Zehn Wünsche, sieben Abenteuer und eine sprechende Katze - Lissa Evans - E-Book

Zehn Wünsche, sieben Abenteuer und eine sprechende Katze E-Book

Lissa Evans

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Beschreibung

Ed und seine Schwester Roo müssen ihre Ferien bei der alten Dame Miss Filey verbringen. Das klingt langweilig, denn Miss Filey weiß nicht was WLAN ist und ihr Fernseher stammt aus einem anderen Jahrhundert. Gemeinsam mit dem Nachbarsjungen finden sie zehn magische Geburtstagskerzen in einer Schublade – wünschen, anzünden und der Wunsch geht in Erfüllung. Was harmlos mit einer tanzenden Ameise beginnt, entwickelt sich zu dem größten Abenteuer ihres Lebens. Es geht mit der Küche in den Weltraum, über den Gartenteich zu einem verschwundenen Schatz und am Ende werden selbst die größten Wünsche wahr! Bestsellerautorin Lissa Evans beweist in ihrem neuen Kinderbuch ihre große Erzählkunst. Sie weiß, was sich Kinder wünschen: rasante Abenteuer voller Einfälle, Humor und Magie.

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Isotta

DAMALS

VOR 55 JAHREN

In diesem Jahr gab es keine Feier und keinen Kuchen, denn niemandem war nach Feiern zumute. Rosanna reihte trotzdem ihre Karten auf dem Kaminsims auf, damit es sich wenigstens ein bisschen nach Geburtstag anfühlte. Eine Karte war von ihrer Großmutter, mit dem Bild eines Mädchens vorne drauf, das einen Welpen streichelte, und eine von ihrer Tante und ihrem Onkel mit einem Mädchen drauf, das gar nichts streichelte, sondern einfach nur auf einer Blumenwiese stand, lächelte und einen Kranz aus Gänseblümchen in der Hand hielt.

Obwohl die Karten sehr schön waren, hätte sich Rosanna insgeheim eine mit einem Mädchen drauf gewünscht, das ein Segelboot mit rotem Segel über die tropischen Meere zu einer mysteriösen Insel steuert, so wie die Illustration auf dem Umschlag des Abenteuerbuchs, ihrem Lieblingsgeschenk.

Die schönste Karte kam von ihren Eltern und die stellte sie in die Mitte des Kaminsims. Vorne drauf waren die Worte …

 

 

… und explodierende Feuerwerkskörper zu sehen. In der Karte stand ein rätselhaftes Gedicht:

Zehn Kerzen auf der Torte,

zehn Wünsche und zehn Orte.

Von der Küche bis zum Garten

werden Abenteuer warten.

Aber dieses Jahr hatte sie keinen Wunsch gehabt. Sie legte die Geburtstagskerzen in eine kleine Schachtel und verstaute diese in einer Schublade.

Vielleicht nächstes Jahr, dachte sie.

Schließlich hatte sie Pläne, jede Menge Pläne.

JETZT

KAPITEL 1

»Zu Miss Filey?«, wiederholte Ed empört. »Wir müssen diese Woche jeden Tag zu Miss Filey? Ist das etwa euer Ernst?«

»Tut mir leid, aber es geht nicht anders«, sagte sein Dad. Er wich Eds Blick aus und ging aus dem Zimmer.

»Es geht nicht anders«, tönte das Echo von Eds Mutter aus dem anderen Zimmer, wo sie gerade DVDs in einen Karton verpackte. »Jammern wird dir nicht helfen, Ed.«

»Ich jammere nicht, ich hab ja kaum was gesagt – aber können wir das noch mal diskutieren? Hab ich kein Mitspracherecht?«

»In diesem Fall nicht!«, rief seine Mutter. »Tut mir leid. Es gibt keine Alternative und wenn Miss Filey das nicht angeboten hätte, dann weiß ich auch nicht, was passiert wäre.«

»Aber ich würde die nächste Woche lieber im Schuppen verbringen. Ich würde sie lieber mitten auf einem Parkplatz verbringen. Im Regen. Ich wette, sie hat nicht mal WLAN.«

»Von wem redest du?«, fragte seine neunjährige Schwester Roo. Sie hatte die nervige Eigenschaft, mucksmäuschenstill ins Zimmer zu schleichen und zu sprechen, bevor man überhaupt bemerkt hatte, dass sie neben einem stand.

Ed drehte sich zu ihr um. »Setz dich hin, Roo. Ich habe schlechte Neuigkeiten.«

Ihr spitzes Gesicht schien noch spitzer zu werden. »Geht’s dir gut?«, fragte sie.

