Zauberdrachen unter uns - Waltraud Edele - E-Book

Zauberdrachen unter uns E-Book

Waltraud Edele

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Beschreibung

Ein Zauberdrachen-Ei liegt vergessen auf dem Meeresgrund. Darin träumt ein Drachenbaby von einem spannenden Leben als Zauberdrache. Es erwacht, schlüpft aus und richtet sich im Wrack eines gesunkenen Schiffes ein Zuhause ein. Zufällig erfährt der kleine Drache, der sich selbst Zaubertgut nennt, dass auf der verborgenen Dracheninsel noch andere Zauberdrachen leben. Er verlässt seine sichere Unterkunft, und eine spannende, mitunter auch gefährliche Suche nach der Dracheninsel beginnt. Der Delfin Flitztgut, Tim und seine Freunde Maryann und Yves helfen ihm dabei. Der weise Zauberdrache Avis spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Heimkehr Zaubertguts.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2021

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„Mit den Menschen, und meistens sind es Kinder, die sich ihren Glauben an das Fantastische und Wunderbare bewahrt haben, verbinden uns noch immer starke, unsichtbare Bande!“

Avis, der weise Zauberdrache

Waltraud Edele

Zauberdrachen unter uns

© 2021 Waltraud Edele

Text und Bild

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-23513-7

Hardcover:

978-3-347-23514-4

e-Book:

978-3-347-23515-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Waltraud Edele, bildende Künstlerin und Autorin, studierte Pädagogik mit den Schwerpunktfächern Deutsch und Kunst. Neben vielen Ausstellungen ihrer Werke im süddeutschen Raum, veröffentlichte sie auch Bilderbücher, Märchen, Parabeln, Broschüren und Kalender. Durch ihre langjährige pädagogische Arbeit gelingt in ihren Texten eine treffsichere, lebendige Darstellung der Protagonisten, eingebunden in spannende Erzählungen.

Ihre bekanntesten Werke sind:

Das Geheimnis der Singenden Insel

ISBN 3-00-008333-2

Jolanthe Glitzerstern - ISBN 3-00-011971-X

Unterwegs - Gedankenräume - ISBN 3-00-015437-X

Waltraud Edele lebt und arbeitet in Hechingen, Baden Württemberg

Vorwort

In der kleinen bretonischen Stadt am Meer beginnen die Sommerferien. Dicht gedrängt sitzen die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklasse mit ihren Eltern und Großeltern im Festsaal der Grundschule und warten auf ihre Zeugnisse. Wie immer spricht der Direktor zu lange über Bildung, Kunst und Kultur, die ruhmreiche Geschichte des Vaterlandes, Tradition und Heimatliebe, bis er endlich zu seinem pathetischen Schlusssatz kommt: „Und nun, liebe Schülerinnen und Schüler wünsche ich euch allen schöne Ferien und nach der Sommerpause einen guten Start ins neue Schuljahr. Und ich wünsche mir, dass ihr euch in eurer neuen Schule als würdige Abgänger dieser Einrichtung bewährt, denn bis auf wenige Ausnahmen kann ich mit Stolz sagen, dass wir an euch gute Arbeit geleistet haben.“

Jetzt stellen sich die Schüler und Schülerinnen zur Zeugnisausgabe auf. Zuerst werden die Preisträger der einzelnen Fächergruppen aufgerufen. Zu ihnen gehört auch Tim, ein hochgewachsener, schlaksiger Junge mit weißblonden Haaren, blauen Augen und Sommersprossen auf der Nase. Der Direktor reicht ihm mit seinem Zeugnis den Preis für sehr gute Leistungen im Bereich Biologie. Er hat sich hier durch sein beeindruckend großes Wissen über den Ozean und seine Bewohner in besonderem Maße hervorgetan. Auf dem Weg zurück zu seinem Platz sucht Tim den Blick seines Großvaters, der ihm stolz lächelnd zuwinkt, denn der Preis ist auch ein wenig sein Verdienst. Als pensionierter Meeresbiologe hatte er Tims Interesse für Ozeanographie schon früh geweckt und verbrachte viel Zeit mit seinem Enkel, um ihm die Geheimnisse des Meeres nahezubringen.

