Zeig deine Farben im ersten Flügelschlag - Andreas Elligsen - E-Book

Zeig deine Farben im ersten Flügelschlag E-Book

Andreas Elligsen

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Beschreibung

Ein kleiner Ausflug in die Berge führt zu ungeahnten Begegnungen. Eine Wanderung auf vulkanischem Gestein in eine andere Welt. Im Innern des Vulkans überrascht eine verborgene Landschaft mit ihrem ganz eigenen Charme.

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Zeig deine Farben im ersten Flügelschlag

Fililap –pffh, da war es wieder, für weniger als einen Wimpernschlag durchbrach es den fahlen Morgenschein, dann war es wieder dunkel. Die frischen Farben leuchteten auf der Netzhaut nach, Zeit dem Ereignis nachzuspüren und mit dem Erfahrungsspeicher abzugleichen. Die Farben riefen Erinnerungen wach, sie waren mit einem leisen Geräusch verknüpft. Ein erahntes Geräusch aus Erinnerungen, zu hören war es nicht.

Der frühe Morgen war noch jung. Die vergehende Nacht, kühl und schwarz, stetig vom seichten Morgenwind bedrängt, zerfiel unwillig in einzelne Wolkenfelder. Die Dunkelheit hielt den nahenden Morgen hinter einem lichtlosen Wall versteckt. Tauperlen, ungezählt, benetzten Schilf- und Wiesenhalme, überzogen Farne und Gräser, verschonten selbst Spinnennetze nicht. Die feinen Wasserperlen spiegelten sich im Schein kleiner Lichtinseln. Diese kühnen Inseln tauchten am Himmel auf, sandten zur frühen Stunde ihr dünnes Licht. Für kurze Zeit durchbrachen sie den wehrhaften Schleier, bevor schwerfällig treibende Wolken der Nacht sie sogleich verschluckten. Die besiegt geglaubte Finsternis kam zurück, kroch herab vom Berg, trieb eisige Temperaturen ins schlafende Tal, warf einen unheilvollen Schatten auf kommende Ereignisse. Kein gutes Vorzeichen für ein gewagtes, wenngleich gutherziges Vorhaben in jener Zeit.

Für den kleinen Tima war es jedoch ein herrlicher Morgen, der beste in seinem Leben. Vor lauter Aufregung gab es keine Zeit sich zu fürchten. Einmal entschieden, sollten endlich Taten folgen. Verzögerungen, egal welcher Art und Zeitspanne, waren für sein junges Herz eine Qual. Der anbrechende Morgen war der ersehnte Moment - seit etlichen Tagen liefen seine Vorbereitungen. Er trug allerlei Dinge für sein gewagtes Vorhaben zusammen. Seine Ausrüstung hatte verstreut auf seinem Bett gelegen. Gewissenhaft war Stück für Stück in seinen unendlich tiefen Hosentaschen verschwunden. Welch Unglück: Anfänglich verblieben Gegenstände unverstaut auf seinem Bett! Seine Taschen waren prall gefüllt, ließen kaum Spielraum seine Knie beim Gehen zu beugen. Dabei hatte er sich bereits stark eingeschränkt. Was konnte noch zu Hause bleiben? Auf ein Neues! Alle Gegenstände wurden aus den unendlichen Tiefen gezogen und auf seinem Bett für einen weiteren Versuch sortiert und neu bewertet. Es waren zwei, wenn nicht sogar drei qualvolle Tage verstrichen, bis er eine akzeptable Lösung gefunden hatte.

Heute allerdings würde seine große Suche starten, unweit des Fiderjochs, wo an einem Felsgrat der Weg sich sprunghaft teilte, sollte ein alter Schatz liegen. So hatte er es zumindest gehört beziehungsweise verstanden – egal, er musste jetzt los, nach draußen in die verlorene Nacht zu seinem ersehnten Schatz. Beherzt verließ er seine Kammer, schlich über die hintere Treppe hinaus. Für einen Moment schimmerte im fahlen Licht der hauseigene Gartenweg. Ein erneuter Anlauf: Unaufhaltsam forderte ein neuer Morgen seinen Auftritt – überall kündeten dünne Schleierwolken vom nahenden Tag.

