Zehntelbrüder - Ruth Cerha - E-Book

Zehntelbrüder E-Book

Ruth Cerha

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Beschreibung

Mischa, ein junger DJ in Wien, ist glücklich mit seiner Freundin Hannah – bis sie mit ihm eine Familie gründen will. Zu zwiespältig ist sein Verhältnis zu seiner eigenen, ein kompliziertes Geflecht aus einer viel zu jungen Mutter, die irgendwann von der Bildfläche verschwand, einem kaum vorhandenen leiblichen Vater und einem schwierigen Stiefvater, dessen wechselnden Partnerinnen sowie einem Haufen Halb- und Stiefgeschwistern. Fluchtartig stürzt sich Mischa in eine Affäre mit der attraktiven, eigenwilligen Nella und gerät dadurch unversehens in die Wirren einer anderen Familie, die ebenfalls alles andere als normal zu sein scheint. Aber was ist schon eine normale Familie, was ist Familie überhaupt? Als sein jüngerer Halbbruder Julius in die rechte Szene abzurutschen droht und er ihn nachts von einer Polizeistation abholen muss, stellt sich diese Frage für Mischa neu: Was bedeutet es für ihn, verwandt zu sein? "Zehntelbrüder" ist ein brandaktueller und warmherziger Roman über eine Patchworkfamilie, die aus allen Nähten platzt – und trotz allem den rettenden Halt gibt. Denn was dieses dehnbare Netz aus Halb-, Viertel- oder gar Zehntelgeschwistern schlussendlich zusammenhält, ist kein genetischer Code oder eine gesellschaftliche Verpflichtung, sondern die Entscheidung der Mitglieder, füreinander da zu sein.

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mischa, ein junger DJ in Wien, ist glücklich mit seiner Freundin Hannah – bis sie mit ihm eine Familie gründen will. Zu zwiespältig ist sein Verhältnis zu seiner eigenen, ein kompliziertes Geflecht bestehend aus einer viel zu jungen Mutter, einem kaum vorhandenen leiblichen Vater und einem Stiefvater, dessen wechselnden Partnerinnen sowie einem Haufen Halb- und Stiefgeschwistern. Mischa stürzt sich in eine Affäre und gerät dadurch in die Wirren einer anderen Familie, die ebenfalls alles andere als normal zu sein scheint. Aber was ist schon eine normale Familie – was ist Familie überhaupt?

Zehntelbrüder ist ein warmherziger Roman über eine Patchworkfamilie, deren Mitglieder es auseinandertreibt wie einen Vogelschwarm und die dennoch eine Formation bilden. Denn was diese Familie zusammenhält, ist kein genetischer Code oder eine gesellschaftliche Verpflichtung, sondern die Entscheidung der Mitglieder, füreinander da zu sein.

»Zehntelbrüder ist ein zeitgemäßer Familienroman, ein Kaleidoskop moderner Verhältnisse, in denen Bindungsängste ebenso zu finden sind wie der Glauben an eine tiefe innere Verbundenheit.«

Bündner Tagblatt

»Zehntelbrüder ist für alle Generationen interessant.«

Petra Hartlieb, Börsenblatt

»Es war höchste Zeit für diesen Roman. Denn die Familienverhältnisse, die Ruth Cerhas Zehntelbrüder zugrunde liegen, sind so kompliziert, wie sie heutzutage manchmal eben sind.«

St. Galler Tageblatt

Inhalt

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Die Protokolle

Janek Svoboda auf die Frage, woran seine Ehe mit Margit Grossmann scheiterte

Gisela Kretschy auf die Frage, woran ihre Ehe mit Janek Svoboda scheiterte

Jenny de Winter auf die Frage, warum sie Julius Svoboda als ihren Sohn aufgezogen hat

Beatrix Grossmann auf die Frage, wo Margit immer hinging, wenn sie abhaute

Norbert Klein auf die Frage, warum er Gisela Kretschy verlassen hat

Danksagungen

Impressum

Über die Autorin

für Maja

You can fill up a room with idle conversationYou can stir up a whole darn nation with your mouthBut before you start to show your indignation about a situationYou ought to take it all in and check it all out.

Bill Withers, 1972

1

Es war in diesem verrückten Jahr, als der Orkan Kyrill über Europa hinwegfegte. Das war im Jänner. Ich erinnere mich, dass ich abends das Fenster öffnete und diese Luft hereinströmte, die sich nicht anfühlte wie Luft, sondern wie etwas Dickeres, Dichteres, etwas, das sich im Übergang befand zwischen Gas und Flüssigkeit, zu warm, zu feucht, zu schwer zum Atmen. Draußen war es still wie in einer Kirche. Im Fernsehen hatten sie gesagt, man solle die Fenster schließen und im Haus bleiben. Ich blieb am Fenster stehen und rauchte eine Zigarette. Eine Frau kam mit ihrem Hund die Straße entlang, ihre Schritte hallten, als durchquerte sie einen leeren Betonbau. Da ich in der Nacht zuvor gearbeitet hatte, war ich müde und ging früh ins Bett. Ich schlief wie ein Stein, vom Orkan bekam ich nichts mit. Am nächsten Morgen war die Straße übersät mit allem möglichen Müll und Ästen, entlang des Parks lagen ganze Baumstämme quer und blockierten Fahrbahn und Gehsteig. Ich flankte über sie hinweg, als ich mir mein Frühstück holte.

Der Jänner blieb warm und stürmisch, und als es März wurde, hatten wir eigentlich keinen richtigen Winter gehabt, dafür weitere Stürme und eine Menge Regen. In den Nachrichten hörte ich, dass die Stürme in Mitteleuropa drastisch zugenommen hätten und man sich in Hinkunft an sie gewöhnen müsse.

Im April geriet meine Beziehung zu Hannah ins Trudeln. Wir stritten uns, was bis dahin kaum vorgekommen war. Es begann mit einer Essenseinladung bei ihrer Familie, zu der ich nicht mitkommen wollte. Obwohl wir schon zwei Jahre zusammen waren, hatte ich noch niemanden von ihrer Verwandtschaft kennengelernt. Ich fand, das konnte so bleiben. Es lag nicht daran, dass ich besonders schüchtern war oder mich ihre Leute nicht interessierten. Es lag an den Fragen. Und die Fragen würden kommen, da war ich mir sicher.

Und, was machen deine Eltern so?

Schon wäre ich geliefert.

Nein, ich bin keine Waise. Ich bin nicht im Kinderheim aufgewachsen und auch nicht adoptiert. Ich weiß, wer mich gezeugt und wer mich geboren hat, und ich kenne sie beide. Trotzdem würde ich diese zwei Menschen niemals in einem Wort und Atemzug als meine Eltern bezeichnen. Genau genommen hat es im Laufe meines Lebens keine einzige Gelegenheit gegeben, die die Anwendung dieses vergemeinschaftenden Begriffs notwendig gemacht hätte. Ich könnte es mir einfach machen und sie meine leiblichen Eltern nennen. Aber das würde die beiden auf ihre biologische Funktion beschränken und die Vermutung nahelegen, dass es irgendwo ein anderes Elternpaar gibt, das mich aufgezogen, erzogen, verzogen hat – Zieheltern also –, und so war es nicht. Das ginge an der Wahrheit vorbei und diese Wahrheit war nichts, was ich beim Essen mit der Familie meiner Freundin erklären wollte.

Auch die Frage nach Geschwistern hätte mich in Verlegenheit gebracht. Ich habe zwei Stiefbrüder, einen Halbbruder, und dann sind da noch die Töchter der ersten Frau meines Stiefvaters aus zweiter Ehe … vor meinem geistigen Auge sah ich die Mischung aus peinlichem Berührtsein und angestrengter Konzentration im Blick von Hannahs Eltern, während sie versuchten, meine Familienverhältnisse zu verstehen.

Dazu kam, dass Hannah fast zehn Jahre älter war als ich, und unser Altersunterschied würde noch andere Fragen nach sich ziehen, Fragen wie: Was willst du denn später einmal machen? Kann man vom Platten-Auflegen eigentlich leben?

Ich erklärte Hannah, ich fühlte mich noch nicht bereit.

Nur keine Eile, sagte Hannah, du kannst meine Eltern ja auch noch auf dem Friedhof kennenlernen. Das wird bestimmt nett.

In der Folge gab es weitere Streits, die Lage spitzte sich zu und gegen Ende April herrschte Funkstille zwischen uns. Ich war verwirrt und unglücklich und ließ mich ein wenig gehen. Ich machte meine fixen Jobs und die Sachen, die schon seit längerem ausgemacht waren, aber ich bemühte mich kaum um neue, und an den Tagen, an denen nichts zu tun war, saß ich zuhause herum, hörte Musik und starrte ins Leere.

An einem dieser Tage war ich bei Toni babysitten. Toni ist eine Zeitlang die Freundin meines Stiefvaters gewesen, bis sie den Exfreund meiner Tante Bea kennengelernt und mit ihm Max gezeugt hat. Max war inzwischen fünf und ich passte manchmal auf ihn auf, wenn Toni ausging oder er krank war und nicht in den Kindergarten gehen konnte. Diesmal hatte er die Windpocken und Toni musste dringend zur Arbeit, also rief sie mich an.

