide auf einem felsigen Boden.

Wir haben's geschafft!, möchte Keeth voller Euphorie schreien. Doch stattdessen kommt nur ein Husten und Röcheln aus seiner Kehle. Gierig saugt er die Luft in seine brennenden Lungen, um im nächsten Moment das verschluckte schweflige Wasser wieder herauszuwürgen.Als er sich von seinem Hustenanfall wieder erholt hat, realisiert er erstmals, wo sie sich befinden.

Die Höhle hinter dem Wasserfall …, denkt er analysierend. Erschöpft rollt er sich auf den Rücken und mustert die Höhle.

„Hey, Branko!“, ruft Keeth seinem Freund entgegen, als er seiner Umgebung gewahr wird. Entsetzt bleibt sein Blick an dem wie tot neben ihm liegenden Branko hängen. Sofort setzt Keeth sich auf, um ihn abzutasten.

Branko atmet kaum noch, sein Puls ist kaum mehr spürbar. Wenn ich jetzt nichts unternehme, wird Branko sterben, denkt Keeth panisch.Er blickt um sich. Doch natürlich ist Niemand bei ihm, der ihm helfen könnte.

Das kann doch jetzt nicht alles umsonst gewesen sein! Irgendwas muss ich doch …, denkt er.

Mit einem Mal trifft ihn die Erleuchtung:

Moment! Da war doch mal was. Ich muss versuchen, das Wasser aus seinen Lungen zu drücken. Er braucht Luft!

Keeth atmet tief ein, ignoriert das Brennen in den eigenen gequälten Lungen und überwindet seinen Ekel. Er versucht, dem bewusstlosen Branko neues Leben einzuhauchen, während er ihm unbeholfen und alles Andere als zartfühlend auf die Brust einhämmert. Er hofft dabei, dass das Knacken unter seinen Handflächen etwas Gutes bedeutet. Nach einigen Momenten, aber für Keeth innerhalb einer gefühlten Ewigkeit, schreit Branko gequält auf und spuckt seinem Freund das verschluckte verdreckte Wasser ins Gesicht.

„Bah, ist das widerlich!“, ruft Keeth.

Angeekelt springt er nach hinten zurück und reibt sich mit dem Handrücken die undefinierbare Flüssigkeit aus dem Gesicht, während Branko sich hustend auf die rechte Seite rollt.

„Für mich war das auch nicht schön!“, presst Branko gequält aus seiner Kehle hervor.

Keeth schaut sich bedächtig in der Dunkelheit der Höhle um. Das endlose Rauschen des Wassers dröhnt in seinen Ohren. Die Strahlen der untergehenden Sonne brechen rot-golden durch den tosenden Wasserfall hindurch. Während Brankos Körper noch immer zittert und Wasser hervor zu würgen versucht, kehrt seine Erinnerung an die vergangenen Minuten langsam zurück.

„W-wo sind wir?“, bringt er zwischen Husten und Würgen hervor. Keeth kratzt sich nachdenklich am Kopf, wägt aber seine Antwort sorgfältig ab.

„Hinter dem Wasserfall, in einer …“ Keeth räuspert sich unsicher. Sollte er es Branko wirklich sagen? „In der Höhle … Ich weiß, du wolltest hier eigentlich nie wieder hin …“

In einer entschuldigenden Geste hebt Keeth die Arme.

„Es tut mir so leid! Ich wusste, es ist falsch, dich hierher zu bringen. Aber es gab keine andere Möglichkeit! Die Wellen, sie haben-“

„Es sieht genau aus wie damals“, unterbricht ihn Branko halb flüsternd. Es klingt, als wenn er schon wieder nicht mit dem Freund redet; als führe er ein Gespräch mit sich selbst. Langsam erhebt Branko sich von dem kalten Felsboden, tastet sich vorsichtig in der an eine Dämmerung erinnernde Dunkelheit voran.

„Als wir das letzte Mal hier waren … Als ob die Zeit nicht vergangen ist, seitdem …“

Wie in Trance nähert sich Branko einem unsichtbaren Ziel. Das tosende Geräusch des Wasserfalls wird mit jedem seiner Schritte leiser, bis nur noch das schwere Atmen der beiden jungen Männer und das Platschen herunterfallender Tropfen von den Höhlenwänden zu hören ist. Branko ist am Rand eines Abgrunds angekommen.

