Yukon - Michael Würfel - E-Book

Yukon E-Book

Michael Würfel

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

1990: Es ist erst dreißig Jahre her, da fährt ein junger Deutscher tausende Kilometer durch die USA und denkt sich nichts dabei. Immerhin hat sein Auto einen Katalysator! Klimawandel, Artensterben, gespaltene Gesellschaft - würde Markus Schnitzler alles sehr wichtig finden, aber das gibt es nicht in seiner Welt. Genauso wenig wie eine Frau. Und das ist sein Problem.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Impressum

am pm

Ein Tramper

Wüste

Wilderness und Popmusik

Der eigentliche Plan

Nach Kanada

Hell's Canyon

Wapiti

Moscow

Sue

Calgary

ein wichtiger Tag

Prairie Mountain

Unterwegs zu dritt

Auseinander

Scheiß drauf

Befreiung

Nach Norden mit Andrew

Whitehorse

Material sammeln

Wohnmobil

Baustelle

Attack of the Incredible Sommersprossengirl

Almost ready to go

"Das Wetter ist schön."

Kristina

Takhini Hot Springs

One Guy per Month

Sie wollte das

Körperwärme

Gefühle im Fluss

On the River

Lake Laberge

Gardasee

Nivea reicht nicht

Zu fünft

Hootalinqua

Hier kommt keiner durch

Hara

Big Salmon und die Polizei

Oder auch nicht

Searching for Frank

Spaß mit Hara

The Call of the Wild

Vor Carmacks

Yukon River Bridge

She Wanted to Come

Eine Nacht mit Depeche Mode

Es brennt ein Feuer im ewigen Eis

Junger Vater

We're gonna celebrate the future!

Abflug

Epilog: Astrid

She Wanted to Come (dF)

Eine Nacht mit Depeche Mode (dF)

Es brennt ein Feuer im ewigen Eis (dF)

Junger Vater (dF)

We're gonna celebrate the future! (dF)

Abflug (dF)

Bären-Unterschiede

Einkaufsliste

Dem Markus seine Kassetten

Michael Würfel

Impressum

„Yukon“ enthält einige englische Passagen. Im Kapitel „She wanted to come“ gibt es die Möglichkeit, komplett auf deutsch weiterzulesen (siehe Link im Kapitel).

Die Sprache entspricht der eines 18-jährigen im Jahr 1990. Aktuelle Ansprüche an gendergerechte und politisch bewusste Sprache sind möglicherweise nicht angebracht. Das Wort „schau“ ist ein veraltetes Modewort aus (Ost-)Berlin und bedeutet „chic, toll, außerordentlich“.

Dieses Buch ist inspiriert von wahren Geschichten, aber komplett erfunden. Das betrifft insbesondere die geschilderten Begebenheiten um die Band Depeche Mode. Leute, ich hab nichts gegen euch!

Danke an Felix Nolde für die Yukon-Erfahrungen.

Korrektorat: Matthias Lönhardt u.a.

Umschlaggestaltung: Satoshi Hirsch

ganzfeinebuecher.de

Kontakt: [email protected]

Blühende Landschaften e.V., Sieben Linden 1, D-38489 Beetzendorf

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2023

ISBN dieses E-Books: 978-37579104-3-3

Michael Würfel

Yukon

ein Reisebericht

am pm

Samstag, 7. Juli 1990. Tanken in Round Mountain (Nevada)

Es ist ein großes Abenteuer, durch die USA zu fahren. Ich werde zu Hause davon erzählen können und es wird ziemlich cool klingen.

Man könnte es allerdings auch als stinklangweilig bezeichnen. Und sinnlos. Wie hat Amerika das geschafft, sich so gut zu verkaufen? Das sture Fahren durch eintönige Landschaft: cool. Die Bauern heißen Cowboys und sind auch cool. Das ganze Land ist total verklemmt und trotzdem denkt man, dass es hier drüben ziemlich sexy sei. Von wegen. Eine einzige Heuchelei. Und Diana ist voll drauf reingefallen. Ich bin einfach nur enttäuscht von ihr. Wir zwei hätten was Besonderes werden können, ich habe eine Zukunft für uns gesehen. Ich hätte zu dir gehalten, schöne Diana, aber wenn du sowieso gar keinen Charakter hast, ist das eben Pech.

Ich hatte bis jetzt keinen besonders guten Tag. Damit ich nicht ständig an Diana denke, habe ich mich auf meinen Tacho konzentriert und versucht, immer ganz knapp 60 Meilen pro Stunde zu fahren. Das müssten so knapp hundert Stundenkilometer sein. 60 mph, habe ich festgestellt, das ist so mein Tempo auf diesen langen Wüstenstraßen, das tut mir gut und dem Auto auch, und darum geht es hier: Ich finde heraus, was ich brauche, ich finde meinen Weg. Meinen Weg, Auto zu fahren, meinen Weg, mit dieser ewigen Liebesenttäuschung klarzukommen, meinen Weg, in diesem Land den besten Sommer zu verbringen. Ich finde meinen Weg. Präsens. Ich habe ihn noch nicht gefunden. War die ganze Grammatik in Latein doch nicht ganz umsonst.

Ich stehe unter der riesigen Preisanzeigesäule einer ‚am-pm‘-Tankstelle in einem dieser kleinen Örtchen, die auf meiner Karte nicht verzeichnet sind. Ich habe einen „Pocket-Atlas“, der war sehr preiswert, jeder Bundesstaat auf einer einzelnen Seite, ganz Kalifornien ist ungefähr 15 cm lang, ich kann froh sein, wenn zwei oder drei von den Ortschaften, durch die ich jeden Tag fahre, auch im Pocketatlas auftauchen. Viel Platz ist ja nicht auf den kleinen Seiten. Dabei fahre ich Hunderte von Meilen im Verlauf eines Tages.

Der Ort heißt ‚Round Mountain‘ und ‚am-pm‘ ist meine Lieblingstankstellenkette, superbillig, da gibt es auch das Motoröl, das ich immer benutze. Getankt habe ich schon; ich warte gerade noch, dass der Motor ein bisschen abkühlt, dann gibt es neues Öl für den Ford. Ich brauch bei jeder Tankfüllung ein halbes Kanisterchen. Der Mann, der mir das Auto für 500 Dollar verkauft hat, erklärte mir: „these old engines, it‘s a good sign if they use a lot of oil, that means they are well lubricated“; wenn viel Öl durchfließt, ist der Motor auch gut geschmiert, hat er gemeint. Ich tendiere dazu, alles Positive zu glauben, was man mir erzählt. Bis jetzt hat der Motor aber auch wirklich gut mitgemacht. Das Auto hat einen Katalysator, das ist schon lange Pflicht in Kalifornien und das ist mir total wichtig. Ich bin ja umweltfreundlich eingestellt. Die Reifen sind ziemlich durch, aber ich habe festgestellt, dass Autowerkstätten meistens einen Berg alter Reifen herumliegen haben, die wesentlich weniger abgefahren sind als meine, und vorgestern hab ich für fünf Dollar meinen kaputten Reifen gegen einen von so einem Reifenberg austauschen lassen. Man darf nur nicht vergessen, sie auswuchten zu lassen, das habe ich dann als Nächstes gemerkt, sonst holpert die Chose beim Fahren. Ich musste wieder zurück, Reifen wieder abbauen, der Typ hat gegrummelt, dass man einen Ersatzreifen doch nicht auswuchtet, hat wohl nicht verstanden, dass alle meine Reifen Ersatzreifen sind.

Wenn es in einem Ort einen ‚Seven Eleven‘ mit Tankstelle dabei gibt und die Benzinpreise stimmen, das ist dann noch besser als ‚am-pm‘, weil es eine größere Getränkeauswahl gibt. Essen habe ich noch: Weißbrot und den billigsten Schinken aus dem Kühlregal. Es ist wirklich alles im Auto, was ich brauche. Fotos habe ich schon gemacht von Orten wie diesem, also vor dem Öl nachkippen nur noch ein bisschen schreiben. Hab ich allerdings auch schon gemacht, an Orten wie diesem.

Mein schönstes Erlebnis hatte ich gestern. Ich habe von der Straße aus eine riesige Sanddüne gesehen, die war als nationale Besonderheit oder so auch mit einem Schild ausgewiesen. Ich also hin und geparkt, so wie ich war. Ich trage eine gelbe Jogginghose und ein T-Shirt, bin barfuß, die Jogginghose hat einen echt doofen Fleck an der Innenseite des Oberschenkels: Da ist mir im Flugzeug Shampoo im Koffer ausgelaufen. Bei Diana hätte ich vielleicht waschen können, aber das war ja nicht zum Aushalten da, außerdem dachte ich „Shampoo ist ja was Sauberes“, warum soll ich was Sauberes rauswaschen. Jetzt sieht es aber schon etwas blöd aus. Abgesehen davon finde ich mich ziemlich lässig so. Hier kann ich es ja sagen. Ich bin ein cooler Typ, der die Meilen runterspult und etwas Existentiellem auf der Spur ist. So schaut‘s aus.

