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Als Rosa das nach frisch gebrühtem Kaffee und Schokoladenkuchen duftende Café Claire betritt, vergisst sie zum ersten Mal seit Langem ihren Liebeskummer. Sie ist verzaubert von diesem Ort, an dem nur freundliche Menschen willkommen sind: Da sind ihr bester Freund Tom, der verschrobene Professor Leclerc und der charismatische Schriftsteller Jacob, zu dem sie sofort eine Verbindung spürt. Doch dann reißt eine Begegnung mit ihrem Exmann alte Wunden wieder auf. In ihrer Not bittet Rosa den Professor um Hilfe. Denn er hat eine Methode entwickelt, um Gefühle für immer zu löschen ... Mit köstlichen Kuchenrezepten zum Nachbacken
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Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für LeoIn Liebe, Mama
ISBN 978-3-492-99150-6 © Piper Verlag GmbH, München 2018 Covergestaltung: zero-media.net, München Covermotiv: FinePic®, München Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
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Cover & Impressum
Prolog
1 – Vier Monate zuvor
2 – In den nächsten …
3 – Zwei Tage später …
4 – Heute ist es …
5 – Als Rosa am …
6 – Früh am nächsten …
7 – An einem frühen …
8 – Das Café Claire …
9 – Am nächsten Morgen …
10 – »Jacob ist wieder …
11 – In den nächsten …
12 – »Was ist denn …
13 – Gespannt beobachtete Rosa …
14 – Der Samstag war …
15 – Der Abend war …
16 – Die Lesung fand …
17 – Wie betäubt erlebte …
18 – Am Montagmorgen wartete …
19 – Der Sonntag kam …
20 – Rosa versuchte das …
21 – Rosa war aufgeregt, …
22 – Rosa wusste nicht, …
23 – Rosas Blick huschte …
24 – »Wo hast du …
25 – »Willst du mir …
26 – Es war der …
27 – Am späten Vormittag …
28 – So turbulent und …
29 – Der Brief kam …
30 – Der nächste Morgen …
31 – Die Frau lag …
32 – Rosa sah dem …
33 – Die Sonne war …
34 – Nach der Auseinandersetzung …
35 – In den nächsten …
36 – Rosa musterte ihren …
37 – Am Samstagabend hatte …
38 – »Und seit wann, …
39 – Es passierte drei …
40 – »Claire …« Toms Stimme …
41 – Eigentlich hatte Annie …
42 – Rosas Wut war …
43 – Es war das …
44 – Tom fuhr, Jacob …
45 – »Rosa, wie fühlen …
46 – Rosa und Jacob …
47 – Rosa erwachte mit …
48 – Dr. Bartels war …
49 – Vor dem Krankenhaus …
50 – Als Rosa wieder …
Epilog – Drei Wochen später
Danksagung
Aus Rosas Rezeptsammlung
Rosas Mandarinen-Schmandkuchen
Blechkuchen a la Claire
Rosas Schokoladentarte
Rosas American Cookies
Kakaokuchen
Prolog
Rosa sah dem Professor entgegen, als er in das kleine Gästezimmer mit den Dachschrägen trat, das in den letzten Monaten zu ihrem Zuhause geworden war. Sie hatte auf ihn gewartet, und jetzt, wo er da war, spürte sie, wie der Schmerz in ihrem Inneren nachließ und einem Gefühl der Entschlossenheit wich.
»Ich möchte vergessen, wie sich das Glück anfühlt«, sagte sie anstelle einer Begrüßung.
Der Professor stutzte, dann zog er einen Hocker zu ihrem Bett, setzte sich und musterte sie aufmerksam. »Warum das Glück? Warum nicht der Schmerz? Oder die Angst? Wäre das nicht viel naheliegender?«
Sie schüttelte den Kopf. »Sie haben mir erklärt, dass die Erinnerungen bleiben. Dass Sie nur die Gefühle ausmerzen, die mit ihnen verbunden sind.« Ihr Blick wanderte durch den Raum. »Ich erinnere mich an 26 Jahre mit einem Mann, der mir alles bedeutet hat. Der mir jeden Tag aufs Neue versicherte, wie sehr er mich liebt, und von dem ich heute weiß, dass er mich die ganze Zeit nur belogen hat.« Rosa holte tief Luft, bevor sie erneut das Gesicht des Professors fixierte. »Ich will das Glück, das ich in Svens Nähe empfunden habe, vergessen.« Sie presste die Fäuste gegen ihre Schläfen. »Bitte helfen Sie mir, löschen Sie es aus meinen Erinnerungen. Ersetzen Sie es durch etwas anderes. Etwas, das mich weiterleben lässt.«
»Das ist eine schwerwiegende Entscheidung, die Sie nicht überstürzen sollten«, sagte der Professor. »Ich rate Ihnen dringend, sich Bedenkzeit zu nehmen. Schlafen Sie eine Nacht darüber, reden Sie mit Ihren Freunden.«
Rosa ließ die Arme sinken. »Das würde nichts ändern«, entgegnete sie leise. »Bitte, Professor. Ich bin mir sicher. So sicher wie nie zuvor in meinem Leben.« Sie hielt den Atem an, während sie auf seine Antwort wartete.
Der Professor schwieg eine lange Zeit. Schließlich sagte er: »Also schön, ich werde Ihnen helfen.«
Rosa spürte eine solche Dankbarkeit, dass sie anfing zu zittern.
