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Skopje kurz nach dem Weltkrieg: Die Hirten kommen aus den Bergen und lassen sich in der hungernden Stadt nieder, aber sie kommen mit all ihren Ziegenherden. Die Stadt wird weiß, und sie überlebt dank der Ziegen, diesen Verbündeten des Menschen seit alter Zeit. Die Funktionäre sind ratlos. Die öffentliche Ordnung und die Industrialisierungspläne sind gestört. Die Kampagne beginnt, die Herden verschwinden auf tragische, geheimnisvolle Art. Sie leben weiter in der Fantasie - als Erinnerung an stummen, hartnäckigen Widerstand. Luan Starovas Roman ist eine bittere und heitere Erinnerung an seine makedonische Kindheit, aber auch eine nachdenkliche Suche nach den tieferen Wurzeln der Selbstzerstörung, die den Balkan in diesem Jahrhundert immer wieder heimsucht.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2021
Skopje kurz nach dem Weltkrieg: Luan Starovas Roman ist eine bittere und heitere Erinnerung an seine makedonische Kindheit, aber auch eine nachdenkliche Suche nach den tieferen Wurzeln der Selbstzerstörung, die den Balkan in diesem Jahrhundert immer wieder heimsucht.
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Luan Starova (*1941) war Professor für Romanische Sprachen an der Universität in Skopje und Botschafter bei der UNESCO. Nach der Unabhängigkeit Mazedoniens 1991 wurde er der erste Botschafter des Landes in Paris. Seit 1971 erscheinen seine Werke in mazedonischer und albanischer Sprache.
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Roberto Mantovani, geboren 1970 in Düsseldorf, studierte Slawistik, Orientalistik und Osteuropäische Geschichte in Bonn und St. Petersburg. Er ist u. a. als Übersetzer aus dem Mazedonischen tätig.
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Luan Starova
Zeit der Ziegen
Roman
Aus dem Mazedonischen von Roberto Mantovani
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1993 unter dem Titel Vremeto na kozite in Skopje.
Originaltitel: Vremeto na kozite
© by Luan Starova 1993
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Wolfram Scheffel, Monterotondo xxiv, Öl auf Leinwand, 6/96
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30503-8
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
ZEIT DER ZIEGEN
1 – Schon damals, als wir uns am Flussufer angesiedelt …2 – In der Stadt brach die Zeit der Ziegen …3 – Wir wohnten im Herzen des Hirtenviertels in einem …4 – Selten, nur sehr selten betrat meine Mutter das …5 – Eines Morgens verließ mein Vater ungewöhnlich früh das …6 – Bevor er sich zum Kauf der Ziege entschloss …7 – Die Ziege brachte schnell auch in das Leben …8 – Wenn Tschanga spätnachts, manchmal erst kurz vor dem …9 – Nachdem er diese Erzählung gelesen hatte, konnte Tschanga …10 – Der Tod ging in unserer Familie in den …11 – So kam neues Leben in unsere Familie …12 – Als man in der Partei vom Namen unserer …13 – Stolz, sehr stolz marschierten wir mit Tschangas Ziegen …14 – Das Hirtenviertel hatte sich in sich selbst zurückgezogen …15 – Als mein Vater heimlich meiner Mutter zuflüsterte …16 – Wenn wir später an den schönsten und dichtesten …17 – Nach den ersten Nachrichten über das Ziegenverbot herrschte …18 – Das unerwartete Auftauchen von Tschanga und seinen Ziegen …19 – Eine Morgenröte über der Festung, glitzernd wie Perlmutt20 – Nach dem Verschwinden von Tschanga und den Ziegen …21 – Wie mein Vater auf den Gedanken gekommen war …22 – Drei Tage waren seit Tschangas Verschwinden vergangenEpilogMehr über dieses Buch
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Schon damals, als wir uns am Flussufer angesiedelt hatten, zog die Festung Kale unsere Blicke in ihren Bann und ließ unsere Fantasie nicht mehr los. Lange Zeit betrachteten wir sie vom steinernen Kai aus, die Überreste der Zitadelle mit ihren Spuren aus der Zeit des letzten Krieges und mit den alten Kanonen, die an den großen Feiertagen der Sieger Salut schossen: am Ersten Mai, am Tag des Sieges, am Tag der Armee, am Tag der Republik.
