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Ein Sommer, der alles verändert Es ist ein goldener Sommer im England der späten 50er Jahre: Die 16-jährige Elizabeth ist begeistert von den jungen Leuten, die sie auf dem Anwesen der Freunde ihrer Eltern in Sussex kennenlernt. Sie erlebt unbeschwerte Tage mit Ausflügen, Picknicks und Partys. Und sie verliebt sich prompt … London, 40 Jahre später. Nach dem Unfalltod ihrer Mutter erhält Adele Harington einen mysteriösen Anruf: Ein Mann spricht von «neuen Spuren» und nennt immer wieder ein Datum. Und dann steht plötzlich eine Fremde vor der Tür und behauptet, Teil der Familie zu sein …
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Seitenzahl: 563
Veröffentlichungsjahr: 2017
Nikola Scott
Roman
Ein Sommer, der alles verändert
Es ist ein goldener Sommer im England der späten 50er Jahre: Die 16-jährige Elizabeth ist begeistert von den jungen Leuten, die sie auf dem Anwesen der Freunde ihrer Eltern in Sussex kennenlernt. Sie erlebt unbeschwerte Tage mit Ausflügen, Picknicks und Partys. Und sie verliebt sich prompt …
London, 40 Jahre später. Nach dem Unfalltod ihrer Mutter erhält Adele Harington einen mysteriösen Anruf: Ein Mann spricht von «neuen Spuren» und nennt immer wieder ein Datum. Und dann steht plötzlich eine Fremde vor der Tür und behauptet, Teil der Familie zu sein …
Nikola Scott ist in Deutschland aufgewachsen und arbeitete dann in den USA und in Großbritannien in verschiedenen Verlagen. Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie in Frankfurt am Main.
Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel «My Mother’s Shadow» bei Headline Publishing Group, London
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2017
Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
«My Mother’s Shadow» Copyright © 2017 by Nikola Scott
Umschlaggestaltung bürosüd, München
Umschlagmotiv Vintage Germany/Karin Schröder
ISBN 978-3-644-20015-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Paul
Dieses Haus hat viel gesehen und gehört. Geheimnisse, die nachts vom Wind davongetragen wurden, sich um Schornsteine und schiefergedeckte Giebel wanden, an Flügelfenstern vorbei und über Kieswege. Geflüstertes, das sich seinen Weg suchte zwischen Rosen und Rhododendren und den Obstbäumen von Hartland. Neue und alte Lieben, den Schmerz eines plötzlichen Todes und die Köstlichkeit verbotener Rendezvous. Mitternächtliches Lachen und sommernächtliche Tränen, alle Träume, die man nur träumen, und alle Welten, die man entdecken kann. Das Haus hat sie bewahrt. Ohne zu fragen, ohne zu urteilen, hat es sie im Schatten seiner Mauern erhalten.
Heute ist Hartland voller Erinnerungen. Der Krieg und die Menschen, die er sich geholt hat, sind in den Köpfen noch lebendig. Es ist noch gar nicht lange her, dass England die düsteren Jahre der Rationierung und der ausgebombten Häuser hinter sich gelassen hat und den unerwarteten Ansturm von Luxus und Süßigkeiten und klimpernder Musik verdauen musste. Aber jetzt scheint die Zukunft leuchtend hell, und so ist es kein Wunder, dass die jungen Leute im Jahr 1958 mit beiden Händen nach dem Leben greifen, dass ihnen in diesem Sommer auf dem Land ganz schwindelig ist von der Aussicht, alles haben zu können.
Oder es ist der Mond, der die Menschen heute Abend so schwindelig macht? Prallvoll und seltsam orangefarben schwebt er am Himmel, ganz dicht über den Ställen, als hätte ihn jemand dort aufgehängt. Man muss ihn nur ansehen, man muss nur das Champagnerprickeln am Gaumen spüren und den berauschenden Duft des Rosengartens einatmen, und schon spürt man ein Ziehen im Bauch, eine leichtsinnige Verrücktheit, die von endlosen Möglichkeiten spricht und davon, sich die Welt zu eigen zu machen. Rundherum wurden Laternen aufgehängt, die in der Abendbrise schaukeln und blinken, als wären es bunte Glühwürmchen, und die Paare wiegen sich zu «Magic Moments» und lachen und rauchen, sitzen auf den niedrigen Mauern der Terrasse und kühlen mit Gimlets und Limonade ihre geröteten Wangen. Eines der jungen Mädchen, die an diesem Abend aushelfen, bleibt stehen, um Krüge und Bowlenschüssel wieder zu füllen, eine neue Platte mit Gebäck hinzustellen, und staunt über diese goldenen jungen Männer und Frauen, die sich auf der Welt um nichts kümmern zu müssen scheinen, nur darum, einen siebzehnten Geburtstag zu feiern, zu bejubeln, dass ein junges Mädchen erwachsen wird.
Zwei Personen jedoch fehlen, zwei haben sich von der Terrasse gestohlen, an einem vergessenen Krockethammer vorbei, der zwischen den Rhododendren liegt, einen Gartenweg entlang und durch die Bäume. Sie haben die Hände auf ihre Münder gepresst, um ihr Lachen zurückzuhalten, und ab und zu erschrecken sie, weil ein herumliegender Ast ihre nackten Waden streift. Die eine Person ist das Geburtstagskind, das in seinem kurzen Leben schon viel Kummer erlebt und noch Schlimmeres vor sich hat. Aber heute Abend hat das Mädchen alle Sorgen und Ängste abgestreift, und tief in seinem Inneren weiß sie, dass das Leben nie wieder so köstlich verboten und wunderbar neu sein wird wie an diesem Sommerabend. Also greift auch sie mit beiden Händen nach dem Leben und hält, wer könnte ihr daraus einen Vorwurf machen, die Hand eines Mannes, der sie seit Tagen anlächelt. Mal ein träges, verträumtes Lächeln, an den Wimpern noch Tropfen vom Meerwasser, mal ein unschuldiges Grinsen, wenn andere zusahen, und heimliche, vielversprechende Blicke, wenn sie für einen kurzen Moment im Rosengarten allein waren. Heute Abend kann sie das Lächeln seiner Augen nicht sehen, dazu sind das Mondlicht und die Glühwürmchenlaternen zu schwach, aber sie spürt ihn nah bei sich, so nah, dass seine Haut an ihrem Arm ganz warm ist und sein Duft sich mit dem von frischgemähtem Gras vermischt und mit den dunkleren, geheimnisvolleren nächtlichen Düften eines Gartens, der nicht gestört werden möchte, nicht mal von einer ersten Liebe, die so dringend ist wie diese. Hier, zwischen den Bäumen im Obstgarten, ist die Luft kühler, und unwillkürlich zittert das Mädchen. In diesem Moment legt er seinen Arm um sie und zieht sie an sich, hebt mit der anderen Hand ihr Gesicht an, und in diesem einen Moment ist das Leben perfekt.
Aber schon jetzt liegt Ärger in der Luft, und das Haus weiß es. Auf die goldene Fassade dieses perfekten Sommers, auf den Glanz dieser berauschenden, wohlriechenden Nacht legt sich ein Schatten. Das Haus hat seine Geheimnisse immer treu gehütet, also wird es auch jetzt nicht preisgeben, was bevorsteht. Und so nimmt es die flüchtigen Erinnerungen an die erste Liebe eines Mädchens in sich auf, um sie für immer sicher zu bewahren.
Der Tod ist eine komische Sache. Nicht wirklich komisch, natürlich, komisch überhaupt nicht, aber seltsam. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, müsste er mit einem Knall kommen, seinen verheerenden Schlag mit Maschinengewehren ankündigen. Stattdessen schleicht er sich an wie ein Dieb, wartet, bis ein allzu eiliger Fuß auf die Straße tritt oder bis diese eine rebellische Zelle in unserem Körper plötzlich beschließt, sich zu multiplizieren. Der Tod beobachtet, wartet auf den Moment, in dem er zuschlägt, und wenn er es tut, wird nichts mehr sein, wie es vorher war.
Trotz der unverhältnismäßigen Furchtbarkeit des Todes habe ich kaum Erinnerungen an den Tag, an dem meine Mutter von einem Lastwagen überfahren wurde. Unzusammenhängende Fetzen, wie die absurde Menge Glas, die der Lastwagen auf die Gower Street schüttete, das verkrampfte Gesicht meines Vaters, als wir auf das Taxi warteten, das uns zu ihrer Leiche fahren sollte; wie meine Schwester Venetia mit der Polizistin stritt, die bestimmt einen Fehler gemacht hatte, machte denn heute niemand mehr ordentlich seine Arbeit?
Das Einzige, woran ich mich noch sehr deutlich erinnere, ist der Moment, in dem man es mir sagte, denn in diesem Moment – ich stand gerade vor dem Kühlregal, in den Händen fünfundsechzig Eier für das Baiser – verschwanden alle Tränen, die ich hätte weinen können, und meine Augen trockneten plötzlich und unerklärlicherweise aus. Und sie blieben trocken, über Wochen, während Gerichtsmediziner ihre Aussagen machten, die Lieblingsrosen meiner Mutter auf ihrem Sarg befestigt wurden und wir dafür sorgten, dass mein Vater jeden Morgen aufstand, drüben in dem großen, jetzt leeren Haus an der Rose Hill Road. Die ganze Zeit vergoss ich nicht eine Träne.
