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Reisejournalist Leon träumt von Selbstverwirklichung – für die Beständigkeit seiner Familie hat er wenig Verständnis. Als sich die Gelegenheit bietet, der Enge der Heimat zu entfliehen und stattdessen mit dem faszinierenden Fotografen Janko französische Niemandsorte zu erkunden, greift er zu. Doch auf der Reise geraten Leons Gewissheiten ins Wanken. Wie hoch ist der Preis für ein Leben ohne Verpflichtungen? Reisejournalist Leon will vieles sein: Boxer, Gitarrist, Surfer, Weltenbummler. Stattdessen ist der junge Mann vor allem ein großer Film- und Literaturliebhaber, der sein fragiles Selbstbild ständig neu ausrichtet. Als sein Vater ihm einen Wohnungstausch vorschlägt, freundet er sich mit seiner neuen Identität als Hausbesitzer ebenso schnell an wie mit der Idee, einen beinahe Unbekannten mit auf sein nächstes Projekt zu nehmen. Doch die anstehende Reise verläuft nicht wie geplant. Je länger Leon und Janko in Frankreich nach Niemandsorten suchen, desto stärker verwickeln sie sich in einen intellektuellen Machtkampf. Wer, so die alles entscheidende Frage, gewinnt mit seiner Kunst die Deutungshoheit über die Realität – der Journalist oder der Fotograf? Als sich abzuzeichnen beginnt, dass Janko Verrat an der gemeinsamen Sache begehen wird, ist es für Leon längst zu spät, unbeschädigt aus der verhängnisvollen Beziehung zu entkommen.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2020
Kai Wieland
ZEIT DER WILDSCHWEINE
Roman
Klett-Cotta
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Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
© 2020 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Cover: ANZINGER UND RASP
Kommunikation GmbH, München
Unter Verwendung einer Fotografie von © Kai-Patric Fricke/lost-places.com
Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde
Printausgabe: ISBN 978-3-608-98225-1
E-Book: ISBN 978-3-608-11626-7
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Ich nahm damals Unterricht im Kickboxen, weil ich ohnehin wie ein Kämpfer aussah. Nicht wirklich vielleicht, nicht beim Blick in einen Spiegel, denn mein Gesicht war in den Konturen zu weich, und ich hatte praktisch keinen Bartwuchs. Aber ich ging wie ein Kämpfer, mit durchgedrückten Schultern, jedenfalls wenn ich Musik im Ohr hatte, und ich fühlte mich wie ein Kämpfer, wenn ich Two Steps from Hell hörte. Ich war kein Kämpfer, ich fiel beim Schlagen immer nach vorne, selbst nach Wochen noch, als die anderen beim Sparring schon die Kicks dazunahmen.
Die Kampfsportschule befand sich im Untergeschoss eines ehemaligen Industriegebäudes. Der simple, aber mächtige Organismus hatte in ruhmreicheren Tagen Dachziegel produziert, diente mittlerweile aber bloß noch unzähligen Start-up-Unternehmen und Fitnessstudios als Wirt. Von den unverkleideten Decken der uniform grauen Räume hingen nun Aerial-Yoga-Tücher und Hängematten, und am Gebäudeeingang war ein Flickwerk aus bunten Schildern angebracht, von denen keines verriet, was im entsprechenden Gebäudeteil getan wurde.
Von irgendwelchen Yoga-Tüchern nichts ahnend, hatte ich mir eine Halle im kargen Industriedesign vorgestellt, mit dem klassischen Boxring in der Mitte. Eine rote Plane, blaue Eckpolster, weiße Seile und eine Handvoll Deutschrussen, die einander mit rustikal bandagierten Fäusten bearbeiteten. Tatsächlich waren es aber Studenten, Hausfrauen und Kinder, die barfuß über die Tatami-Matten hüpften und übergroß wirkende Boxhandschuhe spielerisch gegeneinander pufften, und allesamt Anfänger, allesamt Nichtskönner, genau wie ich.
Trotzdem spürte ich nach dem Training, wie sich meine Arm- und Schultermuskeln unter der eiskalten Dusche reflexhaft anspannten und Präsenz zeigten, ich verließ die Kabine aufrecht gehend, Zuversicht schwitzend. Auf dem Parkplatz drang die Nachtluft in meine Lungen und reicherte mein Blut mit Sauerstoff oder Adrenalin oder weiß der Teufel womit an. Ich fühlte mich unglaublich sicher in meinem Windbreaker, die Hände tief in den Taschen vergraben, und taxierte aufmerksam, aber unbeeindruckt die Umgebung. Mein feuchtes Haar, das in Strähnen unter der Mütze hervorfiel, fühlte sich an wie Draht, und ich schmeckte Blut, vielleicht von der Kälte, wahrscheinlicher aber, weil meine Sparringspartnerin mir bei einer Trockenübung versehentlich ins Gesicht geschlagen hatte. Mir war kurz darauf derselbe Fehler unterlaufen, aber ich glaube, wir trugen es einander nicht nach. Die Wahrheit ist: Wenn du das erste Mal mit einem Boxhandschuh zuschlägst, fühlst du dich wie Rocky Marciano. Es spielt dabei nicht wirklich eine Rolle, wessen Gesicht es ist.
Als ich Janko kennenlernte, fiel der Dritte auf den Dritten, auf einen Samstagabend im März, und die Menschen heirateten wie von Sinnen. Ich füllte im Waschraum der Kampfsportschule meine Wasserflasche, nicht unzufrieden damit, dass mein Vektor noch immer nach innen zeigte, als er plötzlich im Spiegel, eigentlich aber im Türrahmen erschien. Janko hatte mein Alter und meine Größe, aber dunklere Augen, mit denen er mir wortlos auf den Hinterkopf starrte. Kurzgeschorenes Haar, das Shirt zerknüllt in der hängenden Faust, sein nackter Oberkörper war hager, aber athletisch, die Haut tätowiert, voller Gesichter und Zitate.
Ich nickte ihm zu und murmelte dabei eine Belanglosigkeit, verstummte allerdings, als sich sein Gesicht in eine zornige Grimasse verwandelte. Ruckartig schleuderte er eine halbvolle Trinkflasche nach mir, und spiegelparadoxerweise drehte ich mich beim Versuch, dieser auszuweichen, geradewegs in ihre Flugbahn hinein.