„Genau dort ist sie nur einen Schritt zu weit gegangen“, sagt er.

Oh nein. Es war ein Fehler ihn herzubringen. Gleich dreht er durch, durchfährt es Keeth erschrocken.

~ Kapitel 3 Wenn die Welten sich vermischen ~

„Es war nicht deine Schuld, Branko“, versucht Keeth seinen Freund zu beruhigen.

„Ich habe sie gerufen … Ich rief, dass sie nicht weitergehen soll … Sie reagierte nicht, ging einfach …“, sagt Branko noch immer abwesend.

Er scheint immer noch nicht auf Keeth zu reagieren. Stattdessen setzt er konzentriert einen nackten Fuß vor den anderen, während er mit seinem Monolog fortfährt.

„Es sah fast so aus, als wenn sie …“ Ein Schluchzen unterbricht seine lauten Gedanken und lässt ihn kurz innehalten. „Als wenn sie es bewusst getan hätte, um diesem grässlichen Leben zu entkommen. Ich rannte zu ihr, versuchte sie aufzuhalten … Doch ich war zu spät!“

Keeth seufzt. Er weiß ganz genau, was damals passiert ist. Branko ist nie darüber hinweggekommen, dass seine jüngere Schwester Jaden hier in dieser Höhle vor vier Jahren tödlich verunglückt ist. Ein Phänomen, das sich bis heute Niemand erklären kann. Zielstrebig war sie einfach auf diesen Abgrund, der sich in der Höhle befindet, zugegangen. Auf Brankos Rufe reagierte sie nicht und bevor er den Ernst der Lage erfassen konnte und sie hätte stoppen können, hatte sie sich in die Tiefe gestürzt. Sie hatte im Fallen nicht einmal geschrien oder ihm zugerufen. Keeth schüttelt es bei dem Gedanken an diese grausigen Ereignisse. Dass die faulenden Überreste der Schwester und Freundin vielleicht nur wenige hundert Meter weiter unten von ihnen entfernt liegen könnten, wollte er sich gar nicht vorstellen.

Tränen laufen Branko über seine Wangen, während er sich weiter Schritt für Schritt der finsteren Stelle nähert. Brankos Knie geben nach, wollen sein Gewicht nicht mehr tragen. Sie zittern regelrecht. Schluchzend fällt er nur wenige Zentimeter vor dem Abgrund auf die Knie, in den seine Schwester damals stürzte. Er vergräbt das Gesicht in seinen Händen, während Keeth sich dem Freund vorsichtig nähert.

„Meine Mutter hat so oft versucht sie zu erreichen, aber ihre Seele antwortete nie … Als ob … als ob sie nie gelebt hätte … nie existiert hat …“, ruft Branko in seine Hände hinein.

Behutsam legt Keeth eine Hand auf Brankos bebende Schultern. Brankos Stimme verstummt, sein Brustkorb hebt und senkt sich unregelmäßig unter dem Schluchzen, während er sich die Tränen und den Rotz mit einer Hand aus dem Gesicht wischt und versucht, seine Fassung wieder zu erlangen. Hilflos blickt Keeth zu ihm herab. Dann kippt Branko entkräftet rücklings um.

Bitte, lass ihn jetzt keine Herzschwäche haben!, betet Keeth ängstlich und fällt ebenfalls neben seinem Freund auf die Knie. Erleichtert stellt er fest, dass Branko bei Bewusstsein ist. Er starrt stumm an die Höhlendecke, die er aber vor Dunkelheit nicht sehen kann. Von oben tropft vereinzelt eine salzige, leicht modrige Flüssigkeit auf ihn herab – auf seinen Bauch, seine Oberschenkel, seine Brust. Schweigend und in Gedanken, sitzend und liegend, stieren sie beide in Richtung des tödlichen Schlunds.

„Branko! Du bist da?“

Mit einem Satz schnellt Branko plötzlich in die Senkrechte und blickt entsetzt in alle Richtungen.

