Zeit der Mutigen - Dimitré Dinev - E-Book

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Dimitré Dinev

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Beschreibung

Als das Dienstmädchen Eva am Vorabend des Ersten Weltkriegs ihrem Leben in der Donau ein Ende setzen möchte, wird sie stattdessen in die Arme des jungen Infanterieleutnants Alois Kozusnik gespült. Statt ihres Lebens verliert sie ihre Unschuld. Es ist der Startpunkt einer epischen Geschichte, die sich aus drei großen Erzählsträngen zusammensetzt und sich bis in die heutige Zeit fortspinnt. Was macht den Menschen aus? Wie durchlebt und übersteht er Jahre der Unterdrückung und Gewalt? Wie schafft er es immer wieder, Kraft zu schöpfen, zu hoffen und zu lieben?
Dimitré Dinev erkundet in seinem neuen großen Roman die Geschichte Europas und die zentralen Fragen des menschlichen Zusammenlebens und schafft damit ein literarisches Meisterwerk des Humanismus und der Empathie.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALT

» Über den Autor

» Über das Buch

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ÜBER DEN AUTOR

Dimitré Dinev wurde 1968 in Bulgarien geboren. Im Jahr 1990 kam er als Flüchtling nach Österreich, wo er studierte und seitdem in deutscher Sprache Drehbücher, Erzählungen und Essays veröffentlichte. Seine Theaterstücke wurden u. a. am Burgtheater inszeniert. Der literarische Durchbruch gelang ihm 2003 mit seinem Familienroman Engelszungen, der europaweit mit großem Interesse aufgenommen wurde. Dimitré Dinev lebt in Wien.

ÜBER DAS BUCH

Als das Dienstmädchen Eva am Vorabend des Ersten Weltkriegs ihrem Leben in der Donau ein Ende setzen möchte, wird sie stattdessen in die Arme des Infanterieleutnants Alois Kozusnik gespült. Statt ihres Lebens verliert sie ihre Unschuld. Dies ist der Startpunkt einer mitreißenden Geschichte, die um drei Familien, um ganz Europa und ein gesamtes Jahrhundert kreist. Ein unvergleichliches Epos und ein literarisches Zauberwerk des Humanismus und der Empathie.

 

»Das Wunder der Schöpfung besteht darin,dass ein moralisches Wesen geschaffen wird.«Emmanuel Lévinas

WASSER

1

In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie sich in die Umarmung des Infanterieleutnants Alois Kozusnik. Anstatt ihre Gefühle einem uralten Strom anzuvertrauen, lag auf einmal ihr Kopf auf der spärlich bewachsenen Insel einer fünfundzwanzigjährigen Männerbrust.

Eva Nagel war Dienstmädchen. Was sie nicht alles jahrelang geduldig ertragen hatte, Schimpf und Tadel, Beleidigungen und Demütigungen, die Launen und das kranke Misstrauen der Herrin, das ewige Nachstellen des Herrn, die Sticheleien der Köchin. Doch als sie heute beschuldigt worden war, eine Kette der Herrin gestohlen zu haben, da riss etwas in ihr, etwas, das dazu diente, die wenigen Lichtblicke ihres Daseins aufzufangen, sie in die entlegensten Winkel ihrer Seele zu befördern und in Lebensenergie zu verwandeln, etwas, das es schaffte, das Ausstrecken einer Katze, den gezwirbelten Schnurrbart eines Kutschers und viele andere genauso kleine und unwichtige Dinge in Freude zu verwandeln, etwas, ohne das es die Eva Nagel, so wie sie alle kannten, gar nicht geben konnte.

Im Angesicht einer solchen Ungerechtigkeit blieb sie wie erstarrt, weder Tränen kamen ihr aus den Augen noch Worte über die Lippen. Was zu rinnen hatte, rann in ihr, füllte sie auf, machte sie träge. Auf einmal hatte sie keine Kraft mehr, weder um ihre Herrschaften anzuflehen, noch um ihre Unschuld zu beteuern. Sie wurde entlassen. Sie packte langsam ihre Sachen, nahm den Beutel, mit dem sie vor vier Jahren nach Wien gekommen war, und zog wortlos hinaus. Nur kurz, sehr kurz, hatte sie erwogen, zurück nach Hause in ihr Dorf zu kehren, aber allein die vage Vorstellung, was sie dort erwarten würde, hatte gereicht, um sich für die Donau zu entscheiden. Die Donau würde sie umarmen, trösten und sanft ans Ufer legen. So stellte sich Eva Nagel das vor.

»Ein großer Fluss wird dein Schicksal werden«, hatte ihr einmal, an einem ihrer wenigen freien Tage, eine Wahrsagerin im Prater prophezeit. Sie hatte den Prater gerngehabt, aber jetzt hatte sie keine Lust auf ihn. Sie hatte ja auch nicht frei, sie war jetzt frei, und für ein freies Dienstmädchen gab es nur die Donau. Unterwegs bemerkte sie nichts außer den unterschiedlichsten Arten von Kot, die auf den Straßen lagen. Sie sah nur noch den Dreck, der überall klebte, auf Straßen, Häusern, Menschen, und sie dachte an das Wasser, das sie bald, sehr bald, von all dem reinwaschen werde. Welche Wege sie gegangen war und warum es so lange gedauert hatte, wusste sie später nicht, aber es war schon dunkel, als sie das Ufer erreichte. Der Fluss spiegelte die Sterne nicht, er war noch schwärzer als die Nacht und sah wie die Tinte aus, mit der ihr Herr Dienstzeugnisse und Geschäftsbriefe zu schreiben pflegte. Nur dass es unfassbar mehr war. Die Zeugnisse aller Dienstboten der Welt hätten damit geschrieben werden können und noch mehr, wahrscheinlich alles, was der Mensch seit der Erschaffung der Welt gedacht und gesagt hatte.

Alles Gedachte und Gesagte floss gerade an Eva vorbei. Stumm floss es, schwarz floss es, ungeschrieben floss es. Ihr gefiel die Vorstellung, dass sie in einen Fluss voller ungeschriebener Worte steigen würde. Der Fluss würde ihr letztes Zeugnis sein, lesen würden es dann die anderen, vor allem die Polizei.

Sie sammelte Steine und steckte sie überall in ihr Kleid. An manchen Stellen berührten sie ihre Haut. Ihre Kälte ließ sie erzittern. Dann machte sie den ersten Schritt zum Fluss, aber das Wasser zog sich zurück. Will mich die Donau denn nicht, dachte sie und sah ein großes Schiff, das gerade in der Flussmitte vorbeifuhr.

»Das nennt man Physik. Gleich kommt es wieder zurück. Aber das Wasser ist kalt, Mädel.« Sprach denn der Fluss zu ihr? Etwas zog sie zurück, zurück zum Ufer, zur Erde, eine unerwartete, unbekannte Kraft. Sie drehte sich um und blickte in ein Gesicht, bleich wie ein Segel, das sie weg vom Wasser brachte. Sie sah zwei kleine Augen, schmale Lippen, darüber einen dünnen Schnurrbart, der so wirkte, als hätte sein Besitzer gerade von einer sehr dunklen Flüssigkeit gekostet, so dunkel und schwarz wie das Wasser, in das Eva eintauchen wollte. »Leutnant Alois Kozusnik«, stellte sich die Kraft vor und berührte mit ihrer Rechten die Schirmkappe, unter der so viele verhängnisvolle Entscheidungen getroffen wurden, dass es reichte, drei Leben zu ruinieren, doch nicht das Leben von k. und k. Leutnant Kozusnik.

Nun stand Eva zwischen zwei Kräften, der Gewalt eines uralten Flusses und dem Sog eines jungen Offiziers. Sie überlegte nicht lange. Die Verzweiflung hatte sie gleichgültig und frech gemacht, der nahe Atem des Todes entschlossen und eilig. »Physik nennt man das also«, sagte sie, und da sie kein willenloses Ding im Spiel der Elemente mehr sein wollte, zog sie ihn zu sich, gierig davon zu kosten, was seine Oberlippe so schwarz gefärbt hatte. »Und wie nennt man das, auch Physik?«, fragte sie in der Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Kuss ihres Lebens.

»Eher Chemie«, vermeldete er geistesgegenwärtig, denn ein k. und k. Offizier ließ sich selten überraschen, am allerwenigsten Alois Kozusnik. Und er tastete sich mit einer Sicherheit, die einem von dem Generalstab abgesegneten Plan zu folgen schien, durch den unfeinen Stoff ihrer Bekleidung an ihre Brüste heran.

