Zehnter September - Ralf Klaiber - E-Book

Zehnter September E-Book

Ralf Klaiber

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Beschreibung

Stellen Sie sich vor, Sie hätten von den Anschlägen auf das World Trade Center schon Tage vorher gewusst. Was hätten Sie unternommen? Thomas Miller, ein 36-jähriger deutscher Architekt weiß von den Anschlägen. Er kommt am 10. September 2001 in den Morgenstunden in New York an. Kann er die Katastrophe verhindern?

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ralf Klaiber arbeitet als Möbel- und Holzrestaurator. Er fertigt abstrakte Kunst an und vertreibt sie im Internet.

>Zehnter September< ist sein erster Thriller.

Inhaltsverzeichnis

Noch 24 Stunden

Noch 23 Stunden

Noch 22 Stunden

Noch 21 Stunden

Noch 20 Stunden

Noch 19 Stunden

Noch 15 Stunden

Noch 14 Stunden

Noch 13 Stunden

Noch 12 Stunden

Noch 9 Stunden

Noch 7 Stunden

Noch 5 Stunden

Noch 4 Stunden und 30 Minuten

Noch 3 Stunden

Noch 2 Stunden und 30 Minuten

Noch 1 Stunde und 30 Minuten

Noch 1 Stunde

Gedankenspiel

Weniger als 1 Stunde

Noch wenige Minuten

Die Zeit ist abgelaufen

Das Ende der Zeit

Stellen Sie sich vor, Sie hätten von den Anschlägen

auf das

World Trade Center

schon Tage vorher gewusst.

Was hätten Sie unternommen?

Thomas Miller, ein 36-jähriger deutscher Architekt

weiß von den Anschlägen. Er kommt am 10. September

2001 in den Morgenstunden in New York an.

Kann er die Katastrophe verhindern?

Noch 24 Stunden

Thomas Miller wusste, dass entweder er oder tausende Menschen bald sterben würden. Es war sehr ruhig. Nur gedämpfte Geräusche drangen vom Großraumbüro herein.

Der Pförtner in der Vorhalle hatte zuerst nicht verstanden, was Miller wollte. Es lag nicht an der Sprache. Thomas Miller war Deutscher, aber er sprach ein ziemlich gutes amerikanisches Englisch. Nein. Der Mann in der Eingangshalle wollte nicht begreifen, was Thomas Miller damit meinte, als er sagte, er müsse dringend jemanden vom Geheimdienst sprechen. „In welcher Angelegenheit?“, war die knappe Frage. Aber einem Pförtner, der nicht nur für die Anmeldung im FBI-Büro, sondern auch für verschiedene andere Firmen zuständig war, konnte er nicht die Wahrheit sagen.

Vielleicht nicht einmal den Leuten vom FBI. Nachdem der Pförtner drei Mal nahezu die gleiche Frage gestellt und Miller dreimal sehr ausweichend antwortete, er werde es nur einem FBI-Beamten erzählen, entstand eine kleine Pause. Und außerdem.

Was hatte es einen Pförtner zu interessieren? Oder war er etwa ein FBI-Agent, ein `Torwächter`, jemand, der Leute abwimmelte?

Der Pförtner schaute Miller durchdringend an. Thomas befürchtete schon, dass jetzt, wie in amerikanischen Filmen oft zu sehen, Sicherheitsleute an ihn herantreten würden, um ihn höflich, aber bestimmt auf die Straße zu setzen. Der Pförtner drückte ein paar Tasten an seinem Computer und sprach in ein Mikrofon seines Headsets, ohne auch nur einen Augenblick von Thomas wegzusehen. Es wurden nur wenige Worte gewechselt, die aber leise gesprochen wurden und wegen der Geräuschkulisse in der Eingangshalle für Thomas nicht zu verstehen waren.

„Wen darf ich melden?“, wollte der Pförtner wissen und sprach nun deutlich lauter.

„Thomas Miller.“ Er hatte seinen Namen amerikanisch ausgesprochen. Wahrscheinlich hielt ihn der Mann an der Pforte für einen Amerikaner von der Westküste oder der Grenze zu Kanada. Auf jeden Fall würde ein New Yorker den Slang eines New Yorkers vermissen.

Der Pförtner gab den Namen weiter. „In Ordnung, ich schicke Mr. Miller hoch.“

Die letzten Worte konnte Thomas mithören. „Fahrstuhl Nr. 3, 11. Stock, Mr. Miller.“ Der Tonfall und der Gesichtsausdruck des Pförtners waren deutlich entspannter.

„Danke“, antwortete Thomas und ging zu den Aufzügen.

Er zog seinen Rucksack wieder höher auf die Schultern.

Während er auf den Fahrstuhl wartete, stiegen viele Leute aus den anderen Aufzügen ein oder aus. Nur sein Aufzug ließ auf sich warten. Aber daran verschwendete er keinen Gedanken. Seine `Mission` beanspruchte ihn voll. Und er spürte, dass schon wieder eine Vision auf ihn zukam. Es war wie jedes Mal. Ein merkwürdiger Druck baute sich in seinem Brustkorb auf. Als ob in einer Arterie ein Pfropfen wäre. Der Druck des Blutes musste diesen Widerstand vom Bauchraum in den Brustkorb drücken, damit er dort in die Lunge gelangen könnte, die Blutbahn wieder frei würde, alles sich entspannen und der Schmerz nachlassen würde. Aber da war noch dieses beklemmende Gefühl, das Ärzte sofort als Hinweis auf einen Herzinfarkt deuten würden. Es war eine sonderbare Form der Angst, die er bis zum ersten Vorfall dieser Art nicht gekannt hatte. Aber seither hatte er Strategien entwickelt, die ihn zwar nicht vor einem Herzinfarkt schützen würden, ihm aber ein Gefühl der Sicherheit gaben. Jetzt würde gleich noch der Schwindel einsetzen. Er spulte sein Strategiekonzept ab. Handycheck für einen eventuellen Notruf. Da, im Innenfutter der Wildlederjacke. Ein Halt, falls er Gleichgewichtsprobleme bekommen würde.