Der Professor nahm seine Brille ab und massierte mit dem Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel. Seine Stimme klang mit einem Mal sehr müde. »Ich werde Ihnen nun sagen, was passieren wird, Rosa. Hören Sie mir bitte genau zu. Sie werden schlafen. Und wenn Sie aufwachen, werden Sie nicht mehr wissen, wie es sich anfühlt, glücklich zu sein. Das bedeutet nicht, dass es Ihnen schlecht gehen wird. Sie werden nur fortan alle glücklichen Erinnerungen neutral bewerten. Sie werden Stille fühlen, Leere. Sie werden sich an Ihre Hochzeit erinnern, und es wird sein, als wenn Sie das Leben einer Fremden Revue passieren lassen.« Er setzte seine Brille wieder auf und sah sie an. »Ist es wirklich das, was Sie wollen?«
»Ja«, sagte Rosa und nickte. »Sie nennen es Leere. Für mich bedeutet es Frieden.«
1
Vier Monate zuvor
Die Trennung kam hinterrücks und unerwartet. Rosa hatte im Vorfeld keine Anzeichen wahrgenommen, dass dieser Abend der letzte sein sollte, den sie mit ihrem Ehemann verbringen würde. Sie hatten zusammen Tagliatelle mit frischen Steinpilzen gegessen und dazu den Pinot gris getrunken, den sie bei ihrem Weinhändler auf dem Düsseldorfer Carlsplatz gekauft hatten. Zum Nachtisch hatte Rosa eine Apfeltarte serviert, ofenwarm und mit einer Kugel Vanilleeis. Genau so, wie Sven sie am liebsten aß. Auf dem CD-Spieler lief Adele. Rosa summte die Melodie mit, während sie das Service aus feinem Porzellan stapelte, das sie so liebte, weil es jedes Essen zu etwas Besonderem machte. Sie hatte nie verstanden, warum manche Menschen kostbares Geschirr zurückhielten, anstatt sich an ihm zu erfreuen. Für sie gehörte es zu jeder guten Mahlzeit dazu. Genauso wie Leinenservietten und frische Blumen.
Heute waren es weiße Hortensien aus ihrem Garten, die sie mit ein paar Zweigen Pistaziengrün und Schleierkraut zu einem herbstlichen Strauß arrangiert hatte. Der Anblick war so bezaubernd, dass Rosa zufrieden lächelte.
Ihr Ehemann Sven saß noch immer am Esstisch und blätterte in der Wochenendausgabe der Rheinischen Post. Wie gut er aussieht, dachte Rosa zärtlich. »Liebling«, sprach sie ihn an, »reichst du mir bitte deinen Teller?«
Svens Kopf fuhr hoch. Für einen Augenblick wirkte er erschrocken, so als hätte er vergessen, wo er sich befand.
Geduldig deutete Rosa auf seine Dessertschale, die er wie immer sorgfältig mit dem Löffel ausgekratzt hatte, und streckte ihm ihre Hand entgegen.
»Hast du geträumt?«, neckte sie ihn. Doch das erwartete Lächeln blieb aus. Rosa wollte sich erkundigen, was ihn beschäftigte, als ein Ruck durch seinen Oberkörper ging. Er holte tief Luft, richtete sich auf und griff nach ihrem Handgelenk.
»Setz dich bitte noch mal zu mir«, sagte er. In seiner Stimme schwang ein so ernster Ton mit, dass sich Rosa unwillkürlich verkrampfte.
Hoffentlich ging es nicht um ihr bevorstehendes Hamburg-Wochenende. Eigentlich hatten sie schon vor vierzehn Tagen fahren wollen, doch dann war Sven zu einer Krisensitzung in die Redaktion gerufen worden. Die sündhaft teuren Karten für die Elbphilharmonie hatte Rosa zwar noch über eBay-Kleinanzeigen verkaufen können, das Geld konnte sie jedoch nicht darüber hinwegtrösten, dass sie keine neuen Tickets mehr bekommen hatte. Sich innerlich gegen die Enttäuschung wappnend, schob Rosa das Geschirr beiseite und nahm erneut Platz.
Sven sah sie an, dann fuhr er sich mit beiden Händen durchs Haar und räusperte sich: »Ich habe jemanden kennengelernt.«
In der ersten Sekunde spürte Rosa nichts als Erleichterung. Gott sei Dank, es ging nicht um ihr Wochenende! Doch als ihr bewusst wurde, was Sven gesagt hatte, verflog das Gefühl, und sie runzelte verwirrt die Stirn. »Warum sagst du das so bedeutungsvoll? Lernst du nicht dauernd Menschen kennen?«
Sven war Ressortleiter bei »Fakten«, einem deutschlandweit erscheinenden Politmagazin, das er vor vielen Jahren mit aufgebaut hatte. In seinem Arbeitszimmer hingen silbergerahmte Fotos an der Wand, die ihn im Gespräch mit Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, Dieter Zetsche und anderen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zeigten.
Sven verzog schmerzhaft das Gesicht. »Ich spreche von einer Frau, Rosa.« Er stützte die Ellbogen auf die Tischplatte. »Sie ist Volontärin, in meinem Ressort. Als sie in die Redaktion kam … es war wie ein Blitzschlag. Ich habe so etwas noch nie erlebt.« Sein Blick bekam etwas Trauriges. »Ich hatte nicht vor, mich zu verlieben, das musst du mir glauben. Aber es ist passiert, und ich kann es nicht rückgängig machen. Und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht.« Er verstummte und begann, an seinem Ehering zu drehen. Er war aus Weißgold, im Inneren waren ihre Initialen und der Tag ihrer Hochzeit eingraviert, dazu die Worte Für immer.
Einen entsetzlichen Augenblick lang glaubte Rosa, er wolle den Ring abziehen und ihr geben, doch dann hielt Sven inne und legte seine Hände flach auf den Tisch. »Ich weiß, was ich dir zumute«, schloss er, »und es tut mir unendlich leid.«
Seine letzten Worte verstand Rosa kaum noch. In ihren Ohren hatte ein Rauschen eingesetzt, das jedes andere Geräusch dämpfte. Sie griff sich an die Stirn, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. »Wie lange schon?«, hörte sie sich sagen. Sie hob das Kinn, versuchte sich zu konzentrieren.
Sven schwieg kurz. »Fünf Monate«, antwortete er schließlich.
Fünf Monate. Die Worte sickerten in ihr Bewusstsein. Es war so absurd. So lächerlich. Ein furchtbarer Albtraum, aus dem sie hoffentlich jeden Moment erwachen würde. Sven liebte sie doch. Sie waren glücklich miteinander.
Wie aus weiter Ferne hörte sie, wie ihr Ehemann weitersprach. »Für mich ist es auch nicht leicht. 26 gemeinsame Jahre … die kann ich nicht so einfach vergessen.«
Rosa öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Irgendetwas, das den Albtraum beendete. Doch kein Ton kam über ihre Lippen.
