Zebra im Krieg - Vladimir Vertlieb - E-Book

Zebra im Krieg E-Book

Vladimir Vertlieb

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Beschreibung

Liebevoller Vater und wütender Hassposter: Paul ist beides, und als er im Netz bloßgestellt wird, kämpft er um seine Würde, Familie – und sein Leben. Mit der Geschichte von Paul Sarianidis gelingt Vladimir Vertlib in "Zebra im Krieg" ein meisterhaft ironischer, jedoch stets von Zuneigung und Humanität erfüllter Blick in menschliche und politische Abgründe: Paul lebt mit seiner Familie in einer vom Bürgerkrieg heruntergewirtschafteten osteuropäischen Stadt am Meer. Als er arbeitslos wird, verstrickt er sich immer tiefer in die wüsten Debatten, die in den Sozialen Medien toben. Doch eines Tages wird Paul von Boris Lupowitsch, einem Rebellenführer, den er im Internet bedroht hat, verhaftet. Lupowitsch rechnet mit ihm vor laufender Kamera ab. Paul wird verhöhnt und gedemütigt, das Video millionenfach gesehen. Wie kann er mit dieser Schande weiterleben?

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Vladimir Vertlib

Zebra im Krieg

Roman

Nach einer wahren Begebenheit

Wir danken für die Unterstützung

© 2022 Residenz Verlag GmbH

Salzburg – Wien

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

www.residenzverlag.com

Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Boutiquebrutal.com

Lektorat: Jessica Beer

ISBN eBook 978 3 7017 4673 6

ISBN Print 978 3 7017 1752 1

Inhalt

TEIL 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

TEIL 2

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Zitatnachweis

TEIL 1

1

Aus der Ferne sehen sie harmlos aus: Sterne, die um die Wette laufen, eine rasende Lichterkette, die das Firmament erhellt und die Welt zum Glitzern bringt. Das Licht in der Wohnung kann man ausschalten und die Vorhänge zuziehen, doch erhöht das kaum das Gefühl von Sicherheit. Der Lärm lässt sich nicht abstellen: ein Knurren und Heulen wie von aufgeschreckten Raubtieren, wie das Stöhnen eines Betrunkenen im Schlaf oder das Auf- und Abschwellen einer heiser gewordenen Sirene. Ein Krieg im Stimmbruch.

Als die Geräusche näher kommen, kriecht Lena in Pauls Bett, schlingt die Arme um seinen Oberkörper, presst den Kopf an seine Brust und flüstert: »Papa, wenn wir sterben, dann zusammen. Allein sterben will ich nicht.«

»Unsinn!«, sagt Paul und streicht der Tochter durchs Haar. »Du bist doch schon ein großes Mädchen. Es ist nicht die erste Nacht, dass sie schießen. Niemand wird sterben. Jedenfalls nicht hier und nicht heute.« Er gibt sich Mühe, die Angst des Kindes, vor allem aber seine eigene, zu bannen, und versucht vergeblich, seiner Stimme die nötige Festigkeit zu geben. »Sie sind immer noch weit weg. Wenn es wirklich gefährlich werden sollte, gibt es sofort Alarm. Schließlich haben wir eine Einsatzzentrale …«

»Ach, Papa, sei nicht doof«, flüstert das Kind, schmiegt sich noch fester an ihn, krallt sich an seinem Rücken fest. »Du weißt doch, dass dort nur Debile herumsitzen.«

»Ich will nicht, dass du solche Wörter verwendest«, ermahnt er sie, aber er weiß, dass er keine Chance hat.

»Frau Bona sagt …«

»Schon gut«, unterbricht er sie. »Ich weiß, was deine Lehrerin redet. Aber nein, sie hat unrecht: Es sind nicht alle Menschen außer ihr selbst dumm und verkommen. Und den Ausdruck debil streichen wir ab sofort aus unserem Wortschatz.«

Auf einmal hört man die ersten Einschläge – dumpf, in kurzen Abständen und immer lauter werdend. Das ist neu. Sie sind näher als je zuvor. Das Kind schluchzt. »Heute Nacht ist nicht wie gestern oder vorgestern, heute habe ich wirklich Angst«, murmelt Lena mit weinerlicher Stimme. »Ganz in echt.«

»Stell dir vor, es ist nur ein Gewitter«, sagt Paul und streichelt wieder über ihren Kopf. »Göttervater Zeus reist auf seinem von vier Himmelspferden gezogenen Wagen durch die Lüfte, schickt Blitz und Donner herab auf die Stadt, und bald schon kommt der Regen, den wir so dringend brauchen. Bald werden wir wieder sauberes Wasser haben. Wir bringen Zeus ein Opfer dar.«

»Ach, Papa! Was redest du denn für einen Quatsch?!« Auf einmal ist Lenas Stimme wieder lauter und klingt fast wie die einer Erwachsenen. »Zeus gibt’s doch nur im Kinderbuch. Das ist nicht Zeus, sondern ein WS-1B. Wenn’s nur ein WS-1 wäre, hätte ich keine Angst. Aber WS-1B schießen viel weiter. Geschwindigkeit: Mach 5. Reichweite: 180 Kilometer. Jedes Geschoss: 150 Kilogramm schwer. Was ist dein Zeus mit seinen Blitzen dagegen? Etwas für Babys, die noch an den Weihnachtsmann glauben.«

»Sei nicht so altklug«, murmelt Paul verstört und ist dennoch beeindruckt von seiner Tochter. Im April ist Lena zwölf Jahre alt geworden, doch seit Beginn der Krise vor zwei Monaten wirkt sie auf ihn viel reifer.

Als die Vororte der Stadt das erste Mal mit Raketen beschossen wurden, hatte Paul dies noch als großes Drama erlebt. Mit seiner Frau, der Tochter und seiner Mutter lief er die vier Treppen hinunter in den Keller. Dort traf er sämtliche Nachbarn und einige zufällige Passanten – Menschen, die das Schicksal an diesem Tag zu dieser Abendstunde in diese Straße und genau in der Minute, als der Beschuss begonnen hatte, vor dieses Haus verschlagen hatte.

