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In 15 Kurzgeschichten begegnen Sie Menschen in Alltagssituationen und in tiefen Lebenskrisen. Menschen, die angesichts ihrer Vergangenheit kaum noch Hoffnung haben oder mit schier unüberwindbarem Leid in der Gegenwart konfrontiert sind. Alzheimer, Ehebruch, Behinderung, Unfalltod, Abtreibung, ein Amoklauf - alles so nah an der Realität, dass es schmerzt. Und doch: Mitten in den Stürmen, in der Verzweiflung und Einsamkeit erhalten die Hauptpersonen und auch Sie als Leser neue Hoffnung und Perspektive. Obwohl die Geschichten alle rein fiktiv sind, spürt man, dass Irmgard Grunwald weiß, wovon sie schreibt. 2001 stellte man bei ihr ALS fest, eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, die u.a. zu einer vollständigen Lähmung führte. Die Geschichten in diesem Buch schrieb sie über einen sprachgesteuerten Computer. Ihre Erfahrung zeigt: Gott ist da, mitten im Leid. Und er ist der Urheber aller Hoffnung. Mit einem Vorwort von Rolf Höneisen, Chefredakteur der Magazine ethos und factum.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2012
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In 15 Kurzgeschichten begegnen Sie Menschen in Alltagssituationen und in tiefen Lebenskrisen. Menschen, die angesichts ihrer Vergangenheit kaum noch Hoffnung haben oder mit schier unüberwindbarem Leid in der Gegenwart konfrontiert sind. Alzheimer, Ehebruch, Behinderung, Unfalltod, Abtreibung, ein Amoklauf – alles so nah an der Realität, dass es schmerzt. Und doch: Mitten in den Stürmen, in der Verzweiflung und Einsamkeit erhalten die Hauptpersonen und auch Sie als Leser neue Hoffnung und Perspektive. Obwohl die Geschichten alle rein fiktiv sind, spürt man, dass Irmgard Grunwald weiß, wovon sie schreibt. 2001 stellte man bei ihr ALS fest, eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, die u.a. zu einer vollständigen Lähmung führte. Die Geschichten in diesem Buch schrieb sie über einen sprachgesteuerten Computer. Ihre Erfahrung zeigt: Gott ist da, mitten im Leid. Und er ist der Urheber aller Hoffnung.Mit einem Vorwort von Rolf Höneisen, Chefredakteur der Magazine ethos und factum.
Irmgard Grunwald, Jahrgang 1960, wurde durch ihre regelmäßig im Magazin ethos veröffentlichten Artikel sowie die autobiografischen Bücher "Dem Himmel entgegen" und "Gott schenkt mir eine Rose" bekannt. 2001 stellte man bei ihr ALS fest, eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, die u.a. zu einer vollständigen Lähmung führte. Ihre Bücher schreibt sie über einen sprachgesteuerten Computer. Sie ist verheiratet, hat fünf erwachsene Kinder und wohnt mit ihrem Mann in der Nähe von Köln.
www.irmgardgrunwald.com
Irmgard Grunwald
15 Kurzgeschichten mit Perspektive
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Die Bibelzitate sind folgenden Ausgaben entnommen:
Elberfelder Bibel 2006, © SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG
Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Neue Genfer Übersetzung, © Genfer Bibelgesellschaft
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Titelfotos:Großes Hauptbild:© Fotolia, 24536978, BarmaliejusKleine Bildreihe von links:© creativ collection© Fotolia, 35298417, MAST© Ralf Dietermann© Cornelia Menichelli_pixelio.de© Fotolia, 35298417, MAST© creativ collectionFoto Coverrückseite:© Irmgard Grunwald, PrivatfotoLektorat: Esther Middeler
Umschlaggestaltung und Satz: DTP-MEDIEN GmbH, Haiger
ePub-Erstellung: Stefan Böhringer, eWort
Hardcover:
ISBN 978-3-942258-21-0
Art.-Nr. 176.821
eBook (ePub):
ISBN 978-3-942258-71-5
Art.-Nr. 176.871
Copyright © 2012 BOAS media e. V., Burbach
Alle Rechte vorbehalten
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Vorwort
„Keine echte Hoffnung hat die Gegenwart unverändert gelassen.“
Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910)
Beim Lesen der 15 in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten von Irmgard Grunwald erinnerte ich mich an diesen Ausspruch des „Vaters der Inneren Mission“. Denn in jeder einzelnen Erzählung schwingt die Melodie der Hoffnung mit und man spürt, dass diese nicht ins Blaue hinaus gesungen wird, sondern einen Grund hat. Die Hoffnung scheint auf wie ein Licht in der Dunkelheit und zeigt den Weg aus den Sackgassen der Menschen.
