Zeit der Mauersegler - Julian Schmidli - E-Book
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Zeit der Mauersegler E-Book

Julian Schmidli

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Beschreibung

Nino und Tschüge sind Außenseiter. Von den anderen Kindern gehänselt, sind sie in ihrer eigenen Welt zwei unaufhaltbare Helden, sie sind wie Bud Spencer und Terence Hill, sie sind Double Trouble – bis sie auf dem Schulweg wieder mit Kuhmist beworfen werden. Immerhin haben sie einander, doch als Leila, das stille Mädchen aus dem Kosovo, im Dorf auftaucht, wird die Freundschaft der beiden auf eine harte Probe gestellt.
Fünfzehn Jahre später bittet Tschüge Nino, ihn auf eine Reise in den Kosovo zu begleiten, wo Tschüges und Leilas Hochzeit stattfinden soll. Der alten Zeiten wegen. Doch als sie in Ninos viel zu kleinem Fiat 500 Giardiniera losfahren, merken die beiden Männer, wie unterschiedlich sie geworden sind. Auf einem turbulenten Trip durch die Alpen, Italien und den Balkan erkunden sie den Wert ihrer Freundschaft und die Frage, wie viele Geheimnisse sie verträgt. Wie Mauersegler sind sie unterwegs, ohne Pause, immer am Limit, bis das Herz irgendwann nicht mehr mithalten kann. Am Ende der Reise ist die Welt noch dieselbe, aber die beiden Freunde haben sich für immer verändert.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

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ÜBER DEN AUTOR

Julian Schmidli, geboren 1985 in Pasadena (Kalifornien) und aufgewachsen in Luzern, ist ein preisgekrönter Journalist und Filmemacher. Zeit der Mauersegler ist sein Debütroman und basiert auf den Erfahrungen und Reisen, die er in den letzten zehn Jahren gemacht hat. Er lebt in Zürich.

Über das Buch

Nino und Tschüge sind Außenseiter. Von den anderen Kindern gehänselt, sind sie in ihrer eigenen Welt zwei unaufhaltbare Helden, sie sind wie Bud Spencer und Terence Hill, sie sind Double Trouble – bis sie auf dem Schulweg wieder mit Kuhmist beworfen werden. Immerhin haben sie einander, doch als Leila, das stille Mädchen aus dem Kosovo, im Dorf auftaucht, wird die Freundschaft der beiden auf eine harte Probe gestellt.

Fünfzehn Jahre später bittet Tschüge Nino, ihn auf eine Reise in den Kosovo zu begleiten, wo Tschüges und Leilas Hochzeit stattfinden soll. Der alten Zeiten wegen. Doch als sie in Ninos viel zu kleinem Fiat 500 Giardiniera losfahren, merken die beiden Männer, wie unterschiedlich sie geworden sind. Auf einem turbulenten Trip durch die Alpen, Italien und den Balkan erkunden sie den Wert ihrer Freundschaft und die Frage, wie viele Geheimnisse sie verträgt. Wie Mauersegler sind sie unterwegs, ohne Pause, immer am Limit, bis das Herz irgendwann nicht mehr mithalten kann. Am Ende der Reise ist die Welt noch dieselbe, aber die beiden Freunde haben sich für immer verändert.

Julian Schmidli

ZEIT DER MAUERSEGLER

ROMAN

1

Irgendwann konnten wir zwar davonrennen, oh ja, wie die Gämsen vor dem Wolf, aber dann warfen sie eben nach uns. Steine. Schneebälle. Säckchen voller Hundescheiße. Es gab nichts, was nicht plötzlich vom Himmel sausen konnte. Papà schimpfte manchmal, wir hätten die Köpfe in den Wolken statt die Füße am Boden. Aber er wusste auch nicht, warum wir stets nach oben schauten, wenn wir durchs Dorf liefen. Und eher wäre ich gestorben, als ihm davon zu erzählen.

Irgendwie konnte ich verstehen, warum sie uns herausgepickt hatten. Wir waren ein ungleiches Duo. Ich war schmächtig, klein und wahnsinnig verträumt. Der Junge mit dem Knautschgesicht und der wilden Frisur, der nicht ins Dorfbild passte. Tschüge war das Gegenteil. Er war riesig und rund, mit bestimmtem Schritt und kullernden Hundeaugen – und einem Berner Oberländer Stammbaum, der zurückreichte bis zur Schlacht bei Murten. Von außen betrachtet waren wir nicht gerade Heldenmaterial. Aber das waren Bud Spencer und Terence Hill auch nicht. Und hatte sie das davon abgehalten, die coolsten Typen des Universums zu werden?

Wir wohnten am Ende der Straße, am Rande des Dorfs, in einem Ausläufer der Oberländer Alpen. Ich mit Papà, Mammà und Nonno in einem kleinen Einfamilienhaus, das viele nur »Tschinggenhaus« nannten. Die einen nannten uns »Tschinggen«, weil sie es nicht besser wussten und die beleidigenden Zwischentöne nicht hörten. Die anderen nannten uns so, weil sie es genau so meinten.

Tschüge wohnte direkt gegenüber mit seinen Eltern über der Dorfmetzgerei, die sein Vater betrieb. Wir hatten beide keine Geschwister, nur einander, und so taten wir, was man als Kind in den Neunzigern in einem verschlafenen Kaff im Herzen der Schweiz so tat: Wir träumten. Von Abenteuern und großen Reisen und Heldentaten. Unsere Bibel war das Guinness-Buch der Rekorde, ein Lexikon voller kühner Wagnisse und verrückter Ideen. Wir saßen auf der Treppe zur Metzgerei, blätterten durch die Seiten und stellten uns vor, wie wir künftig Rekorde brachen. Wir würden die verrücktesten Gefährte erfinden und schneller fahren und höher fliegen als je ein Mensch vor uns. Wir würden die kühnsten Männer sein, die die Welt kannte, immer bereit, die größten Probleme der Zeit zu lösen. Man würde uns mit Ehrfurcht begrüßen, wohin wir auch kamen.