Manche Leute weinen einfach nicht besonders viel, das allein sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, wie sehr man trauert, aber zu diesen Leuten hatte ich nie gehört. Im Gegenteil, ich war ganz besonders gut im Weinen, darin übertraf ich alle. Als ich klein war, weinte ich so schnell und so oft, dass meine Mutter einmal bemerkte, mein Körper müsse zu zwei Dritteln aus Salzwasser bestehen. Mein persönliches Tal der Tränen, sagte sie. Ich weinte, wenn ein Milchzahn aus Versehen im Ausguss verschwand, und ich weinte über weiße Flecken in meinem Rachen, ich hatte Angst vor dem, was sich in meinem Schrank versteckte und unter meinem Bett und auf dem Boden des Swimmingpools. Ich folgte herrenlosen Katzen und sammelte Vogelküken, die aus dem Nest gefallen waren, um dann tagelang um ihr Leben zu ringen.
Du meine Güte, Addie, sagte meine Mutter mit einem Zucken im Gesicht und schob ein Taschentuch in meine Richtung, wenn meine Augen anfingen zu glänzen und meine Kehle versuchte, das Schluchzen zu unterdrücken, das so schwach und unnütz war, obwohl man doch stark sein, die Schultern straffen und weitermachen sollte. Komm schon, Schatz. Guck dir Venetia an, vier Jahre jünger als du, und sie weint nicht. Ich muss ein extrem nerviges Kind gewesen sein, denn vieles, was ich tat, löste bei meiner Mutter dieses Zucken aus. Sie presste ihre Lippen dann aufeinander, bis sie ganz weiß wurden. Wenn ich es kommen sah, versteckte ich mich, meist unten auf der Toilette, wo es immer warm war und nach Mrs. Baxters Lavendelreiniger duftete, außerdem kam dort nur selten jemand hin. An meiner eigenen Wohnung, die ich Jahre später kaufte, liebte ich am meisten, dass sie unten keine Toilette hatte.
Aber jetzt, da ich durch eine perverse Wendung des Schicksals Gelegenheit gehabt hätte zu glänzen, war Mutter verschwunden. Das Äußerste, was ich hervorbrachte, waren ersticktes Schluchzen, krampfhaftes Würgen, um den komischen Kloß zu vertreiben, der dauerhaft in meiner Kehle festzusitzen schien. Es war nicht so, dass ich sie nicht vermisste. Natürlich tat ich das. Wer auf dieser traurigen Welt vermisst seine Mutter nicht, wenn sie nicht mehr da ist? Aber je schlimmer Venetia trauerte, wie es ein Goldkind eben tut, je mehr Gewicht sie verlor, je bleicher und schemenhafter sie wurde, desto trockener wurde es in mir. Das machte mir große Sorgen, bis ich auf den Gedanken kam, dass ich vielleicht genau das tat, was meine Mutter immer von mir erwartet hatte: stark sein und die Schultern straffen. Vielleicht blieben meine Augen so heldenhaft trocken, weil der Drang, das weißlippige Mundzucken abzuwehren, nach vierzig zänkischen Jahren mit meiner Mutter so tief verwurzelt war. Vielleicht gab es tief in meinem Inneren ein kleines Mädchen, das lächelte, weil seine Mutter auf dem Weg ins Grab endlich zufrieden sein würde?
Venetia war seit kurzem schwanger und gefährlich launisch. Sie kam ständig mit homöopathischen Mitteln, im Feinkostgeschäft gekaufter Hühnersuppe und massenhaft ungebetenen Ratschlägen in die Rose Hill Road gerauscht. Ich versuchte ihr, so gut es ging, aus dem Weg zu gehen, denn während sie sich mit ihrer Schwangerschaft und ihrem Trauerberater in den Mittelpunkt drängte, war mein Vater im Seitenflügel sehr still geworden.
Sein einziger Zusammenbruch, zwei Wochen nach der Beerdigung, war vollkommen unspektakulär gewesen. Er war einfach nicht mehr aufgestanden. Als seine Schlafzimmertür an Tag vier um fünf Uhr nachmittags immer noch geschlossen war, fuhren mein Bruder Jas und ich mit ihm zum Arzt und dann ins Krankenhaus, aus dem er eine Woche später so ruhig zurückkam, dass es beinahe unheimlich war. Durchaus erleichtert wandten sich meine Geschwister wieder ihrer eigenen Trauer, ihren jeweiligen Berufen und entstehenden Familien zu. Ich blieb, beunruhigt von dem Ausdruck in den Augen meines Vaters. Es war schwer zu glauben, dass dies derselbe Mensch war, der mir Schach spielen beigebracht hatte, als ich zehn war, der mit einem Tacker, zwei Stiften und einem Locher die Landung der Alliierten nachgestellt hatte, als ich Hilfe bei den Geschichtshausaufgaben brauchte, und der immer bereit war, eine Taschenlampe zu holen und die weißen Flecken in meinem Rachen zu betrachten. Das ist kein Tumor, Adele, da bin ich ganz sicher. Das sind Keime, die mit deinem Körper kämpfen und … mach mal weiter auf … ja, sieht so aus, als hätten deine Antikörper im Moment die Oberhand. Hier, vielleicht hilft ein Pfefferminzbonbon.
Jetzt tauschten wir beim Tee höflich Neuigkeiten über unsere Woche aus oder starrten stumm in den vor sich hin welkenden Garten meiner Mutter. Manchmal musste ich gegen den Wunsch ankämpfen, ihn zu kneifen, richtig fest, einfach, um sicherzugehen, dass er nicht auch gestorben war und nur seinen Körper dagelassen hatte, der aufstand und zur Arbeit ging und danach Tee aus Tassen trank, die er samt Bodensatz im ganzen Haus stehen ließ. Mrs. Baxter, die vier Vormittage pro Woche kam, um ein Auge auf alles zu haben, sammelte sie dann wieder ein. Ich hoffte die ganze Zeit, dass er eines Tages mit zwei Tassen Tee auf mich warten würde, siedend heiß, wie wir es beide mochten. Addie! Da bist du ja. Wie wäre es mit einer Partie Schach mit deinem alten Vater? Ich besuchte ihn also weiterhin, fuhr nach der Arbeit durch den Norden Londons, erst an Sommerabenden, dann in der herbstlichen Dämmerung und schließlich in eiskalten Winternächten, die erneut zu einem schönen Londoner Frühling wurden.
Seit dem Tod meiner Mutter waren zwölf Monate vergangen.
Den Todestag meiner Mutter fürchtete ich schon, bevor Venetia anfing, mit Ideen um sich zu werfen, wie man ihn begehen könnte. Der Kalender, der in der Patisserie-Küche hing, hatte in der Ecke vom 15. Mai einen großen roten Fleck, wahrscheinlich Himbeersoße, der jedes Mal größer geworden zu sein schien, wenn ich von Mrs. Saunders Geburtstagstorte aufsah, und immer wieder musste ich schlucken, um niederzuzwingen, was in meiner Speiseröhre aufstieg.
Venetia wollte, dass sich ein Teil der Familie versammelte – Jas und Mrs. Baxter, Fred, der Bruder meines Vaters, und das Familientreibgut, das sonst noch in der Nähe lebte, um «in der Gesellschaft der anderen Trost zu finden» und «diesen Tag mit Hilfe der engsten Familie zu überstehen». Das war ihrem Trauerberater zufolge ein wichtiger Schritt, um ins fünfte Stadium des Trauerprozesses einzutreten. Extrem optimistisch, wenn man mich fragte, denn mein Vater war noch nicht einmal über das erste Stadium, das «Nicht-wahrhaben-Wollen», hinaus. Obwohl ich normalerweise dazu neigte, den Dingen ihren Lauf zu lassen, insbesondere, wenn Venetia beteiligt war, versuchte ich dieses Mal zu diskutieren. Ich wollte den Tag nicht in unserer großen, hellen Küche verbringen, in der meine Mutter so spürbar abwesend war, und ich war ziemlich sicher, dass es meinem Vater genauso ging. Aber Venetia schmetterte alle Einwände ab, brachte mich dazu, meine Schicht zu tauschen, bestellte bei der Patisserie, für die ich arbeitete, eine obszön große Schachtel Kuchen und sorgte dafür, dass ich rechtzeitig aufbrach, um sie in die Rose Hill Road zu liefern.
Und da war ich nun. Die Tür gab das übliche leise Ächzen von sich, als ich die Eingangshalle betrat und unwillkürlich die Luft anhielt. Aber es war ganz ruhig, in der Ecke tickte wie immer die Standuhr, und es roch, wie es immer roch, nach Büchern und Staub und Mrs. Baxters Lavendelreiniger. An dem alten Garderobenständer zu meiner Rechten hingen Jacken, und mehrere Regenschirme tropften auf die Steinplatten. Die Familie war gerade erst zusammengekommen.
