8,50 €
Akaru fällt es schwer, seine Wut zu kontrollieren. Immer, wenn ihn etwas ärgert, beginnt es zu regnen. Sollte zwischen seiner Emotion und der Naturgewalt ein Zusammenhang bestehen? Ist etwa Magie im Spiel? Als der 14jährige durch einen Wutausbruch ungewollt einen heftigen Monsun auslöst, schickt sein Vater ihn fort. Akaru begibt sich auf eine Reise, während dieser wächst seine Tätowierung, die er auf dem Körper trägt, beständig weiter. Er sucht nach Antworten auf seine Fragen. Sein Weg führt ihn über die Seidenstraße, wo er vielen verschiedenen Menschen begegnet. Akaru verweilt mal kurze, mal längere Zeit an unterschiedlichen Orten. Er erfährt auf seinen Reisen viel Neues und sammelt Wissen über die Mythen und Legenden seines Landes. Weisen ihm die altertümlichen Erzählungen der Menschen eine neue Richtung? Sein Weg führt ihn weiter über die Mongolei bis ins ferne Germanien. Dort begegnet er Mai-Lin. Er ist fasziniert von dem Geheimnis, das sie umgibt. Könnte sie der Schlüssel sein für seine Fragen und das Ende seiner unendlichen Suche sein …?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2013
Danksagung
Zuerst möchte ich mich ganz besonders bei meinem lieben Ehemann, Albert Kaune, bedanken, der die Geduld aufbrachte, mich viele Stunden zu entbehren, damit ich schreiben konnte.
Sehr dankbar bin ich, dass mich so viele Menschen motivierten, meine geträumte Geschichte zu veröffentlichen. Dazu zählen folgende Erstleser: mein Ehemann, meine Mutter, Vera Kaune, und Jürgen Biermann.
Meine liebe Freundin, Anette Schneider, war die Erstleserin meiner Geschichte, sie glaubte seitdem unerschütterlich an mich. Unermüdlich fördert sie mich darin, meine neugewonnene Schreibleidenschaft zu pflegen. Dass „Zào Bái Long – Mythos Menschendrachen“ eine ganz tolle Geschichte für viele Leser ist, davon ist sie fest überzeugt. Dafür danke ich ihr von Herzen.
Jennifer Riedel, mit der ich viele Jahre befreundet bin, nahm sich die Zeit für die erste Korrektur. Sie brachte viele Verbesserungsvorschläge ein. Dafür bin ich Ihr unendlich dankbar.
An dieser Stelle möchte ich meine liebe und nette Lektorin Angelika Fleckenstein nicht vergessen. Ohne sie, wäre dieses Buch nie veröffentlicht worden, und diese Geschichte würde nicht so wundervoll zu lesen sein. Vielen lieben Dank an dieser Stelle für ihre geduldige und gewissenhafte Arbeit. Mit einem so wundervollen Ergebnis hätte ich nie gerechnet.
Es gab noch viele weitere Freunde, die mein Manuskript lasen und mich motivierten, „Mythos Menschendrachen“ zu veröffentlichen. Alle Namen hier aufzuzählen, und in welcher Form sie mich unterstützten, würde zu lang werden. Ich möchte niemanden in meiner Danksagung vergessen, aber alle die an mich glaubten, fühlen sich mit Sicherheit angesprochen.
Hiermit ein großer Dank an Euch!
Jessica Kaune
Hannover, 03. Dezember 2013
Jessica Kaune
Zào Bái Long
Mythos Menschendrachen
Impressum:
© 2013 Jessica Kaune
Umschlaggestaltung: Angelika Fleckenstein
Coverfoto by Valerii Sidelnykov; 123rf.com
Lektorat, Korrektorat und Satz:
Angelika Fleckenstein; spotsrock.de
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-7332-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Übersetzt heißtzào bái schwarz und weiß / Recht und Unrecht und long bedeutet Drache.
Jetzt denkt ihr vielleicht: wieder nur so eine langweilige Geschichte mit Menschen und Drachen. Aber es geht nicht nur darum, sondern auch darum um, wie Menschlichkeit, Vertrauen und Liebe zusammen mit einem Geheimnis Unglaubliches bewirken können. Es ist ein wunderbarer alter Mythos aus uralten Zeiten.
Lasst euch überraschen …
Shiwan
Es regnete in Strömen und es wurde bereits dunkel, als Akaru wieder einmal wütend davon lief. Seine Gedanken kreisten wild durch seinen Kopf, genauso wild, wie er durch die Bambusbüsche lief, um in sein Versteck zu kommen. Dort zwischen der Felsspalte im Berg war der einzige Ort, wo er zu Ruhe kam. Wenn sich die Sterne auf dem Wasser spiegelten im Kratersee, konnte er dort ungestört seine Gedanken schweifen lassen. Er war traurig und wütend darüber, dass seine Eltern ihn nicht verstanden. Auf seine schulischen Leistungen waren sie sehr stolz. Er war viel weiter, als die anderen in seiner Klasse. Egal was er hörte oder gelesen hatte, es blieb sofort in seinem Gedächtnis. Er war wie ein ausgetrockneter See, der jeden Regentropfen aufzufangen versuchte. Aber seine ständigen Fragen nach anderen Orten, seine innere Unruhe und sein Verlangen nach einer Reise, ohne ein bestimmtes Ziel, waren für seine Eltern ein großes Rätsel. Seit seinem zehnten Geburtstag fühlte er dies stärker werdende Verlangen, weiter zu laufen, als nur auf den Berg. Seine Eltern schickten ihn auch schon einmal in ein benachbartes Dorf, um Besorgungen zu machen, in der Hoffnung, dass ihm die Reiselust vergeht. Aber es war ihm immer noch nicht weit genug weg, um irgendetwas Unbekanntes zu finden, wonach seine Gefühle forderten. Wohin sollte er nur laufen und wonach suchen? Diese Gedanken und vielen Fragen schwirren nun seit vier Jahren in seinen Kopf herum. Wenn nur jemand ihm eine Richtung zeigen würde, wenn jemand nur sagen könnte was er suchen soll. Diese Fragen quälten ihn Tag für Tag und Nacht für Nacht. Selbst in seinen Träumen fand er nur selten Ruhe. Am liebsten möchte er vor sich selber weg laufen, wenigstens nur für einen kurzen Augenblick, um einen Hauch an Stille in seinem Inneren zu erlangen.