Dann kamen wir in die erste Klasse.

Wir bemerkten, dass sich eine Veränderung anbahnte, als uns unsere Eltern am Tag vor Schulbeginn in einer Ernsthaftigkeit zu sich zitierten, als hätten wir angekündigt, zu einer Expedition auf den Himalaja aufzubrechen. Wir saßen im Wohnzimmer von Tschüges Eltern, wippten aufgeregt auf dem grünen Samtsofa, und Tschüges Vater malte mit groben Strichen den Schulweg auf rosarotes wachsbeschichtetes Einschlagpapier, in das er sonst die Schnitzel wickelte. »Der Weg ist eigentlich narrensicher«, erklärte er. Wir müssten nur dem Fluss folgen, bei der alten Mühle über die Holzbrücke und von dort geradeaus über den Dorfplatz bis zur Schule. »Alles in allem ein Weg von zehn, höchstens fünfzehn Minuten.« Papa Helmiger hielt seinen enormen Metzgerzeigefinger in die Höhe, als hätte er es mit der Stoppuhr gemessen. »Und keine Umwege! Man weiß nie, wann der Wolf aus dem Wallis wieder rüberkommt.« Seine Finger zeigten durchs Fenster auf die Bergspitzen im Süden. Wir sahen uns an und nickten eifrig.

So weit der Plan. Machbar, geradezu einfach. Was wir da noch nicht wussten: Dass Pläne es so an sich hatten, etwas Wesentliches auszuklammern – das Unplanbare.

Es war an einem Nachmittag nach dem Unterricht, wir gingen erst wenige Wochen zur Schule und trippelten gut gelaunt über die Holzbrücke, als Tschüge ruckartig stehen blieb und auf das riesige Mühlrad zeigte, das am Ufer des Flusses aus einer Hauswand ragte. In der alten Mühle war früher Weizen gemahlen worden, doch nun war sie seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Von der Straße her sah sie mit ihren verwitterten Holzplanken und dem löchrigen Giebeldach aus wie eine hohe Scheune, aber von der Brücke aus dominierte das riesige hölzerne Mühlrad mit seinen stufenartigen Fächern.

Tschüge zeigte auf einen großen Stapel von Ziegelsteinen, der an der Wand der Mühle stand, und sagte: »La Grande Dixence«, als sei damit alles klar.

Ich sah ihn fragend an.

»La Grande Dixence. Aus dem Guinness-Buch! Das ist der größte Staudamm von Europa. Zweihundertfünfundachtzig Meter hoch, zweihundert Meter breit, siebenhundert Meter lang. Wir könnten den nachbauen.« Er schnipste mit dem Finger, als würde er damit die Ziegelsteine versenken.

Ich sah ihn verblüfft an. Das war genial. »Wir bauen den größten Staudamm Europas!«, rief ich.

Tschüge lachte. »Ach was, der Welt!«

Ich streckte die Arme in die Luft wie ein Hundert-Meter-Läufer im Ziel. »Weltrekord!« Wir streiften unsere Schulranzen ab und machten uns ans Werk.

Die Steine waren rötlich-braun und hatten eingestanzte Löcher. Wenn man mit drei Fingern hineingriff und die Beine in den Boden stemmte, konnte man einen Stein heben und mit Schwung ins Wasser befördern, wo er dann mit einem befriedigenden Flumptsch versank. Nach ein paar Steinen merkten wir, dass wir mit unserer Wurfkraft nur die eine Seite des Flusses abdeckten.

»Wir müssen aufs Dach klettern«, sagte ich zu Tschüge. »Von da kommen wir bis hinüber.«

Tschüge kletterte an den Fächern des Mühlrads bis nach oben. Dann setzte ich einen Stein in eine hölzerne Rille, und wir drehten am Rad, bis der Stein, wie in einem Riesenrad, oben angekommen war. Dort nahm ihn Tschüge in Empfang, um ihn mit Anlauf ins Wasser zu schleudern.

Wir hatten vielleicht zwei Dutzend Steine im Fluss versenkt und waren in unsere selbst auferlegte Knochenarbeit vertieft, als uns plötzlich ein stechender Geruch umgab. Ein Kiesel traf mich an den Schultern.

»Ey, Dick und Doof, was tut ihr da?«

Fünf Jungs hatten sich hinter meinem Rücken aufgestellt. Sie waren ein paar Jahre älter und ein paar Köpfe größer, saßen noch auf ihren BMX oder hatten sie am Boden liegen lassen und standen nun mit verschränkten Armen vor uns. Einzelne hatten qualmende Stängel in den Mundwinkeln. Auf ihren Gesichtern lag ein Grinsen, als hätten sie beim Uno-Spiel gerade eine Plus-vier-Karte gezogen.

»Himmelherrgott«, fluchte Tschüge und ließ seinen Stein fallen. »Dävu und seine Gang.«

Ich schluckte leer. Immer mal wieder hatten wir von ihnen gehört. Dass sie das Nachbardorf unsicher machten und Schüler terrorisierten. Aber es war ein wenig wie mit dem Walliser Wolf: Nur weil man wusste, dass etwas existierte, rechnete man nicht damit, ihm irgendwann tatsächlich zu begegnen. Ich sah mich um. Hinter mir war der Fluss, neben mir das Mühlrad, vor mir die Gang. Ich war eingekesselt.

»Ich hab euch was gefragt. Was tut ihr da?«, sagte der, von dem ich annahm, dass es Dävu war, weil er sich wie ein Anführer benahm.

»Wir bauen die Grande Dixence«, stammelte ich.

Die Jungs lachten laut.

Ich zeigte südwärts, in Richtung Wallis. »Das ist der Stau–«

»Wir wissen, was die Grande Dixence ist«, sagte Dävu laut und gab ein gepresstes Lachen von sich, das klang wie Mammàs Entsafter. »Wir waren letzten Sommer da oben und haben runtergepisst. Aber was macht ihr hier, ihr Grande Wichser?« Seine Jungs lachten wieder, wie auf Kommando. »Warum werft ihr unsere Steine ins Wasser? Die Mühle gehört uns.«

»Die Mühle gehört niemandem«, rief Tschüge von oben.