Die Festung Kale war für uns, die neuen Einwohner, wie ein Balkon am Himmel; sie war der Stolz der Stadt. Um zu den Abhängen des Hügels zu gelangen, über denen sie aufragte, musste man zuerst die Holzbrücke überqueren. Wenn wir dieses hölzerne Prachtstück hinter uns gelassen hatten, erstreckte sich vor unseren Augen ein weißes Gebäude, geradezu ein Palast. Auf dem Sims der vorspringenden Fassade war es wie zur Verteidigung geschmückt mit einer Reihe Statuen: Karyatiden, ungefähr mannshoch; außerdem sah man Masken mit allen nur denkbaren Gesichtsausdrücken.
Dies war das Theater, ein altes Gebäude, erbaut in einer Art Pseudoklassizismus. Es wirkte hier, mitten auf dem Balkan, wie fehl am Platz, als sei es direkt aus Wien, Rom oder Paris hierher verpflanzt worden. Einst hatte man die Macht eines neuen Staates an ihm ablesen können; Gleiches galt für das nahe gelegene »Haus der Armee« gegenüber dem Gebäude der großen Bank, errichtet an der Stelle einer alten Moschee, die als Burmali-Moschee bekannt gewesen war; ebenso für das große Bahnhofsgebäude, eines der schönsten des gesamten Balkans – und das in dieser fast orientalischen Provinzstadt. Zwanzig Jahre nach der Staatsgründung, nach dem Ersten Weltkrieg und dem Friedensschluss von Versailles bestimmte das ausländische Kapital die Symbole der Macht einer neuen Ära. Diese neuen Gebäude prägten, zusammen mit der alten Steinbrücke und der riesigen alten Festung, die hinter ihnen aufragte und die schon seit Urzeiten als Hauptstützpunkt aller Machthaber auf dem Balkan bekannt war, den überdauernden Anblick der Stadt.
Zwischen diesen Bauten erstreckte sich ein geräumiger Platz, vielleicht der einzige seiner Größe auf dem Balkan, mit Zugängen zur Steinbrücke und zur Hauptstraße, die am Bahnhof endete. Der wichtigste Zug dort war der Balkan-Express, er verband die Stadt mit Nord- und Westeuropa, ebenso mit dem südlichen und östlichen Balkan.
Einzig die Festung, die schon von den Osmanen Kale genannt wurde, zu der Zeit, da sie noch als große Kaserne diente, war ein Symbol der untergegangenen Reiche. Jedes dieser Reiche, von vornherein zu Untergang und Vergessen verurteilt, hatte gewissermaßen seine Grabplatten auf den Überresten der zyklopischen Steinblöcke hinterlassen. Dort waren mit unterschiedlichen Schriftzeichen Inschriften eingemeißelt, und immer neue Eroberer oder Erdbeben hatten sie von ihrem Platz verrückt.
Die Zeichen in den aufgetürmten Steinen verwitterten und verschwanden; die Geschichte befreite sich von ihnen und bezeugte so die Vergänglichkeit. Die untergegangenen Epochen ruhten in diesen zyklopischen Mauern. Keine Kraft der Welt konnte sie bewegen, ausgenommen die katastrophalen Erdbeben, wie die Stadt sie alle fünfhundert Jahre erlebte. Es war, als sei in dieser Festung wie nirgends sonst die balkanische Zeit verewigt. Die in Stein gehauenen Botschaften der Eroberer waren die Grabsprüche auf ihre eigene vollendete Macht.
Als wir, nach der großen Übersiedlung vom Westufer der Stadt am See, nun am Ufer des schnell fließenden Vardar angekommen waren, zogen wir in das alte, verlassene Haus eines Bey. Es stand zärtlich beschützt im Schatten von vier riesigen Pappeln, zwischen der Holzbrücke und dem alten Mädchengymnasium, das später den Namen Josip Broz Titos erhielt und nach dem letzten großen Beben, schwer beschädigt, ganz abgerissen worden ist, obwohl man es hätte retten können; an seiner Stelle wurde ein dreiflügeliges Gebäude errichtet, das an eine Pagode erinnert und das bis zum Sturz der Kommunistischen Partei Sitz des Zentralkomitees war.
Einzig die Kale hat der Zeit widerstanden, wenn auch schwer beschädigt und vom Erdbeben gezeichnet, zusammen mit den Ruinen der gelben Kasernen, wo zum Schluss das Revolutionsmuseum untergebracht war.