Natürlich nahmen auch etliche andere Kinder stolz ihre Auszeichnungen in verschiedenen Fächern entgegen, so auch die Zwillinge Yves und Maryann für ihre sehr guten Leistungen in Sport. Sie haben in allen Wassersportdisziplinen, also Schwimmen, Segeln und Rudern die maximale Punktzahl erreicht. Glücklich und stolz setzen sie sich zu Tim, von dem sie sich äußerlich sehr unterscheiden. Die Geschwister haben schwarze Lockenköpfe und große braune Augen. Sie sind etwas kleiner als Tim, aber als richtige Sportskanonen viel kräftiger gebaut. Die drei Freunde kennen sich schon seit dem Kindergarten und sind ein gut eingespieltes, harmonisches Trio, das sich aber auch mit allen anderen Klassenkameraden gut verträgt. Lediglich mit Marcel und Yann gibt es innerhalb der Klasse immer wieder Auseinandersetzungen. Sie gelten als Außenseiter, sind schnell reizbar und regeln ihre Angelegenheiten am liebsten mit den Fäusten. Als das letzte Musikstück der Feier verklungen ist, stürmen alle Schülerinnen und Schüler hinaus in den Schulhof. Dort sind Zelte aufgebaut, in denen Butterkuchen, Crepes* und andere Köstlichkeiten für die Besucher bereitstehen. Zu Tims Eltern und Großvater gesellen sich auch die Eltern der Zwillinge, und als alle sich gestärkt haben, treten sie gemeinsam gut gelaunt den Heimweg an. Vorbei geht es am Fischereihafen mit dem Geschrei der vielen Seevögel, dem Geruch nach Tang und Fisch, weiter zum Yachthafen mit den prächtigen Segelbooten und Yachten. Hier hat auch Tims Großvater seinen recht bescheidenen Segler liegen, auf dem der Junge ihn schon oft auch aufs offene Meer hinaus begleiten durfte.

Vorbei geht es weiter an Restaurants, Boutiquen und Souvenirläden, aus denen fröhliche Stimmen zu hören sind, und man schnuppert hin und wieder genüsslich den Duft aus den typischen Creperien*. Rechts und links der engen, gepflasterten Gassen blühen vor den Häusern prächtige Hortensien, und überall spürt man den Hauch des nahen Meeres.

Die Erwachsenen sprechen über ihre sommerlichen Reisepläne und stellen fest, dass man bei diesem schönen Sommerwetter nicht unbedingt wegfahren muss. Man findet ja in der Nähe überall Strände mit klarem, türkisblauem Wasser, das wirklich unglaublich transparent ist. Und der Sand ist noch feiner, als man es sich vorstellen kann.

Tims Mutter will vielleicht zum Ende der Sommerferien ihre Verwandten besuchen. Das ist aber noch lange hin, die Ferien dauern ja zwei volle Monate. Die Eltern der Zwillinge sind noch unentschlossen, sie werden sich spontan entscheiden, denn Yves uns Maryann wollen noch an der Segelregatta für Junioren teilnehmen, da haben sie zweimal in der Woche Training. Fast zu Hause angekommen, verabschieden sich die Familien, und die Kinder vereinbaren, sich so oft es geht in den Ferien zu treffen.

Von Zauberdrachen

Was weißt du von Zauberdrachen? Nichts? „Zauberdrachen gibt es gar nicht!“, wirst du jetzt sagen. Da bin ich natürlich ganz deiner Meinung, das heißt, ich war es bis gestern. Da las ich nämlich in der Zeitschrift „Prähistorische Tiere“ einen interessanten Artikel. Darin wird berichtet, dass in alten Schriften, die jetzt endgültig entziffert werden konnten, von wunderbaren Wesen die Rede ist, die sich selbst „Zauberdrachen“ nannten.

Ich las, sie seien von Gestalt und Größe dem Auroraceratops sehr ähnlich, einem kleinen Pflanzenfresser aus der Gruppe der Neoceretopsia, und ähnlich wie diese frühen Dinosaurier gehörten sie zu den bipedalen Arten, also jenen, die Zweibeinigkeit entwickelt haben, um die “Hände” für die Nahrungsaufnahme benutzen zu können.

Wie die meisten pflanzenfressenden Dinosaurierarten seien die Zauberdrachen sehr friedlich, zudem wunderschön und geradezu Meister des Farbenspiels.