Dävu zauberte ein silbernes Zippo aus der Jackentasche und ließ die Flamme züngeln. »Sagt wer? Dein Papa, der Metzgermeister?«, fragte er.

Tschüge nickte.

Dävu grinste. »Vielleicht solltest du weniger Wurst essen, Dickerchen, dann könntest du jetzt runterklettern und deinem Freund helfen.« Dann sah er mich an. »Und du bist der Tschingg, oder? Wie heißt du noch gleich?«

Ich zuckte zusammen. »Nino«, sagte ich und fügte reflexartig meinen Nachnamen hinzu. »Nino Malatesta.«

»Zu kompliziert«, fiel mir Dävu ins Wort. »Mala-Dingsda. Das kann sich niemand merken.« Dävu sah zu seinen Kumpels. »Wer hat einen besseren Vorschlag?«

»Er sieht aus wie ein Alfonso!«, rief einer auf einem BMX. Mit seinen langen aufgegelten Haaren sah er aus wie ein menschgewordenes Stacheltier.

Dävu nickte zufrieden. »Fonsi. Passt. Und was hast du hier, Fonsi? Ist uns jemand zuvorgekommen?« Er zeigte auf meine Nase.

Ich zuckte zusammen und schwieg. Meine Narbe ging niemanden was an.

Tschüge sah mich an. Er war inzwischen dunkelrot angelaufen und kaute auf seiner Unterlippe herum, wie immer, wenn er angestrengt nachdachte. »Nennt ihn nicht Fonsi, ihr Pajasse!«, rief er und balancierte auf dem Wasserrad. Mit vorsichtigen Gesten versuchte ich, ihn davon zu überzeugen, übers Dach abzuhauen und sich in Sicherheit zu bringen. Doch Tschüge machte keine Anstalten, zu flüchten.

Das Stacheltier quiekte. »Schau mal an, der Dicke will auch einen Spitznamen.«

Dävu winkte ab. »Seht ihr das?«, fragte er und zog ein paar lange dünne Stängel aus der Jackentasche. »Das sind Nielen.«

Ich sah zu Tschüge. Wir wussten nicht, was Nielen waren.

Dävu ließ das Zippo aufschnappen und zündete einen Stängel an. Dann sog er daran wie Nonno an seiner Pfeife und rief zu Tschüge: »Wenn du runterkommst und mit mir eine Friedensniele rauchst, lassen wir deinen Fonsi gehen.«

Zwei der Jungs gingen auf das Mühlrad zu und begannen, daran zu drehen.

Ich schüttelte den Kopf und rief: »Renn, Tschüge!«

Doch Tschüge blieb stehen. Für einen Moment war sein großer runder Körper angespannt, unverrückbar wie eine Statue. Dann verlor er das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen in der Luft und fiel vom Mühlrad mitten in den Fluss. Flumptsch.

Tschüge tauchte ab, die Jungs johlten, und mir sackte das Herz in die Hose. Warum waren wir nicht auf direktem Weg nach Hause gegangen, wie es uns unsere Eltern geraten hatten? Ich sah schon den wütenden Zeigefinger des Metzgermeisters vor meinem Gesicht herumfuchteln.

Tschüges Kopf ploppte aus dem Wasser wie eine Ente nach dem Tauchgang, aber statt ans andere Ufer zu schwimmen und sich in Sicherheit zu bringen, watete er in schnellen Bewegungen auf uns zu. Eine Entschlossenheit stand in seinem Gesicht, wie ich es von ihm nicht kannte. Er sah mutig aus und verwegen, wie Bud Spencer, der Terence Hill zu Hilfe kam. Vier Fäuste für ein Halleluja. Ich lächelte Tschüge an, und für eine Millisekunde lächelte er zurück, die Fäuste zum Angriff erhoben.

Als er das Ufer erreichte, ging alles schnell. Ehe ich mich wehren konnte, hatten sie mich an den Armen gepackt und auf den Boden gepresst. Sekunden später landete Tschüge neben mir. Auf meiner Brust kniete Dävu und steckte mir eine Niele zwischen die Lippen. Er ließ das Zippo schnappen und entflammte es vor meiner Nase. Die Niele fing Feuer, und sofort verbreitete sich ein scharfer, leicht ätherischer Geschmack in meinem Mund, eine Mischung aus Salbei und Nonnos Pfeifenrauch. Dann riss er den Stängel raus und drückte den glühenden Halm an meiner Backe aus. Es zischte kurz. Ein blitzender Schmerz durchfuhr mich, und ich schrie auf.

»Wer hätte das gedacht«, triumphierte Dävu, »dass der saubere Fonsi ein Raucher ist. Aber jetzt ist er ja gebrandmarkt.«

Dann kniete er auf Tschüges Brust und steckte ihm eine Niele an. Tschüge versuchte sich zu wehren, hatte aber keine Chance. Dävu schien ihm die Niele extra lang in den Mund zu halten. Dann ließ er von Tschüge ab.

»Auch der Metzgerssohn pafft heimlich mit … Und ihm scheint der Tschingg so wichtig zu sein, dass er sein eigenes Leben riskiert. Wenn das mal nicht echte Liebe ist«, sagte er grinsend und warf die glimmende Niele in den Fluss.

Tschüge stand langsam auf, sein Gesicht war kreidebleich, der Kopf und das Shirt tropften, die Hosenbeine und der Hintern waren staubig vom Boden. Er taumelte.

»Schaut euch den an!«, rief Stachelschwein. »Sein Kopf ist so eckig und weiß. Wie Würfelzucker!«

Seine Kumpels lachten gehässig.