Die Schiebetüren öffneten sich automatisch. Ein kleiner, aber hell erleuchteter Fahrstuhl wurde sichtbar. Er war leer. Thomas ging hinein und hielt sich an der Edelstahlstange fest, die an einer Seite des Fahrstuhls angebracht war. Er sah das Schaltpaneel und drückte die 11. Nach wenigen Sekunden schloss sich die Tür und der Aufzug setzte sich sanft in Bewegung.

Er war allein. Die Vision, die jetzt folgte, war ziemlich heftig. Die Bilder und die Töne waren betäubend und erzeugten üble Kopfschmerzen. Er schloss die Augen, denn selbst das Licht des Fahrstuhls schien ihn zu blenden. Als die Vision vorüber war, öffnete er langsam die Augen. Er hatte nicht bemerkt, dass der Fahrstuhl schon längst angekommen war. Die Tür stand offen. Er konnte auf einen kahlen, nüchtern gestalteten Flur blicken. Verschiedene Türen gingen von ihm ab.

Thomas trat aus dem Fahrstuhl und überzeugte sich nochmals, dass er im 11. Stockwerk war. Die Leuchtanzeige im Aufzug war eindeutig. Der Steinboden auf dem Flur glänzte. Die Neonbeleuchtung war eher dezent. Er trat an die nächstgelegene Tür. Sie war aus dunklem Holz. Ein Klingeldrücker neben der Tür. Sonst nichts. Auch an den drei anderen Türen waren keine Türschilder. Über der vierten Tür war ein beleuchtetes Piktogramm. Es musste sich wohl um den Notausgang handeln, der in das Treppenhaus führte.

Thomas wollte eben die Klingel betätigen, als sich lautlos, aber plötzlich die Tür öffnete. Ein Mann, Ende 20, in dunklem Anzug stand ihm gegenüber. Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, eine sportliche Figur und war ziemlich groß, etwa so, wie Miller selbst. Er wirkte gepflegt und hatte ziemlich dunkle Haare.

„Mr. Miller?“

Thomas nickte.

„Ich bin Agent Colin, treten Sie bitte ein.“

Der Mann öffnete die Tür übertrieben weit. Mit einer Handbewegung wiederholte er seine Bitte. Ein Großraumbüro wurde sichtbar. Der Mittelgang führte durch das ganze Gebäude. Rechts und links davon Schreibtische mit einer hellen Kunststoffplatte und Unterbauten mit Metallecken. Die Schreibtische waren zum Teil mit halbhohen und übermannshohen Aktenschränken eingerahmt und bildeten kleine, abgeschottete Bereiche. Viele Computer, Faxgeräte und Telefone standen auf den Schreibtischen. Aktenordner und Papiere lagen in großen Stapeln daneben. Viele Menschen standen, saßen, sprachen miteinander oder gingen umher. Aber die Geräusche waren sehr gedämpft.

Kaum ein Wort war zu verstehen.

Agent Colin und Thomas Miller erreichten die andere Seite des Büros. Kein Mensch hatte von ihnen Notiz genommen. Zumindest schien es Thomas so. Sie standen vor einer Tür mit Glasfüllung. Agent Colin öffnete sie und bedeutete Thomas, einzutreten und Platz zu nehmen.

„Bin gleich wieder da.“ Er schloss die Tür und war schon verschwunden.

Da stand Thomas Miller nun. Im 11. Stockwerk eines unscheinbaren Hochhauses auf der Halbinsel von Manhattan, am frühen Morgen des 10. Septembers im Jahre 2001. Er schaute aus dem Fenster. Unzählige Wolkenkratzer und Hochhäuser um ihn herum. Zwischen den Häuserschluchten in weiter Ferne konnte er das Wasser erkennen. Aber sein Blick wanderte von einem zum anderen Gebäude und blieb schließlich an den Zwillingstürmen des World Trade Centers hängen. Sie waren etwa einen Kilometer entfernt, aber er musste nach oben schauen, um sie ganz zu erfassen. Fast eine Minute lang konnte er seinen Blick nicht von den Türmen nehmen. Er spürte, wie schon wieder eine Vision in ihm aufsteigen wollte. Aber er hatte in den letzten Wochen auch gelernt, wie er mit den Anfällen umgehen konnte. Zumindest gelang es ihm, sie hinauszuzögern.

Das war vor allem wichtig, wenn Menschen um ihn herum waren. Sie hätten sich nicht erklären können, was mit ihm los war, und hätten vielleicht einen Krankenwagen gerufen. Für Außenstehende wirkte eine Vision wohl eher wie ein spastischer Anfall. Aber Thomas war sich sicher, dass es genau das nicht war. Ein Anfall konnte wenige Sekunden bis zu einigen Minuten dauern. Es konnte überall passieren und das war das Gefährliche daran. Selbst beim Autofahren hatte er das Problem schon gehabt. Beim ersten Anzeichen hatte er einen Notstopp auf einer Standspur gemacht. Der Anfall war nicht besonders heftig gewesen und er hatte kurz danach weiterfahren können.