Alois Kozusnik war ein Mensch, der alles nahm, was ihm das Leben schenkte, da er nicht mit einem zweiten Besuch auf dieser Welt rechnete, jedenfalls nicht in dieser Form, nicht als Offizier, vor allem aber nicht in diesem von ihm so pedantisch gepflegten und bewunderten Körper. Welcher Teufel ihn an das Donauufer getrieben hatte, wusste er nicht, denn er hatte längst aufgegeben, die Teufel, die immer wieder sein Leben lenkten, überschauen, geschweige denn zähmen zu wollen. Er hatte an dem Abend alles beim Spiel verloren und freute sich auf den Krieg, der ihn von seiner misslichen Lage und seinen unnötigen Gedanken erlösen sollte. Er war ein Mann der Tat, und das zu viele Grübeln machte ihn grantig und sehr reizbar.

Doch ein paar Gedanken schienen geblieben zu sein, denn er fand sich plötzlich an dem Donauufer wieder. Da hatte er die Frau gesehen. Offensichtlich handelte es sich um eine Selbstmörderin, noch offensichtlicher war es aber, dass sie einen schönen Körper besaß, was sein geübtes Auge auch bei diesen äußerst ungünstigen Lichtbedingungen sofort erkannte. Die Rolle des Seelenretters lag ihm fern, doch es wäre eben unheimlich schade um den schönen warmen Körper. Ein ähnlich tiefes Bedauern hätte er verspürt, wenn gerade eine Flasche guter Champagner vor seinen Augen zerbrochen wäre, und dieses Bedauern rührte ihn bis in die Tiefe seines männlichen Fundaments.

Er beschleunigte seinen Schritt und ergriff die Frau an der Hand. Zwei seiner Geliebten drohten ihm ständig mit dem Selbstmord, was ihn veranlasste zu glauben, dass er sich damit auskannte und dass er sich für die Unsterblichkeit einer neuen Liebe jederzeit bereitzuhalten habe. Nun biss gerade die Frau an seine Lippen, was seine Vernunft für eine Weile außer Kraft setzte. Doch Alois Kozusnik mochte das Ungewöhnliche. Einmal hatte er den ganzen letzten Akt einer Oper inklusive Applaus unter dem Kleid einer seiner Geliebten verbracht, eine unglaublich intensive Vorstellung war das, besonders der Applaus. Aber allein bei der Vorstellung, mit einer Frau an dem Donauufer eins zu werden, konnte er eine Arie singen. Seine Ohren begannen zu glühen, seine Fantasie schaltete auf Volldampf. Als er aber versuchte, die Frau von der Last ihrer Kleider zu befreien, fielen ihm ein paar Steine auf die Füße. Es waren die Steine, die sie noch schneller auf den Grund bringen sollten. »Hoppala, trägst du noch mehr davon in deinem Herzen? Oder waren es die letzten?«, sagte er unbeirrt.

Eva lachte. Sie fühlte sich so leicht und so frei wie noch nie in ihrem Leben. Ein Stein nach dem anderen, eine Last nach der anderen fiel von ihr herab und rollte in den Fluss, und obwohl sie noch nie nackt mit einem Mann gewesen war, verspürte sie keine Scham. Wieso auch, nackt stieg man nicht nur in das Bett des Geliebten, sondern auch in einen Fluss, und heute Nacht waren für Eva durch ein seltsames Spiel der Elemente der Fluss und dieser Mann das Gleiche.

So geschah es, dass in dieser schicksalhaften Nacht Eva Nagel nicht leblos in der Donau, sondern es quicklebendig an deren Ufer trieb, und anstatt ihr Leben verlor sie ihre Unschuld. Ihr Kopf lag lang an seiner Brust. Sie schwieg. Neben ihr floss der Fluss, ein Fluss voller ungeschriebener Worte, das reichte ihr vorerst. »Mit wem hatte ich das Vergnügen«, hörte sie. Sie lagen ganz nah am Wasser. Eva streckte ihre Hand, tauchte sie in den Fluss und schrieb mit dem Finger ihren Namen auf seine Brust. Wie es seinem Naturell entsprach, hätte er am liebsten auf die Frage, auf die drei kalten Buchstaben und auf alle weiteren Spiele verzichtet. Er hätte sich irgendwann die Hose zugeknöpft, der unbekannten Frau mitgeteilt, dass er in den Krieg ziehen musste, vielleicht ein paar nette Worte gesagt und sie in die Hände einer gewissen, von ihm sehr geschätzten, Madam übergeben, die es gut verstand, aus der Verzweiflung der Mädchen einen Gewinn zu machen. Dann wäre er für immer aus ihrem Leben verschwunden, denn zu mehr Zuwendung und Einfühlsamkeit war er nicht fähig. Doch der Umstand, dass eine unbekannte Frau ihn so überfallen hatte, um ihm dann ihre Unschuld zu schenken, hatte sogar den k. und k. Leutnant der Infanterie Alois Kozusnik verwirrt. Denn wenn es etwas gab, womit er sich überhaupt nicht auskannte, dann war es die Unschuld. Er knöpfte zwar irgendwann seine Hose zu, teilte ihr mit, dass er noch am selben Tag in den Krieg ziehen musste, das schon, aber dann begann er, um die unerträgliche Last der empfangenen Unschuld auszugleichen, zu lügen. Er sprach von einer unvergesslichen, alle Gesetze außer Kraft setzenden, alles übertreffenden Nacht, redete sogar von der Liebe, sagte Sachen, die er noch nie zuvor einer Frau gesagt hatte, jedenfalls noch nie einer, von der er keine finanzielle Zuwendung erwartete, und anstatt in das Freudenhaus, begleitete er sie zu einem Asyl für entlassene Dienstboten. Dort verabschiedete er sich mit dem Versprechen, die Serben schnell in die Knie zu zwingen, damit er selbst so bald wie möglich vor ihr in die Knie gehen konnte. Guter Laune und mit einer wärmenden, das Selbstwertgefühl streichelnden Vorahnung, wie die Erzählung dieser unglaublichen Geschichte wirken würde, kehrte er in seine Kaserne zurück. Denn Alois Kozusnik liebte gute Geschichten, doch über alles liebte er sich selbst.

Ob sie verliebt war, konnte Eva nicht sagen. Aber was in dieser Nacht passiert war, war das Außergewöhnlichste, was sie jemals erlebt hatte. Alles wurde auf den Kopf gestellt. Anstatt zu sinken, wurde sie erhoben. Ein Fremder war so gut zu ihr gewesen wie noch kein Mensch in ihrem Leben. Ein Fremder war ihr der vertrauteste Mensch auf Erden geworden. Und da sie sich nicht vorstellen konnte, dass es eine andere Kraft auf der Welt gab, die alles so durcheinanderwirbelte, die alle Gesetze außer Kraft setzte, entschied sie sich, dass es Liebe sein musste.

Das Haus, in das Eva gebracht wurde, war voller Frauen mit ähnlichem Schicksal. Frauen, die ihr Ansehen, ihre Würde, ihre Hoffnungen und ihre Unschuld verloren hatten. Darum aber, dass sie nicht auch ihre Seele verloren, kümmerte sich Frau Hüpfl. Sie leitete das Asyl und hielt ihre Schützlinge von drei Übeln fern: Faulheit, Alkohol und Männer. Sie hatte nur ein Auge. Das andere war seit zwanzig Jahren tot, begraben hinter einer schwarzen Augenklappe. Vielleicht aber weil sie ein Auge hatte, das in das Reich der Lebenden, und eines, das in das Reich der Toten blickte, entging ihr nichts, und sie wusste immer ganz genau, wenn ein Mensch sich zwischen diesen zwei Welten befand.

Ihre Einrichtung besaß eine Trödlerei-Konzession. Sie sammelte alte Kleidung und Hausrat, die sie dann von ihren Schützlingen herrichten ließ und weiterverkaufte. Eva lebte sich schnell in die neue Umgebung ein. Sie nähte, sie bügelte, sie ging ab und zu mit Frau Hüpfl alte Kleider kaufen, und zwischen all diesen Tätigkeiten fand sie Zeit, an Alois Kozusnik zu denken. Zu lieben fiel ihr immer leichter, zu warten immer schwerer. Von ihm kam aber kein Brief, keine Nachricht, und das machte das Ganze unerträglich. Allein war Eva mit ihrer Liebe, die wie aus dem Nichts entsprungen war, um Eva vor dem Nichts zu retten. Allein stand sie zwischen diesen zwei so unterschiedlichen Ufern des Unbegreiflichen. Und was tat sie? Nichts. Das kam ihr falsch und gefährlich vor. Sie wollte, sie musste etwas tun. Und sie tat etwas.

Es herrschte gerade große Kriegsbegeisterung im Land, sogar Frau Hüpfl blieb davon nicht verschont und ließ im Asyl Rotkreuzkurse abhalten. Eva nahm sofort die Chance wahr und zog mit dem neu erworbenen Wissen an die Front. Das Schicksal wollte, dass sie ihren Dienst auf dem zu einer Schiffsambulanz umgestalteten Dampfer namens Kulpa antrat. Frau Hüpfl begleitete Eva voller Stolz bis zur Anlegestelle. Sie hatte sich für diesen Anlass ihr schönstes Gewand angezogen. In ihrem schwarzen Samtkleid mit ihrem großen schwarzen Hut und ihrer Augenbinde hatte sie solch eine majestätische Wirkung, dass sich sogar der Kapitän gezwungen sah, sich vor ihr zu verbeugen.