Damals hielt Lena sich die Hände vor das Gesicht, als könnte sie damit die Welt um sich herum verbergen. Pauls Frau, eine Ärztin, meinte trocken, sie müsse ins Krankenhaus, in einer halben Stunde beginne ihre Schicht, aber er ließ sie nicht gehen. Die Mutter erinnerte sich an ihre Eltern und an deren Erzählungen vom letzten großen Krieg, bis man sie bat, die Klappe zu halten. In diesem Augenblick wollte das niemand hören.

Als die Kellertür von innen verschlossen wurde, verstummten alle und ließen sich auf den Holzbänken nieder, die einige Tage zuvor hastig in den Gang geschoben worden waren, der zu den Kellerabteilen führte. Im fahlen Licht der einzigen noch funktionierenden Neonröhre sahen die Gesichter der Menschen schmal, verbraucht und gespenstisch aus. Als das Heulen der Granatwerfer lauter wurde, als würde eine Meute hungriger Wölfe das Haus umkreisen, verzerrten sich die Gesichter, wurden zu Karikaturen ihrer selbst, zu Fratzen aus der Finsternis, Dämonen der Angst. Und als das Licht auf einmal zu flackern und die Neonröhre zu summen begann, musste Paul an die Flagellantenprozession von Francisco de Goya denken. Eine Abbildung dieses Gemäldes hatte er vor gut zehn Jahren durch Zufall im Internet entdeckt und sich davon sofort angesprochen gefühlt, mit einer Mischung aus Schaudern und Begeisterung, Ekel und Lust hatte er seinen Blick nicht davon losreißen können. Bis dahin hatte er sich kaum für Kunst interessiert und noch nie etwas von diesem spanischen Maler gehört. Inzwischen hatte er einige Bücher über Goya gelesen, Spielfilme und Dokumentationen gesehen, und wenn er die Augen schloss, konnte er dessen Bilder aus dem Gedächtnis erstehen lassen – so klar und scharf und voller Details, als hätte er sie selbst erdacht und gemalt.

Nach der Entwarnung waren alle so schnell wie möglich hinaus auf die Straße gelaufen. Sie machten den Eindruck, als seien sie nur knapp dem Erstickungstod entronnen, und auch Paul sog die frische Abendluft und den Duft des Frühlings ein, wie er es noch nie getan hatte, er füllte seine Lungen, bis sie zu platzen drohten, ertastete mit der rechten Hand in der Außentasche seiner Jacke eine Zigarettenschachtel, zog nach einem kurzen Augenblick des Zögerns die Hand zurück, ließ die Schachtel, wo sie war, umarmte Lena, hob sie hoch und rezitierte, besser gesagt, flüsterte – so leise, dass es außer Lena niemand hören konnte – ein bekanntes Gedicht, das er einst in der Schule gelernt hatte: »Nichts kann ich dir schenken, nur meine Liebe, Angst und Schreck. Nichts habe ich zum Trösten, doch einmal gehen wir weg. Du hörst, was ich dir sage, wenn andere hören kein Wort. Einmal gehen wir beide weit, sehr weit von hier fort.«

2

Was für eine Stadt! Vor den Kämpfen, bevor die Kontrahenten ihre Transparente, Fahnen und Megafone gegen automatische Waffen und Granatwerfer tauschten, hätte sie eine Perle des Tourismus werden können. Neben Sehenswürdigkeiten, Museen und malerischen Gassen gibt es wunderschöne Sandstrände, Wander- und Radwege und eine Fußballmannschaft, die regelmäßig internationale Erfolge feiert. Vor der Corona-Krise hätten sogar chinesische Gruppen hier für ein paar Stunden eine Pause einlegen und Kreuzfahrtschiffe im alten Hafen vor Anker gehen können, wenn die Stadt nicht von den Mächtigen – der Stadtverwaltung, dem Gouverneur, den Bezirksvorstehern und den diese Clique finanzierenden finsteren Gestalten, die jeder kennt, aber niemand beim Namen nennt – völlig verschissen worden wäre. Das sagen alle und verwenden exakt diesen Ausdruck: verschissen und runtergespült! – Worte, die man an Hauswänden, Mauern und Zäunen überall in der Stadt lesen kann, genauso wie in diversen Accounts, auf Plattformen und in Netzwerken im Internet, meist kombiniert mit Schmähungen und Bezeichnungen menschlicher und tierischer Geschlechtsteile und Exkremente. Schon seit langem ist die Stadt für die kreative Gestaltung ihrer Außenflächen berühmt: kein Straßenbahnwaggon und kein Oberleitungsbus, der nicht eine Mischung aus Plakatwand und modernem Kunstwerk wäre – jugendfrei ab 18 Jahren. Für die Reinigung fehlt der Stadt angeblich das Geld.

Kein Wunder, dass Lena eine derbe Zunge hat, denkt Paul. Kürzlich hat sie einen Nachbarn, den alten Zollbeamten außer Dienst aus dem zweiten Stock, als »Kinderficker« bezeichnet. So, wie er sie anschaut, wenn sie sich im Stiegenhaus oder auf der Straße begegnen, liegt sie wahrscheinlich nicht so falsch. Trotzdem ist Paul schockiert über die Ausdrucksweise seiner Tochter. Seine Frau reagiert gelassener. Das Kind wisse doch gar nicht, was dieser Ausdruck bedeute, sagt sie, und Pauls Mutter meint, in Zeiten, in denen anständige Menschen den Verstand verlieren und zu Mördern werden, seien Kinderficker das kleinere Übel, besonders dann, wenn sie nur in der Gestalt eines Schimpfwortes auftreten.