Aber jetzt in diesem Moment war eine Vision das Letzte, was er gebrauchen konnte. Zuerst musste er die FBI-Leute überzeugen. Das Problem schildern, versuchen, glaubwürdig zu sein, und hoffen, dass sie Hinweise hatten oder die schnell finden würden, um umgehend Gegenmaßnahmen in Gang setzen zu können. Wenn sich die Aktion erst einmal verselbständigt hatte, dann konnte er seine Quelle preisgeben. Dann war auch er nicht mehr wichtig. Nur die Aktion war jetzt wichtig. Das war ihm bewusst. Zu wichtig, als dass sie an seiner Glaubwürdigkeit scheitern dürfte. Es musste gelingen! Es musste!

Agent Colin trat ein. Thomas hatte sich schon vor einigen Minuten auf einen Stuhl gesetzt. Sein Rucksack lehnte an der Wand. Thomas war noch in Gedanken versunken.

„Mr. Miller, tut mir leid, ich musste noch kurz etwas erledigen.“

„Kein Problem.“

Agent Colin ist noch recht jung für einen Agenten, dachte Thomas, der selbst etwa 8 Jahre älter war.

Würde man ihn auf der Straße treffen, könnte man ihn für einen Bankangestellten oder Mitarbeiter einer Versicherung halten.

„Der Mann an der Anmeldung sagte mir, dass Sie jemanden vom FBI sprechen wollten. Also bitte, womit kann ich Ihnen helfen?“

Thomas zögerte einen Moment. „Bitte seien Sie mir nicht böse, aber ich würde die Sache lieber einem Entscheidungsträger erzählen.“

Agent Colin blickte Thomas direkt in die Augen. „Nun, im Moment müssen Sie mit mir vorliebnehmen. Ich muss zuerst wissen, worum es geht. Erst dann rufe ich die entsprechenden Leute dazu. So läuft das bei uns.“

Colin schien nicht böse zu sein. Eine kleine Pause entstand.

Thomas` Hände, die bisher ruhig auf dem Tisch lagen, zeigten jetzt nervöse Reaktionen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, faltete er sie, rieb sie aneinander.

Agent Colin entgingen die Gesten nicht, auch wenn er sich nichts anmerken ließ. „Aber zuerst muss ich einmal wissen, wer Sie sind, dann widmen wir uns Ihrem Problem.“

„Meinem Problem?“ Thomas musste lächeln. Allerdings wirkte es bitter.

„Es ist Ihr Problem. Aber bitte … Also. Mein Name ist Thomas Miller. Ich bin Deutscher und erst seit heute Morgen hier in den USA.“

„Sie sind Deutscher? Sie sprechen unsere Sprache aber sehr gut.“ Agent Colin schien echt erstaunt. „Kann ich mal Ihren Pass sehen?“

Thomas griff in eine Tasche in der Innenseite seiner Jacke und zog eine Brieftasche heraus. Sie war aus dunklem Leder, mit einer Lasche, die von einem Klettverschluss gehalten wurde. Er öffnete sie und zog einen Reisepass heraus. Wortlos überreichte er ihn an Agent Colin. Der schaute sich kurz den Einband an.

Dann legte er den Pass vor sich auf den Tisch. Er blätterte langsam und sorgfältig zur Seite mit dem Foto und den persönlichen Daten.

„Thomas Miller, geboren 1965 in München, Wohnadresse in Frankfurt am Main“, las Colin vor. „Ahh, Beruf Architekt.“ Er schaute vom Pass auf. Seine Stimme war deutlich gefühlvoller geworden.

„Ich wollte auch mal Architekt werden. Aber irgendwie hat es nicht geklappt. Dann bin ich hier gelandet.“

Er grinste.

Thomas wusste nicht, ob Colin einen Scherz gemacht hatte, oder tatsächlich aus seinem Leben erzählt hatte. Allerdings konnte er sich nicht vorstellen, dass ein Agent je etwas Persönliches von sich erzählen würde.

Colin blätterte weiter und studierte wieder den Pass.

Es folgten auf vielen Seiten Stempel verschiedener Länder. Sie waren in verschiedenen Farben, oft mit Datumsangaben und handschriftlichen Ergänzungen, die aber nicht zu entziffern waren. Schließlich fand er den Einreisestempel der USA. Er blätterte weiter, fand aber keine weiteren interessanten Einträge und gab den Pass zurück.

„Bitte schön. Und jetzt sollten Sie mir erzählen, worum es geht.“

Thomas räusperte sich, sah seine Hände auf dem Tisch, die er fast wie zum Gebet gefaltet hatte. „Ich bin hier …“, begann er zögerlich und setzte sich im Stuhl etwas aufrechter hin, „… weil ich von einem Terroranschlag weiß.“ Die Worte kamen sehr verhalten und wohlüberlegt. Er schaute Agent Colin direkt in die Augen, die sehr aufmerksam waren.

„Ich weiß von einem Terroranschlag auf das World Trade Center.“

Agent Colin bekam eine Gänsehaut. Er ließ sich nichts anmerken.

Da er keine Anstalten machte etwas zu sagen, fuhr Thomas fort. „Es handelt sich nicht wie beim letzten Anschlag, ich glaube es war 1993 …“, Agent Colin nickte zustimmend, „… um einen Bombenanschlag mit Autos, sondern mit Flugzeugen.“

Ein kalter Schauer lief Colin über den Rücken. Er hatte das Gefühl, dass Thomas die Wahrheit sagte. Aber er hatte auch gelernt, nicht auf sein Gefühl, sondern nur auf Fakten zu achten. Sie hatten beide nicht den Blick vom anderen abgewendet. Wieder entstand eine kleine Pause. Agent Colin nahm wortlos einen Schreibblock, der vor ihm lag, zog aus seiner Jackentasche einen Kugelschreiber und sah auf das Papier vor sich. Er notierte einige Stichworte. WTC, Flugzeuge.