»Blendend«, sagte er herablassend. »Nicht diese Art von schlechten Neuigkeiten. Es geht um den Ferienclub. Er ist abgesagt worden.«

»Warum?«

»Die Toilette ist übergelaufen, das ganze Gebäude wurde zur biologischen Gefahrenzone erklärt und jetzt muss ein Spezialreinigungsteam ran. Und deshalb …«

»Warum ist sie übergelaufen?«

»Keine Ahnung.« Eine weitere nervige Eigenschaft von Roo war es, gute Geschichten mit unwichtigen Fragen zu unterbrechen. »Jedenfalls findet der Club nicht statt und aus irgendeinem Grund können wir nicht zu Hause bleiben, während Mum und Dad auf der Arbeit sind.«

»Du weißt ganz genau, warum das nicht geht«, rief ihre Mutter, die ein Gehör wie eine Fledermaus hatte. »Der ganze hintere Teil des Hauses wird wegen des Anbaus abgerissen, also werden hier überall Bauarbeiter sein und die brauchen keine umherirrenden Kinder.«

»Ich irre nicht umher.«

»Und außerdem seid ihr beiden viel zu jung, um allein zu bleiben. Keine Widerrede, Ed, oder ich flippe aus.«

»Aha, und was machen wir dann?«, fragte Roo. »Können wir zu unseren Cousins?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Die sind nicht da!«, rief ihre Mum.

»Das ist der Punkt, wo die schlechten Nachrichten ins Spiel kommen«, sagte Ed. »Dad hat heute morgen bei den Mülltonnen Miss Filey getroffen und sie hat vorgeschlagen, dass wir tagsüber zu ihr kommen. Die ganze Woche.«

»Jetzt übertreib mal nicht!«, rief Mum. »Am Wochenende müsst ihr nicht hin, also sind es eigentlich nur fünf Tage!«

»Miss Filey?«, fragte Roo.

»Ja. Unglaublich, oder?«

»Ich war noch nie in ihrem Haus.«

»Ich auch nicht. Warum sollte man das auch wollen?«

»Na ja … könnte ja interessant sein.« Roo sagte die letzten Worte ganz leise; sie mochte es nicht, Ed, der anderthalb Jahre älter war, zu widersprechen. Ed hatte Spaß daran, sich zu streiten, und war auch noch gut darin und ihr machte es keinen Spaß und sie war nicht gut. Aber Miss Fileys Haus, das am Ende der Straße lag, faszinierte sie. All die anderen Häuser waren klein und ziemlich neu, während ihres groß und ziemlich alt war; ein breiter Klinker-Bungalow in einem großflächigen, von Bäumen eingerahmten Garten voller blühender Büsche. Die Haustür lag unter einem tiefen Vordach verborgen und darüber befand sich ein Fenster in der Form eines Fächers. Das Licht brach sich darin, wenn man daran vorbeiging.

»Aber selbst wenn es interessant ist, es beinhaltet immer noch Miss Filey«, sagte Ed. Er beugte sich vor und sperrte den Mund weit auf: »Famoses Wetter, nicht wahr?«, flötete er mit sich vor Begeisterung überschlagender Stimme.

»Machst du etwa Miss Filey nach?«, rief Mum.

»Ja, aber das ist nicht gemein, weil es wahr ist. Einen fabelhaften Tag allerseits!«, fügte er hinzu.

Und es stimmte, dachte Roo – genau so sprach Miss Filey: wie jemand aus einem Schwarz-Weiß-Film. Und sie blieb nie stehen, um sich zu unterhalten, sie rief einfach im Gehen einen Kommentar, als würde sie etwas von einem vorbeifahrenden Schiff herunterrufen.

»Sie ist immer sehr nett!«, rief ihre Mum. »Erinnert euch, als sie während der Spendenaktion vorbeikam und den ganzen Pflanzenstand leergekauft hat und die ganzen zerkrümelten Kekse aus der Dose, die runtergefallen war.«

»Aber was sollen wir denn dort machen?«, fragte Ed, der nicht gerne über die Spendenaktion sprach. »Ich meine, im Ernst, Mum – wie sollen wir uns denn bei Miss Filey beschäftigen? Fünf Tage lang über das Wetter reden? Zerkrümelte Kekse essen?«

Er wartete auf eine Antwort, aber es kam keine.

»Vielleicht wird es ja ganz okay«, sagte Roo.

»Wird es nicht. Es wird todlangweilig.«

Aber Ed hatte unrecht, denn das, was in Miss Fileys Haus passierte, war nicht langweilig.

