Zeit für Wunder - Jutta Reike - E-Book

Zeit für Wunder E-Book

Jutta Reike

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Beschreibung

Der Roman "Zeit für Wunder" erzählt von den Menschen in Berlin-Friedrichshain und ihren alltäglichen Erlebnissen, von Träumen, Fröhlichkeit und Liebe, jedoch auch vom Kampf ums Dasein, um Anerkennung und der wilden Lust, zu leben. Man nehme: Eine Prise trautes Traunheim in Hessen, eine Prise Teilzeit-Lover, eine Prise Mobbing und eine schallende Ohrfeige für den lüsternen Chef, und schon hat man den nötigen Treibstoff, um raketengleich wieder zurück zu kommen – in die wunderschöne verrückte Stadt Berlin. Dort wird der Traum-Job plötzlich zum Albtraum und Tilly, Mitte Vierzig, gerät unerwartet ins Chaos der Bewerbungsgespräche, wo spitzfindige und hinterhältige Personaler lauern. Jedoch, noch wichtiger: Nun müsste endlich der Traum-Mann her! Oder etwa nicht? Wie viel Geduld braucht eine Frau, flott, pfiffig, witzig bis spöttisch-bissig, um das zu finden, was sie sucht? Und wie kann ihr ein Zauberstein aus den Märchen der Kindheit dabei helfen?

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Märchenzeit

Traunheim

Ob der Lover ein Lieb-Haber ist ...!?

Abwechslung gefällig?

Wandern mit Brüderchen

Mausel und Macho

Ruf ins All

Ausflug nach Berlin

Der große Knall

Die Süße und das Biest

Nach Bremen! - Nach Berlin!

Blumengruß ins Nichts

Auf Männerjagd

Weihnachtsmarkt, die erste Klappe

Im Café

Weihnachtsmarkt, die zweite Klappe

Ins Märchenland abgedriftet

Die Begegnung

Beim Griechen

Bewerbungsgespräch, die erste Klappe

Bewerbungsgespräch, die zweite Klappe

Noch keine Ideen mit ... Pfeffer

Der Besuch auf dem Lande

Industrieschauspieler werden

Frühlingsunfug

Junge Wege - lässig locker?

Abtanzen ... Austanzen!?

Erste Pirsch, die Fortsetzung

Bei Kostas, in Begleitung, die erste Klappe

Wieder zu Hause

Bewürgen Sie sich doch - beim Dienerverleih

Neue Ideen

Es brennt!

Teddy

Umzug

Der Nächste, bitte

Party

Kalte Blumen

Unter Palmen

Grieche, die soundsovielte Klappe

Absturz

Leere Köpfe nicken leichter!

Besuch aus der „heilen Welt“

Umzug macht Spaß

Bei Alessio, neu

Kellergeschichten

Farbeimer-Hut

Stalking

Ein neuer Morgen

Treffsicher

Am Löwen

Märchenzeit

Es kommt mir vor, als wäre es noch gar nicht lange her, da saß ich, knapp dreijährig, inmitten vieler bunter von meiner Oma behäkelter Kissen auf dem rotbraunen Teppich im Wohnzimmer meiner Großeltern.

Von da unten sah die Welt plüschig und zauberhaft aus. Die gerafften hellen Übergardinen, weiße durchsichtige Stores: Vielleicht könnte dahinter ja ein verwunschenes Schloss sein?

In der Ecke ein kleines helles Tischchen mit frisch gestärkter und gebügelter weißer, fein mit roten, grünen und gelben Stichen bestickter Tischdecke und zwei niedrige Sessel mit dicken, in der Mitte schon durchgesessenen Polstern: Von meiner Perspektive aus waren das merkwürdige Burgen. Ich war darin die Zwergenkönigin.

Dahinter in der äußeren Zimmerecke eine Stehlampe mit drei verschiedenfarbigen, nach unten weisenden Tulpenlampenschirmen, die wie eine übergroße Glockenblume wirkte. Vielleicht bin ich ein Käferchen und lebe hier inmitten von Frühlingsblumen?

Alles um mich herum war voller Geschichten, die von selbst entstanden. Hier schien immer die Sonne – ich kann mich nicht erinnern, dass es in diesem Zimmer jemals dunkel gewesen wäre!

Die Stube hatte vier Fenster zur Straße hin, und mein Großvater verbreitete mit seinem freundlichen lichten Wesen eine Heiterkeit, die den Raum erfüllte.

Es war Sonntag, und obwohl sich seine Kleidung von der an Wochentagen nicht unterschied, hatte ich mich schon früh am Morgen fein machen müssen: Weiße Strumpfhose, die an den Knien schnell dunkler wurde vom Herumrutschen im Zimmer, und ein molliges, kurzes Kleidchen.