Als wir uns eingelebt hatten und auch die letzten Spuren des Krieges beseitigt waren, erwachte in uns Kindern der Wunsch – oder war es ein unbestimmter Instinkt? –, etwas zu erobern. Wenn wir dann am Theater vorbeigingen, das damalige Judenviertel betraten und uns somit nah am Fuß des Hügels befanden, ragte vor uns plötzlich dessen gerippter lehmiger Bauch auf, in dessen weichere Teile die Zeit, insbesondere nach starken Regenfällen und Überschwemmungen, tiefe, gewundene Höhlen gegraben hatte, die jetzt zu Schutzräumen gegen Bombardements und andere Angriffe auf die Stadt ausgebaut waren.
Oben auf der Festung konnten wir die Stadt in alle Richtungen überblicken. Unten strömte vor unseren Augen der blassbläuliche oder gelbgrünliche Fluss dahin, und wir befanden uns gleichsam auf dem Mast eines Schiffes, das durch die Zeit segelte.
Wir beobachteten das Hin und Her in den Straßen, die alten Zweispänner, die Farben des großen Marktes, das ewige Fließen des Wassers. Aber wo wir auch standen, fast immer zog der große Platz unsere Blicke auf sich. Dies war der Ort, den die Geschichte am häufigsten als Bühne nutzte. Der Platz war das erste Ziel der Paraden der Besatzer, die Befreier verkündeten dort den Sieg, dort fanden die großen Versammlungen der Werktätigen statt, die großen Kundgebungen …
An einem Frühlingsmorgen, als wir auf die Kale gestiegen waren, richteten sich unsere Blicke wie üblich zuerst auf den Platz und stießen diesmal auf etwas Ungewöhnliches: eine wogende weiße Masse, die den ganzen Raum ausfüllte. Als unsere Blicke sich daran gewöhnt hatten und wir klar erkennen konnten, was auf dem Platz geschah, rief einer von uns: »Ziegen, massenweise Ziegen und Leute auf dem Platz!«
Wir schauten nach allen Seiten, zum Stadtrand hin. Von überall her drängten Ziegen und Menschen durch die Straßen. Eine unüberschaubare weiße Masse strömte auf den großen Platz.
»Eine Ziegenversammlung!«, rief ein anderes Kind und dachte dabei sicher an die vielen Versammlungen und Kundgebungen, die auf dem Platz abgehalten wurden.
»Das ist keine Versammlung, das ist eine Ziegenparade!«, ergänzte ein drittes Kind und dachte dabei an die häufigen Paraden.
Schon war der Platz bis auf den letzten Fleck voller Ziegen und Menschen. Die angesehensten Hirten der Bergdörfer, die ganze Ziegenherden, darunter auch starke Böcke, hinter sich herzogen, stiegen auf die große Tribüne, auf der während der großen Paraden, Aufmärsche und Kundgebungen die führenden Politiker der neuen Republik Makedonien im neuen, sozialistischen, föderativen Jugoslawien zu stehen pflegten.
Jetzt warteten auf dieser Tribüne die Ziegenhirten auf ihre erste Begegnung mit den Behörden der Stadt und der Partei.
Was war auf dem Platz los?
Wir, oben auf der Kale, konnten nicht verstehen, was geschah, aber uns war klar, dass es um etwas Großes ging, die Erwachsenen nannten dies »historisch«. Später, im Lauf der Zeit, sollten wir das verstehen …
Aus den Bergen der näheren Umgebung kamen die Bauern, die nicht in »freiwilligen« Arbeitskooperativen zusammengeschlossen worden waren, mit ihren treuen Ziegen in die Stadt, wobei die Behörden hofften, dass diese Hirten bald zur Arbeiterklasse werden und die sozialistische Revolution vollenden würden. Das sollte uns zumindest mit der Zeit klar werden. Aber wer hätte jetzt all das verstehen können?
Die Stadt lebte auf durch den frischen Wind aus den Bergen, den die neuen Bewohner mit sich brachten. Menschen verlassen ihre Heimatgegend nicht ohne Kummer im Herzen, selbst wenn diese einst nicht nur Glück, sondern auch Unglück für sie bedeutete.
Diese hier hatten den heimischen Herd zurückgelassen, in der Hoffnung, eines Tages dorthin zurückzukehren. Sie hatten nur das Notwendigste mitgenommen. Alle brachten sie die Schlüssel ihrer Häuser mit, aber sie wussten genau, dass sie niemals zurückkehren würden. Schwer nur trennten sie sich vom Federvieh und auch vom Großvieh, das üblicherweise in der Kooperative zurückbleiben musste. So blieben ihnen schließlich nur die Ziegen, von denen kein Gesetz und keine Macht sie trennen konnte.