Er wusste und spürte, dass er anders war, als alle anderen, die er kannte. Das Muttermal auf seiner Brust war besonders ungewöhnlich. Es sah aus, wie zwei Augen von einem Drachen. Seine Eltern brachten Akaru schon sehr früh bei, dieses Muttermal gut zu verbergen, da sie dies als ein schlechtes Zeichen hielten. In den letzten vier Jahren sah es so aus, dass es sich zu einem Gesicht formte. Ein weiteres Rätsel, worauf die Antwort unendlich weit weg war.
Die Wut und Verzweiflung in ihm, spürte er heute besonders stark. Die Gefühle begannen, stark zu brodeln, wie eine Suppe, die kochte. Er bat heute seinen Vater zum wiederholten Mal, um die Erlaubnis, seine Reise endlich antreten zu dürfen, um seinen Frieden zu finden. Morgen wäre sein vierzehnter Geburtstag und damit sei er alt genug, um seinen Weg zu finden. Die kräftige Standpauke von seinem Vater, dass er dagegen sei und die Tränen seiner Mutter, machten die Situation nicht einfacher. Immer wieder dachte er an diese Worte. Dass die Familie das Wichtigste wäre, der Sohn die Pflicht hat, die Eltern im Alter zu versorgen, zu heiraten und auf Lebzeiten die familieneigenen Felder zu bestellen. Die Feldarbeit lag ihm gar nicht. Das Beobachten der Naturgewalten und wie sich die Wolken am Himmel veränderten, war seine Welt. Das Aussäen und Anpflanzen dagegen, waren ein grausamer Fluch der Vernichtung. Nichts wollte auskeimen, geschweige denn die Setzlinge anwachsen. In Akarus Händen verwelkte alles. Seine Mutter meinte immer, er mache es falsch, er würde sie zu grob anfassen und mit zu wenig Liebe und Gefühl behandeln. Genauso war es mit den Tieren, meistens liefen sie vor ihm weg, obwohl er ihnen nie was Böses wollte. Seine Mutter sagte auch hier immer, er müsse mehr Feingefühl zeigen.
Er rannte immer weiter durch die Büsche. Die Tränen flossen genauso schnell, wie er rannte und seine Gedanken sollten nicht die letzten sein. Immer mehr schwirrte in seinem Kopf umher.
Plötzlich fiel er über einen Stein, der kurz vor der Felsspalte lag. Es ärgerte ihn sehr, da war er fast vor seinem Ziel und vergaß diesen doofen Stein, der aus dem Boden ragte. Sollte dies ihm ein Zeichen setzen? Hat er irgendetwas vergessen? Oder schaute er zu Oberflächlich? Müsste er tiefer in seinen Gedanken graben?
Als er wieder aufstand und mit vorsichtigen Schritten weiter durch die Felsspalte ging, dachte er an Su. Sie war bereits an Akaru versprochen. Beide Eltern hatten dies schon vor vielen Jahren so beschlossen. Sie war eine der schönsten Frauen aus Shiwan und kam aus sehr gutem Hause, wie er selber, da sein Vater Oberhaupt des Dorfes war. Jeder Mann wäre stolz, so eine hübsche Frau, die dazu noch klug und fleißig war, sein eigen, nennen zu dürfen. Aber Akaru war nicht bereit, überhaupt einen Gedanken an sie zu verschwenden. Er fühlte sich kein bisschen zu ihr hingezogen. Als Freundin mochte er sie. Aber er spürte, dass eine gemeinsame Zukunft mit ihr, beide nicht glücklich machen würde. Es war nicht das, was er suchte. Am Schlimmsten war, dass Liebesheiraten sehr selten waren und er nicht wusste wie er Su abweisen konnte, ohne ihre Ehre zu beschmutzen. Da Akaru ein sehr großer und hübscher Junge war, der bald zu einem stattlichen Mann heranreifen würde, sprachen alle schon vom perfekten Vorzeigepaar. Dies machte die Situation noch viel schwieriger für ihn.
Obwohl er versprach, außer der arrangierten Hochzeit, allen familiären Verpflichtungen irgendwann nachzukommen, akzeptierten seine Eltern seinen Wunsch nach Freiheit und seiner Suche nicht. Sie hatten sein Leben schon durchgeplant und seine Richtung bestimmt. Genau dies machte ihn so schrecklich wütend, und er konnte sich nicht beruhigen.
Der Regen wurde immer schlimmer, der Himmel bestand nur noch aus pechschwarzen Wolken. Kein Stern oder der Mond ließ noch ein kleines Funken Licht durchdringen. Die einzige Lichtquelle waren die ersten Blitze, die aus dem Schwarzen Meer aus Wolken schossen. Mittlerweile wusste er, dass der Himmel jedes Mal mit ihm weinte, wenn er traurig oder wütend war. Als ob ein Fluch auf ihm läge. Heute war es besonders schlimm, die Wut wollte außer Kontrolle geraten und sich nicht mehr von ihm beherrschen lassen. Der Regen entwickelte sich wie seine Gedanken und Gefühle langsam zu einem Monsun. Wenn Shiwan nicht überflutet werden sollte, dann müsste er seine innere Ruhe wieder finden und sich nicht von seiner Wut überwältigen lassen. Nur so könnte er vielleicht die vielen Wassermassen aufhalten. Langsam machte er sich große Sorgen, um seine Familie und Freunde. Was wäre, wenn ihnen etwas passierte? Was geschähe, wenn der unaufhörliche Regen das Dorf überfluten würde? Das könnte er sich nie verzeihen.
„Akaru, komm zur Ruhe. Beruhige dich. Sie meinen es nur gut.“ Immer wieder sagte er diese Worte leise zu sich. Diesmal jedoch fand er keine Ruhe, denn die harten Worte seines Vaters schmerzten zu sehr.