Wir waren gerade vom Vormittagsspaziergang heimgekehrt, und um die Zeit bis zum Mittagessen etwas zu überbrücken, erzählte mir Opa eine Geschichte.

„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, ...“

Und ich, das Tilly-Mädchen, tippte ihn an: „Das bist du!“

Mein Großvater schaute durch seine runde Brille einen Moment lächelnd zu mir, dann wieder ins Buch: „Dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, ...“

„Das bin ich!“, warf das Tilly-Mädchen strahlend ein, kletterte aufs Sofa, dann unter den Tisch und begann, sich dort eine Höhle aus den schönen hellen, behäkelten und bestickten Kissen zu bauen.

Und es vernahm weiter Großvaters Stimme:

„... war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen ...“

„Ach Opi, du könntest mir vielleicht lieber wieder die Geschichte vom Zauberstein erzählen ...“, erwiderte das Kind und schaute ihn mit großen Augen bettelnd an, das Köpfchen leicht schräg haltend, und weil der Großvater es liebte, ging er darauf ein.

„Na gut, Tilly. Dann lesen wir hier morgen weiter.“

Er klappte das Buch zu, legte es zur Seite und begann: „Es war einmal vor langer, langer Zeit, da war ich selber noch nicht auf der Welt, ein alter, sehr alter König. Unter seiner Krone schauten schon die weißen Haare hervor, und seine Hände waren dünn und konnten kaum noch den Löffel halten, wenn es mittags Suppe gab. Er war zu seinen Leuten in den Dörfern immer gut gewesen, deshalb hatten ihn alle sehr gern.

Einmal kamen böse Ritter und zündeten die Häuser in den Dörfern an, die damals noch aus Holz waren mit geschnitzten Türen.

Sie zertrampelten mit den Hufen ihrer Pferde die Saat auf den Feldern und schlachteten Hühner, Schweine und Kühe. Da hatten die armen Leute keine Wohnung mehr und auch nichts mehr zu essen, weil diese Bösen alles zerstört und verwildert hatten.

Die Armen retteten sich in den Wald und bauten sich erst einmal Hütten aus dicken Ästen und Zweigen und schliefen auf Laub. Dann fingen sie an, Pilze zu sammeln und Beeren zu suchen, manchmal Bucheckern, auch Nüsse, kochten Suppe aus Sauerklee, aber es war zu wenig. Die kleinen Kinder weinten in den Nächten, weil sie vor Hunger nicht schlafen konnten.“

„Und da?“ Das Tilly-Mädchen riss die Augen auf.

„Als der alte König davon hörte, dass die Not in seinem Königreich am größten war, so groß, wie es nicht einmal sein Großvater erlebt hatte, da ging er in die Schatzkammer tief unter dem hohen schwarzen Schlossturm. Und dort unten, versteckt zwischen Perlen, Gold und Diamanten lag ein Zauberstein, den er selbst von seinem Großvater erhalten hatte ...“

Und in diesem Augenblick lag plötzlich ein glatter, seltsam mit weißen Adern gezeichneter, ovaler roter Stein in seiner rechten Hand neben dem Märchenbuch.

„Woher hast du den denn?“ fragte das Tilly-Mädchen staunend.

„Ich habe ihn von meinem Großvater, und der hatte ihn wieder von seinem bekommen. Und der Großvater von diesem Großvater war der Alte König.“

Da klappten auf einmal die Türen im Hintergrund auf, und meine Großmutter kam mit einem Tablett herein. Teller und Bestecks stießen aneinander, und ein Duft nach Gemüsesuppe mit Grießklößchen und frisch gehackter Petersilie erfüllte das Zimmer.

Oh, und auch die Kompottschälchen konnte ich schon erkennen! Das sollte doch nicht etwa Vanillepudding mit Himbeeren sein?!

Die Omi lächelte zum Märchenerzähler, vielleicht auch ein klein wenig spöttisch: „Na, kommt ihr nicht essen?“

Aber das Tilly-Mädchen, noch ganz im Anfang der Geschichte gefangen, fragte schnell: „Und was kann er damit zaubern?“

„Alles, Tilly! Alle Wünsche! Aber eben nur drei. Dass am Ende alles wieder gut wird. Ich erzähle es dir dann nach dem Mittagsschlaf zu Ende.“

Und so setzten wir uns an den Tisch. Diese Art von Märchen wurde immer wieder erzählt, in verschiedenen Variationen. Es gab davon unzählige. Jedes Mal tauchte jedoch in Zeiten oder bei Gegebenheiten, wenn schon alles verloren und aussichtslos erschien, der Zauberstein wieder auf, mit dessen Hilfe noch jeder Weg wieder zu einem guten Ende führte. Ob nun böse Riesen, hinterlistige Zwerge oder waffenstarrende Ritter, sogar Rudel von zähnefletschenden Wölfen wurden besiegt, wenn der Zauberstein letztlich ins Spiel kam. Auch Meere, die sich uferlos in wilden Stürmen aufbäumten und das Land zu überschwemmen drohten, konnte er aufhalten.