Sven zögerte, dann strich er in einer vertrauten Geste über ihre Wange. »Ich rufe Tom an«, sagte er und erhob sich. »Er wird sich um dich kümmern.«
Damit wandte er sich um und verließ das Esszimmer. Im nächsten Moment hörte sie die Haustür zuschlagen.
Eine Stunde später saß Rosa noch genauso da, wie Sven sie zurückgelassen hatte. Auf dem Stuhl im Esszimmer, den Blick auf die Tischplatte gerichtet. Ihre Finger kneteten die weiße Stoffserviette auf ihrem Schoß. Das alles musste ein Irrtum sein, ein unsagbares Missverständnis.
Sie wartete auf das Geräusch des Türschlosses, das Svens Rückkehr ankündigte. Als es schließlich schellte, sprang sie so heftig auf, dass der Stuhl krachend zu Boden fiel. Bestimmt hatte er seinen Schlüssel vergessen. Sie eilte in den Flur.
Doch es war nur ihr bester Freund Tom, der in der Abendkälte stand und sie mit einer Mischung aus Kummer und Besorgnis anblickte. Die Enttäuschung, dass es nicht ihr Ehemann war, traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. Schwankend stützte sie sich am Türrahmen ab. Tom machte einen Schritt auf sie zu und zog sie an sich. Sanft strich er über ihren Rücken. »Ich bin bei dir. Alles wird gut.«
Als Rosa in seinen Armen zu frieren begann, führte Tom sie ins Haus, setzte sie auf dem Sofa ab und nahm ihre Hand.
Rosa war schwindelig. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie sah Sven vor sich, sein liebevolles Lächeln, das nur ihr gegolten hatte. Mein Rosa-Lächeln, hatte er es genannt. Das alles musste ein Missverständnis sein, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Ihr Gehirn wiederholte den Satz in einer Endlosschleife bis sie nur noch einen Gedanken hatte: Sie musste mit Sven sprechen und die Angelegenheit aus der Welt schaffen. Jetzt sofort.
Rosa löste sich von Tom und stolperte zu der Kommode, auf der ihr Handy lag. Mit zitternden Fingern rief sie seine Nummer auf.
Während sie auf das Freizeichen wartete, spürte sie Toms Hände, die sich auf ihre Schultern legten. »Rosa«, sagte er eindringlich. »Das bringt doch nichts. Ich bitte dich, leg auf.« Sie schüttelte den Kopf und wich einen Schritt zurück. Lass mich bitte, formten ihre Lippen.
An ihrem Ohr klingelte es, einmal, zweimal. Sven, hallte es in ihrem Kopf. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Dann setzte ihr Denken aus, verlor sich im Klang des Besetztzeichens.
Tom senkte den Kopf. »Es tut mir so leid«, flüsterte er.
Rosa hörte ihn nicht, ihr Blick war starr auf das Telefon in ihrer Hand gerichtet, aus dem noch immer das Besetztzeichen drang. Wie ein grausames Spottlied: Er hat dich weggedrückt, weggedrückt, weggedrückt …
Erst jetzt brach die Wahrheit über sie herein. Wie eine gewaltige Flutwelle, die sie mit sich riss, ihren Körper herumwirbelte und ihren Kopf unter Wasser drückte, bis sie keine Luft mehr bekam. Sven hatte sie verlassen. Er kam nicht zurück. Er hatte seine Tasche gepackt und war gegangen. Zu einer anderen Frau.
Ganz langsam, wie in Zeitlupe, lösten sich ihre Finger vom Handy. Es fiel zu Boden und schlitterte über das Parkett.
Rosa schlug die Hände vor das Gesicht und begann lautlos zu weinen. Sofort war Tom bei ihr und schloss sie in die Arme, hielt sie so fest er konnte, während ihr Körper unkontrolliert zitterte. Eine Ewigkeit standen sie so beieinander. Als Rosa schließlich sprach, war ihre Stimme kaum mehr als ein Wispern. »Was hat er dir erzählt?«
Tom antwortete nicht, streichelte nur über ihr Haar.
Sie sah zu ihm hoch, schwarze Wimperntusche verschmierte ihre Wangen. »Tom?«
Sein Kiefer verhärtete sich. Er war ihr Freund, nicht Svens, war es immer gewesen, seit sie sich mit zehn Jahren im Ferienlager an der französischen Ardèche kennengelernt hatten. Sie sah die Qual und das Mitleid in seinen Augen und spürte, wie er mit sich kämpfte.
»Er liebt sie, Rosa«, brachte er schließlich hervor. Seine Stimme schwankte. »Er will ein neues Leben. Mit ihr und dem Baby.«
»Dem … Baby?« Rosa starrte ihn an, eiskalt vor Entsetzen. Im nächsten Moment überfiel sie eine heftige Übelkeit, und sie begann zu würgen. Sie presste ihre Hände vor den Mund und stürzte Richtung Badezimmer, schaffte es aber nicht mehr rechtzeitig.
2
In den nächsten Tagen verlor Rosa jedes Zeitgefühl. Die meiste Zeit schlief sie. Wenn sie aufwachte, saßen oft Tom, ihre Mutter oder ihre Schwester in ihrem Zimmer. Manchmal auch alle drei. Dann flüsterten sie miteinander, warfen sich sorgenvolle Blicke zu oder fragten Rosa nach ihrem Befinden. Dabei wollte sie einfach nur schlafen. Schlafen und nicht mehr aufwachen. Denn aufzuwachen war das Schlimmste. Für eine glückstaumelnde Sekunde war alles gut. Sie waren zusammen, Sven und Rosa. Dann tastete ihre Hand nach seiner Wärme … und griff ins Leere.
»Ich mache mir solche Sorgen. Was sollen wir nur tun?«
Rosa erkannte die Stimme ihrer Mutter Nora, schlug die Augen auf und wandte mühsam den Kopf. Die Sonne fiel schräg durch die Gardinen in ihr Schlafzimmer, es musste später Nachmittag sein.