Hattest du als Kind die Windpocken?, fragte sie mich.

Das mit den Bläschen, die so höllisch jucken und wo man dieses weiße Zeug draufschmiert?, fragte ich zurück

Ich hatte ein Bild im Kopf. Mein jüngerer Halbbruder Julius, der nackt durch die Wohnung rennt, verfolgt von Jenny, ein Fläschchen mit einer milchigen Flüssigkeit in der einen und einem Wattestäbchen in der anderen Hand. Jul, gefleckt wie eine Kuh, weinend, der seinen kleinen Penis mit beiden Händen bedeckt, während Jenny beruhigend auf ihn einredet und ihm ein paar letzte Kuhflecken verpasst.

Genau das, sagte Toni.

Kann mich nicht erinnern.

Bist du bereit, es zu riskieren und auf Max aufzupassen? Ich muss unbedingt auf zwei, drei Stunden ins Büro, sonst bricht dort alles zusammen.

Ich werd’ schon nicht sterben, sagte ich, bin schon unterwegs.

Eine Stunde später saß ich mit Max in seinem Zimmer auf dem Boden. Wir zeichneten. Max zeichnete viel und gerne, hauptsächlich fantastische Landschaften und Tiere, die es nicht gab. Wie bei allen Zeichnungen von Fünfjährigen fehlte die räumliche Perspektive und die Proportionen schienen oft grotesk, doch seine Vorstellung von diesen Welten und Wesen war so detailliert, dass er oft ziemlich lange brauchte, um sie aufs Papier zu bringen, und dabei eine für sein Alter ungewöhnliche Ausdauer entwickelte.

An jenem Vormittag, an dem er den Stift alle paar Minuten dazu benutzte, sich irgendwo zu kratzen, und ich versuchte, ihn davon abzuhalten, zeichnete er ein vielarmiges Wesen, ein grinsendes Monster, halb gutmütig, halb diabolisch, mit Hasenohren und einem Zylinder auf dem Kopf, was mich ein wenig an Alice im Wunderland erinnerte. Ich vermutete, dass er vielleicht den Film gesehen hatte oder dass Toni, die unter anderem Bücher illustrierte, ihm aus dem Buch vorgelesen hatte, doch er erzählte mir, er habe im Fernsehen einen Zauberer gesehen und sich gefragt, warum er ein Kaninchen aus seinem Hut zauberte und nicht ein Meerschweinchen. (Max wünschte sich eines, schon lange. Er sagte Meerweinchen, weil er das schw nicht aussprechen konnte.) Dann sah er plötzlich von seiner Zeichnung auf, heftete seinen Philosophenblick auf mich und fragte:

Bist du verwandt?

Wie? Mit wem?

Max biss sich auf die Unterlippe und sein Blick wanderte ins Leere. Offensichtlich wusste er nicht, wie er seine Frage anders formulieren sollte, doch im selben Moment fiel in meinem schlecht programmierten Erwachsenenhirn der Groschen.

Du meinst wir beide?, fragte ich. Ob wir miteinander verwandt sind?

Max nickte und strahlte. Ja – ob du verwandt bist.

Ich seufzte. Das ist eine schwierige Frage, sagte ich.

Warum, wollte Max wissen.

Na ja. Eigentlich sind wir nicht verwandt.

Nein?

Nein.

Max machte ein enttäuschtes Gesicht.

Aber Toni sagt, du gehörst zur Familie.

Zu welcher Familie?, fragte ich.

Max zuckte mit den Schultern. Er zeichnete jetzt wieder, sein Monster bekam einen weiteren Arm. Ich und Toni, sagte er. Tante Bea. Gisela und Jenny. Und Jul und Lilli. Mila nicht, sie hat einmal mein Legohaus kaputtgemacht.

Ich musste grinsen.

Möchtest du, dass ich dazugehöre?

Max nickte heftig. Mir wurde ziemlich warm. Ich zog meinen Pullover aus.

Also, wenn du es möchtest und Toni es sagt, dann gehöre ich dazu.

Max nickte noch einmal. Dann sah er mich wieder an, mit prüfendem Blick.

Aber für einen Bruder bist du zu alt, stellte er fest.

Na hör mal. Ich bin doch auch Juls Bruder.

Ja, aber der geht schon aufs Gynasium, sagte Max. Es klang, als hätte es etwas mit Nase zu tun. Außerdem – er nahm den Stift in seine kleine Faust und kratzte sich umständlich am Rücken – habt ihr dieselbe Mama.

Das war nicht zu leugnen.

Ja, schon, sagte ich vorsichtig. Aber du weißt doch: Toni und ich haben eine Zeitlang in derselben Wohnung gewohnt. Zusammen mit Janek. Es ist zwar schon eine Weile her – du warst noch nicht auf der Welt –, aber damals hat sie für mich Mittagessen gekocht, mir bei den Hausaufgaben geholfen, mir Tee gemacht und Medizin gegeben, wenn ich krank war. Sachen, die sie auch für dich macht.

Ich habe noch keine Hausaufgaben, sagte Max ein wenig trotzig, und ich begriff, dass ich seine Exklusivität verletzt hatte, eine Exklusivität, die ich so nie erlebt hatte und für die mir das Gefühl fehlte.

Aber du wirst bald welche haben, insistierte ich, und Toni wird dir dabei helfen, so wie sie mir geholfen hat.

Ich wusste, dass ich meinen Finger nochmals in dasselbe Loch bohrte, aber ich konnte nicht anders – ich wollte ihm etwas erklären. Mein Blick fiel auf seine Zeichnung.

Schau, das ist ein bisschen wie dieses Ding auf deiner Zeichnung –

Der Mikantu?

Richtig, wie dein Mikantu.

Wer, Toni? Max schaute verwirrt drein. Aber sie hat nur zwei Arme.

Richtig. Und manchmal sind zwei Arme zu wenig. Toni kann mit ihren zwei Armen nicht gleichzeitig im Büro am Computer Sachen machen und hier bei dir zuhause sein und mit dir zeichnen. Also braucht sie zwei andere Arme. Oder, sagen wir, du brauchst sie.

Deine Arme, sagte Max und zeigte mit dem Stift auf mich. Zum Beispiel, sagte ich.

Oder die Arme von Gisela oder Jenny oder von Tante Bea. Genau, sagte ich.

Max legte den Stift weg und begann mit Hilfe seiner Finger zu zählen.

Als er fertig war, sagte er: Cool, meine Mama hat zehn Arme.

Ich schloss die Augen. Wie lange würde es dauern, bis er darauf kam, dass es zwei Arme gab, die in seinem Leben fehlten? Und doch: Max hatte Glück. Er hatte Toni, die zehnarmige Toni. Und er war praktisch eine ganze Generation jünger als ich. Manchmal fühlte ich mich ihm gegenüber wie jemand, der noch im Krieg war und nicht weiß, wie er seinen Enkeln das Gefühl von Hunger oder die Angst vor dem Feind erklären soll.

Aber solche Dinge kann man nicht erklären. Man muss sie erlebt haben. Man kann davon erzählen, aber man darf nicht erwarten, dass jemand anderes es versteht. Kinder sind genervt davon. An sich sind sie die besten Zuhörer der Welt, aber nur, wenn sie sich etwas vorstellen können. Krieg kann man sich nicht vorstellen.

Ich machte die Augen wieder auf. Max saß still da, versunken in den Anblick seines Mikantus.

Ja, sagte ich. Das ist wirklich cool.

Später am Tag saß ich zuhause herum, hörte Musik, starrte ins Leere und überlegte zum hundertsten Mal, ob ich Hannah anrufen sollte. Wenn du sicher bist, dass du dich auf etwas einlassen willst, hatte sie gesagt, kannst du dich wieder melden. Einlassen worauf?, hatte ich gefragt. Auf mich. Das mich war aus der Leitung gezischt wie Dampf, der aus einem plötzlich geöffneten Ventil entweicht, unter großem Druck. Aber vielleicht, hatte sie noch hinzugefügt, bist du ja doch einfach zu jung für mich.

Zu jung. Ich war für eine Menge Dinge in meinem Leben zu jung gewesen. Vielleicht ist das erblich. Margit war zu jung gewesen, um mich zu bekommen, so viel ist sicher. Als ich gerade gehen konnte, war ich zu jung, um in einer Wirtshausküche zu leben. Ich war zu jung, um zu verstehen, warum ein Mann namens Chris alle paar Monate auftauchte und sich gebärdete, als wäre er mein Vater (er war mein Vater), und dann wieder verschwand. Als Margit und Janek heirateten, war ich zu jung, um mich gegen meine älteren Stiefbrüder zu wehren, die mich bei der Hochzeit in eine Mülltonne steckten und den Deckel zuklebten. Mit neun war ich Zeuge einer Szene, in deren Verlauf Margit sich selbst mit einer Buddhastatue gegen den Kopf hämmerte und die damit endete, dass Janek sie ins Krankenhaus brachte. Dafür war ich definitiv zu jung. Wenn ich an die Ereignisse dieses Tages denke, bin ich nicht sicher, ob es überhaupt möglich ist, alt genug für sie zu sein. Darüber hinaus glaube ich, dass ich besser daran getan hätte, mit fünfzehn nicht mit Edda Kieslauer zu schlafen, denn ich fühlte mich zu jung für die Konsequenzen dieser allerdings nicht bewusst getroffenen Entscheidung. Abgesehen davon war ich für Edda damals ohne jede Frage – zu jung.