»Tu das nie wieder«, zischte Janko und hob dann die Stimme: »Tu das verdammt noch mal nie wieder! Wag’ es nicht noch einmal, über den Spiegel zu mir zu sprechen. Ich bin nicht dein verfluchtes Spiegelbild!«
Er ging einige Schritte rückwärts, ohne den Blick abzuwenden, und verschwand aus dem Türrahmen wie zurückgespult. Ich verfiel in ein unkontrolliertes Blinzeln, meine Kontaktlinsen waren angetrocknet. Ärgerlich strich ich über die Gänsehaut an meinem Unterarm und hob die Plastikflasche vom Boden auf. Noch hatte ich ihm nicht in die Augen gesehen, nicht ungespiegelt, und trotzdem hatte er den feinen Schleier, der sich bei ersten Begegnungen zwischen den Menschen nur wenige Augenblicke lang hebt, bereits zerschnitten und es mir so unmöglich gemacht, ihn zu vergessen. Aber wollte man das? Von einem Fremden erinnert werden? Ich füllte beide Trinkflaschen und folgte ihm hinaus in die Halle.
Mit Janko ins Sparring zu gehen, schien mir nach diesem ersten Eindruck nicht ratsam, aber es überraschte mich nicht, dass er sich genau das in den Kopf gesetzt hatte. Sein spezielles Naturell war mir noch fremd, aber ich kannte Jungs wie ihn, die alles persönlich nahmen und es nachtrugen, sie gehörten nicht in eine Kampfsportschule. Er baute sich vor mir auf, schob sein Gesicht nah an meines heran, federte auf den Fußballen, reckte das Kinn in die Höhe und zeigte schmatzend seine gelblich verfärbten Zahnreihen, als justierte er einen unsichtbaren Mundschutz. Was für eine merkwürdige Show, dachte ich, es fehlte bloß, dass er mir Blut ins Gesicht spuckte.
Vorsichtig begann ich Janko zu umkreisen, einem Instinkt folgend, wie sich überhaupt die meisten Menschen in Kampfsituationen sehr ähnlich verhalten, wenn sie nie zuvor mit physischer Gewalt konfrontiert waren. Unter Anfängern war es immer dasselbe: Wie bei einem primitiven Ritual vollführten die Kontrahenten zunächst einige Drehungen, wagten dabei zwei oder drei schüchterne Schläge in die Deckung ihres Widersachers, ehe sich einer von ihnen ein Herz fasste und in die Offensive ging, was schließlich in ein beiderseitiges panisches Gefuchtel mündete.
Janko war diese Zurückhaltung offenbar fremd, er war entweder kein Anfänger oder nicht normal. Vom ersten Moment an kannte er nur die entgegengesetzte Richtung und prügelte auf meine Deckung ein wie besessen. Obwohl er kaum Wirkungstreffer landete, konnte ich seinem Sperrfeuer nicht entkommen, und so verharrte ich in einer Art Kauerstellung.
Selbst als Laie, selbst geduckt und versteckt hinter meinen ramponierten Handschuhen, erkannte ich, dass Janko keineswegs erfahrener oder talentierter war als ich. Auch er fiel beim Schlagen nach vorne, auch er war limitiert in seinen Angriffstechniken, wir beide kannten nur die Gerade, entweder ins Gesicht oder in die Magengegend, was einen uninspirierten Kampf zur Folge hatte. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen uns beiden bestand darin, dass Janko wütend war, während ich noch nicht genug von dem Sport verstand, um es für mich zu nutzen.
Meine Deckung bröckelte, und ich fing mir einige Schläge gegen das Jochbein ein, dann traf ein unerwarteter Haken meine Leber, und schließlich landeten zwei seiner Kicks im falschen Stockwerk. Mir wurde schwindelig, und ich sank aus meiner geduckten Haltung hinunter auf die Matte, die schmerzenden Beine abgewinkelt, die blau gefleckten Arme über dem Gesicht verschränkt. Meine Hände, von den Handschuhen nun wie von Gewichten zu Boden gezogen, ruhten links und rechts von meinem Kopf, und ich fragte mich, wie wohl die großen Boxer fielen.
Während ich mich aufrichtete, stand Janko auf der anderen Seite des Raumes an ein Fensterbrett gelehnt, schnaufte mit bebendem Oberkörper und beobachtete meine hilflosen Bewegungen. Wie uninteressant es war zu boxen, dachte ich, verglichen mit dem sehr viel weniger konkreten Wunsch, ein Boxer zu sein. Verstand Janko dieses Dilemma? Wahrscheinlich nicht, auch wenn er nun vage nickte – Spiegel sind geduldig.
Wie gerädert betrat ich später die Umkleidekabine. Ich hatte geglaubt, der Letzte zu sein, doch von den Betonwänden hallte noch immer das klatschende Geräusch von Wasser auf Fleisch. In dem winzigen Waschraum, der an die Umkleide grenzte und ursprünglich vielleicht eine Besenkammer oder das Hausmeisterbüro gewesen war, gab es nur zwei Duschen, die sich an einander gegenüberliegenden Wänden befanden. Mir meiner Muskeln weniger sicher als in den Wochen zuvor, zog ich mich aus und stakste über die weißen Fliesen.
Auch sein Rücken war großflächig tätowiert. Zwischen den Schulterblättern prangte stilisiert der Schriftzug »Too weird to live, too rare to die«, darunter umklammerte eine schwarze Faust einen schwarzen Peyote-Kaktus.
»This is your life, and it’s ending one minute at a time«, las ich auf seinem Steiß.
»No one cares about the man in the box«, behauptete sein Latissimus dorsi.
Dass Janko dieselben Filme gesehen hatte wie ich, war nicht weiter erstaunlich, weil fast jeder in unserer Generation diese Filme kannte, aber auch wenn es nicht unbedingt für seine Originalität sprach, faszinierte mich seine Hingabe.
Ein schwacher Wasserfilm lief über Jankos weiße Haut und ließ die schwarze Tinte darunter verschwimmen und wieder klar werden.