Gegen Mitternacht schläft Lena endlich ein. Vorsichtig löst sich Paul aus ihrer Umarmung, lässt sich langsam aus dem Bett gleiten, sehr darauf bedacht, das Kind nicht zu berühren oder durch eine unachtsame Bewegung, das Anstoßen am Bettgestell oder an einem der Stühle im Zimmer, wieder aus dem Schlaf zu reißen. Dann umkreist er auf Zehenspitzen das Bett, überlegt kurz, ob er Lena zudecken soll, beschließt, es sei warm genug im Raum, geht zum Fenster, zieht einen der Vorhänge zurück – einen Spalt nur, gerade einmal so weit, um hinausschauen zu können …

Seit einer Woche herrscht Verdunkelungspflicht. Die Nacht ist mondlos, finster, und nur wenn man sich auskennt und genau hinschaut, kann man dort, wo es noch schwärzer als schwarz ist, den Hafen und das Meer vermuten. Zwischen der Großen Mole und dem Zwinger, der mittelalterlichen Festung auf der karstigen Landzunge, haben die noch intakten Reste der nationalen Marine einen Kordon gebildet. Fünf Schiffe sind es. Ihre Kanonen sind nicht hinaus aufs Meer, sondern auf die Stadt gerichtet – bereit, die Innenstadt und die umliegenden Viertel in Schutt und Asche zu legen, wenn die Aufständischen einmarschieren sollten.

Die Granatwerfer haben aufgehört, auf die Vororte und Hügelrücken rund um die Stadt ihre tödlichen Geschenke abzuladen. Der Donner wird trotzdem lauter. Es dauert einige Zeit, bis Paul begreift, dass seine Geschichte über Zeus offenbar ein Stückchen Wahrheit enthalten hat. Es handelt sich tatsächlich um ein Gewitter. Der Regen beginnt gegen die Fensterscheiben zu trommeln. Mehrere Blitze erhellen die Stadt und tauchen das Zimmer trotz der zugezogenen Vorhänge in ein käsig blasses Zwielicht, sodass Paul Lenas blonden Haarschopf und ihre linke Hand erkennen kann, die schlaff über die Bettkante hinunterhängt, und es scheint ihm, als würde diese Hand sich demnächst vom Körper lösen und wie ein weißes Tuch zu Boden fallen. Für den Bruchteil einer Sekunde, die Dauer eines halben Atemzugs nur, sieht er die ganze Stadt, als wäre sie ein Ort unsichtbarer Gespenster, verborgener Monster und verdrängter Albträume, längst untergegangen, im Meer versunken: Rechts liegt der Hafen mit seinen rostigen Kränen und endlosen, größtenteils nutzlos gewordenen Docks, links die bewaldeten Hügel mit dem felsigen Bergrücken im Hintergrund, dazwischen die Haupt-, die Flotten- und die Siegesstraße (benannt nach einem Sieg in einem längst vergessenen Krieg aus dem vorletzten Jahrhundert) mit ihren neoklassizistischen Bauten – dem Großen Operntheater, dem Theater für Drama und Ballett, dem Rathaus mit seiner berühmten Säulenhalle, dem Marine-Institut, dem ehemaligen Gouverneurspalast, der Synagoge, der alles dominierenden Marienkathedrale und der alten Börse mit der markanten Kuppel, die an den Bauch einer auf dem Rücken liegenden schwangeren Gigantin erinnert. Die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und der vor fünfzig Jahren restaurierten, inzwischen aber wieder baufälligen Moschee. Das von Touristen noch unentdeckte Kleinod erinnert an die orientalische Vergangenheit des Ortes. Vor hundertneunzig Jahren wurde der repräsentative Hauptplatz geschaffen, in dessen Mitte wiederum fünfzig Jahre später das große marmorne Denkmal jener Kaiserin errichtet wurde, unter deren Herrschaft die Region in einem der längsten Kriege des 18. Jahrhunderts erobert und die Stadt zur lokalen Metropole ausgebaut wurde.

Zweihundert Jahre lang war die Stadt Magnet und Schmelztiegel geblieben, Sündenpfuhl, Sprachenbabel und Sehnsuchtsort für Menschen aus der Region und von weit her, für In- und Ausländer – für Italiener und Griechen, Türken und Russen, Araber und Deutsche, Armenier, Roma, Franzosen, Rumänen, Georgier, Tataren und viele andere mehr, Christen, Moslems und Juden, vor allem aber für Menschen, die an den Handel und das schnelle Geld oder die große Karriere auf der Bühne glaubten. Ein libanesischer Reedereibesitzer errichtete im Jahre 1908 das Wahrzeichnen der Stadt: den großen Uhrturm im Stil eines venezianischen Campanile, der am Eingang zum Hafen steht – mit sieben Uhren an der Spitze, die einst die Zeit an verschiedenen Orten der Welt anzeigten, doch schon seit Jahrzehnten nicht mehr funktionieren. Paul selbst zählt neben Kopten, Ukrainern, Spaniern und einigen anderen vor allem Griechen zu seinen Vorfahren, davon zeugt auch sein Nachname Sarianidis. Natürlich spricht er kein Wort Griechisch.

Früher versperrten die Masten unzähliger Segelschiffe die Sicht auf das Meer. Zehntausende Gaslampen machten die Nacht zum Tage. In den Theatern, Varietés und Nachtclubs war zu jeder Jahreszeit Hochsaison, und in den Druckereien wurden täglich Zeitungen in sechzehn Sprachen gedruckt. Doch das ist lange her. Heute wirkt die Stadt wie eine Frau, die vor sehr langer Zeit einmal ein Star war und heute, als Greisin, immer noch gerne die Reste ihrer alten Kleider anzieht, Schminke und Lippenstift aufträgt und von den vergangenen Zeiten auf der Bühne schwärmt.

Paul liebt seine Stadt. Bevor er Vater wurde, hatte er nie erwogen, die Stadt zu verlassen, auch wenn er in der Hauptstadt in seinem Beruf als Flugzeugingenieur das Doppelte verdienen könnte, in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder Schweden wohl das Zehnfache. Die notwendigen Arbeitsbewilligungen und Aufenthaltsgenehmigungen würden sich, wenn es nicht anders geht, käuflich erwerben lassen. Auf dem Schwarzmarkt lässt sich alles kaufen. Da ist seine Stadt immer noch ein Handelszentrum von Weltrang.