Die fiktiven Geschichten sind Ausschnitte aus dem Kaleidoskop des Lebens. Es geht um ungewollt Erlittenes, unbedacht Gewähltes, orientierungslos Verfahrenes. Menschen, die in der Vergangenheit gefangen sind, in der Gegenwart mit Leid konfrontiert werden und keine Fragen an die Zukunft mehr haben. Themen sind unter anderem Krankheit, Unfalltod, Beziehungen, Ehebruch, Abtreibung, Einsamkeit.
Die Autorin überrascht, wie sie den Scheinwerfer auf Menschen richtet, die nicht im Zentrum eines dramatischen Ereignisses standen, aber davon existentiell betroffen wurden. So in „Amok“, wo die jüngere Schwester des Täters erheblich unter den Folgen der Tat des Bruders leidet. Oder in „Im Spinnennetz“, wo ein Brautpaar am Hochzeitstag tödlich verunfallt. Jahrelang leidet die Mutter der Braut unter Hassgefühlen gegen die Unfallverursacherin. Doch eines Tages macht sie sich auf, um mit ihr zu reden.
Die Autorin beschreibt die Situationen und Umstände knapp, aber präzise. Ein Zitat aus „Verschlossene Türen“, wo es um Alzheimer geht:
„Am schlimmsten ist es, wenn Hans auf der Klavierbank sitzt. Er klappt das Klavier auf, legt zögernd seine Finger auf die Tasten, scheint in sich hineinzuhorchen. Es ist, als versuche er in seinem Kopf eine Tür zu öffnen, doch sie ist abgeschlossen, und jemand hat den Schlüssel weggeworfen. Viele verschlossene Türen gibt es in seinem Kopf und es werden immer mehr.
Wenn er scheinbar zufällig eine Taste herunterdrückt, erschrickt er vor dem plötzlichen Klang. Manchmal macht er weiter, wie ein Kind, das die Welt der Töne erforscht. Wenn Heidi ihn so findet, möchte sie am liebsten vor Verzweiflung schreien.“
Die Stärke der Geschichten ist ihre Nähe zu einer Wirklichkeit, die jeder Mensch mehr oder weniger gut kennt, über die aber in der Öffentlichkeit nicht gesprochen wird. Das geht vom „Kavaliersdelikt“ des Seitensprungs mit einer jungen Angestellten bis zur „vernünftigen“ Abtreibung eines Kindes mit Trisomie 21. Die Erzählungen blicken tiefer, kratzen an Fassaden, gehen unter die Haut, decken menschliches Versagen und Unvermögen auf. Sie verurteilen nicht, sondern machen Hoffnung!
Dabei malen die meisten der Geschichten kein Happyend. Sie zeigen nur einen ersten, hoffnungsvollen Schritt auf einem Weg zur Veränderung. Jeder Bericht setzt die Gedanken des Lesenden in Bewegung: Wie könnte es weitergehen mit Gastarbeiter Angelo, der sich fragt, was Gott mit seinem „normalen“ Leben zu tun haben könnte? Oder - was macht die alte Tante Milli, die anhand eines Buches über die zehn Gebote Gottes ihr Leben Revue passieren lässt und sich bewusst wird, dass Gott sie eines Tages damit konfrontieren wird?
Spezifisch christliche Themen sind in „Auf und davon“ (die Frage der „Entrückung“) und im besonders interessanten Beitrag „Das Wunder“ enthalten, wo die Heilung von Ulla sehr bedenkenswerte Fragen aufwirft. Ulla spürt, dass ihre Nähe zu Gott nicht von ihrem körperlichen Zustand abhängt und Krankheit deshalb nicht das Schlimmste im Leben sein muss.