Zur Tarnung, zum Schutz oder um abzuschrecken, könnten sie ihre feine, glänzende Schuppenhaut ähnlich wie Tintenfische oder Chamäleons in alle Farbschattierungen verändern, aber ihre Möglichkeiten seien noch wesentlich vielfältiger. Sie könnten ihre Farbe wählen, wie Menschen ihre Kleidungsstücke.

Zudem zauberten sie gerne Muster auf ihre Körper, ja, es steht sogar geschrieben, dass sie sich zum Beispiel das Aussehen eines Mauerwerks, eines Gebüsches, des Wolkenhimmels oder einer Landschaft geben könnten, um sich zu tarnen oder auch um Schabernack zu treiben. Meist aber trügen sie ganz normales Drachengrün, eine hellgrüne bis dunkelgrüne Farbe.

Eine besondere Gabe sei ihre Fähigkeit, sich durch einen Zauber gänzlich unsichtbar zu machen.

Das Schönste an ihnen seien ihre großen, strahlenden Augen, über denen zwei bunt schillernde Hörnchen aus der Stirn ragten. Wie Scheinwerfer leuchteten ihre Pupillen im Dunklen in Rot, Gelb, Orange oder Drachengrün.

Gespannt las ich weiter, dass sie, wenn sie sich ärgern, grünen, dicken Qualm durch die Nase und die Ohren pusten, die als kleine Gehöröffnungen direkt neben den Hörnern liegen. Wenn sie sehr wütend sind, was aber selten vorkommt, fauchen sie und spucken heiße, rote Flammen aus ihrem Rachen.

Gerne blasen sie sich auch auf. Das können sie wohl unglaublich gut. Sie pumpen sich zu doppelter Größe auf, indem sie Luft holen und die Hälfte davon schlucken. Kugelrund werden sie dann und können wie ein Ballon durch die Lüfte segeln, ganz ohne Flügel.

Im Wasser bewegen sie sich wie Fische und atmen wie sie. Das ist bei weiten Reisen übers Meer sehr hilfreich.

Den alten Schriften war scheinbar auch zu entnehmen, dass Zauberdrachen alle Sprachen verstehen und sprechen, auch die Sprachen der Tiere, weil sie durch ihre angeborene Zauberkraft die Gedanken der anderen sehen und sie deshalb natürlich verstehen.

Zauberdrachen beherrschen auch alle die Künste der Magie, denn mit Hilfe ihrer starken Vorstellungsgabe können sie ihre Wünsche Wirklichkeit werden lassen.

Oft haben sie in alter Zeit diese Kunst den Menschen zur Verfügung gestellt. Das taten sie immer freiwillig, ohne Gegenleistung, aus purer Freundlichkeit.

Leider geschah dann aber das Unvermeidliche:

Immer mehr Menschen versuchten nämlich, die verschiedensten Zauber von ihnen zu verlangen, ja, sie wollten sie sogar durch Androhung von Gewalt in ihren Dienst zwingen. So kam es, dass die Zauberdrachen die Menschenwelt verließen und sich auf einer Insel mitten im Ozean ansiedelten, die sie durch eine Bannmeile schützten. Sie waren nun verborgen, kein Suchender konnte sie mehr finden.

Und so kam es auch, dass die Zauberdrachen in unserer Welt nach und nach vergessen wurden, und bald glaubte kaum noch ein Mensch daran, dass sie wirklich existieren.

Für die Wissenschaftler allerdings, die die alten Schriften entdeckten und sie nun erforschen, steht fest, dass diese Zauberwesen tatsächlich leben. Sie stellten weiter fest, dass sie mit manchen Menschen, vor allem mit Kindern, immer wieder in Kontakt treten. Sie kommen auch heute noch in deren Träume. Im Traum sprechen sie zu ihnen, geben Rat und bieten Hilfe an, oder nehmen sie mit in ein lockendes Abenteuer. Und wer im Traum mit ihnen unterwegs war, kann sicher sein, dass dieser Traum auch wahr wird.

Im Bauch des Schiffes

Vor langer, langer Zeit flog ein Zauberdrache übers weite Meer. Es war eine Drachenfrau, und sie war unterwegs zur Dracheninsel, weil sie drei Eier in ihrem Bauch trug und wollte, dass ihre Kinder dort das Licht der Welt erblicken. Für alle Drachenkinder ist es am besten, auf der Dracheninsel aufzuwachsen, es gibt dafür keinen schöneren Ort.