Sein Dorf war eines von fünf, die verstreut in einem Tal lagen. Ein jedes hatte seine eigene Stellung und Bedeutung. Mal dominierten Weideland und Viehzucht das dörfliche Geschehen, mal standen an starken Wildbächen Getreidemühlen, dort siedelten Hausherren, ihre Knechte und Kleinhandwerker. Jede Gemeinde hatte ihre eigene Entwicklungsepoche, oftmals lagen Jahrzehnte zwischen ihren Gründungen, dennoch ähnelten sich ihre Bauten und Höfe, zeugten von einer gemeinsamen Kultur. Der Ackerboden war von guter Qualität, ertragreich und ermöglichte einen lebhaften Handel mit weit entfernten Teilen des Landes. Dies führte zu Wohlstand und Zufriedenheit im Tal. In Sichtweite erhob sich ein Bergmassiv, fest verwurzelt in der Erde. Dessen Hänge formten einen erhabenen Kegel aus altem Vulkangestein. Ein elegant gezeichneter Aufwärtsschwung beschrieb seine Kegelform recht gut.

Ein Adler in luftiger Höhe würde seine zulaufenden Kreisbögen erspähen, gekrönt mit einem innerlich ausgebrannten porösen Kraterrand. Für alle Anwohner ein vertrauter Anblick, war dieser in sich selbst ruhende Kegel ein imposantes Zeichen der Natur.

Dorthin führte Timas Weg. Schritt für Schritt hinein in die sich auflösende Nacht entfernte er sich von Zuhause, näherte sich den aufstrebenden Berghängen. Eine erwartungsvolle Stille zog übers Land; die Bewohner seines Dorfes schliefen so wie die Natur, alles bereitete sich auf den Wechsel von Nacht zum Tag vor und schwieg für eine kurze Zeit.

Seine Atemzüge wurden in der kühlen Luft sichtbar, bildeten kleine Rauchwölkchen. Die dabei entstandenen Formen und Figuren zu enträtseln, machten ihm Spaß. Beim Ratespiel in seine Gedanken vertieft, tauchte er ein in den Dorfwald. Dieser umschloss den Vulkan weit hinauf und schenkte ihm ein dauerhaftes Windschutzkleid, geflochten aus Nadeln und Blattwerk. Dies grün getupfte Kleid erreichte eine stattliche Höhe, doch der baumlose, dunkelporige Kraterrand strahlte darüber hinaus. Dieser obere Bereich aus stumpfem anthrazitfarbenen Felsgestein blieb unnachgiebig, trotzte Wind und Sturm, lag wie ein mächtiger Ring auf dem Vulkan. Zahlreiche Legenden aus längst vergangenen Tagen rankten sich um diese Erscheinung. Vor Urzeiten von einer vertrauten Macht darnieder gelegt, wartet dieser bis zu dessen Rückkehr. Eines Tages werde er in den Himmel erhoben, hinfort getragen am Finger einer mächtigen Hand. Je stärker die Naturgewalten dran rüttelten, desto schöner ebnete sich dieser edle Ring, erhob sich zeitlos über den Wald. Eine verheißungsvolle Harmonie umhüllte den Vulkan. Menschen siedelten gern zu seinen Füßen. Tief im Innern schlug weiterhin ein vulkanisches Mutterherz aus zähem Magma. Eine hellrote Masse, durchzogen von grellleuchtenden weißen Adern, blieb in permanenter Unruhe. Seit Hunderten von Jahren ohne temperamentvollen Ausbruch, grummelte sie gedämpft vor sich hin, sandte bisweilen Schwingungen von geringer Amplitude nach oben an die Erdoberfläche. Bemerkt wurden diese Schwingungen kaum. In solch einem seltenen Moment fühlte es sich an, als ob man auf einem schwimmenden Moorboden stand. Dergestalt stellten sie keine Gefahr für das umliegende Tal dar. Niemand wusste, wie lange diese Ruhephase anhielt, sicher war hingegen, dass sie mit einem heftigen Lavaausstoß enden würde. Ein gewaltiger Lavateppich würde hinab ins Tal zu ihren Dörfern strömen. Seit Generationen blieb es still am Berg, keiner befürchtete einen Ausbruch.

