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Zeisi & Duke ist eine Geschichte, die von zwei ungleichen Freunden erzählt, welche ihre Kindheit und Jugend miteinander verbracht haben. Zeisis Ausbildung hat ihn zum Besitz eines Betriebes geführt, welcher ihm Ansehen und Wohlstand eingebracht hat. Zeisi, nunmehr Doktor Zeiringer, wollte mit seiner Firma einen überregionalen Betrieb aufbauen. Die Wirtschaftskrise hat ihn aller Illusionen beraubt. Er fühlt sich in einer Tretmühle gefangen. Duke hat seine Jugend lieber in Parks, mit Alkohol, Zigaretten und Mädchen verbracht. Nach einem Autounfall, bei dem sein Freund Werner ums Leben gekommen ist, hat ihn das Schicksal erst nach Thailand, und schließlich nach Frankfurt verschlagen. Er ist in Geheimdienstkreise geraten. Seine Gruppe "Stay Behind" wurde aufgelöst. Duke hat man laufen lassen. Wieder in Österreich, verabredet er sich mit Zeisi, zum Besuch eines Eishockeymatches. In einer Drittelpause schlägt Duke seinem alten Freund einen Bankraub vor: Der Überfall, soll nach dem Muster des alten chinesischen Militärstrategen "Sun Tzu", minutiös geplant und ausgeführt werden. Das Risiko wäre geringer - und die Beute höher, als Doktor Zeiringers legale Geschäfte. Zunächst ist Zeisi bestürzt, doch kann er nach einigen weiteren Treffen überredet, ja sogar begeistert werden. Bis ins kleinste Detail werden Bank und Fluchtweg, erst von Zeisi, dann von Duke ausgekundschaftet - ein Schlachtplan entwickelt. Der Raub gelingt. Die Täter flüchten, erst mit einer Straßenbahn, dann mit dem Auto, in entfernte Berge. In einer Almhütte wähnt sich Zeisi in Sicherheit. Was er nicht wissen kann, ist, dass der Banküberfall nur Teil eines viel weitläufigeren Planes ist: Duke soll die Freiheit gehören - und Zeisi die Welt.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Duke hatte den Zustand, zwischen Wachsein und Schlafen zutiefst genossen. Er liebte diese eigenartige Welt zwischen Diesseits und Jenseits bald noch mehr, als tiefen geruhsamen Schlaf. Irgendwann hatte er gelernt mit dem tranceartigen Zustand, der ihm immer wieder Visionen bescherte, umzugehen. Nach einiger Übung war er in der Lage sich in jenem Land zwischen Traum und Wirklichkeit bewusst zu bewegen, den Aufenthalt in die Länge zu ziehen, oder sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Später konnte er sich, wann immer er wollte, zwischen die Welten begeben. Vielleicht war diese Kunst dem Alkohol und den verbotenen Substanzen zu danken, welche er zeit seines Lebens konsumiert hatte.
Das Gefühl, dass ihm sein Körper im Wege stand, überkam ihn immer öfter. Wie gut würde er erst fliegen können, wären durch ihn keine Grenzen mehr gesetzt.
Er hatte viel gesehen und gelernt.
Weise kann nur der sein, der versteht seine Zeit für Beobachtungen zu nützen; und weise ist nur jener, der die Vergänglichkeit zu seinem Vorteil zu nutzen vermag. Das hatte er mal irgendwo aufgeschnappt. Aber was bitte, was, konnte er jetzt mit seinem bisschen Weisheit anfangen?
Alt wird man, wenn der Entdeckergeist schwindet, so glaubte er. Er hatte keine Lust mehr, auch nur irgendetwas Neues zu suchen und zu finden.
Der Raum zwischen Sein und Nichtsein hatte ihm, einmal mehr, eine Vision gebracht und diesmal würde er sie umsetzen, nicht kneifen, wie damals, als er die Tür, die ihm erschienen war, nicht zu öffnen gewagt hatte.
Die Hütte
1
Duke lebte im Gegensatz zu Zeisi alleine. Wo und mit wem er sich herumtrieb, drüber war er niemandem Rechenschaft schuldig. Manchmal beneidete ihn Zeisi darum.
***
Er hatte Zeisi veranlasst, Larissa zu sagen, dass er das Wochenende mit einem Freund in den Bergen verbringen würde. Im Prinzip verhielt es sich ja auch genau so. Zeisi hätte erzählen können, dass er mit den Angestellten einen Ausflug unternehmen würde. Dann und wann pflegte er nämlich seine Mitarbeiter einzuladen. Nach einem besonders erfolgreichen Auftrag, oder zum Betriebsausflug zum Beispiel. Was aber, wenn seine Frau zufällig jemand von seinem Personal in der Kleinstadt begegnen würde? Zudem war er zwar ein guter Denker, aber ein schlechter Lügner. Duke hatte recht. Es war klüger nicht vor ihr zu verheimlichen, dass er das Wochenende mit einem Freund verbringen würde. Er müsste ja nicht verraten mit wem. Mit einem Freund aus alten Zeiten halt.
Zeisi war, seit er Larissa geheiratet hatte, noch nie ohne einen besonderen Grund über Nacht weggeblieben. Zudem hatte ihn die Natur, egal ob Berge oder Seen, auch noch nie interessiert. Firma und Familie sind alles, was für ihn zählt. Er hat keine Hobbys und seine Freunde waren, sofern man sie als solche bezeichnen konnte, allesamt Geschäftsfreunde. Bis jetzt.