Nora und Rosas Schwester Miriam saßen in den Sesseln am Fenster und unterhielten sich in gedämpfter Lautstärke miteinander. Nora war 73 Jahre alt, wirkte aber zehn Jahre jünger. Sie war klein und zierlich, hatte die gleiche ovale Gesichtsform und ebenso helle Haut wie Rosa, die einen schönen Kontrast zu dem dunklen Braunton ihrer Haare bildete, den sie regelmäßig beim Friseur auffrischen ließ.
»Wir müssen ihr Zeit geben«, antwortete Miriam. »Sie hat ihn so sehr geliebt. Ich kann nicht fassen, dass Sven ihr das antut.« Sie schnaubte. »Die Neue … sie könnte seine Tochter sein. Und dann das Baby. Wo er doch nie eines haben wollte.«
Rosa spürte, wie die Traurigkeit sie erneut und mit voller Wucht übermannte.
»Ich kann euch hören«, sagte sie leise.
Ihre Schwester zuckte zusammen und warf ihr einen schuldbewussten Blick zu. Miriam war 48 Jahre und damit zwei Jahre älter als Rosa. Mit ihren 1,78 Meter, ihrer athletischen Figur und den grünen Augen war sie das Ebenbild ihres Vaters, der mit seiner zweiten Ehefrau in Salzburg lebte und sich schon vor so vielen Jahren aus ihrer aller Leben verabschiedet hatte, dass es keine Bedeutung mehr hatte. Miriam war Veterinärmedizinerin und führte mit ihrem Mann Björn eine gut gehende Kleintierpraxis in München. Auch wenn die Schwestern über 600 Kilometer voneinander entfernt wohnten, hatten sie das innige Verhältnis ihrer Kindheit bewahrt. Deshalb war Rosa nicht verwundert, dass Miriam sofort nach Düsseldorf gekommen war, um ihr beizustehen. Dennoch wäre sie jetzt lieber alleine gewesen.
Und dann das Baby. Wo er doch nie eines haben wollte … Ein kalter Knoten bildete sich in Rosas Magen.
»Ich will kein Vater sein, der seine Kinder nur am Wochenende sieht«, hatte Sven am Anfang ihrer Ehe gesagt. »Gib mir noch zwei, drei Jahre, bis ich mich beruflich gefestigt habe, dann kann ich ein bisschen kürzertreten.«
Aus den zwei, drei Jahren waren jedoch fünf geworden und schließlich zehn. Immer kam etwas dazwischen – eine Herausforderung im Job, das neue Magazin, das er mit aufbauen sollte. Jedes Mal hatte Rosa Verständnis gezeigt und sich damit getröstet, dass sie noch genügend Zeit hatten. Bis ihre Regel immer unregelmäßiger kam und schließlich ganz aussetzte. Da war sie 34 Jahre alt. »Vorzeitige Wechseljahre« hatte die Diagnose gelautet, die ihre Hoffnung zerstört hatte.
Miriam setzte sich zu Rosa aufs Bett und griff nach ihrer Hand, die klein und schmal auf der Bettdecke lag. »Es tut mir leid, was ich gesagt habe. Das war gedankenlos von mir.«
Rosa biss sich auf die Unterlippe. »Es stimmt ja«, murmelte sie, während sie gegen die Tränen ankämpfte, die ihr erneut in die Augen schossen.
»Hast du eigentlich schon die Dahlien bewundert, die ich dir mitgebracht habe?«, versuchte ihre Mutter sie abzulenken. Sie wies auf den bunten Strauß, der auf dem Nachttisch stand und den Rosa noch gar nicht bemerkt hatte. »Neben Toms Café hat ein neuer Blumenladen eröffnet.«
»Die sind sehr hübsch«, zwang Rosa sich zu sagen.
»Nicht wahr?«, erwiderte Nora und begann von der Besitzerin zu erzählen, einer jungen Frau Anfang 30, die ihren Job als Unternehmensberaterin gekündigt hatte und sich mit dem Blumenladen einen Kindheitstraum erfüllte. Rosa schloss die Augen und ließ sich von der sanften Stimme ihrer Mutter einlullen und davontragen.
3
Zwei Tage später wurde Rosa von einem lauten Geräusch geweckt, gefolgt von Sonnenlicht, das in ihr Zimmer strömte. Sie setzte sich auf und blinzelte. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte sie Tom vor sich, der am geöffneten Fenster stand und in tiefen Zügen die frische Luft einsog. Sie hatte kein Schellen gehört. Seit Sven fort war, hatten Tom und Nora sich angewöhnt, ihre Ersatzschlüssel zu benutzen, um ins Haus zu kommen.
»Hallo, Tom«, begrüßte sie ihn leise. Ihre Stimme klang heiser, eingerostet vom Schweigen.
Tom drehte sich zu ihr um. »Guten Morgen, Rosa«, antwortete er und lächelte sie an. »Wie fühlst du dich? Soll ich das Fenster auflassen? Es ist so stickig hier drinnen.«
»Ja, lass es gerne auf«, antwortete sie, ohne auf seine erste Frage einzugehen. Sie überlegte, warum er um diese Uhrzeit nicht im Café war, doch sie war zu müde, um sich danach zu erkundigen. Sie schloss erneut die Augen und wartete darauf, dass der Schlaf sie übermannte, doch im nächsten Moment wurde die Decke von ihren Beinen gezogen. Ein kühler Luftzug strich über ihre Haut und verursachte ihr Gänsehaut. »Das ist doch kindisch, Tom«, beschwerte sie sich und streckte eine Hand aus. »Gib mir bitte die Decke zurück. Ich möchte mich ausruhen.«
In Toms Gesicht trat ein entschlossener Ausdruck. »Du hast genug geschlafen, Rosa. Es wird Zeit, dass du aufstehst.«
Rosa wandte den Blick ab und rollte sich wie ein Baby zusammen. Sie hörte Tom ausatmen, und der Kummer, der in dem Geräusch lag, drang durch den Nebel aus Ohnmacht und Verzweiflung zu ihr. Sie wusste, dass er recht hatte, sie erkannte sich ja selbst nicht wieder. Es war, als wäre sämtliche Energie aus ihrem Körper gewichen. Selbst die geringste Anstrengung überforderte sie: Morgens aufzustehen und ins Bad zu gehen, sich anzuziehen. Dann die Post aus dem Briefkasten zu holen und das Frühstück zu machen. All die Dinge, die sie sonst automatisch und nebenher erledigt hatte, waren mit einem Mal zu Herausforderungen geworden, die ihre Kräfte überstiegen. Selbst bei der Kirchenbücherei, in der sie an zwei Nachmittagen in der Woche ehrenamtlich arbeitete, konnte sie nicht anrufen. »Was soll ich deinen Kolleginnen sagen?«, hatte Miriam wissen wollen, und Rosa hatte geantwortet: »Sag ihnen, wie es ist. Dass du nicht abschätzen kannst, wann ich wiederkomme.«
Tom schien einen Moment lang zu zögern, dann breitete er die Decke wieder über Rosa aus. Er setzte sich neben sie und strich behutsam über ihr Haar. Wann hatte sie es zum letzten Mal gewaschen? Es musste Tage her sein. Doch vor Tom schämte sie sich nicht. Das war das Besondere an ihrer Freundschaft. Sie musste sich nicht verstellen, er mochte sie, so wie sie war, und stand bedingungslos zu ihr.