Nach Lenas Geburt wurde das Thema Umzug im Familienrat, dem auch Onkel, Tanten, Schwägerinnen und Schwager angehören, erwogen und wieder verworfen. Pauls Frau konnte ihre pflegebedürftige Großmutter, die erst drei Jahre später sterben sollte, nicht zurücklassen. Pauls Mutter ließ ihre Beziehungen spielen und versprach, einen Kindergartenplatz für Lena zu organisieren, wenn diese zwei Jahre alt sein würde. Das wichtigste Argument für den Verbleib in der Stadt aber war die Wohnung, die Pauls Mutter von einer Großtante zweiten Grades geerbt hatte, als er noch ein Kleinkind war: eine Dreizimmerwohnung mit geräumiger Küche und eigenem Badezimmer im zweiten Stock eines noblen, gutbürgerlichen Hauses aus dem 19. Jahrhundert, in einer von Kastanien gesäumten Straße, die auf den »Hausberg« der Stadt hinaufführt, ein Hügel, von dem sich ein atemberaubender Blick auf die gesamte Innenstadt, den Hafen, die Berge und das Meer öffnet. Wer gibt so etwas Wertvolles in Zeiten von Krisen aller Art und globaler Wohnungsnot schon auf!?

Wie konnte es nur so weit kommen?, denkt Paul, während er mit einer Mischung aus Rührung und Angst seine schlafende Tochter betrachtet. Bei jedem Blitz sieht er die Umrisse ihres Kopfes als Schatten im bläulichen Licht an der Wand. Er denkt zurück an die Zeit, als er sie als Baby in seinen Armen gehalten hat, erinnert sich noch genau an die Tage, als sie ihre ersten Schritte machte, als sie das erste Mal »Papa« sagte, als er sie in den Kindergarten brachte, als sie mit leuchtenden Augen nach ihrem ersten Schultag nach Hause kam und nicht auf hören konnte zu erzählen – unzusammenhängend, schnell, nach Luft schnappend, so euphorisch und selbstvergessen, dass Paul und seine Frau gebannt lauschten und immer wieder nachfragten, nachfragen mussten, und schließlich genauso elektrisiert, fasziniert und glücklich waren wie die Sechsjährige.

Inzwischen gibt es in der Schule jeden zweiten Tag Raketenalarm. Dann müssen alle Kinder in den Luftschutzkeller. Im Nachbarviertel hat die Grundschule einen Volltreffer abbekommen. Es gab Tote und Verletzte.

Wie konnte es, fragt sich Paul, zu diesem dummen Krieg kommen, der von den Behörden immer noch als Aufruhr bezeichnet wird, während der Einsatz der Armee angeblich nichts weiter als eine EPA, eine Erweiterte Polizeiaktion, sein soll? Nicht einmal der Ausnahmezustand wurde eingeführt, geschweige denn eine allgemeine Mobilmachung angeordnet. Warum ist er mit seiner Familie nicht rechtzeitig geflüchtet? Warum? Und warum nimmt seine Frau alles so gelassen hin und fährt – wie auch diese Nacht – ohne Zögern ins Krankenhaus, wenn sie dort gebraucht wird?

Er legt sich neben seine Tochter auf jene Seite des Bettes, wo üblicherweise seine Frau schläft, schließt die Augen und genießt die Stille, die jetzt nur mehr vom Geräusch des Regens und vom Schnarchen seiner Mutter, das aus dem Nebenzimmer zu ihm dringt, unterbrochen wird. Warum?, schießt es ihm noch einmal durch den Kopf und gleich darauf Wir werden sehen! und der bekannte Spruch: Der Morgen ist klüger als der Abend. Dann schläft er ein.

3

»Papa, es ist Frieden!«

»Red keinen Unsinn! Wieso soll auf einmal Frieden sein?«

»Weil man überhaupt keine Schüsse mehr hört!«

»Na und? Gestern haben wir nach dem Aufwachen auch keine Schüsse gehört …«

»Aber heute ist dieses Nichthören irgendwie, irgendwie …«

»Was?«

»Irgendwie viel nichthöriger als sonst«, verkündet Lena mit ernster Stimme.

»Du meinst ruhiger.«

»Das wäre etwas ganz anderes«, meint sie. »Dann hört man ja nicht einmal mehr die normalen Sachen.«

Seit der Flughafen zur Kampfzone geworden ist, hat Paul keine Arbeit mehr. Wie das gesamte Bodenpersonal ist auch er auf unbestimmte Zeit und bei halben Bezügen beurlaubt und wartet auf den Wiederaufbau des inzwischen völlig zerstörten Flughafens und auf dessen Wiedereröffnung nach dem Ende der EPA. Böse Zungen behaupten, das werde erst geschehen, wenn Leute wie Paul längst das Rentenalter erreicht haben. Aber es gibt zu viele böse Zungen in und außerhalb der Stadt, als dass ihnen Paul noch Beachtung schenken würde.

Das heißt nicht, dass Paul nun länger schlafen könnte. Seine Tochter weckt ihn immer – auch an jenen Tagen, an denen sie keine Schule hat – spätestens um sieben Uhr morgens. An diesem Samstagmorgen scheint sie nach den Aufregungen des vergangenen Abends jedoch so erschöpft zu sein, dass sie ihren Vater erst um Viertel vor acht aus dem Schlaf rüttelt.

Paul schaut aus dem Fenster und entdeckt einen atemberaubend schönen Frühlingsmorgen: kein Wölkchen mehr am Horizont, unten auf der Straße blühen die Kastanien; auf der verfallenen Treppe, die im Zickzackkurs durch die immer dichter werdende Macchia vom Hügel in die Innenstadt hinunterführt, spielen Kinder, so ausgelassen und selbstvergessen, als hätte es den »Aufruhr« und die »erweiterte Polizeiaktion« nie gegeben; ein Oberleitungsbus fährt vorbei, langsamer als sonst, beinahe gemütlich, von oben sieht er wie ein Riesenbüffel mit langen Hörnern aus, seine Räder quietschen in der Kurve hinter dem Haus und verstummen an der Haltestelle; die – überraschend wenigen – Passanten gehen erhobenen Hauptes ihrer Wege, ohne sich innerlich zu ducken, was in letzter Zeit fast immer ihre Wesensart gewesen war. »Das Kriechen ist keine Frage des aufrechten Ganges«, sagt Pauls Mutter. »Als die Schlange Eva im Paradies verführte, hatte sie noch Arme und Beine, aber sie war trotzdem schon damals eine Schlange.«

Und zu alledem kommt der salzige, frische Duft einer morgendlichen Brise, befreiend, lungenfüllend, ohne den markanten Geruchscocktail von Sprengstoff, Kerosin, Gummi, Kunststoff und verbranntem Fleisch.