Ich also auf die Düne. Wieder runter, den heißen Sand zwischen den Füßen, wieder rauf, hingesetzt. Ich habe Fotos gemacht mit Stativ, auf die bin ich gespannt, lasse ich erst zu Hause entwickeln, viel billiger. Auf anderen Dünen sind andere Leute herumgekraxelt, und wie in Amiland üblich, ignoriert man sich, jeder ist in seiner Blase, Familien fotografieren sich und fahren sofort wieder weiter. Nur ich, ich bleibe sitzen bis auf Weiteres, voll verbunden mit der Schönheit der Natur.

Und als ich dann wieder aufstehe aus dem Sand und zurück zum Auto laufe, sagt jemand was zu mir, das allein passiert schon höchst selten auf dieser Reise, und es ist eine Frau, älter als ich, die mich anlacht: „Have you found your perfect dune yet?“ Ich sage was von „yeah…“ oder so, und dann ist der Moment auch schon vorbei und ich finde mich fahrend in meinem Auto wieder. Aus dem Moment hätte ich noch ein bisschen mehr machen können, und in den nächsten Stunden, bis jetzt eigentlich, stelle ich mir vor, was aus dieser Begegnung hätte werden können. Tatsächlich fehlt das noch zum kompletten Abenteuer in diesem Sommer: Dass irgendwas anderes passiert als Auto fahren.

Ein Tramper

Samstag, 7. Juli 1990. Pause in der Wüste (vorm Pennen)

Als ich aus Round Mountain rausgefahren bin, stand da ein Tramper. Mein lieber Scholli, der sah aber aus. In schwarzen Klamotten, bei der Hitze, lange Hose! Voll der Popper. Wäre eher ein Kandidat für eine Limousine mit Klimaanlage gewesen, bei mir sind ja einfach bloß immer die Fenster auf. Die habe ich auch noch kein einziges Mal zugemacht, seit ich vor vier Tagen in Anaheim losgefahren bin, kein Scheiß.

Ich rollte an den Straßenrand, schaltete den Motor wieder aus und der Tramper schaute zum Beifahrerfenster rein. „Hi there“, sagte ich. Mein Englisch ist gut. Ich habe ein ganzes Jahr in diesem Land gelebt, als Austauschschüler. Letztes Jahr, 1989, ist mein Austauschjahr zu Ende gegangen.

„Hello“, sagte der Tramper. Sonst nichts.

„I‘m going North“, erklärte ich und zeigte mit der rechten Hand vage die Straße entlang. Die linke Hand hing am Steuer. Ein super Moment für mich. Endlich sah auch mal jemand anderes, dass ich hier im eigenen Auto das Land bezwinge.

„Ok“, murmelte der Tramper. Voll schüchtern! Der kann noch einiges von mir lernen, dachte ich. Ich bedeutete ihm, seinen Rucksack hinten reinzuwerfen, in der Zeit sammelte ich die Kassetten auf dem Boden vor dem Beifahrersitz auf und stopfte sie in die Plastiktüte. Der Kram auf dem Sitz kam auch nach hinten, mein Pocketatlas, Tagebuch, der Karton mit dem Essen. Dann stieg der Tramper ein. Ungefähr mein Alter, braune Haare, noch weniger Bart als ich, also gar keinen. Die Haare geschniegelt, tatsächlich kam mir der Typ ein bisschen vertraut vor. Ich habe aber jetzt auch tagelang nur Tankstellenverkäufer aus der Nähe gesehen, von der Lady auf der Düne mal abgesehen.

Er wirkte unglaublich harmlos. Er schaute durch die Windschutzscheibe und machte keine Anstalten, irgendwas von sich zu geben, irgendwie die Seltsamkeit zu überspielen, die beim Trampen immer in dem Moment eintritt, in dem du dich neben einen Fremden in ein Auto setzt. Interessanterweise fühlte ich mich von Sekunde zu Sekunde erwachsener. Wenn ich alleine herumgurke, denke ich doch viel an Diana und daran, dass ich in der Schule zu Hause sicherlich nicht zu den Typen gehöre, die bleibende Eindrücke hinterlassen. Aber der Popper hier nahm mich offensichtlich für voll. Ich warf ihm ein fast schon väterliches „ready?“ zu, woraufhin er nervös lächelte. Dann ließ ich den Wagen an. Ich bekam ohne Probleme den Gang rein und der Motor starb beim Losfahren auch nicht ab.

Ich habe meinen Führerschein jetzt seit neun Tagen und fahre schon sehr sicher, würde ich sagen. Ich habe auch schon mal Tramper mitgenommen. Der erste, Rico, hat mir auch ein paar gute Autofahrtipps gegeben. Beim Bergabfahren immer den Motor ausschalten. Spart viel Benzin. Das Bremsen geht schwerer, aber ich muss ja auch nicht so viel bremsen. Bremsen ist bei meinem Auto eh so ein Thema, manchmal ruckelt es ganz doll, wenn ich bremse, das kommt von hinten rechts, und wenn ich dann das Bremspedal ganz runter drücke, macht es ‚klong‘ und auf einmal bremst es sich wieder gut. Rico hat gemeint, dass da vielleicht die Brake Drum nicht ganz passt, der hatte ganz gut Ahnung von Autos. Trommelbremstrommel müsste das auf deutsch heißen, er hat mir erklärt, was er meint. Der andere Tipp war, an Lastwagen immer ganz dicht dranzubleiben, um in ihrem Windschatten zu fahren. Das habe ich dann mal ein paar Stunden gemacht, als Rico wieder weg war, ich fand es aber anstrengend. Man sieht nichts von vorne, weil da immer nur die Rückwand vom Lastwagen hängt, und wenn der LKW bremst, muss ich schnell reagieren, und bei mir ruckelt es ja immer erst so. Von der Idee her aber schlau.

Er hat auch noch erklärt, was die „Oklahoma Credit Card“ sei: Ein Schlauch, mit dem man Sprit von anderen Autos in seinen eigenen Tank abzapft. Na ja. Das finde ich jetzt nicht so cool. Ich bin lieber ein Typ, der die anderen in Frieden lässt.

Die beiden anderen Tramper, die ich mitgenommen hatte, waren mir dann eher unsympathisch. Waren ähnlich abgerissen wie Rico und ich, aber nicht lustig und haben gestunken. Sie waren zu zweit unterwegs. Ich würde fast schon sagen, die sahen zwielichtig aus. Wollten zu irgendeinem Job und hätten mich am liebsten noch einen Umweg fahren lassen, um schneller hinzukommen, das war aber nicht drin, sollten sie doch dankbar sein, dass ich sie überhaupt mitgenommen habe. Benzingeld wollten sie mir auch nicht geben, das war eine reichlich sinnlose Frage von mir, als ich mit den beiden Gesellen im Auto tanken war, hätte ich mir gerade sparen können. Rico habe ich nicht nach Benzingeld gefragt, war auch besser so.

Mein aktueller Passagier in seinen schicken Klamotten sah allerdings solvent aus. Vielleicht könnte der mir ja helfen, diesen Urlaub nicht zu teuer werden zu lassen, dachte ich. Schade, dass ich ihn nicht vor dem Tanken getroffen habe.

Auf seinem T-Shirt stand „Depeche Mode“, kannte ich vom Namen her, ich lese Bravo, seit ich 13 bin. Das Meiste hat mich nie interessiert, das habe ich allerdings erst bemerkt, als ich schon vier Jahre lang jedes Heft von vorn bis hinten durchgearbeitet hatte. Schließlich hatte ich dafür bezahlt. Inzwischen überfliege ich vieles nur noch. Und eigentlich ist das auch überflüssig. Nach fünf Jahren hat Dr. Sommer mir nichts mehr zu bieten und aus dem Alter, in dem ich mich in „die kindliche Kaiserin“ aus der Unendlichen Geschichte verliebt habe, bin ich auch raus. In der Bravo las ich damals, dass sie Vegetarierin war, genau wie ich mit 13!

‚Depeche Mode‘ und ‚Duran Duran‘ waren zwei Bands, für die ich mich besonders wenig interessiert habe, oder auch ‚Spandau Ballet‘. Kenne ich alle nur vom Namen her. Die Musiker dieser Bands trugen aber, glaube ich, auch gern schwarze Klamotten.

Ich gab Gas, fuhr auf die Straße und schaltete hoch. Ich fahre einen Ford Fairmont mit manueller Schaltung und bin hochzufrieden mit meinem Gefährt. Es ist das erste Auto, das ich überhaupt fahre, außer ein paar Runden mit dem Van meiner Gasteltern, mit dem wir letzte Woche die praktische Fahrprüfung absolviert haben. Ich stelle mir vor, dass ein cooler alter Mercedes sich genauso fährt, und das habe ich auch meinen Freunden geschrieben, als ich mein Auto auf zahlreichen Postkarten angepriesen habe: „Fährt sich wie ein alter Mercedes“. Nicht, dass ich je einen gefahren hätte, ich weiß nicht mal, ob ich schon mal in einem mitgefahren bin.

„Are you a musician?“, fragte ich.

„Yes, yes“, antwortete der Junge. Wie einer der japanischen Austauschschüler, die ich letztes Jahr auf den diversen Treffen meiner Austauschorganisation kennengelernt hatte. Es schien immer ganz aussichtslos, mit denen zu sprechen, weil sie mich anscheinend überhaupt nicht verstanden und trotzdem immer „yes“ gesagt haben. Die Austauschschülerinnen aus Skandinavien haben mich aber eh mehr interessiert - die wiederum vor allem mit den Jungs aus Südamerika beschäftigt waren, die schon richtig erwachsen aussahen und völlig hemmungslos herumbaggerten. Eigentlich will ich gar nicht an diese Situationen zurückdenken.