»Ihr werdet viele Engel brauchen, ich gebe euch einen«, sagte sie ihm. Danach bekreuzigte sie Eva mit der Wucht, mit der sie sonst Ohrfeigen verteilte, sagte: »Leb wohl, Mädchen«, und wischte sich eine Träne weg, die aus ihrem toten Auge hinuntergeronnen war. Ihr gesundes Auge blieb dagegen trocken. Mit ihm sah sie, wie Eva an Bord ging, wie der weiße Dampfer sich vom Ufer abnabelte und mit einem lauten Pfiff losfuhr. Mit ihm sah sie den Himmel, die Sonne, den Fluss und wie Eva ihr lange, lange winkte. Mit ihm sah sie einfach alles, was da war. Eva wurde kleiner und kleiner, ein Fleck, ein Nichts. Da rutschte Frau Hüpfl wieder eine Träne unter der Augenklappe hervor, denn für alles, was verging und verschwand, denn für das Nichts war ihr totes Auge zuständig.

Das, was für Frau Hüpfl nun Nichts war, war für Eva eine ganze neue Welt mit neuen Gerüchen, Geräuschen, Gestalten. Denn was für einen ein Nichts war, bedeutete oft für einen anderen die Welt, und so war es bis heute geblieben, und wenn es etwas gab, das Nichts und Welt band, dann war das das eigene Leben.

Eva fand sich schnell zurecht mit all dem Neuen, das sie umgab. Ihr gefiel der Dampfer. Weiß war er, sanft glitt er, und getrieben durch den Dampf ließ er sie glauben, auf einer Wolke zu schweben. Ihr gefiel das Wummern des Motors, der genauso wie die Scherze der Besatzung ihren Körper zum Vibrieren brachte, ihr gefiel die Uniform, die sie trug, vor allem aber gefiel ihr, dass sie nun alle Schwester nannten. Auf einmal war sie mit der ganzen Welt verwandt.

Gleich nachdem ihr die Schlafstelle gezeigt wurde, versammelte der Kapitän alle Schwestern an Bord, um ihnen Anweisungen zu geben und anschließend etwas vorzulesen. Es war ein Gruß des Kaisers. Der Kapitän verlas ihn mit einer durch den Tabak und den jahrelangen Kampf mit dem Wind heiser gewordenen Stimme. Eva war so aufgeregt, dass sie nicht jedes Wort hören konnte. »Die Schwestern sollen bereit sein, den armen Verwundeten und Kranken, seinen braven Soldaten, nicht nur die pflegebereiten Hände, sondern auch ein mütterliches Herz zu widmen; denn oft bedürfen die Armen noch mehr des Trostes und der Liebe als der Arznei.«

Nur dies hatte sie gehört. »Trost und Liebe«, wiederholte sie immer wieder leise vor sich hin, und diese Worte kamen ihr so groß vor, dass sie ein jedes Leben hätten füllen können. Sie selbst hatte sie mal bekommen, und nun fühlte sie sich bereit, sie an andere zu verschenken.

»Geht jetzt und schlaft so lange ihr könnt, denn dort, wo wir hingehen, schlafen so richtig nur die Toten«, sagte noch der Kapitän, faltete das Blatt und begrub es in seiner Brusttasche.

Eva entwickelte einen Ehrgeiz, der immer größer wurde, je weiter das Schiff stromabwärts fuhr. Ihr Kopf, der so wie die Köpfe mehrerer Generationen ihrer Familie von großen Denkleistungen und Lernanstrengungen verschont geblieben war, war richtig ausgeruht und sog gierig jedes Wissen in sich hinein. Bald wusste sie, dass das Schiff, auf dem ihre nächsten Jahre vergehen würden, 1868 in Ujpest gebaut worden, 48,8 Meter lang war, die Stärke von 370 Pferden und früher mal den Namen eines großen ungarischen Dichters getragen hatte. Nach ein paar Monaten kannte sie alle Patrouillenboote und alle Monitore, die im Kampf eingesetzt wurden und die mit ihren Rechen die Minen aus dem Fluss fischten. Diese unheimlichen Wesen, die aus den dunkelsten Märchen entsprungen zu sein schienen, flößten ihr anfangs immer Angst ein. Sie kannte auch das Stabsschiff Hebe, bei dessen Erscheinen sich der Blick des Kapitäns mal mit Neid, mal mit dem Nebel des Zorns auffüllte, und das er als Anlass nutzte, sein Repertoire an Schimpfwörtern aufzufrischen. Am eifrigsten war aber Eva bei der Erfüllung ihrer Pflichten als Krankenschwester. Schon nach den ersten Kriegsoperationen in Serbien wurde klar, dass die Sanitätsschiffe nicht nur von der Flottille, sondern auch von den am Ufer kämpfenden Truppen in Anspruch genommen wurden. Das kam Eva nur zugute, denn dadurch erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, ihren Alois zu treffen. Bei jedem Verletzten, der vom Ufer gebracht wurde, begann ihr Herz zu flattern, alles um sie wurde klein und undeutlich, als hätte es sie gehoben. Erst als sie einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte, konnte sie die Welt um sich wieder wahrnehmen. Das fremde Gesicht, die fremden Augen zogen sie wieder herunter wie Steine. So war es nur am Anfang, danach kam die Müdigkeit. Sie umspannte Eva wie eine zweite Haut, unter der jede Regung wie ein ferner Glockenschlag erklang, leise und unwirklich. Wirklich waren nur die anderen, die Verwundeten, die Kranken, ihr Flehen, ihr Stöhnen, ihr Schmerz, denn es galt, sie nicht Erde und Staub werden zu lassen.

Auf dem Schiff gab es Platz für sechzig bettlägerige Kranke oder Verwundete, aber allein im ersten Kriegsjahr wurde für mehr als vierzigtausend Soldaten Erste Hilfe geleistet. Es gab Tage, an denen der Dampfer so überfüllt war, dass er zu sinken drohte, und es dauerte lange, bis die Schiffe kamen, die die Genesenen ins Hinterland brachten. Verwundete und Kranke lagen und krümmten sich überall, wo es noch Platz für einen Körper gab, und Eva musste sich große Mühe geben, sich einen Weg durch dieses Labyrinth aus Fleisch und Furcht und Fiebergefasel zu bahnen. Sie hatte weder Platz noch Zeit zu schlafen. Vor Erschöpfung war sie einmal zusammengebrochen, zwischen den Kranken eingeschlafen und in der Umarmung eines Unteroffiziers der Artillerie aufgewacht. Er schlief noch. Sein rhythmischer, baldige Genesung verheißender Atem strich ihr übers Gesicht. Er hatte den Geruch eines über endlose Schlachtfelder gezogenen Windes. Sie weckte ihn mit zwei prophylaktischen Ohrfeigen, die den Weg zur Heilung ebnen sollten und vielen der Verletzten eine Freude bereiteten.

Eva war eine gute Schwester. Sie wusste genau, wann sie eine Stirn berühren oder eine Hand halten sollte, wann sie jemanden sanft beruhigen oder wüst schimpfen musste, um seinen Willen wieder zum Leben zu erwecken. Herrlich konnte sie schimpfen. In den härtesten Fällen konnten ihre Kanonaden jeden Kutscher in den Schatten stellen, denn das, was sie so flammend beschimpfte, war der Tod selbst, der ihr wie ein wild gewordenes Gespann die Seelen, um die sie sich kümmerte, aus den Händen reißen wollte. Zertrampeln wollte er sie, zu Erde machen wollte er sie, und zu Staub. Er riss Arme und Beine und Augen aus, schlug mit seinen brennenden Hufen überall auf die Körper. Aber Eva gab nicht auf, hielt fest, was noch übrig war, denn man brauchte nicht viel, um ganz Mensch zu bleiben. Ein wenig Trost brauchte man, ein wenig Liebe und manchmal ein ordentliches Schimpfwort.

Die abgetrennten Glieder wurden ans Ufer gebracht und in der Erde begraben. Dies war die Aufgabe des Matrosen Peter Lopatka. Er vermied es aber, den genauen Ort preiszugeben, und wenn er ab und zu gefragt wurde, sagte er: »Ein schönes Plätzchen habe ich ausgesucht, unter einer Weide, oder unter einer Pappel, ihr würdet auch gern dort liegen wollen.«

»Sag uns schon die Stelle, damit wir beim Jüngsten Gericht wissen, wo wir suchen sollen«, meldeten sich jene, die ein Bein oder einen Arm, nicht aber den Humor verloren hatten. Mehr als ein Schmunzeln war aber dem Peter nicht zu entlocken. Als überzeugter Atheist war er gegenüber jeder Art theologischer Anspielung unempfindlich. Er ließ sich sogar gern verspotten. Er gönnte den Krüppeln ihre Scherze, denn in ihnen fand er mehr Trost als in jeder Kirche.