»Geil! Als wäre nichts gewesen!«, sagt Paul fröhlich und erstaunt zugleich, während er sich im Wohnzimmer an den Tisch setzt. Seine Mutter hat das weiße Tischtuch mit den goldfarbenen Stickereien ausgebreitet und das Silberbesteck ihrer Großeltern hervorgeholt. Das ist ungewöhnlich.

»Ist heute ein Feiertag?«, fragt Paul.

»Nein, aber ich habe ein gutes Gefühl«, sagt sie. »Alles wird besser. Der Herrgott möge uns helfen.«

Paul hat noch nie erlebt, dass seine Mutter gesagt hätte, alles werde besser. Vielmehr kennt er von ihr vor allem Sätze wie »Wir werden sehen« oder »Kommt Zeit, kommt Rat«.

»Alles wird besser?«, fragt er seine Mutter ungläubig, angenehm überrascht, aber auch neugierig, was den plötzlichen Sinneswandel seiner Mutter bewirkt hat, die in den vergangenen Wochen kaum einmal aus einem Zustand von Niedergeschlagenheit und Zynismus herausgekommen ist.

»Meine liebe Eva, du überraschst mich immer wieder«, bemerkt Pauls Frau.

»Ich bin meiner Depression einfach müde geworden, sie geht mir auf die Nerven«, meint Pauls Mutter und lacht. »Entweder man ertrinkt oder man taucht wieder an der Oberfläche auf.«

»Wir freuen uns.«

»Freu dich nicht zu früh, Flora. Vielleicht ist das ja nur die Ruhe vor dem Sturm.«

»Nun ist sie wieder sie selbst«, flüstert Paul.

»Was hast du denn gedacht?«, fragt seine Frau. »Wunder gibt es nur in der Telenovela.«

»Apropos Tele«, sagt Paul mit fröhlicher Stimme. »Lena, schaltest du bitte den Fernseher ein; schauen wir, ob der Krieg wirklich zu Ende ist.«

»Leute, ich geh’ schlafen«, erklärt Pauls Frau. »Ich bin hundemüde, ich habe die ganze Nacht operiert, von halb elf bis viertel nach fünf. Ich habe Bomben- und Granatsplitter und Maschinengewehrkugeln entfernt, einer ganzen Familie ist das Dach ihres Hauses buchstäblich auf den Kopf gefallen, einem Fünfjährigen mussten wir beide Beine amputieren. Viel lieber würde ich den dafür verantwortlichen Politikern, Militärs und selbsternannten Patrioten die Hoden amputieren. Ende des Krieges?«

»Das ist kein Krieg«, bemerkt Lena ernst, während sie zwischen den Zeitungen auf dem Sofa nach der Fernbedienung sucht, »sondern eine erweiterte Polizeiaktion gegen Terroristen.«

»Ach ja? Weiß das auch der Krieg, dass er kein Krieg ist?«

Flora ist eine stattliche Frau Mitte dreißig. Alle Freunde und Bekannten beneiden Paul, während Floras Freundinnen und Verwandte sich wundern, warum eine so attraktive, intelligente und gebildete Frau jemanden wie Paul geheiratet hat.

In den letzten Wochen ist Flora allerdings stark gealtert. Die ersten weißen Haarsträhnen in ihrem wallenden schwarzen Haar tragen zwar in erheblichem Maße zu ihrer Autorität als Ärztin bei und machen sie nur noch interessanter und anziehender, das gilt aber nicht für die blauen Ringe unter den Augen, die eingefallenen Wangen und Falten an der Stirn und am Hals, die nach jeder Nachtschicht tiefer werden. Menschen, die Flora und Paul das erste Mal begegnen, halten sie inzwischen für ein echtes Ehepaar und nicht für Floras Geschmacksverirrung, und wenn der Krieg noch länger dauert, wird man ihnen vielleicht sogar glauben, dass sie zueinanderpassen.

»Willst du denn gar nichts essen?«, fragt Eva, während sie Tee einschenkt.

»Hab keinen Hunger«, sagt Flora, nimmt einen Schluck Tee und ruft: »Lena, was ist nun mit den Fernsehnachrichten?«

»Es gibt keinen Empfang«, erklärt Lena erstaunt und wirft die Fernbedienung zurück auf das Sofa.

»Dann schalte das Radio ein.«

»Radio?!«, zischt Lena verächtlich und kichert. »Papa, darf ich dein Smartphone haben?«

»Mhm, ja, gut«, murmelt er mit vollem Mund. Die Omelette seiner Mutter schmeckt wie immer köstlich. »Aber verstell mir nicht wieder alles! Ich kenn dich doch.«

»Auf dem Heimweg vom Krankenhaus habe ich mindestens fünf Militärkolonnen gesehen, die zur Schnellstraße Richtung Westen fuhren«, erzählt Flora.

»Wieso nach Westen? Die Front ist doch am östlichen Stadtrand.«

»Jetzt nicht mehr«, sagt Lena, die immer hektischer auf Pauls Smartphone hin und her wischt.

»Was soll das heißen?«

»Hier steht, dass wir heute am frühen Morgen erobert wurden.«

»Was?«, schreit Paul und reißt seiner Tochter das Mobiltelefon aus der Hand.