„Flugzeuge? Plural, nicht Einzahl?“ Er hatte seinen Blick auf seine Notizen gerichtet. Er sah wieder zu Thomas. „Sie sagten Flugzeuge. Also mehrere. Was werden die Flugzeuge machen? Werden sie Bomben auf das WTC abwerfen? Und wer wird sie fliegen?

Bomberpiloten?“ Agent Colin ließ sich keine Gefühle anmerken.

„Nein, keine Bomben. Die Maschinen sind die Waffen.

Sie werden in die Türme fliegen.“ Thomas wusste, dass er die Wahrheit nur sehr behutsam preisgeben konnte.

Jetzt schien auch Agent Colin verunsichert. Auch wenn er seine Gesichtsmuskeln gut beherrschte, seine Augen zeigten eine Reaktion. Und es war Angst. Angst, dass es wahr sein könnte. Auch wenn es bisher in der Geschichte keine vergleichbaren Aktionen gegeben hatte. Oder doch? Kamikaze! Am Ende des zweiten Weltkriegs hatte es japanische Piloten gegeben, die von sich aus oder auf Befehl ihrer Vorgesetzten gezielt mit ihren Flugzeugen versuchten, dem Feind größtmöglichen Schaden zuzufügen. Und wenn die Bewaffnung dafür nicht ausreichte, weil zu viele Blindgänger dabei waren, zu wenige Bomben transportiert werden konnten oder die Treffgenauigkeit zu wünschen übrig ließ, blieb die Möglichkeit, mit möglichst viel Treibstoff an Bord direkt in das Ziel zu steuern. Auch wenn das eigene Leben dabei verloren ging.

„Wer sind die Piloten, wer wird die Maschinen steuern?“, wollte Agent Colin wissen.

„Ich weiß es nicht. Aber ich kenne einen Namen, der immer wieder auftaucht. Mohammed Atta.“

„Mhm. Hört sich irgendwie arabisch an. Wie viele werden es sein?“

„Bevor ich Ihnen weitere Details erzähle, wollen Sie nicht wissen, wann der Anschlag stattfinden soll?“ „Natürlich. Also, ich höre.“

Thomas machte eine kleine Kunstpause und atmete deutlich sicht- und hörbar tief ein. Im gleichen Moment bereute er diese Geste. Sie wirkte mit Sicherheit theatralisch und damit unglaubwürdig. Er schaute Agent Colin direkt in die Augen, und sprach mit fester Stimme: „Am 11. September um 8 Uhr und 47 Minuten wird das erste Flugzeug einschlagen!“

Im gleichen Moment verdammte sich Thomas. Warum habe ich die Uhrzeit so genau genannt. Hätte ich nicht zwischen 8 und 9 Uhr sagen können? Oder am Vormittag des 11. September? Eine so präzise Zeitangabe macht die Geschichte ja noch unglaubwürdiger, als sie sowieso schon ist. Sein fester Blick auf Agent Colin wurde unsicher. Die Augen begannen regelrecht zu rollen, als ihm bewusst wurde, dass das Wissen um den exakten Zeitpunkt ihn verdächtig machte, selbst in die Sache verwickelt zu sein.

Colin hatte aber seine Unsicherheit nicht bemerkt. Er hatte sich weggedreht, als sie anfing, und war langsam zur Tür gegangen. „Bin gleich wieder da“, hatte er gesagt und war schon durch die Glastür hinausgegangen.

Thomas lehnte sich in den Stuhl zurück. Seine Anspannung ließ nach. Im Raum war es ruhig. Ich hab es verbockt, dachte er. Wie konnte ich nur so schnell mit meinem Wissen um mich werfen. Er muss mich ja für einen dieser Schwätzer halten, der mit seinem Insiderwissen kokettiert. Oder für einen Irren.

Thomas verschränkte die Arme vor der Brust. Er spannte die Oberschenkel und die Waden an und begann unbewusst auf den Hinterbeinen des Stuhls zu schaukeln, um sich wieder zu entspannen. Wenn die Geschichte hier weitergehen soll, muss ich vorsichtiger sein. Jede Antwort muss präzise formuliert sein. Keine Schnellschüsse mehr.

Wie lange er da allein saß und aus dem Fenster schaute, war ihm nicht bewusst. Er war wieder ganz ruhig geworden. Plötzlich ging die Tür auf. Thomas drehte seinen Kopf.

Agent Colin und ein Mann, etwa Ende 50 traten ein.

„Mr. Miller, darf ich ihnen Agent Williams vorstellen, meinen Chef.“

Noch 23 Stunden

Agent Williams saß Thomas gegenüber am Tisch. Er hatte Thomas kurz die Hand geschüttelt, aber kein Wort gesprochen. Colin hatte sich an die Fensterbank gelehnt.