Sollte er den Lebensplan seiner Eltern durchführen? Wenn er Su irgendwann heiraten würde, dürfte er selber über sich und sein Leben bestimmen und könnte seine Reise durchführen. Aber was würde dann aus Su? Er würde sie so oder so ins Unglück stürzen. Mit ihm wäre sie allein und unglücklich, und ohne ihn könnte sie ihr Glück mit einem anderen Mann finden, auch wenn er durch seine Absage vorher ihre Ehre beschmutzen würde. Es war nicht nur Sus Ehre, sondern auch die seiner Eltern und der ganzen Familie. Sie würden ihr Gesicht verlieren und ihr hohes Ansehen. Zum ersten Mal würde ein Mitglied der Familie Ming sein Wort brechen.
Klitschnass stand er am See, rang nach Atem und starrte auf die unruhige Wasseroberfläche, die vom Unwetter aufgewühlt wurde. Die Erde war durch den starken Regen inzwischen aufgeweicht und mit seinen Schuhen versank er langsam im Schlamm. Der Wind heulte immer lauter auf und die Bäume tanzten wild im Rhythmus seiner wutentbrannten Gefühle.
Wie sollte er sich nur entscheiden? Jetzt sofort weglaufen, alles hinter sich lassen, um seine Wünsche zu erfüllen und seinen Stimmen im Kopf Folge zu leisten? Nein! Nicht, ohne zu wissen, was mit seiner Familie jetzt passiert und wie schlimm, der Regen das Dorf verwüstet. Was wäre, wenn er wiederkommt und erfahren würde, dass jemand am heutigen Tage verunglückt war? Es wäre seine Schuld gewesen! Er würde sich immer Vorwürfe machen. Nein, diese Ungewissheit könnte er nicht ertragen! Es würde ihn dann noch wütender und unglücklicher machen.
Schnell machte er sich auf dem Rückweg, was gar nicht so einfach war bei dem durchnässten Boden und dem Wind. Die Dunkelheit machte ihm wenig aus, da er sehr gute Augen hatte und er den Weg so gut kannte, dass er den Rückweg auch blind zurückfinden würde. Es war zu spät! Schon von weitem erkannte er, dass sich bereits ein kleiner Fluss seinen Weg durch das Dorf bahnte, und einige Häuser dem Druck der Wassermassen sehr leicht nachgaben. Die Leute schrien und weinten aus Verzweiflung und Angst. Chaos brach aus. Sie versuchten, sich und ihre Habseligkeiten zu retten. Verzweifelt rannte er weiter, bis er seinen Vater fand, der gerade seine kleine Schwester May vor den Fluten rettete.
„Es tut mir leid Vater, verzeih mir, aber ich kann nichts dafür!“ Die Regenmassen verschluckten seine Worte. Immer wieder versuchte, Akaru auf sich aufmerksam zu machen und seinem Vater zu zurufen. Aber er ignorierte Akaru. Als er May auf seinen Rücken setzte, schaute er Akaru an und antwortete ihm.
„Geh Akaru, verschwinde! Ich will dich nie wieder hier sehen. Du allein bist schuld an dem Unglück. Nur du allein!“ Dann drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit. Das waren die letzten Worte seines Vaters.
Für einen Moment stand Akaru noch da, wie angewurzelt. Waren diese Worte von seinem Vater ehrlich oder sagte er das nur aus Verzweiflung?
Er hörte eine immer lauter werdende Stimme in ihm, die ständig das Gleiche sagte. „Geh! Beginne deine Reise, geh endlich in die Welt hinaus und suche dein Schicksal.“ Nun war es so weit, dass er seine Reise antreten konnte. Wohin sollte er nur gehen und wonach sollte er suchen?
Sollte er wirklich seine Eltern im Stich lassen? Zweifel kamen auf, aber die Stimme drängte immer weiter, endlich loszulaufen. Somit drehte er sich um und schlich davon, wie ein Tiger der ein Huhn gestohlen hatte. Es war wohl die einzige Chance, um seiner inneren Stimme zu folgen. Vielleicht konnte er dadurch endlich etwas Ruhe erlangen.
Meister Zhong
Akaru wanderte von Ort zu Ort. Half hier und da aus. Manchmal grub er die Erde auf den Feldern um oder verkaufte die Waren der Marktleute. Der Verkauf von Waren lag ihm besonders gut. Sein Geschick, mit Geld umzugehen und sein außergewöhnliches Talent im Rechnen, zahlten sich immer gut aus. Meistens bekam er dafür etwas zu essen. Manchmal gab es auch ein paar Kupfermünzen, wovon er sich andere Dinge, wie eine Decke und etwas zum Anziehen kaufen konnte.
Als er seine Heimat verließ, hatte er nichts mitgenommen, außer dem, was er an seinem Körper trug. Durch seinen Fleiß lernte er viele Menschen kennen. Die Geschichten der Alten und der Klatsch der Dorfbewohner interessierten ihn auf seinen Reisen am meisten. Egal, was er hörte, es konnte sein Bewusstsein nicht befriedigen, und es zog ihn immer weiter fort von seiner Heimat.
Einige Monate später traf er auf einen seltsamen alten Mann, der meditierend unter einen Baum saß. Der Frieden und die Ruhe, die er ausstrahlte, bewog Akaru, auch zu rasten und er setze sich in seine Nähe. Ein bisschen ausruhen könnte ja nicht schaden, das nächste Dorf lag möglicherweise nicht weit, wenn sich hier jemand zur Mediation nieder-ließ.
„Suchst du auch deinen Frieden?“
Erschrocken drehte sich Akaru um. Woher wusste der Mann, dass er etwas suchte? Akaru versuchte, ganz ruhig zu bleiben und eine gute Antwort zu finden. „Ich bin nur auf der Durchreise.“
„Na, dann ruhe dich etwas aus, bevor du weiter gehst. Deine Eltern haben bestimmt einen guten Grund, dich so weit von zu Hause fort zu schicken.“
Verwundert schaute Akaru ihn an. Er zog es vor, zu schweigen. Woher wusste der Mann, dass er sich auf weiter Reise befand? War das nächste Dorf doch weiter weg, als er dachte?