Was in Miss Fileys Haus passierte, überstieg jede Vorstellungskraft.

KAPITEL 2

Die Haustür öffnete sich exakt in dem Moment, in dem Roo den Finger auf die Klingel legte, woraufhin sie erschrocken einen Schritt zurücktrat und sich die Ferse an der Fußstütze von Eds Rollstuhl anstieß.

»Ihr seid aber pünktlich!«, rief Miss Filey, die direkt hinter der Tür gewartet haben musste. »Kommt doch rein.«

»Hi«, sagte Roo, die auf einem Bein stand und sich das andere rieb. »Danke, dass wir kommen durften. Wir haben Lunchpakete dabei, weil Ed tausend Sachen nicht isst.«

»Allergien«, sagte Ed, der überhaupt keine Allergien hatte, aber unglaublich wählerisch war. »Ich brauche keine Hilfe«, fügte er schnell hinzu, als Miss Filey die Hände nach den Griffen seines Rollstuhls ausstreckte. »Ich kann das selbst.« Er rollte über die Türmatte und auf den gemusterten Holzboden der großen Diele. Erst dachte er, dass dort lauter Leute herumstünden, aber dann wurde ihm klar, dass er auf einen breiten Spiegel mit vergoldetem Rahmen blickte, der die Hälfte der gegenüberliegenden Wand einnahm. Sein eigenes Gesicht war nur vom Kinn aufwärts sichtbar, während neben ihm die obere Hälfte von Roo war, deren glatte dunkle Haare sich hin- und herbewegten, während sie sich in der Diele umsah. Ihre Gastgeberin überragte sie beide.

Miss Filey war schlank und ziemlich groß, aber sie stand leicht gebeugt, als wäre ihre Größe ihr unangenehm. Ihre grauen, schulterlangen Haare waren an einer Seite mit einer Schildpatt-Klammer zurückgesteckt und sie trug, wie immer, einen Strickpullover und einen schlichten, knielangen Rock, was sie ein wenig wie ein betagtes Schulmädchen aussehen ließ.

»Ich finde es wirklich famos, dass ihr kommen konntet«, verkündete sie.

»Danke«, sagte Roo, die sich noch immer umsah. Alles sah alt aus. Nicht »alt« wie in »dein antiker Tisch ist 3.000 Pfund wert«, sondern »alt« wie in einer Fernsehserie über Männer, die Pfeife rauchten und Radio hörten, während ihre Frauen Socken stopften. Es gab einen unbequem aussehenden Stuhl unter dem Spiegel, mit einem kleinen Tisch daneben, für das Telefon. Dann war da ein gerahmtes Gemälde eines windschiefen Häuschens, an dessen Mauern Rosen rankten. In einer Ecke stand ein hoher Flechtkorb, in dem ein Schirm stand, und in der anderen eine widerliche ausgestopfte getigerte Katze, deren Fell ganz verfilzt war.

»Das ist Attlee«, sagte Miss Filey.

Die ausgestopfte Katze öffnete die Augen, woraufhin Roo laut aufschrie. »’tschuldigung«, sagte sie.

»Er ist recht harmlos«, sagte Miss Filey. »Mein Vater meinte immer, er sei sehr intelligent und könne jedes Wort verstehen, das wir sagen.«

Attlee warf ihnen aus zusammengekniffenen Augen einen Blick zu und gähnte dann; ein ekliger Gestank von Katzenfutter und verfaulten Zähnen waberte durch die Diele. Ed hielt sich die Nase zu.

»Er ist furchtbar alt – schon fast zweiundzwanzig!«, sagte Miss Filey.

»Oh«, erwiderte Roo und versuchte, beeindruckt zu klingen.

Es wurde still. Anstatt ihnen zu sagen, was sie zu tun hatten, blieb Miss Filey in der Mitte der Diele stehen, die Hände verschränkt.

»Können wir uns mal umsehen?«, fragte Roo, nachdem eine Minute vergangen war.

»Meine Güte, das ist eine famose Idee!«, rief Miss Filey. Sie klang ziemlich erleichtert.

Roo hatte das Gefühl, dass sie den ganzen Tag in der Diele herumgestanden hätten, wenn sie den Vorschlag nicht gemacht hätte.

Obwohl es kein weiteres Stockwerk hatte, wirkte Miss Fileys Haus mindestens doppelt so groß wie das von Ed und Roo; die Zimmer waren alle riesig und hell und durch einen breiten Flur miteinander verbunden. Es war alles sehr sauber und aufgeräumt, aber obwohl das Haus voller Möbel und Dekokram war, fühlte es sich irgendwie leer an.