Die Ziegen blieben bei ihnen, als wären sie gleichberechtigte Mitglieder der kinderreichen Familien. Sie waren die Rettung zahlreicher Familien in den hungrigen bösen Jahren des langen Krieges gewesen. Auf eine Familie kamen mehrere Generationen von Ziegen, mit Vorfahren in anderen Kriegen und Katastrophen auf dem Balkan. Ohne die Ziegen hätte es diese Leute sicher nicht gegeben, all dieses erwachende neue Leben …
Die meisten Hirtenfrauen hatten zum ersten Mal im Leben die wunderbaren Volkstrachten angezogen, voll glänzender Gold- und Silberfäden, verwoben mit herrlichen, nie gesehenen Farben, von einem Blau mit Rottönen zu Grün, das ins Gelbe spielte, Farben, wie man sie nur in den Bergregionen findet.
Die Auswanderung in die Stadt bedeutete eine große Wende im Leben dieser über die Hänge, Pässe und Kämme der hohen balkanischen Berge zerstreuten Familien.
Von manchen Orten aus reiste man tage- und nächtelang zur Stadt, von anderen Orten aus erreichte man sie schon in einem Tag.
Die Ziegenhirten verließen wie auf Verabredung ihre Häuser und Bergdörfer. Zwischen ihnen bestand schon vorher eine klare Abmachung: Sie reisten gemeinsam, in Kolonnen. Hinter den Familien mit den meisten Kindern gingen auch die meisten Ziegen und manchmal ein oder mehrere Böcke.
Auf dem Weg geschah es hin und wieder, dass die Kolonne anhielt, wenn das Weinen eines oder gar mehrerer Kinder nicht verstummen wollte. Dann blieben auch die Ziegen stehen. Sie waren bereit, das weinende Kind selbst zu säugen, neben der vom Hunger erschöpften Mutter, die keinen Tropfen eigener Milch mehr hatte.
Die Ziegen lasen auf oder weideten ab, was sie am Weg fanden: Laub, Zweige, Triebe, Gräser, alles, was auch nur den mindesten Nährwert besaß. Sie waren der mobile Nahrungsvorrat für diese Menschen, die da zum großen Platz in der Hauptstadt der Republik strömten, wie die Sieger. Ja, die Hirten und auch die Ziegen mit ihren schweren Eutern marschierten wie Sieger. Auf dem Weg trafen sie Soldaten, erschöpft vom langen Krieg, mit Medaillen auf der Brust, und junge Männer – Freiwillige, die an den Straßen arbeiteten. Die Hirten blieben stehen, begrüßten sie, teilten mit ihnen den Rest Milch und Ziegenkäse und zeigten damit jene Gutherzigkeit, wie sie den Leuten aus den Bergen angeboren ist. So erreichten Hirten und Ziegen an jenem Frühlingsmorgen, mit neugierigen Blicken begrüßt von uns Kindern auf der Festung, die Hauptstadt.
Die höchsten Repräsentanten von Staat und Partei waren gut informiert über die Ankunft der neuen Einwohner aus den Dörfern: Dies war die Keimzelle der Arbeiterklasse, sie waren Brüder im Kampf.
Man hatte vorausgesehen, dass sich die Neuankömmlinge nur schwer von ihrem Heimatboden trennen würden und dass sie also mit der einen oder anderen Katze oder mit einem Hund, vielleicht einem Hahn, mit je ein paar Schafen oder Ziegen kommen würden, doch niemand hatte sich auch nur im Traum diese Ziegeninvasion vorgestellt. Niemand hätte geahnt, dass nur ein paar Tage nach der Parade zum Jahrestag des Sieges auf diesem selben Platz die Ziegen aufmarschieren würden.
Die Repräsentanten von Staat und Partei freuten sich über die neuen Angehörigen der Arbeiterklasse, die sich für immer von den Sitten und Gebräuchen des Lebens in den Bergen verabschiedet hatten und die jetzt sicherlich dem einheimischen und ausländischen Klassenfeind den Todesstoß versetzen würden. Aber nun zerstörte diese »Ziegen-Konterrevolution«, diese regelrechte weiße Invasion, alle strategischen Überlegungen der Chefideologen und Vordenker.