„Hast du das gehört?!“, ruft Branko.

Keeth nickt und blickt sich etwas ängstlich um. Doch es ist niemand zu sehen.

„Branko! Ich konnte fliehen! Aber ich brauche deine Hilfe!“, erklingt die weibliche Stimme wieder in Brankos Kopf.

Für ihn hallt sie von den Höhlenwänden wider und ist verzerrt. Doch Branko hat keinerlei Zweifel daran, wem diese Stimme gehört. Ein grelles Licht durchfährt plötzlich die Höhle. Ächzend reißen sich die beiden jungen Männer die Hände schützend vor ihre Augen und wenden ihre Köpfe ab. Nur langsam ebbt das Licht ab und die beiden heben ihre Blicke wieder. Was sie sehen, raubt ihnen den Atem: Dort, in dem grellen Schein, scheint jemand zu stehen. Eindeutig ist eine Silhouette zu erkennen, die sich immer deutlicher aus dem Licht heraushebt. Etwas materialisiert sich, die Projektion einer jungen Frau … Es ist … Jaden!

Oh, großer Gott. Sie sieht aus wie damals!, sind Brankos erste Gedanken, als er das Abbild seiner toten Schwester erblickt.

Das strohblonde lange Haar mit den leichten Locken, diese sehr zierliche, mädchenhafte Gestalt in dem viel zu weiten blassroten Kleid, das zerschlissen zu sein scheint und ihr wie Fetzen am Körper hängt. Dieses unglaubliche Himmelblau ihrer Augen leuchtet. Ihr Blick ist fest und fixiert nur Einen von ihnen: Branko.

„Ich bin es wirklich, ihr dürft es glauben“, spricht die schimmernde Gestalt, die genau über dem Abgrund schwebt.

Keeth öffnet vor Erstaunen und Unglauben seinen Mund. Als ihm bewusst wird, wie verdutzt er wohl ausschauen muss, schließt er ihn unauffällig wieder. Er kann nicht fassen, was er dort sieht. In Branko toben die Gefühle, nein, ein wahres Gefühlschaos. Er will aufspringen und zu ihr rennen, sie umarmen, will lachen und weinen gleichzeitig. Aber der feste Blick ihrer Augen setzt ihn auf seinem Platz fest. Etwas stimmt hier nicht, das ist für ihn eindeutig.

„Ich habe nicht viel Zeit“, erklärt Jaden. „Ich brauche deine Hilfe, Branko. Ich habe Schreckliches durchlebt und noch Schlimmeres erfahren! Ich war lange eingesperrt. Ich konnte lange Zeit nicht fliehen … Erst jetzt ist es mir gelungen …“

Während sie spricht wird ihre Stimme deutlich leiser. Sie scheint langsam zu verstummen, auch ihre Projektion fängt an zu verblassen.

Es scheint sie viel Kraft zu kosten, sich uns zu zeigen und mit uns zu reden, durchfährt es Branko. Ihre Erscheinung wird jetzt schon wieder schwächer …

„Ich werde verfolgt.“ Die hallende Stimme Jadens klingt nun nicht mehr sicher und fest, vielmehr zittrig und ängstlich. Ganz eindeutig hat sie große Furcht. „Sie sind schon auf dem Weg, um mich zurückzuholen, da bin ich mir sicher! Ich muss gleich wieder gehen, sonst finden sie mich!“

Panisch blickt sich die Erscheinung in der Höhle um, als vermute sie, dass gleich ihre Verfolger aus den undurchdringlichen Gesteinswänden herausgesprungen kämen, um sie einzufangen.

„Wer sind ‚sie‘ und wohin willst du gehen?“, will Branko wissen.

Wer - um Gottes Willen - hat meiner Schwester das alles angetan? Wer verfolgt sie?, denkt er.

Jaden schüttelt verzweifelt den Kopf und ringt mit ihren Händen.

„Dafür ist jetzt keine Zeit, Branko, ich muss fliehen!“ Undeutlich sehen die jungen Männer, dass Jaden auf ihren Lippen kaut und nachzudenken scheint.