»Nun, das hier war mein Zimmer, als ich ein Kind war«, sagte Miss Filey und öffnete die nächste Tür. »Und jetzt ist es meine kleine Bibliothek.«

Dieses Zimmer war komplett anders als all die anderen: Die einzigen Möbel waren ein Stuhl und ein Schreibtisch mit einem Globus darauf. In deckenhohen Regalen standen reihenweise dicke Bücher und vergilbte Zeitschriften, während an der Wand, neben dem Fenster, eine riesige Weltkarte hing. Miss Filey blieb stehen, um sie anzusehen. »Ich versuche, jede Woche den Namen eines neuen Ortes zu lernen«, sagte sie, während sie mit dem Finger die Küste Finnlands entlangfuhr und dann auf eine winzige Insel tippte. »Diese Woche ist es Kirjalansaari, was wirklich ganz schön schwer auszusprechen ist.«

»Kann ich Sie etwas fragen?«, sagte Ed. »Haben Sie WLAN?«

Miss Filey blickte nachdenklich drein. »Wehlahn«, wiederholte sie, so sorgfältig, als wäre es ein Wort in einer anderen Sprache. »Sind das deine Lieblingskekse?«

Ed hatte schon seinen Rucksack geöffnet, um sein Tablet rauszuholen, aber er schloss ihn direkt wieder. »Ist nicht so wichtig«, sagte er.

»Haben Sie einen Fernseher?«, fragte Roo.

»Ja, der steht im Wohnzimmer, kommt und ich zeig ihn euch.«

Der Fernseher hatte in etwa die Größe einer Waschmaschine und sah aus, als wäre er aus Holz. Miss Filey drückte einen Knopf. Für eine Weile passierte nichts und dann änderte der überraschend kleine Bildschirm seine Farbe von dunkelgrau zu hellgrau und gab ein leise wimmerndes Geräusch von sich. »Ich kann mich nicht erinnern, wann ich ihn das letzte Mal anhatte – mein Vater hat immer gerne Geschichtssendungen gesehen«, sagte sie. »Während er noch aufwärmt – würdet ihr in der Zwischenzeit gerne den Garten sehen?«

Erst nachdem sie dem Weg aus Steinplatten bis zur Mauer am Ende des Grundstücks gefolgt waren, riskierte Roo einen Blick zu Ed. Sein Gesichtsausdruck ließ sie in schallendes Gelächter ausbrechen.

»Schön, dass du das lustig findest«, sagte er. »Dieser Fernseher sollte mit Polizeiband abgesperrt werden. Es überrascht mich, dass er nicht implodiert ist, als sie ihn eingeschaltet hat.«

»Aber sie ist ganz nett, oder?«, sagte Roo. »Auf eine seltsame Art.«

Sie sahen beide zurück zum Haus, als würde Miss Filey mithören, aber bis auf die offenen Terrassentüren und den matten Schein des Fernsehers, der immer noch aufwärmte, gab es nichts zu sehen.

Irgendwo bellte ein Hund.

»Hi«, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.

KAPITEL 3

Ein extrem kleines Kind, ungefähr in Eds Alter, sah sie über die niedrige Gartenmauer hinweg an. Es hatte eine riesige Zahnlücke und schielte.

»Hallo«, sagte Roo, die versuchte, gleichzeitig freundlich und einfühlsam zu klingen. »Wie heißt du?«

»Elastico«, sagte der Junge.

»Wie bitte?«

»Elastico.«

»Das kann nicht sein.«

»Kann es wohl, weil das meine Superkraft ist.« Und während der Junge redete, wurde er plötzlich größer, aber irgendwie ruckartig, sodass ihr bald klar war, dass er in Wirklichkeit hinter der Mauer gekniet hatte. Er hörte auch auf zu schielen und pflückte ein kleines dunkles Papierviereck von seinen Vorderzähnen. Am Ende sah er ganz normal aus.

»Hi, ich bin Willard«, sagte er grinsend. »Seid ihr drauf reingefallen?«

»Bisschen«, sagte Ed, der unfreiwillig beeindruckt davon war, wie viel Mühe der Junge sich mit seiner Vorstellung gegeben hatte. »Machst du das immer, wenn du neue Leute triffst?«

»Ich hab eine ganze Palette an Sachen«, sagte Willard. »Augenklappe, Scherz-Kotze, eine Spinne, die mein Gesicht hochkrabbelt, so was halt.«

»Warum?«, fragte Roo.