Über all das dachte ich nach, während ich an jenem Nachmittag zuhause saß und mein Telefon hypnotisierte, und dann fiel mir Max wieder ein. Da war jemand, der mich in seinem Leben haben wollte. Nicht wie Hannah – sie hatte Vorstellungen, Pläne. Max hatte keine Pläne. Er wollte mit mir verwandt sein. Was das hieß? Ich wusste es nicht. Verwandt ist man, ob man will oder nicht, normalerweise sucht man sich das nicht aus. Manchmal sagt man auch, man fühlt sich verwandt, wenn man Gefühle, Gedanken oder Erlebnisse mit jemandem teilt. Aber das war es nicht, was Max meinte. Wenn Max mich ansah, spürte ich etwas anderes. Es war in meinem Brustkorb, Max war in meinem Brustkorb, oder etwas von ihm. Er selbst legte es dort hinein, wie eine besondere Murmel, die er nicht verlieren wollte. Er wollte sicher sein, dass es am nächsten Tag noch da war.

2

Meine frühe Erinnerung besteht aus Licht und Geruch. Das Licht fiel durch einen gemusterten Vorhang aufs Bett und warf das Negativ des Musters auf Leintuch, Decke und Polster. Das Licht war orange und wenn es draußen regnete, war es ziemlich dunkel. Wenn die Sonne schien, begann alles im Zimmer zu leuchten. Die Vorhänge wurden nie zurückgezogen, denn wir wohnten in einem Zimmer im Erdgeschoss, und jeder, der vorbeiging, konnte bis in unser Bett sehen.

Der Geruch kam aus dem Stiegenhaus. Margit hasste ihn. Es roch nach unzähligen Wiener Schnitzeln und Pommes, die in zu lange nicht gewechseltem Fett herausgebacken wurden. Manchmal roch es auch nach Rindssuppe oder Kohlgemüse. Die Tür direkt neben unserer führte in eine Wirtshausküche. Margit arbeitete dort, sechs Tage die Woche, schälte und schnitt Kartoffeln, panierte, bediente die Fritteuse. Sie bekämpfte den Geruch mit Raumspray, Deospray und Räucherstäbchen. Sie stand nach der Arbeit Ewigkeiten unter der Dusche, während ich wartete und wartete und wartete. Meine frühe Erinnerung ist das Warten. Es gab verschiedene Orte des Wartens. Ein riesiger, alter Kinderwagen, taubenblau, mit kaputtem Sonnendach. Margit spannte eine Stoffwindel zwischen die nackten Streben, wenn sie den Wagen im Sommer in den Hof stellte. Sie ließ die Tür und das Gangfenster offen, damit sie mich hörte, doch manchmal zischte das Fett einfach zu laut. Ein Gitterbett ohne Boden und ohne Matratze, das mir als Gehschule diente und das neben der Spülmaschine stand. Das Wasser gurgelte und rauschte in der Maschine. Margit hatte lauter Zeug an den Gitterstäben befestigt, das ich mochte: ein Halstuch mit glitzernden Fransen. Einen alten Schlüsselbund. Lederbänder mit bunten Perlen. Eine Fußkette mit Schellen dran. Eine kleine, lila Stoffkuh. Margit hatte alles an den Stäben festgebunden, damit ich es nicht dauernd aus dem Gitterbett hinauswarf und sie oder die alte Zach bei der Arbeit darüberstolperten.

Die alte Zach war die Frau des Besitzers. Sie war für die Küche zuständig, er für die Schank. Sie hatte unglaublich dicke Beine, im Sommer nackt, im Winter in fleischfarbenen Strümpfen, durch die ich die hervortretenden Venen sehen konnte, wenn sie an mir vorbeiwackelte. Das Wackeln war begleitet von einem nie endenden Lamento über die Schmerzen in ihrer Hüfte, ein sich ewig auf und ab wiegendes Klagelied, nur unterbrochen von den Anweisungen, die sie Margit und der hageren, schmalgesichtigen Kellnerin gab, und den gewitterartigen, krächzenden Wutausbrüchen ihres Mannes. Zwischendurch kam sie an mein Gitter, klingelte mit den Schellen, strich mir mit ihrer rotfleischigen Hand über die Haare und ihre Mundwinkel wanderten in die Breite und nach oben, was ihr Gesicht völlig veränderte. Es war eine fast magische Verwandlung, die das Licht und die Temperatur im Raum veränderte. Niemand hat mich je wieder so angelächelt. Als die alte Zach starb, habe ich das letzte Mal geweint.

Von ihr weiß ich alles über diese Zeit. Als ich in die Pubertät kam und es für mich nirgendwo nach zuhause roch, fing ich an, sie zu besuchen. Ich ging montags, wenn das Gasthaus geschlossen hatte, nach der Schule hin, bekam die Reste vom Sonntag und als Nachtisch ihre Erinnerungen. Wir saßen in der Küche, nicht in der Gaststube – eine andere Welt, die nach Rauch und saurem Wein roch und in der wir nichts verloren hatten. Was wir verloren hatten, war hier, zwischen Herd und Fritteuse und den von heißem Fett und Kochdunst gelben Wänden. Die alte Zach erzählte in derselben Melodie, in der sie sich früher über ihre Hüftprobleme beschwert hatte (was sie immer noch tat), und schon allein diese Melodie weckte vieles in mir auf. In ihren Erzählungen fand ich Bruchstücke meiner eigenen Erinnerung, winzige Splitter, die plötzlich aufleuchteten, um manches Mal sofort wieder zu verlöschen und in meinen Träumen wiederzukehren. Andere blieben und verbanden sich mit anderen, späteren Erinnerungen zu Bildern, die ich in das Fotoalbum einklebte, das es nie gegeben hat. Auf dem ersten Foto, das es von mir gibt, bin ich sechs.

Die alte Zach erzählte mir außerdem von Chris. Sie nannte ihn einen Taugenichts, einen Windhund. Dabei hat er gut ausgeschaut, sagte sie, fescher Kerl. Ein bissl ungepflegt, aber sonst. Zum Friseur hätt’ er einmal gehen können. Ein Casanova war er jedenfalls nicht. Deine Mutter hat er trotzdem unglücklich gemacht. Sie hätt’ aber auch g’scheiter sein können. Heutzutag’ muss so was nimmer passieren.

Mit so was meinte sie mich. Oder wenigstens den Zeitpunkt meiner Geburt. So kurz vor dem Schulabschluss, sagte sie. Wenn er wenigstens aus guter Familie g’wesen wär’, aber so. Was G’scheites arbeiten hätt’ er trotzdem gehen können. Wie sie überhaupt an den geraten ist. Wollt’ sie mir nie erzählen, deine Mutter.

Mir auch nicht.

Wie und wo die Tochter eines Großindustriellen, Inhaber einer Supermarktkette, einer Luxusvilla in Grinzing und mehrerer teurer Autos, Arschloch und außerdem mein Großvater Christian Wewerka, ein Arbeiterkind aus Favoriten, kennengelernt hat und wie es zu dem ungeschützten Geschlechtsverkehr zwischen den beiden kam, der zu meiner Existenz führte, wird wohl ewig im Dunkeln bleiben. Auch Chris wollte bei unseren äußerst sporadischen Zusammentreffen all die Jahre nie etwas dazu sagen.

In der Wirtshausepoche war Chris für mich der Geruch seiner Lederjacke, vermischt mit Zigarettenrauch, billigem Rasierwasser und Schokolade, die er mir hinter Margits Rücken in den Mund stopfte. Er kam von Zeit zu Zeit, blieb eine Nacht oder zwei, stritt sich mit Margit und verschwand wieder, nicht ohne das Versprechen, dass, wenn er endlich berühmt wäre, er uns beide da rausholen würde. Wo rausholen, fragte ich. Na, aus diesem Loch, sagte Chris. Ich stellte mir ein Kaninchenloch vor und verstand nicht, was unser Zimmer oder die Küche der alten Zach damit zu tun haben sollten.

Berühmt werden wollte er mit seiner Musik. Er spielte Gitarre, sang dazu und hielt sich für den nächsten Mick Jagger. Tatsächlich hatte er eine gute Stimme und einen schlechten Sinn für Realität. Gemeinsam mit einem Freund, der eine Vier-Spur-Tonbandmaschine besaß und Schlagzeug spielte, nahm er Demosongs auf, die er an Plattenfirmen aus dem Telefonbuch verschickte. Immer wieder. Er glaubte wohl ernsthaft, irgendwann in der Zukunft, an einem rosaroten Tag, würde sich in einem hellen, großzügigen Büro das große Wunder ereignen: Ein wichtiger, lässig gekleideter Typ (Levisjeans, T-Shirt mit exklusiver Signatur von Sting, Ray-Ban), der gerade eine kreative Pause macht, weil ihm partout nicht einfallen will, woher er den nächsten Chart-Erfolg nehmen soll, wühlt auf der Suche nach Inspiration gedankenverloren in den Demotapes herum, zieht eines heraus, legt es ein und – zack! – da ist er, der ultimative Hit von Chris the Wiz. Der Typ ist hin und weg, die Tür geht auf, ein Kollege betritt das Büro, bleibt abrupt stehen, hört ein paar Takte zu, wippt mit dem Fuß, hey, was ist das, ist jaWAHNSINN … wie gesagt, seine Vorstellungen waren nicht sehr lebensnah. In Wirklichkeit gab es vermutlich bei bellaphon oder Polygram irgendwann einen eigenen Mistkübel für Chris the Wiz-Tapes, eine Art musikalische Sondermülldeponie.