„Do you make music?“, ‚make music‘, ob das hilft, schlechteres Englisch zu sprechen, wenn man mit richtigem Englisch nicht verstanden wird?

Der Mitfahrer zeigte auf sein T-Shirt und las vor, was draufstand: „Depeche Mode“.

„Oh“, sagte ich, war er da Hilfsmusiker oder was? Und warum sprach er dann kein Englisch? Gab es auch einen internationalen Musikeraustausch?

„Where are you headed?“, frage ich meinen Fahrgast. Der sollte jetzt mal was erzählen, wenn er schon bei mir mitfahren durfte. „Canada“, antwortete er einsilbig. „Long way up there“, ich schaute ihn an, hielt den Blick, damit er weiter erzählt, er wich meinem Blick aus, ich sah ihn noch eine Sekunde… „Ey guckste mal?“ rutschte es aus ihm heraus und er drückte sich in den Sitz. Ich schaute nach vorn und korrigierte den Kurs, ich war nur ein bisschen über die Mittellinie gekommen. Was hatte der gesagt? „Ey guckste mal“?

„Was war das denn?“ fragte ich. „Sprichst du deutsch oder was? Do you speak German?“ Der Tramper schaute mich an, als ob ich mich gerade in einen Alien verwandelt hätte.

„Ja und ob ich deutsch spreche. Alter. Ich glaub‘s ja nicht. Was für‘n Ding“, sagte er. Er hielt mir die Hand hin: „Steffen“.

„Markus“, sagte ich und schüttelte seine Hand.

Er redete ein bisschen komisch, aber eindeutig deutsch. Ich fragte ihn, woher er kommt. „Berlin. Jetzt gerade aus Sacramento, aber sonst aus Berlin.“

„Echt, Berlin?“ rief ich begeistert. Da war ich ja sogar schon mal gewesen.

„Wo kommst du denn her?“, fragte Steffen.

„Eifel. Jetzt gerade aus Anaheim, aber sonst aus der Eifel.“ Er zuckte die Schultern. Ich präzisierte: „Rheinland-Pfalz? Westdeutschland? Ganz im Westen.“

„Ganz im Westen“, er grinste. Ich grinste zurück. Er sagte geradeheraus: „Ey ich hätte dich original für einen Ami gehalten. Echt schau!“ Das nahm ich natürlich als Kompliment. Und dann erzählte er auch. Ich erfuhr, dass er ein Jahr älter ist als ich. Und Überraschung: Er spielt doch nicht bei Depeche Mode, sondern er mag die Band. Ziemlich sogar. Wahrscheinlich könnte man ihn schon als Fan bezeichnen.

Er ist mit der Schule fertig und hat, genau wie ich, jemanden in Kalifornien besucht. Einen Onkel. War aber nicht so prickelnd, seine bisherige Zeit hier. Immerhin hat er einen Plan. Und der heißt Kanada.

Wüste

Samstag, 7. Juli 1990. Pause in der Wüste (nach dem Pennen)

Wir haben uns dann nicht so viel unterhalten, wie man es vielleicht erwarten könnte. Ich glaube, wir waren beide auf komische Weise überrascht; es ist ja auch ein bisschen ernüchternd, wenn man schon komplett in die weite Welt eingetaucht ist und dann merkt man, dass Deutschland immer noch direkt hinter einem steht. So wie ein Rückfall in die Jugend vielleicht, wenn man eigentlich schon erwachsen ist. Steffen hat ein paar Kassetten dabei und so haben wir die letzte halbe Stunde über Depeche Mode gehört. Ist ja auch ne gute Art und Weise, sich kennenzulernen. Die Musik ist gar nicht so schlecht. Erinnert mich an meine Alphaville-Platten. Aber irgendwann war‘s gut und ich brauchte ne Pause. Ich habe noch gewartet, bis das Lied zu Ende war, dann hab ich den Kassettenspieler ausgeschaltet und bin vom Gas gegangen. Ich trat die Kupplung, schaltete den Motor aus und ließ das Auto ausrollen. Bevor es stehen blieb, lenkte ich uns auf den struppigen Sand am Straßenrand. Wir standen in der Wüste. Wir waren ein oder zwei Stunden gefahren, ich habe keine Uhr dabei. Es ist Nachmittag. Ich halte immer mitten im Nirgendwo an, wenn ich Pause machen will. Das ist ja das Geile an Amerika, dieses viele Land, Gestrüpp auf Sand unter Sonne, und in der Ferne irgendwelche Berge. Ich würde mal sagen: Das liebe ich. Das ist so ehrlich. Das Leben ist leer, und das Land hier auch. Aus beidem muss man irgendwas machen. Oder so.

„Ich brauch ne Pause“, erklärte ich, und obwohl ich gar nicht hören wollte, ob mein Mitfahrer was dagegen hat, fragte ich: „Halbe Stunde oder so, ok?“

„Hier mitten in der Sonne, ohne Schatten? Ist das schau?“

„Wie, schau? Ist halt Wüste, ist doch geil, so was gibt‘s doch nicht in Deutschland.“

„Ich mein nur, ist halt ganz schön heiß im Auto.“

Das war bisher noch nie ein Problem. Klar wird es heiß, ist ja Wüste, ist Amerika, ist Sommer. Steffen stieg aus, um an seinen Rucksack zu kommen. Dann setzte er sich wieder hin und kramte in seinem Gepäck, während ich nach dem Brot und dem Schinken auf dem Rücksitz griff. Er zog eine Konservendose raus, auf der ein Foto von geformten Fleischstäbchen vorne drauf war, die Beschriftung war spanisch. Er öffnete die Dose an ihrem Ring und da schwammen tatsächlich so bröckelige Stangen aus Fleisch in einer roten Soße. Nicht schlecht. Ich würgte an meinem trockenen Brot mit Schinken drin.

„Was ist denn das?“, fragte ich.

Er hielt mir die Dose hin: „Kannst du spanisch?“ Ein ziemlich primitiv gezeichneter Stier prangte auf der Büchse. „Gab es in so einem mexikanischen Laden. Schmeckt bisschen wie Buletten. Ganz gut.“ Ich fischte nach einer Hackfleischstange und biss ab, die Soße lief mir den Finger runter. „Bulettenersatz. Interessant.“ Steffen schien zwar Amerika-Anfänger zu sein, aber er brachte die richtigen Anlagen mit.

Nach dem Essen und Schreiben lehnte ich mich in den Sitz, um ein bisschen zu dösen. Steffen fragte mich zwanzigmal, ob wir noch eine Weile hier bleiben, da kapierte ich, dass er Schiss hatte, ich könnte einfach ohne ihn weiterfahren. Ganz spontan reichte ich ihm den Autoschlüssel: „Da. Kannste ganz entspannt sein.“ Den wollte er nicht, war ihm peinlich. Aber wenigstens traute er sich danach ein bisschen herumzulaufen.

Als ich gerade wieder aufgewacht bin, war mir tatsächlich viel zu heiß. Ich war ganz matschig im Kopf und trank erstmal den Rest Eistee aus meinem Plastikbecher, inzwischen war der Tee schon wieder warm. Ich stieg aus und sah Steffen an einem Findling sitzen, der fünfzig Meter weiter in der Wüste stand. Er hatte seine Hose ausgezogen und sich draufgesetzt. Ist ja auch prall, eine schwarze Jeans in der Wüste, also echt. Ich machte Musik an, setzte mich in den Schatten des Autos in den Sand und jetzt schreib ich nochmal in mein Tagebuch. Für meine Verhältnisse ist ja heute enorm viel los. Bisher waren das oft nur Stichwörter, zum Beispiel gestern: „Winzige Straße, geil geil geil. Höre Dirk Tape. Geile Fotos gemacht auf der Düne. Muss erst morgen wieder einkaufen gehen.“ Aber jetzt gibt es ja was zu erzählen.