Ich kenne die Autorin Irmgard Grunwald aufgrund unserer Zusammenarbeit bei der Zeitschrift „ethos“. Jeden Monat verfasst sie eine viel beachtete Kolumne für dieses Magazin. Und auch da überrascht sie mit Gedanken, Vergleichen, Geschichten, hilfreichen Antworten. Was man wissen muss: Die fünffache Mutter leidet seit zehn Jahren an einer schweren Krankheit: ALS – Amyotrophe Lateralsklerose. Sie kann sich nicht bewegen, braucht Hilfe beim Atmen. Das Schreiben ermöglicht ihr ein Sprachcomputer. Ein Leben also, das genügend Grund für Selbstmitleid liefert. Bei Irmgard Grunwald erlebe ich das anders. Durch ihren Glauben ist ihr Leben so eng mit Gott verknüpft, dass sie nicht an Zufälle und Sinnloses glaubt. Sie sagt, dass sie so viel an Segen erlebe, dass ihre Krankheit dadurch mehr als aufgewogen werde. Was sie für andere schreibt, das hat Irmgard selbst durchlebt. Für Menschen auf dunklen Wegen leuchten ihre Gedanken besonders hell.
Das vorliegende Buch eignet sich auch gut zum Vorlesen. Es ist für suchende Menschen wie für Christen gleichermaßen empfehlenswert, weil es Mut schenkt und Hoffnung: Ein Neubeginn ist möglich! Deshalb will ich nochmals Friedrich von Bodelschwingh zu Wort kommen lassen: „Christus steht nicht hinter uns als unsere Vergangenheit, sondern vor uns als unsereHoffnung.“
Rolf Höneisen
Chefredakteur der Magazine ethos und factum
Amok
Gemütlich lehnt sich Herr Franke auf seinem Stuhl zurück und beißt herzhaft in sein mitgebrachtes Butterbrot. Er blickt auf die Uhr: kurz nach neun. In einer knappen halben Stunde fängt die erste große Pause an. Auch in seiner Hausmeisterloge hat er dann keine Ruhe mehr.
Er gießt sich noch einen Kaffee aus der Thermoskanne ein. Zwei Referendare durchqueren die Pausenhalle, nicken ihm zu und verschwinden im Lehrerzimmer. Ein Oberstufenschüler mit Sporttasche kommt von draußen und verschwindet sofort in der Toilettenanlage. Aus dem Musikraum im ersten Stock hört man gedämpft Klaviermusik.
Herr Franke schlürft seinen heißen Kaffee. Jemand kommt im Laufschritt auf seinen Glaskasten zu, der Hausmeister blickt auf. Entsetzt starrt er durch die Scheibe auf ein schwarz maskiertes Gesicht. Die Gestalt hält eine Pistole auf ihn gerichtet, scheint ihn kurz zu mustern, drückt dann ab. Dem Hausmeister bleibt keine Zeit zu schreien. Glas splittert, die Wucht des Geschosses reißt Herrn Frankes Körper nach hinten. Reglos liegt er in einer Blutlache.
Die schwarze Gestalt geht rasch weiter.
* * *
Pressemitteilung der Polizeidirektion vom 6. Juni, 16:30 Uhr:
17 Tote in der Herderschule – Todesschütze begeht Selbstmord
Der erste Notruf erreichte die Polizei heute Morgen um 9:17 Uhr. Schüsse und Schreie im Gebäude hatten Schüler und Lehrer aufgeschreckt. Als die Polizei eintraf, rannte ein schwarz gekleideter, vermummter und mit zwei Pistolen bewaffneter Jugendlicher über das Schulgelände in den angrenzenden Stadtwald. Er gab dabei mehrere Schüsse auf die Beamten ab, ein Kollege erlitt eine schwere Beinverletzung. Kurz darauf war ein Schuss aus dem Park zu hören. Die Polizeibeamten, die die Verfolgung aufgenommen hatten, fanden wenig später den toten Attentäter, der die letzte Kugel auf sich selbst gerichtet hatte.
In der Schule selbst bot sich ein entsetzliches Bild. Neun Lehrer und sechs Schüler hatte der Amokläufer anscheinend wahllos durch gezielte Schüsse getötet. Ein 16-jähriger Schüler verstarb während einer Notoperation. Zwei weitere Lehrer, der Hausmeister und eine 13-jährige Schülerin überlebten schwerverletzt; eine Schulsekretärin schwebt noch in Lebensgefahr.