Was macht der Mann hier? War er auch auf der Suche nach seinem Frieden oder nur auf der Durchreise nach Irgendwo? Letzteres schien Akaru am wahrscheinlichsten, denn es war weit und breit kein Haus zu sehen.
Der Mann strahlte eine ruhige Ausgeglichenheit aus, die ihm unbekannt war. Akaru verspürte ein wohltuendes Gefühl. Offensichtlich war dieser Mann ein glücklicher Mensch. Ob er selber auch irgendwann so ein Gefühl ausstrahlen könnte? Er wünschte sich nichts mehr, als seine Suche beenden zu können und glücklich den Heimweg anzutreten. Doch bisher er hatte noch nichts gefunden, das ihn näher ans Ziel bringen würde.
Eine Ewigkeit verging, bis der alte Mann die Stille brach. „Hast du keine Angst, heute Nacht im Freien zu übernachten?“
Erschrocken zuckte Akaru zusammen.
„Ich meine ja nur, die nächste Stadt ist noch viele Stunden entfernt.“ Der Alte schaute ihn prüfend an.
Akaru betrachtete die Gegend genauer, und ihm wurde mulmig. Tiger und andere Räuber waren hier keine Seltenheit. Schnell konnte man hier Opfer eines nächtlichen Beutezuges werden oder für einen Leckerbissen gehalten werden.
„Ich mache mir ein Lagerfeuer, das hält die Räuber ab“, sagte Akaru mit einer kleinen Spur von mutigem Trotz in der Stimme
Der alte Mann lächelte mild. „Gut zu wissen, dass du auf der Hut bist. Aber bedenke, der Regen ist auch nicht mehr weit weg.“
Der Mann hatte vielleicht Recht, denn am Himmel zogen rasch dunkle Wolken auf. Andererseits gab es keinen Grund, warum es ausgerechnet heute regnen sollte. Akaru fühlte sich frei. Seit diesem Gefühl der Freiheit regnete es nicht mehr, wie er erstaunt feststellte.
„Wenn du möchtest, kannst du heute Nacht in meinem Haus schlafen. Dort wird dir nichts passieren.“
Ein Dach über dem Kopf hatte Akaru seit Tagen nicht mehr gehabt, geschweige denn einen ruhigen Schlaf gefunden. Immer wieder wachte er nachts auf. Dieses Gefühl, etwas verloren zu haben, außer seiner Familie und Freunden, beschäftigte ihn in jedem Traum. Vielleicht sollte er das Angebot annehmen? Warum war der Alte so nett? Er kannte Akaru doch gar nicht. Etwas unwohl war Akaru schon bei dem Gedanken, im Haus eines Wildfremden zu nächtigen.
„Los, lass uns gehen, es wird bald dunkel. Hunger hast du bestimmt auch!“ Der Alte erhob sich und schickte sich an, zu gehen.
Tatsächlich hatte Akaru Hunger. Die letzte Teigtasche gab es gestern zum Abendessen. Wortlos folgte Akaru dem alten Mann durch ein Wäldchen. Ein kleines Stück weiter nur, erreichten sie auf einer Lichtung die kleine Hütte.
Es war eine sehr einfache Hütte. Drinnen befanden sich drei spärlich eingerichtete Räume. Ein flacher Tisch, auf dem eine Petroleumlampe stand, befand sich mitten im Hauptraum. Daneben lagen zwei Sitzkissen. An der Wand hingen Banderolen mit Buddhas Lehren, in der Mitte davon ein kleiner Hausaltar mit Räucherstäbchen und einigen Beigaben. Daneben stand ein Regal mit Schriftrollen. In dem anderen Raum sah Akaru eine Liegematte, ein paar persönliche Dinge des Alten und eine Truhe. Die Sicht in den dritten Raum war mit einem Vorhang an der Tür versperrt. Auf der überdachten Terrasse erkannte er eine Kochstelle. Nur das Nötigste war vorhanden. Doch alles strahlte eine schöne Gemütlichkeit aus.
Der alte Mann lebte hier wohl alleine. Nichts wies auf eine zweite Person hin. Das zweite Sitzkissen war wohl nur für Besucher gedacht?
„Setzt dich, ich mache uns einen Tee. Der wird dir bestimmt gut tun.“ Mit diesen Worten verschwand der Alte wieder nach draußen. Zögernd setzte sich Akaru auf ein Sitzkissen.
Er ließ seine Blicke durch den Raum schweifen, während er nachdachte. Ob der Mann auch vor etwas weggelaufen war, um seinen Frieden zu finden? Was hatte er für einen Grund, so weit weg von anderen Menschen zu wohnen, hier in der Einsamkeit? Fühlte er sich auch falsch verstanden oder trug er ein anderes Schicksal? Immer diese vielen Fragen in seinem Kopf, Akaru seufzte schwer, konnten sie nie Ruhe geben?
Ob es unhöflich wäre, dem Mann Fragen zu stellen? Mutter sagte immer, man sollte viel Respekt vor den älteren Menschen zeigen und nie seine Höflichkeit vergessen. Schließlich käme er aus gutem Hause und dies dürfe er nie vergessen. Er wurde in seinen Gedanken unterbrochen. Der Duft frischen Tees drang in seine Nase. Er hatte gar nicht bemerkt, dass der Mann wieder herein gekommen war und bereits die Tassen auf den Tisch gestellt hatte, in die er jetzt den Tee einschenkte.
Mit einem Lächeln sprach der alte Mann ihn dann an. „Du denkst zu viel nach, mein Junge. Trink erst mal und komm zur Ruhe.“
„Danke!“ Vorsichtig setzte Akaru die Tasse an. Der Tee war vermutlich sehr heiß, und er wollte sich nicht blamieren, in dem er seinen Mund verbrannte. Unerwartet war der Tee aber angenehm warm und der erste Schluck floss wohltuend durch seine Brust in den Magen.