Larissa hatte sich natürlich Gedanken gemacht: Wer, um Himmels Willen, hatte ihren Gemahl zu einem Ausflug in die Berge bewegen können?
Es ist ihr nicht verborgen geblieben, dass sich Duke wieder im Lande befindet. In letzter Zeit hatte sie ihn ab und zu gesehen, den fürchterlichsten aller Zeitgenossen. Umgehend hatte sie ein mulmiges Gefühl beschlichen. Sofort hatte sie die Straßenseite gewechselt. Auch im Supermarkt war er ihr untergekommen. Er hatte am anderen Ende eines Regals das Sortiment studiert. Sie tat so, als ob sie ihn nicht gesehen hätte und hoffte inständig, dass sie nicht bemerkt worden war.
Zeisi versuchte zwar, seine gelegentlichen Treffen mit ihm vor ihr zu vertuschen, doch kann sie als Gattin eins und eins gut zusammenzählen. Seine Termine waren plötzlich zu ganz außergewöhnlichen Zeitpunkten, außerhalb seines eingefahrenen Schemas platziert. Wenn er das Haus verließ, musste seine Kleidung nicht mehr ganz so perfekt sitzen, sowie insgesamt sein Ordnungssinn etwas an Präzision verloren zu haben scheint.
Außerdem roch er ab und zu nach Alkohol. Sie tut aber, als wäre ihr nichts Ungewöhnliches aufgefallen, macht gute Miene zum bösen Spiel. Welch böses Spiel tatsächlich in Gange ist, kann sie unmöglich erahnen, sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen ausmalen.
Duke also! Das darf nicht wahr sein!
Zeisis neuer, alter Freund ist für sie alles andere, denn ein unbeschriebenes Blatt. Allein der Gedanke an ihn bewirkt aufgestellte Nackenhaare. Sein ihm vorauseilender Ruf und gemeinsame Erlebnisse, nämlich in der Studienzeit, lassen sie noch heute erschaudern. Der Kerl ist ihr seit je als Gespenst aus einem anderen Universum erschienen.
Obwohl stets lässig und locker in seiner Art, scheint er eine gewisse innere Spannung zu besitzen, die ihr in höchstem Maße, heute mehr denn je, unangenehm ist. Seine Augen, sein Blick, der sie zugleich einzufangen und abzustoßen scheint, der im selben Moment heiter und bösartig, jedenfalls durchdringend ist, waren ihr schon immer unheimlich gewesen. Er hatte ihr damals schon das Gefühl vermittelt sie anzufassen, ohne sie jemals tatsächlich berührt zu haben. Vor diesem Gesicht, diesem stahlblauen Augenpaar, konnte es kein Entrinnen geben und schon der kurze Eindruck von Weitem, im Supermarkt, gab ihr die Empfindung, dass seine Ausstrahlung eher noch schlimmer geworden war. Sein Auftreten hatte schon damals ihr Missfallen erregt: Ein unansehnlicher Bart, und lange, meist fettige, strähnige Haare, hatten ihn ungepflegt wirken lassen. Daran hatte sich nichts geändert, im Gegenteil: Jetzt, wo der Mann ergraut ist, erscheint sein Stil nicht nur abstoßend, sondern obendrein lächerlich. „Wie alt mag er inzwischen geworden sein?“, sinnierte Larissa. Er ist ein bisschen älter als sie, also müsste er so um die fünfzig Lenze zählen. Jedenfalls wirkt er, als ob er die Zeit übersehen hätte und sich noch immer in seiner wilden Jugend wähnt. Darüber hinaus, so erahnt Larissa, würde er noch immer nichts weiter, als ein Paar Levis, einige T-Shirts vielleicht, den Parka und eine alte Rostlaube besitzen.
Sie hat ihn nach all den Jahren sofort wiedererkannt.
Ob er sie auch gesehen, sogar erkannt hat?
„Welch Glück, dass Zeisi ein wesentlich mondänerer Zeitgenosse ist“, dachte Larissa. Schon in der Studienzeit hatte er, Larissa und seinen Eltern sei Dank, höchsten Wert auf Stil gelegt und das ist glücklicherweise bis heute so geblieben. „Wenn er auch nicht immer Anzüge trägt, sieht man auf den ersten Blick wer er ist. Seine gediegenen Umgangsformen sind das Tüpfelchen auf dem I seiner Erscheinung. Die Markenbrille und die Lange & Söhne am Handgelenk, sowie der Jaguar in der Garage tun ihr Übriges. Mein Gemahl!“, seufzte Larissa mit gewissem Stolz.
***
Duke hatte nichts gegen Luxus, hatte nie etwas dagegen gehabt. Schlichte Eleganz, den Ausdruck von Schönheit und Gediegenheit, bewundert er noch immer. Zeisis Raubkatze zum Beispiel: Wie hässlich dagegen die buckligen Ungetüme wirken, die da vor sich hin nageln. Das Schnurren des Sechszylinders, nimmt sich im Vergleich wie ein perfekt gestimmtes Musikinstrument aus, kommt einem Ohrenschmaus gleich. Feinstes Leder und poliertes Holz im Inneren runden das Gesamtbild des Fortbewegungsmittels ab. Den Jaguar könnte man getrost als Synonym für Zeisis Gesamtausdruck sehen. Die Erscheinung spricht für sich – eigentlich für Larissas Geschmack. Zeisi ist inzwischen zur Firma Zeiringer geworden, sonst nichts – und sollte er jemals Zerstreuung suchen, würde er sie im Spielcasino suchen.