Der Todesschütze wurde als der 18-jährige Jens A. identifiziert. Er besuchte die Oberstufe der Herderschule und galt als Einzelgänger mit viel Potenzial, aber wenig Leistungsbereitschaft.
Aus der Trauerrede anlässlich des Gedenkgottesdienstes am 12. Juni:
„Diese Stadt und mit ihr das ganze Land – wir alle stehen unter Schock. Auf einmal ist alles anders, als es vorher war. Kann das Leben jemals für uns weitergehen? Die Frage nach dem WARUM einer solch entsetzlichen und sinnlosen Gewalttat lastet auf uns allen. Wie ist so etwas möglich? Hätte man es verhindern können? Wie konnte Gott so etwas zulassen? Wir müssen es uns eingestehen: Wir sind alle völlig ratlos. Es gibt keine Sicherheit, nicht für uns, nicht für unsere Kinder. Angesichts des grausigen Geschehens versagen alle Worte. Wo gibt es Trost? Wo gibt es jetzt noch einen Sinn?
Jens Altmann war einer, der anders war, der nicht dazugehörte – nicht dazugehören wollte. Hätten wir ihm helfen können? Wer hätte ihm helfen können? Hätte er sich helfen lassen? Wir sind schnell zur Hand mit Schuldzuweisungen: Die Eltern, die Lehrer, die Schulkameraden, das Fernsehen, das Internet, die Computerspiele, das Bildungssystem, das Jugendschutzgesetz, das Waffengesetz – wer trägt wirklich die Schuld?
Viele fragen nach Gott: Wenn es ihn gibt, warum greift er nicht ein? Wie können wir jetzt noch weiterleben?“
Auszug aus dem psychologischen Gutachten vom 30. Juni:
Ein wesentliches Kennzeichen der Persönlichkeit des Jens A. ist seine unrealistische Selbstüberschätzung. Dabei ist sein Selbstwertgefühl relativ gering ausgeprägt.
Schriftlich hinterlassene Äußerungen des Jugendlichen legen den Schluss nahe, dass der 18-Jährige Anerkennung und möglicherweise sogar öffentliche Bedeutung erlangen wollte; als Mittel für dieses Vorhaben diente ihm ein exzessiver Tabubruch.
* * *
Rainer Hauser sitzt auf den Stufen zur Alten Post am Rand des großen Marktplatzes. Dieser Auftrag passt ihm gar nicht, aber er hat keine Wahl. Glücklicherweise kennt er hier niemanden. Schließlich hat er auch kein Herz aus Stein: Diese ganze Sache mit dem jungen Burschen, der scheinbar eiskalt sechzehn Menschen und sich selbst brutal ermordet, die hat auch den abgebrühten Fotojournalisten Hauser emotional stark mitgenommen. Egal, er muss jetzt diese Reportage schreiben, ein paar Interviews machen, einige Fotos dazu.
Er hält Ausschau nach passenden Interviewpartnern unter den Passanten. Jetzt, gute vier Wochen nach dem schaurigen Geschehen, wirkt das Leben in der Stadt fast wieder normal.
Drei Mädchen mit modischen Rucksäcken kommen über den Marktplatz, vielleicht fünfzehn, sechzehn Jahre alt. Rainer Hauser gibt sich einen Ruck und geht auf sie zu.
„Nein, wir sind in einer anderen Schule. Aber die Freundin von meiner kleinen Schwester, die ist auf der Herderschule, in der 7. Klasse. In deren Klassenraum ist der Jens nicht gewesen, die haben nur die ganzen Schüsse gehört und das Schreien, und hinterher haben sie das ganze Blut gesehen. Die arme Annika kann seitdem nachts gar nicht mehr schlafen, hat meine Schwester gesagt. Sie hat immer Albträume.“
„Bei uns in der Straße wohnte einer von den Jungen, die der Jens erschossen hat. Ich kannte ihn nur ganz flüchtig, er war in meinem Sportverein, aber in einer anderen Abteilung. Das ist so schrecklich, was da passiert ist. Immer, wenn ich die Mutter von Thomas jetzt sehe, muss ich anfangen zu weinen. Und vorletzte Woche bei der Beerdigung war die ganze Verwandtschaft da, auch die beiden großen Brüder von Thomas. Die haben auch geweint.“
Das dritte Mädchen hält den Blick starr auf dem Boden geheftet. Doch dann sieht sie auf, Rainer Hauser direkt in die Augen. Ganz leise erklärt sie: „Ich kann nichts dazu sagen.“ Tränen strömen über ihr Gesicht.