„Nun erzählen Sie mal, Mr. Miller, was Sie mir schon erzählt haben. Wann war noch mal der Anschlag geplant?“

Thomas hatte sich im Stuhl aufgesetzt. Seine Hände hatte er flach und mit durchgedrückten Armen auf dem Tisch abgelegt. Nun entspannte er die Arme. Sie sanken locker auf den Tisch. Thomas schaute Agent Williams in die Augen, konnte aber dessen stechenden Blick nicht standhalten. Er schaute auf seine Hände, die sich jetzt etwas nervös bewegten. Ich darf ihm nicht zu viel erzählen. Schön langsam. Nur keinen Fehler machen. Glaubwürdig bleiben. „Ich äh …, ich weiß von einem Anschlag auf das World Trade Center. Er soll morgen früh stattfinden. Zwischen 8 und 9 Uhr.“ Thomas wählte seine Worte jetzt mit Bedacht. Daher sprach er langsamer, um die Zeit zu haben, tatsächlich jedes Wort zu überdenken. Er konnte Agent Williams jetzt direkt anschauen. Er war sich seiner Sache jetzt wieder ziemlich sicher.

„Sie hatten vorhin 8 Uhr 47 Minuten gesagt. Warum?“, warf Agent Colin ein.

Thomas war wieder verunsichert. „Die genaue Uhrzeit ist nicht entscheidend.“ Er musste sich schnell eine Ausrede einfallen lassen. „Ich glaube 8 Uhr 47 ist die Zielvorgabe.“

„Sie nannten einen Namen.“

„Ja. Atta. Mohammed Atta. Das ist der einzige Name, den ich kenne. Er ist Ägypter.“ Verdammt, ich Idiot, dachte sich Thomas im selben Moment. Ich hab schon wieder viel zu schnell eine Information preisgegeben.

Bleib cool, Junge.

Agent Williams hatte noch kein Wort gesagt, seit er im Raum war. Er saß auf seinem Stuhl und ließ Thomas keine Sekunde aus den Augen. Wie ein Raubtier, das sein Opfer fixiert und nur auf die beste Gelegenheit wartet. Einen Fehler oder einen Moment der Unaufmerksamkeit. „Wie soll der Anschlag genau ablaufen?“, wollte Agent Colin wissen.

Offensichtlich kannte er die Angewohnheiten seines Chefs. Wahrscheinlich musste er die Fragen stellen, damit Williams in aller Ruhe die Informationen sammeln und sortieren konnte, dachte sich Thomas. Oder steckt vielleicht doch eine ganz andere Taktik dahinter?

„Ich glaube, ich hatte schon erwähnt, dass die Flugzeuge die eigentlichen Waffen sind und die Gebäude treffen sollen.“

„Wobei mich aber irritiert, dass sich das anhört wie eine Kamikazeaktion. Oder springen die Piloten vor dem Aufschlag ab? Mit einem Schleudersitz oder so?“ Agent Colin hatte ein Bein über das andere geschlagen.

Beinahe wirkte er amüsiert. Thomas bemerkte es nicht, weil er zu Williams sah.

„Soweit ich weiß, gibt es in Passagierflugzeugen keine Schleudersitze.“

Es war das erst Mal, dass die Mimik von Agent Colin unkontrolliert war. Echter Schrecken war darin zu lesen. Und auch Agent Williams zeigte eine Reaktion.

Seine Augen wurden kleiner, sein Blick schärfer. Es war Thomas nicht entgangen.

„Sie hatten nicht erwähnt, dass es Passagierflugzeuge sein würden.“ Colins Stimme klang leicht belegt.

„Sie hatten nicht gefragt.“

Eine Pause entstand. Agent Colin überlegte wohl, was er als Nächstes fragen sollte. Thomas war sich bewusst, dass das Gespräch jetzt an einer besonders heiklen Stelle war. Er musste achtsam sein. Auf keinen Fall durfte er sich zu einer unüberlegten Antwort hinreißen lassen.

„Wie kommen die Piloten oder Terroristen an die Maschinen?“

Jetzt galt es, die Feuerprobe zu bestehen.

„Die Terroristen werden die Maschinen entführen!“

Agent Colin war nun tatsächlich geschockt. Er musste sich zuerst wieder sammeln. Fast zaghaft, mit ungläubiger Stimme fragte er: „Entführte Flugzeuge mit Passagieren darin?“

Thomas nickte. Er war im Moment wohl besser, nur die gestellten Fragen zu beantworten, und keine weiteren Informationen zu geben. So war es leichter, keine Fehler zu machen. Er wartete auf eine weitere Frage. „Und die Terroristen werden dann mit den Passagieren in die Türme fliegen?“

„Ja.“

„Woher haben Sie Ihre Informationen?“ Es war die tiefe, Thomas noch unbekannte Stimme von Agent Williams.

Agent Colin schien überrascht, dass sein Chef sich in das Gespräch einmischte.

Thomas, der inzwischen zu einer gewissen Selbstsicherheit gefunden hatte, war ganz froh gewesen, dass er das Gespräch nicht mit der Person, die ihm gegenüber saß, führen musste. Nun hatte ihn die knappe Frage von Agent Williams nervös gemacht.

Natürlich hatte er mit ihr gerechnet. Nur wäre es ihm lieber gewesen, sie wäre erst gestellt worden, nachdem die Behörde ihre Nachforschungen begonnen hätte und womöglich schon erste Erfolge erzielt worden wären. Er war sich ziemlich sicher, dass sie zu einem schnellen Ergebnis kommen würden. Das entweder seine Hinweise bestätigte oder sich alles als Hirngespinst herausstellte.

„Ich werde Ihnen alles erzählen, was ich weiß, aber auf diese Frage kann ich Ihnen leider keine Antwort geben.“

„Ich verstehe“, meinte Agent Williams.

Thomas, der noch nie in seinem bisherigen Leben eine ähnliche Situation erlebt hatte und Verhöre nur aus Filmen kannte, war sich plötzlich bewusst, dass er in eine Falle getappt war.