»Na, halt …«, Willard zuckte mit den Schultern. »Um die Leute zum Lachen zu bringen. Ich bin Klassenclown. Wie heißt ihr?«

»Ich bin Ed und das ist meine Schwester, Roo.«

»Eigentlich heiße ich ›Lucy‹«, sagte Roo.

»Wie kommt man von ›Roo‹ auf ›Lucy‹?«

»Ich konnte ihren Namen nicht richtig aussprechen, als ich klein war«, sagte Ed.

»Obwohl ich es ganz gern mag, wenn man mich ›Lucy‹ nennt«, sagte Roo.

»Ist das Teil da elektrisch?«, fragte Willard und zeigte mit dem Kinn auf den Rollstuhl.

»Nein.«

»Warum sitzt du da drin?«

»Hab mir das Bein verletzt«, sagte Ed knapp. Das war gelogen.

»Wir sind gerade hierhergezogen«, sagte Willard. »Vorgestern. Aus Wales.«

»Du klingst gar nicht walisisch«, sagte Ed.

»Bin ich auch nicht. Davor waren wir in Northampton. Wir ziehen ständig um, meiner Mum gehört ein Zirkus.«

»Echt?«, fragte Roo erstaunt.

»Nein, war ein Scherz, sie arbeitet für die Kirche.«

»Oh.«

»Was macht eure Mum?«, fragte Willard.

»Sie ist Fahrlehrerin. Genauso wie unser Dad.«

»Und auf welche Schule geht ihr?«

»Meadows Primary«, antwortete Ed.

»Da gehe ich auch hin, nach den Ferien. Bist du in der Fünften?«

Ed nickte.

»Ich auch«, sagte Willard. »Ich bin Klassenclown«, wiederholte er, als wäre das ein offizieller Titel.

Ed spürte einen Anflug von Ärger in ihm aufkommen. Leute zum Lachen zu bringen war seine Spezialität, wobei er das eher mit Sarkasmus tat als mit Scherz-Kotze.

»Wer ist das?«, fragte Willard, der an ihnen vorbeischaute.

Als Ed und Roo sich umdrehten, sahen sie, wie Miss Filey mit einem kleinen Gong in der Hand durch die Terrassentür kam. »Der Fernseher ist AN«, verkündete sie und schlug mit einem Trommelstock auf den Gong.

»Das ist Miss Filey«, sagte Roo. »Wir sind tagsüber bei ihr.«

»Kann ich auch?«, fragte Willard und schwang, ohne eine Antwort abzuwarten, ein Bein über die Mauer.

»Ähmmm«, sagte Roo im gleichen Moment, in dem Willard das andere Bein hob und mit einem Plumps in einen Busch fiel. Dort blieb er liegen, die Augen geschlossen, den Mund offen, eine Hand zuckte leicht.

»Wir sollten sie erst einmal fragen«, sagte Ed. »Und solltest du nicht zu Hause um Erlaubnis bitten?«

Willard öffnete die Augen. »Woher wusstest du, dass ich nicht schwer verletzt bin?«

»Glückstreffer.«

Willard stand auf. »Ich komme nur für fünf Minuten mit rein. Hallo, Miss Filey«, sagte er und stapfte zielstrebig an ihr vorbei. »Ich bin ein Freund von Ed und Roo. Alter Schwede!«, rief er und taumelte rückwärts, als er den Fernseher sah.

»Er ist alt«, sagte Roo, das Offensichtliche beim Namen nennend.

»Er ist schwarz-weiß«, sagte Willard, der wie in Trance auf den Bildschirm starrte, auf dem zwei Männer in Anzügen in einem Studio standen. Die obere Hälfte des Bilds war normal, die untere zuckte herum, als würden die beiden Moderatoren den Charleston tanzen.

»Es gibt Limonade und Kekse«, sagte Miss Filey und setzte ein Tablett auf dem wackelig aussehenden Tisch ab, dessen Tischplatte ganz zerkratzt war. »Und morgen werde ich auch deine Wehlahn-Kekse besorgen. Fühlt euch wie zu Hause, Kinder.«

»Vielen Dank«, sagte Roo. Sie beobachtete, wie Ed an den Knöpfen herumfummelte, die wie Kugelschreiberkappen aus dem Fernseher herausragten, dann bemerkte sie, dass Miss Filey an der Tür herumstand, ihr Lächeln etwas eingefroren, als würde sie auf etwas warten. »Vielen Dank«, sagte sie noch einmal und Miss Filey senkte den Kopf, als würde sie etwas unbeholfen nicken und verließ das Zimmer.

Es stellte sich heraus, dass der Fernseher ganze zwei Kanäle hatte und beide hatten flackernde weiße Punkte im Bild, sodass die Jungs bald das Interesse verloren.