Noch vier, fünf Leute interviewt Hauser, dann kann auch er nicht mehr. Mehrere Passanten hatten ihn beschimpft, wollten endlich in Ruhe gelassen werden.
„Ich kann euch ja verstehen, Leute, aber es ist halt mein Job“, murmelt er vor sich hin, während er auf das „Café am Markt“ zusteuert.
Eine resolute ältere Frau serviert ihm energisch Kaffee und Apfelkuchen. Dabei beäugt sie neugierig seine Ausrüstung.
„Sie sind wohl Journalist?“
„Ja“, antwortet Hauser knapp. Ihm reicht es. Aber die Frau setzt sich ungefragt zu ihm und beginnt zu berichten.
Oh ja, sie habe den Jens gekannt. Die ganze Familie übrigens. Nette Leute, sie hätten auch noch eine Tochter, fünfzehn oder sechzehn. Wie so etwas habe passieren können! Die Eltern hätten sich eigentlich immer gut um die Kinder gekümmert. Aber man wisse natürlich nie, was hinter den Kulissen geschehe. Man kenne sich ja auch als Kollegen, sozusagen. Die Altmanns hätten auch eine Bäckerei und Konditorei, aber ohne Café. Ein kleiner Familienbetrieb. Den hätte der Jens übernehmen sollen, aber der habe ja nicht gewollt. Überhaupt sei der ein bisschen komisch gewesen, immer schwarze Klamotten, und gegrüßt habe er einen auch nicht. Eigentlich habe man wissen müssen, was daraus wird. Aber die Eltern hätten ja wohl die Augen verschlossen vor dem Offensichtlichen. Und jetzt sei es zu spät.
Geschäftlich seien die Altmanns inzwischen wohl auch erledigt. Sie selbst habe natürlich keine Vorurteile, aber man wisse ja, wie die Leute in einer solchen Kleinstadt reagieren. Und seit dem Vorfall hätten sie ihr Geschäft jedenfalls geschlossen. Wahrscheinlich hätten die beiden Verkäuferinnen auch schon längst gekündigt. Und der Geselle in der Backstube scheine auch einen neuen Job zu suchen.
Man könne natürlich keinem einen Vorwurf machen, aber man mache sich schon so seine Gedanken. Wer wisse schon so genau, wie der Jens auf solche Ideen gekommen sei. Wahrscheinlich habe er die ganze Nacht immer nur vor dem Computer gesessen. Vielleicht seien die Eltern ja auch gar nicht so harmlos, wie es immer schien. Wenn man Kinder liebevoll und gerecht und ein bisschen streng erziehe, dann könne so etwas jedenfalls kaum passieren. Ihre eigenen Kinder seien schließlich auch ganz friedlich, alle drei.
Vielleicht sei es wirklich besser, die ganze Familie Altmann würde in einer anderen Stadt ganz von vorn anfangen, da, wo sie keiner kennt. Dann würde vielleicht auch hier wieder eher Ruhe einkehren.
* * *
Anne saß auf dem Bett, ihren fast vergessenen, betagten Teddybären hielt sie im Arm, streichelte ihn gedankenverloren, während sie in ihrem alten Tagebuch las. Lange hatte sie diese letzte Umzugskiste ignoriert – in ihren letzten beiden Wohnungen war sie gar nicht erst ausgepackt worden. Doch jetzt …
Mit dem Handrücken wischte sie ein paar Tränen weg.
6. Juni
Jens ist tot. Er hat sich umgebracht. Und er hat vorher noch viele andere erschossen. Das kann einfach nicht sein! Er ist doch mein Bruder!
10. Juni
Anja war gestern bei mir. Sie hat in meinem Zimmer gesessen und mit mir geheult. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu weinen. Judith und Marie haben gemeint, sie trauen sich jetzt nicht zu mir, hat Anja gesagt. Mama sitzt die ganze Zeit in Jens‘ Zimmer. Sie sagt gar nichts. Nur gestern hat sie einmal losgeschrien. Papa wollte ihr was zu essen bringen, aber sie hat einfach nur geschrien.