„Bitte, Branko, sag’ unserer Mutter Bescheid, dass ich wieder da bin! Ich brauche mehr Energie. Sie weiß sicher was zu-“

Plötzlich versiegt die Stimme der Erscheinung endgültig. Die Lippen bewegen sich noch, doch es kommt kein Ton mehr von ihnen. Wie bei einem Film, dessen Tonspur versagt. Jadens Lichtgestalt flimmert immer stärker, die Abstände des Flackerns werden mit den Sekunden immer kürzer. Verwirrt und verzweifelt blickt Branko das ehemalige Bild seiner Schwester an.

„Jaden?!“, ruft er unsicher und mit ansteigender Panik. Nach einem letzten grellen, blendenden Aufleuchten ist Jadens Abbild so schnell verschwunden, wie es aufgetaucht ist.  Verzweifelt streckt Branko die Arme nach der verblassenden Gestalt aus, krabbelt ängstlich in ihre Richtung, ruft dabei immer wieder ihren Namen.

„Jaden! Jaden!“

Geistesgegenwärtig stürzt Keeth sich auf ihn und bewahrt ihn so davor, selbst in den tödlichen Abgrund hinabzustürzen, den Branko anscheinend vollkommen ausgeblendet hat.

„Bist du verrückt, Mann?!”, brüllt Keeth empört, während er sich von dem Freund wieder herunterrollt.Doch Branko hört ihn nicht. Platt und mit ausgestreckten Armen liegt er auf dem Bauch, spürt dabei den kalten, harten Höhlenboden und ruft immer wieder wimmernd den Namen seiner Schwester in die wieder entstandene Dunkelheit. Die scharfen Steinkanten, die sich in seine Haut bohren und sie an manchen Stellen aufreißen, fühlt er kaum. Sein aufsteigender emotionaler Schmerz ist zu groß. Auch Keeth, der nun hinter ihm steht und versucht, ihn an den Füßen vom Abgrund wegzuzerren, nimmt er immer noch nicht wahr.

War das real?, fragt sich Branko, während Keeth ihn ächzend über den felsigen Boden schleift und spitze Steinkanten Hemd und Teile seiner Brust weiter aufreißen.

War sie es wirklich oder halluziniere ich nur?! Aber wenn es wirklich wahr ist, muss ich Mutter Bescheid sagen. Wir müssen ihr helfen! Wo ist sie eingesperrt? Wer sperrt sie all die Jahre ein? So viele Fragen strömen Branko durch den Kopf. Er merkt dabei, wie seine Kraft schwindet und alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Dann wird es schwarz um ihn herum.

Branko liegt auf dem Höhlenboden, seine Augenlider zittern. Doch sie sind zu schwer, er kann sie einfach nicht öffnen.

Will ich das denn überhaupt?

Die Erinnerung an einen wirren Traum hängt in seinem Kopf. Er hat von Jaden geträumt. Sie war wieder da, hat zu ihm gesprochen und um Hilfe gefleht … Seine wunderschöne, arme, tote Schwester … Immer wieder will sein Unterbewusstsein ihn - der Verstorbenen gleich - in die Tiefe ziehen. Dann hört er ein leises Knistern und spürt eine wohlige Wärme auf seiner kalten klammen Haut. Hinter seinen Lidern flackert etwas hell.

Ist sie wieder da?War es doch nicht nur ein Traum?

Nach unzähligen Versuchen gelingt es ihm endlich, mühselig die Augen zu öffnen. Was er dann erblickt, lässt ihn wünschen, doch wieder in die Tiefe seines Unterbewusstseins hinab tauchen zu können. Er ist tatsächlich in dieser Höhle, in der er Jaden augenscheinlich gesehen zu haben glaubt - es war nicht nur ein Traum! Einige Schritte von ihm entfernt brennt ein Lagerfeuer. Das Licht wirft unheimliche Schatten an die Höhlenwände.

War Keeth nicht hier?

Aber Keeth ist nirgends zu sehen. Branko versucht erst einmal, seine wirren Gedanken zu ordnen, versucht sich klar zu machen, was geschehen ist.

Was ist nur passiert? Hab‘ ich das alles nur geträumt oder war Jaden wirklich wieder da? Aber wenn sie hier war, wo ist Keeth? Wieso sollte er mich allein zurücklassen, wenn er wirklich hier war?