Traunheim

Ein kleines verschlafenes Nest in Hessen, zweiundvierzig Jahre später. Und fernab aller vergangenen Märchenwelten.

Warum es mich hierher verschlagen hat? Der schnöde Mammon! Und meine nicht versiegende Lust oder besser schon Last, danach zu jagen. Was bleibt mir auch anderes übrig! Es bringt ja keiner Geld vorbei.

Ich warte seit Jahren auf eine plötzlich verstorbene reiche Erbtante, von der ich bisher noch nichts wusste, oder einen Haciendabesitzer, der mir einfach auf meine Idee hin aus dem Nichts auftauchend und Zigarre rauchend über den Weg läuft, mich als die einzig Richtige für sich erkennt und auf Hundertdollar-Scheine bettet. Zusammen mit seiner übergroßen Liebe natürlich! Aber nichts von alledem geschieht, und so muss ich eben sehen, woher die Kohle kommt!

Und da gab's also eine Stellenanzeige, ich schickte meine Bewerbungsunterlagen hin, nichtsahnend und hoffend, es würde sich doch noch in Berlin etwas ergeben, aber wie's der Teufel oft will, war ich schneller weg, als ich angenommen hatte.

Eine zunächst scheinbar tolle Firma mit tollen Leuten, zwar nur siebzehn an der Zahl, jedoch alle hochmotiviert und fröhlich, und ich dachte - mit leichten Magenschmerzen und Würgen im Hals, weil es mir doch sehr nahe ging, alles hinter mir zu lassen - na, da kann ich mich ja jetzt mal um mich kümmern und meiner beruflichen Karriere einen schönen Pluspunkt hinzufügen, wenn ich mich hier in die technische Kundenbetreuung stürze!

Zwar nur Innendienst, aber die Arbeit mit Menschen ist ja voll mein Ding, das kann ich, und das Fachliche werde ich schon lernen, bin ja nicht doof und komme aus der Verfahrenstechnik, das kapiere ich alles schon.

Also verlasse ich Berlin und eine Menge Leute, die mir seit vielen Jahren etwas wert sind, richtige Freunde verliert man nicht, und über zwanzig Jahre Berlin, ohgotto-gotto, ich weine oft und viel, schlafe schlecht und rede mir ein, es sei alles so richtig.

Meine Tochter Janny ist mit der Ausbildung fertig und bei ihrem Freund und den Kumpels gut aufgehoben. Auch wenn ich nach jedem Besuch im Zug dann doch erst mal eine halbe Stunde so vor mich hin heulen muss, weil mir der Abschied weh tut: Es geht schon, ich verdiene ja gut, ich halte das alles aus, es ist schon in Ordnung. Und vielleicht findet sich im fernen Land auch noch ein neuer Schatzi für mich, man weiß ja nie, was so kommt!

Und nun also hier zwischen Fachwerkhäusern so ein schniekes neues Bürogebäude, und ich sitze im ersten Stock, große Grünpflanzen umwedeln mich und sind der einzige Farbklecks in dem kühlen Hellgrau der Tage.

Bin naiv wie immer in die Besprechung hinein getappt, mein Chef und der Personalleiter haben mir anscheinend etwas Wichtiges mitzuteilen. Bin gespannt!

Da fängt Thomas auch schon an: „Wir möchten dir etwas anbieten, Tilly, in Manchester.“

Ahja, was soll das denn werden? Mein Englisch ist zwar verhandlungssicher, aber auswandern will ich denn doch nicht. Welche Amsel hat dem Personalerchen denn das eingeflötet? Wie er da sitzt und mich fixiert, pralles Bäuchlein und blonde Löckchen, na Bürschchen, erzähl mal weiter.

Also sage ich erst einmal ganz unerschrocken:

„Wieso anbieten? Ich betreue hier einen großen Kundenstamm seit zwei Jahren ...“

Und mein Chef haut knallhart in den Raum: „Wegen der Umstrukturierungen im Unternehmen.“

Soso. Habe nichts davon gehört. Ich sitze allein an einer Seite eines großen Mahagonischreibtisches und fühle mich recht verloren. Warum geht mein Chef nicht dort hin? Er kann doch besser Englisch! Oder seine Frau, die ihm tief im Taunus die Kinder hütet? Sie war doch mal kurz nach dem Studium für zwei Jahre in England, vielleicht würde es ihr mehr Spaß machen, wieder fachlich zu arbeiten, als nur seine Köchin zu sein und Knöpfe anzunähen!