Die alte Zach wusste nur, dass Chris immer eine Gitarre dabeihatte und kaum Geld verdiente. Ich selbst erinnere mich, dass er abends manchmal in unserem Zimmer saß und spielte, am offenen Fenster. Hin und wieder blieben Leute auf der Straße stehen und hörten zu. Auch Margit hörte zu, auf dem Boden sitzend, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen, das Kinn auf den Knien. Sie machte einen hypnotisierten, abwesenden Eindruck. Im Nachhinein glaube ich, dass es weniger um die Musik ging als um das Bild, das sie sah: das Bild eines Träumers, der keine Beschränkung seiner Träume duldete, ein Großstadttroubadour, der für sie eine Freiheit verkörperte, die sie sich hatte einverleiben wollen. Doch es war anders gekommen. Genau dieser Wunsch hatte sie weiter von der Freiheit entfernt, als sie es je zuvor gewesen war. Und das würde sie ihm niemals verzeihen.

3

Ich erwachte mit Kopfschmerzen. Irgendwann während meines quälenden inneren Hannah anrufen, Hannah nicht anrufen-Monologs hatte mich eine lähmende Müdigkeit überfallen. Da ich ohnehin schon auf dem Bett gesessen hatte, war es nur ein kleines Nachgeben in der Rückenmuskulatur gewesen, das mich von einem jener bleischweren, ohnmachtsartigen Schlafanfälle getrennt hatte, die sich in letzter Zeit bei mir häuften. Es war reines Glück, dass ich gerade noch rechtzeitig aufwachte, um mein Zeug zusammenzupacken und um neun im Wirr zu sein, wo ich heute das DJ Line up darstellte – normalerweise waren wir zu zweit oder zu dritt, aber diesmal waren die Kollegen alle irgendwo anders unterwegs, also würde ich den Abend alleine bestreiten, mit einer gepflegten Mischung aus Soul, Funk und Hip-Hop, strictly groove. Draußen regnete es und die Räder meines Trolleys machten ein hellgraues, feuchtschmatzendes Geräusch auf dem Gehsteig, während ich die Burggasse entlangging. Im Wirr war die Luft jetzt schon dick, obwohl noch kaum jemand da war, ich legte einen Sampler auf und holte mir ein Bier. Tina, das Barmädchen, wunderte sich, normalerweise trank ich Cola, aber heute brauchte ich die leichte Dumpfheit, die sich bei mir als Nichttrinker verlässlich nach einem Bier einstellte. Außerdem hoffte ich, es würde meine Kopfschmerzen betäuben.

Zwei Stunden später war der Laden voll, es herrschte gute Stimmung, alle waren gut drauf, nur ich nicht, ich war heute einfach nicht richtig bei der Sache. Zum Glück schien das keinem aufzufallen, die Leute tanzten, schwitzten und tranken, schrien sich gegenseitig über die Musik hinweg an, während ich immer noch darüber nachdachte, ob ich später Hannah anrufen sollte oder nicht. Überhaupt schienen sich all meine Gedanken in den letzten Wochen in einer Endlosschleife zu bewegen, immer wieder kam ich an denselben Punkten vorbei, als würde ich mit derselben U-Bahn-Linie immer dieselbe Strecke abfahren, von einer Endstation zur anderen und wieder zurück.

Gegen halb eins tauchte Julius auf. Schon sein Anblick machte mich ärgerlich. Er wusste genau, in was für eine Situation er mich brachte. Obwohl er um diese Zeit zuhause sein sollte und am nächsten Tag wahrscheinlich wieder mal nicht zur Schule gehen würde, konnte ich ihn trotzdem nicht bei Jenny verpfeifen. Halbbrüdersolidarität. Die Frage war nur, wie solidarisch es tatsächlich war, einfach zuzuschauen, wie er Mist baute. Das Problem war, dass ich eine Grenze überschritten hatte, und zwar einfach nur dadurch, dass ich älter geworden war. Es ging nicht mehr darum, dichtzuhalten, wenn er Janeks Taschenmesser verloren oder trotz Fernsehverbots die Fernbedienung aus Jennys Versteck geklaut hatte. Unser Altersunterschied hatte uns in zwei verschiedene Lager befördert. Er war gerade sechzehn geworden, ich war vierundzwanzig. Ich wohnte allein, verdiente mein eigenes Geld. Ich war ein Erwachsener, in dem platten, unhinterfragten Sinn eines amtlichen Steuerbescheids, und diese Rolle machte es mir schwer. Aber ich konnte nichts dagegen machen, ich kam mir einfach komisch vor, wenn ich Jul sagte, was mir nicht gefiel: dass er Jenny anlog, sich mit rechtslastigen Typen herumtrieb und ihre dummen Parolen nachplapperte, schlechte Musik mit zweifelhaften Texten hörte und sein mit Pickeln übersätes Babyface mit immer mehr Piercings durchlöcherte.

Mit dem unsicheren, arroganten Grinsen auf dem Gesicht, das sich in letzter Zeit in seinen Zügen festgefressen hatte, kam er zu mir herüber.

Na, seifst du sie mal wieder ein?, fragte er.

Einseifen. Meine Güte.

Wen? Ich stellte mich blöd.

Die ganzen Idioten da. Er deutete mit dem Kopf in Richtung Tanzfläche.

Was für eine Scheißmusik, fügte er abfällig hinzu.

Wenn du sie so scheiße findest, warum bist du dann hier?

Er antwortete nicht, grinste wieder vor sich hin, sah mich nicht an.

Okay, sagte ich, in zehn Minuten mache ich Pause, dann gehen wir raus und du sagst mir, was los ist.

Er zuckte mit den Achseln und verdrückte sich. Ich überlegte kurz, ob ich Tina sagen sollte, dass er erst fünfzehn war und kein Bier bestellen durfte. Bestimmt hatte er keinen Ausweis dabei, um das Gegenteil zu beweisen. Irgendwie provozierte er in letzter Zeit das Arschloch in mir.

Eine Viertelstunde später standen wir draußen vor der Tür. Es regnete immer noch, aber ich brauchte dringend frische Luft. Wir drängten uns an die Hausmauer, ich zündete mir eine Zigarette an.

Also, sagte ich, was gibt’s.

Nichts, was soll’s geben. Keine Lust, nach Hause zu gehen. Er trat von einem Fuß auf den anderen, obwohl es nicht kalt war, kickte mit dem Absatz seiner Boots gegen die Mauer, einmal links, einmal rechts.

Einen Grund, sagte ich. Raus damit.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und betrachtete seine Stiefelspitzen.

Sind erwischt worden, Schulli und ich.

Ich hatte keine Ahnung, wer Schulli war. Seine Freunde kannte ich nicht mehr, seit ich bei Jenny ausgezogen war.

Erwischt? Wobei?

Schmiererei. Er spuckte aus. Lächerlich.

Kommt drauf an, wo man schmiert und vor allem was, sagte ich. Hakenkreuze erschienen vor meinem geistigen Auge, mit schwarzer Farbe auf irgendwelche Mauern gesprüht. Mir wurde schlecht. Warum kam er damit zu mir?

Ich sah Jul von der Seite an und wartete auf den Rest seines Geständnisses, doch er schwieg beharrlich. Zu meiner Überraschung erkannte ich im kalten Licht der Straßenbeleuchtung, dass er rot geworden war. Das brachte mich von meiner Hakenkreuzfantasie ab.

Was Obszönes?, fragte ich rundheraus.

Schwänze, sagte er so schnell und so leise, dass ich es gerade noch hören konnte. Fast hätte ich laut losgelacht, aber ich beherrschte mich und fragte nur: Wo?

Pausenhof, sagte er. Ich pfiff durch die Zähne.

Reife Leistung, sagte ich, wirklich. Ganz toll. Weiß Jenny schon davon?

Er schüttelte den Kopf. Vorladung beim Direktor, sagte er, morgen Mittag.

Dann sah er mich plötzlich an, verzweifelt und ängstlich wie ein Kind.

Kannst du es ihr nicht sagen?, fragte er bittend. Also, bevor sie zum Schranz geht?

Mit einem Schlag war mein ganzer Ärger wieder da.

Hm, lass mich überlegen, sagte ich. Will ich morgen extra früher aufstehen und Jenny anrufen, Jenny, die ihren Stiefsohn alleine aufzieht, seine Klamotten wäscht und seinen Dreck wegputzt, während er auf alles pfeift? Will ich sie anrufen und ihr sagen, dass mein kleiner Bruder Schwänze auf die Schulmauer sprayt, mir ihren Zusammenbruch anhören und sie dann trösten? Warte mal, ich muss wirklich darüber nachdenken. Nein, will ich nicht!