Aus keinem ersichtlichen Grund stopfte sich Willard vier Kekse auf einmal in den Mund, fing an zu würgen und stieß dann aus Versehen seine Limonade um, als er wild zu husten anfing.

Ed warf ein Kissen über die Pfütze, während Roo sich nach etwas umsah, womit sie sie aufwischen konnte. Auf einer Seite des Raums stand eine Kommode und sie durchsuchte die Schubladen; da gab es wunderschöne Tischdecken und bestickte Tischsets, extravagante Gabeln, einen Tortenheber mit Porzellangriff und eine kleine Blechschachtel mit Klappdeckel, in der ein Bündel kleiner, silbrig-weißer Kerzen lag.In der untersten Schublade fand sie eine Packung Papierservietten, die sie öffnete und so viel von der Limo aufwischte wie möglich.

»Wo ist denn Willard hin?«, fragte sie, als ihr plötzlich auffiel, dass er nicht mehr im Zimmer war.

Ed zuckte mit den Schultern. »Er ist einfach weggerannt, zurück in den Garten – vielleicht war es ihm peinlich, dass er das Glas umgestoßen hat. Ich freue mich nicht gerade darauf, in der gleichen Klasse mit ihm zu sein.« Er hatte keine Gelegenheit für seine sarkastischen Kommentare gehabt, weil Willard alle drei Minuten Furzgeräusche mit seinen Achseln gemacht hatte.

»Ich bin zurück!«, sagte Willard, leicht außer Atem und rauschte mit einem Teller in einer Hand durch die Terrassentür. Auf dem Teller befanden sich drei Viertel eines Kuchens, der mit sauren Weingummifischen dekoriert war. »Ich hatte gestern Geburtstag – Mum hat gesagt, wir können den aufessen.«

»Ihr habt aber nicht viel davon geschafft«, sagte Ed.

»Na ja, wir sind ja nur zu zweit, ich und Mum – ich kenne hier ja noch keinen.«

»Oh …« Ed spürte einen Anflug von Mitleid; ein Geburtstag ohne Freunde klang ziemlich traurig. »Okay, ja, ich hätte gern ein Stück.«

»In der Schublade hab ich Geburtstagskerzen gesehen«, sagte Roo und ging zurück zu der Kommode. »Wir könnten eine davon nehmen, oder? Das würde die Sache besonderer machen. Und hier sind noch Streichhölzer«, sagte sie, nachdem sie nach einigem Herumkramen eine Schachtel gefunden hatte.

Willard stellte den Kuchen auf den wackeligen Tisch und Roo steckte eine der silbrig-weißen Kerzen in den Guss.

Sie wollte sie gerade anzünden, als Willard die Backen aufblies, als wäre er kurz davor, sich zu übergeben. »Irgendwas stinkt hier drin«, sagte er.

Ed sah sich um. »Das ist die Katze.« Attlee war ins Zimmer gekommen, umgeben von einem fischigen Gestank wie ein unsichtbares Kraftfeld.

Roo zündete das Streichholz an. »Ich mag Katzen, aber ich wünschte, Miss Filey hätte einen Hund«, sagte sie, während der Docht Feuer fing, »ich liebe nämlich …«

Es gab ein krachendes Geräusch, und Attlee schoss durchs Zimmer, als hätte jemand ein Fischbrötchen geworfen. Er rannte senkrecht die Wand hoch und klammerte sich an einem gerahmten Stickbild fest und über seine Schulter fauchte er einen riesigen Hund an, der durch die offene Terrassentür aus dem Garten angeschossen gekommen war. Er hatte kleine braune Löckchen am ganzen Körper und sein Maul stand offen, verzerrt zu einem breiten Grinsen, die Zähne gebleckt. Ed drehte sich weg; das Maul des Hundes war für seinen Geschmack viel zu nah an seinem Gesicht.

»Das ist ein Hund!«, rief Willard unnötigerweise.

Attlee stieß einen schrecklich jaulenden Singsang aus und der Hund stellte sich auf die Hinterbeine und kratzte mit den Pfoten an der Wand vor ihm.

Roo griff in sein Halsband und zog daran. Der Hund machte eine freudigen Satz in ihre Richtung, sodass sie zurücktaumelte und gegen den Kuchentisch stieß. Sie ließ das Halsband los und schaffte es, den Teller zu fangen, aber der Kuchen selbst befand sich schon in der Luft. Er traf die Wand und zerfiel in einem Schneesturm aus Bröseln. Einer der sauren Fische prallte vom Fernsehbildschirm ab.