Leise ging ich durch die Halle. Unten aus der Küche drang unterdrücktes Murmeln, dann ein Lachen, aus dem schnell diskretes Hüsteln wurde. Onkel Fred, dachte ich, der Bruder meines Vaters, der mit seinen drei Hunden und einer Sammlung rostiger Autos, an denen er ständig herumbastelte, in Cambridge lebte. Ich versuchte, meinen Vater herauszuhören, aber seine tiefe, etwas heisere Stimme war nicht auszumachen. Er hatte in letzter Zeit mehr gearbeitet denn je, und soweit ich es einschätzen konnte, war sein Sodbrennen viel schlimmer geworden. Ich hoffte, er war gestern wie vereinbart zum Arzt gegangen. Wieder ein fragendes Murmeln, wahrscheinlich Jas, der auf Venetias Geheiß direkt aus dem Krankenhaus hergeeilt sein musste.
Ich stellte mir vor, wie sie alle um den großen Küchentisch herumsaßen. Venetias Trauerberater hatte gesagt, wir sollten den Stuhl meiner Mutter frei lassen, als Zeichen des Respekts. Ich hasste den Trauerberater, der aussah wie eine Leiche und Hamish McGree hieß, und ich hasste die Vorstellung von dem leeren Stuhl mit den geschwungenen Armlehnen, der hohen Rückenlehne und dem Keilkissen, das meine Mutter ihrem Rücken zuliebe unter den Bezug gesteckt hatte. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich sie zuletzt dort hatte sitzen sehen, wie sie stirnrunzelnd die Zeitung las oder abwesend in den Garten schaute, weil sie in Gedanken bei dem war, was an diesem Tag zu tun war. Aber es gelang mir nicht. Ihr Gesicht blieb unscharf, alles, was ich sehen konnte, waren Teile von ihr: ihre Hände, langgliedrig und leicht spitz zulaufend wie meine, oder Haarsträhnen, die nach vorn fielen, wenn sie sich vorbeugte, um in ihren Kaffee zu pusten, den sie am liebsten lauwarm mochte und fast weiß vor Milch. So war es das ganze Jahr hindurch gewesen. Während die Menschen um mich herum sich an lustige Momente, vollständige Gespräche und ganze Nachmittage in ihrer Gesellschaft erinnerten, konnte ich mich nur daran erinnern, wie sie morgens Lippenstift auftrug, wie ihr Mund zuckte, wenn sie ungeduldig war, und daran, wie sie abends, wenn sie fror, die Schultern zusammenzog und sich nach einem Tuch umsah. Erinnerungsfetzen wie Bombensplitter.
Wieder unterdrücktes Lachen, und plötzlich wusste ich, dass ich auf gar keinen Fall da runtergehen würde, zu diesem leeren Stuhl und den anderen. Rückwärts entfernte ich mich von den Stufen, ließ die Kuchenschachtel mit einem matschigen Geräusch auf den Tisch fallen und schlüpfte, mit nasser Jacke, Tasche und allem, durch eine Tür zu meiner Rechten. Ich ließ mich mit dem Rücken an der Wand nach unten gleiten, blieb dort eine lange Weile sitzen und genoss die kühle Dunkelheit vor meinen Pupillen, die den ganzen langen Tag auf den Himbeerfleck vom 15. Mai gestarrt hatten.
Das Arbeitszimmer meiner Mutter. Ich war lange nicht darin gewesen, nicht, seit Venetia und ich ihren Schreibtisch zaghaft nach ihrem Adressbuch durchsucht hatten, um die Todesanzeigen verschicken zu können. Mrs. Baxter schlug hin und wieder vor, dass wir das Zimmer ausräumen sollten, aber Venetia lehnte jedes Mal rigoros ab, und so sah der Raum noch genau so aus wie an dem Morgen, an dem meine Mutter ihn verlassen hatte, um zum letzten Mal ihr Seminar «Schreibweisen junger Autorinnen» zu halten. Auf den Regalen lagen ordentlich nebeneinander Bücher, Hefter und Papiere, nur hier und da wagten sich Post-its hervor, in einer alten Tasse, die zu gut war, um weggeworfen zu werden, standen ihre stets angespitzten Bleistifte. Da war ihr Telefon, senfgelb und noch mit Wählscheibe, und an der Wand ragte ihr riesiger Sekretär auf, mit Schubladen und Ablagefächern und Schachteln, die wir ihr zu Weihnachten und zum Geburtstag geschenkt hatten, weil wir wussten, wie gern sie alles ordentlich wegräumte.
Sie war jeden Abend hier gewesen, um an Vorlesungen zu arbeiten, Hausarbeiten, Manuskripte oder Zeitung zu lesen. Sie las die Zeitung mit beinahe religiösem Eifer, jeden Abend, ob wir wach waren oder schliefen, mit Windpocken im Bett lagen oder in der Stadt unterwegs waren. Wenn ich sah, wie sie die Zeitung auseinanderfaltete und den gesamten Schreibtisch damit bedeckte, wünschte ich mir oft, dass sie mich auch nur halb so aufmerksam ansähe. Aber mit meiner Mutter und mir war es schwierig. Das war meine Schuld, wirklich, ich war zu weich, war es immer gewesen. Ich setzte mich nicht auf den Fahrersitz des Lebens, ich straffte die Schultern nicht genug. Meine Mutter war nicht weich, und sie war auch nicht schwach, sie war wie ein hartes, glänzendes Juwel, und egal, wie sehr wir es miteinander versuchten: Mein weiches Ich, das unbedingt gefallen wollte, und ihr brillantes Ich gerieten immer wieder aneinander, unaufhaltsam, als würde man eine Katze gegen den Strich streicheln.
So war das mit meiner Mutter und mir.
Ich weiß nicht genau, wie lange ich da auf der Schwelle zu ihrem Zimmer stand und den Geruch von Büchern und Entschlossenheit einatmete, das Wesen meiner Mutter; wie lange ich auf Tränen wartete und mir eine kleine gute Erinnerung an sie wünschte, wenigstens an diesem Tag.
Irgendetwas musste geschehen, und es geschah auch etwas.
Das Telefon klingelte.
Für eine Sekunde erstarrte ich. Dann klingelte es erneut, und als ich in der Halle das Echo des Hauptanschlusses hörte, hechtete ich zum Schreibtisch und schnappte mir den Hörer.
«Ja?», flüsterte ich und blickte nervös zur Tür. Wenn ich irgendwas ganz sicher nicht wollte, dann im dunklen Arbeitszimmer meiner Mutter angetroffen zu werden, obwohl ich eigentlich den anderen beim Trauern Gesellschaft leisten sollte.
«Mrs. Harington?»
Da ich den Hörer fest an mein Ohr gepresst hielt, klang die Stimme am anderen Ende unverhältnismäßig laut. Ich unterdrückte einen Schrei und riss mir den senffarbenen Telefonhörer vom Ohr, der klappernd auf dem Schreibtisch landete.
«Mrs. Harington? Sind Sie noch dran?», quakte es aus dem Hörer. Ein Mann, der langsam und mit rauer Stimme sprach. Reflexartig öffnete ich den Mund, obwohl es diese Mrs. Harington nicht mehr gab.
«Entschuldigung, ja, was war das denn?», sagte ich zögernd, blickte erneut zur Tür und räusperte mich.
«Ich weiß, dass Sie auf diesem Anschluss eigentlich nicht angerufen werden möchten», sagte die Stimme am anderen Ende, «aber Sie sind in den letzten Wochen nicht an Ihr Handy gegangen. Ich habe mich gefragt, ob die Nummer noch stimmt. Es ist seit längerem nichts reingekommen, also habe ich mich nicht gemeldet, genau, wie Sie es wollten. Aber dann kam aus heiterem Himmel ein ziemlich interessanter Brief, den ich Ihnen gern zukommen lassen würde. Da Sie ja aber darum gebeten haben, ohne Vorwarnung nichts geschickt zu bekommen …»
Mrs. Harington ist nicht da. Sag ihm das, Addie.
«Ein Brief?», sagte ich zu dem Fremden, der meine tote Mutter angerufen hatte.
«Ich bin nicht ganz sicher, vielleicht ist er auch nur eine weitere Sackgasse, aber …» Er hielt einen Moment inne. «Die Verbindung ist leider nicht besonders gut, deshalb fasse ich mich kurz, wenn Sie erlauben. Aber ich schicke Ihnen den Brief bald. Am vierzehnten Februar scheint jedenfalls –» Es knisterte in der Leitung.
Am vierzehnten Februar? Ich runzelte die Stirn und wollte gerade die naheliegendste Frage stellen, als ich noch andere Geräusche hörte. Das verräterische Quietschen der Küchentür, dann Schritte in der Halle.
«Es tut mir leid» flüsterte ich ins Telefon, «ich muss auflegen. Entschuldigen Sie bitte. Ich melde mich wieder», fügte ich noch hinzu.