Je länger der Krieg dauerte, desto mehr ähnelte die Donau einem Friedhof, aus dem die Wracks der versunkenen Schiffe wie seltsame Grabsteine herausragten. Zwischen ihnen schwamm die Kulpa, und durch ihren weißen Schornstein mit den zwei roten Kreuzen stieg der Dampf zum Himmel empor. Wie eine Arche schwamm sie zwischen den Ufern, nur dass statt dem lauten Gewirr unterschiedlicher Tiere das Stöhnen und die Schreie der Verwundeten aus ihr erklangen.

Die Donau fror zu, und über das Eis liefen heulend die Wolfsrudel, klagten ihr Schicksal, in alle Ewigkeit und allerorts Feinde zu sein, eine Klage, die jeder verstand. Danach taute der Fluss auf, lebte, war frei, bis das Eis erneut die zwei Ufer aneinanderkettete. Die Jahre vergingen, doch der Krieg dauerte an, denn Zorn, Tod und Wahnsinn waren weder vom Ort abhängig noch von den Jahreszeiten. Sie hoben sie auf und wurden selbst Ort und wurden Zeit.

In Evas Händen waren so viele Leben erloschen und gerettet worden, dass sie jedes Gespür für die Zeit verloren hatte. Sie fühlte sich alt, so alt wie der Fluss. Deswegen schaute sie ungern in den Spiegel, sie hatte Angst, sich eines Tages nicht mehr zu erkennen. Sie war in den Krieg gezogen in der Hoffnung, ihrem Liebsten zu begegnen. Dies war der Augenblick, den sie anstrebte, für den sie lebte, und solange er nicht eintrat, maß sie alles in Ewigkeiten.

Bei einem Aufenthalt in Rustschuk, bei dem bulgarische Offiziere gegen Typhus und Cholera geimpft wurden, lernte Eva Major Zwetan Nedeltscheff kennen. Er war groß gewachsen, hatte in Wien studiert und sprach ein Deutsch, das nicht nur an das Dröhnen, sondern auch an die Effizienz ferner bulgarischer Kanonen erinnerte. Nicht jedes Wort war ein Treffer. Trotzdem erbebte eine Weile ihr Herz und zwang sie, öfters in den Spiegel zu blicken. Mit demselben Arm, in den sie die Impfungen gespritzt hatte, verabreichte er ihr ein paar Stunden später einen Strauß aus Feldblumen.

»Ich liebe Wien und alles, was von dort kommt«, sagte er ihr. Und zum ersten Mal seit zwei Jahren wurden ihre Wangen rot. Am Abend gingen sie am Ufer spazieren. Auf einer Wiese saßen bulgarische Soldaten und sangen.

»Es klingt so traurig«, sagte sie.

»Für sie ist das schon der dritte Krieg. Die meisten sind Bauern. Wenn sie die verwahrlosten Felder anschauen, blutet ihnen das Herz«, sagte er und gab den Soldaten ein Zeichen, nicht salutieren zu müssen.

Er begleitete Eva bis zum Schiff, küsste ihr die Hand, wünschte gute Nacht. Unterwegs hatten sie geschwiegen. Eva hatte den Grillen und den Fröschen gelauscht. Sie zirpten und quakten und mahlten alle Ewigkeiten zu Staub, machten Lust, machten Durst auf diesen Augenblick. Eva lief auf das Schiff, ohne sich umzudrehen, denn sie hatte Angst. Ihr Körper war wieder da, sie fühlte ihn brennen, sie fühlte ihn leuchten unter ihrem Gewand. Würde sie jetzt ihre Kleider zerreißen, würde ihr Geliebter Alois durch jede Dunkelheit hindurch zu ihr finden, oder eben Zwetan. Sie zog sich nicht aus. Sie legte sich angezogen in ihre Koje und wälzte sich lange, bevor sie einschlief.

Wer weiß, wie die Geschichte mit dem bulgarischen Offizier geendet wäre, wenn nicht das Schiff am nächsten Tag abgelegt hätte.

In all den Jahren glaubte sie sich ganz genau an das Gesicht von Alois erinnern zu können. Trotzdem fragte sie sich manchmal, ob sie ihn wiedererkennen würde, wenn er leibhaftig vor ihr erschiene. Denn nichts veränderte einen Menschen so sehr wie der Krieg, und davor hatte sie Angst. Doch sie erkannte ihn.

Es geschah im dritten Kriegsjahr. Kurz nach der Eroberung von Brăila wurde er auf das Schiff eingeliefert. Eva übernahm gleich seine Behandlung. Er hatte eine Schusswunde am Oberschenkel. Sie kannte sich mittlerweile gut mit jeder Art von Wunden aus, und vieles deutete darauf hin, dass diese selbst zugefügt worden war. Während sie die Wunde säuberte und die Stelle verband, hatte sie genug Zeit, um ihn anzuschauen. Er hatte sich nicht verändert. Es waren immer noch dieselben Hände, die sie umarmt, dieselben Lippen, die sie geküsst hatten. Es war dieselbe Brust, auf der sie gelegen war. Alles war ihr so bekannt. Denn das, was vor ihr lag, war ihr Leben. Oh, er war nett und geistreich und charmant, er flirtete sogar mit ihr. Und alles wäre in bester Ordnung, wenn er sie nur erkannt hätte. Das schmerzte Eva so sehr, dass sie sich gleich anderen Verwundeten widmete, um ihren Tränen den Weg abzuschneiden. Ja, sie kannte sich mit Verletzungen aus, aber mit dieser Art von Wunden hatte sie keine Erfahrung. Vielleicht ist es noch zu früh. Ich hatte ja selbst Angst, ihn nicht gleich erkennen zu können, dachte sie und entschloss sich, ihm Zeit zu geben. Aber die Zeit änderte nichts, nicht mal die Anspielungen, die sie machte, taten das.

»So ein fescher Mann wie Sie hat sicher jemanden, der auf ihn wartet«, hatte sie mal eingeworfen.

»Ich bin frei wie der Wind«, lautete seine Antwort. Kühl war dieser Wind, Tränen und Rotz trieb er ihr ins Gesicht, den ganzen Körper brachte er zum Zittern. Na gut, sei jetzt Wind, aber ich werde dich zähmen. Ich lass dich mich noch mal erobern, aber diesmal wirst du bei mir bleiben, denn keine andere wird dich so lieben wie ich, dachte sie.

»Ein Leben lang Frauenröcke heben, das täten Sie gern, was?«, sagte sie.

Dieser Wind hatte einen Brand in ihr entfacht. Doch es war nicht der Brand, der jeden Herbst durch die Äcker zog, um sie zu erneuern und fruchtbar zu machen, sondern ein Brand, der Hab und Gut zerstörte. Und diesen Brand wollte sie ihn spüren lassen. Sie war weiter höflich zu ihm, besuchte ihn oft, aber sie ließ seine Wunde eitrig werden, bis es zum Wundbrand kam.

»Kriege ich bald auch einen Kuss«, fragte immer wieder der Wind.

»Bald«, vertröstete ihn Eva in ihre Aufgabe vertieft. Als sie mit der Entwicklung der Wunde zufrieden war, holte sie den Arzt.

»Betäuben und gleich auf den Tisch legen«, sagte er nur. Zwei Stunden später wurde das rechte Bein von Alois Kozusnik amputiert. Eva verbrachte die ganze Nacht neben seinem Bett. Im Morgengrauen sah sie den Matrosen Peter Lopatka in ein Boot voll amputierter Hände und Beine einsteigen. Irgendwo drinnen lag auch das Bein ihres Geliebten. Lopatka fuhr sie beerdigen, aber Eva dachte, oder sie träumte, das wusste sie nicht mehr so genau, er bringe sie zurück nach Wien. All die Hände, die beim Abschied gewinkt hatten, kehrten heim zu ihren Lieben, und irgendwo drinnen war auch das Bein, das einst Alois zu ihr geführt hatte. Sie überlegte, was sie ihm alles sagen wollte, wenn er zu sich käme. »Du wirst dich auf mich stützen, und so werden wir durchs Leben schreiten. Ich werde dein Bein sein und alles, alles, was du vermisst«, das würde sie ihm sagen.