»Mein Gott, ich bekomme irgendwann noch einen Herzinfarkt von solchen Scherzen, Kind«, stöhnt Pauls Mutter und lässt sich auf einen Stuhl fallen, ohne allerdings die Teekanne auszulassen. »Mit so etwas spaßt man nicht.«

Aber es ist kein Scherz. »Heute zwischen sechs und sieben Uhr morgens«, erklärt Paul mit zitternder Stimme, »hat unsere Armee die Stadt nach schweren und verlustreichen Kämpfen vorübergehend aufgeben müssen. Sagt die Armee. Nur der Hafen und die Hälfte des Flughafens verbleiben noch in unserer Gewalt.«

»Was denn für schwere Kämpfe?«, fragt Flora und lacht zynisch. »Sie sind Hals über Kopf aus der Stadt geflüchtet, diese Helden. Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen. In der Siegesstraße stehen sogar drei Panzer, die offensichtlich zurückgelassen wurden.«

»Für heute und morgen ist eine Feuerpause vereinbart worden«, sagt Paul. »Steht hier. Eine offizielle Pressemeldung.«

»Jetzt sind wir erledigt«, verkündet Eva, die auf dem Stuhl zusammengesackt ist und die Teekanne mit beiden Händen gegen den Bauch presst.

»Verarscht werden wir, und das von allen, verarscht, verschissen und runtergespült«, meint Paul, während er seiner Mutter die Teekanne abnimmt und auf den Tisch stellt. »Du verbrennst dir noch die Finger!«

»Erobert oder nicht, ich gehe jetzt trotzdem schlafen«, erklärt Flora. »Um 22 Uhr habe ich die nächste Schicht. Es sei denn, das neue Regime führt wieder die Sommerzeit ein oder tut etwas Albernes wie zum Beispiel das Krankenhaus zu schließen oder uns alle umzubringen. Weckt mich bitte, wenn es wieder etwas Aufregendes gibt.«

»Aha«, murmelt Paul entgeistert.

Nachdem sich Flora ins Schlafzimmer zurückgezogen hat, herrscht einige Augenblicke Schweigen. Durch das offene Fenster dringt strahlender Sonnenschein ins Zimmer, das Singen der Vögel und die überwältigenden Gerüche des Frühlingsmorgens nach einem Gewitter füllen es aus, lassen es erstrahlen, wollen es umfärben, auflösen, der Natur zurückgeben. Vor langer Zeit, als die Stadt Mitte des vorletzten Jahrhunderts gerade zu wachsen begann und ihr Umfeld vereinnahmte und auffraß, war diese dem Meer und der Stadt zugewandte Seite des Hügels die fruchtbarste Gegend dieser trockenen Region. Die Steineichenwälder, Obstbäume und Weinberge und vor allem der Bach, genannt der Fluss der Sieben Dschinnen, waren berühmt. Wie gerne besäße Paul jetzt eine Zeitmaschine, um in die Zeit der Dschinnen zu flüchten.

Paul hat das Mobiltelefon weggelegt, seine Mutter hat die Arme vor der Brust verschränkt, sie runzelt die Stirn und schüttelt den Kopf, Lena schaut abwechselnd den Vater und die Großmutter an und fragt schließlich erwartungsvoll: »Muss ich jetzt nicht mehr zur Schule gehen?«

»Doch, musst du!«, antwortet die Großmutter.

»Lisas Mutter sagt, dass wir alles neu werden lernen müssen, wenn die Terroristen einmarschiert sind. Sie selbst nennen sich Freiheitskämpfer, und die Terroristen wären dann wir. Sagt Lisas Mutter. Das heißt, äh, wir sind dann eigentlich nicht mehr wir, sondern wir sind eigentlich schon sie, nachdem sie uns erobert haben. Oder? Versteht ihr, was ich meine?«

»Du solltest nicht so oft auf die Mutter deiner Freundin hören.«

»Heute ist Samstag«, bemerkt Paul. »Warten wir. Vielleicht ist ja am Montag die Lage wieder eine ganz andere. Dann reden wir über die Schule.«

»Solange die Kinder nicht lernen müssen, dass zwei plus zwei fünf ist«, meint Pauls Mutter.

»Unsinn! In unserer Stadt war zwei plus zwei immer schon drei, und das wird auch immer so bleiben.«

»Warum?«, fragt das Kind, doch die Erwachsenen kommen nicht dazu, ihm darauf zu antworten. Es läutet an der Tür.

»Wer kommt denn da schon wieder?«, knurrt Pauls Mutter: Es ist ihr Standardsatz, wenn sich unerwarteter Besuch ankündigt.

»Sollen wir überhaupt öffnen?«, fragt Paul, doch es ist zu spät. Lena ist schon in den Vorraum gelaufen und öffnet die Tür, bevor ihr Vater sie zurückhalten kann. »Es ist Kotik!«, schreit Lena. »Es ist nur Kotik.«

Kotik, eigentlich Konstantin Katz, ein russischer Jude, der seit ewigen Zeiten in der Stadt lebt, wohnt mit seiner Frau Myschka, die in Wirklichkeit Moira heißt, ein Stockwerk höher. Er ist ein alter Musiker, früher Geiger im Orchester des städtischen Operntheaters, ein kleiner, zarter Mann mit gelblich weißem Haar und gebeugtem Rücken, den im Stiegenhaus oder auf der Straße noch nie jemand ohne Krawatte gesehen hat. Diesmal trägt er sogar seinen beigefarbenen Anzug, den er sonst nur an Feiertagen anzieht, und seine schwarzen Schuhe sehen frisch geputzt aus.

»Habt ihr schon gehört?«, fragt er. »Die Aufständischen sind bei uns einmarschiert.«

Was du nicht sagst, denkt Paul.

»Ja, das wissen wir.«

»Ich wollte euch nur mitteilen: Wenn ihr irgendwelche Probleme habt, wendet euch an mich«, verkündet der Musiker mit feierlicher Stimme und strahlt über das ganze Gesicht. »Jetzt wird alles besser! Glaubt mir das. Jascha, mein Neffe, ist eine ziemlich große Nummer in der PR-Abteilung der Aufständischen. Wenn ihr etwas braucht, sagt, ihr kennt Jakob Katz. Oder, besser noch: Kommt zu mir.«

Paul und seine Mutter stehen neben Lena im Vorraum, aber sie bitten Herrn Katz nicht herein.