Dävu stieg auf sein BMX, zog Rotz hoch und spuckte vor uns auf den Boden. »Die alte Mühle gehört uns, merkt euch das. Und dass wir euch schmusend beim Rauchen erwischt haben, das werden wir in der ganzen Schule erzählen. Fonsi und Zückerchen, haha.«

Dävu trat in die Pedale, und seine Kumpels folgten mit Gelächter, nicht ohne vorher selbst noch in unsere Richtung gespuckt zu haben.

Ich sah zu Tschüge. Er taumelte, und für einen Moment grinste er mich an und sagte: »Wir haben geraucht.« Dann sackte er auf die Knie und übergab sich.

Von da an überlegten wir uns jeden Tag, wie wir unversehrt an der alten Mühle vorbeikämen. Oft sahen wir schon von Weitem, wenn Dävu und seine Gang dort abhingen. Sie saßen in der Sonne und schraubten an ihren BMX und, ein paar Jahre später, an ihren Pony-GTX-Mofas. Manchmal aber versteckten sie ihre Gefährte und lauerten uns auf. Wenn wir dann mit unseren Kuhfellrucksäcken und baumelnden Leuchtdreiecken über die Brücke tapsten, bewarfen sie uns. Manchmal verfolgten sie uns auf ihren BMX oder Ponys und versuchten, uns in die Hintern zu treten. »Tschinggenpolo« nannten sie es. An der Schule wusste bald jeder ein Gerücht über uns, und immer mal wieder riefen uns ältere Mädchen oder Mitschüler »Fonsi und Zückerchen« zu und machten dazu Grimassen.

Doch so schräg es vielleicht klingt – für mich ist der Tag unserer ersten Begegnung mit Dävu vor allem eine Bestärkung gewesen. In Tschüge hatte ich den perfekten Sidekick gefunden, einen Partner an meiner Seite, auf den ich mich immer verlassen konnte. Gemeinsam standen wir diese Jahre durch, und mehr: Wir hatten eine gute Zeit zu zweit. Wir erkundeten die Gegend, versteckten uns im Dachstock, bauten Hütten im Wald und verkrochen uns in den Welten, die wir selbst erschufen.

Inspiration fanden wir – wie fast alle Kinder in den Neunzigern – im Fernseher. Wir verbrachten Nachmittage, Wochenenden und ganze Ferien mit den genialen Basteleien von MacGyver, den Sprüchen von B. A. Baracus aus dem A-Team und den Taten von Winnetou und Old Shatterhand. Wir überschrieben zahllose VHS-Kassetten mit ihren Legenden und sahen sie uns so lange an, bis wir sie auswendig mitsprechen konnten. Die endlosen Möglichkeiten zum Träumen und das Versprechen, dass auch Außenseiter wie wir zu Helden werden konnten, füllten uns immer wieder von Neuem mit Abenteuerlust.

Vor allem aber träumten wir davon, achtzehn zu werden. Das magische Tor zur Freiheit. Wir würden zusammen losziehen, endlich das Dorf hinter uns lassen und die Welt entdecken. Zwei Landstreicher, zwei Freunde. Double Trouble. Wir würden in Baumhäusern übernachten, in leeren Zugwaggons, unter Brücken und Plantagen, wir würden andere Reisende treffen, doch am Ende würde es immer nur uns beide geben. In unseren Köpfen hatte die Welt keine Grenzen.

Wir waren Außenseiter, klar, aber wir waren glücklich. Wir hatten einander, und ich war überzeugt, niemand würde uns das je wegnehmen können. Bis die Sache mit Salvi passierte.

2

Die Tage waren heiß, und der Wind drückte unerträglich feuchte Luft ins Tal, als die Nachricht umging, dass sich Salvi erhängt hatte.

Es war mitten in den Sommerferien, und wir erfuhren es, als wir beim Drachen vom Dorfkiosk Eis und Panini-Bilder kauften. Wir standen im Schatten zwischen den Zeitungsständern, ich lutschte an meiner Rakete, und Tschüge riss eine silberne Panini-Tüte nach der anderen auf und blätterte hastig durch die Bilder.

»Himmelherrgott«, sagte er, »schon wieder Alain Sutter. Diesen Lackaffen hab ich doch schon doppelt.«

Irgendwo im Kiosk klingelte das Telefon.

»Warum brauchst du denn noch Bilder? Die WM ist gelaufen.« Ich ließ ein Stück abgebissenes Eis im Mund kreisen, um die Kälte zu verteilen. Alain Sutter war mir egal. Mein achtjähriges Herz blutete, denn am Abend zuvor hatte Italien im Elfmeterschießen das WM-Finale gegen Brasilien vergeigt.

Hinter der Zeitungswand raschelte es. Ein Feuerzeug ratschte, dann waberte eine süßliche Wolke aus der Kombüse. »Halloo?«, hörten wir die Kioskfrau genervt krächzen. Es waren die raue Stimme und der sich nie verziehende Rauch, denen sie den Spitznamen Drache zu verdanken hatte. Und ihre berüchtigten Launen, die alle und jeden treffen konnten.

»Ich brauche nur noch zwei, dann ist das Album komplett.« Tschüge streckte Daumen und Zeigefinger in die Höhe. »Dunga und Romario.« Dann bekreuzte er sich, wie es manche Fußballer beim Betreten des Rasens taten, und riss die nächste Tüte auf.

»Was sagst du? Ist nicht wahr!«, hustete der Drache, nun plötzlich alarmiert. Ich ging schon mal in Habachtstellung.

»Ich hasse Brasilianer«, sagte ich. »Die hatten ein Scheißglück, sonst nichts.«

»Romario hat bei der WM fünf Tore geschossen. Ist das nur Glück?«, sagte Tschüge und wedelte mit einem Bildchen. »Oh Mann. Alain Sutter. Schon wieder.«

»Furchtbar. Ganz furchtbar«, krächzte der Drache jetzt in den Hörer. »Dabei war er noch hier. Ja! Gestern Nachmittag! Hat sich den SonntagsBlick geholt und Zigaretten.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Roberto Baggio hat auch fünf Tore geschossen.«

»Tja, gestern wollte er aber ein wenig hoch hinaus.« Tschüge grinste. Es war Baggio gewesen, der den entscheidenden Elfmeter übers Tor in den Nachthimmel spediert und eine Nation ins Unglück gestürzt hatte. Ich hatte Papà noch nie so fluchen gehört.