Aber Alois Kozusnik kam nicht mehr zu sich. Jedenfalls nicht auf diesem Schiff, nicht auf diesem Fluss, nicht in dieser Welt. Alois ruderte gerade durch den Nebel seines Lebens, und immer wieder rief ihn eine Frau vom Ufer eines Flusses, aber wie sie hieß und wie sie ausschaute, konnte er sich nicht erinnern, denn sein Gesicht war schon in dem Schoß einer anderen begraben, der nach Meer roch und Unendlichkeit. Nun steht er nackt, ihre Unterhose wie eine Mütze über den Kopf gezogen, ihrem Mann gegenüber, der nach Satisfaktion verlangt. Da muss Alois lachen, und er hätte länger gelacht, wenn er nicht die ganze Zeit dieses Rollen hören würde. Es ist das Rollen einer Roulettekugel. Es lenkt ihn ab. Es hat ihn immer schon abgelenkt. Von allem hat diese Kugel ihn abgelenkt, von allem, was er in seinem Leben hätte werden können. Wegen dieser Kugel hat er sein Pferd verloren und ist zum Infanteristen degradiert worden. Eine schwarze Stute war sie, Elise hieß sie. Wie sehr er sie geliebt hat. Doch die Kugel rollt weiter und steckt auf einmal in seinem Schenkel. Wenigstens einmal im richtigen Loch, tröstet er sich. Natürlich musste er ein wenig nachhelfen. Warum rollt sie aber weiter? Ich habe ja nichts mehr zu setzen. Seltsam, sehr seltsam. Etwas stößt ihn sanft auf den Rücken. Er dreht sich um. Vor ihm steht ungesattelt Elise und stampft. Er streichelt und küsst sie. Er weint. Aber da ist wieder diese Frau vom anderen Ufer, die ihn ruft. Ja, ich weiß, wer sie ist. Das ist die Frau mit den Steinen unter ihrem Gewand. Eine nette Geschichte war das. Aber wie sie hieß, wie sie aussah … Ist doch egal. Jetzt ist Elise da. Er springt auf sie und gibt ihr einen Stoß mit den Fersen. Seltsam, er spürt nur die linke. Egal, er hat jetzt keine Zeit zum Nachdenken. Die Kugel rollt nicht mehr. Aber ob sie auf Rot oder Schwarz oder gar auf der Null stehen geblieben ist, will er nicht wissen, es interessiert ihn nicht mehr. Er hält sich an Elises Rücken fest und spürt einen immer kälter werdenden Wind. Die Stute schlägt kräftig mit den Hufen, reißt ein Loch, und beide verschwinden ins Nichts. So verließ Alois Kozusnik diese Welt, nachdem er seinen letzten Atem in die Nüstern eines Pferdes gehaucht hatte.

Eva ging an Deck. Es war sehr dunkel. Weder Mond noch Sterne waren zu sehen. Sie schaute ins Wasser. Die Donau hatte die Farbe der Tinte, mit der der Arzt den Todeszeitpunkt eingetragen hatte. 03:13 Uhr. Alles, was die Menschen jemals gedacht und gesagt hatten, hätte man mit dieser Tinte aufschreiben können. Alois’ Leiche wurde auf den Spitalsdampfer Melk gebracht, der für Transporte von Verwundeten zwischen Etappe und Hinterland zuständig war. Nun waren Eva nur der Fluss und der Krieg geblieben, beide unermesslich groß. Und doch kamen ihr beide kleiner vor als die Schuld, die sie mit sich trug.

Um etwas anderes zu empfinden, begann Eva, kantige Steine am Ufer zu sammeln, die sie unter ihrem Gewand an ihren Körper band. Sie schlief auf ihnen, sie arbeitete mit ihnen. Ihre Haut war mit blutenden Wunden übersät, doch irgendwann verstummte ihr Körper gegenüber den Schmerzen, die diese Steine verursachten, als wäre er der Fluss, der über Jahrhunderte an ihnen gerieben und sie jeder Schärfe beraubt hatte. Und anstatt der Haut musste wieder Eva sprechen. Denn die Schuld war noch da, und sie verlangte nach Blut oder Worten. »Ich habe den einzigen Menschen, den ich geliebt habe, ermordet. Ich bin das schlimmste Wesen auf Erden«, redete sie dann zu sich selbst und traute sich keinem in die Augen zu blicken. Sie wunderte sich, dass man sie immer noch Schwester nannte. Doch genau diese Rufe banden sie noch an das Leben. Wenn es etwas gab, das Eva in dieser Zeit ein wenig Trost schenkte, dann waren es die Leben, die sie retten konnte. Deswegen blieb sie bis zum letzten Tag, an dem die Kulpa im Einsatz war, an Bord.

Es war Ende Oktober des Jahres 1918, als der Dampfer Richtung Hinterland fuhr. Während Besatzung, Verwundete und Kranke sich darüber stritten, welche Orte noch zu Österreich gehörten, befreite Eva ihren Körper von den Steinen, die sie so lange begleitet hatten, und warf sie einen nach dem anderen ins Wasser. Danach legte sie sich in ihre Koje und verfiel der Macht eines blinden Schlafes, der sie über achtundvierzig Stunden von der Schwere alles Lichts, alles Sichtbaren, aller Erkenntnis befreite.

Es war im Morgengrauen, als Eva aufwachte. Sie stand auf, zog sich an und ging zum hinteren Teil des Schiffes. Aus dem Fluss stieg Nebel hoch, und sie sah das Wasser nicht. Wo der Dampfer gerade fuhr, wusste sie nicht. Sie wusste nur, dass der Krieg zu Ende war und sich in die Seelen der Überlebenden verkrochen hatte, um weiter an ihnen zu nagen und die schönsten Träume in genau jenen Momenten, wenn man es am wenigsten erwartete, in Stücke zu reißen. Denn Frieden mit seiner Seele konnte nur jeder mit sich allein schließen. Der Krieg war zu Ende, und Eva wusste, dass bald, sehr bald keiner sie mehr Schwester nennen würde. Nun war Eva nur der Fluss geblieben. Einst hatte sie ihn aufgesucht, weil man sie zu Unrecht beschuldigt hatte. Dann waren vier Jahre ihres Lebens auf ihm verronnen, und jetzt starrte sie auf ihn, weil sie sich selbst die Schuld gab. Anscheinend war es egal, ob man beschuldigt wurde oder sich selbst die Schuld gab, ob man durch das Unrecht anderer oder das eigene Recht Qualen erlitt. Letztendlich stand man eines Tages vor demselben Fluss.

»Schenke mir Frieden«, sagte Eva und sprang in den Nebel.

2

Man nannte ihn »den Piefke«. Seine Eltern hatten ihm den Namen Xaver gegeben, aber wie alles, was ihm mal gegeben oder geschenkt worden war, war auch dieser Name verloren gegangen, auf einem der unergründlichen Pfade seines Lebens liegen geblieben, eine wertlose Münze im Staub.

Xaver Kniewasser war in der Wachau zur Welt gekommen, in einem Haus, unter dessen Dach viel mehr Ratten, Mäuse und Fledermäuse als Menschen ihre Erfüllung gefunden hatten. Das Haus lag sehr entlegen. Das nächste Dorf war zwei Kilometer entfernt. Ein Henker hatte es angeblich einst errichtet. Nach seinem Tod hatten auch Menschen anderer Zünfte darin zu leben versucht, manche auch recht gut, aber das Gute war nicht etwas, woran sich die Menschenzunge so schön schärfen ließ. Deswegen berichtete man lieber von denjenigen, die in dem Haus von Wahnsinn oder einem anderen Unglück heimgesucht worden waren, und das tat man so lange, bis die Stätte als verdammt galt. Man erzählte, dass die Seelen aller von dem Henker Hingerichteten manchmal das Haus aufsuchten. Also war das Haus, als Xavers Eltern da einzogen, seit mehreren Jahrzehnten unbewohnt.

Sein Vater stammte aus einer Ortschaft nahe Linz, doch nach einem Erbschaftsstreit mit seinen Geschwistern war er mit seiner Frau auf der Suche nach guten Nachbarn die Donau abwärts gezogen. Da aber gute Nachbarn sehr rar zu sein schienen, besonders für einen armen Fischer, hatte er sich im Jahre 1863 in dieser Einöde angesiedelt. Xaver war das letzte Kind, das seine Frau zur Welt brachte. Davor hatte sie zwei Mädchen und zwei Buben geboren, deren Haare genau wie ihre die Farbe von rostigem Eisen hatten. An seine Brüder hatte Xaver eine sehr vage Erinnerung. Er entsann sich einer Libelle, die sie ihm mal gebracht hatten. Sie waren beide in der Donau ertrunken, kurz bevor Xaver vier Finger gebraucht hätte, um seine Zeit auf Erden anzuzeigen. Er durfte später ihr Gewand und ihre Schuhe tragen, in der Hoffnung, ihr unterbrochenes Leben fortzusetzen, wie sie zu werden, denn er musste sich dauernd anhören, wie gut, gescheit und geschickt sie gewesen seien und welch ein Taugenichts er sei. Doch nach diesem traurigen Vorfall hatte sein Vater entschieden, dass keines seiner verbliebenen Kinder Fischer werden durfte. Die Netze flicken, sie zum Trocknen hängen, das Blei für ihre Gewichte gießen, das durfte Xaver weiterhin, aber wehe, man sah ihn am Fluss spielen, dann hörte sich die Ohrfeige, die seine Mutter ihm verabreichte, wie das Zappeln eines Fünf-Kilo-Karpfens auf einem steinernen Boden an.