Der Flug war anstrengend, denn ein starker Wind trieb sie immer wieder weit von ihrer Route ab. So beschloss sie, ihren Weg im Wasser fortzusetzen. Aber als sie durch einen heftigen Windstoss hart auf die Wellen plumpste, verlor sie im bewegten Wasser eines ihrer Eier. Es sank sofort und verschwand blitzschnell im Strudel der Fluten.

„Jetzt habe ich mein Kind verloren!“, weinte die Drachenfrau verzweifelt. Panisch tauchte sie nach dem Ei, schwamm hierhin und dorthin, peitschte mit dem Schwanz die Wellen auf, spähte und griff nach allen Seiten. Ihre Mühe war umsonst, das Ei blieb verschwunden. So zog sie traurig nach langem Suchen weiter, der Dracheninsel zu.

Das Ei aber trudelte immer tiefer und tiefer zum Meeresgrund hinab, bis es an einer weichen Stelle im sandigen Schlamm liegen blieb. Es sank hinein, und bald war nur noch ein kleiner Hügel zu sehen, dort wo es lag. Das Drachenbaby aber schlief im Ei lange Zeit behaglich in seiner Eihülle und träumte von einem schönen Drachenleben. Es sah sich selbst mit anderen Drachenkindern auf den weichen Wiesen der Dracheninsel spielen und lachen, im Traum erfuhr es von den erstaunlichen Fähigkeiten der Zauberdrachen und es träumte davon, selbst einmal ein guter und starker Zauberdrache zu werden.

Vielleicht hätte der kleine Drache noch ewig weiter geschlafen, wenn er nicht eines Tages durch Zufall geweckt worden wäre.

Es geschah nämlich, dass ein großes Frachtschiff auf dem Meer in einen schrecklichen Sturm geriet, auseinanderbrach und sank. Die Männer der Besatzung konnten sich in letzter Minute in die Boote retten. Sie trieben mehrere Tage orientierungslos auf dem Wasser, bis sie endlich ein Marineschiff rettete. Ihr Schiff aber war verloren. Es lag zerstört auf dem Meeresgrund, ganz in der Nähe des kleinen Hügels über dem Drachenei.

Beim Aufprall aber hatte sich in einem Teil des Schiffes eine große Luftblase gebildet, die Beleuchtung schaltete sich ein, und aus einem Radio ertönten Musik und Stimmen. Es waren laute Stimmen und Geräusche, die sich allmählich in die Träume des Drachenbabys schlichen und es beunruhigten. Es erwachte, lauschte gespannt und verspürte plötzlich den zwingenden Wunsch, seine Eihülle jetzt zu verlassen. „Was ist da los? Ich will hier raus!“, dachte es und stemmte sich mit aller Kraft gegen die Eischale. Eine mühsame Arbeit war das, aber der kleine Drachenjunge gab nicht auf. Endlich knackste es laut, ein langer Riss war in der Schale entstanden. Jetzt ging es natürlich leichter, ein Stück nach dem anderen brach ab, und das Baby konnte aus dem Ei herausschlüpfen. Zuerst reckte und streckte es sich und sah sich verwundert um. Dann machte es vorsichtige Schwimmbewegungen, die es vorwärts brachten, den Geräuschen und dem Licht zu.

Durch eine Bresche* in der Schiffswand gelangte das Drachenkind in das Innere des Wracks und fand auch bald den hell erleuchteten Raum, in dem das Radio stand. Die fröhliche Musik gefiel ihm sehr gut, und es machte sich mutig daran, alles im Raum zu erkunden.

Gespannt durchstöberte es auch die nächsten Räume und die Schränke darin. Dabei entdeckte es in einem Regal viele kleine goldene Päckchen. Es riss eines auf und roch - oh, das roch gut! Es hatte Schokoladenkekse gefunden! Sie waren nass und aufgeweicht, aber schmeckten ihm sehr gut. Aus der Kombüse*, die mit Scherben übersät war, nahm es nur einen großen Stoffbeutel mit. Ihm gefiel das Bild, das darauf gedruckt war, ein lachendes Mausgesicht.