Sie kannten einander so lange, dass Rosa sich nicht mehr erinnern konnte, wie ihr Leben vor ihrer Freundschaft verlaufen war. Mit zehn Jahren war Tom mit seinen Eltern von Kiel nach Düsseldorf gezogen. Sein Vater war Mathematikprofessor und hatte einen Ruf an die Heinrich-Heine-Universität erhalten, die damals noch Universität Düsseldorf hieß. Die Familie bezog ein Haus in der Leostraße in Oberkassel und schickte Tom in die Ferienfreizeit seines neuen Gymnasiums. Und dort, auf einem Campingplatz an der Ardèche, lernte er die gleichaltrige Rosa kennen. Sie saßen beim Abendessen auf Holzbänken unter weißen Zeltplanen nebeneinander, tauschten ihren Nachtisch, weil sie den grünen Wackelpudding lieber mochte und er den roten, und unterhielten sich, als würden sie sich schon ihr ganzes Leben lang kennen.
Rosa gefielen seine Augen, die die Farbe des Abendhimmels hatten. Und sie mochte sein breites Grinsen und die Art, wie er den Kopf schief legte und sie anschaute, wenn sie mit ihm sprach. Er wiederum mochte an ihr, dass sie so feenhaft war. Als sie nicht verstand, was er meinte, borgte er sich den Handspiegel einer Betreuerin und wies Rosa an, hineinzuschauen. Gehorsam musterte sie ihr schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem vorwitzigen Kinn, und es kam ihr vor, als betrachtete sie sich zum ersten Mal. Sie sah große braune Augen, seidig schimmernde Haut, dazu eine Flut dunkelbrauner Haare, die ihr bis zum Kinn reichten und die, widerspenstig geworden von Sonne und Flusswasser, in alle Richtungen abstanden. Sie war ein bisschen verlegen, als sie Tom den Spiegel zurückgab, doch als er sie anlächelte und dabei zufrieden nickte, verflog ihre Scham und machte einem tiefen Freundschaftsgefühl Platz.
Von diesem Moment an verbrachten sie jede Minute zusammen, schwammen im flachen Wasser der Ardèche, ließen sich auf ihren Luftmatratzen von der Strömung treiben, spielten mit den anderen Kindern Volleyball auf dem staubigen Feld über dem Zeltplatz oder lagen nebeneinander im Gras und lauschten dem Summen der Bienen.
Als sie nach den Sommerferien in dieselbe Klasse kamen, war ihr Glück perfekt. Tom tröstete Rosa, als sie sich in der achten Klasse beim Rollschuhfahren das Handgelenk brach, und zwei Jahre später, als ihr erster Freund, Damian aus der 10 b, mit ihr Schluss machte. Und er war bei ihr, als sich im Winter darauf ihre Eltern scheiden ließen und ihr Vater mit seiner neuen Partnerin, einer Österreicherin, nach Salzburg zog. Mit Tom teilte sich Rosa ihre erste Zigarette, eine blaue Gauloises, die sie heimlich auf den Rheinwiesen rauchten, und mit ihm war sie zum ersten Mal betrunken. Mit siebzehn fuhren sie einen Sommer lang mit ihren Interrail-Pässen durch Europa, ließen sich durch die Städte treiben, besichtigten Kirchen und Museen und schwammen in einsamen Buchten. Nachts lagen sie in ihren Schlafsäcken am Strand und schauten in den Sternenhimmel.
Als Rosa Sven heiratete, war Tom ihr Trauzeuge. Und als Tom fünf Jahre später seiner großen Liebe Claire begegnete und sie zur Frau nahm, stand Rosa neben ihnen am Altar.
»Kann ich irgendetwas für dich tun, Fee?«, unterbrach Tom ihre Gedanken und benutzte dabei den Spitznamen, den er ihr in jenem Sommer an der Ardèche gegeben hatte. Er nahm eine ihrer Haarsträhnen und zwirbelte sie um seinen Zeigefinger. »Möchtest du vielleicht, dass ich dir ein Bad einlasse?«
Rosa schnüffelte an dem Ärmel ihres Nachthemdes, roch alten Schweiß und ungewaschene Haut und verzog das Gesicht. Für einen Moment ekelte sie sich so vor sich selbst, dass sie sich trotz ihrer schleppenden Müdigkeit aufsetzte.
Tom versuchte vergeblich, ein Lächeln zu unterdrücken. »Ich ruf dich, wenn es so weit ist.«
Rosa stieg vorsichtig in das warme Wasser. Die Wanne war groß, Sven und sie hatten oft gemeinsam gebadet. Die vertraute Erinnerung jagte wie ein Messer durch ihre Eingeweide und drückte ihr die Kehle zusammen. Sie fragte sich nicht, wann es aufhören würde wehzutun. Sven war ihre große Liebe und damit ein Teil von ihr. Sie konnte nicht ohne ihn leben, und der Gedanke, dass er genau das von ihr erwartete, ließ sie fassungslos zurück. Mehr noch verstörte sie allerdings, dass ihr Herz einfach weitermachte und Blut durch ihren Körper pumpte, als wäre nichts geschehen. Als wäre es unversehrt und nicht der geschmolzene, glimmende Klumpen, der ihr das Atmen unerträglich machte. »Wie ist das möglich«, murmelte sie und legte eine Hand auf ihre Brust.