Duke hatte öfter als einmal über Larissa sinniert: „Welch bescheidenes Ego muss die Dame haben, dass sie sich nur mit einem derart herausgeputzten Geck an ihrer Seite wohlfühlt? Andererseits: Hatte er in Thailand nicht auch zu den Wohlhabenden gezählt – und hatte er es nicht auch genossen anzugeben? Seine „Familie“ mochte ihn trotzdem.
***
Im Vergleich zu Zeisi scheint Duke eine Art Reinkarnation Rasputins zu sein: Nach all seinen Unfällen und Krankheiten, der Menge Whisky und dem vielen Gift das er verschluckt und geraucht hatte, hätte er inzwischen längst tot sein müssen. Ganz im Gegenteil, wirkte er fit wie ein Turnschuh; seine rustikale Erscheinung dazu … Larissa war aber nie Zarin Alexandra, obwohl sie es höchstwahrscheinlich liebend gerne gewesen wäre. Zarin am russischen Hofe, das würde zu ihr passen!
Für Duke ist sie trotz ihrer Eigenheiten ein flotter Hase. Steif und hochnäsig zwar, eine eingebildete Ziege, doch wäre er an Zeisis Stelle, hätte er ihr die Flausen längst ausgetrieben und am Ende wäre ein niedliches Kätzchen geblieben. Nein, nein, sie ist gerade wegen ihrer Macken ein dermaßen aufreizendes Geschöpf, dass er sich des Öfteren gefragt hatte, wie es einem Zauderer wie Zeisi gelingen konnte, so einen steilen Zahn anzubohren. In gewissem Sinne trug sie sogar zu Dukes Selbtreflexion bei – und wenn er ganz, ganz ehrlich zu sich ist, muss er sich eingestehen, dass er sie doch – wenigstens ein ganz kleines bisschen – mochte.
***
Larissa und Zeisi waren seit den Studienzeiten ein Paar. Sie studierten in derselben Stadt – und Zeisi besaß glücklicherweise bereits damals ein Auto. Oft genug setzte er sie vor ihrer Wohnung in der Universitätsstadt ab, ehe er ins Studentenwohnheim weiterfuhr.
Sie wohnte mit zwei Kolleginnen in einer Kommune. Das Mädel durfte sein Studentenleben in einer Wohngemeinschaft verbringen. Ihr war damit die Möglichkeit gegeben, angefangen vom Zusammenraufen mit ihren Zimmergenossinnen, dem Bereiten der Mahlzeiten, übers Reinemachen, bis hin zum Stellen des Weckers, ihre eigenen Erfahrungen machen zu dürfen. Wie gerne hätte auch er in so einer Gemeinschaft gewohnt. Seine Eltern, vornehmlich sein Vater, hatten sich stattdessen für ein ziemlich streng geführtes Heim entschieden.
Wochentags war die Führung der Studenten nahezu militärisch. Ein Weckruf erschallte durch die Gänge, die Bügelfalte im Anzug musste sitzen, die Schuhe mussten glänzen und die Zimmer hatten aufgeräumt zu sein. Dafür brauchte sich der junge Herr Zeiringer weder um Studierzeiten, noch um seine Mahlzeiten zu kümmern. Er konnte sich ganz und gar auf sein Studium konzentrieren.
Larissas Ehrgeiz und der von seiner Familie auferlegte Zwang zur Leistung hatten sich gefunden.
Nur an den Wochenenden, wenn das mit der Aufsicht befasste Personal dünn gesät war, war das Leben entspannter. An Tagen, an denen er beschlossen hatte von Freitag bis Sonntag im Heim zu bleiben, war hin und wieder auch Duke aufgetaucht. Er quartierte sich kurzerhand in sein Zimmer ein. Unter den verbliebenen Studenten war es dann eher Zeisi denn Duke, der auffallen musste. Gerade an diesen freien Tagen sahen die meisten Studenten ziemlich verwegen aus. Sie mussten nicht gekämmt und rasiert sein und löchrige Jeans, oder Schlabberklamotten waren en vogue. Zudem durfte auch Alkohol genossen – und zu wilder Musik abgetanzt werden und das Aufsichtspersonal ließ sie, bis zu einem gewissen Grad, gewähren. Nur Zeisi verzichtete weder auf Bügelfalten, noch seine Krawatte. Womöglich besaß er keine abgefahrenen Sachen?
Wenn auch Larissa in der Stadt geblieben war, gingen die beiden gemeinsam aus. An Larissas Seite hatte Zeisi ohnehin geschniegelt und gestriegelt zu sein.
Wenn Duke auftauchte, war aus dem Duo unversehens ein Trio geworden.
Zeisi wusste nur zu genau, wie sehr Duke das feministische Getue Larissas auf die Nerven ging, besonders wenn sie pausenlos quasselte.