Als Janko sich umwandte, reagierte ich zu spät und blickte genau in seine dunklen Augen. Er ließ sich nichts anmerken, aber ein Zurück war nicht möglich, also hängte ich mein Handtuch an den Haken, stellte mich unter die freie Dusche und betätigte den Druckknopf. Das eiskalte Wasser nahm mir wie immer den Atem, und ich japste jämmerlich auf, dann gewöhnte ich mich an die Temperatur und begann, mich langsam mit geschlossenen Augen unter dem Wasserstrahl im Kreis zu drehen. Als ich die Augen wieder öffnete, war Janko noch immer nicht verschwunden. Er stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen dort auf der anderen Seite des Raumes, der Wasserstrahl klatschte auf seine Schultern, und er starrte mich an, unbeteiligt, als beobachtete er vom Straßenrand aus den Abriss eines alten Hauses, in dem er nie gelebt hatte. Von Schultergelenk zu Schultergelenk erstreckte sich auf Schlüssel- und Brustbein der tätowierte Appell, der Betrachter möge das Leben wählen.
Ich rätselte über Jankos Intention dahinter. Diese Filme und Bücher hatten auch mich geprägt, weniger sichtbar auf den ersten Blick, aber gestochen scharf und hartkantig für die wenigen geduldigen Beobachter in meinem Leben. Sie ziselierten mir den Kompass, auch in mir trieben sie feine Muster, auch durch mich verliefen gerichtete Linien, aber was Janko mit seinen Zitaten bezweckte, ob er sich als Landkarte verstand oder nur ein Freak war, der händeringend Motive für seine Tattoos suchte, so wie all die anderen, ich wusste es nicht.
Seine Hand rieb über das Ausrufezeichen und lenkte meine Aufmerksamkeit auf seine Augen. Ich fühlte mich ertappt, aber es war zu spät, um wegzusehen.
»Bruder, du bist ein miserabler Boxer«, sagte er ruhig.
»Ich bin überhaupt kein Boxer«, erwiderte ich. »Und du auch nicht.«
»Wie heißt du?«, fragte Janko, und ich antwortete ihm: »Leon ist mein Name.«
Wir zogen uns schweigend an. Janko war schneller, weil er sich nicht vernünftig abtrocknete, die Klamotten achtlos überstreifte, sich den prüfenden Blick in den Spiegel sparte, und er nuschelte, ohne von seinen Schnürsenkeln aufzusehen: »Lass uns ein Bier trinken gehen.«
Intuitiv hätte ich das Angebot beinahe abgelehnt, hauptsächlich deshalb, weil ich den Umgang mit Exzentrikern verabscheue. Nicht, dass Janko ein Exzentriker gewesen wäre – diese Leute waren krankhaft selbstverliebt, und einen solchen Eindruck machte er ganz und gar nicht. Janko schien weniger ein Exzentriker als vielmehr ein Soziopath zu sein, aber der Unterschied war letztlich eine Nuance, und ausstehen konnte ich das eine so wenig wie das andere.
Bekannte von Bekannten, gern gesehene Gäste auf den Geburtstagen anderer Leute, Freunde zweiten oder dritten Grades – normalerweise bevorzugte ich eine ausgiebige Phase des unverbindlichen Kennenlernens, bevor ich bereit war, einen Fremden dauerhaft in mein Leben zu lassen, und es bedurfte immer eines gemeinsamen Bekannten. Impulsive Menschen, die mein Leben gleich bei der ersten Begegnung an das ihre ketten wollten, verschreckten mich.
Aber es war Samstagabend und nach dem Kampfsport mit dem Sparringspartner ein Bier zu trinken eine reelle Sache. Ich war jung, und man sagte mir, das Leben spiele sich in den Kneipen ab, nicht zu Hause. Abgesehen davon machte Janko nicht den Eindruck, als wollte er Poesiealben tauschen, und was den ersten Punkt betraf: Exzentriker und Soziopathen einte immerhin das Versprechen, dass man sich mit ihnen selten langweilte.
An Randständigkeit gewöhnt, heute wie damals peripher sowohl in der Lage als auch in der Bedeutung, befand sich die alte Ziegelfabrik in einer Hanglage oberhalb der gedrängten Altstadt, die eingepfercht zwischen zwei Flüssen und einem absurden Überangebot an Eisdielen zu unseren Füßen lag. Im silbrigen Seat Ibiza schwangen wir uns die langen, unbeleuchteten Straßenkehren talwärts, hinunter in die historische Gerberstadt, und schwiegen dabei so betont, dass ich meine Spontanität schon zu bereuen begann. Die Fenster beschlugen wie verrückt, wir transpirierten noch immer und rochen wie Ringer. Ich stellte das Gebläse auf die höchste Stufe, aber Janko kurbelte das Beifahrerfenster herunter, womit er das Problem auf seine Weise löste. Er nestelte ein Päckchen Streichhölzer hervor, das hatte ich lange nicht mehr gesehen, das warme, fauchende Geräusch lange nicht mehr gehört.
»Lass das bitte«, sagte ich knapp, woraufhin er mir einen amüsierten Seitenblick zuwarf und die Kippe wortlos aus dem Fenster über die Leitplanke schnipste, und einen Moment lang schien sie nicht einfach zu verglühen, sondern zwischen den zahllosen Lichtern tief unten im Talkessel zu schweben, bevor sie sich in der Dunkelheit verlor und verschwand. In den Hängen oberhalb dieser Kleinstadt am neunundvierzigsten Breitengrad waren die Laternen erloschen, die Straßen gesäumt von krummen Kiefern. Es war eine kalte Nacht, der Mond hatte einen Hof, und ich saß in meinem Wagen und wünschte mir, ich wäre wieder allein.
Wir setzten uns an einen kleinen Tisch in der hintersten Ecke des Irish Pub und schauten uns misstrauisch um, als hätten wir zwischen zwei Pitchern große Geheimnisse zu besprechen. Für einen Samstagabend war wenig los, aber gerade das machte die Sache gemütlich.