Das ist eine schöne Sache mit dem Schreiben, das gibt allem noch so eine zusätzliche Bedeutung. Ich erkläre dann auch gern, warum ich bestimmte Sachen auf die oder jene Weise mache, ein bisschen erkläre ich mir das damit auch selbst. Ich schreibe immer auf, was für Musik ich so gehört habe, das ist auch wichtig. Ich habe erst das Auto gekauft und mich dann sofort als Nächstes um ein Autoradio mit Kassettenrekorder gekümmert. Ich hatte noch nie einen Kassettenrekorder in ein Auto eingebaut, aber es hat funktioniert, mein wortkarger Gastvater hat sich aus seinem Fernsehstuhl geschält und mir ein bisschen geholfen. Natürlich war das kein Top-Gerät, 29,90 Dollar und dann Boxen für 6 Dollar pro Stück, aber in Amerika ist Elektronik halt auch sehr billig. Wenn ich nicht zu laut drehe, klingt es ok. Ich höre das Dirk Tape, Tracy Chapman, meine alte Rolling-Stones-Kassette, mein aktuellstes Mix-Tape, alles Mögliche. Tracy Chapman und das Dirk Tape passen besonders gut zu dieser Reise, habe ich festgestellt. Das Dirk Tape ist eine Kassette, die Dirk für Renate aufgenommen hat. Beides Mitschüler. Das Dirk Tape fängt an mit den Dexys Midnight Runners, die sind bekannt durch ‚Come on Eileen‘, auch schon ein altes Lied, das aber gut in Erinnerung geblieben ist, das war schon damals kein dummer Popsong. Die Kassette fängt aber nicht mit diesem Lied an, sondern mit einem anderen von derselben Band: ‚I believe in myself‘, ganz was Feines, zum Mitsingen. Wie kommt man an so ein Lied? Im Radio lief das jedenfalls nicht. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, mir eine LP von Dexys Midnight Runners zu kaufen. Aber das ist halt Dirk. Dirk ist, ich sag es nicht gerne, die coolste Sau unter der Sonne. Zwischendurch finde ich ihn zum Kotzen. Er ist immer witzig, immer ironisch, ihm ist alles scheißegal, die Mädchen finden ihn super und seine Freundin ist unerreichbar für mich. Die habe ich von meiner Liste gestrichen, im Ernst, hat keinen Zweck. Dirk ist zig Mal sitzengeblieben und Abitur wird er wohl auch keins machen, aber er wird bis zuletzt der unglaubliche Dirk sein, der die besten Platten hat und alle unter den Tisch raucht und säuft. Er hat so einen zerzausten Look, der sieht so aus, als ob er niemals in ein Badezimmer geht, allerdings kann ich nicht behaupten, dass er besonders eklig wäre. Ist das angeboren, dass man so aussehen kann? Liegt das am Selbstbewusstsein, ich habe keine Ahnung, es ist so anders als bei mir; ich bin ein dünnes schlackeriges Hemd und meistens verkrampft. Ich kann froh sein, dass ich durch eine gewisse Frechheit und manche Witztreffer eine Rolle in unserer Stufe gefunden habe, in der ich so was wie ein vogelfreier Clown bin. „Der Schnitzler“ bin ich, von Markus Schnitzler, „das Schnitzel“ halt. Ich werde geduldet. Aber Dirk wird vergöttert. Na, und ich mach ja mit: Wer überspielt sich denn eine Mixkassette, die dieser Dirk für die Renate aufgenommen hat, und findet die Musik darauf aufregend und originell? Genau, das bin doch ich. Das Schnitzel. Ich habe Dirk selbst zum Gott gemacht. Na ja, was soll‘s. Dafür wird er Deutschland wahrscheinlich nie verlassen, ohne Abi, ohne Job, ohne Kohle.

Wilderness und Popmusik

Samstag, 7. Juli 1990. Lagerfeuer über Highway 95 vor der Grenze nach Idaho(Teil 1)

Der restliche Tag war irgendwie ein bisschen anstrengend. Ich habe mir ja vorgestellt, mit Diana zusammen zu reisen, tja, jetzt sitzt stattdessen Steffen neben mir, wir kennen uns nicht, er hat andere Reisegewohnheiten, ständig muss ich mich über irgendwas mit ihm abstimmen. Andererseits ist der Tag nicht einfach so an mir vorbeigeflogen wie so mancher andere hier in den USA.

Steffen kommt aus Berlin. Und zwar aus Berlin-Ost. Das kam so nebenbei raus. Mein erster Gedanke war: „Krass krass krass – doch kein Deutscher! Der kommt von drüben.“ Dann ist mir wieder eingefallen, dass ich das lieber nicht so formulieren sollte - für die Ossis war die DDR ja auch Deutschland. Schon komisch.

Während meines Austauschjahres ist in der DDR einiges passiert und letzten Herbst haben sie dann die Mauer aufgemacht. Ist nicht so, dass ich das nicht gewusst hätte. Es war bloß nicht besonders interessant für mich. Ich war nur einmal in der DDR gewesen, als wir auf Klassenfahrt in Berlin waren. Ich stelle mir die DDR so ähnlich vor wie unser Deutschland, nur dass die Kinofilme aus Russland kommen statt aus Amerika. Und es gibt, oder gab, nicht alles zu kaufen. Und man konnte nicht raus. „War das denn dein Traum oder so, mal nach Amerika zu fahren?“, fragte ich.

Steffen schwieg erst mal. Oder er hörte der Kassette zu. Dann endlich: „Nö, Traum nicht. Ich wollte gar nicht unbedingt weg.“ Dann schaute er aus dem Fenster, als ob er sich an seine Jugend erinnern würde oder so. Ich sagte da mal nichts dazu. Hat ja auch was, wenn zwei ernste Männer mit einem Plan durchs Land brettern (wobei brettern, ich fahre, wie gesagt immer knapp 60, schon wegen dem Benzinverbrauch. Und vielleicht wäre es auch übertrieben, meine Fahrerei als Plan zu bezeichnen). Ich schwieg also auch. Als die Kassette aus war, merkte ich, dass Steffen eingeschlafen war.

In Winnemucca war wieder Pausenzeit. Es war mindestens sieben Uhr abends. Ich rollte durch das Städtchen, die Fast-Food-Läden leuchteten mir freundlich zu. Normalerweise gönnte ich mir um diese Zeit irgendein Sonderangebot zu essen, Hamburger für 50 Cent und dann fünf Stück davon, so was. Und füllte meine Mug mit Sprite an einer Tankstelle. Aber Steffen schlug vor, Nudeln zu kochen. „Ich habe einen Kocher dabei, das geht fix.“

Kochen. Ich hatte mich auf den Fast-Food-Schweinkram gefreut. Tatsächlich habe ich noch nie mit einem Campingkocher gearbeitet. „Lass mal schaun, ob es was Billiges zu essen gibt. Vielleicht können wir ja beides machen.“

Ich fand einen Del Taco, der mir 12 einfache Tacos für 3,99 Dollar verkaufte. Der Laden sah aus wie alle anderen fünfzehn Millionen Fressläden in Amerika und der Mensch, der mir das Essen verkaufte, auch. Das gehörte dazu, gab mir immer wieder das Gefühl, das einzige Interessante weit und breit zu sein. Natürlich war da auch noch Steffen jetzt. Mal sehen, wie das mit ihm weitergeht. Ich brauch schon auch meine Zeit allein.

Steffen war in einen Seven Eleven nebenan gegangen, nach Nudeln schauen, obwohl ich ihm erklärt hatte, dass es da keine Grundnahrungsmittel gibt, sondern nur Fertigzeugs. Für Nudeln müssten wir in einen Supermarkt. Als wir uns wieder trafen, hatte er aber doch Nudeln gefunden und ein paar Gratistütchen Ketchup als Soße mitgebracht. Meine Mug hatte er mit Sprite gefüllt und - davon war ich direkt beeindruckt - sich selbst hat er auch eine gekauft. Die Mug ist, würde ich sagen, das wichtigste Utensil einer Autotour durch Amerika. Das hat er sich aber blitzschnell bei mir abgeschaut. Ich bin gewöhnt, der einzige zu sein, der so genau auf Preise achtet und auf Sonderangebote. Und als Ossi dürfte er sich doch gar nicht so gut auskennen mit der Marktwirtschaft.

Diese Mugs sind große Plastikbecher, und man bekommt sie an Tankstellen fast für umsonst gefüllt mit allem, was man will – Eistee, Cola, Kaffee. Während Getränke sonst 0,59, 0,99 oder 1,19 Dollar kosten (je nach Größe), gibt es den Refill für die Mug meistens für 29 Cent. Egal, wie groß die Mug ist. Steffens Mug hat ein 7/11-Logo drauf, die erste Füllung war im Preis dabei, Cola hat er reinmachen lassen. Cola ist mir zu berechenbar, Cola trinkt jeder. Ich trinke immer Eistee oder Sprite.

Seine Mug ist noch eine Nummer größer als meine.

Vielleicht ist er gerade deshalb so aufmerksam, was einkaufen angeht, weil es neu für ihn ist. Als ich während dieser Klassenfahrt in Ostberlin einkaufen war, habe ich die zwangsumgetauschten Mark in Orwo-Film investiert. Die vielen Filme, die ich dafür bekommen habe, standen in gar keinem Verhältnis zu den paar DM, die ich an der Grenze dafür hatte hinlegen müssen. Ilford-Film im Fotoladen zu Hause wäre viel teurer gewesen. Und als wir dann noch was essen waren, hat das wieder fast nichts gekostet. Andererseits gab es auch nicht viel Auswahl. Das muss also alles ganz neu sein für Steffen. Ich bin ein bisschen unsicher, was ich ihn da fragen darf oder nicht, ich will ihn nicht nerven und ich weiß sehr genau, dass ich fast nichts weiß über die DDR. Wahrscheinlich muss er sich immer wieder dieselben Fragen anhören, seit er im Westen ist. Wie ich damals als Austauschschüler. „Habt ihr eigentlich Kühlschränke in Deutschland?“ Wir wurden damals in einem Seminar auf das Austauschjahr vorbereitet, und da hat man uns eingetrichtert, immer freundlich auch auf die dämlichste Frage zu reagieren, weil wir ja Botschafter unseres Landes wären. Wie ich darauf reagieren sollte, dass mir der Koreaner Joung in der High School täglich mit zum Nazi-Gruß ausgestrecktem Arm entgegen kam und „fiekan buumsan blasen alice auf dem rasan“ rief, darauf hatte mich allerdings niemand vorbereitet. Ich kannte noch nicht mal die Toten Hosen, deren kulturelle Leistung es war, diese Textzeile in der Welt zu verbreiten.