Meine Stimme war ziemlich laut geworden, ich war in Rage.

Nein, kleiner Bruder, das musst du ihr schon selber beichten, so viel Mut musst du aufbringen. Du warst ja auch mutig genug, es zu tun, oder dämlich genug, könnte man sagen. Oder von mir aus sag es ihr nicht, ist mir doch egal, dann erfährt sie es eben vom alten Schranz, auch gut. Ich meine, ich möchte wirklich wissen, wie du überhaupt auf die Idee kommst, mich zu fragen!

Jul kratzte mit dem rechten Stiefel eingetrockneten Schlamm vom linken. Er wand sich, suchte nach Worten.

Du bist gut in so was, sagte er schließlich. Gut mit Leuten. Du bist viel besser als ich.

Ich dämpfte meine Zigarette aus.

Geh nach Hause, Jul. Geh nach Hause und sag Jenny, was Sache ist. Entschuldig’ dich. Und dann leg dich schlafen. Geh morgen in die Schule und übermorgen auch. Und mach deine verdammten Hausübungen.

Ich ließ ihn stehen, wo er war, ging wieder hinein und an die Arbeit. Ich spielte Trouble Man, Marvin Gayes’ Klassiker, aber nicht im Original, sondern in der viel zornigeren Coverversion von Neneh Cherry. Der Song war völlig unpassend, viel zu langsam, niemand tanzte. Aber er passte zu meiner Stimmung.

Es war fast drei, als ich nach Hause kam. Wie um diese Zeit üblich war ich nicht müde, aber mir war kalt, also legte ich mich ins Bett und zog mir die Decke bis zum Hals. Ich dachte an Hannah, die jetzt ebenfalls in ihrem Bett lag und schlief, hoffentlich alleine. Sie hatte so eine seltsame Art zu schlafen, ganz gerade auf dem Rücken, immer eine Hand auf dem Busen. Ich dachte an ihren Busen und hatte sofort einen Ständer, es wurde jeden Tag schlimmer. Als ich fertig war mit Onanieren und die Erschöpfung sich langsam doch in meinem Körper breitmachte, fiel mir Jul wieder ein. Mein sechzehnjähriger Bruder, der sicher davon träumte, mit einem Mädchen zu schlafen, und doch meilenweit von dieser Möglichkeit entfernt war. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, wie er mit Mädchen reden sollte. Das war mein Trumpf gewesen damals. Das war, was Edda zu mir gesagt hatte, bevor sie sich auszog: Mit dir kann man so gut reden. Und das war auch, was Jul im Grunde gemeint hatte, als er sagte: Du bist gut mit Leuten. Aber da war noch ein anderer Satz gewesen, wie eine Leuchtreklame, die nach einem Stromausfall wieder anging, war er plötzlich in meinem Kopf: Du bist viel besser als ich. Ich setzte mich im Bett auf. Wie kam er darauf? Er verachtete die Musik, die ich hörte, mochte meine Klamotten nicht und fand es ekelhaft, dass ich mit einer zehn Jahre älteren Frau schlief. Trotzdem fühlte er sich mir gegenüber offenbar minderwertig.

Ich stand wieder auf, holte mir aus meiner Jacke die letzte Zigarette und stellte mich ans Fenster. Draußen wechselte der Himmel langsam die Farbe. Ich dachte an die Nacht mit Edda, an die glänzenden Träger des strahlend weißen BHs auf ihrer braunen Haut, den Geruch nach zu süßem Parfum, frischer Bettwäsche und meinem eigenen Pubertätsschweiß, das Geräusch eines Motors und zuschlagender Autotüren in der Einfahrt, die tiefe, sonore Stimme ihres Vaters in all ihrer geldgeschwängerten Autorität, Eddas bleiches Gesicht und der stumpfe Ausdruck in ihren Augen, als ich sie von der Klinik abholte. Dann dachte ich an eine andere Nacht, etwa ein Jahr davor. Ich war vierzehn, Jul also sechs, wir lagen in unserem Stockbett, ich oben, er unten. Er wollte immer oben schlafen, aber er schlief unruhig, warf sich die halbe Nacht hin und her, also hatte Jenny Angst, er könnte herunterfallen und sich verletzen. Was Jenny nicht wusste, war, dass er oft gar nicht schlief, sondern einfach wachlag. Ich wusste es, weil ich auch wachlag. Ich hörte ihn unter mir atmen, er atmete laut für ein Kind, und manchmal gab er dabei Geräusche von sich. Ein Galoppieren, ein leises Wiehern, ein Bellen, ein Knurren, ein Brummen, ein Quietschen. Ich lag da und vertrieb mir die Zeit damit zu erraten, was er gerade war: Pferd, Hund, Auto. Ich nahm an, dass er sich irgendwelche Geschichten ausdachte, aber wenn ich ihn ansprach, war er sofort still und tat, als würde er schlafen, manchmal wechselte er auch den Soundtrack in ein völlig unnatürliches Schnarchen. Aber in dieser Nacht gab es keine Geräusche außer dem Geschrei von Janek und Jenny, die sich nebenan stritten, es war, kurz bevor sie sich trennten. Ich konnte hören, dass sie versuchten, leiser zu sein, um uns nicht zu wecken, aber es gelang ihnen nicht, immer wieder schwollen ihre zornigen Stimmen an wie eine Welle, bis sie brach und in leises, wütendes Gemurmel überging. Irgendwann begann Jenny zu heulen, ein seltsam singendes, fast melodisches Heulen, mit geschlossenem Mund, die Melodie ihres Kummers, und das war wohl der Moment, in dem Jul ins Bett pinkelte. Vielleicht hatte er schon länger gemusst, sich aber nicht getraut, das Minenfeld zu durchqueren und aufs Klo zu gehen. Jedenfalls kletterte er die Leiter zu mir herauf und sein verschwitzter Kopf tauchte über meiner Matratze auf, seine Haare standen in alle Richtungen ab. Mischa, flüsterte er, Mischa, in meinem Bett ist ein See. Ein See?, fragte ich in der Sekunde, bevor ich kapierte. Die Olchis sind schuld, sagte er. Die Olchis waren aus diesem Buch, das er so liebte, kleine grüne Wesen, die sich von Müll ernährten und sich vorzugsweise im Schlamm wälzten. Und er erzählte mir eine komplizierte Geschichte darüber, dass die Olchis, weil es so lange nicht geregnet hatte und es weit und breit keinen Schlamm mehr gab, beschlossen hatten, eine Wasserleitung anzubohren, und leider und zufälligerweise war das unsere Wasserleitung, sie hätten ihn, Jul, sogar davor noch um Erlaubnis gefragt, und obwohl er geahnt hatte, dass nichts Gutes dabei herauskommen würde, hätte er es den armen Olchis doch nicht verbieten können und so weiter und so fort … währenddessen zog ich ihm seinen nassen Pyjama aus, holte einen frischen aus dem Kasten und zog das Bett ab. Gerade als ich ins Bad gehen wollte, um die Sachen in die Schmutzwäsche zu bringen, stand Jenny plötzlich im Zimmer, mit rot geschwollenen Augen, am ganzen Körper zitternd. Jul sah sie und warf sich in ihre Arme. Ich kann nichts dafür, heulte er, ich bin nicht schuld! Einen Moment lang dachte ich, Jenny würde auch wieder zu weinen anfangen, aber sie beherrschte sich. Sie trug Julius durch die Wohnung, nackt wie er war, beruhigte ihn, streichelte seinen Kopf, mit diesem entsetzlich schuldbewussten, erschrockenen Ausdruck auf dem Gesicht. Natürlich bist du nicht schuld, sagte sie immer und immer wieder, du kannst überhaupt nichts dafür, niemand kann etwas dafür. Na ja. Jedenfalls konnte niemand etwas für dieses grandiose Missverständnis. Ich brachte die Bettwäsche ins Bad und holte eine neue, bezog das Bett, während Janek auf dem Balkon stand und rauchte. Ich hätte auch gern eine geraucht. Ich hätte auch gerne Janek vom Balkon geschubst, es war nur ein kurzer, scharfer Impuls, ein heiß glühender Funken.

Als ich fertig war, legte Jenny Jul wieder ins Bett, ich hörte, wie er sagte: Die Olchis sind schuld! Und Jenny fragte: Was? Ich ging in die Küche, um mir ein Glas Orangensaft zu holen, Janek kam vom Balkon und fragte: Was machst du da?, in dem gereizten, aggressiven Tonfall, den er in letzter Zeit kaum noch ablegte. Ich hielt zur Erklärung mein Glas hoch. Es ist vier Uhr morgens, sagte Janek, geh ins Bett. Geh doch selber ins Bett, sagte ich. An der Tür zum Kinderzimmer stieß ich mit Jenny zusammen. Wir sahen uns an. Entschuldige, sagte sie. Und danke. Du bist ein toller großer Bruder.

Und das war’s. Dieser letzte Satz hatte mich auf die ganze Geschichte gebracht. Ich war inzwischen vielleicht – und wirklich nur vielleicht – ein Erwachsener, trotzdem war ich immer noch Juls großer Bruder. Aber toll? Du bist viel besser als ich. Ich habe ihm nicht richtig zugehört. Mach deine verdammten Hausübungen. Habe ich das tatsächlich gesagt?