Als ich auflegte, wurde mir klar, dass ich weder die Nummer noch den Namen dieses Menschen kannte. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was er wollte. Hatte er wirklich gesagt «am vierzehnten Februar»? Das war seltsam, denn … aber was sollte er schon über die Bedeutung des vierzehnten Februars wissen? Und wer war er überhaupt? Ich betrachtete skeptisch das Telefon. Mrs. Baxter würde es wissen. Sie musste ich fragen.
Stimmen in der Halle. Schuhe auf Steinplatten, Absätze, die ins Bad klackerten und wieder rauskamen, das Ächzen der Haustür.
«Dann bis bald!» Das war Jas’ Stimme hinter der Wand. «Soll ich dich bis zum Bahnhof mitnehmen, Onkel Fred? Ich muss zurück ins Krankenhaus.»
«Ich hab keine Ahnung, wo Addie ist. Sie hat doch gesagt, sie würde kommen.» Es lag eine Schärfe in Venetias Stimme, die mich erschaudern ließ, wenn ich an den unausweichlichen Moment dachte, in dem sie mich finden würde.
Schließlich wurde es still, und ich lauschte angestrengt. Vielleicht war auch Venetia gegangen und überließ es jemand anderem, die Küche aufzuräumen, vielleicht konnte ich herauskommen und die Kuchenschachtel, Mrs. Baxter und meinen Vater suchen. Als Tagesangebot hatten wir heute Biscuit Roulé gehabt, und ich hatte fünf extrem fluffige Bisquitrollen gemacht, gewürzt mit Vanille und gefüllt mit rubinroten, aromatischen Himbeeren. Ein paar Scheiben davon hatte ich auch in die Schachtel gelegt, denn am Ende eines langen, anstrengenden Tages gab es nichts Besseres als eine Tasse von Mrs. Baxters goldenem Oolong und ein mit Himbeersahne gefülltes Stück himmlische Biscuit Roulé.
Mein schwarzer Whistles-Beutel lag auf dem Boden. Die Jacke, die ich auf den kleinen Sessel geworfen hatte, als das Telefon klingelte, war zu Boden gerutscht und hatte ein paar Münzen über den Boden verstreut, kleine unordentliche Inseln in dem sonst so aufgeräumten Zimmer. Schnell ging ich in die Hocke, um sie zusammenzuschieben, und ich wollte mich gerade wieder aufrichten, als ich unter dem Schreibtisch etwas entdeckte. Ganz hinten, zwischen den Tischbeinen, lag die Handtasche meiner Mutter.
Ich sah sie einen Moment lang an, dann streckte ich die Hand aus, und ehe ich es mir anders überlegen konnte, hatte ich sie hervorgeholt. Es war eine Hermès-Tasche, graphitgrau, auf elegante Weise stabil und vintage – inzwischen jedenfalls, in den frühen Siebzigern, als meine Mutter sie gekauft hatte, noch nicht. Sie hatte sie von ihrem allerersten Preisgeld bezahlt, das sie für einen Text über die Zeitgenossinnen von Jane Austen bekommen hatte. Ich strich über das genarbte Leder der Tasche. Natürlich war sie hier. Niemand hatte sie angerührt oder weggeräumt oder sonst irgendetwas verändert. Mein Vater schlief immer noch auf der rechten Seite des Bettes, neben sich ihr bezogenes Bettzeug, ihr Buch aufgeschlagen neben dem Lampenfuß. Venetia begegnete dem Leben im Allgemeinen und meinen vielen Unzulänglichkeiten im Besonderen zwar eher barsch, aber wenn es um unsere Mutter ging, war sie sehr sentimental, und am liebsten hätte sie das ganze Arbeitszimmer für alle Ewigkeit in Frischhaltefolie gepackt. Die Gartenhandschuhe meiner Mutter, die für immer die Form ihrer Hände angenommen hatten, hingen immer noch über dem Eimer, und Die Blütezeit der Miss Jean Brodie lag, angeschwollen vor Feuchtigkeit, unter dem U-Rohr des Waschbeckens im oberen Badezimmer; wir hatten ihren Mantel am Garderobenständer in der Halle hängen lassen, und in der Dusche stand noch ihr Shampoo. Irgendjemand sollte sich bei diesem Trauerberater beschweren.
Ich stellte die Tasche auf den Schreibtisch. Sollte es jemals so weit kommen, dass wir ihre Sachen wegräumten, würde Venetia wahrscheinlich die Hermès-Tasche an sich nehmen. Sie und meine Mutter hatten denselben schlichten, dezenten Schick; beide liebten es, sich schön zu machen, und beide liebten all die kleinen Annehmlichkeiten, die einem den Tag versüßten. Venetia hatte die Geschenke für unsere Mutter mit schlafwandlerischer Sicherheit ausgewählt, und meine Mutter liebte mit ebensolcher Sicherheit alles, was sie von Venetia bekam.
So seltsam es war: Meine Mutter und ich sahen uns viel ähnlicher als sie und Venetia. Wir waren beide klein und kompakt, hatten eine schwer zu pflegende Wolke dunkler Locken und über einer kleinen Nase leicht schräg stehende graue Augen, die weit auseinanderlagen. Aber ansonsten waren wir so unterschiedlich, wie man nur sein kann: Als Konditorin musste ich unförmige Schürzen und Haarnetze tragen, ich hatte verschrammte Hände, und meine Kleider waren klebrig von Fondant und Blaubeerfüllung. Meine Mutter dagegen kümmerte sich sorgfältig um ihre Kleidung, vielleicht weil sie als junge Frau niemals viel Geld gehabt hatte, und obwohl ich immer versuchte, mich für sie herzurichten, entdeckte sie unweigerlich jeden Riss in meinem Ärmel oder den Mehlstaub, der sich auf meinen Rücken verirrt hatte, und missbilligte meine Nachlässigkeit.
Die Hermès-Tasche war eine seltene Ausnahme. Als wir sie kaufen gingen, war Venetia unterwegs im Buggy eingeschlafen, und ich half dabei, sämtliche Mitbewerber auf dem Verkaufstisch aufzureihen, ich bewunderte die vielen Innenfächer, mit denen man Ordnung halten konnte, und ich wies darauf hin, dass Grau sich als praktischer erweisen würde als helles Beige. Bald darauf lernte Venetia laufen und sprechen und andere erstaunliche Dinge, und als ich zehn war und sie sechs, hatte sie meine Mutter mühelos und vollständig in Beschlag genommen. Und meine Mutter, die mit mir immer so ungeduldig war und so viel Energie darauf verwandte, dass ich die Schultern straffte und nicht so ziellos herumeierte, strebte bereitwillig Richtung Venetia, die schnell und entschlossen und selbstsicher war. Ich brauchte eine Weile, um diese Tatsache zu begreifen und zu akzeptieren, und dann noch eine kleine Weile, bis ich aufhörte, mich mit meiner schlauen Schwester messen zu wollen, die Architektin wurde und nördlich vom Regent’s Park ihr eigenes kleines Büro eröffnete. Als dann Jas, der mit wilder Entschlossenheit und einem Stethoskop in den Händen zur Welt gekommen war, Londons jüngster Handchirurg aller Zeiten wurde, hörte ich ganz auf, mit meinen Geschwistern zu konkurrieren, und widmete mich ausschließlich meinem eigenen bescheidenen Leben als Konditorin in einer neuen kleinen Patisserie in Kensington. Die ganze Welt hätte ihr offengestanden, und was wird sie? Bäckerin, hörte ich meine Mutter mehr als einmal zu meinem Vater sagen. Irgendwann hörte ich also auch damit auf, zum sonntäglichen Mittagessen Kuchen, Kekse und Brot mitzubringen, denn das erinnerte sie nur daran, wie weit mein mittelmäßiger Beruf hinter ihren Erwartungen zurückblieb.
Ich zögerte eine Sekunde, dann nahm ich die Hermès-Tasche und hängte sie mir über die Schulter. Meine Mutter hatte danach noch andere Taschen gekauft, aber auf diese war sie immer wieder zurückgekommen. Sie erinnert mich daran, wie weit ich es gebracht habe, sagte sie einmal, und immer wenn ich sie an ihrem Arm hängen sah, verspürte ich ein lächerliches kleines Glücksgefühl, als hätte der Nachmittag, an dem wir sie ausgesucht hatten, mich zu ihrer Komplizin gemacht. Deshalb wollte ich sie so gern behalten. Ich konnte Venetia auch einfach fragen, ob es ihr recht wäre …
Schritte und ein ärgerliches, lautes Räuspern verkündeten, dass Venetias Erscheinen unmittelbar bevorstand. Im selben Moment, in der Zehntelsekunde, ehe die Tür aufging, beschloss ich unerklärlicherweise, die Handtasche meiner Mutter vor meiner Schwester zu verstecken. Ich schob sie hinter mich und griff nach meiner Jacke, um sie damit zu bedecken.
«Adele.»