»Glaubst du, er hat sich … Weil sie verloren haben …?«, flüsterte die Kioskfrau in den Hörer. Dann seufzte sie. »Dabei war der immer so gut gelaunt.«

Ich winkte ab. »Nonno sagt, das hätte jedem passieren können.«

»Jawoll!«, rief Tschüge und streckte triumphierend ein Bild in die Höhe. »Romario!«

»Hey. Ihr!« Der Drache hatte den Hörer aufgelegt und schnaubte aus riesigen Nasenlöchern Zigarettenrauch in unsere Richtung.

Tschüge zuckte zusammen. »Ist ja gut, ist ja gut. Wir gehen gleich.«

Sie räusperte sich. »Ihr kennt doch Salvi von der Werkstatt?«

Wir nickten.

»Er ist tot.«

Salvi war tot. Der Satz fuhr mir durch alle Glieder. Bislang hatte ich kaum Erfahrung mit dem Tod gemacht. Und jetzt gleich Salvi. Wie wir erfuhren, war Salvi nachts nach dem Finale in seine Autowerkstatt gegangen und mit einer Schlinge um den Kopf von der Hebebühne gesprungen. Sein Lehrling hatte ihn am Morgen von der Decke baumelnd gefunden. Salvis Kopf soll ganz blau angelaufen gewesen sein und seine Hosenbeine nass.

Salvi war mein padrino, mein Pate, mein Götti. Er war der beste Freund meines Vaters und neben Papà und Nonno der einzige Italiener im Dorf. Mein Vater und er waren Einwanderer, die es in dieses kleine Kaff im Berner Oberland verschlagen hatte, doch sie hatten ihr Italienischsein weitergelebt wie eine Berufung. Immer wenn ich mit Papà in Salvis Werkstatt zu Besuch gewesen war, schepperten alte italienische Klassiker aus den Boxen, immer lag irgendwo eine lachsfarbene Gazzetta dello Sport voller Kaffeeflecken, immer war eine alte Vespa aufgebockt, die einen neuen Auspuff benötigte. Kaum ein Spiel des SSC Napoli, bei dem Salvi nicht mit Papà auf unserem Sofa gesessen, gestanden oder gekniet hatte und dabei fluchte wie ein Rohrspatz. Salvi war ein herzlicher Mensch gewesen und hatte immer einen lustigen Spruch auf den Lippen gehabt. Es war noch die Zeit, als wir Italiener die Sündenböcke für alles Mögliche waren, und wenn sich Papà und Salvi auf der Straße lautstark auf Italienisch unterhielten, wurden sie missmutig beäugt. Aber dass sich einer wie Salvi wegen eines Fußballspiels umbringen würde – damit hatte niemand gerechnet.

Die Beerdigung war drei Tage später. Papà tigerte durchs Haus und hatte mächtig schlechte Laune. Er hatte sich dazu bereit erklärt, »ein paar schöne Worte« zu sagen, aber wenn es etwas gab, das Papà hasste bis aufs Blut, dann waren das gefühlige Reden. Und so schritt er, mit einem Block und Bleistift bewaffnet, durch unser kleines Wohnzimmer und murmelte zusammenhanglose Silben vor sich hin. Derweil stocherte meine Mutter auf dem Dachboden in Kartons herum, um ein anständiges Outfit für mich zu finden.

»Probier mal das hier«, rief sie mir von oben zu und warf mir nacheinander ein weißes Hemd, eine dunkle Stoffhose und ein schwarzes Frauenjackett zu. Das Hemd war mir zu weit und hatte gelbe Flecken unter den Achseln, den Bund der Stoffhose musste ich mit der Hand zusammenhalten, damit sie nicht herunterrutschte, und das Jackett war so lang, dass es als Frack durchgehen könnte.

Mammà lachte, als sie die Leiter runterkam. »Du siehst aus wie ein Clown.«

Ich zog alles aus und schmiss es auf den Boden. »Ich will kein Clown sein. Ich will cool sein, wie Salvi.«

»Salvi ist tot«, zischte Papà. »Und jetzt zieht euch endlich um. Nonno wartet sicher schon in seiner Klapperkiste.« Er wischte sich mit einem Taschentuch Schweiß von der Stirn. Sein Anzug hatte Knitterfalten, die gestreifte Krawatte einzelne Fettflecken, und die dunklen Lederschuhe hatte er sich ausleihen müssen, weil sich bei seinen eigenen bereits die Sohle ablöste.

Für mich fanden wir schließlich ein verwaschenes schwarzes Hemd meines Vaters, das mir zwar deutlich zu groß war, das Mammà aber mit Sicherheitsnadeln zusammengesteckt hatte. Dazu trug ich dunkle Jeans und dunkelblaue Turnschuhe.

Das eleganteste Exemplar unserer Familie stand jedoch vor dem Haus: Nonno. Die schimmernd weißen Haare akkurat nach hinten gekämmt, lehnte er in schwarzem Anzug und dunklem Hemd an seinen geliebten ferrariroten Fiat Cinquecento wie ein alternder Filmstar und rauchte.