12. Juni
Heute war der Gedenkgottesdienst. Ich war da mit Papa. Wir hatten Hüte und Sonnenbrillen an, damit uns keiner erkennt. Mama geht gar nicht mehr nach draußen. Es war schrecklich. Wir sind danach sofort nach Hause gefahren. Alle reden über Jens. Früher wollte keiner was mit ihm zu tun haben. Er war ja auch oft unfreundlich zu den Leuten. Aber eigentlich war er ganz anders. Ich vermisse ihn, auch wenn er mich manchmal geärgert hat. Und jetzt reden die Leute alle so gemein über ihn. Und über Papa und Mama.
Ich gehe vor den Ferien nicht mehr zur Schule.
Warum hat er das bloß getan?
24. Juni
Papa hat alle Zeitungen weggeschmissen. Er sagt, die ganzen Schreiber verstehen überhaupt nichts. Jetzt schreiben auf einmal alle darüber, was wir für eine Familie sind. Die haben ja keine Ahnung. Wir sind doch eine ganz normale Familie mit ganz normalen Freunden und so. Aber besuchen kommt uns keiner mehr von unseren Freunden, noch nicht mal Lotti und Carsten. Irgendwie haben jetzt alle Angst vor uns.
3. Juli
Heute haben die Ferien angefangen. Ich habe mein Zeugnis mit der Post bekommen. Ich habe sofort nachgesehen: Es steht nichts unter „Bemerkungen“. Auch nicht „Schwester des Mörders“. Die Feier zum Schulabschluss fällt dieses Jahr aus, wegen Jens. Ich wäre sowieso nicht hingegangen.
Jetzt höre ich wohl mit der Schule auf, auch wenn ich eigentlich noch die Oberstufe machen wollte.
7. Juli
Es ist jetzt schon einen Monat her. Papa hat heute gesagt, dass wir umziehen. Mama will das Geschäft nicht weitermachen. Wir hatten den ganzen Monat schon zu. Papa will alles verkaufen und in der großen Brotfabrik in Langenhausen anfangen. So weit weg! Und wer fragt mich? Was soll ich jetzt machen?
Jens hat alles, alles, alles kaputtgemacht.
8. August
Heute wäre Jens‘ Geburtstag. Mama weint nicht mehr. Aber sie kann auch nicht mehr lachen. Und Papa schüttelt immer wieder den Kopf und murmelt vor sich hin. Ich glaube, wir werden alle noch verrückt. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich machen soll.
27. August
Am Freitag ziehen wir um. Ich habe schon alles gepackt, nur das Tagebuch noch nicht. Aber das kommt auch gleich in die Kiste.
Die Sachen von Jens hat Papa alle rausgetragen, das komplette Zimmer. Es wird alles weggeschmissen.
Anne legte das Buch zur Seite und starrte ins Leere. Mit der Zeit hatte sie wieder Fuß gefasst im Leben, doch die alten Fragen verstummten nie ganz; das brennende Würgen in der Seele brach manchmal wieder auf. Was hatte Jens da nur angerichtet? Und warum hat Gott das nicht verhindert? Ihre Familie war nie besonders religiös gewesen, doch in einem solchen Drama erwartet man das Eingreifen einer höheren Macht geradezu, oder etwa nicht?! Als sie das letzte Mal mit einem Pastor gesprochen hatte – anlässlich ihrer kirchlichen Hochzeit –, hatte Anne sich nicht getraut, ihm Fragen zu stellen.
Im Laufe der Zeit stellt der Alltag ganz andere Fragen.
Dennoch – ein blinder Fleck blieb zurück auf der Landkarte ihrer Seele, eine ungewisse Sehnsucht nach Antworten auf Fragen, die sie nicht stellte.
Nun hatten Daniel und sie beschlossen, mit den Kindern aufs Land zu ziehen, und ganz in der Nähe ihrer alten Heimat hatten sie ein Zuhause gefunden, nur zwei Orte von Breitenbach entfernt.
Während sie die letzten Umzugskisten auspackte, wurde ihr immer klarer, dass sie hinfahren wollte. Mit Daniel. Aber ohne die Kinder.