Xaver und seinen Schwestern war es verboten, allein auf ein Boot oder ein anderes Schwimmgefäß zu steigen und näher als zwei Meter an jedes Gewässer, wie seicht es auch war, zu kommen, was zur Folge hatte, dass er noch mit sechs Jahren in einem Donauarm das Schwimmen gelernt hatte und auf dessen stillen Gewässern wie kein anderer einen Wäschetrog zu lenken verstand. Auf seine Schwestern war er schlecht zu sprechen, sie waren viel schlauer und gemeiner als seine Eltern. Sie kannten nicht nur alle Tricks, sondern auch die verborgensten Sehnsüchte eines Kinderherzens. Das stärkste Gefühl, das Xaver in der Kindheit von seinen Eltern zu spüren bekam, war ihre Angst um sein Leben. Es hatte in seinem gespenstischen Ausmaß alle anderen unterworfen, und weil sie ihre Liebe und den Wert, den er für sie hatte, mehr durch Schimpfen, Strafen und Schläge als durch Wärme und Zuneigung zu vermitteln wussten, suchte Xaver immer mehr die Nähe des Flusses als die der Menschen.

Der Aufenthalt in der Volksschule bestätigte ihn nur darin. Er wurde von seinen Mitschülern verspottet und ausgelacht. Er lebte in einem Haus, wo sich sonst nur Fledermäuse und Geister trafen, und so einer konnte gar kein richtiger Mensch sein. Das machte sie neidisch, machte sie wütend, und weil keiner von ihnen je den Mut hatte, dieses Haus zu betreten, rächten sie sich an ihm für ihre Ängste. »Er hat ja nur Fische und Würmer im Kopf«, lachten sie ihn jedes Mal aus, wenn er die Antwort auf eine Frage nicht wusste, und deren gab es viele. Einzig das Rechnen hatte er sehr gut in der Schule gelernt, allerdings nicht von der Tafel, sondern durch die Anzahl der Stockschläge, die er im Laufe der Zeit von seinen Lehrern verabreicht bekommen hatte.

Was ihm am besten an der Schule gefiel, war der Weg dorthin, besonders aber der Weg zurück, denn er brauchte jeweils mehr als eine Stunde. Manchmal brachte ihn seine Mutter im Karren, die dann die Fische auf dem Markt verkaufte. Manchmal fuhr er mit ihr zurück. Viel öfter aber ging er allein, und das war die schönste Zeit überhaupt, denn dann konnte er entlang des Flusses laufen, auf dem Eis rutschen, wenn er zugefroren war, und später, als der Dampf, der aus seinem Mund kam, immer zarter und nichtiger wurde, dem Krachen der Eisschollen lauschen, das sich so anhörte, als bestrafte der Wind oder ein anderer genauso umsichtiger Gelehrter den Fluss mit Stockschlägen für alles, was die Menschen nicht wussten. Und wenn es warm wurde, konnte er reinspringen und schwimmen und tauchen und weit und breit nichts hören außer den Schlägen seines Herzens.

Nach der Volksschule wurde Xaver für den Preis eines launischen Maultieres bei einem Schmied zwei Dörfer weiter in die Lehre geschickt. Die ewige Nähe des Feuers hatte alles, was der Schmied jemals an Geist besessen hatte, ausgeräuchert, jedes Gefühl trocken gelegt und sein Herz hart wie einen Ziegel gemacht. Sein Lebenswissen beschränkte sich darauf, dass allein durch Schläge von einem Stück Eisen etwas Besseres und Nützliches werden konnte. Deswegen traktierte er auch Xaver auf dieselbe Art und Weise. Obwohl er sich hauptsächlich von Kraut, Brot und Zwiebeln ernährte und häufiger Prügel als Mahlzeiten bekam, war Xaver nie krank und wuchs heran, einem tief in ihm treibenden, alle Hürden mit sich reißenden Lebensstrom gehorchend. Sein Körper wurde stark, seine Schultern breit, seine Muskeln hart. Nicht mal ein Jahr war vergangen, und er konnte den größten Hammer in der Werkstatt schwingen, als wäre er ein Spielzeug. Denn er war noch ein Kind, der Xaver, dessen Spiele plötzlich unterbrochen worden waren. Deswegen nutzte er jede Möglichkeit, um sie fortzusetzen, und solange er glaubte, dass alles nur ein Spiel sei, war alles gut.

Drei Jahre hatte er gebraucht, bis er merkte, dass das, was der Schmied ihm antat, nicht gut war, dass es nie ein Spiel gab und wenn, dann hatte nur der Schmied seine Freude daran. Xaver verlangte sein Geld. Der Schmied lachte ihn aus. Xaver ergriff seine Hand, drückte seine Finger. »Das ist kein Spaß, Junge, hör auf«, schrie der Schmied. Hier gebe es kein Spiel und keinen Spaß. Das wisse er schon, sagte Xaver. Hier habe es in all diesen Jahren nur Schweiß und Feuer und Prügel und eine ungemütliche Schlafstelle gegeben. Mit dem Feuer spiele man nicht, hieß es. Aber genauso wenig spiele man mit dem Schweiß, mit dem Schmerz und mit dem Schlaf der Menschen. Es habe überhaupt nichts zu spielen gegeben, stellte er fest und drückte weiter, denn zu mehr Wahrheiten war er in dieser Zeit nicht gekommen. Doch es fiel ihm noch etwas ein, das er, weil der Schmied so laut schrie, beinahe vergessen hätte. »Es gibt da auch mein Geld, und jetzt will auch ich damit ein wenig spielen«, sagte er noch.

»Ich habe kein Geld«, behauptete weiter der Schmied, seine Gier war immer noch stärker als der Schmerz. Xaver sagte nichts, denn er hielt sowieso wenig von Worten. Funken waren sie, wie jene, die aus den Dingen, die geschmiedet wurden, flogen, kleine überflüssige Begleiter des Werdens, aber das, was danach blieb, was Bestand und Bedeutung hatte, brauchte sie nicht. Xaver brauchte sie auch nicht, denn aus seinem Wunsch sollte etwas werden. Deswegen machte er sich an die Arbeit. Er fesselte Füße und Hände des Schmieds, steckte ihm einen dreckigen Fetzen in den Mund und bereitete alles vor, um ihn mit Ochsenhufeisen zu beschlagen. Er drückte schon Hufeisen und Nagel an seine rechte Ferse, hob den Hammer, als aus dem Hosenbein des Schmieds Wasser zu fließen begann. Eine Lache bildete sich. Das erinnerte Xaver an den Fluss, den er so sehr vermisste, und stimmte ihn ein wenig milde. Von überall rann das Wasser, aus den Augen des Meisters, von seiner Stirn, seiner Hose. Xaver hätte nie gedacht, dass sein Meister so viel Wasser in sich trug. Xaver zog das Tuch aus seinem Mund. »Ich gebe dir alles Geld, ich gebe es dir«, schluchzte der Schmied. Und wieder war es das Wasser, das ihm geholfen hatte und dank dem er nach so langer Zeit sich wieder glücklich fühlte. Es schien ihm, eine große eiserne Pforte habe sich vor ihm geöffnet und er brauchte nur einen Schritt zu machen, um seinen Platz zwischen all den Farben, Geräuschen und Geheimnissen der Welt zu finden.

Die nächsten Jahre zog Xaver als Handwerksbursche durch die Welt. Für einen Schmied, vor allem aber für einen Mann, der viel Kraft und wenig Anspruch hatte, gab es Arbeit auf jedem Guts- und Bauernhof. Er durchwanderte Böhmen, schmiedete Sensen und Sicheln, lernte den Boden richtig zu pflügen, zu düngen und tschechische Lieder zu singen, deren Inhalt er nicht verstand, aber die sein Herz leichter machten und seine Wege zwischen Dörfern und Städten kürzer. Vor seinen Eltern traute er sich nicht zu erscheinen, zu viel Wasser war aus seinem Meister geronnen, ein Fluss war daraus nicht geworden, aber es reichte, um ihm den Weg zu ihnen für eine Weile zu versperren. Jeder Herr, für den er gearbeitet hatte, bat ihn zu bleiben, aber etwas zwang ihn weiterzuziehen. Eine unsichtbare Macht, die in jedem Korn steckte, es wachsen und treiben und aus der Dunkelheit der Erde zum Licht sprießen ließ, eine Macht, die sein Blut vom Herzen zum Kopf und zu jedem Winkel seines Körpers fließen ließ und der er blind vertraute in der Zuversicht, sie würde auch ihn eines Tages ans Licht führen. So durchquerte er Deutschland, schlief dort, wo die Nacht ihn gerade einholte, verbrachte einen Winter als Schlosser in Cottbus und kam eines Tages nach Rostock. Es war an einem Sonntag Ende Juni, als er das Meer zum ersten Mal sah. Er zog sich aus und sprang hinein. Das Wasser trug ihn viel leichter als das der Donau und schmeckte wie sein Blut, wie sein Schweiß. Dies war also die Unendlichkeit, die ja auch in ihm steckte. Jetzt sah er sie. Er lag in dem Wasser wie ein Kind in den Händen seiner Mutter. Er wurde kleiner und kleiner, konnte weder sprechen noch gehen, nur noch weinen und lachen konnte er, denn er fühlte sich wieder zu Hause.