Die junge Dame wiederum war am Explodieren, wenn sich Duke nur einen Trinkhalm, anstatt eines Getränkes bestellt hatte. Mit diesem Trinkhalm pflegte er genüsslich, mit einer zur Schau gestellten Selbstverständlichkeit, von Zeisis Bier zu trinken.
Endgültig hatte er dem Fass mit seiner Erklärung der Welt den Boden ausgeschlagen: „Der Mond kreist um die Erde, das ist ja allgemein bekannt“, hatte er eine Geschichte zu erzählen begonnen, mit den Händen einen Ball formend, mit den Armen und Fäusten die Flugbahn nachahmend. Richtig unheimlich sah er aus, mit seiner langen, wirren Haarpracht und seinem Bart, mit seinen großen blauen Augen, voll auf seine Erklärung konzentriert. „Seine Anziehungskraft wirkt auf unsere Mutter Erde und ist so stark, dass sie sogar Gezeiten bewirkt.“
Sowohl Larissa, als auch Zeisi sahen ihn gespannt an. Beide hatten nicht die leiseste Ahnung, worauf er hinauswollte.
„Das ist aber noch lange nicht alles“, fuhr er mit seinen Ausführungen fort: „Da ist auch noch die Erde selbst! Sie hält mit ihrer Anziehungskraft den Mond in seiner Bahn und doch erzeugt sie durch ihre Eigenrotation enorme Fliehkräfte.“ Duke legte eine bedeutungsvolle Pause ein, in welcher er in seinen Armbewegungen innehaltend, erst Zeisi und dann Larissa mit starrem Blick prüfte. Er wollte offenbar die Bereitschaft der Zuhörer erkunden, seinen Gedanken weiter folgen zu wollen - und eine Gelegenheit erzeugen, seine Ausführungen auf das Publikum einwirken zu lassen, ehe er fortfuhr: „Das ist aber noch immer nicht alles: Der Planet mit seinem Trabanten kreist auch noch um die Sonne, was wiederum Kräfte unvorstellbaren Ausmaßes bedarf!“
„Worauf wollte er bloß hinaus?“, hatten sich Larissa und Zeisi zum wiederholten Male gefragt. Eine weitere Pause, die eine Spannung erzeugte, welche die beiden Zuhörer in seinen Bann zog. Schließlich kam Duke auf den Punkt: „Und all die Kräfte wirken auch auf Frauen, wo sie doch bekanntermaßen das schwache Geschlecht sind.“
Zeisi hatte sich ein lautes Auflachen verbeißen müssen, als er Larissas Blick bemerkte, aus dem augenblicklich ein Blitz zu entfahren schien, der Duke töten hätte können.
2
Duke hatte sich zeit seines Lebens für alte Kulturen interessiert, unter anderem auch für Wikinger. Sie waren in der Schule mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt worden. Deshalb vielleicht? Könnte sein. Jedenfalls hatte ihn allein das Wort Wikinger, das aus dem Altnordischen vikingr übersetzt „Seekrieger, der sich auf langer Fahrt von der Heimat entfernt“ bedeutet, magisch angezogen.
Ein Vers der Ynglinga Saga, den er wer weiß wo aufgeschnappt hatte, tat sein Übriges:
„Da gab es viele Seekönige, die über große Heere geboten, aber kein Land besaßen. Den allein erkannte man mit Fug als einen richtigen Seekönig an, der nie unter rußigem Hausdach schlief und nie im Herdwinkel beim Trunke saß“.
Er würde zwar niemals zur See fahren, doch so ein König wollte er sein. Frei wie der Wind selbst; und obwohl er es sich bis vor kurzem nicht vorstellen hatte können, sollten bald, jetzt wo er alt und grau geworden war, Zeisi und dazu vielleicht Susi oder Dorli sein kleines, aber feines Heer sein.
Nach Asgard, auf die Burg Gladsheim, wohin Odin die Tapfersten im Kampfe gefallenen Krieger einlud, dorthin wollte auch er.
Krieger, von Odin persönlich handverlesen, sollten schließlich noch eine letzte, endzeitliche Schlacht in der Wigrid-Ebene schlagen. Bis zu diesem Ende aller Tage aber würde der Met, von der Ziege Heidrun gegeben, reichlich fließen und der Eber Saehrimnir täglich aufs Neue verspeist werden.
***
In schwierigen Verhandlungen hat Zeisi oft an Duke gedacht. Er hatte ihn als Kämpfer, in sich gefestigt, durch nichts und niemand aus dem Gleichgewicht zu bringen in Erinnerung. Er schien immer zu wissen was zu tun sei und niemals zu zweifeln. Er schüttelte Schicksalsschläge ab, wie ein nasser Hund das Wasser aus seinem Fell. Allein durch sein alles beherrschendes Auftreten hatte seine Meinung Gewicht. Dafür bewunderte ihn Zeisi, der sich manchmal in banalsten Problemchen verzettelte, unsicher war und sich auch die kleinsten Rückschläge zutiefst zu Herzen nahm.
Zeisi hatte als halbwüchsiger junger Mann, so oft es ihm möglich war, Dukes Nähe gesucht. Dessen Freunde hatten ihn hingegen mit Verachtung gestraft. Duke aber hatte ihn aber so angenommen, wie er eben war. Wahrscheinlich war es eine Art soziales Gewissen, das ihm gebot, sich um das arme Geschöpf im goldenen Käfig zu kümmern. Zudem hatten Zeisis Bildung und die gehobene Umgebung, in der er lebte, in der er aufgewachsen war, anziehend auf ihn gewirkt.