„Wie heißt du, junger Mann?“ Der Mann schien genauso neugierig, wie Akaru selbst.
„Akaru. Ming Akaru!“ Fast hätte er den Familiennamen vergessen, dabei war er so wichtig, wenn man sich vorstellte.
„Oh, welche Ehre, jemanden als Gast zu haben aus der Familie Ming. Ich hoffe mein Haus ist nicht zu bescheiden für dich?“
Es klang etwas lächerlich, als ob er selber über sein Haus lachen würde, aber es zeigte sich kein Lächeln auf dem runzligen alten Gesicht.
„Nein, nein, überhaupt nicht. Ich danke Ihnen herzlich für die Gastfreundschaft. Es ist ein sehr gemütliches Haus.“ Akaru atmete erleichtert auf, als er beim alten Mann ein zartes Lächeln erkennen konnte.
„Ich bin Meister Zhong. Wohin führt deine Reise?“
Akaru hätte jede Frage beantworten können, nur nicht diese. Was sollte er antworten? Sich etwas ausdenken? Nein, das wäre nicht richtig. Der alte Mann war so nett zu ihm. Er würde die Lüge bemerken. Akaru konnte noch nie gut lügen. Seine Eltern bemerkten auch immer das sofort. „Verzeih mir meine Neugierde, ich bekomme selten Besuch. Aber mein Gefühl verrät mir, dass du selbst nicht weißt, wo du hingehst.“
Erschrocken schaute Akaru ihn an. Konnte er Gedanken lesen oder hatte er nur eine gute Menschenkenntnis?
„Wenn du reden möchtest, kannst du es ruhig tun. Ich werde es auch keinem weitererzählen und dich nicht verurteilen.“
Wem sollte er es auch erzählen, wenn er so weit weg von allen anderen wohnte? Was sollte schon passieren? Auf Akaru wirkte er sehr glaubwürdig und strahlte Vertrauenswürdigkeit aus. Akaru packte seinen ganzen Mut zusammen, um den alten Mann nicht zu enttäuschen.
„Ich bin auf einer Reise, und mein Ziel muss ich noch finden!“
„Also von zu Hause weggelaufen? Dann wird dein Ziel, dein Zuhause sein.“
Fragend schaute Akaru den alten Mann an. Hatte er vielleicht Recht? Musste er herausfinden, dass sein Zuhause das war, was er suchte? Lag sein Fernweh näher als er annahm? Darüber hatte Akaru noch nie nachgedacht.
Mit ruhigem, aber bestimmtem Ton sprach sein Gastgeber weiter. „Deine Eltern machen sich bestimmt schon große Sorgen!“
„Nein!“ Es platze so schnell aus ihm heraus, dass Akaru sich selber erschreckte. Sie machten sich bestimmt keine Sorgen, da sein Vater ihn selbst fortgeschickt hatte. Ob dem Vater seine harten Worte leid taten, und ob er es wirklich so meinte, dass Akaru nie wieder nach Hause kommen sollte, konnte er im Moment nicht beurteilen. Aber es war für alle besser so. Er konnte endlich frei sein und seine Familie und seine Freunde nicht mehr ins Unglück stürzen.
Der alte Mann schmunzelte etwas. „Alle Eltern machen sich Sorgen, wenn die Kinder von zu Hause weg sind.“
„Sie ließen mich gehen, damit ich meine Suche beginnen kann. Mein Vater schickte mich fort.“ Zum ersten Mal, hatte Akaru das Gefühl, mit jemandem darüber reden zu können „Darf ich fragen, was du suchst? Vielleicht kann ich dir behilflich sein. Ich habe viel gehört und erlebt. Ich selbst habe mich auch einmal auf einer Suche befunden und fand hier meinen Frieden. Es dauerte Jahre, um dies zu erkennen.“ Seine Worte klangen so sicher, als spräche er aus seiner Seele.
„Ich mache uns jetzt etwas zu essen. In der Zwischenzeit kannst du dir ja überlegen, ob du darüber erzählen möchtest.“ Damit stand er auf und ging hinaus zu seiner Kochstelle. Mit viel Geschick zündete der alte Mann geschwind das Feuerholz an und bereitete mit erstaunlich flinken Händen das Gemüse für eine Suppe vor. Ohne hinzuschauen, schälte und schnitt er das Gemüse und wirkte dabei wie die Meisterköche, die am Hofe arbeiteten und gelegentlich ihre Küchenkünste zur Schau stellten.
Es wäre vielleicht nicht verkehrt, mit jemand anderem außer seinen Eltern darüber zu reden, sinnierte Akaru. Was konnte schon Schlimmeres passieren, außer dass der alte Mann darüber lachte oder versuchte, ihm die Reise auszureden? Schließlich kannte er das bereits von seinen Eltern.
Es dauerte nicht lange bis Meister Zhong mit zwei dampfenden Schalen wieder hereinkam. „Iss mein Junge, damit du bei Kräften bleibst für deine vielen Gedanken.“
Beherzt und hungrig griff Akaru zur Schale, bedankte sich und genoss die Mahlzeit. Er brauchte nicht viel, aber diese Schale Suppe war das Beste, was er sich gerade vorstellen konnte. Und es war eine besonders gute Suppe, die ihm zu neuen Kräften verhalf.
Nachdem beide gegessen hatten, brach Meister Zhong die Stille. „Und? Magst du darüber reden oder lieber weiter schweigen?“
Aufmerksam und gespannt schaute er Akaru an und wartete geduldig auf dessen Antwort.
Zögernd fasste Akaru sich ein Herz. „Ich selber, weiß nicht wonach ich suche. Ich glaube, ich habe etwas verloren, weiß aber nicht was. In mir drängt immer stärker das Gefühl, es schnell zu finden!“ Sein Blick fiel nach unten auf seine Finger, und er wartete auf ein lautes Lachen vom Meister. Aber nichts dergleichen geschah. Als er wieder aufsah, blickte er in ein nachdenkliches, altes Gesicht.