Atemlos drehte Roo sich um. Der Hund war weg.

»Was um alles in der Welt ist denn hier passiert?«, rief Miss Filey, die ins Zimmer geeilt kam.

»Ein Hund aus der Nachbarschaft«, sagte Ed, der sich vorsichtig wieder umdrehte. »Wir haben ihn vorhin bellen hören. Er ist wieder raus. Er war riesig – ist wahrscheinlich über die Gartenmauer gesprungen.«

»Entschuldigung«, sagte Roo. »Wegen der Sauerei hier. Das ist Willards Kuchen – wir machen alles wieder sauber.«

»Ach, das sind doch nur Krümel. Ich gehe mal Schaufel und Besen holen«, entgegnete Miss Filey, die sich gerade damit abmühte, Attlees Krallen aus dem Stickbild zu befreien. »Ich muss ganz offensichtlich besser aufpassen, dass die Türen geschlossen sind. Geht es dir gut?«, fragte sie Willard, der immer noch auf dem Sofa stand.

Er nickte etwas steif, aber seine Augen waren rund wie Knöpfe. Als Miss Filey die Katze aus dem Zimmer gebracht hatte, klappte er erst ein paarmal seinen Mund auf und zu, bevor er etwas sagen konnte. »Habt ihr das gesehen?«, fragte er.

»War ja kaum zu übersehen, nicht wahr?«, sagte Ed.

»Ich meine nicht, dass der Hund aufgetaucht ist. Ich meine, dass er … einfach so verschwunden ist. Er war da und dann war er nicht mehr da.«

»Er ist bestimmt durch die Terrassentür raus.«

»Nein!«, rief Willard. »Ich hab ihn direkt angeschaut und er war …« Er schnipste mit den Fingern. »Weg. In Luft aufgelöst. Wie von Zauberhand.«

»Klar«, erwiderte Ed und verdrehte die Augen in Richtung seiner Schwester.

Aber Roo sagte gar nichts.

KAPITEL 4

Zu Hause war überall Staub. Der Durchgang zum ehemaligen Wohnzimmer war komplett mit schäbigen Plastikplanen abgeklebt.

»Na ja«, sagte Dad und versuchte fröhlich zu klingen, während er abgebröckelten Putz vom Teppich saugte, »die Bauarbeiter haben zumindest mal angefangen. Jetzt wird es nicht mehr lang dauern – vielleicht ein, zwei Monate.«

Es sollte ein barrierefreies Zimmer mit Bad für Ed werden. Momentan musste er sich entweder sitzend nach oben heben oder sein Dad musste ihn hochtragen. Oben konnte er seinen Rollstuhl nicht benutzen, da der Flur zu schmal war, was bedeutete, dass er sich an irgendetwas festhalten musste, um sich vorwärtszuziehen, und sich wie ein Kleinkind vorkam. Er freute sich daher darauf, dass der neue Anbau fertig wurde; das einzige Problem war, dass das ganze kleine Städtchen, in dem sie wohnten, sich ebenfalls darauf zu freuen schien.

»Es tut mir wirklich leid«, hatte seine Mum gesagt. »Wir können es uns ohne ein wenig Hilfe einfach nicht leisten.« Also hatte es Kuchenverkäufe vor Ort gegeben, und gesponserte Sackhüpf-Wettrennen und eine Talentshow und einen Tortenwerf-Wettbewerb. Jetzt sagten Leute, die er gar nicht kannte, auf der Straße zu ihm: »Ed, bester Mann!«, und gaben ihm ein High Five oder riefen: »Ich hab bei der Spendenaktion sechs Stücke Marmorkuchen gekauft – hoffe, mein Beitrag hat geholfen!«, von der anderen Straßenseite und Ed musste ihnen allen zulächeln.

»Wie war’s bei Miss Filey?«, schrie Mum aus der Küche.

»Okay«, antwortete er.

Es folgte eine kurze Pause.

»Ein paar mehr Details wären schon schön!«, rief Mum.

»Wir haben einen Jungen kennengelernt, Willard, der denkt, er sei witzig. Wir haben einen Schrank voller Puzzles gefunden und haben eins mit fast nur Himmel angefangen. Außerdem haben wir ein Stück etwas trockenen Kuchen gegessen. Es war genauso, als wären wir ins Disneyland gefahren. Müssen wir da morgen wirklich wieder hin?«

»Ja, aber vielleicht können wir ja für Ende der Woche was anderes organisieren. Lucy ist so still.«

»Hallo, Mum«, rief Roo. »Ja, es war okay. Miss Filey ist nett.« Sie wirkte abwesend, während sie sprach, ihre Gedanken kreisten immer noch um den Vorfall mit dem Hund.