Zeisi war seinerzeit der Umgang mit ihm von seinen Eltern strengstens untersagt – und mit Hausarrest bestraft worden.
***
Dukes Mutter war ziemlich früh verstorben und sein Vater hatte weder Zeit, noch Energie, sich um seinen Sohn zu kümmern, zumal der Kleine ein außerordentlich lebhaftes Kerlchen war. Zudem interessierten Papa High Heels, feines Nylon und Minis mehr, als der eigene Nachwuchs.
Sowohl Duke, als auch Zeisi, hatten dieselbe höhere berufsbildende Schule besucht. Mit dem Unterschied, dass Zeisi, nicht zuletzt von seinen Eltern, zu ordentlichen Leistungen getrieben worden war, während Duke lieber in Parks herumlungerte, dort mit Freunden Alkohol und Zigaretten frönte und allerlei Dummheiten ausheckte, bis schließlich seine Anwesenheit in der Schule nicht mehr erwünscht war.
Dukes Mama verstarb, als er noch im Vorschulalter war. Sie hätte ihn sicherlich auf gedeihlichere Bahnen gelenkt. Mit ihrer Liebe und Zärtlichkeit wäre dem Teufelsbraten der richtige Weg gewiesen worden. Leider hatte sich ihre Krankheit in kurzer Zeit so gravierend verschlechtert, dass die arme Frau bettlägerig geworden war. Wie ernst die Situation gewesen war, hatte er als Kleinkind nicht erkennen können, nur dass Mama jetzt nicht mehr mit ihm spielte fand er sehr schade. Klein Duke hatte aber auch liebend gerne mit ihr gekuschelt und jetzt war sie immer im Bett, hatte unendlich viel Zeit für Zärtlichkeiten. Das war eine hinreichende Entschädigung für versäumte Spiele. Außerdem wirkte sie, wenn er bei ihr war, so ruhig, so glücklich und zufrieden. Ihr schien es gut zu gehen, wenn das Söhnchen in ihren Armen lag.
Papa war selten zu Hause. Eine Putzfrau aus dem Südosten Europas und ein Pflegedienst kümmerten sich um häusliche Angelegenheiten.
Als Mamas Leiden ein Ende gefunden hatten, war Duke böse auf sie. Wie hatte sie ihm das antun können? Gerade als er sie am nötigsten gebraucht hätte, hatte sie sich über den Jordan verdrückt. Ganz so, als ob sie absichtlich gestorben wäre und ihn damit verraten hätte. Als kleiner Junge hatte er die damaligen Ereignisse unmöglich verstehen können.
Mit wem sollte er jetzt kuscheln, an wen sollte er sich schmiegen, wer würde ihm die nötige Wärme geben? Etwa eine der Tanten, die Papa fast im Monatszyklus abschleppte?
Als er älter geworden war, war er tagelang, manchmal wochenlang nicht heimgekommen. In dieser Zeit lebte er von Fischen, die er aus dem nahegelegenen Fluss gefangen hatte. Er war in der Lage Forellen mit bloßen Händen aus dem kalten Wasser zu fischen, die er dann an einem Lagerfeuer verspeiste, oder für ein kleines Taschengeld an Kunden verkaufte, die ihm seine Freunde gebracht hatten. Auch Obst und Gemüse hatte er aus allen möglichen Gärten gestohlen. Er liebte das freie Leben im Verschlag, den er sich im Wald gebaut hatte – und niemand hatte ihn vermisst. Papa schien froh gewesen zu sein, in Ruhe sein Leben genießen zu können. Er hatte es wohl aufgegeben, den mittlerweile gar nicht mehr so kleinen Tunichtgut, der inzwischen zum Jugendlichen herangereift war, immer und immer wieder in geordnete Bahnen lenken zu müssen.
Als Duke noch ein paar Jährchen älter geworden war, tat es ihm leid, dass er damals, anstatt um Mama zu trauern, geschmollt hatte. Wenigstens hatte er ihr seine Wärme bis zum Schluss gegeben. Das tröstete ein wenig.
Das Glas war halbvoll. Wie immer.
3
Diesmal war der Parkplatz des Fußballplatzes als Treffpunkt auserwählt. Duke hatte etwas Verspätung. Dafür war er mit einer riesen Überraschung aufgetaucht.
Zeisis erstaunter Blick sprach Bände. „Wooow, das Eisen deines Vaters.“
„Da schaust“, entgegnete Duke. „Ist ein bisserl später geworden. Es hat gedauert, bis der Alte endlich weg war und ich an den Schlüssel gekommen bin. “
„Einfach den Schlüssel nehmen, typisch Duke“, dachte Zeisi.
„Und mit diesem Geschoß kannst umgehen?“
„Was glaubst du denn? Ja sicher! Kennst mich ja. Komm, steig auf!“
Mit der Kawasaki 650 seines Vaters wollte Duke schon immer eine Probefahrt unternehmen. Der Schlüssel war allzu verlockend am Schlüsselbord gehangen, sodass er einfach nur zugreifen brauchte.