Kaum waren wir losgefahren, sah Steffen eine Frau am Straßenrand, die Gemüse verkaufte, und wollte unbedingt, dass ich anhalte. Genau das meine ich. Ich halte normalerweise nicht die ganze Zeit an. Nicht nur wegen meiner kaputten Bremsen, sondern ich will auch einfach weiterkommen. Aber Steffen zuliebe fuhr ich an den Rand der Straße und er kaufte tatsächlich Tomaten und Mais. Voll schräg, auf die Idee wäre ich niemals gekommen. Amerika und frisches Gemüse passt doch überhaupt nicht zusammen. Als wir endlich weiterfuhren, schwiegen wir, ich war ein bisschen genervt, inzwischen war es dunkel geworden und am Himmel hing ein voller Mond, riesengroß. Ich hatte Hunger und war müde, schließlich bog ich in einen Weg ein, der durch die vom Mond beleuchtete Landschaft führte. Winnemucca lag längst hinter uns. Steffen beobachtete aufmerksam, wo wir hinfuhren. Er fragte, als ob er irgendwie mitentschieden hätte: „Sollen wir einfach gucken, wohin das hier geht?“

Ich nickte und fuhr einen Hügel hinauf. Oder, besser gesagt, einen Berg: als wir ausstiegen und ein paar Schritte taten, konnten wir weit nach unten blicken auf den Highway, auf dem noch einige Lastwagen herumkrochen. Hier oben war es still. Mit der Wärme und dem ganz leichten Wind eigentlich ein verdammt schöner Abend. Hier sitze ich jetzt und schreibe.

Es stellte sich heraus, dass frische Tomaten zu gekochten Nudeln ganz lecker schmecken und dass man Maiskolben über einem Lagerfeuer rösten kann. Die übrigen Tacos esse ich morgen tagsüber. Ich bin nicht mehr genervt. Wahrscheinlich bin ich vorhin einfach zu lange am Stück gefahren. Das habe ich zwar bisher immer so gemacht, aber da hab ich gar nicht gemerkt, dass es mir die Laune verdirbt. Da habe ich dann irgendwo geparkt und mich schlafen gelegt und das war‘s dann. Ich habe nie abends Feuer gemacht, Steffen dagegen ist voll der Pfadfinder-Typ: Lagerfeuer, Campingkocher, er hat sogar ein Filmdöschen mit Salz dabei. Und das mit diesen Klamotten.

„Ich hätte dich nicht für so einen Outdoor-Experten gehalten“, sagte ich anerkennend.

„Was für‘n Experten?“

„Na so draußen, Natur, Abenteuer. Warst du bei den Pfadfindern?“

„Nä“, spuckte Steffen aus, mit einem ganz scharfen „ä“. „Pioniere.“

Ich hatte meinen Rucksack aus dem Auto geholt und lehnte mich an. Schon gemütlich, so ein Lagerfeuer, Mond obendrüber und so. Ich habe Steffen gefragt, ob er raucht, da hat er so ein ähnliches „Nä“ von sich gegeben. Ich rauche auch nicht. Meine Freunde in Deutschland würden ohne Bier und Zigaretten gar nicht erst Lagerfeuer machen. Und spätestens Dirk würde dann so einen Shit-Klumpen herausholen und daran herumkokeln und bröseln. Eine Wissenschaft, die mir verborgen geblieben ist, dabei entsteht ein Joint, der geht dann herum, alle atmen den Rauch sehr theatralisch ein und noch affiger wieder aus, ich hab dabei noch nie was gemerkt. Ich lass aber auch keinen Rauch in meine Lunge. Hab ich einmal gemacht und musste sofort husten.

„Und was ist das? Pioniere? Erzähl doch mal was.“

„O Mann, das ist DDR-Kack. Da waren alle dabei. Ich will da gar nicht mehr drüber nachdenken. Da gab es Übungen und Fahrten und bekloppte Betreuer und Sport und so.“

„Ich dachte, du wolltest gar nicht weg aus der DDR?“, fragte ich. Hat er das nicht erzählt?

„Wollte ich auch nicht. Als die Mauer noch zu war. Aber dann hab ich ja auch gelesen, was alles scheiße war. Richtig scheiße, bei uns im Osten. Aber der Westen war ja auch nichts. Oder? Hat jetzt auch nicht gerade den Frieden in die Welt gebracht, der Westen, oder?“

Ich hatte im Kunstunterricht mal eine Styroporkugel blaugrün bemalt und aus Papier zwei Raketen gebastelt, die auf diesem Erdball kleben und sich die Raketenhände reichen. Die eine Rakete war USA, die andere die Sowjetunion. Also klar, ich war jedenfalls voll für den Frieden. Ich vermied es allerdings, mich in politische Diskussionen verwickeln zu lassen, da ging es zu schnell um Namen von Politikern oder um irgendwelche bestimmten Länder oder Kriege, und ich hatte null Ahnung von Geschichte oder Politik. Ich war mehr so, sagen wir mal, grundsätzlich interessiert. Ich besaß eine Kassette von Bob Dylan und war ganz seiner Meinung. Obwohl ich auch das nur unter Vorbehalt sagen konnte, weil ich die meisten Texte nicht verstand. Aber dass die Atomraketen jetzt verschwinden würden, davon ging ich doch schwer aus. Brauchte man doch nicht mehr, mit Gorbi und so. Insofern war der Fall der Mauer doch uneingeschränkt zu begrüßen.

Steffen schien sich da allerdings nicht so ganz sicher zu sein. Ich hielt die Klappe. Was wusste ich schon von seinem Leben in der DDR. „Jedenfalls warst du öfters mal zelten“, stellte ich fest. Englisch war ja nicht so Steffens Stärke, ich konnte gerade noch ‚zelten‘ sagen statt ‚campen‘. Steffen nickte. „Erst früher mit den Pionieren, mehrere Tage unterwegs. Und mit meinem Vater war ich auch wandern in Polen und so. Und in den letzten Jahren haben wir das dann selber gemacht. Ohne Wanderlieder.“ Er grinste. „Und in Kanada wird das dann erst richtig schau. Ich treffe mich da mit einem Freund. Und dann mal sehen, wo es uns hinzieht. Wir haben den ganzen Sommer Zeit.“

„Was heißt das genau? Wollt ihr Bergsteigen oder was?“

„Wildnis eben. Proviant, Kompass, Schlafsack, Zelt. Keine Ahnung, vielleicht bauen wir ein Blockhaus oder so.“

„Und wie ist das mit deinem Freund? Wo trefft ihr euch?“

„Am 14.7. in Calgary.“

„Ok, krass. Voll der konkrete Plan.“

Steffen nickte, jetzt leuchteten seine Augen. Er griff nach dem Bändel um seinen Hals und zog eine Brusttasche heraus, der er ein Stück Papier entnahm, in dem er wiederum ein anderes Stück Papier aufbewahrte, das er jetzt zu mir hinüberreichte - es sollte aussehen wie eine lockere Geste, aber da steckte eine Menge Stolz und Glück drin. „Depeche Mode. Ollümpic Settldom“, erklärte er. Das Papier war ein Ticket für ein Konzert im ‚Olympic Sattledome‘ in Calgary. „Neunundzwanzig Dollar“ las ich vor, und dann nochmal ordentlich ausgesprochen „Olympic Sattledome.“ Ich gab ihm das Ticket zurück. „Und da triffst du deinen Freund. Und wo kommt der her?“

„Frank. Kommt mit dem Bus aus New York.“

„Also erst Depeche Mode und dann Wildnis. Ist das so üblich bei euch?“

„Bei uns aus dem Osten? Oder bei uns Fans? Nein. Und nein. Nicht üblich“, er verstaute das Ticket und lehnte sich zurück. Wir schauten in die Sterne. Ich dachte eigentlich, dass ich so was nicht gerne mag, Lagerfeuer, draußen schlafen, das war mehr so ein Ding meiner Eltern gewesen, das kannte ich von ihren Dias: große Weltreise, morgens dann das Zelt auf Hochplateaus oder an großen Seen und Bilder von Indianern und Märkten, ab und zu mal ein Foto von Mama, Papa und ihrem VW Käfer. Als bei denen noch alles super war. Das hab ich dann ja selbst nicht mehr erlebt, nur noch Streit, Scheidung, Stress, und ab und zu Dias gucken mit leicht unterschiedlichen Geschichten, je nachdem, ob es ihre Version oder seine war. Das fiel mir ein, wenn jemand von Camping sprach. Ich hatte mich dann mehr für Bücher, Filme und Fotografieren interessiert - mal abgesehen von Mädchen. Ich verbrachte auch Zeit in der Natur, aber mehr mit meinen Freunden und dem Fahrrad, abends fuhren wir immer wieder nach Hause. Wo ich wohnte, war sowieso alles Natur; Wald, Bäche, tiefe Täler, Tunnel von stillgelegten Eisenbahnstrecken. Mit Jörgi und Alex machte ich Fotos in Kiesgruben oder Burgruinen, die wir dann in unserer Dunkelkammer entwickelten. Wenn wir doch mal ein Zelt aufgebaut hatten, dann in unserem Garten, und dann legten wir das Verlängerungskabel vom Rasenmäher ins Zelt, um den kleinen Fernseher und das Videospiel dort anschließen zu können.