Davon unbeeindruckt erreichte Tima seinen Lieblingswald. Den fand er lustig, sah in ihm einen speziellen Freund, der nicht viel sprach. Mit ihm könnte er niemals zusammen um die Ecken seines Dorfes flitzen, dennoch bot dieser Gefährte bemerkenswerte Eigenschaften: „Sein“ Wald bestach durch seine Farbvielfalt und bezaubernden Lichtspiegelungen. Oben in den Baumspitzen durchbrach die Sonne sein Blätterdach. Wie auf einer Achterbahn sauste ihr Licht in rasanten Bögen herunter von Blatt zu Blatt, umfloss querstrebende Äste wie im Spiel, mischte von grasgrün, gelbgrün, ockerrot bis zu goldgelb alle Farben, ließ einen warmen Lichterregen zu Boden tänzeln.

Gelegentlich kitzelte die Sonne mit ihren Strahlen seine Nase, ließ so ihre Wärme spüren. Zwei seiner Sinne ergänzten sich fortan: Zu einem Farbeindruck gesellte sich nun ein bestimmtes Wärmegefühl. Um ihn herum war einiges los. Dieses und jenes Geräusch, mal schleichend, mal knorrig mürbe, vergleichbar mit zerbröckelndem Zwieback überlagert vom scharfen Brechen spröder Äste, verrieten wie Leben durchs Gebüsch wuselte und in die Luft sprang.

Mit ein wenig Übung verstand man diese unsichtbaren Bewohner des Waldes, erahnte sie im Voraus, entdeckte ihre Verstecke, respektierte ihre vorsichtige Lebensweise und hörte ihrer Melodie zu. Einem Freund mit so viel Energie und Ideen verzieh man die eine oder andere Schwäche. Wie gesagt, der Wald sprach nicht viel. Die großen Leute im Dorf meinten, man könnte sich hier leicht verlaufen. Tima glaubte etwas Anderes: Er war sich sicher, dass sein grüner Freund mit wachem Sinn auf ihn aufpasste.

Sein Weg führte auf eine kleine Lichtung. Im kühlen Gras mümmelte eine Hasenfamilie ihr erstes Frühstück. Ihre Näschen streiften hitzig übers Gras, schnupperten unentwegt umher, eines ihrer Ohren blieb meist wachsam aufgestellt. Mit leichtem Kopfnicken zupften sie geübt die saftigsten Halme heraus. Bei seinem Erscheinen sprangen sie auf und hoppelten hin und her, wichen nach links und rechts vor seinen Schritten aus und verschwanden nach und nach mal in den einen oder anderen seitlichen Weg. Er durchschaute ihr Treiben. Hasen waren immer verspielt und lockten Fremde gern auf einen falschen Pfad. Der Weg, in den kein Hase sprang, war der richtige, dieser führte hinaus aus der Lichtung. Hätte Tima einen Fuchs getroffen, wäre er diesem ohne Umweg gefolgt. Ein Fuchs spielte nicht und zeigte jedem den kürzesten Weg hinaus aus seinem Revier. „Je schneller der Eindringling mein Revier verlässt, desto eher habe ich wieder Ruhe“, so handelte ein Fuchs.

Alle Hasen warteten gespannt in ihren Verstecken, ob Tima in die Irre geführt war. Mit oder ohne Hasenhilfe, er kannte seit längerem den Ausgang. Dieser lag an der gegenüberliegenden Seite der Lichtung und querte wissend durchs feuchte Gras. Nicht ohne Enttäuschung ließen die Hasen ihre aufgestellten Lauscher hängen, als sie bemerkten, dass er auf den richtigen Weg zu steuerte.

Das Ende der Lichtung war sogleich der Anfang eins seiner Lieblingsorte. Eine langgezogene Allee aus eng zueinander stehenden Ahornbäumen, wie auf einer Perlenschnur aufgereiht, wartete geduldig auf Besuch. Jeder Ahorn war von gleichem Wuchs, keiner, der durch eine ausgeprägte Stellung zu viel Sonnenlicht forderte. Es schien, ein jeder Baum nahm Rücksicht auf seine Nachbarn. Oberhalb berührten sich ihre Kronen, flochten ein langgezogenes Tunneldach.