Eine Lenkwaffe für Jungs, die nicht alt genug waren, Moped fahren zu dürfen. Helm und Handschuhe für seinen Freund hatte er aus dem Bestand der Tanten mitgebracht.
Ganz wohl war Zeisi bei der Sache nicht. Wie konnte Duke ein so mörderisches Ding beherrschen?
Wie sportlich der Kerl wegfuhr! Diese Beschleunigung! Der Sound! Er musste sich gut an ihm festhalten um das Gleichgewicht zu bewahren. Die Kurven! Duke wusste hoffentlich was er tat, wie weit er gehen durfte? Sicher! Schräglagen! Der vorbeifliegende Asphalt schien zum Anfassen nahe! Teufelskerl! Was für ein Nervenkitzel!
Staunen hatte schon bald die Oberhand über das mulmige Gefühl gewonnen. Sein Freund kannte die Grenzen! Natürlich! Wie immer!
Die Kawasaki am Hauptplatz abgestellt und es sich in einem Lokal bequem gemacht. Duke bestellte trotz seines sehr jugendlichen Alters seelenruhig Bier. Auch dafür bewunderte ihn Zeisi, der sich mit einer Cola begnügte.
Am Nachhauseweg lag in einer sehr, sehr engen, zum Glück langsamen Kurve Rollsplitt. Dem allzu jungen Fahrer hatte wohl die nötige Erfahrung gefehlt, um auf die Unwägbarkeit angemessen reagieren zu können. Zeisi sah in der Schräglage den Rollsplittstreifen auf sich zukommen. Würde Duke auch diese Situation meistern können? Sicher! Er hatte noch gar nicht zu Ende gedacht, als er sich im Grün des Straßenrandes wiedergefunden hatte.
Die beiden Bruchpiloten waren zu Glück unverletzt geblieben. Auch der Schaden am Motorrad hat sich in Grenzen gehalten: Der Sattel war ein wenig aufgescheuert und ein Blinker war gebrochen. Um die Spritzfahrt verheimlichen zu können, war der Schaden jedoch zu groß.
Dukes Vater würde toben. Ein mächtiger Schnitt ins Kerbholz, ein großer Schritt Richtung Besserungsanstalt.
***
Eines Sonntagmorgens hätte Duke für den Dorfwirt gegen ein kleines Trinkgeld heiße Kastanien verkaufen sollen. Brav hatte er sich – und auch den Maroni Ofen – am Kirchenvorplatz aufgebaut. Ganz alleine hatte er die Arbeit getan.
Seine Aufmachung, bestehend aus einem Leder-mantel, der ihm bis an die Knöchel reichte, und einem Stahlhelm aus dem zweiten Weltkrieg, der mit einem Fuchsschwanz verziert und viel zu groß war, wirkte wenig verkaufsfördernd. Dafür verabschiedete er jeden einzelnen Kirchgänger mit einem freundlichen, ja fast gewinnenden Lächeln und den Worten „Du Arschloch“.
Kein Wunder, dass sich der Erlös in sehr, sehr engen Grenzen gehalten hatte. Aus dem Taschengeld ist unter diesen Umständen nichts geworden, dafür aber gab es reichlich Gesprächsstoff. Die Schritte auf dem Weg Richtung Erziehungsheim reihten sich einer an den anderen.
***
Plötzlich war Duke verschwunden. Allzu viele Gedanken hatten sich die anderen nicht um ihn gemacht. So, wie er sich benommen hatte, würde er wahrscheinlich in irgendeinem Heim, oder einer Korrekturanstalt, gelandet sein. Es war ihnen egal. Ob er jemals wieder auftauchen würde?
Er kam zurück! Und zwar nicht geläutert, sondern noch wilder als zuvor. Er gründete, mit dem wilden Mike und Ede als Kompagnons, einen Filmclub. Zu dieser Zeit blickte Zeisi der Reifeprüfung entgegen. Der Filmclub hatte in Wirklichkeit sehr wenig mit Filmen zu tun. Der Name war eher Tarnung. „Filmclub“ ließ nichts Schlimmes erahnen und ab und zu liefen ja, gemäß der damaligen Technik, auch wirklich einschlägige Super 8 Filme. In dieser Lokalität wurde – bis hin zu käuflichen Mädchen – alles geboten, was junge Männerherzen begehrten und so war sie zum inoffiziellen Jugendtreff geworden. Dass hin und wieder auch die Gendarmerie begrüßt wurde, störte weder Besucher, noch Betreiber, sondern war das Salz in der Suppe. Etwaige Strafen wegen Ruhestörung, oder Erregung öffentlichen Ärgernisses, kamen als Trophäen ans schwarze Brett und wurden aus inoffiziellen Mitgliedsbeiträgen beglichen.
Für Zeisi war der Club eine der ganz seltenen Möglichkeiten aus seinem – immer noch – strengen Korsett auszubrechen.
Des Öfteren spielte Duke mit Zeisi und anderen Poker. Duke konnte das Verhältnis von Chance zu Risiko exzellent abwägen und schien aus den Gesichtern der Gegner lesen zu können, während er selber das Pokerface aufzusetzen imstande war.