»Alles in Ordnung bei dir?«
Rosa fuhr zusammen. Sie hatte nicht gehört, dass Tom zurückgekommen war. Sein kluges Gesicht wirkte rührend in dem Bemühen, ihren nackten Körper unter dem Berg aus Schaum zu ignorieren. In einem früheren Leben hätte sie ihn damit aufgezogen. Jetzt war sie über dieses Stadium heraus. »Hör auf, dir um mich Sorgen zu machen«, sagte sie. Ihre Augen trafen sich.
»Erst wenn ich tot bin«, antwortete Tom. Und nicht mal dann, sagte sein Blick. Er räusperte sich, und der ernste Ausdruck verschwand aus seiner Miene. Mit dem Kinn wies er auf die weiß gestrichene Bank neben der Wanne.
»Bademantel und Handtuch liegen bereit. Ich muss jetzt leider wirklich zurück ins Café. Um diese Zeit ist dort die Hölle los, wie du weißt, aber ich komme heute Abend noch mal vorbei. Dann können wir uns zusammen einen Film anschauen.«
Er bückte sich, griff nach ihrem Nachthemd, das zusammengeknäuelt auf dem Boden lag, und hielt es mit übertrieben spitzen Fingern vor sich.
Reflexartig schnippte Rosa ein paar Wassertropfen nach ihm. »Ich glaube, vor der Tür hat jemand nach dir gerufen. Du solltest nachschauen gehen«, meinte sie trocken und war über sich selbst überrascht, dass sie imstande war zu scherzen.
Tom warf sich das Kleidungsstück über die Schulter und grinste. »Ich stell noch schnell die Waschmaschine an, dann bin ich weg. Mach keinen Quatsch ohne mich«, sagte er zum Abschied.
»Nicht mehr als sonst«, wiederholte sie das Ritual, das sie seit Kindertagen miteinander teilten.
Nach dem Bad schlüpfte Rosa in einen frischen Schlafanzug und ihren Bademantel und legte sich im Wohnzimmer auf das Sofa. Und dort lag sie noch immer, als Tom am Abend zu ihr zurückkehrte. Draußen war es bereits stockdunkel, und es regnete in Strömen, als sie seine Schritte im Hausflur vernahm. Schnell setzte Rosa sich auf und nahm das Buch zur Hand, das sie als Alibi neben sich gelegt hatte. Sie wollte nicht, dass Tom sie dabei ertappte, wie sie teilnahmslos zur Decke starrte. Ihr bester Freund sollte sich nicht ständig um sie sorgen müssen. Sie hasste es, ihm eine Last zu sein, auch wenn sie wusste, dass er das niemals so empfinden würde. Es reichte, dass sie sich selbst so sah.
Tom beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange. Seine Lippen fühlten sich kalt an. »Du liest?«, fragte er, und als sie sah, wie sehr er sich darüber freute, schämte sie sich ein wenig.
»Mhm«, murmelte sie unbestimmt und legte das Buch beiseite. Ihr Blick fiel auf die Papiertüte zu seinen Füßen, und sie hob fragend eine Augenbraue.
Tom lächelte und fuhr sich durch sein Haar, das vor Jahren in einer einzigen Nacht zu eisigem Grau erstarrt war. »Du hast bestimmt noch nichts gegessen. Darum habe ich dir ein Sandwich aus dem Café mitgebracht.«
Das Café Claire im Stadtteil Pempelfort hatte früher Toms Ehefrau gehört. Es war ihr Ein und Alles. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Tom hatte kurzerhand seine Kanzlei verkauft und das Café weitergeführt. Anfangs hatte Rosa gedacht, dass er als Jurist der Gastronomie bald überdrüssig würde, doch sie hatte sich geirrt. Bis heute zog Tom eine tiefe Zufriedenheit daraus, für seine Gäste da zu sein und Claires Traum weiterzuleben.
Tom setzte sich neben Rosa auf das Sofa und reichte ihr das Sandwich, das mit Ziegenkäse, Feigen und Pinienkernen belegt war, und dazu eine Serviette. Während sie aß, sah sie immer wieder zu der Uhr auf dem Kaminsims. Es war erst acht, und doch verspürte sie schon wieder die lähmende Müdigkeit, die zu ihrem ständigen Begleiter geworden war. Schlaf ist die beste Medizin, hatte ihre Mutter Nora früher immer zu ihr gesagt, wenn sie krank gewesen war. Dann kochte sie ihre Lieblingsgerichte, Marillenknödel, gewälzt in gebräunten Bröseln und mit einer dicken Schicht Puderzucker bedeckt, Milchreis mit Kirschkompott und knusprig-goldene, mit Mascarpone und süßen Himbeeren gefüllte Pfannkuchen, und las ihr Geschichten vor, bis Rosa selig einschlummerte.
Doch der Schlaf im Hier und Jetzt war anders. Er war wie ein dunkler, verstörender Rausch. Der einzige Zustand, in dem sie das, was übrig war, ertragen konnte.
»Dann wollen wir mal sehen«, sagte Tom, nachdem sie aufgegessen hatte, und griff nach der Fernbedienung.
»Such du einen Film aus«, meinte Rosa schnell. Ich werde sowieso nicht viel davon mitbekommen, wollte sie hinzufügen, unterließ es dann aber. Schließlich entschied sich Tom für eine deutsche Verwechslungskomödie, die vor ein paar Jahren sehr erfolgreich im Kino gelaufen war. Die Anfangsmusik war noch nicht verklungen, da war Rosa auch schon eingeschlafen.
4
Heute ist es zwei Wochen her, dachte Rosa, während sie in ihrem Schlafzimmer auf und ab ging. Vierzehn lange Tage und Nächte, seit Sven sie verlassen hatte. Ihr Rücken schmerzte vom vielen Liegen inzwischen so sehr, dass er sie am Schlafen hinderte. Sie streckte sich und machte ein paar Dehnübungen, doch es wurde nicht besser. In Gedanken verfluchte sie ihren Körper, der ihr das antat.