Janko stieß einen zufriedenen Seufzer aus, fuhr sich mit der Hand durch das stoppelige Haar und sah mich erwartungsvoll an.
»Was?«, fragte ich.
»Was was?«, entgegnete er und schob sich einen roten Kaugummistreifen in den Mund.
Ich deutete auf das Bier und fragte skeptisch: »Verträgt sich das?«
Janko kaute frenetisch, nahm dann einen tiefen Schluck und sog die Flüssigkeit geräuschvoll durch die Gummimasse.
»Wie Schokolade mit Wein«, raunte er, schief grinsend, voller Hohn für unser Kieferorthopädenland.
»Hab ich nie probiert«, gab ich zu. »Dabei bin ich durchaus Weintrinker.«
»Ein Trinker?«
Janko runzelte die Stirn.
»Nein, so weit würde ich nicht gehen«, erwiderte ich. »Lieber Wein als Raclette oder Gesellschaftsspiele, wenn du verstehst, was ich damit sagen will, aber ein Trinker? Nicht wirklich.«
»Wirklich …«, murmelte er nickend, verstummte jedoch, als Ned, dem der Pub gehörte, uns eine Schüssel Erdnüsse auf den Tisch stellte, obwohl ich nicht glaube, dass sein Name wirklich Ned war, und wie ein Ire sah er auch nicht aus. Ein weiterer roter Kaugummi klebte nun unter der Tischplatte, und schon war eine Handvoll Nüsse in Jankos Mund verschwunden.
»Was sollte das mit dem Spiegel?«, fragte ich, als Ned sich wieder hinter seine Bar verzogen hatte.
»Mit dem Spiegel?«
Janko musterte mich neugierig, als hätte ich begonnen, ihm eine ominöse Begebenheit aus meinem Leben zu schildern. Ob er sich denn nicht an die eigenartigen Sekunden erinnere, fragte ich verwirrt, während derer wir vor dem Spiegel gestanden hatten, aber Janko stellte sich dumm und schaffte es auf diese Weise irgendwie, das Thema fallen und mich immer weiterreden zu lassen – über das Fischen (Wobbler, Blinker, Spinner), über das Kino (David Lean, David Lynch, David Fincher) – ohne dabei etwas von sich selbst preiszugeben. Wie mir mein Leben gelang? Comme ci, comme ça, schwafelte ich, und dass auf die guten auch mal bange Zeiten folgten … ein Naturgesetz.
»Gezeiten«, sagte Janko, und ich stimmte ihm zu. So konnte man es auch ausdrücken.
Auch nach einer Stunde wusste ich von Janko wenig mehr als seinen Namen. In gewisser Hinsicht war es zwar erfrischend, sich mit jemandem einmal nicht sofort über Job und Wohnsituation auszutauschen, aber es machte mich zugleich nervös.
»Es interessiert mich doch auch einen Scheiß, womit du dein Geld verdienst«, sagte er, als ich ihn nach seinem Beruf fragte, und die Lederjacke knarzte, wenn er die Arme verschränkte.
Je länger ich mich mit ihm unterhielt, desto mehr irritierte mich etwas an der Art, wie er redete. Er sprach Hochdeutsch, akzentfrei und ohne Dialekt, formulierte aber seine Worte mit übergroßer Sorgfalt, als probierte er sich in einer fremden Sprache oder als hätte er sich etwas falsch angewöhnt, das er nun abzulegen versuchte. Akribisch umsorgte er jede Silbe und machte dabei einen dermaßen konzentrierten Eindruck, dass ich mich zu fragen begann, ob er vielleicht Schauspieler war und für eine Rolle probte. Überhaupt kam mir vieles von dem, was er sagte, sonderbar bekannt vor.
»Du bist nicht dein Job«, sinnierte er, »und ich bin nicht mein Job.«
Sein Lächeln, hintersinnig und aufgesetzt, verriet dem Betrachter, man lachte nicht über dasselbe. Niemals hatten diese Zähne Seide gesehen, nie Elfenbein, Gold oder silbriges Amalgam, es grinste sich schiefer mit Leer- statt mit Baustellen. Er bleckte schwarze Löcher, bleckte Sollbruchstellen, und wie er das Bierglas zwischen seinen sehnigen Fingern hielt, so locker, als wollte es ihnen gleich entgleiten, da endlich fiel der Groschen.
Mein Gott, dachte ich, er hält sich für Tyler Durden.
Wenn man für eine Sache brennt, der die meisten Menschen keinerlei Bedeutung beimessen, die sie jedenfalls für einen harmlosen Zeitvertreib halten, so ist die Begegnung mit einem Gleichgesinnten etwas Wunderbares, wenngleich sie Geduld erfordert. Man tastet einander ab und versucht, behutsam herauszufinden, wie weit man gehen kann, ohne den anderen im Übermut zu verschrecken, denn einer ist immer der größere Freak. In Jankos und meinem Fall schien diese Frage nun geklärt. Andererseits musste ich mir eingestehen, dass die Vorstellung, er könne tatsächlich eine charismatische Ausgeburt meiner Fantasie sein, ihren Reiz hatte.
»Wenn du glaubst, dass du mein Tyler Durden bist, und ich glaube, dass du mein Tyler Durden bist … bist du dann mein Tyler Durden?«, fragte ich verschwörerisch, aber Janko sah mich nur ausdruckslos an.
»Nein«, antwortete er knapp und schüttete sein Bier in einem Zug hinunter.
»Ich denke doch«, beharrte ich, fühlte mich aber ein bisschen betrogen. »Ich denke, genau das ist mit Jesus passiert.«
Janko nickte bloß unverbindlich.
»Wenn ich jedes Jahr zu Silvester vier Männer einlade«, erwiderte er und sprach nun ohne Affektiertheit, »die Winterbottom, Pommeroy, Sir Toby und Admiral von Schneider heißen … bin ich dann Miss Sophie?«
Er erhob sich mit einem Zwinkern, ging zu Ned und bezahlte unsere Pitcher.
Nachdem wir die bierselige Wärme des Pubs verlassen hatten, standen wir etwas verlegen auf dem Parkplatz und traten frierend auf der Stelle. Viel hatten wir einander nicht mehr zu sagen, aber das Gluckern des Bachs, der an dieser Stelle träge unter einer Fußgängerbrücke hindurchfloss, dämpfte die Peinlichkeit.