4

Ich ging nie in den Kindergarten. Ich schätze, Margit war zu müde, um auch nur darüber nachzudenken. Stattdessen spielte ich mit den Kindern des türkischen Hausmeisters im Hof. Es waren zwei Mädchen, Ayla und Esin. Ayla war ein wenig älter als Esin und ich und sprach ein paar Worte Deutsch, Esin sprach gar nicht. Auch die Mutter der beiden sprach mit niemandem, nur mit ihren Kindern, immer hielt sie den Blick gesenkt, nicht nur, wenn sie das Stiegenhaus saubermachte. Sie roch gut und lächelte nie. Später, als ich die alte Zach besuchen ging, sah ich sie wieder und mir wurde klar, wie jung sie damals gewesen sein musste, noch jünger als Margit. Ich erinnere mich, dass ich über ihre Haare nachdachte. Wie lang sie sein mochten, welche Farbe sie hatten. Ob sie glänzten, so wie die von Esin. Das Kopftuch verbarg alles.

Der Hausmeister sah es nicht gerne, wenn ich mit den Mädchen spielte, aber nachmittags war er selten zuhause und dann brachten sie ihre kleinen Plastikpuppen in den Hof, wir legten sie in meinen alten Kinderwagen, fuhren mit ihnen auf und ab und fütterten sie mit den Resten aus der Wirtshausküche. Manchmal klaute ich ein Paket Spielkarten aus dem Wirtshaus und wir spielten erfundene Spiele, bei denen es darum ging, möglichst viele Karten derselben Farbe oder mit dem gleichen Symbol zu sammeln. Ayla bestimmte das Spiel, sie änderte dauernd die Regeln zu ihren Gunsten und nahm Esin einfach die Karten ab, die sie brauchte. Kazanan, rief sie dann triumphierend und hüpfte mit in die Luft gestreckten Armen um uns herum. Das hieß, dass sie wieder einmal gewonnen hatte. Ich lernte noch ein paar andere türkische Wörter. Oğlan und kiz, Bub und Mädchen, und yemek, Essen. Esin lernte nichts. Sie schaute mich nur mit ihren riesengroßen, fast schwarzen Augen an, und manchmal, wirklich ganz selten, lächelte sie. Ihr Lächeln war ein Naturereignis, fast wie das der alten Zach. Plötzlich bekam ihr kleines Mondgesicht, das immer so schrecklich ernst aussah, einen verschmitzten, schelmischen Ausdruck. Da mir Ayla oft ziemlich auf die Nerven ging, unternahm ich einige Versuche, mich mit Esin zu verbünden, aber sobald ich sie direkt ansprach oder sie an der Hand nahm, zog sie sie weg, drehte den Kopf zur Seite und schaute finster und verschlossen drein.

Wenn der Hausmeister da war, sah ich die beiden kaum außerhalb ihrer Wohnung, in der ich nie auch nur ein einziges Mal gewesen bin. Dann war ich in der Küche und spielte mit Töpfen und Küchengeräten, die gerade nicht gebraucht wurden. An den Montagen, an denen das Wirtshaus geschlossen hatte, blieb Margit die meiste Zeit im Bett und las die Zeitungen der vergangenen Woche, die in der Gaststube herumlagen. Ich saß neben ihr und schaute mir die Bilder an. Manchmal ging Margit mit mir auf den Spielplatz, wo ich nicht recht wusste, was ich tun sollte. Weil wir so selten dort waren, kannte ich die anderen Kinder nicht, sie ließen mich nicht mitspielen, weder beim Fußball noch in der Sandkiste, die Schaukel war ständig besetzt und nachdem ich ein paar Mal das Klettergerüst rauf und runter geklettert war, lag ich in der Wiese, schaute in den Himmel, beobachtete die Vögel und die Wolken und wartete auf das nächste Flugzeug. Ich mochte die Flugzeuge, das entfernte Geräusch, den weißen Kondensstreifen und das silberne Aufleuchten in der Sonne. Auch Margit mochte die Flugzeuge. An ihren guten Tagen legte sie sich neben mich und dachte sich aus, wo die Flugzeuge hinflogen: London, Paris, New York, Rio de Janeiro. Sie erfand die Geschichten der Leute, die in den Flugzeugen saßen, was sie an diesen Orten Aufregendes taten. Woher weißt du das alles?, fragte ich. Sie zuckte mit den Achseln. Ich weiß es eben.

Und dann kam der Tag, an dem ich den Topf mit den Knödeln vom Herd zog. Ich war gerade fünf geworden, die alte Zach hatte für mich Kuchen gebacken und Margit hatte mir in einem Anfall von ungewöhnlicher Verschwendungssucht einen Satz nagelneuer Matchboxautos gekauft. (Sonst kaufte sie mir nie Spielzeug. Sie sparte alles Geld, das übrigblieb, ich wusste nicht, wofür.) Jedenfalls lief ich die ganze Zeit mit meinen Autos in der Gegend herum und brummte wie ein Motor. Die ganze Welt war eine Fahrbahn, nicht nur der Boden, sondern auch das Bett, jeder Sessel und jeder Küchenschrank, die Fensterbretter, das Waschbecken, die Klobrille und leider auch der Herd und die Töpfe. Und ich war schnell, denn meine Autos waren schnell. Wie ein geölter Blitz raste ich über die silberne, geschwungene Oberfläche, verhakte mich im Henkel und es passierte. Wenn ich heute daran denke, sehe ich den riesigen Topf, wie er im Zeitlupentempo vom Herd kippt, und den Schwall kochenden Wassers, der auf mich zukommt, eine milchige, rauchende Welle.

Ich hatte verdammtes Glück. Oder gute Reflexe. Die Haut auf meinem linken Unterarm fühlt sich zwar heute noch an wie Leder und sieht auch so aus, aber es hätte schlimmer kommen können. Die Tage darauf sind eine Folge von blitzlichtartigen Bildern und Eindrücken – das Licht der Neonröhren, die Gesichter und Stimmen von Ärzten und Schwestern über mir, der Geruch nach Desinfektionsmittel und Spitalsessen, seltsame Traumfetzen aus halbnarkotischen Zwischenwelten, Margits kühle Hand auf meinem gesunden Arm, ihr Blick: Besorgnis, Verzweiflung, Hilflosigkeit. Zweimal wurde ich operiert. Die alte Zach hat Margit Geld gegeben für die zweite OP, die die Krankenkasse nicht zur Gänze bezahlt hätte. An dem Tag, als ich aus dem Spital kam, machte sie Buchteln mit Vanillesauce, nur für mich.

Danach wohnten wir nicht mehr lange bei ihr. Margit suchte für uns ein Zimmer in einer WG. Sie verschwand regelmäßig, um sich welche anzuschauen, mich ließ sie bei der alten Zach, die mir dauernd irgendwas zu essen gab und ständig sagte: Alles wird wieder gut. Ich musste noch ziemlich lange einen Druckverband tragen und die neue Haut juckte wie die Hölle, aber sie hatte recht. Mein Arm heilte.

Kurz bevor wir tatsächlich auszogen, tauchte Margits Vater auf. Es muss ein Samstag oder Sonntag gewesen sein, das Wirtshaus war voller Leute und in der Küche herrschte Hochbetrieb. Seit dem Unfall wollte mich Margit an solchen Tagen nicht mehr in der Küche haben. Meistens war ich im Hof oder saß in unserem Zimmer im Bett und sah mir die Donald-Duck-Hefte an, die mir Margit gekauft hatte, als ich im Krankenhaus war. Doch an diesem Tag hatte ich mich unbemerkt in die Gaststube geschlichen und mich unter dem kleinen Tisch mit den Salz- und Pfefferstreuern, dem Besteck und den Servietten versteckt. Ich hatte meinen Großvater noch nie gesehen, doch als er hereinkam, war mir sofort klar, dass er kein normaler Gast sein konnte. Er brachte einen Geruch mit, der so gar nicht hierher passte, in ein Wirtshaus an der Quellenstraße – etwas, das ich noch nie gerochen hatte, irgendein teures Aftershave wahrscheinlich oder ein Männerparfum. Und dann der dunkle Anzug, das blütenweiße Hemd, die Krawatte. Die blankpolierten Schuhe, die glänzten wie meine Matchboxautos, als sie ganz neu waren. Sogar seine Nase sah irgendwie vornehm aus. Sie war sehr gerade und spitz und relativ lang, er trug sie vor sich her wie einen Wegweiser. Das Kinn nach vorn gereckt ging er zur Schank und fragte nach Margit Grossmann. Der Mann der alten Zach sah ihn misstrauisch an. Was wollns’ denn von ihr?, fragte er. San Sie von der Polizei? Nein, keine Sorge, sagte der Mann mit einem dünnen Lächeln und sah sich dabei in der Gaststube um. Ich bin ihr Vater. Asso, brummte Zach und zeigte mit dem Daumen über seine Schulter. Hint’, in der Kuchl.