Venetia betrachtete mich durch ihre Hornbrille. Sie hatte das Haar zum Pferdeschwanz gebunden und war mit Ausnahme einer vollkommen runden Kugel, die aussah, als hätte sie sich einen großen Basketball unter ihr teures Umstandskleid geschoben, so dünn und hohläugig, dass ich Schuldgefühle bekam, vor der Familienversammlung geflohen zu sein. Ich schob die Hermès-Tasche noch weiter nach hinten, tastete ungeschickt nach meinem großen Whistles-Beutel und hängte ihn an meinen anderen Arm.
«Es tut mir so leid, Vee, ich weiß nicht, ich war so …» Ich bemerkte das ungeduldige Zucken um ihren Mund und hörte automatisch auf zu quasseln. «Wie geht es Dad?»
«Er hätte heute Gesellschaft brauchen können, und ich hätte Hilfe brauchen können. Mal abgesehen von den Kuchen, für die ich ein Vermögen bezahlt habe», blaffte sie.
«Vee, es tut mir leid …» Ich wollte sie an der Schulter berühren, aber sie wandte sich stirnrunzelnd um.
«Was machst du überhaupt hier? Ich dachte, wir hätten uns geeinigt, erst mal alles so zu lassen?»
Ich wollte schon nicken, als ich plötzlich sagte: «Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee, ihre Sachen wegzuräumen? Vielleicht muss Dad nicht andauernd an sie erinnert werden.»
Venetia sah mich finster an. «Ich sage dir doch, Addie, wir sind noch nicht so weit. Du weißt doch genau, dass es für Dad viel zu früh ist.»
Woher wollte sie eigentlich wissen, wer so weit war und wer nicht, wenn sie immer nur kurz auftauchte, um Hamish McGrees fragwürdige Weisheiten und noch viel fragwürdigere Hühnersuppe zu verteilen?
Ich sah weg, und sie sagte: «Komm, wir essen was von deinem Kuchen», und ging vor, die einzige Frau, die noch kurz vor der Entbindung auf acht Zentimeter hohen Absätzen laufen konnte.
Ich zögerte. Den Impuls, die Hermès-Tasche zu nehmen – na gut, ich nenne es beim Namen: zu stehlen –, bedauerte ich jetzt schon, aber es gab keine Möglichkeit, sie zurückzustellen, ohne die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass ich sie vorher genommen hatte. Nicht dass ich kein Anrecht darauf hätte, aber Venetia war in solchen Dingen komisch. Sie wandte sich um und fragte: «War das vorhin das Telefon?»
«Ja, also, das war –» Ich überlegte, denn was war es eigentlich gewesen? Ein Fremder, der meine Mutter anrief? Ich, die tat, als wäre ich sie?
«Äh, das war nichts. Nur eine Umfrage.»
Nervös, weil mir die Lüge so leicht über die Lippen gegangen war, schob ich Venetia vor mir her Richtung Wohnzimmer, wobei ich die Hermès-Tasche tief in meinen großen Beutel stopfte. «Weißt du, ob Dad gestern beim Arzt war? Er hatte einen Termin.»
«Einen Termin? Warum? Mach die Tür zu, ja?» Venetia hatte die Hände auf ihre Babykugel gelegt, unter dem Kleid stachen die Schulterblätter hervor.
«Er hatte wieder Sodbrennen.»
«Nein, weiß ich nicht. Er hat nichts gesagt.»
«Hast du ihn gefragt? Von selbst sagt er nichts.»
«Adele, ich wusste ja nicht, dass er einen Termin hat, wie hätte ich da fragen sollen?»
Ehe wir dieses extrem ergiebige Gespräch fortsetzen konnten, ging am Fuß der Stufen die Küchentür auf, und Mrs. Baxter erschien, dicht gefolgt von meinem Vater, der eine Teetasse in der Hand hielt.
«Addie!» Mrs. Baxters Gesicht hellte sich auf, und sie stürmte auf mich zu und drückte mich mit einem Arm an sich, in der anderen Hand ihre Tasche und eine Schachtel Zigaretten. «Wir dachten schon, du wärst uns abhandengekommen. Wie geht es dir, Liebes? Sehen Sie mal, wer wieder aufgetaucht ist, Mr. Harington.»
Den Arm immer noch um meine Schultern gelegt, drehte sie mich zu meinem Vater, der gehorsam «Addie» sagte und dann hinzufügte: «Wir haben uns schon gefragt, wo du bist.»
Mrs. Baxter drückte noch einmal liebevoll meine Schultern. «Wie schön, dich zu sehen, Addie, Liebes. Ich wollte gerade gehen, damit Mr. Baxter sein Abendessen bekommt. Aber ich kann auch bleiben und uns noch eine Kanne Tee kochen?»
Mein Vater sah sehnsüchtig auf seine Tasse, die er offensichtlich an einen Ort hatte mitnehmen wollen, an dem er für sich war, und ich sagte schnell: «Schon gut, Mrs. Baxter, ich komme gerade aus der Konditorei. Tut mir leid, dass ich so spät bin, aber … Wie geht es dir, Dad?»
Ich umarmte ihn nicht, wir waren keine Familie, die sich küsste und umarmte oder sich überhaupt viel berührte. Stattdessen musterte ich verstohlen sein Gesicht, um zu sehen, ob er oft schluckte, was auf Sodbrennen hinweisen würde, oder ob die Furchen um seine Augen tiefer waren als sonst, was bedeuten würde, dass er wieder nicht hatte schlafen können. Als junger Mann hatte er Kricket gespielt, «die Hoffnung seines Dorfes auf nationalen Ruhm», wie seine Mutter immer gesagt hatte, und egal, wie sehr er trauerte, wie wenig er aß und wie viel zu viel er arbeitete, seinen stabilen Schultern und seinen langen Schritten würde es nichts anhaben. Aber wenn man genauer hinsah, schien er in den letzten zwölf Monaten geschrumpft zu sein, und sein Gesicht wirkte irgendwie durchscheinend.
«Ich war gerade auf dem Weg nach oben», sagte er, beide Hände um seine Teetasse gelegt. «Ein paar Papiere durchsehen.»
«Aber du musst doch bestimmt nicht arbeiten, heute doch nicht», sagte ich besorgt.
«Lass ihn doch, Addie», sagte Venetia mit einem missbilligenden Hrmpf in Richtung eines nassen Regenschirms, den jemand auf den Tisch in der Halle gelegt hatte. «Jedem das Seine, weißt du.»
Ich ignorierte diese himmelschreiende Scheinheiligkeit, hatte sie an mir doch ständig irgendwas auszusetzen, und überlegte, was ich zu Dad sagen konnte, das nichts mit meiner Mutter zu tun hatte. «Wie, äh, war es denn gestern beim Arzt?»
Einen Augenblick lang wirkte er ratlos. «Ach, den Termin musste ich absagen, ich hatte im Büro so viel zu tun. Walker war krank, und ich musste statt seiner die Sitzung leiten. Aber es zwickt auch nur ein bisschen, kein Grund zur Sorge.»
«Dad», sagte ich genervt. «Es dauert Wochen, bis man einen Termin beim Spezialisten bekommt. Jas hat alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt.»
«Addie, es geht mir gut.» Er klang ärgerlich, und ich hörte Mrs. Baxter neben mir leise seufzen, weil es meinem Dad immer «gut»ging, egal, was war. Manchmal verstieg er sich zu einem «wirklich gut», manchmal zu einem «gut, wirklich»; gelegentlich war es «gut gelaufen», und wenn er mal richtig jubelte, war «alles gut».
«Dann gehe ich mal», sagte sie resigniert. «Wenn Sie sicher sind, dass es Ihnen gutgeht, Mr. Harington.» Sie hob ihr Päckchen Zigaretten zum ironischen Salut. «Dann sehen wir uns morgen?»
«Ja, natürlich. Danke für alles, Mrs. Baxter. Grüßen Sie Ihren Mann von mir.» Es war spürbar, wie gerne mein Vater verschwinden wollte, und er hatte schon den Fuß auf der untersten Stufe, als er stehen blieb, sich mir zuwandte und sehr leise, sodass niemand anders es hören konnte, sagte: «Geht es dir denn gut, Addie? Heute, meine ich?»
Er sah mich direkt an, und in seinen Augen standen plötzlich Liebe und Einsamkeit und eine derartige seelische Qual, dass ich instinktiv einen Schritt nach vorn machte, um mich ihm in die Arme zu werfen, so, wie ich es als kleines Mädchen getan hatte. Aber im selben Moment hörte ich ein Rascheln und einen durchdringenden Schrei von Venetia, als Mrs. Baxter versuchte, den vergessenen Regenschirm auszuschütteln, der sich plötzlich öffnete und dabei beinahe Venetias Bauch aufspießte. Mein Dad, dem wohl klarwurde, dass menschlicher Kontakt jeder Art ihn zwingen würde, wieder Teil der Welt zu sein, zog sich sofort zurück und räusperte sich verlegen.
Ich hielt in der Bewegung inne. «Mir geht’s gut, Dad, mir geht’s ganz gut.»