»Danke«, sagt Paul trocken. Er mag den alten Musiker nicht, auch wenn er nicht erklären könnte, warum. Vielleicht, weil er den Spitznamen Kotik, was auf Russisch Katerchen bedeutet, albern und den seiner Frau – Myschka, Mäuschen – peinlich findet. Vielleicht, weil der alte Mann etwas Übergriffiges und gleichermaßen Armseliges hat. Vor allem aber, weil Konstantin Katz ihn allzusehr an die blassen Figuren erinnert, die seine frühesten Kindheitserinnerungen bevölkern. Höchstens drei Sätze braucht ihm der Mann zu sagen, schon empfindet er ihn als aufdringlich wie eine Klette und wird ungeduldig und nervös.

»Dass es so weit gekommen ist, hat sich dieser Staat selbst zuzuschreiben. Er ist erschaffen worden, um die Bedürfnisse der Eliten zu befriedigen …«

»Gewiss!«, unterbricht ihn Paul. »Ich danke Ihnen herzlich, aber nun müssen Sie mich entschuldigen«, sagt er und schließt schnell die Tür.

»Dieser alte W…«, zischt er, doch seine Mutter unterbricht ihn schnell, bevor er das Wort aussprechen kann: »Paul, untersteh dich! Das Kind!!!«

»Aber es weiß doch jeder, dass Kotik ein alter Wichser ist«, erklärt Lena stolz und kichert. »Glaubt ihr denn, ich bin ein Baby? Lisas Mutter sagt, dass ich mit allen Wassern gewaschen bin.«

Ehe Paul und Eva empört protestieren können, klingelt es wieder an der Tür.

»Was will der Alte denn noch?«, schreit Paul verärgert, reißt die Tür auf und wird sofort, noch bevor er versteht, wie ihm geschieht, in die Wohnung geschoben. Etwas drückt ihm schmerzvoll gegen die Brust. Der Geruch von Schweiß, von schlecht geputzten Zähnen und dem Rasierwasser einer beliebten Billigmarke nimmt ihm den Atem, bis es ihm gelingt, sein Gesicht vom Körper des Fremden zu lösen, der drauf und dran ist, ihn umzustoßen und über ihn drüberzusteigen, als wäre er ein lästiger Gegenstand.

Drei Männer drängen in den Vorraum.

»Ihr Name ist Paul Sarianidis?«, fragt einer von ihnen.

»Ja.«

»Sie kommen mit uns!«

Pauls Mutter ist wie erstarrt. Schockiert steht sie da und bringt kein Wort heraus. Lena beginnt zu weinen, senkt den Blick, zieht den Kopf ein, macht zwei Schritte zurück, greift nach der Hand des Vaters.

Zwei der Männer tragen Tarnanzüge, blaue Marinemützen und Patronengürtel. Einer hat eine Maschinenpistole in der Hand, der andere ist mit einem Revolver und einem Jagdmesser bewaffnet, die an seinem Gürtel hängen.

»Ziehen Sie Ihre Schuhe an und kommen Sie mit«, sagt der Mann mit der Maschinenpistole, während der andere Lena ein Fruchtbonbon reicht und ihr über das Haar streicht. Sie weicht zurück, schlägt seine Hand weg. »Hör auf zu weinen, Kleine«, sagt der Mann. »Wenn dein Vater brav ist, bekommst du ihn bald zurück.« Sie nimmt das Bonbon, hört aber nicht auf zu weinen.

Der dritte Mann trägt Lederjacke und Jeans sowie eine alte Militärmütze der Infanterie, die vor der letzten Heeresreform vor einigen Jahren noch in Gebrauch war. Auf der Mütze wie auch auf den Uniformen der anderen Männer fehlen allerdings Wappen, Rangabzeichen oder sonstige Erkennungszeichen. Das jagt Paul die größte Angst ein.

Der Mann ist mindestens zwei Meter groß, hat breite Schultern, einen dichten, schwarzen Bart, der ihm bis zur Brust reicht, eine Glatze, in die ein vielzackiger Stern eintätowiert ist, und himmelblaue, kalte Augen. Seine Oberarme sind breiter als Pauls Oberschenkel, die Hände größer als seine Fußsohlen. Ein Schrankmensch. Einer, dem man nicht widerspricht.

Paul stammelt dennoch halbherzig: »Warum? Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie überhaupt?« Das bereut er sogleich. Manchmal ist es besser, den Mund zu halten.

Fünf Minuten später sitzt er auf der hinteren Sitzbank eines Jeeps, der in einem Tempo, von dem Paul angst und bange wird, die kurvige Straße in die Innenstadt hinunterrast. Sein Oberarm schmerzt. Den Griff des Schrankmenschen wird er auch dann nicht vergessen können, wenn der blaue Fleck verschwunden ist.

»Bitte lassen Sie mich gehen«, bettelt Paul, der immer noch nicht verstehen kann, was mit ihm gerade geschieht, vor allem aber – warum. »Ich habe doch überhaupt nichts getan. Ich habe eine kleine Tochter. Ich habe Familie. Haben Sie denn keine Kinder? Liebe Menschen, Freunde, Ka-ka-kameraden …«

»Halt endlich die Klappe!«, brummt der Schrankmensch.

»Ich kenne Jascha, Jakob Katz!«, erklärt Paul verzweifelt.

»Jakob Katz? Jakob Katz?«, sinniert der am Steuer sitzende Uniformierte. »Ist das nicht der kleine, schmierige Jude, den wir letzte Woche als Spion erschossen haben?«

»Wir haben letzte Woche einen Spion erschossen?«, fragt sein Kollege am Beifahrersitz. »Warum sagt man mir so etwas nicht rechtzeitig? Das hätte ich mir gerne angeschaut.«

»Wenn ich mich recht entsinne, waren es sogar drei Spione, die hingerichtet wurden. Ich bin aber nicht sicher, ob die Sache mit Jascha letzte oder vorletzte Woche war. Egal. Für ihn macht das sowieso keinen Unterschied mehr.«

4

Auf den ersten Blick hat sich in der Stadt nicht viel verändert. In der Siegesstraße fahren weiterhin die Straßenbahnen, jene altersschwachen Garnituren mit offenen Türen, die entfernt an die berühmten Cable Cars von San Francisco erinnern und zu einem Markenzeichen der Stadt geworden sind. Die meisten Geschäfte sind geöffnet, und sogar die Arbeiter, die seit Monaten die Fahrbahn neu asphaltieren und nie zum Abschluss kommen, sind mit ihrem Asphaltfertiger, der größer ist als jeder Panzer, unterwegs. Zwar sieht man viele Uniformierte und Bewaffnete auf der Straße, doch war dies in den vergangenen Tagen und Wochen nicht anders, nur dass die Uniformen nun andere Farben haben.