Ich war elektrisiert. Schnell schlüpfte ich durch die Vordertür auf die Straße, wieder ins Haus hinein und vom Gang aus in die Küche. Dort stand Margit mit angstgeweiteten Augen und offenem Mund, ein Schnitzel hing vor ihrer Brust von einer Zange und schaukelte sachte hin und her. Die alte Zach hatte einen Weitling mit Erdäpfelsalat in der Hand und war ebenfalls erstarrt. Keiner sagte ein Wort, das einzige Geräusch war das Brutzeln des Fetts in der Fritteuse. Der Mann, der allem Anschein nach mein Großvater war, stand den beiden Frauen gegenüber und schüttelte den Kopf. Margit, sagte er, was machst du denn hier? Margit schloss den Mund, presste die Lippen aufeinander und beförderte das Schnitzel in die Fritteuse.

Sie legte die Zange weg und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Wonach sieht es denn aus?, fragte sie, ohne ihren Vater anzusehen. Auch in die alte Zach kam wieder Bewegung, sie stellte den Weitling ab, stemmte die Hände in die Hüften und fragte: Und was machen Sie da? Wer san Sie überhaupt? Grossmann, sagte Grossmann und wandte sich der alten Zach zu. Er war wirklich groß, furchterregend groß. Ich bin der Vater der jungen Dame hier, er zeigte auf Margit, kann ich sie kurz sprechen? Junge Dame. Noch nie hatte ich gehört, dass jemand Margit eine junge Dame nannte. Dann bemerkte er mich. Ich stand in der Ecke, in der früher mein Gitterbett gestanden hatte, neben der Spülmaschine. Er sah mich durchdringend an, ich fühlte mich unbehaglich, ein bisschen wie bei den Untersuchungen im Spital. Ist er das?, fragte er, ohne mich aus den Augen zu lassen. Margit antwortete nicht. Sie kam zu mir, nahm mich bei der Hand und brachte mich ins Zimmer. Bleib hier, sagte sie und strich mir über den Kopf. Ihre Hände zitterten. Warum zitterst du? Ich zittere nicht, sagte sie. Alles okay, bleib einfach hier, ja? Dann ging sie hinaus, ich hörte, wie sie auf dem Gang mit Grossmann sprach, konnte aber nichts verstehen, nur Gemurmel und manchmal ein Zischen, Fauchen, Knurren, wie die Katzen nachts im Hof. Durch die geriffelte Milchglasscheibe in unserer Tür sah ich die beiden Schatten, einer groß, der andere klein, neben ihrem Vater sah Margit plötzlich aus wie ein Kind. Ihr Vater. Meine Mutter hatte einen Vater. Auch er tauchte einfach aus dem Nichts auf. Und auch er verschwand wieder. Er verabschiedete sich nicht von mir.

Später erfuhr ich, dass er Margit und mich hatte mitnehmen wollen. Er wollte, dass Margit wieder nach Hause kam, die Matura nachholte und studierte. Für mich wollte er ein Kindermädchen einstellen. Margit sagte ihm, dass er sich das hätte überlegen sollen, bevor er sie mit siebzehn hinausgeworfen hatte, nachdem sie nicht bereit gewesen war, einer Abtreibung zuzustimmen. Sie sagte ihm, er solle sich sein Geld sonst wohin stecken und sich zum Teufel scheren.

Danach entwickelte sie einen geradezu verbissenen Ehrgeiz, was unser neues Zuhause betraf. Sie sah sich noch mehr Zimmer an, telefonierte und schrieb Zahlen an den Rand der Zeitungen. Die zusammengepressten Lippen sah ich jetzt öfter. Einmal wachte ich nachts auf und hörte sie weinen. Warum weinst du? Ich weine nicht, sagte sie und wischte sich die Tränen ab. Alles okay, schlaf jetzt, ja?

Schließlich kam sie eines Montags, nachdem sie mich einen ganzen Tag bei der alten Zach gelassen hatte, nach Hause und strahlte. Ich hab’s, sagte sie, nahm mich hoch und tanzte mit mir durch die Küche, ich hab ein Zimmer für uns, ein schönes Zimmer! Freust du dich?

Freute ich mich? Ich hatte keine Ahnung. Ich konnte mir nicht vorstellen, woanders zu wohnen, begriff aber, dass Margit wollte, dass ich mich freute, also sagte ich es. Sie sah so glücklich aus.

Eine Woche später verließen wir das Wirtshaus, das Zimmer mit den gemusterten Vorhängen und den zehnten Bezirk. Die WG lag im fünften, die Straße war viel schmäler als die Quellenstraße und es gab keine Straßenbahn, die vorbeifuhr. Das Geräusch fehlte mir. Wir mussten Unmengen Treppen steigen bis zu unserer Wohnung, ich brauchte eine Weile, um so weit zählen zu lernen. Unser Zimmer war hell und kahl. Wenn man aus dem Fenster schaute, sah man das Dach des gegenüberliegenden Hauses und darüber den Himmel, Vorhänge gab es nicht. Ich fragte Margit, warum, sie sagte lächelnd: Die brauchen wir jetzt nicht mehr, als hätten wir im Lotto gewonnen. Ich fand, Fenster ohne Vorhänge sahen aus wie riesige Löcher. Statt der Matratze, die auf dem Boden lag und auf der wir bisher zusammen geschlafen hatten, gab es zwei schmale Betten in gegenüberliegenden Ecken des Zimmers, sie hatten Beine, gingen mir bis zum Bauchnabel und erinnerten mich an das Bett im Untersuchungszimmer des Spitals. Die Küche sah so anders aus als die der alten Zach, dass ich nicht gleich erkannte, dass es eine Küche war. Alles war aus hellem Holz, es gab einen Tisch mit Sesseln wie in der Gaststube, Kühlschrank, Abwasch und Herd waren winzig, eine Küche für Aylas und Esins Puppen. Dusche und Waschbecken waren nicht im Vorzimmer, sie wohnten in einem eigenen Zimmer, zusammen mit einer Waschmaschine. Zudem war mir nicht klar gewesen, dass WG die Abkürzung für Wohngemeinschaft war und bedeutete, dass fremde Leute in derselben Wohnung schlafen würden wie wir.

Da war Sunny, die eigentlich Sun hieß und im Zimmer gegenüber von uns wohnte. Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der so aussah wie sie. Das lag einerseits daran, dass bei der alten Zach keine Asiaten ein- und ausgegangen waren, andererseits an ihrer Frisur und ihrer Kleidung. Ihre tiefschwarzen, schulterlangen Haare waren an den Enden pink, violett, grün und blau, und meistens band sie sie ganz oben auf dem Kopf zusammen, was aussah, als schwebte ein mehrfärbiger Besen über ihr. Wenn sie aus dem Haus ging, trug sie fast immer schwarze Lederhosen und dazu dünne Blusen, durch die man ihren BH sehen konnte. Zuhause lief sie in einem glänzenden, wild geblümten Mantel herum. Sunny rauchte ununterbrochen. Auch Margit rauchte, seit ich denken konnte, aber bei der alten Zach war sie dazu auf die Straße gegangen und in der neuen Wohnung machte sie das Fenster auf, lehnte sich ans Fensterbrett und sah hinaus. Wenn sie rauchte, dann rauchte sie und tat nichts sonst. Sunny rauchte in der Küche, im Bad, im Bett und ich glaube, sogar auf dem Klo, denn wenn ich nach ihr dorthin musste, roch es nach Rauch. Sie rauchte beim Kochen, während sie sich schminkte, las oder sich anzog, wenn sie keine Hand frei hatte, hing die Zigarette in ihrem Mundwinkel, manchmal nur an der Unterlippe, die Asche fiel einfach auf den Boden. Das machte Margit fertig. Sie arbeitete in einer Küche, der Boden hatte sauber zu sein. Also kaufte sie einen Besen und fegte um die Beine unserer Mitbewohner herum, aber es war sinnlos.

Heli, der das kleinste Zimmer gleich neben dem Eingang bewohnte, ein bebrillter Typ mit langen, krausen Locken, der so groß und so dünn war, dass ich das Gefühl hatte, er würde eines Tages einfach in der Mitte umknicken, füllte ständig Körner in eine merkwürdige Maschine mit einer Kurbel dran, die, wenn man sie drehte, ein grässlich quietschendes Geräusch von sich gab. Heraus kamen Dinger, die er unverständlicherweise Flocken nannte, für mich sahen sie aus wie die Hautschüppchen, die ich mir manchmal von den Ellenbogen kratzte. Heli ernährte sich fast ausschließlich von diesen Flocken und man fand sie überall in der Wohnung. Einmal entdeckte ich ein paar von ihnen in meinen Schuhen.

Heli war auch derjenige, der auf mich aufpassen sollte, während Margit arbeitete. Ich war absolut nicht damit einverstanden. Ich wollte zurück in die Küche der alten Zach, in meine Küche, zu den Pfannen und Töpfen, ich wollte in den Hof und dort meine Matchboxautos fahren lassen, ich vermisste Esin und sogar Ayla. Ich war es nicht gewohnt, Margit den ganzen Tag nicht zu sehen. Ich bettelte, weinte, stampfte, brüllte, vergebens. Margit presste die Lippen aufeinander, strich mir über den Kopf und sagte: Du gewöhnst dich schon dran, Heli ist ja da. Heli stand daneben mit einer Schüssel Flocken in der Hand und mümmelte vor sich hin. Irgendwie erinnerte er mich an ein riesengroßes Kaninchen.