„Dann würde ich vorschlagen, Sie erzählen uns jetzt alles, was Sie wissen.“ Agent Colins Stimme hatte sich verändert. Zwar nur in Nuancen, aber Thomas war es nicht entgangen. Vermutlich hatte ihn die Einmischung seines Chefs veranlasst, seine Strategie zu ändern.

Bislang hatte er nur Verständnisfragen gestellt, nun ging es wohl um die harten Fakten.

„Sie nannten einen Namen.“

„Ja, ich erwähnte Mohammed Atta. Es ist der einzige Name, den ich kenne. Aber ich kenne noch einige Details.“

Agent Williams hatte wieder seine lauernde Haltung eingenommen. „Ja bitte, was wissen Sie von Mohammed Atta?“, griff Colin den Hinweis von Thomas auf, verschränkte seine Arme vor der Brust und schaute aus dem Fenster. Wie gebannt starrte er auf das WTC.

Seiner Aufmerksamkeit tat das aber keinen Abbruch.

„Ich weiß nur, dass dieser Atta in Hamburg studiert, aber wohl schon seit Wochen oder Monaten hier in den USA lebt.“

„Hamburg, das ist in Deutschland. Kennen Sie ihn persönlich?“ Agent Colin schaute noch immer auf das WTC.

„Nein, ich habe nichts mit dieser Sache zu tun. Es ist reiner Zufall, dass ich ebenfalls aus Deutschland bin.“ Thomas` Empörung war echt. Er fragte sich nur, wie er nach außen wirkte. Colin konnte es zwar nicht sehen, aber Williams schien Thomas regelrecht wie unter einem Mikroskop zu analysieren.

„Dieser Atta ist kein Deutscher Staatsbürger. Ich glaube, er ist aus Ägypten oder Saudi-Arabien. Er studiert nur in Deutschland. Und er ist schon seit Längerem hier in Amerika. Ich vermute, er will hier den Anschlag vorbereiten.“

Thomas hätte sich die Haare raufen können. Verdammte Sch… Jetzt hatte er den Tatsachen beziehungsweise dem, was er als Tatsachen einstufte, Vermutungen hinzugefügt. Es war nicht seine Aufgabe, Hypothesen anzustellen. Er musste seine Informationen über den Anschlag glaubwürdig rüberbringen und an der richtigen Stelle, die hoffentlich hier beim FBI war. Doch wenn er so stümperhaft weitermachte, hatte er seine Glaubwürdigkeit bald verspielt. Doch versagen durfte er auf keinen Fall. Nur nicht versagen! Was wusste er denn wirklich? Dieser Atta studierte in Hamburg, war aber aus Ägypten oder Saudi-Arabien. Und er war schon seit längerer Zeit hier in Amerika. Mehr wusste Thomas nicht? Oder? Doch!

„Er macht hier einen Pilotenschein, oder nimmt zumindest Flugstunden. Das müssen Sie doch überprüfen können.“

Agent Colin schaute zu seinem Chef. Der saß immer noch reglos auf seinem Stuhl. Eine Gesprächspause war entstanden.

„Mr. Miller. Wann sind Sie hier in New York gelandet?“

„Etwa um 5 Uhr heute Morgen Ortszeit.“

„Haben Sie schon etwas gegessen?“

„Eigentlich nicht. Ich wollte Ihnen zuerst erzählen, was ich weiß, und dann hätte ich weitergesehen.“

„Ich besorge Ihnen mal einen Snack.“ Agent Colin stand von der Fensterbank auf und verließ das Zimmer.

Als er weg war, war es völlig still. Agent Williams schien entspannter, ließ Thomas aber nicht aus den Augen. Das machte diesen nur umso nervöser. Seine Augen konnten nichts fixieren, sein Blick wanderte immer unruhiger durchs Zimmer und er schaffte es nicht, Agent Williams anzublicken. Seine Hände waren ständig in Bewegung und spiegelten damit seine Nervosität. Das ging so einige Minuten weiter, bis Thomas plötzlich einen großen Spiegel an der Wand gegenüber der Fensterfront entdeckte. Bisher war ihm der große querformatige Spiegel entgangen. Die grandiose Aussicht aus dem Fenster hatte ihn zu sehr abgelenkt. Aha. Das war also so ein Exemplar, das von einer Seite spiegelte und von der anderen durchsichtig war. Beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Thomas wurde bei diesem Gedanken erstaunlicherweise ruhiger.

„Sie glauben mir nicht, nicht wahr?“ Thomas schaute Agent Williams jetzt direkt in die Augen. Diesmal schien Williams überrascht. Er konnte für einen kurzen Moment Thomas` Blick nicht standhalten.

„Wir werden sehen“, sagte er und stand vom Stuhl auf.

Er verließ das Zimmer ohne ein weiteres Wort.

Thomas entspannte sich. Er saß noch einige Minuten nachdenklich da, überdachte die Befragung. Dann stand er auf, ging zum Fenster und sah gedankenverloren hinaus. Er bemerkte, dass wieder eine Vision in ihm aufstieg. Er stützte sich an der Fensterbank ab, um gefahrlos die Augen schließen zu können, sah, wie das zweite Flugzeug den anderen Turm traf. Er hörte Schreie. Der Feuerball, der beim Einschlag entstand, war riesig und streifte am Turm nach oben.

Noch 22 Stunden

„Ich wusste nicht, ob Sie eine normale oder eine Diätcola wollten?“, hörte Thomas in einem holprigen Amerikanisch.