„Wo willst du denn eigentlich hin?“, fragte Steffen übers Feuer.

Der eigentliche Plan

Samstag, 7. Juli 1990. Lagerfeuer über Highway 95 vor der Grenze nach Idaho(Teil 2)

„Wo willst du denn eigentlich hin?“

Ja, die Frage habe ich mir auch schon gestellt.

Mein Plan war nicht gerade hieb- oder stichfest, schon klar. Klang aber gut genug, um voller Vorfreude loszufahren. Nach Anaheim zu der Familie, in der ich ein Jahr zuvor gewohnt hatte. Dort den Führerschein machen, ein Auto besorgen, dann hoch zu Diana nach San Dimas, wo sie ihre Schüleraustauschzeit verbringt. Dann mit ihr eine Tour in die Freiheit. Joshua Tree, Wüste, weite Landschaft. Raum für Gefühle.

Diana Glock war eine Klasse unter mir, bevor sie nach Amerika ging, und tatsächlich kenne ich sie nicht gut. Wir waren beide bei der Schülerzeitung, und vor ihrer Abreise haben wir uns auf Partys unterhalten. Ich würde sagen, dass sich da eindeutig was angebahnt hat, messbar an der gesteigerten Zahl der Blicke, die wir uns in der Schule zugeworfen haben. Sie wollte nur ein halbes Jahr Schüleraustausch machen, die zweite Hälfte des letzten Schuljahres, deswegen gab es diese Zeit, in der ich schon zurück war und sie noch nicht weg. Gegen Ende des letzten Winters haben wir uns fast täglich gesehen und zugelächelt oder so. Natürlich hab ich auch immer die ganze Schule nach ihr abgesucht, um ihr dieses lockere Lächeln zuwerfen zu können - das müsste vielleicht noch in der Blickkontaktstatistik erwähnt werden. Wir hatten natürlich was gemeinsam durch den Schüleraustausch. Aber auch sonst: Diana sieht super aus und ich weiß einfach, dass wir zusammen die Welt erobern könnten. Dass wir uns aufeinander verlassen könnten. Dass wir Sachen lustig fänden, die sonst niemand lustig fände. Sie mag Marillion, so wie ich, und ‚The Joshua Tree‘ von U2 habe ich mir sogar von ihr überspielen lassen. Das schweißt doch schon zusammen. Ich habe meine Marillion-Kassetten natürlich auf meine Reise mitgenommen und U2 ist selbstverständlich auch dabei. Als ich den Kassettenspieler fürs Auto gekauft habe, hatte ich dabei ganz konkret die gemeinsame Fahrt mit Diana im Blick.

Jedenfalls: Ich habe ihr Briefe nach San Dimas geschrieben, zweimal hat sie auch geantwortet, zugegeben, ihre Briefe waren kürzer als meine, aber das heißt doch nichts. Ich hatte mich ja auch nicht ausschließlich für sie interessiert, ich hatte natürlich noch andere Eisen im Feuer, letztlich kann man ja nie wissen, wer dann wirklich die erste Freundin wird. Mal wurde es mit Sabine intensiver: als ich sie fotografiert habe, da hatte ich das Gefühl, dass es in dieser Richtung wärmer wird (ich meine wärmer jetzt so wie beim Topfschlagen). Dann stellte ich mir auch mal vor, mit Kerstin zusammen zu sein. Mit ihr war ich nur „befreundet“, schon klar, aber da könnte doch alles Mögliche draus werden. Wir schrieben uns Briefchen in der Schule, mehrmals täglich, wir hatten also auch so ein eigenes Ding am Laufen.

Bis jetzt hat sich zwar noch bei keiner dieser Frauen was ergeben, aber ich bin zuversichtlich, dass sich mein Leben in die richtige Richtung entwickelt. Ich hatte halt auch dieses Ziel, jetzt in Amerika mit Diana zusammenzukommen. Ich bin kurz vor der Reise 18 geworden und auf jeden Fall wäre es höchste Zeit für so was.

Als ich in San Dimas anrollte, war Diana nicht allein, sondern hatte Besuch von zwei Mitschülerinnen und von Jonathan (natürlich amerikanisch ausgesprochen - aber nicht Joe, nein, es musste der ganze Name sein, Jonathan). Na, und wer war Jonathan? Richtig: Dianas Boyfriend. So ein geschniegelter Amiboy. Ich blieb natürlich cool, ich hatte Gott sei Dank nicht die Jogginghose mit dem fiesen Fleck an, sondern eine Jeans mit Schlag, was mir einen Lässigkeitsbonus verschaffte. Aber mein Mund war trocken und mein Kiefer wie betäubt. Ich setzte mich mit einem Dauerlächeln im Gesicht zu den anderen aufs Sofa, die gerade mal das absolute Mindestmaß an Interesse für mich aufbrachten - inklusive Diana selbst. Was sollte das? Wir hatten endlich telefoniert, als ich in Kalifornien angekommen war, sie klang erfreut, „ich komm mit dem Auto, kannst du ein paar Tage mitfahren?“ hatte ich gefragt, „Ja mal sehen, komm doch erst mal vorbei“, hat sie geantwortet. War das wirklich ihre Antwort gewesen? Ich hatte so was wie „Ja bitte, nimm mich mit“ verstanden. Seufz. Ich will ja gar nicht abstreiten, dass die Realität manchmal leicht von meinen Vorstellungen abweicht. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie sich eines Tages meiner Fantasie beugt und mitspielt.

Im Rückblick war die Szene in San Dimas ganz furchtbar. Demütigend, erbärmlich, zum Kotzen. Peinlich. Dämlich. Ich könnte mich total über Diana aufregen, ich brauchte Jonathan keine zwei Sekunden anschauen oder mit ihm reden, nein falsch, ich brauchte überhaupt nichts über ihn wissen, um zu wissen, dass Diana den Fehler ihres Leben begeht. Dass sie sich für eine Pfütze statt für das Meer entscheidet, dass sie Bequemlichkeit statt Abenteuer gewählt hat. Dabei bleibe ich auch. Mir tut inzwischen der Hintern vom Rumsitzen auf dem Autositz weh, das ist jedenfalls keine Bequemlichkeit.

Na, und mein Plan B? Ich bin natürlich alleine losgefahren. Nach zwei Stunden Sofa-hocken-MTV-glotzen-Eis-essen-fahren habe ich kurz unter vier Augen mit Diana geredet. Dabei kam raus, dass sie auf keinen Fall mit mir mitfahren wolle, dass ich aber gerne ein paar Tage da bleiben könnte, dass ich mich mit Jonathan gut verstehen würde, „der fotografiert übrigens auch“… Ich habe tatsächlich gesagt „I don‘t think so“ und bin gegangen. Raus zum Auto. Ich habe Diana umarmt, wie man das in Amerika leichter mal eben tut als in Deutschland, und bin raus. Da saß ich noch mindestens eine halbe Stunde im Auto und hab mich gefragt, ob das jetzt die richtige Reaktion war oder ob ich nicht lieber wieder reingehen soll… Bis ein Polizeiauto kam und der Sheriff mich gefragt hat, was ich da mache. Die Nachbarn hätten angerufen, dass jemand Verdächtiges die Nachbarschaft beobachte. Mein lieber Scholli, das hatte noch gefehlt. Ich erzählte dem Cop, dass ich gerade loswollte, und er stieg wieder in sein Auto und wartete dort, bis ich losfuhr. Das war so der Tritt, den einer bekommt, der eh schon am Boden liegt. Wenn ich es zusammen mit Diana erlebt hätte, wär‘s vielleicht lustig gewesen, von der Szene hätte ich ihr gerne noch erzählt, ich war aber allein, es gab keine Diana mehr für mich, das musste ich begreifen, ich kramte nach der Kassette „Misplaced Childhood“ von Marillion, das Traurigste, was ich kannte, Musik zum Mitheulen, und ließ den Motor an. Ich fuhr nach Osten und dann auf die schöne kleine 395, bis ich den Ford irgendwann mitten in der Nacht auf dem sandigen Randstreifen ausrollen ließ und mich auf den Vordersitzen zum Schlafen hinlegte. Die nächsten Tage war ich verbittert, fuhr Auto, war mit kaputten Reifen beschäftigt, lernte den Wagen kennen und überhaupt das Autofahren. Und kletterte auf dieser Sanddüne herum. Plan B war ziemlich mager: Ich würde nach Idaho fahren, da wohnte Curt, der letztes Jahr Austauschschüler in Deutschland war und bei einem Freund von mir gewohnt hatte. Curt war cool, wir hatten uns gut verstanden, den könnte ich besuchen. Hoffentlich war er zu Hause. Ich hatte nichts mit ihm klargemacht, weil ich mir meine Zukunft ja in Liebe mit Diana vorgestellt hatte, und ich habe ihn immer noch nicht angerufen. Sollte ich mal tun. Damit ich ein Ziel habe.

Ich erzählte Steffen das Nötigste: Dass ich keine festen Pläne für den Sommer hätte. Von Diana erzählte ich nichts. „Ich wollte jetzt mal nach Norden fahren. Ich kenne jemanden in Idaho. Und sonst, mal schauen.“ Wenn Curt keine Zeit hätte, dann würde ich einfach immer weiter fahren.