Im Frachtraum des Schiffes, das wohl ein Kühlschiff gewesen sein musste, fand der kleine Drache allerlei Essbares, vor allem Früchte. Bananen, Ananas, Walnüsse, Äpfel und Weintrauben, daneben viele Backwaren. Hier im Bauch des gesunkenen Schiffes hatte der Drachenjunge seine erste Heimat gefunden. Das Radio leistete ihm Gesellschaft, und die Vorräte an Essbarem, die er im Schiff fand, hätten für viele Drachenkinder ausgereicht. Er richtete sich neben dem Radio einen bequemen Schlafplatz ein und war mit sich und seinem Schicksal zufrieden.

Niemand weiß natürlich, wie lange er auf dem Meeresgrund lebte. Waren es Monate oder Jahre?

Sicher ist nur, dass Drachenkinder, wie alle Tierkinder, schnell wachsen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch er schnell wuchs, und bald schon recht groß und stark geworden war.

Dings und Zaubertgut

Auf seinen Streifzügen durch das Schiff entdeckte er viele Fotografien an den Wänden der Flure. Meist waren darauf Seemänner abgebildet, die den Drachenjungen streng und stolz ansahen.

Er fürchtete sich zuerst sehr vor ihren Augen, aber als sie ihn immer nur gleich anglotzten, verflog seine Angst bald, und er bekam Lust, sie zu ärgern. Immer wieder hüpfte er übermütig an ihnen vorbei, streckte die Zunge heraus oder äffte sie nach, indem er die Brust herauswölbte, das Kinn reckte und sie hart und frostig anstarrte.

Aber als er eines Morgens einen weiteren Teil des Schiffes erkunden wollte, geschah es, dass er sich selbst plötzlich in einem Spiegel auf sich zuhüpfen sah. Erschrocken fuhr er zurück und versteckte sich hastig hinter einer kaputten Tür. „Wo kommt der denn her? Hoffentlich tut mir der nichts!“, durchfuhr es ihn heiß. Er lauschte angestrengt, und als sich nichts rührte, näherte er sich dem Spiegel ganz langsam und sehr leise. Beim Näherkommen blickte er in ängstlich aufgerissene, große Augen. Er winkte vorsichtig lächelnd, um das fremde Wesen zu beruhigen, und natürlich auch, um sich selbst Mut zu machen. Das Wesen winkte zurück. Mutiger geworden, streckte er lustig die Zunge heraus, das Wesen tat das auch. Er wackelte mit dem Bauch, das Wesen wackelte auch mit dem Bauch. Er kniff ein Auge zu, das Wesen tat das auch. Schließlich traute er sich, seine Finger nach ihm auszustrecken - und berührte den glatten, kalten Spiegel. Jäh fuhr er zurück, und blieb reglos stehen. Seine Gedanken überschlugen sich, er war total verwirrt. Er starrte lauernd in den Spiegel und zischte: „Ich warne dich! Ich bin ein Zauberdrache! Ich kann dich fertigmachen, pass bloß auf!“ Nichts passierte, außer dass er seine Sprechbewegungen im Spiegel beobachten konnte.

Langsam begriff er und keuchte verdutzt: „Ja, du große Drachenrotzkugel! Das da, das bin ja ich! Ich hab mich verdoppelt, wie krass ist das denn? Das da, das ist… ein Zauberdings! Das kann alles, was ich kann! Nicht nur blöd glotzen wie die an der Wand! Nur…, wie kann das sein, dass ich hier stehe und dort auch?“, grübelte der kleine Drache. “Keine Ahnung! Tatsache ist, ich bin zaubermäßig verdoppelt! Wahrscheinlich hab ich selbst das Dings irgendwie aus Versehen gezaubert. Na ja, egal, ich komm schon noch drauf, wie ich das gemacht habe! Einmal muss ich ja mit dem Zaubern anfangen als Zauberdrache! Pass mal auf, du Dings!“, wandte er sich wieder dem Spiegel zu. „Ich nenn mich von jetzt an Zaubertgut, denn wie man sieht, zaubere ich gut! Und du bist mein Doppeldings. Ich nenne dich Dings, ok?“ Und was soll man sagen? Zaubertgut und Dings nickten einander einträchtig mit dem Kopf zu.

„Und gut sehen wir aus, mein lieber Dings!“, lachte der Drachenjunge, während er witzige Faxen, Grimassen und Sprünge vor dem Spiegel machte.