»Schau dir die an!«, sagt der Schrankmensch, zeigt mit dem Finger auf die Arbeiter und kichert. »Coole Sache, das heißt – eigentlich heiße Sache! Völlig irre, oder?«

»Die Dreckschweine auf den Schiffen schießen die Stadt vielleicht in ein paar Tagen zusammen; dann gibt es nur mehr Ruinen, dafür aber eine frisch asphaltierte Siegesstraße«, meint der Fahrer und lacht.

»Sie schießen nichts zusammen, dafür haben sie nicht die Eier«, erklärt der Beifahrer. »Wenn sie die Zivilbevölkerung massakrieren, wissen sie ja, was wir mit ihnen machen, wenn wir sie einfangen.«

»Diese Wichser«, sagt der Schrankmensch, »sind doch längst auf allen Vieren und haben ihre Ärsche in unsere Richtung gewandt. Wir brauchen uns nur zu bedienen.«

Kichern.

»Hör mal, Freundchen, glaubst du denn, mich graust vor gar nichts? Außerdem bin ich nicht schwul!«

»Wer hat gesagt, dass sie Männer sind?«

Gelächter.

»Aber Frauen sind sie auch keine – zu viel der Ehre!«

Wieherndes Gelächter.

»Ja, typisch: ein ganzes Land voller Transen«, knurrt der Schrankmensch. »Aber jetzt ist Schluss mit Regenbogen!«

»Klar doch! Weltoffenheit bedeutet immer auch Arschoffenheit.«

Der Jeep biegt links in eine mehrspurige, einige Kilometer lange Straße ein, die Mitte des vorigen Jahrhunderts angelegt wurde und zu einem Neubauviertel am nördlichen Stadtrand führt. Die Ampeln blinken gelb. Die Busse verkehren nicht. Die neuen Machthaber haben Straßensperren errichtet. Warum dies gerade in dieser Straße der Fall ist, kann Paul nicht nachvollziehen.

An einer Kreuzung stehen Panzer. Einige Häuser sind beschädigt, aus einem von ihnen, einem sechsstöckigen Betongebäude, steigt immer noch dichter Rauch auf. Der Jeep wird überall durchgewunken, beschleunigt immer wieder auf gut hundert Stundenkilometer, bremst vor der nächsten Sperre ab. Paul wird übel, es hebt ihm jedes Mal den Magen aus. Der Fahrtwind nimmt ihm den Atem.

»Etwas langsamer bitte«, stöhnt er. »Bitte!«

»Mach dir nicht in die Hose, wir sind gleich da.«

»Wo denn? Sagt mir endlich, wo wir hinfahren?«

»Noch ein Wort, und du kannst dir einen Termin bei deinem Zahnarzt ausmachen. Habe ich nicht gesagt, du sollst dein Maul halten und keine Fragen stellen?«

Pauls letzter Zahnarztbesuch liegt nur wenige Monate zurück. Er beschließt zu schweigen, überlegt verzweifelt, wer etwas gegen ihn haben könnte, wem er vielleicht auf die Füße getreten ist oder wen er beleidigt hat. Alle, die ihn kennen, wissen natürlich, dass er ein Anhänger der Regierung ist und die Aufständischen nicht für Patrioten, sondern für Handlanger des großen Nachbarn hält. Den Anführern der Aufständischen, behauptet Paul, gehe es weder um das Land, seine Kultur oder die Verteidigung hergebrachter Werte noch um den Kampf gegen Korruption und Ausbeutung, und gegen die alten Eliten, die das Volk ausbeuten, weder um die Zukunft der Kinder noch um irgendeine Ideologie, sondern in erster Linie darum, im Interesse von Strippenziehern im Hintergrund die Kontrolle über die wirtschaftlichen Ressourcen zu erlangen. Aber mit dieser Meinung ist er in der Stadt nicht allein, und wenn die Terroristen tatsächlich beschlossen haben sollten, alle auszurotten, die sie als ihre Gegner ansehen, warum beginnen sie gerade mit ihm? Er ist doch nur eine ganz kleine Nummer! Was ist an ihm, einem arbeitslosen Flugzeugtechniker, der sich politisch niemals engagiert hat, sondern nur – wie viele andere auch – in den sozialen Netzwerken seine Meinung kundgetan hat, so außergewöhnlich, dass man keine zwei Stunden nach Einnahme der Stadt ein bewaffnetes Kommando mit Jeep zu ihm schickt, um ihn an einen entfernten Ort zu transportieren?

Bei dem Gedanken an einen »entfernten Ort« wird Paul noch übler als zuvor. Vor seinem geistigen Auge erstehen Exekutionskommandos, Massengräber und Gedenkstätten, die irgendwann einmal in ferner Zukunft am Ort des Verbrechens errichtet werden würden. Unter den in das Denkmal eingemeißelten Namen der zahlreichen Opfer wird auch seiner zu lesen sein, und zum Jahrestag seiner Ermordung werden seine Tochter und ihre Kinder zusammen mit den Angehörigen anderer Opfer zum Denkmal pilgern, um Blumen niederzulegen und weihevolle Reden zu halten. Er selbst allerdings wird seine Tochter nicht heranwachsen sehen und seine Enkelkinder nie kennenlernen. Er bemerkt, dass er sein Smartphone nicht mithat. Es liegt wohl immer noch auf dem Tisch in seinem Wohnzimmer. Er sollte seine Begleiter bitten, seine Familie zu informieren, falls sie ihn einsperren oder umbringen. Er wird ihnen Floras Mobilnummer geben, unter der sie auch im Krankenhaus erreichbar ist … Doch bevor er diese Fantasie weiterspinnen kann, hält der Wagen vor einem mehrstöckigen Bürogebäude aus den Sechzigerjahren, das als das Pressehaus bekannt ist.