„Was?“ Er wusste, dass die Frage nicht zu der Vision gehörte, die ihn noch gefangen hielt. Er öffnete die Augen und sah wieder aus dem Fenster. Die Türme zwischen den anderen Hochhäusern standen in strahlendem Septembersonnenlicht. Er drehte sich um.

In seinem Kopf hämmerte der Schmerz. Die Augen brannten noch ein wenig. Der Mann mit der holprigen Sprache stellte eben ein Kunststofftablett mit zwei Papiertüten auf den Tisch.

„Ich habe gefragt, ob Sie normale oder Diätcola mögen. Ich hab beide dabei, weil ich nicht wusste, welche Sie wollen.“

Der relativ kleine Mann mit einem markanten Schnauzbart und dunklem Teint öffnete eine der Tüten und griff nach zwei verschiedenen Dosen Cola und losen Trinkhalmen. Er schaute zu Thomas und lächelte. „Hier bitte, ich hab auch Cheeseburger, einen extragroßen Hamburger und Pommes.“

Der Mann mochte Ende 40 sein und wirkte sofort sympathisch. Er sprach mit einem starken spanischen Akzent. Ein Mexikaner, kam es Thomas in den Sinn, obwohl er bewusst noch nie einen getroffen hatte.

Der Mann packte die andere Tüte aus. Drei in Wachspapier verpackte Burger unterschiedlicher Größe und eine Packung mit Pommes Frites tauchten nacheinander auf. Dazu noch eine Handvoll Servietten. Thomas ging zum Stuhl und setzte sich. Er war wieder klar, der Kopfschmerz klang langsam ab.

„Danke, ja, etwas zu essen ist eine gute Idee.“

„Hier, bitte, fehlt noch etwas?“ Der Mexikaner machte eine ernste Miene und überprüfte mit seinem Blick und zusätzlich mit den Händen die Sachen auf dem Tisch.

Dabei murmelte er unverständliche Dinge.

„Ich glaube, es ist alles bestens“, meinte Thomas und lächelte zum Dank.

Der Mexikaner setzte wieder sein sympathisches Grinsen auf.

„Wie heißen Sie?“, wollte Thomas wissen.

„Ich bin Miguel, ich bin der Mann für alle Fälle. So eine Art Hausmeister. Wenn es hier irgendwo klemmt, dann ruft man Miguel. Ganz egal, ob in der Toilette der Wasserhahn tropft oder das Licht in den Büros nicht funktioniert.“

Thomas lachte. Es war wie eine Befreiung. Kein Verhör, sondern ein belangloses Geplauder. Er öffnete eine Verpackung und biss voller Genuss in einen Burger.

Miguel beugte sich etwas zu Thomas, schaute übertrieben theatralisch um sich und flüsterte mit vorgehaltener Hand.

„Ohne mich läuft hier nichts, verstehen Sie?“

Thomas musste loslachen, konnte aber gerade noch verhindern, dass er den Cheeseburgerbissen herausspucken musste. Hastig zerkaute er das große Stück und schluckte die Brocken herunter. Mit einer Cola spülte er den Rest hinterher. Jetzt erst lachte er kurz und hustete dabei.

„Haben Sie noch einen Wunsch?“, wollte Miguel wissen.

„Nein, danke.“ Dann hatte Thomas schon den nächsten

Bissen im Mund. Miguel drehte sich um und ging zur Tür. Er zog das rechte Bein nach, was nicht zu übersehen war. Er öffnete die Tür und als er schon draußen war, streckte er nochmals seinen Kopf herein.

Sein pechschwarzes Haar glänzte.

„Wenn Sie noch etwas brauchen, sagen Sie Bescheid. Verlangen Sie nach Miguel.“

Thomas konnte nicht antworten, weil er noch kaute. Er nickte mit dem Kopf. Dann war Miguel weg und die Tür geschlossen. Es war wieder ruhig. Thomas konnte in Ruhe essen und trinken. Die meiste Zeit schaute er auf die Hochhäuser und Wolkenkratzer. Er sah Agent Colin nicht, der zwei Mal an der Tür vorbeiging. Nachdem Thomas fertig gegessen hatte, warf er die Verpackungen in einen Mülleimer, der in der Ecke stand. Nur die zweite Cola stand noch auf dem Tisch.

Agent Colin trat ein. „Na, hat es geschmeckt?“

„Ja, danke. Ich hatte einen wahnsinnigen Appetit.“

„Ich kann Ihnen noch mehr bringen lassen.“

„Nein, danke. Es war wirklich genug.“

Agent Colin setzte sich auf den Stuhl, Thomas gegenüber. „Was halten Sie von meinem Boss?“, wollte er wissen.

Thomas war über die Frage erstaunt. Nach kurzem Überlegen beugte er sich etwas über den Tisch und flüsterte mehr, als dass er sprach. „Ich finde, er spricht nicht viel.“

Agent Colin grinste. „Ja, das tut er. Oder eben nicht. Aber er kann auch ganz anders. Er gehört noch zu der Generation von FBI-Leuten, die sich ihre Sporen im Krieg verdient haben.“

Thomas überlegte. „Vietnam?“

„Ja.“

Agent Colin hatte den Schreibblock wieder auf den Tisch gelegt. Er blätterte darin. Thomas konnte aus den vielen Stichwörtern, die auf dem Kopf standen, nur einzelne lesen.

„Sie sagten, dass es sich um zwei Flugzeuge handelt.“

„Hab ich nicht.“ Agent Colin schaute von seinen Notizen auf.

„Ich sagte Flugzeuge, aber nicht, dass es zwei wären.“ Colin schien ein wenig verunsichert.