„Was ist das Schönste an uns? Was meinst du? Sind es unsere violetten Augen mit den orangefarbenen Pupillen und den schillernden Hörnchen, die uns aus der Stirn wachsen? Oder ist es unsere glänzende, grüne Schuppenhaut mit den dunkelgrünen Punkten, oder vielleicht sind es doch eher unsere schillernden Finger- und Fußkrallen in diesem starken Blau?“ Und während er sich auf den Bauch klatschte schrie er: „Vielleicht ist es aber auch unser kugelrunder Bauch, der tatsächlich richtig was hermacht? Na ja, und der Schwanz mit dem blauen Zackenmuster ist schließlich auch sehr beeindruckend! Was sagst du? Alles an uns ist schön? Recht hast du, das finde ich auch! Also dann, bis morgen, lauf ja nicht weg!“

Regelmäßig besuchte Zaubertgut Dings von nun an. Zuerst fand er ihn sehr lustig, weil er ja alle seine eigenen Späße an ihm beobachten konnte. Aber weil Dings nur das machen konnte, was er selbst tat, wurde ihm dieses Spiel bald langweilig, und er sehnte sich immer mehr nach echter Gesellschaft, oder noch besser, nach einem richtigen Freund.

Ein folgenschweres Interview

Eines Morgens, als Zaubertgut gerade die Nachrichten hörte und dabei Äpfel mit Nüssen knabberte, hielt er plötzlich den Atem an, als er den Nachrichtensprecher sagen hörte:

„Und nun Interessantes und..“ hier machte der Sprecher eine vielsagende Pause, „Märchenhaftes aus Wissenschaft und Forschung. Zu Gast ist heute im Studio Frau Prof. Dr. Philomena Frances, die sich in ihrer Arbeit mit Prähistorischen Tieren* beschäftigt, sie ist nämlich die berühmte Drachenforscherin.

„Frau Professor, wie sind sie denn auf dieses außergewöhnliche Gebiet der Forschung gestoßen?“

„Nun, wie sie ja wissen,“ antwortete Philomena Frances, „war und ist mein Spezialgebiet die Erforschung Prähistorischer Tiere. Meine Teams werten unter meiner Leitung Versteinerungen und Knochenfunde aus, die man bei Bauarbeiten oder gezielten Grabungen findet, rekonstruieren einen möglichen Körperbau, ziehen Rückschlüsse auf die Lebensweise der Tiere, ihre Nahrung und vieles mehr.“

„Haben sie denn in jüngerer Zeit neue Erkenntnisse dazu gewonnen?“

„Ja, und ob, das will ich meinen. Australische Forscher haben unterhalb des Great Barrier Reef* prähistorische, fischartige Lebewesen entdeckt, also prähistorische Tiere, die jetzt leben! Jetzt, in der Gegenwart! Verstehen sie, was das bedeutet? Es ist eine Sensation! Ich habe die spektakulären Aufnahmen selbst gesehen, die mit ferngesteuerten Kameras gemacht wurden!“

„Und wie will man da weiter verfahren? Wie wertet man diese Entdeckungen aus?“

„Jetzt setzt man das Procedere* der Forschung in Gang. Um mehr über diese Tiere zu erfahren, muss man ihrer erst habhaft werden. Deshalb lockten die australischen Wissenschaftler sie mit einem Köder an und sind nun in der glücklichen Lage, sie erforschen zu können. Wenn sie erst einmal untersucht sind, werden wir viel über diese unbekannte Spezies* und ihr Ökosystem* erfahren können.“

„Hier handelt es sich ja um lebende Tiere, aber was ist mit den sogenannten Zauberdrachen, über die sie in einschlägigen Fachzeitschriften berichten?“

„Diese Berichte haben ein festes, wissenschaftlich überprüftes Fundament. Ich habe mit meinem Team endlich die geheimen Schriften über Zauberdrachen vollständig entschlüsseln können. Natürlich nahm man an, sie seien längst ausgestorben. Aber die Entdeckungen der australischen Forscher zeigen doch, dass es möglich und sehr wahrscheinlich ist, dass prähistorische Tiere, also auch die Zauberdrachen existieren. Sie leben mit ziemlicher Sicherheit auf der Dracheninsel, die sie irgendwo im Ozean unauffindbar gemacht haben, um sich zu schützen.“

„Warum sind sie sich ihrer Vermutung so sicher?“