»Da seid ihr ja endlich, carissimi«, sagte er und zauberte hinter seinem Rücken einen kleinen improvisierten Blumenstrauß hervor, den er meiner Mutter überreichte. »Für dich, bellezza. Wunderschön siehst du heute aus, auch wenn der Anlass ein trauriger ist.«

Sie lächelte verlegen. »Giuliano, du Charmeur. Ich wünschte, dein Sohn hätte nur ein Fitzelchen Romantik von dir geerbt.«

Nonno hatte recht. Mammà war wunderschön. Sie strahlte eine merkwürdige Mischung aus Ruhe und Entrücktheit aus und hatte eine so wachsame und sanftmütige Präsenz, wie ich es sonst nur aus der Tierwelt kannte, von einem wilden Pferd vielleicht oder einer Gazelle. Sie hatte glatte schwarze Haare, die Haut makellos wie Alabaster. Sie schminkte sich selten, trug nie Schmuck oder extravagante Kleider, und doch sah sie immer elegant aus. Als würden ihre Bewegungen keine Falten verursachen. Und irgendwie traf das auch auf ihre Rolle in meiner Kindheit zu. Sie war immer da, umgab mich wie ein warmer, schützender Mantel, ohne dass es mir groß auffiel. Nie gab es einen Moment, mich an ihrer Liebe zweifeln zu lassen, ganz im Gegensatz zu meinem Vater, der mir manchmal wie ein Außerirdischer vorkam, der sich in meine Welt drängte, um mich zu beherrschen. Mammà war immer da, und doch schien sie im Kopf oft woanders zu sein. Sie las ständig, las auch mir viel vor, hatte überall ein Buch dabei, während Papà nie las, und manchmal fragte ich mich, was die beiden – neben mir – sonst noch teilten. Doch dann gab es wieder Abende, in denen sie zusammen ausgingen und Mammà mit einem Lächeln nach Hause kam, einem Leuchten und Glühen, dass es mir warm wurde in der Brust.

Ich sprang auf den engen Rücksitz des Cinquecentos und hüpfte auf der federnden Rückbank, während wir ins Nachbardorf zur Kirche tuckerten. Ich liebte dieses Auto. Nonno hatte es mitgebracht, als er kurz nach Nonnas Tod das Zimmer neben unserer Garage bezogen hatte. Das Leder roch nach Karamell, und der Motor klang mehr wie ein kleines Boot. Das schönste aber war Nonno selbst am Steuer, wie er, Lieder von Adriano Celentano pfeifend, mit Eleganz und einem Lächeln auf den Lippen jede Verkehrsregel missachtete – sehr zum Ärger von meinem Vater, der die Bußen jeweils bezahlte.

Auch wenn Nonno der Vater meines Vaters war, konnte ich mir kaum zwei unterschiedlichere Menschen vorstellen. Ihr Verhältnis war mir schleierhaft, oft gingen sie einander aus dem Weg, aber was sie wortlos zusammenschweißte, war das Leben in der Fremde. Unser Leben.

Vor der Kirche hatten sich bereits ein paar Trauernde eingefunden und standen geduckt unter den ausladenden Eichen, um der Hitze und unangenehmen Gesprächen auszuweichen. Der Turnverein hatte einen großen Blumenkranz aufgestellt, und auch die Musiker der Blaskapelle mit ihren farbigen Uniformen und glitzernden Instrumenten hatten sich bereits versammelt. Auch Salvis Frau stand vor dem Eingang der Kirche und nahm Beileidsbekundungen entgegen.

In der Kirche war es erfrischend kühl, und es roch nach frischen Blumen. Das Licht fiel farbig durch die Mosaikfenster, in denen ein pixeliger Jesus mit Kreuz durch ein Szenario hopste, das mich an das letzte Level von Super Mario Bros. erinnerte. Das Spiel hatte mir Salvi zu meinem letzten Geburtstag geschenkt, mitsamt dem zugehörigen Gameboy, und die Erinnerung an sein schallendes Lachen, als wir es zum ersten Mal spielten, verursachte mir Gänsehaut. Jetzt war für Salvi also Game over. Doch nur ein Leben für jeden von uns.

Ich hatte noch nie einen Toten gesehen. Nonna war gestorben, als ich noch sehr klein war. Es gab mal einen Hamster, Pipistrello, den wir vergraben mussten und dessen Körper ich in beiden Händen hielt, aber irgendwie hatte er sich nicht viel anders angefühlt, bloß ruhig und irgendwie entspannter.

Während der Zeremonie saß ich zwischen Nonno und Tschüge. Tschüge flüsterte mir aufgeregt zu: »Hast du Mättu gesehen? Er hat meinen Dunga!«

»Deinen was?«

»Carlos Dunga. Das letzte Bild für mein Panini-Album.«

Ich schüttelte den Kopf.

Vor uns saß Salvis Frau und neben ihr die verschiedenen Delegationen der Vereine, in denen Salvi aktiv war. »Erst, wenn du in drei Vereinen bist, darfst du dich hier heimisch nennen«, hatte er mir einmal gesagt und dabei so sehr gegrinst, dass ich seinen goldenen Backenzahn sehen konnte. Was wohl damit passierte nach dem Begräbnis? Aßen den auch die Würmer und Maulwürfe?

Das Ganze schien ewig zu dauern, und die Holzbank war mörderisch hart. Um mich abzulenken, musterte ich die Anwesenden und zählte die Leute, die ich kannte. In den hinteren Reihen erkannte ich Italiener aus den umliegenden Dörfern. Sie waren oft bei Salvi vorbeigefahren, um ihre Autos und Vespas reparieren zu lassen und die neusten Skandale in der italienischen Politik zu besprechen. In der vordersten Reihe erspähte ich die lange Nase von Ruedi, der im Dorf die Post austrug und die Blaskapelle leitete. Neben ihm saßen der kleine Kurt und der große Kurt, die beide in der freiwilligen Feuerwehr waren. Weiter hinten erspähte ich den Zurbriggen-Ferdi, der das Rössli führte und immer nach Bier roch.

Alle sahen ernst aus, aber keiner traurig, was mich erstaunte, weil sie Salvis beste Freunde waren. Es hatte in den letzten Jahren kaum eine Woche gegeben, in der sie nicht zusammen im Rössli saßen und jassten oder zum Fußball nach Bern fuhren oder zum Hockey nach Langnau oder zu irgendeinem trostlosen Fest im Tal. Sie sahen vielmehr ratlos aus, unentschlossen, als wüssten sie noch nicht, was sie von dem Ganzen halten sollten, als sei alles ein riesengroßes Theater und sie wollten erst wissen, wie es ausging, bevor sie sich eine Meinung bildeten.