»Wenn du es unbedingt wissen willst«, sagte Janko plötzlich, ohne mich anzusehen, »ich bin Fotograf.«
»Aha«, staunte ich, überrascht von seinem Sinneswandel. »Und was fotografierst du?«
Die schwere Holztür des Pubs wurde ruckartig aufgestoßen, von vier Händen, von sechs, von acht, Licht und ein Knäuel grölender Jugendlicher schwappten heraus auf die nass schimmernde Straße.
»Das lässt sich nicht in einem Satz beantworten«, erwiderte Janko gequält, die Gruppe feindselig musternd. Er schaute den jungen Leuten nach, bis sie einer nach dem anderen um die Ecke gewankt waren, noch einmal war das fröhliche Kreischen einer Frauenstimme zu hören.
»Wieso nicht?«
Janko zog die Nase hoch, räusperte sich und spuckte über die Uferbrüstung.
»Liest du lieber eine Zusammenfassung, als ins Kino zu gehen?«
»Das ist doch etwas vollkommen anderes«, protestierte ich. »Du hältst schließlich bloß fest, was sowieso da ist.«
Janko erwiderte nichts, sondern überließ uns wieder dem Rauschen des Wassers. Als ich mit der Fortführung der Unterhaltung nicht länger rechnete und meine Jackentaschen nach dem Autoschlüssel abklopfte, sprach er ruhig weiter.
»Glaub mir, Bruder, ich kann Dinge so fotografieren, dass mehr dabei rauskommt als die Summe ihrer Teile.«
Ich widersprach nicht, empfand den Fotografen aber doch als zunehmend exzentrisch. Trotzdem bot ich an, ihn nach Hause zu fahren, aber Janko meinte, er spaziere gerne durch nächtlich einsame Straßen, das erinnere ihn an Weihnachten. Beim Überqueren des Brückleins zündete er sich eine Zigarette an, ich sah ihn das brennende Streichholz über das Geländer ins pechschwarze Wasser werfen, dann verschwand er hinter dem Dickicht auf der anderen Uferseite.
Das Handy klingelte, es schreckte mich aus einem traumlosen Schlummer, und ich tastete mit geschlossenen Augen nach der Lärmquelle, wobei ich eine Kaffeetasse vom Nachttisch stieß.
Marcs rasselnde Stimme im Hörer beschleunigte meinen Puls zusätzlich. Der Mann klang immer, als müsste er sich gleich räuspern, tat es allerdings nie, was mich fast verrückt machte.
»Bist du wieder im Lande, Leon?«, fragte er ohne Begrüßung.
Ich rieb mir die Augen und sah noch einmal prüfend auf das Display, durcheinander angesichts der Uhrzeit, die überhaupt nicht mit meinem Zeitempfinden übereinstimmte.
»Wo warst du eigentlich?«
Ich gähnte in den Hörer und versuchte, dabei die Antwort zu formulieren, doch es klang, als hätte ich heiße Kartoffeln im Mund: »Slowenien.«
»Und für wen?«
Marc war Produktmanager bei Finnmark, einem Reiseverlag, für den ich regelmäßig arbeitete. Die Hälfte unserer Kommunikation bestand aus Telefonaten, die andere aus E-Mails, ich hatte ihn nur drei- oder viermal persönlich getroffen und dabei als steifen und kurz angebundenen Mittdreißiger kennengelernt. Im Hinblick auf seine Arbeit verströmte er eine heilige Ernsthaftigkeit, die ich sonst nur von alten Menschen kannte, wenn sie sich über ihre Krankheiten austauschten, und tatsächlich war die Buchbranche für ihn etwas Sterbendes, seine Klagelieder vermengten Fatalismus mit ökonomischen Vokabeln.
»Das geht dich einen Dreck an«, antwortete ich vergnügt.
»Wie du meinst«, murrte Marc. »Eigentlich rufe ich sowieso wegen etwas anderem an. Wie sieht’s aus, hast du Lust auf Frankreich?«
Bitte nicht schon wieder, dachte ich. Nicht schon wieder die verdammte Côte d’Azur.
Ich hatte es immer schwierig gefunden, mir große Menschenmassen zu vergegenwärtigen. Es gab einfach keinen Kontext, in dem die Bevölkerungszahl eines Landes oder einer Region realistisch wahrnehmbar gewesen wäre. Man fuhr nicht durch die Steiermark und gewann dabei den Eindruck, dass dort ungefähr 1,2 Millionen Menschen lebten. Ebenso gut konnten es zwölf Millionen oder zwölftausend sein, je nachdem, ob man seinen Wagen in Graz oder in Wenigzell auftankte.
Trotzdem hatte ich eine ungefähre Vorstellung davon, was die eigentlich abstrakte Zahl von neunzig Millionen Menschen bedeutete, veranschaulicht und begreifbar gemacht durch die schier unfassbare Menge an Côte-d’Azur-Reiseführern, die der deutsche Sprachraum verdauen konnte – es war haarsträubend! In meinem unmittelbaren Umfeld gab es bloß eine Handvoll Leute, von denen ich wusste, dass sie dort Urlaub gemacht hatten, dennoch schien es sich für die Branche zu lohnen, Jahr für Jahr Tausende neuer Bücher zu drucken. Und das waren nur die allgemeinen Reiseführer. Hinzu kamen Wanderführer, Fahrradführer, Segelführer, Motorradführer, Caravanführer, Tourenguides, Angelführer, Campingführer, Golfführer, Kulturführer, Architekturführer, Coffee Table Books, Titel für Backpacker, Surfer, Singles, Familien und Flitterwöchner, Bildbände, Reiseberichte … wer zum Teufel kaufte das alles? Wo waren all die passionierten Fliegenfischer, die wellensüchtigen Surfer und die braungebrannten Besitzer von Jachten und luftig weiten Segeltuchhosen? Und wie schafften sie es, sich ohne Absprache so unauffällig und für die Tourismus- und Reiseliteraturbranche günstig zu verteilen? Obwohl ich in letzterer arbeitete, konnte ich nicht aufhören, darüber zu staunen und mich bisweilen zu fragen, ob vielleicht eine kosmische Systematik dahintersteckte, unbegreiflich für den menschlichen Verstand.