Nun versuchte Xaver Arbeit auf einem Schiff zu bekommen. Tag für Tag ging er in die Kneipen, wo die Kapitäne saßen und rauchten und tranken, um zwischen zwei Schlucken oder zwei Zügen durch einen Nebel von Tabakrauch und Schnapsdünsten ihre Mannschaften anzuheuern. Tag für Tag stellte er sich vor sie, sagte, er verstehe etwas von Fischen, da er der Sohn eines Donaufischers sei, und Tag für Tag wurde er ausgelacht, so lange, bis er Kapitän Sven Seebrand traf. Er lachte ihn nicht aus, allein deswegen, weil er nie lachte. Er sah ihn nur mit seinen geröteten Augen an, betastete seinen Körper, klopfte mit dem Griff des Löffels, mit dem er gerade eine Fischsuppe schlürfte, all seine Zähne ab, sagte anschließend, mit einem Depp schwimme es sich lustiger, und nahm ihn mit auf sein Schiff. Das Schiff war aus Eichenholz und hieß Helene. Sie waren zu sechst und schliefen in zwei Kajüten. In der einen der Kapitän und der Steuermann, in der anderen Xaver und die restlichen. Sie fischten Hering und Dorsch, Makrele und Schellfisch, Kabeljau und Rotbarsch und viele andere Fische, die Xaver noch nie zuvor gesehen hatte. Sie fischten in der Ost- und Nordsee, sie fischten im Nordmeer bis Island. Ihre Ware verkauften sie gut, denn der Kapitän kannte sich nicht nur mit der Bewegung der Winde, Strömungen und Passagen aus, sondern auch mit der Bewegung der Preise, was oft viel wichtiger war. Sie verdienten gutes Geld, was ihnen die Tür zu jeder Kneipe und zu den Herzen jeder Hafendirne öffnete. So wurde auch Xaver eines Septembertages des Jahres 1893 am Rostocker Hafen von einer Frau namens Barbara angesprochen und wurde fünfzehn Minuten später zum Mann. Zwischen ihren mächtigen Schenkeln, die jede Männerseele zu Staub zermalmen konnten, keuchte er den letzten Atem seiner Unschuld aus und sah jene Sterne, die ihnen auf der Helene sonst halfen, durch die Unendlichkeit des Wassers den richtigen Weg zu finden. Jetzt waren sie da, nah und deutlich. Hatten sie sich vom Himmel so heruntergebeugt, dass sie jetzt auch unter der Decke blinzelten? Oder war das der glitzernde Staub seiner Seele? Sie leuchteten kurz auf, danach waren sie weg. Aber egal was sie waren und woher sie auch kamen, seit diesem Tag konnte Xaver nicht mehr die Sterne anschauen, ohne an Barbara zu denken.

Einmal saßen sie auf dem offenen Meer fest. Sie hatten einen guten Fang gemacht und wollten zurück, aber es gab keinen Wind. Sechs Tage lang blieb es so. Immer ärger wurden die Flüche, immer ängstlicher die Blicke, die man auf den Kapitän richtete. Denn so etwas hatte keiner von ihnen je erlebt. Unruhig wurden alle und reizbar. Nur der Kapitän nicht, weil er so tun musste, als wüsste er alles über das Meer. Aber auch Xaver nicht, der so wenig wusste, dass ihn nichts verwirrte. Jeder Augenblick kam ihm wie ein Wunder vor, und über Wunder dachte man nicht lang nach. Man glaubte an sie oder nicht. Und er glaubte an sein Blut, an seinen Schweiß. Die Situation war auch ihm unbekannt, aber auch die Menschen, mit denen er schon einige Jahre verbracht hatte, schienen ihm von Tag zu Tag unbekannter zu werden. Da entschloss er sich, ein tschechisches Lied zu singen, dessen Inhalt er nicht kannte, das ihm aber passend erschien, um sich auf so viel Unbekanntes einzustimmen. Das machte die anderen noch wilder. Sie schrien ihn an, er solle auf der Stelle aufhören. Einer hob die Hand, wollte ihn schlagen. Den streckte Xaver mit einem Faustschlag nieder, ohne das Lied zu unterbrechen, denn wenn Xaver etwas tat, dann tat er es bis zum Ende, und er liebte dieses Lied so sehr. Es hatte immer sein Herz viel leichter gemacht und den Weg zwischen zwei Orten viel kürzer.

Er wurde schon von den anderen umzingelt. Die ganze Wut, die sie auf das Schicksal hatten, brannte in ihren Augen. Aber das Schicksal sah man nicht. Was sie sahen, war Xaver. Etwas Sichtbares musste immer für das unsichtbare Schicksal einspringen, das der Mensch an seiner statt verwüstete oder anhimmelte. Da mischte sich der Kapitän ein. »Lasst ihn singen, ihr Äser! Wenigstens einer, der die Hosen nicht voll hat«, donnerte seine Stimme. Sie machten einen Schritt zurück, aber ihre Fäuste blieben geballt, denn in ihren Köpfen schlugen sie gerade zu, schlugen fest bis zu seinem Blut, das salzig war wie das Wasser, das sie festhielt. Das Lied war noch nicht zu Ende, als etwas ihre verschwitzten Gesichter abkühlte. Die Fahne flatterte, die Segel bauschten auf. »Wind … Wind«, schrien sie. »Xaver ist ein Hexer! Er kann den Wind rufen. Er hat in einer Sprache, die man noch nie in diesen Längen und Breiten gehört hat, gesungen, und der Wind ist neugierig geworden und ist gekommen, um sie zu hören. Sing, Xaver, sing nur weiter«, riefen sie und liefen an ihre Plätze. Kapitän Sven war kein abergläubischer Mensch. Jedenfalls nicht mehr, als es einem Seemann guttat, doch von dem Tag an traute er sich nicht mehr ins offene Meer zu stoßen, ohne Xaver an Bord zu haben.

In der Zeit, wenn der Winter das Meer ungastlich und das Eis es schwer befahrbar machte, entließ der Kapitän die Besatzung der Helene. Alle gingen nach Hause, um sich für eine Weile der Illusion hinzugeben, dass das Leben viel einfacher und leichter sei, wenn die Erde unter ihren Füßen nicht schaukelte. Alle gingen nach Hause, alle außer Xaver. Er mietete sich ein billiges Zimmer, manchmal war es nur eine Schlafstelle bei der Familie eines Hafenarbeiters, und ging zu Barbara. Wenn gerade ein Freier bei ihr war, wartete er geduldig. Um sich die Zeit zu vertreiben und beide Leben unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen, versuchte er herauszufinden, ob die Anzahl der Stockschläge, die er in seinem Leben empfangen hatte, die der Männer überstieg, die Barbara empfangen hatte. Viel deutlicher aber als das Resultat waren die Schmerzen, die ihm diese Tätigkeit verursachte, sodass er bald damit aufhörte. Dann summte er ein Lied so lange, bis ihm zwei Lippen, zwei Hände und zwei Beine, bis diese eine Barbara mit ihren zahllosen Reizen allein für ihn da war. Sie roch nach dem Meer und konnte das Bett genauso zum Schaukeln bringen wie ein Boot. Bei ihr war Xaver zu Hause, denn richtig zu Hause war er nur auf dem Meer.