Die Funktionäre waren gewohnt, immer nach Anweisungen der vorgesetzten Behörden zu arbeiten, und verfügten, wie sehr sie auch wünschten, selbst einmal die Initiative ergreifen zu können, über keine konkreten Instruktionen, wie sie mit den Hirten und ihren Ziegen verfahren sollten.
Auch für rasche Rücksprachen blieb keine Zeit – die Ziegen waren da; die Hirten, die Mütter und ihre Kinder warteten auf eine schnelle Entscheidung. Die Stadt erlebte, wie später einige Parteikader formulieren sollten, eine »Besetzung durch Ziegen«.
Der Parteisekretär und der Bürgermeister stiegen auf die Tribüne, um die Anführer der Ziegenhirten zu treffen. Der angesehenste Hirt mit Namen Tschanga, der einen leichten Überwurf aus Ziegenfell trug sowie eine Kopfbedeckung aus Ziegenleder in Form einer Partisanenmütze, begrüßte als Erster die hohen Funktionäre.
Er war sichtlich verwirrt, als der Parteisekretär ihn wie folgt ansprach: »Ein herzliches Willkommen unseren Brüdern aus den Dörfern, unseren Brüdern beim Aufbau unserer glücklichen Zukunft, unserer klassenlosen Gesellschaft. Wir erwarten euch seit Tagen, aber allein, ohne diese Ziegen. Wohin, Brüder, mit all diesen Ziegen? Werdet ihr etwa mit ihnen in der Stadt leben und arbeiten? Schließlich geht man mit Ziegen auch nicht zum Pflügen, wie das Volk sagt, und schon gar nicht zur klassenlosen Gesellschaft, zum Kommunismus …«
Tschanga, der Anführer der Hirten, war sichtlich verwirrt von diesen unerwarteten Worten der Begrüßung. Aber als der Sekretär das Wort »Kommunismus« erwähnte, unterbrach er ihn geschickt: »Wir, Bruder, wir kommen mit unseren Ziegen direkt aus dem Kommunismus, und ihr seid jetzt erst aufgebrochen, ihn zu verwirklichen. Ja, wir leben mit den Ziegen in natürlicher Gemeinschaft zusammen, wie im Urkommunismus. Wir teilen ein gemeinsames Schicksal, wir leben mit den Ziegen ›klassenlos‹, wie ihr sagen würdet. Mit den Ziegen haben wir den Faschismus durchgestanden, und dank ihnen sind wir am Leben geblieben …«
Man hörte Zustimmung aus den Reihen der umstehenden Ziegenhirten; die weiße Masse kam in Bewegung.
Der Sekretär hatte nicht mit einer solchen Antwort gerechnet. Während er noch nach Worten rang, begann es, in der Masse auf dem Platz zu rumoren.
Die Nachricht der weißen Invasion durch die Ziegen verbreitete sich in der Stadt. Wir Kinder waren, als wir die Ansammlung von Ziegen auf dem Platz gesehen hatten, gleich in alle Stadtviertel auseinandergelaufen, um die große Nachricht zu verbreiten. Die Leute glaubten unseren Worten zuerst nicht, dann aber strömten sie von allen Seiten zum großen Platz.
Als die Hirten wieder ruhig geworden waren, sagte der Bürgermeister friedlich und in wohlgesetzten Worten zu Tschanga: »Wir hatten euch früher erwartet. Lastwagen standen zur Verfügung, um euch in die Stadt zu transportieren. Wie seid ihr hierhergekommen?«
»Wegen der Ziegen sind wir zu Fuß aufgebrochen. Für sie gab es keinen Platz in den Lastwagen. Und wir wollten auf keinen Fall ohne die Ziegen gehen«, erklärte Tschanga.
»Ich verstehe, ich verstehe«, fuhr der Bürgermeister mit sorgenvollem Gesicht fort, »aber was wollt ihr hier mit diesen Ziegen? Werdet ihr sie verkaufen, werdet ihr sie schlachten …?«
Bei diesen Worten sträubten sich Tschanga die Haare. Seine Stimmung übertrug sich auf die anderen Anführer der Hirten, dann auf die ganze Masse, auf alle Hirten, Kinder, Mütter und Alten.
Die weiße Masse kam in Bewegung als Zeichen der Missbilligung, als ob sie Tschanga eine Botschaft in den Mund legen wollte.