»Clustering Illusion«, sagte Marc. »Du entdeckst in einer großen Menge von Daten eine zufällige Häufung und schließt daraus, dass es dahinter eine Regel oder eine Gesetzmäßigkeit geben muss. Kann es sein, dass du bei Vollmond schlecht schläfst?«
Was auch immer. Ob das Phänomen nun real war oder Einbildung, jedenfalls hatte es mich in den vorangegangenen zwölf Monaten wie eine abgerissene Boje wieder und wieder an diese furchtbare Küste gespült. Ein Finnmark-Kulturführer, zähe Tage im Caravan für einen kleinen Schweizer Verlag und eine einwöchige Recherche für ein Branchenmagazin der fleischverarbeitenden Industrie, keinerlei Synergieeffekte, abgesehen vom Thymian-Lamm, die Erwartung endloser Lavendelfelder, der Anblick endloser Lavendelfelder.
Dreimal Saint-Tropez, das war einfach zu viel. Schon bei meinem ersten Besuch hatte ich die Stadt gehasst, obwohl sie mir nichts getan hatte. Nun fingen die Menschen dort auch noch an, sich an mich zu erinnern, und das war eine Katastrophe an einem Ort, an den ich nie hatte zurückkehren wollen.
»Was weißt du über Lost Places?«, riss mich Marc aus meinen finsteren Gedanken.
Was gibt es darüber schon zu wissen, dachte ich. Wilder Wein, Graffiti auf der Kirchenpforte und Löwenzahn, der sich pittoresk durch die Ritzen des Dielenbodens drückt. Americana-Klänge und Käfer, kriechend aus einem golden schimmernden Grammofon, synthetische Orte, die im Licht von Neonreklamen wuchern.
Es war ein ungewöhnlicher Auftrag, aber nicht so ungewöhnlich, dass man von Pionierarbeit sprechen konnte. Von Tscherwonohrod bis Talgarth hatten Blogger längst sämtliche Orte aufgespürt – Geisterstädte, Autofriedhöfe, Krankenhausruinen –, sie erkundet und ihre Entdeckungen im Internet protokolliert, was wiederum vereinzelte Independent-Verlage zu ersten Publikationen inspiriert hatte. Das Interesse von Finnmark, auf diesen Zug aufzuspringen, bedeutete vor allem, dass man das Thema mittlerweile für massenkompatibel hielt.
Zwei Geisterstädte, erklärte mir Marc, verfielen im Norden Frankreichs. Sie sollten das Zentrum des Buches bilden.
»Außerdem gibt es eine unübersichtliche Anzahl leerstehender Fabrikgebäude, aufgegebener Bergwerke, verwahrloster Schrottplätze … die Liste ist so lang, es ist fantastisch. Hör dich einfach um, es sollte nicht schwierig sein, neun oder zehn weitere Orte zu finden.«
»Und was sind das für Städte?«, wollte ich wissen. »Kriegsschauplätze?«
»Nein«, antwortete Marc gedehnt und hielt einen Moment inne, um in seinen Unterlagen zu blättern. »Der Krieg hat ausnahmsweise einmal nichts damit zu tun.«
Saroncourt, eher ein Dorf als eine Stadt, lag im ehemaligen Kohlerevier, und Marc erwähnte die Kohlekrise so beiläufig und selbstverständlich, als müsste mir dabei ein Licht aufgehen. Der andere Ort befand sich westlich davon an der belgischen Grenze. Das idyllische Fischerdorf Nortzeele, es sollte dem erweiterten Industriehafen Dünkirchens weichen. Diese Pläne wurden nie umgesetzt, aber für das Dorf kam die Info zu spät.
»Ich habe ein Video über die damaligen Proteste der Anwohner gefunden, eine französische Dokumentation«, sagte Marc. »Ich schicke es dir.«
»Ganz schön deprimierend«, erwiderte ich.
»Alles eine Frage der Perspektive. Aus Sicht des Segelfalters ist auch Hannover ein Lost Place, bloß dass dort weniger Unkraut wuchert.«
Als Marc hinzufügte, ich solle auch jeweils ein Hotel und ein Restaurant empfehlen, entfuhr mir ein nervöses Kichern.
»Sonst noch was?«, fragte ich. »Soll ich Weinproben machen und mich ins Nachtleben stürzen?«
»Lass dir was einfallen«, antwortete Marc, unempfänglich für jegliche Ironie. »Die Leute, die Vergangenheit, die Atmosphäre … dort warten sicher genügend Geschichten, die berühren.«
Ich konnte mir nicht vorstellen, welche Geschichten er meinte. Der Nordwesten Frankreichs war für mich ein blinder Fleck. Ich assoziierte damit vor allem die Evakuierung Dünkirchens, Gertrude Ederle und den Bau des Eurotunnels – insofern bemerkenswert, als es in allen drei Fällen darum gegangen war, möglichst schnell auf die andere Seite des Kanals zu gelangen. Das waren interessante Voraussetzungen für einen Reiseführer.
Nachdem Marc aufgelegt hatte, sackte ich zurück in die Kissen und dachte an Slowenien: Julisches Alpenpanorama im Triglav-Nationalpark, sehnsuchtsvoll verglichen mit der kanadischen Bergwelt, die zerklüftete Schönheit der Vintgar-Schlucht, Trenta, Soča, Bled – Orte, an die ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr erinnerte, vergängliche Expertise mussten meine Notizen oder das Internet liefern. Ich überschlug, wie lange ich für eine Rohfassung des Wanderführers brauchen würde, wenn ich diszipliniert arbeitete, und rechnete aus, wann ich demzufolge spätestens die Zügel anziehen musste. Ein Bein brauchte man sich jedenfalls nicht auszureißen. Wenn die Belegexemplare eintrafen, waren meine Texte so stark überarbeitet und gekürzt, dass ich sie kaum wiedererkannte. Das lag wohl weniger an meiner Unfähigkeit zu schreiben als an meinen stetigen Bemühungen um Einzigartigkeit – ein Anspruch, der von den Verlagen bei Reihentiteln nicht unbedingt geschätzt wurde.