Als sie aus dem Zimmer trat, hörte sie ihre Mutter und ihre Schwester, die sich im Erdgeschoss miteinander unterhielten.
»Und wenn sie sich etwas antut? Schau mich nicht so an, Miriam. Ich habe eine solche Angst, dass ich nicht mehr klar denken kann.«
Die Worte ihrer Mutter hallten zu ihr hinauf, waberten durch den Flur, klingelten in ihren Ohren. Rosa hielt sich am Geländer fest und schluckte betroffen, dann schlich sie zurück in ihr Bett. Natürlich hatte sie gewusst, dass ihre Familie sich Sorgen um sie machte. Nur wie tief ihre Ängste gingen, hatte Rosa nicht geahnt. Sie versuchte, sich mit den Augen ihrer Mutter zu betrachten, und das Bild, das sie vor sich sah, trieb ihr die Schamesröte in das Gesicht. Es zeigte eine Frau von 46 Jahren, die nur im Bett lag, kaum aß und selten sprach. Die Vorstellung, ohne Sven weitermachen zu müssen, lähmte Rosa. Doch in der Stille ihres Schlafzimmers sagte sie sich, dass sie so nicht weitermachen konnte, dass sie sich zusammenreißen musste. Mit dem Gedanken schlief sie ein.
5
Als Rosa am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie zum ersten Mal seit Langem wieder ein Ziel vor Augen. Sie zog sich eine Jeans und ein altes T-Shirt an, füllte eine Schüssel mit warmem Wasser und Spülmittel, und begann, die Schränke in ihrem Schlafzimmer auszuwischen. Danach machte sie mit den übrigen Räumen weiter. Anschließend saugte und wischte sie alle Böden, bis ihre Stirn vor Schweiß glänzte.
Die Tätigkeit hatte etwas seltsam Befreiendes, und als Tom an diesem Abend vorbeikam, wie es seine Gewohnheit geworden war, stand Rosa in einer sauber duftenden Küche und hobelte Parmesan. Sie drehte sich zu ihm und lächelte ihn an. »Hallo, Tom. Wie schön, dass du da bist. Hast du Lust auf Pasta?«
Seine Augen weiteten sich vor Überraschung, als er sie so sah. Dann nickte er.
Sie reichte ihm eine Flasche des Bordeaux, den Sven für besondere Anlässe im Keller gelagert hatte. »Wärst du so lieb?«
Rosa sah, wie es hinter Toms Stirn zu arbeiten begann. Sie griff nach seiner Hand und erklärte sich: »Ich weiß nicht, was morgen ist. Aber heute bin ich hier und du bist hier, und ich habe für uns gekocht. Lass uns zusammen zu Abend essen und ein Glas Wein trinken. Bitte.« Sie sah in seine Augen, die ihr so vertraut waren. Für einen Moment lag ihre Hand in seiner. Dann machte sie sich los und ging zum Schrank, um die Weingläser zu holen.
»Vielleicht wäre es leichter für mich, wenn ich einen Beruf hätte, in den ich zurückkehren könnte«, sagte Rosa während des Essens zu ihm.
Tom nahm eine Gabel von seinen Nudeln, die Rosa in Butter und Salbei geschwenkt hatte. »Du arbeitest doch in der Kirchenbücherei.«
»Das meine ich nicht.« Sie nippte nachdenklich an ihrem Weinglas. »Du hast mich damals gewarnt, als ich meinen Job gekündigt habe. Es war das erste und einzige Mal, dass du wütend auf mich warst.«
Tom stieß einen leisen Pfiff aus. »Das ist so lange her. Und eigentlich war ich auch gar nicht sauer auf dich. Ich war wütend auf Sven, weil er dich dazu überredet hat. Du hast so gern im Steigenberger gearbeitet. Du hast das Hotel geliebt.«
Rosa stellte ihr Glas ab. »Das schon. Aber die Arbeitszeiten waren fürchterlich. Wie oft hatte ich abends oder am Wochenende Dienst. Sven und ich waren frisch verheiratet und wir hatten kaum Zeit füreinander. Es war so frustrierend. Er hat mich wirklich nicht überredet. Es war allein meine Entscheidung, zu kündigen und zu Hause zu bleiben. Schließlich hat Sven genug für uns beide verdient.«
Tom warf ihr einen ungläubigen Blick zu. »Du weißt schon, dass Sven deine Loyalität nicht verdient hat, oder?« Als sie nicht antwortete, seufzte er. »Ach, Fee, was soll ich nur mit dir machen?« Wie auf ein geheimes Stichwort hin erhellte sich sein Gesicht. »Natürlich. Das hätte ich beinahe vergessen. Bist du fertig mit essen?«
Als sie erstaunt nickte, räumte er flugs ihre Teller zusammen und brachte sie in die Küche. »Wir brauchen Platz«, erklärte er, nachdem er sich wieder zu ihr gesetzt hatte.
»Wofür?«, fragte Rosa alarmiert.
Tom klopfte mit der Hand auf ein kleines, ledergebundenes Notizbuch, das er neben sich gelegt hatte. »Wir machen eine Liste. Mit all den Dingen, die wir unternehmen werden. Du schreibst. Deine Schrift kann man wenigstens lesen.«
Rosas Brust wurde eng, aber Tom schaute so erwartungsvoll, dass sie es nicht über das Herz brachte, ihm eine Abfuhr zu erteilen. Pflichtschuldig öffnete sie das Büchlein und nahm den Kugelschreiber heraus, der in der Innenseite steckte. Doch sosehr sie nachdachte, in ihrem Kopf herrschte gähnende Leere.
»Wie wäre es mit einem Besuch im Zoo?«, kam Tom ihr zu Hilfe.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. All diese eingesperrten Tiere, das macht mich traurig.«
»Schwimmbad?«
»Zu viele Menschen.«
»Was ist mit Rollschuhfahren? Das hast du früher gerne gemacht.«
»Das ist hundert Jahre her.«
Tom ließ sich nicht entmutigen. »Also schön, wir machen es so. Ich zähle auf, was mir einfällt, und sobald etwas dabei ist, wozu du Lust hast, sagst du stopp.«
Sie nickte ergeben und schloss die Augen. Tom sprach langsam und machte nach jedem Vorschlag eine Pause, damit sie darüber nachdenken konnte. Wenn sich in ihrem Gesicht nichts regte, fuhr er fort.