»Die Ziegen gehören zu unseren Familien, zu unserem Leben. Ohne Ziegen sind wir nicht mehr wir selbst, mit den Ziegen sind wir stärker. Wenn die Ziegen nicht wären …«
»Ich verstehe, ich verstehe …«, unterbrach ihn der Bürgermeister in besänftigendem Ton.
»Nein, ihr werdet nie verstehen, was die Ziegen für uns bedeuten … Aber ihr werdet ihre Wohltaten auch in dieser Stadt erleben!«, führte Tschanga seine Rede zu Ende.
Der Parteisekretär schüttelte zweifelnd und leicht drohend seinen Kopf. Er wollte einen etwas befehlshaberischen Ton anschlagen, aber er hielt sich zurück, und so fuhr Tschanga fort: »Verehrte Bürger, schaut euch unsere kräftigen Kinder an, mit Wangen rot wie Äpfel, im Gegensatz zu euren schwächlichen Stadtkindern, die aussehen, als wären sie unterernährt. Hinter jedem unserer Kinder steht eine Ziege. Das Gerettete mit der Retterin. Unsere Kinder haben Mütter, die sie geboren haben, aber auch Ziegen, die sie am Leben erhalten haben.«
Der Sekretär und der Bürgermeister wechselten hilflos kurze Blicke. Die Worte des Ziegenhirten, dachte der Sekretär bei sich, stimmen nicht mit den Richtlinien der Partei überein. Hätte ein anderer ihm so etwas gesagt oder sich auch nur mit gemäßigteren Worten ihm widersetzt, so wäre der sicher zur Rechenschaft gezogen worden; man hätte ihm gezeigt, wo sein Platz ist, und den anderen gleich mit.
Im Versuch, seine durch diesen Ziegenhirten erschütterte Autorität in den Augen seiner Untergebenen wiederherzustellen, wandte sich der Sekretär jetzt gefasster an Tschanga, in gemessenen Worten und laut und deutlich, damit es auch die anderen Anführer der Hirten hören konnten: »Wir errichten den Sozialismus, den Kommunismus, die klassenlose Gesellschaft. Wir Bauern und Arbeiter bauen gemeinsam und mit all unseren vereinten Kräften Fabriken, Straßen und Brücken. Was wir brauchen, ist eine starke Industrie. Wir haben keine Staudämme, keine Wasserkraftwerke. Die Städte sind erst im Aufbau begriffen, wir haben keinen ausreichenden Wohnraum für alle Leute. Außerdem sind die Häuser klein, nur geeignet für jeweils ein paar Familien …«
Der Sekretär schwieg einen Augenblick, um die Wirkung dieser Worte zu beobachten. Ermutigt durch das Schweigen, fuhr er fort: »Wir haben mit vielen Schwierigkeiten Häuser für euch gefunden. Wir haben Baracken errichtet. Wir können euch nur mit Mühe aufnehmen. Und ihr kommt hier mit euren ganzen Ziegen an … Sollen wir etwa mit ihnen den Sozialismus errichten?«
Diesen Gedanken hatten die Hirten bereits gehört, und Tschanga unterbrach den Sekretär jetzt kategorisch: »Ohne unsere Ziegen werden wir nicht einen Schritt auf dem Weg zum Sozialismus tun. Wir werden mit ihnen da bleiben, wo wir waren. Wir sind bereit, sofort mit ihnen dahin zurückzugehen, wo wir hergekommen sind. Da haben wir, wie gesagt, den Faschismus mit den Ziegen überstanden, und im Sozialismus, wie ihr sagt, müsste es eher leichter sein.«
Der Parteisekretär murmelte still etwas vor sich hin und verstummte. Er wollte das Gespräch nicht vertiefen. Er brauchte neue Instruktionen.
Der Bürgermeister war ein älterer Herr mit einer gewissen Würde, der aber die Grenzen seiner Macht kannte und dem Parteisekretär gerne die Initiative überließ, wenn er ihm gegenüberstand; diesmal jedoch wurde ihm sofort klar, dass er sie selbst ergreifen musste, die Initiative. Schließlich waren die Anweisungen klar und deutlich: Die Hirten mussten in der Stadt untergebracht werden, um keinen Preis durften sie zurückkehren.