Dann sprach der Pfarrer. Es ging um Gott, der Salvi jetzt zu sich gerufen habe, und um die Seele, die unsterblich sei, und irgendwie kriegte er wie jedes Mal den Bogen hin zu Jesus, der sein Fleisch und Blut für die Leute gegeben hatte. Ich fand es ein wenig unfair, weil es ja Salvis Beerdigung war und es jetzt um ihn gehen sollte und nicht um Jesus, der jedes verdammte Mal drankam, und an Weihnachten und Ostern sowieso. Wenn der schon so selbstlos war, wie alle sagten, sollte er auch mal Platz machen für die Neuen im Himmel.

Ich fragte mich, wie das wohl vor sich ging, wenn Gott jemanden zu sich rief. Hatte Salvi eine Stimme gehört, als er abends den Fernseher ausschaltete, und hatte die gesagt, er solle jetzt eine komplizierte Konstruktion aus Spannseil und Hebebühne basteln, um sich mal eben aus dem Spiel zu nehmen, damit er sich auf den Weg zu Gott machen könne? Unrealistisch. Für so ’ne dreiste Lüge hätte ich den Hosenboden versohlt gekriegt, man hätte es bis Kandersteg gehört.

Als der Pfarrer fertig gesprochen hatte, bemerkte ich aus dem Augenwinkel eine geduckte Gestalt, die auf das Podest zuschritt wie Roberto Baggio auf den Elfmeterpunkt. Ich hielt den Atem an. Es war Papà.

»Hrmpf …«, räusperte er sich ins Mikrofon, als er das Podest bestiegen hatte. »Liebe … äh … Angehörige, liebe Freunde, cari amici«, sagte er, dann sah er sich im Saal um, als würde er etwas suchen. Er sah nach oben, sah zur Seite, die eine Hand verschwand hinter dem Podest, und mir wurde klar, dass er sich gerade vor dem ganzen Dorf im Schritt kratzte. Langsam wurde sein Schweigen peinlich. Irgendwann schüttelte er den Kopf und kramte mit der Hand einen Zettel aus der Jacketttasche.

»Entschuldigung, so geht es besser.« Er räusperte sich, dann las er ab: »Liebe Familie, Freunde, liebe Anwesende. Salvatore Salvini war ein guter Mann. Er war ein treuer Kumpel, sei es bei der Feuerwehr, auf dem Rasen, in der Fankurve oder abends am Stammtisch. Auf ihn konnte man immer zählen.«

Er hob die Hand und winkte nach oben.

»Machs gut, Salvi, die nächste Runde trinken wir auf dich!«

Die Reihe vor uns klatschte, und einer schrie »Viva!«, dann riefen alle seine Kumpels »Viva, viva!«, und Papà begann zu singen. Er sang selten, und wenn, dann meistens betrunken, aber heute war er nüchtern und stimmte in seinem Bass ein Lied an, das sie ständig gesungen hatten und das wohl auch das letzte Lied war, das Salvi je gesungen hatte: die Hymne Italiens.

Fratelli d’Italia

L’Italia s’è desta

Dell’elmo di Scipio

S’è cinta la testa.

Spätestens beim Refrain stimmten Papàs Kumpels ein, als wäre es das WM-Finale. Und die, die den Text nicht kannten, sangen einfach laut »Italia«. Ich sah zu Papà – und erschrak. Papà stand da, singend, die Hand auf der Brust, und weinte. Ich musste zwei Mal hinschauen, bis ich mir sicher war, dass es Tränen waren, die über seine frisch rasierten Wangen perlten, und auch ihm wurde es wohl erst mit der Zeit bewusst, denn während dem Singen drehte er sich abrupt um und verschwand, die Hände vor dem Kopf, hinter dem Altar.

Salvis Frau stand auf und ging zum Podest. »Danke, Guido«, sagte sie schniefend. »Vielen Dank, dass ihr hier seid. Ich weiß, das hätte Salvi viel bedeutet.« Sie war den Tränen nahe, und die Worte kamen nur stückweise aus ihrem Mund. Dann versiegten sie ganz, und sie schüttelte den Kopf, winkte ab. Der Pfarrer übernahm, und nach einem kirchlichen Lied, das nur halb so emotional mitgesungen wurde, kam bereits die Beisetzung.

Papà und ein paar weitere Männer schulterten den Sarg und folgten dem Pfarrer nach draußen. Ihnen folgte die Familie, dann die Blaskapelle, die dabei einen unpassenden Marsch spielte, dann kamen die restlichen Anwesenden, um zu sehen, wie der Sarg versenkt wurde und unter einem murmelnden Rosenregen verschwand.

Am gleichen Abend hatte Papà die engsten Freunde von Salvi und ihm zu sich geladen. »Salvi würde wollen, dass wir ein Fest machen!«, hatte er Mammà gesagt, die das keine gute Idee fand.

Papà hatte den Grill angeworfen und stand mit blutverschmierter Kochschürze davor, und es war an mir und Tschüge, die Männer reinzulassen und nach hinten in den Garten zu führen. Wir kannten die meisten, und fast jeder hatte ein Sechserpack Bier oder eine Flasche Schnaps dabei, sagte »Na, Jungs« oder »Hey, Kleiner« und klopfte mir tröstend auf die Schulter. Aber so komisch das klingen mag: Ich war nicht nur traurig. Ich war auch stolz. Normalerweise wurde ich nicht zugelassen für solche Männerabende, aber heute schon.

In unserem Garten versammelten sich nach und nach rund fünfzehn Männer, alle wieder in Shorts und T-Shirts oder kurzärmeligen Hemden, als wären die schwarzen Anzüge reine Verkleidung gewesen. Sie standen um den Grill herum oder saßen auf Plastikstühlen um unseren Gartentisch und redeten wild durcheinander. Tschüge und ich streunten unbeachtet zwischen ihnen umher und lauschten ihren Gesprächen.