Du meine Güte. Wann würden wir endlich aufhören zu behaupten, es ginge uns gut?
«Na, jedenfalls schön, dass du gekommen bist.» Er klang, als wäre er ganz woanders. «Sehen wir uns denn morgen?»
«Ja, Dad. Hab einen schönen Abend.»
Die Teetasse immer noch fest in den Händen, ging er die Treppe hoch. Ich hörte eine Tür auf- und dann zugehen, und weg war er.
Ich sah, dass Mrs. Baxter, die neben mir stand, ihn ebenfalls beobachtete, die Hände in den nassen Falten des Regenschirms. Als sie merkte, dass ich sie ansah, schürzte sie die Lippen und schüttelte den Kopf.
Venetia inspizierte unterdessen ihren Bauch. «Mrs. Baxter, wie konnten Sie nur? Direkt neben dem Baby. Was, wenn –»
Aber wir erfuhren nicht mehr, was genau der Regenschirm ihrem ungeborenen Kind hätte antun können, denn in diesem Moment waren auf den Stufen vor der Haustür Schritte zu hören. Wir drehten uns alle gleichzeitig um und warteten auf die Klingel, aber die Schritte entfernten sich wieder, nur, um dann wieder näher zu kommen.
Ich sah Venetia an.
«Ich wette, es ist Onkel Fred, und dieser infernalische Schirm gehört ihm», sagte sie düster. Sie riss die Tür auf und wollte ihm gerade den Regenschirm entgegenschleudern, als sie sah, dass der Besucher gar nicht der dicke, bärtige und lustige Onkel Fred war.
Sondern eine Frau.
Ihre Silhouette stand im Gegenlicht des Nachmittags, leicht vorgebeugt, um den Tropfen auszuweichen, die von der Glyzinie herunterfielen. Sie war groß und dünn, und ihr Gesicht schien im Wesentlichen aus Kanten und scharf hervorstehenden Wangenknochen unter grauen Augen zu bestehen. Ihre Haut war blass, und das Haar hatte sie so streng zurückgenommen, dass es an ihrem Gesicht zu ziehen schien. Ich hatte sie noch nie gesehen.
Einen Moment herrschte Stille. Ich wartete darauf, dass Venetia die Frau begrüßte. Ich nahm die Kuchenschachtel und wollte gerade damit nach unten gehen, als ich Venetia in ungeduldigem Ton sagen hörte: «Ja? Können wir Ihnen helfen?» Sie trat von einem Fuß auf den anderen und hatte sichtlich den dringenden Wunsch, sich hinzusetzen.
Die Frau sah von Venetia, mit ihrem Bauch und dem Schirm in der Hand, zu mir mit meinem ausgebeulten Beutel und der großen Schachtel mit den fröhlichen rotweißen Streifen und dem Emblem der Patisserie Grace.
«Ja, das können Sie», sagte die Frau, und ihre Stimme klang, verglichen mit den scharfen, symmetrischen Linien ihres Gesichts, unerwartet melodisch. «Das heißt, ich bin nicht sicher. Ich hoffe es.» Wieder sah sie Venetia und mich an, dann gab sie sich sichtlich einen Ruck.
«Es tut mir leid, dass ich so hereinplatze, aber ich suche Mrs. Harington. Elizabeth Sophie Harington. Sie hieß mal Elizabeth Sophie Holloway. Ob ich wohl mit ihr sprechen könnte?»
Ich zuckte zusammen. Das war schon das zweite Mal, dass jemand Fremdes nach meiner Mutter fragte, die heute vor einem Jahr gestorben war.
Als sie unsere starren Gesichter sah, zögerte die Frau nur eine Sekunde, dann sprach sie weiter, presste die nächsten Sätze schnell hervor, sodass die Worte durcheinanderpurzelten: «Ich glaube, dass sie … also, ich habe herausgefunden, dass … Elizabeth. Wissen Sie, sie ist meine Mutter.»
Heute habe ich ein neues Tagebuch gekauft. Mr. Clark hatte eine neue Farbe da: Mattrosa. Er hat mir das Schloss und die Blumen auf einigen Seiten gezeigt und zwinkernd gesagt, es wäre perfekt für eine junge Dame wie mich. Er meinte es sicher nett, aber ich habe stattdessen das dunkelgraue, fast schwarze gekauft, denn ich weiß sehr gut, dass dies kein Jahr von der mattrosa Sorte werden wird. Außerdem habe ich das mit dem etwas festeren Papier genommen, auch wenn es teurer war, weil ich so das Gefühl habe, dieses Jahr festeres Papier zu brauchen. Dickes, durstiges Papier, das alle Gedanken und Tränen und all die schrecklichen Dinge aufsaugt, die bei mir zu Hause passieren.
Auf dem Nachhauseweg im Schulbus habe ich meinen Namen vorne reingeschrieben, wie ich es immer mache, Elizabeth Holloway, und das Jahr: 1958. Und dann wurde mir plötzlich klar, dass am Ende dieses Buches, wenn alle Seiten voll sind, meine Mutter tot sein wird. Gestorben, von uns gegangen. Sie wird begraben sein. Sie wird nicht mehr da sein.
Die dumme Mrs. Farnham hat es neulich beim Schlachter Schwindsucht genannt und gesagt, ich soll ihr nicht zu nahe kommen, sonst wären wir bald alle ausgelöscht. Ich hab sie in der Schlange stehen lassen, obwohl ich eigentlich Knochen und Hühnerfüße für Mamas Brühe holen wollte. Ich ertrage so dumme Leute nicht, und ich weiß auch nicht, was meine Mutter sie überhaupt angeht, außerdem ist es keine Schwindsucht. Ich habe an der Tür gelauscht, als die Schwester da war, und dann habe ich in der Schulbücherei nachgeschlagen, und ich weiß genau, was es ist. Eine Wucherung in ihrer Lunge. Bestimmt liegt das an den Wintern mit dem üblen Nebel, in denen alle husten, bis es Frühling wird. Nur dass Mum auch den ganzen Sommer durch gehustet hat und den nächsten nebligen Herbst hindurch und dann noch einen Winter, bis es war, was es jetzt ist. Eine unheilbare Wucherung. Krebs, haben sie gesagt, als sie dann im Krankenhaus war. Schlicht und einfach unheilbar, so schlicht und einfach wie tot und begraben und nicht mehr da.
Mein Vater spricht nicht darüber, er spricht nie über das, was ist und werden wird. Vielleicht glaubt er, ein sechzehnjähriges Mädchen sollte nichts wissen von unheilbaren Wucherungen und Bettpfannen und Morphiumspritzen, aber mir ist rätselhaft, wie er denken kann, ich würde nicht mitbekommen, dass meine Mutter sich zu Tode hustet. Ihr Husten besteht aus trockenen, quälenden Atemzügen, die schmerzhaft sein müssen; er strengt sie sehr an und wird von Tag zu Tag mühseliger. Am Anfang habe ich ihren Husten gefürchtet, habe immer darauf gewartet und war erleichtert, wenn es eine gute Nacht war, wenn es ruhig blieb. Jetzt fürchte ich am meisten, den Husten gar nicht mehr zu hören. Er ist zu einem Barometer für Hoffnung und Verzweiflung geworden, und ich spüre ihn überall um mich herum. An Waschtagen hängt er in der feuchten Luft, und er knistert im Feuer, wenn meine Mutter mir freitagabends die Haare bürstet, was ich immer noch zulasse, obwohl ich kein kleines Mädchen mehr bin, weil ich weiß, dass sie es bald nicht mehr machen wird. Der Husten ist das Letzte, was ich höre, wenn ich morgens aus dem Haus gehe, und das Erste, wenn ich nachmittags die Haustür öffne und zu ihr eile, ehe Vater aus der Bank kommt und mich in mein Zimmer schickt, ehe die Schwester kommt und ihr die Spritze gibt und meine Mutter in einen unruhigen Dämmer aus Schmerz und Morphium fällt.
Jetzt sitze ich hier und warte, dass Schwester Hammond geht. Ich habe mir ein Buch von einer Frau namens Kingsley Amis ausgeliehen, das I like it here heißt und lustig genug wirkt, um mich abzulenken. Ich sollte vermutlich meine lateinischen Verben lernen, wenn ich nach den Ferien besser werden und irgendwann mal auf die Universität gehen soll, wie Mum und ich es besprochen haben. Aber ich kann mich nicht auf das Buch oder die Verben konzentrieren, solange ich Schwester Hammonds Stimme am Ende des Flurs höre, ich kann nicht mal an die Zukunft denken, mit all diesen Sorgen und Ängsten in meinem Kopf. Sie aufzuschreiben und wegzupacken ist das Einzige, was sie davon abhält, hervorzusprudeln und alles zu verschlingen, also habe ich beschlossen, dass die Verben warten müssen. Lieber schreibe ich über die Straße unten, die heiß und staubtrocken in der Spätnachmittagssonne liegt. Der Vertreter vier Häuser weiter schwitzt in seinem Anzug. Die Kinder aus Nummer vier rennen die Straße entlang und rufen ihre Freunde.