Branko versucht aufzustehen, doch ein ziehender Schmerz lässt ihn aufjaulen und zurücksinken.

„Ah! Scheiße! Was zum …?!“, ruft er laut in die Höhle.

Irritiert führt er die Hände vor sein Gesicht und betrachtet sie. Sie sind schwielig, die Nägel eingerissen, die Nagelhaut quasi zerfetzt. Das ist nichts Neues für ihn. Auch die Schnitte und Risse auf den Handrücken wundern ihn nicht. Allerdings sind nun auch seine Handflächen aufgerissen, das Blut ist an manchen Stellen noch nicht ganz getrocknet. Er folgt an seiner rechten Hand den roten Striemen hinauf über seinen Unterarm. Schließlich hebt er den Kopf, um seinen restlichen Körper betrachten zu können. Sein gräulich-blaues Shirt ist fast vollständig in Streifen gerissen und stellenweise braun verfärbt. Oft genug hat Branko getrocknetes Blut gesehen, um es selbst im schwachen Feuerschein erkennen zu können. Ihn erschrecken seine offensichtlichen Verletzungen nicht wirklich. Ihn interessiert viel mehr, was geschehen ist, seitdem er das Bewusstsein verloren hat.

Und wo ist Keeth, verdammt?

Mit dem Ende dieses Gedankens sieht er eine Hand durch den Wasserfall greifen. Sie kommt ihm so groß vor, dass eine plötzliche Panik von ihm Besitz ergreift. Im Feuerlicht erscheint sie gelblich. Branko will aufstehen. Sein Instinkt sagt ihm, dass er wegrennen soll, doch seine Verletzungen hindern ihn daran aufzustehen. Zudem ist die einzige Möglichkeit zu flüchten, nach vorne hinaus aus der Höhle durch den Wasserfall. Er würde diesem Fremden direkt in die Arme laufen. Und was wäre, wenn es ein Dämon ist?

Wie gelähmt starrt er auf die immer näherkommende Hand und den Arm, der sich daran anschließt. Sein Puls rast, als eine zweite Hand sich ihren Weg durch das Wasser bahnt.

„Keeth? Keeth, bist du das?!“, ruft er hoffend den Armen entgegen.

Unter Aufbietung seiner verbleibenden Kräfte stemmt Branko sich auf seine Unterarme und schiebt sich mühselig in den Schutz der Dunkelheit weiter in die Höhle. Ein zweites Paar Hände greift durch den tosenden Wasserfall.

Oh, nein, das sind zwei Dämonen! Gegen zwei habe ich nun wirklich keine Chance … Jetzt ist es aus!, denkt Branko panisch. Mein Leben geht zu Ende! Was passiert jetzt mit Jaden?! Es tut mir so leid, dass ich dir nicht helfen kann! Damals nicht und heute nicht. Wahrscheinlich ist es besser, wenn ich sterbe. Ich hoffe, Mutter wird das alles alleine überleben … Gott schütze-

Branko wird in seinen Gedanken jäh unterbrochen, als sich die beiden zu den Händepaaren gehörenden Körper unter Ächzen und Stöhnen durch den Wasserfall drücken. Sein Herz setzt einen Schlag lang aus, seine Atmung versagt fast, er hält die Luft an, seine Augen sind weit aufgerissen. Jetzt sind sie in der Höhle! Er will nur weg!

Dann fällt ihm ein tonnenschwerer Stein vom Herzen. Erleichtert stößt er die angehaltene Luft aus den Lungen, als er Keeth erkennt. Die zweite Person sieht ihm zuerst ähnlich, scheint aber weiblich zu sein. Ist das Lysha? Was zum großen Gott will denn Keeth‘ Cousine hier?

Sie wuchten einen kleinen Jutesack hinter sich hoch. Erschöpft lassen sich die beiden auf den steinigen Boden fallen und atmen die feuchte Luft tief ein und aus. Branko hat seine Fassung wiedergefunden.

„Keeth, was zum Teufel denkst du dir dabei, Lysha herzubringen?“, ruft Branko entsetzt.