Drei hochgewachsene Männer, die an der Beerdigung das Wappen der freiwilligen Feuerwehr getragen hatten, standen bei der Hecke und sprachen über den Vorteil von Grillkohle gegenüber gasbetriebenen Grills. Zwei Typen, die ich noch nie gesehen hatte, saßen auf der Holzbank, und der eine hielt einen langen Monolog über die Qualität des Schweizer Handwerks und warum alles den Bach runterging, sobald Gastarbeiter hinzukamen, und ich fragte mich, ob sie Papà und Salvi dazuzählten.

Am Tisch wurde über Fußball und die Weltmeisterschaft diskutiert. Sie besprachen Sinn und Unsinn der Liberoposition und warum Paolo Maldini der bessere Verteidiger war als Lothar Matthäus, sie verglichen Roberto Baggios Freistöße mit jenen von Branco und Thomas Häßler und rätselten, ob es je zwei so gute Vereinsmannschaften gegeben hatte wie der AC Mailand und der FC Barcelona in diesem Jahr.

Ich war beeindruckt von dem Wissen, das viele zutage förderten. Namen, Statistiken, Ergebnisse bis zurück in die Sechzigerjahre. Selbst die wortkargsten Typen brillierten plötzlich mit Begriffen wie Chancenverwertung, Transferfenster, Rabona-Pass und Elfmeterkiller.

»Ey, Guido«, rief der kleine Kurt in Richtung Grill, »hast du wirklich zwei Kisten auf Italien gesetzt?«

»Höchstens zwei Kisten Bier«, rief Papà zurück und zwinkerte.

»Daran konnten ja auch nur Tifosi glauben!«, warf der große Kurt ein.

»Hinten mauern und dann blitzkontern? Catenaccio hat vielleicht in den Siebzigern funktioniert, aber heute …«, meinte der kleine Kurt.

Papà ließ theatralisch die Grillzange fallen. »Gut, dann gibt es jetzt keine Bratwürste mehr. Ihr kriegt nur noch brasilianisches Poulet.«

»Du hast ja eh nur Chipolata zu bieten. Da kann deine Frau ein Liedchen von singen«, rief Zurbriggen-Ferdi.

Alle grölten.

»Meine Frau mag lieber Blutwurst, weißt du«, sagte Papà und grinste dabei.

Tschüge sah mich fragend an und flüsterte: »Was soll das mit den Würsten?«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich verstand genauso wenig, und doch gefiel mir, wie sie miteinander sprachen. So frech und laut und erwachsen. Es war ein verbales Ringen: Einer sagte etwas, und die anderen versuchten, ihm ein Bein zu stellen oder seine Worte zu verdrehen, dass sie den gegenteiligen Sinn ergaben. Sie fanden lustige Wortspiele, nannten Frauen »flotte Bienen« oder »heiße Eisen«, nutzten Begriffe, die uns Kindern nicht erlaubt waren, und das alles auf eine temporeiche, verspielte Art, dass es aufregend war, zuzuhören. Es war das erste Mal, das ich einer Gruppe angehörte, die ausschließlich aus erwachsenen Männern bestand. Ich stellte mir vor, ich würde einen Witz erzählen, und alle würden grölen und mir auf die Schulter klopfen, und mein Vater würde am Grill stehen und stolz sein auf seinen witzigen Sohn.

Der Abend schritt voran, und der Biervorrat ging schnell dem Ende zu, aber dann öffnete jemand eine Flasche Kirschwasser und begann, kleine Plastikbecher damit zu füllen.

»Dann wollen wir mal«, sagte Ruedi. »Trinken wir auf Salvi.«

Alle hoben ihre Becher.

»Auf Salvi«, sagte Ruedi.

»Auf Salvi«, wiederholten alle.

»Möge es ihm da besser gefallen, wo er jetzt ist«, sagte einer der Feuerwehrleute.

»Möge er an uns denken, der Sauhund«, lallte mein Vater, der inzwischen am Kopf des Tischs Platz genommen hatte. Er machte ein Gesicht, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. »Möge er es bereuen, dass er uns im Stich gelassen hat.«

Seine Kumpels sahen sich an, ein paar murmelten zustimmend.

»Was für ein Mann lässt seine Freunde im Stich?«, setzte er nach. Den Ton kannte ich nur zu gut. Jetzt war Papà aufgebracht. »Wahrscheinlich war er irgendwie krank im Kopf. Wahrscheinlich war er schwul oder so. Warum sonst hatte er keine Kinder? Seine arme Frau …«

Es war so still, plötzlich konnte ich das Rauschen des nahen Flusses hören.

»Irgendetwas war«, sagte einer.

»Niemand weiß es«, sagte ein anderer.

»Als ob«, knurrte Ruedi, so leise, dass es nur wenige hörten. »Als ob ihr es nicht wüsstet, was ihn umgebracht hat. Ihr seid die Feiglinge. Und so was nennt sich Freunde.« Ruedi starrte auf den Becher in seiner Hand, als wäre die Wahrheit da draufgeschrieben worden. Dann stand er wortlos auf und ging.

Als sich kurz darauf Tschüge verabschiedete, stand ihm der Schock ins Gesicht geschrieben.

»Glaubst du, dass Salvi schwul war oder krank im Kopf?«, fragte er mich.

Ich schüttelte den Kopf.

Tschüge seufzte. »Würden Bud Spencer und Terence Hill so voneinander reden?«

»Papà ist vielleicht einfach … traurig?«, versuchte ich mich an einer Erklärung.

Tschüge packte mich mit beiden Händen an den Schultern und sah mich eindringlich an. »Versprich mir, dass wir immer füreinander da sein werden. Egal was passiert. Dass wir nie solche Dinge über den anderen sagen.«

Ich nickte und versprach es. »Double Trouble für immer.«

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