In der Schule sind alle aufgeregt wegen der Ferien, alle fahren an Orte wie Brighton und Blackpool und Torquay. Nach Torquay fährt Judy, und vor einer Weile hat ihre Mum mich gefragt, ob ich mitkommen möchte. Aber ich habe gleich nein gesagt und es Mum gegenüber nicht mal erwähnt, weil ich jetzt auf gar keinen Fall fort sein will. Judys Mutter hat mich nicht gedrängt. Sie hat im Krieg zwei Brüder verloren und versteht bestimmt, wie schnell die Zeit vergeht, wenn jemand stirbt, wie Wasser, das durch eine Gabel rinnt, und dass ich mehr davon brauche, mehr Zeit mit Mum, wenn ich den Rest meines Lebens ohne sie überleben will.
Ich habe eine Liste mit Büchern gemacht, von denen ich weiß, dass sie sie noch lesen möchte, Seelenstürme von Elizabeth Jane Howard, das ein bisschen traurig ist, und Afrikanische Tragödie von Doris Lessing, das wir nicht lesen sollen, wenn es nach Vater geht, weil er es für kommunistischen Unsinn hält. Ich hab im Programm von Radio Times die Sendungen angestrichen, die wir hören werden, ich werde in den Sommer dieses Jahres das ganze Lesen und Reden und Zuhören packen, mit dem wir ein Leben hätten verbringen sollen.
Jetzt ist die Haustür ins Schloss gefallen, und unten auf der Straße fährt Schwester Hammond auf ihrem Fahrrad. Sie sieht kurz auf, und ich winke, aber ich bin nicht sicher, ob sie mich auf meiner Fensterbank überhaupt sehen kann, halb von den Vorhängen verdeckt. Sie kommt an Mrs. Peckitt und Mrs. Smith vorbei, die gegenüber wohnen und vor der Haustür miteinander plaudern, und hält an, um eine Frage zu stellen, dann guckt sie einem Kleinkind in den Hals, das an Mrs. Peckitts Rock hängt. Ich mag Schwester Hammond, sie ist immer ehrlich und direkt, und sie bietet meinem Vater die Stirn, wenn der wieder allen sagt, was sie zu tun haben. Und sicher ist es nach der Stille und dem Tod hier bei uns eine Erleichterung, es wieder mit dem Leben zu tun zu haben, selbst wenn es ihr in Form eines schmutzigen, rotgesichtigen Kindes auf der heißen Straße begegnet. Trotzdem erstaunt es mich, dass sie nur wenige Minuten, nachdem sie bei meiner Mum war, mit Mrs. Peckitt so lachen kann. Die drei wirken so gelassen, so tüchtig und fröhlich und rotwangig, mit ihren unendlichen Vorräten an Tee gegen Heiserkeit und Jod gegen aufgeschürfte Knie – einfache Mittel gegen einfache Wehwehchen.
Ich beneide sie, all diese Familien mit ihren vergnügten Kindern. Man hat uns immer höflich gegrüßt, und Mum hat in der Straße ein paar Bekannte, aber irgendwie herrschte immer eine gewisse Skepsis zwischen uns und unseren Nachbarn. Das liegt an meiner Mum, die eleganter und klüger und lustiger ist als die Hausfrauen hier. Sie hat beim Fensterputzen und bei der Wäsche Hilfe und lässt sich die Lebensmittel liefern, während die meisten anderen Mums selbst auf den Knien sitzen und die Kacheln schrubben oder sich mehrmals am Tag mit Einkaufstüten die Straße hinunterschleppen. Es liegt an mir, einem Einzelkind und dazu noch einer Gymnasiastin, die jeden Morgen den Bus nimmt, was auffällt inmitten des Rudels fröhlicher Kinder, die aus den Häusern in die örtliche Grund- und Volksschule strömen. Und es liegt an meinem Vater, der jeden gesellschaftlichen Fortschritt ablehnt, der diese neuen hellen Jahre hasst, in denen man es so gut hat, und der Heiterkeit und Leichtigkeit und Frivolitäten verachtet, der seine verworrenen Erinnerungen an Krieg und Tod mit seiner moralischen Überlegenheit nährt.
Aber vor allem liegt es am Tod, der dieses Haus langsam, aber unaufhaltsam in Beschlag nimmt, der über unserem Dach lastet und jeden wissen lässt, dass wir keine gute Gesellschaft sind.
Schwester Hammond radelt jetzt die Straße runter, und Mrs. Peckitt und Mrs. Smith scheuchen ihre Kinder zum Abendessen ins Haus. Bald wird die Straße ruhig daliegen, und in den Häusern, in denen es Fernseher gibt, werden sich die Familien vor ihnen versammeln. Mein Vater hält nichts vom Fernsehen, er hält auch nicht viel vom Radio, und überhaupt gar nichts hält er vom Rock ’n’ Roll. Ich mache mir aus alldem auch nicht viel, aber The Sky at Night würde ich schon gerne mal sehen. Miss Steele hat mir in der Schule davon erzählt, und ich finde, es klingt so schön, und ich sitze ja selbst oft auf der Fensterbank und gucke in den Himmel.
Ich warte, bis es richtig Nacht wird und Vater ins Bett geht, damit ich durch den Flur huschen und mich auf den Stuhl an Mums Bett setzen und mit ihr reden oder ihr was vorlesen kann, wenn sie möchte. Aber er ist noch in ihrem Zimmer, obwohl es schon auf neun Uhr zugeht. Ich höre sie reden, die raue, von Husten unterbrochene Stimme meiner Mutter, und das bellende Stakkato meines Vaters. Worüber sie wohl sprechen? Ich frage mich oft, was sie eigentlich zusammengebracht hat, denn es gibt auf der ganzen weiten Welt keine zwei Menschen, die unterschiedlicher wären als George und Constance Holloway. Mein Vater wurde hier geboren, schon seine Eltern lebten in diesem Haus, und irgendwann wird er in diesem Haus sterben als der angesehene Bürger, der er immer war, der morgens im dunklen Anzug und mit Melone auf dem Kopf zur Bank geht und abends nach Hause kommt, um gemeinsam mit Frau und Tochter zu essen. Abwechslung braucht er nicht, nie verlangt es ihn nach mehr. Er träumt nicht von den Sternen, nicht wie meine Mutter, die mir immer sagt, dass wir als Menschen, die die Hölle überlebt haben, verpflichtet sind, jetzt aus dieser neuen Welt etwas Gutes zu machen. «Geh und greif nach den Sternen, Lizzie», hat sie gesagt, als ich mit elf am ersten Tag des Gymnasiums meinem Bus nachgewinkt habe.
Ich glaube, mein Vater weiß nicht mal, was das ist, die Sterne, denn in der Bough Road Nummer sieben werden die Samtvorhänge – die dort hängen, seit meine Urgroßmutter Alice sie aufgehängt hat – um acht Uhr zugezogen. Wie kam es bloß, dass meine Mutter wie ein hübscher fröhlicher Vogel in sein Leben geflattert ist, neugierig und erwartungsvoll? Wie kam es, dass sie sich eingenistet hat in diesem Haus, das so erfüllt ist von der strengen Düsternis meines Vaters? Meine Mutter und ich gehen gern zu Blumenschauen und in den Zirkus, wir gehen ins Weihnachtsmärchen und suchen uns im Süßwarenladen etwas aus den Gläsern aus. Wir tun, als wären wir elegante Damen, die in herrschaftlichen Häusern Tee trinken, wenn dort Tag der offenen Tür ist, und in Buchhandlungen dreht meine Mutter immer fast durch und gibt zu viel von ihrem Taschengeld für Bücher aus, die sie dann vor meinem Vater verstecken muss, um keinen Vortrag über überflüssigen Luxus gehalten zu bekommen.
Es ist schon fast dunkel, gleich werde ich Licht anmachen und mein Tagebuch unter dem Rand des kleinen Teppichs vor meinem Vater verstecken, wo er es niemals finden wird. Aber ich will bis zum allerletzten Augenblick am Fenster sitzen, weil es draußen so warm ist. Von den Rosen in unserem Vorgarten steigen kleine Duftwellen auf, die nächtliche Brise spielt mit meinen Haaren, und ich muss lächeln, und auf Stufen und Erkerfenstern und bemoosten Dächern liegt das letzte Licht, während die Straße sich auf die Nacht vorbereitet. Es ist die Art Abend, den man ganz festhalten will, denn wenn es ganz dunkel ist und ganz still, dann geht das Husten wieder los.
Jetzt weiß ich, worüber sie gestern Abend geredet haben. Und wenn ich daran denke, dass ich noch heute Morgen viel fröhlicher als sonst zur Schule gegangen bin, weil es der letzte Tag vor den Sommerferien ist, und dass ich beim Nachhausekommen so viel glücklicher war als sonst, weil es erst mal geschafft war und der Sommer vor mir lag, dann wird mir ganz schlecht.