„Mhm, das macht mich neugierig, erzähle mehr, vielleicht kann ich dir helfen, eine Richtung einzuschlagen.“
Erstaunt über diese Worte und Reaktion wusste Akaru erst gar nicht, was er sagen sollte. Nahm ihn der alte Mann tatsächlich ernst oder hörte er einfach nur gerne zu und würde sich das Auslachen für später aufheben?
„Ich sehe große Verunsicherung in dir“, stellte der Alte ruhig fest. „Du kannst mir vertrauen, ich nehme deine Worte ernst. Selbst ich bin einmal ausgelacht worden, als ich meine Suche begann. Mir fehlte es damals an nichts, aber es machte mich nicht glücklich. Offensichtlich bist du auch nicht glücklich und musst erst deinen Weg finden.“
Meister Zhong sprach Akaru aus der Seele. Zum ersten Mal kam es ihm vor, als würde er verstanden werden. So ein Gespräch hatte er sich immer mit seinen Eltern gewünscht, aber ihre Ohren blieben verschlossen, besonders die seines Vaters.
„Du bist mir sympathisch. Deshalb mache ich dir ein Angebot. Wenn du mir bei den alltäglichen Dingen hilfst, kannst du so lange bleiben, wie du möchtest. Vielleicht findest du hier, was du suchst. Wenn du irgendwann bereit bist, mir deine Geschichte zu erzählen, habe ich ein offenes Ohr für dich. Hier hast du eine Matte, leg dich hin und schlaf etwas!“ Er deutete auf eine zusammen gerollte Bambusmatte in der Ecke, nickte Akaru mit einem Lächeln zu und löschte das Licht.
„Morgen haben wir viel zu tun. Bei mir wird früh aufgestanden und nicht gefaulenzt. Gute Nacht!“
Akaru nahm sich die Matte und legte sich hin, wie ihm der Meister gesagt hatte. Normalerweise ging er viel später schlafen. Er liebte es, sich nachts die Sterne anzuschauen, bevor er sich schlafen legte. Aber er wollte Meister Zhong nicht verärgern und verzichtete in dieser Nacht darauf.
Die Worte des Meisters und sein Angebot hörten sich gut an. Vermutlich sollte er wirklich ein paar Tage hier verweilen? Wenn der Meister hier seinen Frieden gefunden hatte, vielleicht war es dann auch das, was Akaru suchte? Schnell wurden seine Augenlieder schwer und er schlief ein.
Am nächsten Morgen war Meister Zhong schon wach und bereitete den Tee zu, als Akaru seine verschlafenen Augen öffnete. So ausgeruht fühlte er sich das letzte Mal vor seinem zehnten Geburtstag. Das war, kurz bevor er bemerkte, dass er etwas suchen musste. Lange hatte er nicht mehr durchgeschlafen, geschweige denn über viele Stunden hinweg ohne Albträume. Irgendetwas war an diesem Ort anders als an allen anderen, die Akaru bisher gesehen hatte.
„Guten Morgen. Komm her und erwecke deinen Geist mit einer Tasse Tee. Danach wollen wir schauen, ob wir dein Chi finden.“
Sein inneres Gleichgewicht hatte er schon lange aufgegeben. In den Meditationsstunden in der Schule konnte er seine Gedanken nicht richtig zur Ruhe bringen. Jedoch konnte er seine schlechten Meditationskünste gut vor dem Lehrer verbergen. Ob der alte Mann dies auch übersehen würde, schien Akaru jetzt allerdings fraglich.
„Hast du ausgetrunken?“ Akaru nickte zustimmend. „Dann komm!“
Sie gingen auf den Vorplatz des kleinen Häuschens und machten die ersten Atemübungen.
„Du machst es falsch, viel zu hektisch!“, wies ihn der alte Meister sanft zurecht. „Ich sehe, du musst noch eine Menge lernen, bevor du deine Reise fortsetzen kannst. Atme durch die Nase ein und durch den Mund aus. Spüre den Weg, den dein Atem nimmt, konzentriere dich vorerst nur darauf und befreie dich ganz von deinen Gedanken. Mit der Zeit wirst du dich frei von allen Sorgen fühlen.“
Akaru versuchte, so gut es ging, den Anweisungen zu folgen und mit der Zeit gelang es ihm immer besser, alles um sich herum auszuschalten.
Die Tage vergingen schnell mit Meister Zhong, und Akaru fühlte sich sehr wohl bei ihm. Seine Worte, Lehren und Lektionen nahm er wie ein ausgetrocknetes Flussbett den Regen in sich auf. Er hatte das Gefühl zum ersten Mal einen friedlichen Ort gefunden zu haben und dazu noch einen Menschen, der ihm eine Richtung auf seiner Suche weisen konnte. Sogar die Wut in ihm wurde immer kontrollierbarer.
Er übte im Laufe der Zeit viel, um über die Meditation, sein inneres Chi zu finden und seinen Gedanken auf ihren verzweigten Wegen durch seinen Kopf Einhalt zu gebieten. Meister Zhong brachte ihm auch einiges über Heilkunde bei. Er lehrte ihn, wie er die Natur für sich gewinnen konnte, ohne ihr zu schaden und wie er anderen Lebewesen damit helfen konnte.
Der Meister zeigte viel Geduld, wenn Akaru das erlernte Wissen beim Ackerbau und bei den Tieren anwenden sollte. Manchmal allerdings konnte er seine Enttäuschung nicht ganz vor Akaru verstecken, wenn wieder einmal eine Pflanze verdorrte und die Hühner vor ihm wegliefen. Er meinte dann immer nur: „Dein Glück liegt woanders, aber nicht bei diesen Lebewesen.“
Meister Zhong brachte Akaru auch verschiedenste Kampfkünste bei, zum einen, um der Wut Akarus ein Ventil zu geben, zum anderen, um ihn in die Lage zu versetzen, sich im Ernstfall auch einmal wehren zu können, wenn ein Kampf unumgänglich sein sollte. Meister Zhong verfügte über eine unerschöpfliche Quelle von Wissen, das er mit der Zeit an Akaru vermittelte. Der Aufenthalt beim Meister war für Akaru unglaublich wertvoll und lehrreich.