Rosa wurde von Minute zu Minute unglücklicher. Oper, Konzert, Museum … das waren alles Dinge, die sie mit Sven unternommen hatte. Die sie gerne unternommen hatte. Doch jetzt waren es leere Begriffe, abstrakte Wörter, die keinerlei Gefühl in ihr auslösten. Keine Neugierde, kein Interesse, nichts.
Rosa öffnete die Augen. »Das hat keinen Zweck, Tom. Ich fürchte, ich bin ein Mensch ohne Interessen. Ein langweiliger Trauerkloß.«
Tom lächelte. »Das bist du nicht. Aber ich sehe ein, dass wir so nicht weiterkommen.« Er rieb sich über das Kinn, was er schon als Kind getan hatte, wenn er angestrengt nachdachte. Plötzlich hielt er mitten in der Bewegung inne und sah sie an. »Lass uns wegfahren.«
»Wegfahren? Wohin?«
Er zuckte mit den Schultern. »Wohin du willst. In die Berge, ans Meer, in die Wüste. Egal, wohin.«
Sie sah ihm prüfend ins Gesicht. Als sie bemerkte, dass er es ernst meinte, beugte sie sich über den Tisch und stützte beide Hände auf der Kante auf, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. »Dafür habe ich kein Geld, Tom. Vielleicht später, wenn das Haus verkauft ist …«
»War das ein Ja?«
Überrumpelt schüttelte sie den Kopf. »Ganz und gar nicht. Ich sagte, ich habe …«
»Kein Geld«, beendete er den Satz. »Ich weiß.« Ein warmer Ausdruck trat in seine Augen. »Und ich habe mehr, als ich ausgeben kann. Damit ist es abgemacht. Wir fahren.«
Rosa hatte auf einmal das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Das alles ging ihr viel zu schnell. Sie wollte keine Pläne für die Zukunft schmieden, sie war froh, wenn sie es schaffte, den Tag zu überstehen. »Hör auf damit!«, rief sie in einem Anflug von Panik.
Tom sah sie erschrocken an, und sofort tat er ihr leid.
»Ich bin so dankbar, dass du für mich da bist«, bemerkte sie eine Spur ruhiger, »aber ich möchte nichts machen. Und schon gar nicht wegfahren. Ich will einfach nur trauern.« Sie wandte den Blick ab. Ihr Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern. »Lass uns ein anderes Mal darüber sprechen. Wenn das alles nicht mehr so frisch ist. Ja?«
Einen Augenblick lang war es still. Dann beugte er sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Ja. Entschuldige. Ich wollte dich nicht überrumpeln. Ich habe mich nur daran erinnert, dass es mir nach Claires Tod geholfen hat, dass wir beide so viel unternommen haben.«
Rosa lächelte traurig. Sie dachte an die zierliche Provenzalin mit der schönen Stimme, die Toms Frau gewesen war. Er sprach selten von ihr. Nicht, weil er nicht an sie dachte. Rosa wusste, dass er sie in seinem Herzen trug, wo immer er war. Doch er hatte einen Weg gefunden, ihren Tod zu akzeptieren. Vielleicht, indem er das Café weiterführte, das ihr Leben gewesen war. Ja, Tom hatte gelernt, mit dem Schicksalsschlag umzugehen.
Warum kann Sven nicht auch tot sein?
Der Gedanke kam aus dem Nichts und ließ sie zusammenzucken. So weit war es also mit ihr gekommen. Sie sah zu Tom, und plötzlich überwältigte sie das Bedürfnis zu reden. Die Worte drangen wie von selbst über ihre aufgesprungenen Lippen, und sie wusste, sie würde ersticken, wenn sie sie noch länger zurückhielte.
»Als Sven gegangen ist«, begann sie, »war das so, als wäre mein Innerstes verbrannt. Ich schaute an mir herunter und verstand nicht, wie mein Körper mit diesem geschmolzenen Klumpen in meiner Brust auch nur eine Sekunde weiter existieren konnte.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber er tat es einfach. Und alles, was ich denken konnte, war, warum? Warum hörst du nicht auf damit, so zu tun, als würdest du leben?«
Sie suchte seinen Blick. »Und dann wart ihr da«, sagte sie. »Du, Mutter, Miriam. Immer wenn ich aufgewacht bin, war einer von euch in meiner Nähe. Ich wollte allein sein. Ich dachte, wenn ich allein bin, hört es vielleicht auf. Höre ich vielleicht auf. Aber ich war ja nie allein.« Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ich war ja nie allein.« Ihre Stimme brach. Sie musste ein paar Mal tief durchatmen, bis sie weitersprechen konnte. »Und dann habe ich mitangehört, wie meine Mutter sagte, sie habe Angst, ich könne mir das Leben nehmen.« Rosa erschauderte. »Du hättest hören sollen, wie sie es gesagt hat, Tom. Es war grauenhaft. Erst da ist mir so richtig bewusst geworden, was ich ihr antue. Was ich euch allen antue.«
Tom sah sie an. Ein Meer von Gefühlen glitt über sein Gesicht. Trauer, Begreifen, Furcht. Dann stand er vom Esstisch auf und zog sie in seine Arme. »Rosa«, sagte er. Seine Stimme klang rau. »Ach, Rosa.«
Und so standen sie beisammen, hielten einander fest und weinten über das, was sie verloren hatte.
Als keine Tränen mehr kamen, redeten sie. Sie setzten sich auf das große Sofa im Wohnzimmer, lehnten sich aneinander und zogen die Knie an, so wie früher, als sie Kinder waren. Im Kamin prasselte ein Feuer, und das Knistern des Holzes vermischte sich mit ihrem Flüstern.
»Ich vermisse ihn so«, sagte Rosa und lehnte ihren Kopf an Toms Schulter. »Ich weiß, es gibt keinen Grund dafür. Sven hat mich hintergangen und betrogen. Doch ich kann nichts dagegen tun.«