Duke konnte die Stange Geld, die Zeisi immer wieder an ihn verlor gut gebrauchen und Zeisi machten die Verluste nichts aus. Er liebte es mit ihm zu spielen. Zeisi genoss die Souveränität, mit der Duke Karten tauschte, den Einsatz erhöhte, oder „sehen“ sagte.
Nur ein einziges Fehlerchen war Zeisi an ihm aufgefallen und er war dumm genug, ihn darauf hinzuweisen: „Ich hab eine Schwachstelle entdeckt Duke: Wenn du unsicher bist, tippst du mit deinem Zeigefinger auf den Kartenrand!“, sagte er, voller Stolz eine Schwäche an seinem Freund erkannt zu haben.
„So ein Idiot“, dachte Duke und nutzte die Information schamlos aus. Von da an tippte er nur mehr, wenn er sich seines Sieges absolut sicher war, und zwar so auffällig, dass bald alle Mitspieler seinen „Fehler“ bemerkt haben mussten. Waren schlussendlich alle Spieler des tippenden Fingers wegen überzeugt, dass seine Karten unschlagbar waren, bewirkte der abnorme Finger, dass die Spieler auch dann ihr Handtuch warfen, wenn sich ein ziemlich schlechtes Blatt in seinen Händen befand. Der Zeigefinger reichte aus, um alle Mitspieler von seinem „Traumblatt“ zu überzeugen und so zum Ausstieg zu bewegen. Das „Fingerspiel“ ließ sich beliebig erweitern: Um das Anzünden einer Zigarette, die Art und Weise, wie er die verdeckten Karten zu einem Paket formte und vor sich ablegte … Manchmal genügte sogar ein zufriedenes Lächeln.
Zeisi liebte es zwar mit Duke zu spielen, doch beruhte dies keinesfalls auf Gegenseitigkeit: Er pflegte nämlich sogar mit einem Royal Flash minutenlang zu überlegen, was zu tun sei. Mit seinem ewigen Zaudern gelang es ihm, mächtig an Dukes Nervenkostüm zu rütteln.
Duke hatte einige Mitspieler sogar dazu bewegen können, es mit einem anderen Spiel zu versuchen. Vielleicht wäre Zeisi Preference besser gelegen. Mehr Strategie, denn Hasard und Psychologie. Es half nicht. Zeisi war eben Zeisi und seine ewige Unentschlossenheit, sein ständiges Grübeln, Abwägen und Nachdenken, nervte Duke so sehr, dass dieses Verhalten auch mit noch so vielen Mäusen schwerlich aufzuwiegen war.
4
Eines Tages wollten Zeisi, Duke und ein paar Freunde eine Diskothek in der nächsten größeren Stadt besuchen. Zeisi trank nicht. Für die Anderen eine unvorstellbare, aber in diesem Falle außerordentlich praktische Eigenschaft. Außerdem war Zeisi der einzige unter ihnen, der stolzer Besitzer eines Fahrzeuges war. Ein Geschenk seiner Eltern für schulische Leistungen.
„Heute fährst du nirgends hin“, befand Mama, Zeisis Freunde musternd, ohne den geringsten Versuch ihre Abneigung den jungen Leuten gegenüber zu verbergen.
***
Kurze Zeit später besaß Duke selber einen Untersatz. Keinen so schönen wie Zeisi freilich, sondern eine alte Rostlaube, die den Eindruck machte, als käme sie direkt vom Schrottplatz. Heutzutage würde man für so eine Leiche keine Zulassung bekommen. Damals war eben vieles anders. Das Fahrzeug war zwar ein Schrotthaufen, aber es gehörte ihm. Darauf kam es an! Er konnte damit fahren, wann immer genügend Sprit im Tank war – und niemand würde ihm dazwischen reden.
Zu allem Überfluss hatte er sich auch ein Motorrad zugelegt, das dem Zustand seines Autos sehr, sehr ähnlich war. Eine 900er Ducati. Das Ding verfügte über keinen E-Starter und der Kickstarter schlug zurück, dass er dem Fahrer bei geringster Ungeschicklichkeit das Schienbein zu brechen drohte. Um seine Knochen nicht zu riskieren, blieb also nichts anderes übrig, als das Vehikel anzulaufen, wobei es ausgesprochen unwillig ansprang. Für ein Bier und eine Tankfüllung durfte damit fahren, wer immer auch wollte, was dem Ding den Kosenamen „Dorfnutte“ eingebracht hatte. Für ein zweites Bier setzte er das Motorrad auch in Gang. Entsprechend oft hörte man ihn durch die Ortschaft keuchen und die Ducati widerwillig husten.
Auch der wilde Mike besaß ein Zweirad, eine Enduro, die sich in noch traurigerem Zustand als Dukes heißes Eisen befand. Das Highlight von Mikes Maschine war der Motor, der besaß nämlich ein paar hundert Kubikzentimeter mehr Hubraum, als im Typenschein ausgewiesen war, und im Gegensatz zu Dukes Ducati verlor Mikes Enduro kein Öl. Das Motorrad war eine tolle Bastelarbeit, aber eben doch nur Bastelei. Hätte er die Auspuff-anlage nicht selbst gefertigt, hätte er sich bedeutend weniger Ärger mit der Exekutive eingehandelt und hätte er die Antriebskette nicht geschweißt, und den Lenker nicht gelötet, wären ihm einige blaue Flecken erspart geblieben. Immerhin hatte er Glück. Seine Unfälle waren allesamt glimpflich verlaufen.