„Dann kann ich noch ein Stück mit dir kommen?“ fragte Steffen.

„Lass uns morgen auf die Karte gucken.“

Nach Kanada

Sonntag, 8. Juli 1990. Parkplatz Deer Creek Road (Trailhead Hells Canyon),früher Nachmittag

Während Steffen heute früh nochmal das Feuer anmachte, um sich darauf einen Kaffee zu brühen, studierte ich meinen Pocketatlas und stellte fest, dass ich nicht richtig gefahren bin, wenn ich zu Curt wollte. Ich war viel zu weit westlich. Nicht zu fassen. Was für ein idiotisches Gegurke, wofür habe ich überhaupt $2,19 für den Atlas ausgegeben? Ich blätterte immer wieder zwischen Kalifornien/Nevada (zusammen auf einer Kartenseite), Idaho und Oregon herum (die Staaten sind alphabetisch sortiert) und musste schließlich einsehen, dass ich gestern Abend nach Winnemucca nicht die Grenze zwischen Nevada und Idaho, sondern die zwischen Nevada und Oregon passiert habe. Das ist aber auch wirklich total bescheuert gemacht in meinem Atlas, da kommt man doch nicht drauf, dass die Grenze zwischen Oregon und Idaho nicht auf derselben senkrechten Linie liegt wie die Grenze zwischen Kalifornien und Nevada. Das regte mich total auf.

Auf meinem kleinen Atlas war dann auch von dort, wo wir waren, überhaupt keine Straße mehr verzeichnet, die nach Osten führte und mich einigermaßen sinnvoll zu Curt gebracht hätte. Wenn das stimmte, dann hätte ich durch halb Oregon fahren müssen, um den blöden Interstate nach Idaho zu erreichen. Und dann wieder ein gutes Stück nach Süden. Das wäre doppelt Scheiße. Erstens ein Umweg, und zweitens Interstate. Das ist eine Autobahn, die eher so aussieht wie in Deutschland, mit Leitplanken, völlig unromantisch, so was versuche ich zu vermeiden.

Wenn ich dagegen nach Kanada wollen würde, könnte ich sogar mehr oder weniger auf einem kleinen Highway bleiben (395), Luftlinie wären das bis Calgary laut Pocketatlas knapp 200 Meilen durch Oregon, 200 durch Washington, dann noch 150 durch Kanada. Schon auch cool. Wenn ich dorthin fahren würde, dann wäre ich danach jedenfalls schon mal in Kanada gewesen.

Als Steffen seinen Kaffee endlich fertig hatte, frühstückten wir. Er aß Nüsse und Wurst. Warum Steffen sein Kaffeewasser mit dem Kocher heißmachte und nicht einfach auf die nächste Tankstelle wartete, frag mich nicht. Vielleicht war das der Stolz der Pioniere oder so was. Wenn ich es eilig gehabt hätte, hätte ich was gesagt, aber gestern Abend beim Lagerfeuer habe ich mir vorgenommen, die Reise zu entschleunigen. Weil es nämlich cool war, zusammen am Feuer zu hocken. Steffen musste gar nicht viel sagen, schon seine Anwesenheit hat bewirkt, dass ich meine bisherige Herangehensweise, die im Großen und Ganzen allein aus Autofahren bestand, zu hinterfragen begann. Einatmen. Weiterfahren ist vielleicht nicht unbedingt immer besser. Ausatmen.

Ich hatte trotzdem nicht gut geschlafen. Mich hatte nachts wieder der Frust eingeholt, die Sache mit Diana… Ich verstand sie einfach nicht. Was machte ich denn falsch? Warum tauchen immer wieder so Typen wie dieser Jonathan aus dem Nichts auf und… ersetzen mich einfach?

Und dann ärgerte ich mich darüber, dass ich mich von Diana frustrieren ließ. Dass ich durch Amerika fuhr und da an nichts anderes dachte als an ein Mädchen, das sich nicht für mich interessiert.

Als Steffen wissen wollte, was meine Kartenstudien ergeben haben, erzählte ich ihm, dass es gar nicht so weit war nach Kanada. Fand er natürlich ‚schau‘. Er blätterte im Atlas vor und zurück, genau wie ich, und fand dabei sogar noch etwas heraus, und zwar, dass die Straße, die ein paar Kilometer unter uns in der Morgensonne glitzerte, hier genauso hieß wie eine Straße kurz vor Calgary. Tatsache. Das war ja noch einfacher als das, was ich rausgesucht hatte: Highway 95 führt directamente nach Kanada, und zwar nicht durch Washington, sondern durch Idaho. Idaho ist genauso hoch wie Oregon und Washington zusammen und grenzt an Kanada, auch so eine Erdkunde-Tatsache, die im Pocketatlas leicht übersehen wird. Das hieß, dass Steffen auf jeden Fall mit mir mitfahren konnte, bis ich entweder in Idaho doch noch, mit Umweg, zu Curt fahren würde oder, das sagte ich aber noch nicht, einfach weiter in seine Richtung. Wenn ich mich nicht entscheiden muss, ist mir das immer am liebsten. „Was zahlst du mir, wenn ich dich nach Calgary bringe?“, fragte ich, Steffen sah mich entsetzt an. „War nur ein Witz“. Was hatte er denn? „Alles klar? War nur ein Witz.“

Steffen stand auf, kramte in der Tasche seiner schwarzen Hose, holte eine Geldbörse raus und zählte mir sein Geld vor. „43 Dollar“, erklärte er und setzte sich wieder hin. „Und keine Kreditkarte.“

„Das ist wenig“, bestätige ich wenig geistreich. Sollte ich jetzt fragen, warum er ohne Geld nach Amerika gereist ist? Da bekam ich sofort ein schlechtes Gewissen mit meiner Kreditkarte von der Kreissparkasse Daun. Was man so hörte, waren westdeutsche Familien ja tendenziell schon besser aufgestellt als die Ossis, obwohl wir Schnitzlers jetzt wirklich nicht viel Geld hatten, zur Miete wohnten und meine Mutter sich auch mein Austauschjahr kaum hat leisten können. Ich wollte mir nichts von Eingesperrt-gewesen-sein oder West-Spekulanten anhören, die gerade die DDR abzockten.

„Ich hatte vor, bei meinem Onkel zu arbeiten, in Sacramento“, erklärte Steffen, ohne dass ich ihn danach fragen musste. „Angeblich sollte der eine Baufirma haben. Als ich dann da war, hatte er aber keine Aufträge. Von wegen Baufirma. Einen Pritschenwagen hat er und eine Schubkarre und ein paar Schippen. Und, tata, keine Aufträge. So schaut‘s aus. Aber meinste, das hätte er mal vorher durchblicken lassen, in einem Brief? Nee, vor meinen Eltern musste er den großen Mann markieren. Klar, 12 Dollar die Stunde für mich, im Sommer braucht er immer jemanden. Und jetzt: Eine ganz maue Zeit sei das gerade. Ich hätte prima Zeit gehabt, um zwei Wochen zu arbeiten, dann mit dem Bus nach Calgary, dann Wildnis, das Geld hätte gereicht. Jetzt war ich zehn Tage in Sacramento und hab immer noch sieben Tage Zeit für die Fahrt, die in einem Tag zu schaffen wäre. Eigentlich wollte ich in der Zeit Geld verdienen.“

„Was hast du dann überhaupt zehn Tage in Sacramento gemacht?“

„Nach Arbeit gesucht, in den ersten Tagen. Dann wurde es aber immer sinnloser, ich wollte ja sowieso bald weg. Dann hing ich ein bisschen rum mit anderen Fans.“

„Mit anderen Fans? Du hast da Leute kennengelernt, in Sacramento?“

„Ja. Sind ja nicht schwer zu erkennen.“ Er griff sich an die schwarze Jacke, schüttelte seinen Kragen. „Musik gehört. Ich war sogar mit einer Frau zusammen. War schon cool. Aber ich musste Geld ausgeben, das war scheiße. Mein Onkel hat mir schließlich noch 50 Dollar gegeben, aber nur geliehen, stell dir das mal vor. Ist seit Ewigkeiten in Amerika, der Onkel in Amerika, und dann kann er mir 50 Dollar leihen. Nicht mal schenken. Da war Helmut aber großzügiger.“

Hat er gesagt, dass er in Sacramento eine Freundin hatte? Er interpretierte meine Konzentration falsch:

„Na Helmut! Begrüßungsgeld!“

„Ja, schon klar. Und, also, du hattest da mal so eben eine Freundin?“

Genau so war es. Nicht so, wie ich mir die große Liebe vorstelle, mehr so cool herumstehen und ab und zu knutschen. Aber immerhin. Er hat nicht wahnsinnig viel von ihr erzählt. Angeblich hat sie geweint, als er gefahren ist. Hey, wie ist der denn drauf? Wenn ich in Sacramento eine Frau kennenlernen würde - dann würde ich doch auf Kanada pfeifen und mir eher überlegen, wie ich mich in Sacramento ansiedeln könnte!