Der Abschied
Fünf Jahre vergingen wie im Fluge. Mittlerweile war er zu einem stattlichen großen Mann herangereift, mit langen schwarzen Haaren, die gekonnt zu einem Zopf gebunden waren und sein Körper strotze nur so vor Kraft. Es war die glücklichste Zeit, die er bis dahin erlebte. Hier bekam er das Gefühl ewig zu verweilen. Seine Albträume waren verschwunden und die Stimmen in seinem Kopf schwiegen. Bis er in einer Nacht schreiend aufwachte. Seine Haut auf der Brust und dem Rücken schmerzten schrecklich. Es fühlte sich an, als würde jemand ihm mit einem Feuer verbrennen. Dazu in seinen Gedanken ein schreckliches Gefühl der Verzweiflung. Etwas will, dass er hier nicht weiter bleiben sollte. Irgendetwas drängte und zerrte im ihm, als müsste er aufbrechen und diesen wundervollen Ort des Friedens verlassen. Seine Reise sollte noch nicht zu Ende sein. Er hatte schon fast vergessen, dass er immer noch etwas suchte. Die Gedanken und der Schmerz auf seiner Haut waren so stark wie lange nicht mehr. Ein hektisches Gefühl kam in ihm auf. Ausgerechnet in dieser Nacht war es besonders dunkel und ließ ihn nichts unter seinem Hemd erkennen. Nach wilden umhertasten auf seiner Haut spürte er nur kühle. Nichts was das Brennen und die Schmerzen verursachen könnte. Meister Zhong erwachte auch durch seinen Schrei und kam mit einer Lampe herein.
„Ist was passiert?“
Akaru versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. „Ich, ich hatte einen Albtraum. Alles wieder in Ordnung.“ Unglaubwürdig schaute Meister Zhong ihn an. Er kannte Akaru zu gut mittlerweile, um zu bemerken, dass er nicht die Wahrheit sprach. „Willst du darüber reden?“
Akaru schüttelte den Kopf. „Im Moment nicht.“
Wortlos stellte Meister Zhong die Lampe auf dem Tisch ab, drehte sich in Richtung seines Schlafraums und legte sich wieder nieder. Akaru wartete noch einen Moment, bis der Meister eingeschlafen war, ging dann langsam zum Tisch, wo die Petroleumlampe stand, und schaute unter sein Hemd. Sein Herz raste, als er die Veränderung entdeckte. Das ist nicht richtig, nicht von dieser Welt. Er wollte es nicht wahrhaben, was er da sah. Woher kam es und wieso passierte ihm das? Sein Muttermal hatte sich verändert, es war kein normales Muttermal mehr! Das Gesicht, was er schon vor ein paar Jahren zu erkennen glaubte, ist wirklich zum Drachengesicht auf seiner Brust geworden. Der Hals vom Drachen zog sich über seine Schulter und wer weiß was er noch sehen würde, wenn er auf seinen Rücken schauen könnte. Wieso will ihm ein schwarzer Drache zeichnen, was hat er getan? Warum er? Er wollte immer nur ein normaler Junge sein. Vielleicht sucht ihn ja ein Drache, um ihn zu bestrafen. Vielleicht war seine Strafe noch nicht schwer genug mit dem Regen, der zum Monsun wurde, wenn er besonders wütend war. Sowie den Pflanzen nie ihre volle Pracht schenken konnte, mit seinen Berührungen. Heute Nacht war sein neunzehnter Geburtstag. Immer wenn er Geburtstag hatte, passierte etwas Unheimliches. Seit seinem letzten Geburtstag hatte er außergewöhnlich viel Kraft in Karate, seitdem hat sogar Meister Zhong sehr viel Respekt vor ihm. Er springt höher als jemand zu vor und schlägt die härtesten Sachen in zwei Teile. Seine Schnelligkeit und Wendigkeit ist unübertrefflich.
Vor zwei Jahren stelle er nach seinen Geburtstag fest, dass er viel weiter sehen konnte als je zuvor. Meister Zhong erklärte dies mit den Worten; das seine Augen im Alter schwächer werden und die jungen Augen daher viel weiter sehen könnten, wie seine.
Für alles was sich veränderte, hatte Meister Zhong eine Erklärung. Meistens schob er es auf den Altersunterschied.
Sein Herz raste, die Gedanken fingen, wie früher wieder an wild umher zu rotieren. Angst, Verwirrung und Hektik machten sich wieder in seinen Kopf breit! An Schlafen war gar nicht mehr zu denken. Er müsste wieder zur Ruhe kommen, er will nicht den Meister aufwecken, geschweige denn, den Himmel weinen lassen. Er setze sich auf die Terrasse und versuchte es mit Meditation, dies hatte immer geholfen, wenn seine Gedanken zu wild wurden. Nach einer Weile gelang es ihm auch, seine innere Unruhe wieder zu kontrollieren.
Am Morgen wurde er von den ersten Sonnenstrahlen aus seiner Mediation geholt. Sein Chi war wieder im Gleichgewicht. Meister Zhong war schon erwacht und hielt sein morgendliches Waschritual ab. Schnell machte sich Akaru auch frisch und setze danach Wasser für den Tee auf.
„Ich glaub, du solltest doch reden!“ Meister Zhong legte seine Hand auf Akarus Schulter und setzte sich dann neben ihn.
„Deine Zeit ist gekommen, ich kann dir nichts mehr beibringen und es zieht dich bestimmt weiter in die Welt hinaus. Du warst eine lange Zeit bei mir. Ich vertraue, schätze und achte dich, und glaube, dass es dir ähnlich ergeht.“
Voraussichtlich hatte der Meister seine Abschiedsworte schon lange gewählt und wusste, dass Akaru nicht für immer bleiben konnte. Nun erhoffte er sich vermutlich zum Abschied seine Lebensgeschichte als Geschenk. Akaru konnte nichts sein Eigen nennen, außer was er in und an seinen Körper trug. Also machte er dem Meister die Freude und erzählte ihm seine Gefühle, Gedanken, seine verzweifelte Suche ohne Ziel und warum er von zu Hause weg gelaufen war. Nachdem er alles erzählt hatte, umhüllte beide ein langes Schweigen. Akaru wartete gespannt auf eine Reaktion, aber selbst im Gesicht des Meisters konnte er keine Mimik erkennen. Es schienen Stunden zu vergehen. Alles um ihn herum war lauter als ein Atemzug oder das Klopfen seines Herzens. Einfach jetzt aufzustehen und zu gehen, wäre das Undankbarste überhaupt gewesen. Er musste abwarten, bis der Meister sich wieder gefangen hatte.