„Ich dachte zwei Türme, zwei Flugzeuge … Nicht?“ Er hob eine Augenbraue.

„Oder sind es mehr Flugzeuge?“

Thomas ärgerte sich. Hätte ich ihn nur nicht wegen jeder Kleinigkeit berichtigt. Ich kann es nicht sagen.

Noch nicht. Das wäre zu früh. Ich muss lügen. Verdammt! „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht verbessern.“

„Macht nichts. Wir wollen ja alles nur so korrekt wie möglich protokollieren. Also wie viele Flugzeuge?“

„Zwei. Zwei Türme, zwei Flugzeuge. Sie hatten richtig kombiniert.“

Agent Colin sah auf seinen Schreibblock. Er unterstrich die Worte `Zwei Flugzeuge`.

„Haben Sie eine Ahnung, wo die Flugzeuge entführt werden?“ „Nein, ich weiß nur, dass die Flugzeuge hier an der Ostküste starten.“

„Wieso sprechen Sie eigentlich unsere Sprache so gut? Lernt man das auf deutschen Schulen?“

Thomas musste lächeln. Er entspannte sich. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass er sich bei der Befragung immer mehr angespannt hatte.

„Nein. In der Schule lernen die Kinder und Jugendlichen, je nach Schultyp, die Grundlagen der englischen Sprache. Viel Grammatik und Vokabeln. Das eigentliche Sprechen lernt man erst in einem Land, in der die Sprache gesprochen wird. Ich bin mit einem Schüleraustausch in England gewesen. Dann habe ich ein Semester Architektur in Oregon studiert. Und war noch mal ein halbes Jahr zu einem Praktikum in Kalifornien.

Ich habe noch einige Wochen gejobbt und bin dann noch einige Monate mit einem alten Auto an der Westküste herumgefahren. Insgesamt über ein Jahr. Nur so lernt man eine Sprache richtig. Das ist aber jetzt schon über 15 Jahre her.“

Agent Colin machte sich einige Notizen. Ohne Thomas anzusehen, wollte er wissen:

„Warum haben Sie von damals keinen Ein- und Ausreisestempel der USA in Ihrem Reisepass?“ Thomas schien die Frage ziemlich belanglos.

„Das ist schon so lange her, ich habe inzwischen einen neuen Pass.“

„Und waren seither schon in der Türkei, Marokko, Ägypten, Indonesien und Tunesien?“

Thomas war verblüfft. Agent Colin hatte die Seiten mit den entsprechenden Stempeln relativ schnell

überblättert, um den Einreisestempel für die USA zu finden. Und trotzdem hatte er alle Länder aufgeführt, die mit Stempeln in seinem Pass zu finden waren.

Keines mehr, keines weniger.

„Worauf wollen Sie hinaus?“ Thomas kam ins Schwitzen. Er hatte sich spätestens im Flugzeug ausgemalt, wie dieses Verhör verlaufen würde. Eigentlich würde es kein Verhör sein, sondern eher eine Anhörung. Er wollte schließlich nur eine Aussage machen. Er hatte sich vorgestellt, dass er Schritt für Schritt sagen würde, was er wusste, und zwar in der Abfolge, wie die Ereignisse eintreten würden. Und während er noch vor einem oder zwei Leuten vom FBI seine Aussage machen würde, wären im Hintergrund hunderte Leute damit beschäftigt, diese mit Computern, Telefonen und Ermittlern zu überprüfen. Und noch während er seine Geschichte erzählte, würden nach und nach die Leute verhaftet, die den Anschlag geplant hatten. Aber jetzt hatte er langsam das Gefühl, dass er verdächtigt wurde, etwas mit der Sache zu tun zu haben.

„Sie versuchen eine Verbindung herzustellen. Nur weil ich schon mal in Ägypten war, heißt das nicht, dass ich diesen Terroristen kenne.“

„Was haben Sie denn in Ägypten gemacht?“

„Ich habe Urlaub gemacht. Ägypten bietet viel.

Strände, Tauchziele, Kultur und spannende Architektur aus 5000 Jahren Geschichte.“

„Ist Ägypten nicht ein islamisches Land?“

Thomas war etwas erstaunt. „Und?“

„Nun, sind nicht die anderen Länder auch alle muslimisch? Türkei, Marokko, Tunesien und sogar Indonesien?“

„Das sind alles herrliche Urlaubsländer. Meer, Strände, Kultur…“

„… und interessante Architektur, ich weiß.“

„Und das Preis–Leistungs-Verhältnis stimmt noch. Was denken Sie denn?“

„Es ist schon auffallend, dass Sie nur islamische Länder besuchen, oder?“

„Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich für die anderen Länder, die ich im gleichen Zeitraum besucht habe, keine Visastempel benötigte. Frankreich, England, Spanien, Schweiz, Italien, Skandinavien. Als Europäer gibt es da praktisch keine Grenzen mehr. Man fährt einfach von einem Land in ein anderes. Das ist wie hier in den USA mit den einzelnen Bundesstaaten.“

„Und was haben Sie dort gemacht? Auch Urlaub?“

„Hautsächlich war ich dort beruflich unterwegs. Aber zum Teil haben wir dort auch Urlaub gemacht oder wir versuchten eine geschäftliche Reise mit ein paar Tagen Urlaub zu verbinden.“

„Wer ist wir?“

„Meine damalige Frau und ich. Wir sind seit zwei Jahren geschieden.“

„Haben Sie Kinder?“

„Gehört das auch zum Verhör?“

„Nein, das ist eher eine Frage der Höflichkeit.“