Wir sind dann jedenfalls diesen Highway 95 hochgefahren, nach Oregon kam Idaho, in die Stadt Nampa hätten wir nicht unbedingt reinfahren müssen, weil unser Highway 95 direkt davor abzweigte, aber es war wieder Zeit zum Tanken und in Nampa gab es die große Tankstellenauswahl. An einer No-Name-Tanke kostete der Sprit laut Preistafel genauso wenig wie bei am-pm, dort gab es aber einen „free car wash with fill-up“, das konnte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Steffen fand das auch interessant. Ich steckte den Rüssel ein, arretierte den Hebel und ging ein paar Schritte zur Seite. Ich hatte in der Schule gelernt, dass man die Dämpfe nicht einatmen soll - Erdkunde bei Herrn Dinsenbacher. Der kam immer rein, setzte sich auf den vordersten Tisch und erklärte uns das Leben: Dass man aus Erdöl auch Steaks machen könne, dass irgendeine Werbefirma Millionen mit der Idee verdient hätte, beim Logo der Partei FDP diese Punkte hinter die Buchstaben zu setzen. Oder aber, wie man richtig tankt.

Ich ging ums Auto und stellte fest, dass am Reifen links vorne auch schon das Drahtgeflecht zu sehen war, so am Rand. Steffen kam dazu und ließ sich das erklären. Rechts vorne hing der ursprüngliche Ersatzreifen, im Kofferraum lag der Reifen, den ich vor der Zeit mit Steffen ersetzen ließ. Ich will immer einen Reservereifen dabei haben, logisch.

„Dann kannst du jetzt einfach den Reservereifen nehmen und links vorne hinbauen, oder?“, fragte er

„Genau. Aber dann brauche ich einen neuen Ersatzreifen.“

Nach dem Tanken fuhren wir erst mal zur Waschanlage, ich hatte beim Bezahlen an der Kasse einen Chip bekommen, den ich jetzt in einen Schlitz steckte. Eine Ampel schaltete auf grün und ich fuhr entsprechend den Anweisungen langsam vorwärts, bis die Ampel umschaltete. Cool. Ich war noch nie selbst in eine Waschanlage gefahren. Als Kind war das natürlich immer der Hit gewesen. Wir warteten gespannt. Es machte ‚klick‘, mit gewaltigem Dröhnen fuhr die Anlage an, links und rechts vor der Motorhaube setzten sich senkrechte Bürsten in Bewegung und dann wurden wir plötzlich von beiden Seiten mit Seifenwasser bespritzt.

„Fenster zu!“ schrie ich und wir kurbelten wie bekloppt die Fenster hoch. Daran hatten wir nicht gedacht, es stand auch nirgendwo, so ein Mist. Wie nasse Schafe hockten wir im Wagen, während draußen das Auto geschrubbt wurde. Als die Waschparade vorbei war, fuhren wir erst mal auf den Parkplatz und wühlten in unserem Gepäck nach Handtüchern. Ich meine, geschadet hat es uns nicht.

„Nächstes Mal machen wir die Fenster zu und setzen uns vorn auf die Motorhaube“, schlug ich vor.

Dann fragte ich in der Werkstatt, wie die Frau an der Kasse mir empfohlen hatte, nach gebrauchten Reifen. Dort ging ein Typ, der so ähnlich aussah wie James Dean, mit uns zu einem Haufen Reifen auf dem Hof, so war das beim letzten Mal auch gewesen. Wir suchten zusammen nach der Modellnummer, die ich von meinen Rädern gerade noch so enziffern konnte, und dann hielt er einen hoch, der ok aussah. Ich fragte, ob ich den kaputten Reifen selbst abbauen soll, er winkte ab, ich soll das Auto herfahren. Das war natürlich viel besser. Ging ruck-zuck, und am Ende wollte der Autofritze gerade mal 7,50 Dollar von mir. Auch noch voll ok. Steffen wunderte sich, wie schnell das gegangen war. „Ist halt ein Autoland“, meinte ich. Ich kippte den Rest des Ölkanisters in den Motor und kaufte hier auch noch neues Öl und ein paar billige Hot Dogs (29 Cent, aber da war auch wirklich nicht viel dran), das hatten sie verdient, nachdem sie so nett zu mir gewesen waren. Dass wir die Mugs auffüllten, muss ich ja nicht extra schreiben.

Wir machten Pause in einem Park am Snake River, damit die Sitze trocknen konnten. Ich teilte meine Hot Dogs mit Steffen. Mein Geld hatte ich mit einem Job im Supermarkt verdient, in den Pfingstferien hatte ich im Lager einer Maschinenfabrik gearbeitet, und einmal die Woche fuhr ich Zeitschriften aus, bei Wind und Wetter. Das würde eine Ausnahme bleiben, dass ich so großzügig bin. Ich glaube, normalerweise bin ich sogar ein bisschen geizig. Vielleicht kein Wunder, ich sammle Donald-Duck-Hefte und kenne Hunderte von Geschichten, in denen Onkel Dagobert mit seiner Sparsamkeit triumphiert. Ich sah meine eigene Zukunft eher an seinem Schreibtisch im Geldspeicher als in Donalds Hängematte, mit einem Briefkasten voller unbezahlter Rechnungen. Ich wollte auf jeden Fall mal ausreichend Geld haben. Nach der Trennung von meinem Vater war ich der einzige, der meine Mutter in Finanzdingen beriet, und ich konnte es kaum ertragen, wie sie auf jeden Vertreter hereinfiel. LBS Bausparkasse, Vorwerk Staubsauger und dann noch dieser Typ mit der x-bändigen Enzyklopädie. Ganz schlimm. Das würde mir später nicht passieren.

Steffen studierte eine Karte der Snake River Tourist Association. Er kannte den Snake River von Winnetou, und nach einer Weile hatte er die Stelle gefunden, an der sich Winnetous Grab befand. Wilder Westen, nicht mein Ding, aber Depeche-Mode-Steffen kennt sich aus in der Prärie, hat alles Mögliche über den Wilden Westen gelesen. Wir schlürften an unseren Mugs, ich hatte den Deckel aufgemacht und knackte Eiswürfel mit den Zähnen. Warum das wohl so sei, dass der Refill für die Mug so billig sei, fragte Steffen. Warum?

„Ich weiß nicht, es gibt doch immer mal wieder Sonderangebote. Damit wollen sie halt Kunden locken oder so“, überlegte ich.

„Aber sie machen doch keinen Gewinn damit. Vor allem, wenn es das in allen Tankstellen gilt.“

„Du fährst halt lieber zum Tanken.“

„Aber du brauchst doch sowieso Benzin.“

Da hatte er recht. Aber ich war schließlich im Wirtschafts- und Rechtslehre-Leistungskurs und außerdem hatte ich bis zur zehnten Klasse Bankkaufmann werden wollen. „Angenommen, du hättest eine Tankstelle und würdest das nicht machen, und alle anderen schon, dann würdest du vielleicht Kunden verlieren.“

Steffen überlegte und nickt. „Blödes Spiel, oder? Der Kapitalismus?“

„Na ja“, antworte ich vage mit einem Gemeinplatz. „Nachfrage und Angebot halt.“

„Ja toll, Nachfrage und Angebot. Das finde ich echt gruselig hier, nochmal krasser als in Westdeutschland, dass du für jeden Pups bezahlen musst. Der Kapitalismus würde dich doch eiskalt verhungern lassen.“

„Dafür brauchst du nicht viel Geld, um dir was zu kaufen. Essen zum Beispiel, ist doch voll billig. Und Wasser gibt es überall umsonst.“ Ich weiß nicht, Kapitalismus, das klang irgendwie so negativ.

„Womit willst du denn später dein Geld verdienen?“, fragte ich.

Steffen lachte hart: „Hör bloß auf, du.“

Wenn ich zu Curt gewollt hätte, wäre ich durch Nampa durchgefahren und dann auf den Interstate nach Süden. Wir sind aber nach etwas Supermarkt-Shopping (mit weiteren Beobachtungen zum Für und Wider des Kapitalismus) zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind, und dann wieder auf unseren Highway 95 nach Norden gebogen. Ohne dass Steffen und ich da groß drüber gesprochen hätten. Und als er im Pocketatlas einen „Hell‘s Canyon“ ausgemacht hat, eins der wenigen nationalparkähnlichen Gebiete, die groß genug sind, dass sie auf der kleinen Karte überhaupt verzeichnet sind, wollte Steffen mit mir wandern gehen.

Ich: „Wandern?“

Meine Assoziation zu wandern sind Eltern, die mir am Wochenende ihre uncoolen Ideen von glücklichem Familienleben aufdrücken wollen, viel zu schwere Schuhe, langweilige Forstwege und kein Fernsehen. Im besten Fall noch ein Maar oder See zum Baden und Cola im Ausflugsrestaurant. Da es in Amerika ja wohl keine Berghütten gibt, in die man einkehren kann oder einen Eifelverein, der Wege markiert, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, was Steffen damit meint. Wandern, in Amerika. Wenn man ein Auto hat. Wo wandert man denn da überhaupt hin? Ich kann mir denken, dass er seinen Campingkocher mitnehmen und draußen übernachten will, und dieser grüne Fleck auf der Karte liegt ja schon fast in Kanada.

„Klar, wandern, das ist voll schau!“

Voll schau, aha. Na gut, was soll der Geiz. Entschleunigung. Gehen wir halt wandern. Bis später.

Hell's Canyon