Immerhin, Frankreich sollte mir mehr Freiraum bieten. Erzähle den Menschen Geschichten, die sie berühren, hatte Marc sinngemäß gesagt, und solche wollte ich schreiben, von Verlust und Verfall, vom Verlassen und Vergessen, den vier Vs des Berufsmelancholikers, und dazu noch ein gutes Hotel.
Draußen, jenseits der Rollläden, sangen ein paar Vögel. Es war bereits Nachmittag, und ich fand mich damit ab, dass auch dieser Sonntag in die Binsen gehen würde, so wie die Tage in der Heimat für mich überhaupt Tage des Zerrinnens waren, nicht der Zeit wegen, die mir durch die Finger glitt, sondern weil sie im Gegenteil Stillstand bedeuteten und schließlich Umkehr. War ich nicht weg, fort, auf der Straße, so schlief ich lange und verlebte Stunden, die der maximalen Auslenkung eines Pendels entsprachen. Es waren windschiefe Tage, an denen die Nullposition an mir zerrte. Das Fehlen von Energie wurde mir ein körperlich spürbarer Mangel, doch gleichzeitig erwuchs aus einem tieferen Impuls heraus ein Verlangen nach weniger, nach viel weniger, eine unersättliche Gier nach nichts. Nichts wurde begonnen, nichts fortgesetzt, und alles, was ich tat, war darauf zu warten, dass das Pendel endlich stoppte.
Schuldbewusst betrachtete ich meine Yamaha Pacifica, die in Surf Green neben dem Bücherregal vor sich hin rostete und auf der ich auch nach acht Jahren lediglich das Main Riff von With or Without You spielen konnte. Aber selbst daran war jetzt nicht zu denken, denn ein nervöses Zittern hatte meine Hände befallen. Das passierte mir öfter, wenn ich mich in dem Loch zwischen zwei Reisen befand und eine ständige Unruhe an meinen Nerven nagte. Aber irgendwie gehörte das wohl zum Spiel. Ein wenig Unstrukturiertheit wurde von den Kreativen dieser Welt ja auch erwartet, zu denen ich mich in dieser tendenziell unkreativen Zeit durchaus zählte.
Das Erwachen in meiner Wohnung war zuverlässig vom Gefühl begleitet, verschlafen zu haben, obwohl niemand auf mich wartete, auch heute nicht, dem siebten Geburtstag meines Neffen. Jana hatte von einer Feier nichts erwähnt, vielleicht im Glauben, ich stolperte noch immer durch die Julischen Alpen, und ich hatte sie darin belassen. Mehr für sie als für Ben, der mein Fehlen kaum bemerken würde, verschickte ich das Bild eines zerknautschten Bluthundes, auf dessen Kopf ein Partyhütchen thronte. Danke, schrieb Jana prompt, er hat sich sehr gefreut. Keine Ursache, antwortete ich.
Sind bei Papa, gucken Urlaubsfilme von früher, fügte Jana hinzu, aber das las ich erst am nächsten Morgen und schrieb nicht mehr zurück.
Diese alten Filme … vorm Hintergrund sich wiegender Palmen dösten wir, den Vorlieben meiner Mutter geschuldet, vierzehn Nachmittage im makellosen Sand der Playa de la Juventud, während mein Vater schüchterne Visionen seines Glücks in die Berge zu zeichnen pflegte, aber zurücksteckte. Bei jeder Sichtung der Videos bestätigte sich aufs Neue, was ohnehin längst Konsens geworden war, dass nämlich meine Mutter immerzu schlief oder die Nase in ein Buch steckte, sich selten erhob, wortlos zumeist, um sich bis zu den Fußgelenken ins türkisblaue Wasser hineinzutasten und dort zu erstarren, von meinem Vater aus respektvollem Abstand auf Magnetband gebannt. Aus dem Off war zu hören, wie er sich erfolglos darum bemühte, Janas und mein verspieltes Geplapper zu dämpfen, Geplapper, das mich Jahre später nervte, als seien wir fremde Kinder, Plagegeister.
Ich hatte diese Bänder so oft gesehen, mir war ein zweites Gesicht gewachsen. Ich wusste, gleich würde sie das Buch auf ihrem Bauch ablegen, die Hand gegen die Sonne erheben, fünffringrige Schatten würden auf den geschlossenen Lidern tanzen, und dann würde sie sich, während ich einen gefangenen Krebs verbuddelte, aufrichten und nicht reagieren auf meine verwunderten Rufe. Mein Vater, blind vor Liebe für Kamera und Motiv, würde zischen, Schschscht!, und voll draufhalten auf seine wasserscheue Nixe.
Würden ihre Kindeskinder verstehen, dass der Film ein analoges Unikat gewesen war, sollte er eines Tages verloren gehen? Es gab Möglichkeiten, die Aufnahmen zu digitalisieren, wahrscheinlicher war, wir nutzten sie schonungslos ab. Das krachende Rauschen, das heisere Knirschen, man hätte es beinahe hinnehmen können als den Wind, der Janas Haare erfasste, während sie auf der Hafenmauer balancierte, doch Eingeweihte wussten, das Geräusch war nicht immer dagewesen. Einmal hatte dort eine mütterliche Warnung gestanden, wir konnten sie noch immer erahnen unter dem Lärm. Für alle anderen aber tanzte Jana nun unbeschwert, und sie hüpfte in die Tiefe wie ein Klippenspringer.
Ich fragte mich, woher dieses Verlangen rührte, eine Vintage-Version seiner selbst über den Bildschirm flimmern zu sehen, grobkörnig, rotstichig und in fragwürdig bunten Klamotten. Auf jeden Fall war es real, und es wurde mit den Jahren stärker, ich spürte es genauso wie der Rest meiner Familie.