Wenn Margit weg war, verkroch ich mich immer zuerst unter dem Bett. Das faszinierte mich, dass es ein Unter-dem-Bett gab. Anfangs lag ich abends vor dem Einschlafen lange wach, weil ich glaubte, dass in der Nacht kleine Wesen aus den Ritzen im Boden unter mir hervorkämen, so ähnlich wie Schlümpfe. Ich stellte mir vor, dass sie da unten ihre eigene Welt hatten, die nur nachts sichtbar wurde, mit einem Wirtshaus, einer Gaststube und einer richtigen Küche. Ich sah nie nach, aber ich hörte sie mit dem Geschirr klappern und flüstern. Wenn ich morgens unter dem Bett lag, suchte ich den Boden nach Spuren ab, Bröseln und Mehl, das eigentlich Staub war, und ich roch kalt gewordenes Frittierfett und Suppe. Irgendwann kam Heli und legte sich neben dem Bett auf den Boden. Das war merkwürdig, denn auf einmal war er nicht mehr doppelt so groß wie ich, und vielleicht erzählte ich ihm deshalb von den Schlumpfwesen und ihrer Küche. Und Heli sah seine Chance. Er holte Papier, Schere, Bleistift und Kleber und begann, Würfel zu bauen, auf die er Griffe, Herdplatten und Knöpfe zeichnete. Ich sagte ihm, wie die einzelnen Teile auszusehen hatten, und schließlich holte er Pfeifenputzer in Rot, Gelb und Grün und er bog daraus kleine Männchen, die zwar nicht selbstständig stehen konnten, aber ich lehnte sie einfach gegen die Möbel oder ließ sie herumgehen, kochen und servieren. Heli fabrizierte noch mehr Männchen, damit wir Gäste hatten, und er baute größere Würfel, die Tische waren, und kleinere, auf denen die Männchen wirklich sitzen konnten wie auf Sesseln.

Als Margit nach Hause kam, zeigte ich ihr stolz unser Werk. Ich werde nie ihren fassungslosen Gesichtsausdruck vergessen, obwohl sie sich schnell fing und zu einem Lächeln zwang. Sie strich mir über den Kopf. Ich komm gleich wieder, sagte sie, und dann ging sie zu Heli ins Zimmer und stritt sich mit ihm. Ein einziges Mal wurde sie dabei richtig laut und ich verstand, was sie sagte: Ich will, dass er es vergisst!

Warum stritt sie sich bloß mit allen, mit Chris, mit Großvater, mit Heli? Damals wusste ich noch nicht, dass Margit mit der ganzen Welt im Streit lag, und am allermeisten mit sich selbst.

5

Um sieben Uhr morgens klingelte das Telefon. Es war Jenny. Ihre Stimme klang wie das Jeiern eines zwanzig Jahre alten Tonbands. Ich hatte gerade mal zwei Stunden geschlafen, mein Körper bewegte sich gegen den Widerstand einer zähflüssigen Masse, die jeden Moment zu erstarren drohte.

Ob ich wüsste, wo Jul sei. Sie habe ihn seit gestern Abend um sieben nicht mehr gesehen. Sie war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, als Jul sagte, er wolle noch auf einen Sprung zu einem Freund. Um neun rief sie ihn das erste Mal an, dann um zehn, um halb elf, um zehn nach halb elf und danach alle fünf Minuten, bis sie erkannte, wie sinnlos das war. Sie rief auch die Mutter des Freundes an, der zuhause war und schlief. Jul war an diesem Abend nicht bei ihm gewesen. Jennys Vertrauen war ebenso grenzenlos wie dumm.

Wo kann er bloß sein, sagte sie, Mischa, vielleicht ist ihm etwas passiert, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Was soll ich denn nur machen? Das Jeiern ging in Schluchzen über.

Er war bei mir im Wirr, sagte ich, so um halb zwölf. Ich habe ihm gesagt, er soll nach Hause gehen.

Das Schluchzen hörte schlagartig auf, in der Leitung war es still.

Was wollte er?, fragte sie schließlich, zum ersten Mal lag Argwohn und eine Spur Ärger in ihrer Stimme.

Ich seufzte und setzte mich. Auch ich war ärgerlich, jetzt hatte er es also doch geschafft. Ich musste Jenny erzählen, was ich wusste.

Und noch was, sagte ich, als ich fertig war. Dem ist nichts passiert, mach dir keine Sorgen, jedenfalls nicht wegen letzter Nacht. Er hat weder unter der Brücke geschlafen noch sich von einer hinuntergestürzt oder sonst was Lebensbedrohliches. Soviel ich weiß, nimmt er keine Drogen. Du weißt doch, er hat neue Freunde, sogenannte Freunde, die du nicht kennst, aus gutem Grund. Deswegen solltest du dir Sorgen machen.

Ich konnte hören, wie Jenny an ihrer Unterlippe kaute.

Dann soll ich also nicht bei der Polizei anrufen?

Die Nachricht, dass Jul Schwänze an die Mauer des Schulhofs gesprayt hatte, ging völlig in ihrer Sorge unter. Falls das Juls Plan gewesen sein sollte, würden wir es zum Glück nie erfahren. Ich müsste ihn sonst leider schlagen.

Eine Vermisstenanzeige? Unter achtundvierzig Stunden machen die nichts. Außerdem glaub ich, dass er im Lauf des Tages auftauchen wird. Erzähl dem alten Schranz nichts davon, wenn du heut Mittag zu ihm gehst. Und ruf noch ein paar Leute an. Irgendwen von der Familie.

Welche Familie, fragte Jenny. Es klang nicht zynisch, nur resigniert.

Den restlichen Vormittag schlief ich schlecht, wälzte mich im Bett hin und her, wachte hundertmal auf und träumte dazwischen von Jul, der mit einer Spraydose in der Hand vor Janeks Haus in Ibiza stand, von Jenny, die einen Polizeiwagen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch die Straßen einer fremden, ausgestorbenen Stadt jagte, mit mir und dem völlig verängstigten Schranz auf dem Rücksitz, der die ganze Zeit stehenbleiben, stehenbleiben skandierte, und von Hannah, immer wieder von Hannah, nackt in ihrem Bett, nackt mit mir im Bett, Hannah, die sich in Edda verwandelte, Edda, die sich in Hannah verwandelte. Um elf stand ich auf und war völlig fertig. Ich stellte mich unter die Dusche und während ich da stand und das heiße Wasser an mir herunterlief, kam mir die Idee, Tante Bea anzurufen.

Tante Bea ist Margits Schwester und vier Jahre älter als sie. Sie ist die einzige Verwandte, die ich nicht einfach nur mit dem Vornamen anrede, die Einzige, die diese eindeutige Bezeichnung verdient: Tante. Es liegt nicht daran, dass sie tatsächlich meine Tante ist, denn alle nennen sie Tante Bea, auch die, deren Tante sie nicht ist. Tante ist in dem Fall kein Wort, das ein bestimmtes Verwandtschaftsverhältnis ausdrückt, sondern eine Art Berufsbezeichnung, ein Titel: Direktor Schranz, Hofrat Geiger, Doktor Schiwago, Tante Bea. Sie sieht einfach aus wie eine Tante und verhält sich so. Tante Bea ist gar nicht so alt, nämlich fünfundvierzig, aber sie wirkt, als wäre sie nie ein Kind gewesen. Unmöglich, sie sich in der Sandkiste beim Kuchenbacken vorzustellen oder beim Kaufmannsladen-Spielen. Sei nicht albern, hätte sie zu ihrer Freundin gesagt, du kannst keine Verkäuferin sein, du bist erst fünf, möchtest du noch Tee? Tante Bea trägt so eine Schmetterlingsbrille aus den fünfziger Jahren, dazu schmale Stoffhosen, Rollkragenpullover und riesige Handtaschen. Sie sammelt auch Möbel und Filme aus den Fünfzigern, in ihrem Wohnzimmer steht ein echter Wurlitzer. Sie arbeitet in einem Reisebüro, lebt allein und hat hin und wieder ausschließlich italienische Liebhaber, einer davon war Sandro, Max’ Vater. Tante Bea ist nicht lustig, sie macht keine Witze oder bewusst spaßige Bemerkungen, trotzdem muss ich immer wieder lachen, wenn sie etwas sagt. Sie hat völlig eigene Ansichten und eine unnachahmliche Art zu sprechen, eine Art Telegrammstil, der die Dinge unerwartet auf den Punkt bringt. Manchmal sagt sie zu den absonderlichsten Zeitpunkten Sachen, die in dem Moment keiner versteht, aber später fallen sie einem wieder ein, und man stellt fest, dass sie recht hatte. Ich glaube, deshalb kam ich an diesem Tag auf die Idee, sie anzurufen.

Sie war natürlich in der Arbeit.

Kuoni Reisen, Grossmann.

Hallo, Tante Bea, ich bin’s, Mischa.

Grossmann junior, stellte sie fest. Niemand sonst nannte mich so. Sie hasste ihren Vater fast ebenso sehr wie Margit, aber das waren die Tatsachen: Er war ihr Vater und ich sein Enkel.

Können wir uns treffen?, fragte ich. In deiner Mittagspause?