Aber dann sah ich, dass Vater früher nach Hause gekommen war und das Auto inspizierte, und mich beschlich das böse Gefühl, dass etwas geschehen würde. Er kam nie früher nach Hause, niemals, schließlich musste er allen anderen in der Bank ein Vorbild sein.
Als ich später an ihm vorbeiging, rief er mich ins Wohnzimmer und sagte, ich solle einen Koffer packen, weil ich morgen aufs Land fahren werde, um dort den Sommer zu verbringen. Mindestens einen ganzen Monat würde ich weg sein, sagte er, vielleicht sechs Wochen, und dann redete er über die Vorzüge der Landluft und dass ich hoffentlich etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anzufangen wüsste, und irgendwie schien er zu denken, dass er mir etwas Gutes tat, und zu erwarten, dass ich die richtigen Dinge sagte, dankbar und höflich war. Aber ich stand nur wie gelähmt in der Tür und sagte gar nichts, die neue Radio Times hinter meinem Rücken versteckt, weil ich nicht wollte, dass er sah, was ich mir alles mit Mum anhören wollte. Er ist es nicht gewohnt, Widerworte zu hören, weder von mir noch von Mum, also wandte er sich wieder seiner Zeitung zu, nachdem er mir seine Nachricht überbracht hatte, und ließ mich dort stehen, während ich immer noch versuchte, die richtigen Worte zu finden, um nein zu sagen.
Erst jetzt, zurück in meinem Zimmer, fallen mir die Worte ein, die ich hätte sagen sollen. Ich werde nicht tun, was er sagt, ich werde es einfach nicht tun. Das schwöre ich jetzt und hier auf diesen Seiten, und ich gehe jetzt direkt zu Mum, um es ihr zu sagen, um ihr zu sagen, dass sie sich für uns starkmachen und ihm sagen muss, dass er unrecht hat.
Mum setzte sich auf, als ich reinkam. Ich fand, dass sie heute besser aussah, sie schien mehr Farbe zu haben, und ihr Gesicht schien nicht so von der Krankheit gezeichnet wie sonst. Meine Stimmung besserte sich, weil Hoffnung so dämlich unverwüstlich ist, und ich setzte mich zu ihr, zeigte ihr die Radio Times und fragte sie, ob sie bereit sei für Mrs. Dale’s Diary oder ob ich in den Garten gehen sollte. Als vor ein paar Monaten endlich Frühling wurde, hat sie viel über ihren Garten gesprochen, davon, dass sie nach den Blumen und dem Gemüse sehen muss und nach dem Spalierobst. Aber das konnte sie nicht, die Anstrengung erschwerte ihr das Atmen so sehr, dass sie drinnen bleiben musste. Deshalb rücke ich, wenn sie allzu beunruhigt ist, ihren Sessel ans Fenster, sodass sie nach unten gucken und in ihr Notizbuch schreiben kann, was blüht und was gemacht werden muss, und dann schickt sie mich mit einer Liste nach unten. Manchmal ruft sie mir durchs Fenster Anweisungen zu, und ich stehe unten mit der Gartenschere und befolge sie. Für die großen Sachen haben wir einen Gärtner, und Vater mag es nicht, wenn sie durchs Fenster ruft; er hält es für vollkommen unpassend, wenn eine Frau so schreit, zumal eine sterbende Frau. Aber es macht sie glücklich, und sie liebt ihre Blumen, also pflücke ich dicke Sträuße, egal, was Vater sagt, manchmal zwei oder drei Vasen voll, und stelle sie ihr ins Zimmer.
Aber heute war nicht so ein glücklicher Gartentag, denn ich werde wirklich für die gesamten Sommerferien zu einer Familie geschickt, die ich nicht kenne. Die Shaws leben in Sussex an einem Ort, der Hartland heißt. Mum legte ihr Buch beiseite, als ich reinkam, und schon, als sie mich ansah, wusste ich, dass es beschlossene Sache war. Ich hatte noch nicht mal den Mund aufgemacht, als sie mit dieser schrecklich rauen, heiseren Stimme, die sie jetzt hat, sagte: «Ich möchte, dass du fährst.» Sie versuchte, zu Atem zu kommen, und ich stand instinktiv auf, um zu gucken, ob das Wasser im Kessel noch kochte. Wir lassen ihn den ganzen Tag lang auf dem Feuer, um ihr das Atmen zu erleichtern. Aber sie hielt mich zurück. «Ich möchte, dass du fährst, Lizzie, Schatz. Du sollst einen wunderschönen Sommer haben. Du warst so ein gutes Mädchen, so eine Freude. Du hast es verdient.»
«Aber ich will bei dir sein», widersprach ich und versuchte, nicht zu weinen. Sie mag es nicht, wenn ich weine, sie möchte, dass wir unsere gemeinsame Zeit nicht mit Tränen verschwenden oder damit, das Unvermeidliche zu beklagen. Ich weiß, dass sie mir beibringen will, stark zu sein, damit ich weiß, wie es geht, wenn sie nicht mehr da ist. Aber ich bin nicht stark, nicht immer, und ganz bestimmt nicht jetzt. Ich versuchte zu sagen, dass ich sie nicht verlassen wollte, aber sie hielt meine Hand ganz fest und sagte, sie wisse, dass das hart würde, dass ich die Shaws aber mögen würde und dass sie selbst in Hartland gewesen sei, als sie jünger war, es sei wunderschön, nah am Ärmelkanal, und an windigen Tagen könne man das Meer riechen. «Es ist ein herrlicher Ort, Lizzie, ein echtes Landhaus, groß, dabei aber gemütlich, inmitten von Bäumen und Wiesen und wunder-, wunderschönen Gärten. Du kannst darin spazieren gehen, es gibt einen Rosengarten wie im Rossetti-Gedicht. Es ist nicht nur das, was Vater will; ich möchte, dass du fährst. Ich will, dass du glücklich bist. Es wird gut für dich sein, mit Leuten deines Alters zusammen zu sein, statt immer bei deiner alten Mutter zu hocken und kaum das Haus zu verlassen.»
Aber was will sie tun, wenn er den ganzen Tag weg ist? Sie ist immer müde und unruhig, wälzt und wirft sich im Bett herum, und ich weiß, wie man mit ihr redet, wie man sie beruhigt. Er kümmert sich nicht so um sie wie ich, bringt ihr keinen Tee und hält ihr nicht die Hand, wenn sie sich ausruht. Ich lese ihr auch vor, aber man muss es langsam und ruhig machen, damit ihr Kopf nicht weh tut, mit vielen Pausen, damit sie husten kann. Er wird ihr nicht die Romane vorlesen, die ihr gefallen, Graham Greene und Doris Lessing und Agatha Christie. Und er weiß wahrscheinlich gar nicht, wie sehr sie Gedichte liebt, all das Sehnen und Lieben würde ihn nur verlegen machen. Ich lese ihr auch aus der Zeitung vor, nicht die schlechten Nachrichten über nukleare Aufrüstung und den Kalten Krieg und die Asiatische Grippe, aber die guten Sachen: dass Hillary den Südpol erreicht hat und im House of Lords endlich auch Frauen zugelassen sind.
Mir vorzustellen, dass meine Mutter nur von ihm, Schwester Hammond und ihren Morphiumspritzen Gesellschaft hat, ist beinahe mehr, als ich ertragen kann.
«Ich werde dich so vermissen», sagte sie, als wüsste sie, was ich denke, «aber ich möchte, dass du ein gutes Mädchen bist und dir eine schöne Zeit machst, hörst du? Hörst du, Lizzie? Ich möchte, dass du glücklich bist.»
Ihre letzten Worte klangen drängend, was es überhaupt nicht einfacher machte. Ich weiß, dass er mich nicht hierhaben möchte. Erst habe ich gedacht, er will mir ersparen, meine eigene Mutter sterben zu sehen, aber er weiß einfach nur nicht, was er mit mir machen soll, wenn ich keine Schule habe und die ganze Zeit zu Hause bin. Vielleicht will er selbst nicht sehen, wie meine Mutter verfällt, vielleicht kommen dadurch schreckliche Erinnerungen an die Front hoch, und ich sollte Mitleid mit ihm haben. Aber ich habe es nicht in mir, Mitleid mit ihm zu haben, wir müssen beide irgendwie damit zurechtkommen, wir werden beide stark sein und bald damit leben müssen. Ich hasse es, dass er entscheidet, auf welche Weise ich damit umgehe, dass ich keine andere Wahl habe, als das zu tun, was er sagt. Und ich hasse es, dass ich mich nicht gegen das wehren kann, was Mum sagt, nicht, wenn sie es so dringlich sagt und dabei meine Hände hält und ihre Stirn an meine drückt, sodass ich ihre früher so weiche Haut spüre, die jetzt dünn und pergamentartig ist. Aus dieser Nähe, wenn ich nur ihre Augen sehe, nicht ihren dünnen, kranken Körper, kann ich manchmal für einen Moment vergessen, was ihr geschieht, dann sind es einfach sie und ich, so, wie es immer war.