Überhaupt ertappte ich mich bisweilen bei einem Anflug von Technik-Nostalgie. In den Neunzigern waren die Unterhaltungsangebote bereits vielfältig, Displays aber nicht allgegenwärtig. Als Teil der vielleicht letzten Generation, die noch unter der 20.15-Uhr-Doktrin aufgewachsen war, empfand ich es selbst an verlorenen Tagen als Kapitulation vor dem Müßiggang, wenn vor acht Uhr abends der Fernseher lief, mit der Sportschau als einziger legitimen Ausnahme.
Trotzdem überfiel mich jetzt, mitten am Nachmittag, das Bedürfnis, mich an der Vintage-Version meines nächsten Reiseziels zu laben, Dünkirchen in den Forties, allerdings nicht grobkörnig, nicht rotstichig und ganz bestimmt nicht mit bunten Klamotten. Als James McAvoy auf der Suche nach etwas Trinkbarem ohne Schnitt durch das Chaos am Strand von Dünkirchen stolperte und dabei noch immer rötliches Dämmerlicht durch die halb heruntergelassenen Rollläden auf den Laminatboden fiel, redete ich mir das schön, indem ich Abbitte als Recherche verbuchte.
Und war es nicht so? Warum sonst spielte ich diese Szene wieder und wieder ab, wenn nicht um zu begreifen, woraus sich ihre Faszination schöpfte, ob sie gut erzählt war oder anmutig gefilmt oder beides. Ich beschleunigte den Lauf der Dinge, verzerrte den Strand und streckte die Dünen, einundzwanzig zu neun, vier zu drei, schlug die Menschen mit Stummheit und wechselte die Tonspur.
Über dreihunderttausend Männer sind hier, Sie müssen wave to wait your turn.
Ich trieb diesen Strand in ein grelles Gleißen – die gedeckten Farben spielten mit Sicherheit eine Rolle, das Licht, milchig und diffus, und auch das Karussell. Bild im Standbild: Ein Schwarzweißfilm auf der Kinoleinwand, obszöne Schönheit, gleichgültig gegen das sie umschwirrende Chaos, gegen dreihunderttausend junge Männer, die bloß über den Kanal wollten, wie es vielleicht Tradition war an diesem Ort.
Natürlich war es naheliegend, das Licht von Janko in meine Geschichte holen zu lassen, und im besten Falle auch die Karussells. Sollte er sie mir bringen, die gedeckten Farben.
Hinter meinen Worten sollten sie verblassen.
Als Marc ankündigte, mir ein Video schicken zu wollen, hatte ich nicht damit gerechnet, dass er im wahrsten Sinne des Wortes eine Videokassette in einen Umschlag und diesen dann in einen Postkasten stecken würde. Er hatte sich Zeit damit gelassen. Mit dem Päckchen in der Hand dauerte es einen Augenblick, bis mir seine Bemerkung über eine französische Dokumentation überhaupt wieder einfiel. Hilflos starrte ich auf das Band und versuchte, mich zu erinnern, wo ich zuletzt einen Videorekorder gesehen hatte. Na schön, seufzte ich, stieg ins Auto und fuhr zu dem Haus, in dem ich aufgewachsen war.
Mein Vater hatte zwei Frauen überlebt, von denen eine, und zwar die zweite, meine Mutter gewesen war. Die Vorstellung, dass er dieses Kunststück ein drittes Mal wiederholen könnte, behagte mir nicht, aber davon abgesehen war es mir egal, wie er sein Rentnerdasein gestaltete, solange er darauf achtete, am Leben zu bleiben. Im Gegenzug erwartete er von mir nichts weiter, als dass ich »keinen Scheiß baute«, womit er meinte, dass ich mir kein Heroin spritzen oder von einer Brücke springen sollte. Alles jenseits dieser stillschweigenden Übereinkunft – dass wir auf uns selbst aufpassen würden, damit der andere es nicht zu tun brauchte – war Sperrgebiet, und wir kamen gut miteinander aus. Wenn ich zu Besuch vorbeischaute, freute er sich. Ließ ich mich ein paar Wochen nicht blicken, war es auch in Ordnung.
Mein Elternhaus stand am Rand eines Fünfhundert-Seelen-Dorfes, nur einen sonntagnachmittäglichen Spaziergang vom Hochwald entfernt. Als Kind brauchte ich bloß dem Feldweg zu folgen, entlang der Maisfelder und Schafweiden zu einer Holzbank im Schatten der ersten Baumreihen, um den Wald zu riechen und zu schmecken, seine säuerlichen Buchenblätter, seine zitronigen Fichtenspitzen, den schweren Duft von Erdreich und nassem Laub. Zu hören war er häufig schon von zu Hause, vor allem im Sommer schwoll abends sein dunkles Summen hypnotisch an, das rhythmische Klopfen eines Schnabels auf Holz lockte mich, das Rauschen des Meeres aus Baumkronen, selbst die menschengemachten Geräusche, das Aufheulen einer Yamaha auf der Bundesstraße, die zwischen zwei Haarnadelkurven eine lange gerade Schneise durch den Wald schlug, und der wohlüberlegte Schuss des Jägers, alles war eine einzige Versuchung. Und womöglich Einbildung, denn als Erwachsener konnte ich nichts davon mehr wahrnehmen, der Wald erschien mir still, zahm und durchschnitten von Schotterwegen, hörbar lediglich die knirschenden Schritte der Nordic Walker und das gelegentliche Bellen eines Retrievers. Blickte ich als Kind in die Ferne, nach Osten, Westen, Süden, ganz egal, schien der Wald die gesamte Region in eine dunkle, harzig duftende Umarmung zu schließen. Als Erwachsener war meine Vorstellung von Ferne eine andere geworden, und umarmen ließ ich mich nur noch zum Geburtstag und bei Beerdigungen.
Der akkurat getrimmte Rasen meines Vaters grenzte auf drei Seiten an wilde Felder, von diesen nur getrennt durch eiserne Disziplin und einen jährlich frisch gestrichenen und imprägnierten Buchenzaun. Löwenzahn, Wiesen-Kerbel, ich wusste nicht, wie das ganze Unkraut hieß, wichtig war bloß, dass es auf der anderen Seite des Zaunes wuchs. Der Tag, an dem sich das änderte, würde der Tag sein, an dem ich anfangen musste, mir Sorgen um meinen Vater zu machen.