»Wie ist ihr Haus denn so?«

»Alt«, sagte Ed. »Aber nicht unbedingt auf eine gute Art.«

»Es ist groß«, sagte Roo. »Wirklich sehr groß für eine Person.«

Mum erschien in der Küchentür, einen Kartoffelstampfer in der Hand. »Miss Fileys Vater ist erst vor ein paar Monaten gestorben – er war Ende neunzig, glaube ich, und brauchte viel Pflege. Ich bin mir nicht sicher, ob sie sonst noch Familie hat.«

»Ich auch nicht. Gibt es Würstchen mit Kartoffelbrei?«, fragte Ed.

»Fischbuletten.« Ihre Mum ging in die Küche zurück.

»Ed«, sagte Roo. »Ich muss dir was sagen.« Sie deutete ruckartig mit dem Kopf in Richtung Flur.

Ed folgte ihr. »Was ist denn?«, fragte er leise.

»Du weißt schon, der Hund?«

»Willards verschwundener Hund, meinst du?«

»Ja.«

»Was ist damit?«

»Er hatte eine kleine Marke am Halsband. Ich hab sie gesehen, als ich ihn festgehalten habe.«

»Okay. Und?«

Sie holte tief Luft. »Da stand ›49 Alum Road‹ drauf. Das ist doch Miss Fileys Adresse, oder? Aber Miss Filey hat doch keinen Hund.«

Ed wartete.

»Die Sache ist die, als ich die Kerze angezündet habe«, fuhr Roo fort, »hab ich gesagt: ›Ich wünschte, Miss Filey hätte einen Hund.‹«

Ed hob eine Augenbraue. »Du willst damit also sagen, dass du dir etwas gewünscht hast und es ist wahr geworden?«

»Ja. Und dann, als die Kerze ausgegangen ist, hat der Wunsch geendet und der Hund ist verschwunden.«

»Da müssen wir Willards Aussage vertrauen. Wir standen ja mit dem Rücken zu ihm.«

»Nun ja, okay, aber … was, wenn er wirklich verschwunden ist? Wie erklärst du dir das?«

Ed verschränkte die Arme auf eine lehrerhafte Art. »Lass uns das mal logisch angehen. Soweit ich das sehe, gibt es zwei Möglichkeiten. Eine ist, dass du einen Wunsch geäußert hast, der wahr geworden ist. Und die andere ist, dass du dich bei der Plakette am Halsband des Hunds verlesen hast und da nicht 49 stand, sondern eine andere Hausnummer und der Hund in Wirklichkeit einem Nachbarn gehört. Welche dieser beiden Möglichkeiten macht mehr Sinn?« Ed sah, wie seine Schwester enttäuscht die Schultern hängen ließ. »Du kannst ja morgen noch mal eine Kerze anzünden«, versuchte er, sie aufzumuntern. »Deine Theorie überprüfen.«

»Aber was soll ich mir dann wünschen?«

Ed zuckte mit den Schultern. »Wie wäre es mit etwas, das definitiv in keinem normalen Wohnzimmer auftauchen könnte?«

»Ein Elefant? Nein, zu groß. Ein … Faultier? Nein, das pinkelt nur überall hin. Ein … ein …«

»Faultiere pinkeln nur, wenn es regnet«, sagte Ed, der beinahe alles wusste. »Warum schläfst du nicht mal drüber«, ergänzte er. »Und wenigstens wird Willard morgen nicht da sein.«

»Hallöchen, Kinder!«, begrüßte sie Miss Filey, als sie drüben ankamen. »Ich habe das Puzzle genauso gelassen, wie es war, da ich dachte, dass ihr bestimmt daran weiterarbeiten möchtet.«

»Danke«, sagte Ed, beide Daumen in die Höhe reckend. »Wir haben uns total darauf gefreut, mit diesem riesigen, blauen, komplett nichtssagenden Himmel weiterzumachen.«

»Super«, erwiderte Miss Filey, komplett immun gegen seinen Sarkasmus. »Ich habe euch schon Kekse und Limonade hingestellt. Und ich gehe mal kurz im Schuppen nachsehen, ob ich noch ein paar Spiele finde.«

Im Fernsehzimmer waren die einzigen Überbleibsel des Vorfalls mit dem Hund ein paar lose Fäden, die von der Stickerei an der Wand herunterhingen. Ed nahm sich einen Jaffa Cake und pulte mit den Zähnen die Schokoladenglasur herunter.