Dann brach Meister Zhong endlich die Stille. „Darf ich dein Muttermal oder was auch immer sehen?“
Akaru hatte es nie jemanden gezeigt, sein Herz klopfte lautstark vor Unsicherheit. Aber wenn er wissen wollte, was auf seinen Rücken war, dann wäre jetzt die beste Gelegenheit. Akaru nickte seinen Meister zu und zog sein Hemd aus.
„Aha, aha, das ist ein sehr schöner schwarzer Drache. Zwar nicht vollständig, aber es wirkt, als endwickelt er sich noch zu einem sehr starken Drachen auf deiner Haut. Es gibt viele Mythen und Geschichten über Drachen, aber zu deiner fällt mir nichts ein. Drachen kommen normalerweise aus einem tausend Jahre alten Ei zur Welt und können sich dann, nach weiteren vielen hunderten von Jahren in alles Mögliche Verwandeln. Aber das ein Mensch auf die Welt kommt und ein Drache sich auf ihm entwickelt ist mir neu. Anscheinend hast du wirklich etwas verloren. Was viel Bedeutenderes, als jeder andere Mensch auf der Welt.“
Verwundert schaute Akaru ihn an. Er glaubte ihm und erkannte seine Geschichte als die Wahrheit an! Was für eine Erleichterung. Endlich jemanden gefunden zu haben, dem er sich anvertrauen konnte. Warum tat er dies nicht viel eher?
„Was könnt ihr mir noch darüber erzählen? Was für einen Rat könnt ihr mir geben und wonach soll ich suchen?“
„So viele Fragen mein Junge, die ich dir leider nicht beantworten kann.“ Enttäuscht senkte Akaru den Kopf. „Ich kann dir nur raten, suche weiter, finde deinen Weg und erreiche dein Ziel. Vielleicht findest du in alten Schriften deine Antworten oder wenigstens eine Richtung, in die du gehen könntest. Vermutlich ist dein Weg weiter, als du es dir je vorstellen könntest. Nutze dein Wissen und bilde dich weiter. Man sagt, ein Drache habe magische Kräfte, vielleicht schlummern sie auch in dir und du musst sie nur erwecken. Ich kann dir diesmal nicht weiter helfen, womöglich können irgendwelche Gelehrte dir Wissen über Drachen vermitteln.“
Seine Worte klangen wie immer weise und vernünftig. Er hatte Recht, hier kam er seinem Ziel nicht näher. Was er lernen konnte, hatte er gelernt und seine innere Stimme drängt zur Eile, dass er den unbekannten Weg weiter gehen müsste.
„Meister Zhong, wisst ihr, wo ich am besten viel Wissen erlangen könnte?“
„Ich glaube Beijing wäre ein guter Ort für den Anfang. Vermutlich wird dieser dir aber nicht ausreichen. Vielleicht wäre später auch Xi’an ein guter Ort, wenn du mehr Wissen und Erfahrungen erlangt hast. Mein Rat an dich ist, dass du in jedem Ort und in jeder Stadt, Ausschau nach alten Dingen, Geschichten und Mythen halten solltest. Besonders was mit Drachen zu tun hat. Nur so findest du über dich selber etwas heraus.“
„Ich danke euch Meister Zhong.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Akaru.
Meister Zhong drückte Akaru noch einen Beutel, vollgepackt mit Essen in die Hand und nach einer respektvollen Verbeugung trennten sich ihre Wege.
Reise zum Wissen und der Kaiser
Voller Mut und Tatendrang brach Akaru bei Meister Zhong auf und begab sich auf die Wanderschaft in Richtung Beijing. Er erfuhr, dass es eine kleine beliebte Stadt war, in der sich inzwischen immer mehr Menschen ansiedelten. Dort weilten auch viele Gelehrte, und wissenshungrige Menschen konnten sich auf verschiedenen Gebieten als Schüler in ihre Lehre begeben.
Auf dem Weg dorthin dachte Akaru über Meister Zhongs Worte nach, was er über die Drachen und deren Magie gesagt hatte. Womöglich wusste der alte Meister sogar viel mehr über die magischen Fähigkeiten, als er ihm anvertraut hatte? Akaru spürte schon längst, dass er „anders“ war. Ihm wurde bewusst, dass er mit seinen Gedanken und Gefühlen Dinge beeinflussen konnte. Dass aus einem Regen ein Monsun wurde, sobald er daran dachte, war also kein Zufall. Ihm war auch klar, dass es kein Zufall sein konnte, wenn er so außergewöhnlich leicht Neues erlernte, dass Wissen behielt und es umzusetzen verstand. Nun musste er herausfinden, was noch an geheimnisvollen Kräften in ihn schlummerte.
Immer wieder machte Akaru in jedem Ort halt und erkundigte sich über alte Geschichten, Mythen, die Bedeutung von Skulpturen und Abbildungen von Drachen. Einige Menschen schauten ihn nur fragend an, andere wiesen auf Gelehrte oder Dorfälteste hin, und wiederum andere teilten munter ihr Wissen mit ihm. Zwischendurch versuchte er mit Meditation und seiner inneren Stimme, seinen magischen Fähigkeiten auf die Spur zu kommen. Er bemerkte, dass seine Gedanken diese Fähigkeiten kontrollierten. In der ersten Zeit verschob er nur eine Wolke am Himmel, dann zwei und noch viel mehr. Akaru fand heraus, dass auch der Wind und andere Naturgewalten auf seine Befehle reagierten. Er probierte alles aus, bis er den Himmel und die Luft ganz unter seiner Kontrolle hatte.