Werner besaß hingegen einen großvolumigen, chromglänzenden Chopper, stets auf Hochglanz poliert, was dem stolzen Besitzer den Spitznamen „Earl of Wern“ eingetragen hatte. Wenn er, von hünenhafter Gestalt, verziert mit allerlei Tattoos und Kraftbändern, mit seinem langen pechschwarzen Vollbart und eigenartigem Helm auf seinem „Thron“ saß, hatte er tatsächlich etwas von einem mittelalterlichen Würdenträger an sich. Er hätte die Wiedergeburt einer Gestalt aus den „Deutschen Heldensagen“, etwa jene von „Hagen von Tronje“ sein können.
Wenn Duke seine Ducati parkte, hinterließ er stets einen unansehnlichen Ölfleck, wofür er des Öfteren von Earl gehänselt worden war: „Jaja, immer pleite dieser Kerl, aber eine große, hübsche Gießkanne hat er.“
***
Duke war, mangels Alternative, zum Chauffeur der Truppe auserkoren geworden. Wenn er Earl of Wern, Ede und eventuell auch den wilden Mike in Begleitung von Mädchen zur gewünschten Stätte ihres Wirkens kutschierte, waren – wie es auch für den Verleih der Ducati der Brauch war – die Zeche zu begleichen und der Tank aufzufüllen.
Eines Abends war auf dem Weg zur Disco das Gaspedal gebrochen. Ein Defekt, der zweifellos nicht alle Tage vorkommt, der aber doch irgendwie symptomatisch für Duke und seinen Schrotthaufen war. Wern hatte völlig unbürokratisch die Weiterfahrt ermöglicht, indem er kurzerhand in den Fußraum gekrochen war und die Treibstoffdosierung händisch übernommen hatte.
Ein andermal hatte die Lichtmaschine ihr Lebenslicht ausgehaucht. Den Weg zur Disco schafften sie noch mit dem Strom aus der Batterie. Am Rückweg aber reduzierte sich die Spannung allmählich. Erst war nur das Scheinwerferlicht noch bescheidener geworden; doch wenige hundert Meter vor einer Passhöhe war dann selbst für die Zündung zu wenig Strom vorhanden. Zwei Männer und zwei Mädchen schoben die Kiste zur Passhöhe, von wo aus sie – ohne Bremskraftverstärker, Servolenkung und vor allem ohne Beleuchtung, in finsterster Nacht zu Tal rollte …
Ein Ereignis das Duke und Wern aufhalten konnte musste erst ersonnen werden, so schien es Zeisi – und wahrscheinlich nicht nur ihm.
Wie plötzlich und tragisch eine Fahrt enden konnte, hatte sich jedoch sehr bald gezeigt: Samstagnacht hätte Duke beinahe eine wichtige Abzweigung versäumt. Er trat voll auf die Bremse. Er würde sie doch noch erwischen! Reifenquietschen! Die Kiste stellte sich quer. Das Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden Fahrzeuges blendete. Die Windschutzscheibe war zu gleißendem Licht geworden. Ein lautes, eigentümliches Geräusch des sich kaltverformenden Metalls, dann Finsternis. Er wusste nicht, wie lang er bewusstlos im Fahrersitz gesessen hatte. Diese Stille! Rippen schmerzten und sein Kopf dröhnte. „Wern?“, fragte er. Lauter: „Werner!“, keine Antwort. „Weeerneer!“, schrie er, rüttelte ihn, doch Wern rührte sich nicht. „Scheiße!“ was wäre jetzt zu tun? Ihn aus dem Wagen zerren? Erst mal versuchen, ob sich die Fahrertüre öffnen lässt. Ok, Duke konnte aussteigen. Mann! Erst jetzt sah er die ganze Bescherung! Scheiße, ganz große Scheiße!
Duke war zur Salzsäule erstarrt, wie von Sinnen starrte er auf das Schlamassel! Als wäre er gar nicht er selbst kramte er in seinen Taschen nach Zigaretten und Feuerzeug. Mit seinen zittrigen Händen war es ihm beinahe nicht möglich sich eine anzuzünden. Schließlich war es ihm doch noch gelungen. Wie aus dem Nichts waren Einsatzkräfte aufgetaucht. Das Blaulicht, wie schrecklich! Und die vielen Uniformierten, die hektisch herumschwirrten!
Er sah fassungslos den intensiven Bemühungen der Einsatzkräfte zu, die zu retten versuchten, was noch zu retten war, bis ihn Rettungsmänner zwangen sich auf eine Bahre zu legen. Er wollte sich partout nicht hinlegen, doch konnte er sich in seinem Zustand der vielen Stimmen um ihn und der zerrenden Hände nicht erwehren. Er wurde in einen Rettungswagen geschoben … und wieder Finsternis.
Earl of Wern, ein Mädchen und der Lenker des entgegenkommenden Fahrzeuges waren auf der Stelle tot, wie er noch im Krankenhaus erfahren hatte. Das Bild von Werner neben ihm, im Beifah-rersitz, die hektischen Bemühungen der Einsatzkräfte, der Blaulichter in der Nacht, und das Gefühl das horrende Schauspiel verursacht zu haben, sollten sich tief in seinem Gemüt verfestigen.
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