Eine knallende Tür, Kinderlachen, Rufe und Daniels beruhigende Stimme zeigten die Rückkehr ihrer Rasselbande vom Schwimmbad an.
Daniel steckte den Kopf zur Tür herein.
„Alles in Ordnung, Anne?“
„Ja.“ Anne zögerte kurz. Dann sagte sie leise: „Fährst du demnächst einmal mit mir nach Breitenbach?“
* * *
Sie parkten an der Alten Post und schlenderten zum Marktplatz. Neben dem Café hatte ein Handyladen aufgemacht. Der Supermarkt gehörte nun zu einer anderen Kette. Aber im Großen und Ganzen war es dennoch der altvertraute Marktplatz mit dem Brunnen in der Mitte.
An der Ecke neben der Alten Post stand ein großer, bunt bemalter Bus, davor fünf oder sechs Cafétische mit knallroten Sonnenschirmen. Einige Leute saßen dort, tranken Kaffee und unterhielten sich. Neugierig musterten Anne und Daniel den Bus.
„Gott hat Zeit für dich – nimm dir Zeit für Gott!“ war auf einigen Klappständern zu lesen, die um den Bus herum verteilt waren. Was war denn das für ein neues Café?
Eine junge Frau kam freundlich lächelnd auf sie zu. „Darf ich Sie zu einer kostenlosen Tasse Kaffee einladen? Im Rahmen unserer Informationswoche möchten wir mit den Menschen in Breitenbach über Fragen des persönlichen Glaubens ins Gespräch kommen. Hätten Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit?“
Anne und Daniel sahen sich an, zögerten nur kurz. Warum eigentlich nicht?
„Ja, danke. Haben Sie auch Cappuccino?“
Der Cappuccino war köstlich, und Anne knabberte ein paar Kekse dazu. Die junge Frau hieß Sandra, war Anfang dreißig und hatte ein Baby, das im Schatten des Sonnenschirms im Kinderwagen schlief. Schnell einigte man sich, auf das formale „Sie“ zu verzichten.
Sandra berichtete von der erst kürzlich gegründeten christlichen Gemeinde, schwärmte von den lebendigen Gottesdiensten und der freundlichen Atmosphäre. Und dann redete sie davon, dass Jesus der Mittelpunkt ihrer Gemeinde sei. Anne war etwas befremdet. Doch Sandra schien solche Gesprächsthemen völlig normal zu finden. Sie fragte ganz offen: „Und wie ist das bei euch? Kennt ihr beide Jesus?“
Verunsichert wartete Anne auf eine Reaktion von Daniel, doch der war genauso verblüfft wie sie selbst. Mit Glaubensdingen hatte er sich nach dem obligatorischen Religionsunterricht in der Schule nicht mehr beschäftigt und ihm war diese Frage sichtlich unangenehm.
Anne blickte ihre Gesprächspartnerin an. „Jesus kennen? Wie meinst du das? Ich habe eigentlich noch nie viel mit Kirche zu tun gehabt. Meine Eltern waren nicht religiös, und wir sind es auch nicht. Aber seit ... seit längerer Zeit interessiert mich das schon irgendwie. Ich meine, was Gott eigentlich macht. Oder ob er einfach nur zuschaut, wenn Menschen ... schreckliche Dinge tun. Wenn andere darunter leiden.“
„Du meinst, so wie vor etlichen Jahren, als dieser Jugendliche hier in der Schule alle diese Leute umgebracht hat? Ich habe damals woanders gewohnt, aber du hast das vielleicht mitgekriegt, oder? Ich meine – Was ist denn? Ich wollte nicht ...“
Annes Tasse klirrte, als sie heftig abgestellt wurde. Die Erinnerung durchflutete sie so plötzlich, dass es ihr fast den Atem nahm. Daniels Hand legte sich auf ihre. Sandra blickte sie besorgt an.