Die Jahre vergingen. Xaver verdiente weiter auf der Helene mit der Kraft seiner Hände und mit dem verronnenen Salz seines Körpers sein Brot, sein Bier und seinen Platz in Barbaras Bett. Ein Heringshai, der sich in den Netzen verfangen hatte, hatte ihm drei Finger seiner Rechten bis zur Hälfte abgebissen, doch bald konnte er mit seiner verstümmelten Hand genauso gut anpacken. Alles lief gut, bis sich der Kapitän eine Geliebte in Bergen zulegte. Und diese Frau wurde viel gefährlicher als der Biss manches Haies. Der Kapitän verwöhnte sie sehr, war großzügig mit seinen Geschenken und noch großzügiger mit seinen Versprechen. Je mehr er ihr versprach, desto jünger kam er sich vor. Denn jedes Versprechen bedeutete auch Zeit, Zeit, die man brauchte, um es zu erfüllen. So stand ihm bald ein ganzes Leben bevor, das er noch durchleben konnte, und er genoss dieses neue Gefühl. Aber bald reichte seiner Geliebten nicht mehr das, was das Meer ihnen hergab, und sie verlangte nach mehr. Und sie bekam, was sie wollte, denn wem war nicht jeder Preis recht, egal wie hoch er auch sei, wenn er damit seine Jugend noch mal herbeibeschwören könnte? Der Kapitän ließ das Fischen und begann die unterschiedlichsten Waren zu schmuggeln. Sie schmuggelten nach Dänemark, nach Schweden, nach Finnland und Norwegen. In der tiefsten Dunkelheit oder dem dicksten Nebel schlich die Helene an all den Zöllnerbooten vorbei, als wäre sie ein Gespenst. Oft war man so nah, dass man die Zöllner reden und furzen und rülpsen hörte, und hätte auf der Helene jemand nur geseufzt, hätten sie sie mit ihren Gewehren durchsiebt.

Hatte sich anfangs die Mehrheit der Besatzung unwillig den neuen Plänen des Kapitäns gefügt, meckerte schon nach dem ersten Kurs keiner mehr, und in allen Augen erschien jener Glanz, der sich sonst nur beim Anblick von Edelmetallen oder Steinen zeigte. Denn sie verdienten sehr gut. Nicht mal der große Hafenstreik in Hamburg, der alle Geister aufwühlte, konnte ihrem Unternehmen Schaden zufügen. Er kam ihnen sogar zugute und verdoppelte ihren Gewinn. Zwar verfolgten sie ihn alle voller Anteilnahme, denn mit dem Schweiß, mit dem Schmerz und mit dem Schlaf der Menschen durfte man nicht spielen. Doch lieber hörten sie das Spiel der Taler in ihren Taschen, das immer heller und heller klang. Das Geld durften sie aber noch nicht ausgeben. So war es mit dem Kapitän ausgemacht, damit niemand Verdacht schöpfte. Jeder sollte es verstecken, wo auch immer er wollte, sammeln und seine Zukunft damit planen. Denn das, was sie machten, konnte nicht ewig dauern, vor allem nicht ewig gut laufen. Und wenn es mal vorbei war, sollte jeder von ihnen ein gemachter Mann sein. Die meisten hatten sich entschlossen, wenn es so weit sei, nach Amerika auszuwandern und dort ein neues Leben aufzubauen, und sie vergruben das Geld, vertrauten zum ersten Mal der Erde, dem Gras, das sie an die Uniformen der Zöllner erinnerte. Nur der Steuermann und Xaver brachten ihr Geld, von dem Kapitän beraten, zu einem Hehler in Lübeck namens Ernst Allofs, der ihnen guten Zins versprach. An seine Zukunft dachte Xaver so gut wie nie, denn er beschäftigte sich ungern mit Dingen, die man weder anfassen noch sehen konnte. In den seltenen Fällen, wenn er solchen Gedanken nachhing, verwirrte ihn das so sehr, dass er dann ein tschechisches Lied sang, ein Lied, das jede Entfernung kürzer erscheinen ließ. Und die Zukunft kam näher und näher, und als er aufblickte, war sie wieder nicht weiter als die Luft, die er atmete. Und Xaver fühlte sich wohl.

Eines Tages entließ der Kapitän die Besatzung der Helene und überließ sie ihrer eigenen Zukunft. Das Schiff verkaufte er, denn seiner Geliebten reichten nicht mehr das Geld und die Gegenstände, die er ihr schenkte. Sie wollte etwas anderes. Sie wollte, dass er ihr seine Zeit, seine Tage und seine Nächte schenkte, denn davon hatte sie bis jetzt am wenigsten bekommen. Bevor er nach Norwegen zog, gab er Xaver einen Krakenzahn, den er immer an seinem Hals getragen hatte und der seinen Besitzer, wenn dieser sich etwas sehr stark wünschte, unsichtbar machen konnte. »Haben uns die Zöllner deswegen nicht erwischt?«, fragte Xaver und sah ihn zum ersten Mal lächeln. Sonst sagte er nichts. Er drehte sich um und ging. So verschwand Kapitän Sven Seebrand für immer aus Xavers Leben, dorthin, wo jemand auf die Hälfte seiner Tage und Nächte wartete.

Nun überlegte Xaver, was er mit den verbliebenen Tagen und Nächten seines Lebens anfangen sollte. Und obwohl er gut im Rechnen war, kam ihm ihre Anzahl so undurchschaubar vor, dass er beschloss, sich lieber auf diesen einen Tag und die folgende Nacht zu beschränken. Als Erstes ging er zu Wilhelm Martens in der Kleinen Mönchenstraße, wo er sich rasieren, die Haare schneiden und über alles, was sich in der Stadt ereignete oder bald geschehen würde, erzählen ließ. Denn Wilhelm kannte alle Geheimnisse, alles, was in den Stuben und in den Seelen der Menschen dieser Stadt geschah, als käme einmal in der Woche Gott persönlich zu ihm, um seinen Bart stutzen zu lassen und ihm alles zu offenbaren – außer dass dessen Frau ihn mit dem Versicherungsagenten Leopold Pitz betrog, wahrscheinlich aus Rücksicht auf seinen Propheten. Danach ging Xaver ins Neptun, wo er sich von der Klarheit des Schnapses ein wenig Erleuchtung erhoffte. Und siehe, schon nach dem dritten Glas, als er wieder an seine künftigen Nächte dachte, da tauchte Barbara auf und begann sie mit ihrem Geruch und ihrem Fleisch auszufüllen, bis er wieder die Sterne unter der Decke blinzeln sah und an nichts anderes als an die nächtliche Wiese zwischen ihren mondbleichen Schenkeln denken konnte. Er zahlte und ging.

Barbara war schlecht gelaunt, aber sie ließ ihn rein. Das Geschäft gehe miserabel, sie werde älter, und das noch schneller, wenn man einfach so am helllichten Tage bei ihr auftauche und sie nicht ausschlafen lasse. Sie rief ihn mit den Namen verschiedener Viecher und Reste von ihnen und beruhigte sich erst, als er seinen letzten Lohn aus der Tasche zog. Was sie für eine ganze Nacht und einen ganzen Tag verlange, fragte Xaver ruhig, denn er war ein geduldiger Mensch, der unmittelbar vor seiner eigenen Zukunft stand. »Für dich einen Zehner«, sagte sie, den Blick auf das Geld gerichtet. »Dann will ich dich für ein Jahr haben, oder länger. Solange mein Geld reicht«, sagte er. Danach reichte er ihr die Hälfte des Geldes, das er bei sich hatte. »Kauf uns was Gutes zum Essen und eine Flasche Wein und pack deine Sachen. Ich hole mein Geld. Dann fahren wir von hier weg. Ich werde dich Tag für Tag bezahlen. Bist du einverstanden?«, erklärte Xaver, denn er war nicht nur ein geduldiger, sondern auch ein genauer Mensch. Das Geld in der Hand, setzte sie sich aufs Bett und schaute Xaver an.

»Ich will weit weg von hier.«

»Ist mir nur recht.«

»Nach Amerika.«

»Gut. Ich bin spätestens morgen wieder zurück«, sagte er und ging.

Was Xaver bald sah, waren Felder in der Farbe der Zöllneruniformen, die an ihm vorbeizogen, denn er fuhr mit der Bahn nach Lübeck. Es stellte sich aber heraus, dass ein Herr Allofs nirgends zu finden war. Die Fenster seines Hauses waren zugenagelt, und in seinem Geschäft stand ein Herr mit blauen Augen und angeschwollenen Lippen, der, als Xaver nach Ernst Allofs fragte, gleich androhte, die Polizei zu rufen. Denn seitdem er vor einem Monat das Geschäft übernommen hatte, habe er nur Scherereien. Zuletzt habe ihn ein Steuermann so zugerichtet, der sein Geld von ihm wollte, und er beginne schon dieses Geschäft zu verfluchen, denn mittlerweile habe er mehr blaue Flecken bekommen, als Geld damit gemacht. Deswegen bezahle er auch Max, um endlich Ruhe zu haben. Und Xaver sah dann auch Max, und Max sah Xaver und legte seine schwere Hand auf seine Schulter, damit sie sich ein wenig erhole, denn wer weiß, wie anstrengend die folgende Zeit sein werde und wie viel Kraft sie noch aufbringen müsse. Es war wie die Hand eines Bettlers, nur dass sie mit der Handfläche nach unten gerichtet und trotzdem voll war, voll mit Xaver. Doch sie bat genauso. Nicht um Geld, sondern um ein wenig Vernunft bat sie Xaver und versprach im Gegenzug, ihn unbeschadet der Straße vor dem Geschäft zu überlassen.