Wie sich die Ereignisse aber entwickelt hatten, war das nur zusammen mit den Ziegen möglich. Der Bürgermeister wog seine »persönliche Verantwortung« ab, für den Fall, dass die Hirten wieder abziehen sollten. Er schaute kurz zum Sekretär hinüber. Sie verstanden sich.
Dem Sekretär wurde bewusst, dass die Weisung vertraulich war. Er bewahrte sie im großen Stahlsafe der Kanzlei auf, zusammen mit seinem Revolver. Hier war alles klar. Es gab wenig Raum zum Taktieren.
Das verstand auch der Bürgermeister sofort, und er unterbrach die Stille: »Lassen wir die Diskussionen für später. Wir müssen einig sein! Kommen wir auf die praktischen Probleme zurück. Wir haben schon gesagt, die verfügbaren Häuser zur Unterbringung sind klein. Für jede Familie ist ein Zimmer vorgesehen. Ich sehe praktisch keinen Platz für die Ziegen. Wir könnten sie vielleicht in einigen unfertigen Fabrikhallen unterbringen oder in den Koppeln der benachbarten Kooperativen …«
Der Bürgermeister suchte in Gedanken noch einen Ort, wo man die Ziegen unterbringen könnte, aber Tschanga unterbrach ihn: »Wir sind bereit, mit den Ziegen in einem Raum zu schlafen, ganz egal in welchen Zimmern … Unsere Kinder sind daran gewöhnt, im Winter bei ihnen zu schlafen und sich bei ihnen zu wärmen; so auch unsere Frauen und unsere Alten …«
Der Bürgermeister zog den Parteisekretär beiseite und hörte die Argumente des Ziegenhirten nicht weiter an. Es war klar, dass die Hirten auch nicht einen Schritt nachgeben würden.
Der Parteisekretär war wütend, doch er hielt sich zurück. Er hatte Angst vor den Folgen der Weisung für seine Karriere; auch hatte er Angst vor der Rache derjenigen, denen er schon den Kopf gewaschen hatte, seitdem er an der Macht war – und das waren nicht wenige. Aber bis heute war er noch nie auf einen so heftigen Widerstand gestoßen, weder im Krieg als Kommissar noch nach der Befreiung als erster Mann der Stadt. Man hatte ihm in diesen entscheidenden Augenblicken das Ruder entrissen, und er musste es nun ganz dem Bürgermeister überlassen. Doch Tschanga hatte er sich gut gemerkt, eines Tages würde er ihm all das heimzahlen. Ach, wenn nur diese verfluchte Weisung nicht wäre!
Es war wohl besser zu schweigen, auch um nicht weiter seine Autorität aufs Spiel zu setzen. Er erwog, auf die Schnelle die engere Parteiführung der Stadt zu versammeln, vor allem um die Verantwortung aufzuteilen, aber dafür war keine Zeit, und auch über das Gelingen war er sich nicht im Klaren. Da waren noch Militär und Polizei, doch dafür hätte man sich erst mit allen Instanzen der Republik in Verbindung setzen müssen. Davor hatte er Angst. So überließ er die Arbeit dem Bürgermeister …
Die Nacht kam langsam auf die Stadt herab. In der Ferne leuchteten die Laternen der Festung. Die Hirten mit ihren Ziegen verließen den Platz nicht. Die Kinder gaben den Ziegen die letzten ausgetrockneten Blätter, die sie auf dem Weg gesammelt hatten.
Der Parteisekretär und der Bürgermeister riefen die Leiter der zuständigen Ämter im Rathaus zusammen. Man kam zu der vorläufigen Entscheidung, die Hirten gemeinsam mit den Ziegen in den vorgesehenen Häusern und Wohnungen unterzubringen und für das Ziegenproblem neue Instruktionen der höheren Parteiorgane abzuwarten. Indessen waren alle Anwesenden fest davon überzeugt und gaben dieser Überzeugung mehrfach Ausdruck, dass die Hirten, sobald sie sehen würden, was sie erwartete, innerhalb kürzester Frist selbst auf die Ziegen verzichten würden …
Tief in der Nacht kamen der Sekretär und der Bürgermeister mit ihren Helfern auf den Platz, um Tschanga und den anderen Hirten die Entscheidung mitzuteilen.
Die kleineren Kinder waren zwischen den liegenden Ziegen eingeschlafen, gewärmt von ihren Leibern. Die Mütter, zufrieden, dass ihre Kinder schliefen, bereiteten das Essen mit den letzten Resten aus ihren Vorratstaschen zu.