„Entschuldige bitte, das ist wohl nicht das richtige Thema –“
„Schon gut, das kam jetzt nur etwas zu plötzlich.“
Lange Zeit hatte Anne damals alles wieder und wieder mit ihren Therapeuten durchgekaut, und irgendwann war sie wieder zu einem „normalen“ Leben erwacht – im Gegensatz zu ihrer Mutter. Wollte sie wirklich noch einmal darüber sprechen? Doch, das wollte sie, denn seit sie Daniel kannte, fühlte sie sich stark genug. Vielleicht könnte Sandra mit ihrem Gott sogar das verstehen und erklären, was Anne selbst noch ein Rätsel war. Sie hob die Kaffeetasse wieder an die Lippen und trank einen Schluck. Dann blickte sie Sandra an: „Der Mörder Jens Altmann war mein Bruder.“
Von dieser Aussage war Sandra zuerst wie versteinert. Doch langsam tasteten sich alle drei an das Thema heran; Anne und auch Daniel mit Fragen, die sich auf einmal ans Tageslicht drängten, Sandra mit zögernden Anmerkungen.
„Wisst ihr“, sagte Sandra nach einigen Fragen und Gedanken, „ich verstehe auch nicht, wie Gott oftmals scheinbar tatenlos zusehen kann, wenn grauenhafte Dinge passieren. Gottes Gedanken und Pläne sind einfach zu hoch für mich. Aber seit ich Jesus kenne, weiß ich mit hundertprozentiger Sicherheit, dass Gott die Liebe ist. Seht ihr hier den kleinen Anhänger an meiner Kette? Dieses Kreuz erinnert mich immer an das schreckliche Folterinstrument, an dem mein Herr und Erlöser Jesus Christus für mich gestorben ist.“
„Das verstehe ich nicht“, meinte Daniel. „Wieso für dich, und was meinst du mit Erlöser?“
„Habt ihr noch ein paar Minuten Zeit?“, erwiderte Sandra. „Dann hole ich noch für jeden einen Cappuccino, und anschließend versuche ich, das zu erklären. Okay?“
Als sie sich nach fast anderthalb Stunden von Sandra verabschiedeten, schwirrte Anne der Kopf. Auch Daniel musste die vielen Informationen erst einmal verdauen.
„Was meinst du, können wir noch irgendwo in Ruhe eine halbe Stunde spazieren gehen?“, schlug er vor.
„Ja, gern“, stimmte Anne sofort zu. „Und ich weiß auch schon, wo …“
* * *
Auf dem Friedhof war es still und schattig. Eine Weile gingen sie durch das parkähnliche Gelände und sprachen über die fremdartigen Gedanken, die sie von Sandra gehört hatten. Dabei war sie überhaupt nicht fanatisch erschienen, einfach nur vollkommen überzeugt von ihrem Glauben an diesen Jesus.
„Irgendwie faszinierend“, fand Anne, und auch Daniel konnte nicht abstreiten, dass ihn all diese neuen Informationen beeindruckten.
„Ja“, meinte er, „und es klang auch alles so logisch und durchdacht. Seltsam, so habe ich die Sache mit dem Glauben noch nie betrachtet.“
„Ich möchte Jens‘ Grab suchen“, sagte Anne plötzlich. Erst in diesem Moment war ihr klar geworden, dass dieses Grab unbewusst von Anfang an ihr Ziel gewesen war. In all der Zeit war Anne nach Jens‘ Beerdigung nicht ein einziges Mal hier gewesen, und sie fand sich kaum zurecht. Suchend gingen sie nun durch die Reihen. Die meisten Gräber waren mit mehr oder weniger aufwendigen Grabsteinen ausgestattet, doch Anne suchte nach einem schlichten Holzkreuz. Schließlich fanden sie die einfache Grabstelle, mit weißen Kieselsteinen bestreut, ganz ohne Blumenschmuck. Auf dem Holzkreuz nur zwei Buchstaben, kein Datum, nichts weiter: J. A. Und dieses Kreuz konnte damals in aller Stille erst aufgestellt werden, als die Trauer und Wut der Menschen etwas abgeklungen waren.
„Auch hier das Kreuz“, bemerkte Daniel leise. „So wie um Sandras Hals.“ Einige Augenblicke waren beide in Gedanken versunken.
„Vielleicht will Sandras Gott uns irgendetwas damit sagen. Glaubst du, das könnte sein?“
„Gut möglich. Sie hat uns doch diesen Flyer mitgegeben von ihrer Gemeinde. Da stand was von einem Gästegottesdienst. Ich glaub, da gehen wir einfach mal hin.“
Ein kräftiger Wind strich durch die Bäume, als sie Hand in Hand den Friedhof verließen.
Der Unfall