Erstmal Schweigen. Sollen sie mir doch noch ein paar Sätze mehr spendieren! Sie denken wohl, sie können's mit mir machen, bloß weil ich nicht 1,85 m und ein Kerl wie ein Schrank bin, sondern eher der zierliche Jeanstyp.

Löcki nun wieder: „Du bist doch flexibel!“

„Weil ich allein bin?“, erwidere ich. „Ich hab' mir gerade erst die Wohnung eingerichtet! Warum ich?“

Scharf kommt es aus dem verspannten Gesicht meines Chefs: „Du kannst das nicht so einfach ablehnen!“

Soso. Da machen sie es sich aber leicht!

„Ich werde darüber nachdenken“, entgegne ich, straffe meine weiße Bluse und verlasse den Raum. Forscher Schritt, obwohl ich innerlich fast einknicke.

In der Teeküche treffe ich Doris, meine Lieblingskollegin. Sie ist etwa fünfzig, einfach gekleidet, schwarze Hose, helles T-Shirt, ein fröhlich klimperndes Kettchen, halblanges Haar, rundlich, freundlich, forsch. Hat vier Kinder groß gezogen, na, sie ist immer noch dabei, und regiert ihre Meute zu Hause mit viel Herz.

„Hallo Doris! Schönes Wochenende gehabt?“, begrüße ich sie.

„Hallo Tilly! Ja, schön viel Arbeit! Mein Mann war mit Kevin zum Fußball, da hing wieder alles an mir!“

Und weiter halblaut: „Und ich hab' wieder Bewerbungen geschrieben! Weil ich's hier nicht mehr aushalt'! Der Kerl ...“, sie deutet mit dem Kopf zur Tür, „macht doch den ganzen Tag nichts anderes als die Leute von seinem Tennisverein anrufen und an seiner Homepage basteln! Und wenn du ihn mal was fragst, hat er keine Ahnung!"

Aha, es geht wiedermal um Thomas, unseren lieben Personaler. Löcki! Aber was soll's, er hat hier die Narrenfreiheit, er gehört zu der Klicke schon ewig, also darf er es wohl.

„Tja“, schniefe ich, „ich weiß auch nicht, wie manche Leute ihr Geld verdienen. Aber ich komme mit allen gut aus! Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind! Andere gibt es gerade nicht!“

Glaube ich selbst an diese Allgemeinplätze? Finde ich das noch in Ordnung, was hier gerade anfängt, Stress zu werden? Und leiser: „Bloß in letzter Zeit ... ich soll nach Manchester!“

Doris guckt ungläubig. Ein Kollege betritt die Teeküche, weswegen unser Gespräch abbricht. Ich verlasse den Raum und rufe ihr beim Hinausgehen zu: „Bis später!“

Wieder im Büro mit den vier Schreibtischen, einer gehört meinem Chef – ja, ja, immer schön in der Nähe der Basis! Bei den Leuten, die die Arbeit machen! Aber er soll bald sein eigenes Büro haben, es ist nur noch nicht fertig eingeräumt, wir sind hier in das neue Gebäude erst vor vier Wochen eingezogen.

Ich lasse mich in den Schreibtischsessel fallen, an meinem in letzter Zeit eher ungeliebten Computerarbeitsplatz, denn der Kundenkontakt beschränkt sich neuerdings nur noch auf Telefonieren und E-Mails verfassen. Zu Anfang war ich viel mit den Außendienstlern zusammen zu Kunden unterwegs, habe bei der Konstruktion der Teile beraten und war auch bei Produktionsanläufen mit dabei. Das hat viel mehr Spaß gemacht, da konnte man etwas bewegen! Man war immer an der Technik hautnah dran und hat alles ganz anders mitbekommen. Mit den Leuten direkt zu sprechen ist immer besser als nur E-Mails zu schreiben. Aber das soll jetzt jemand aus der Entwicklungsabteilung in England übernehmen.

Ich darf nur noch Muster verschicken. Und zu Anfragen laberlaber schreiben, was sie auch mit bisschen Intelligenz aus den Datenblättern entnehmen könnten und aus weitläufigen Prozessbeschreibungen, mit freundlichen Grüßen, i.A., das heißt ich Arsch. So fühle ich mich manchmal.

Dazu muss man studiert haben! Ich hatte mir das anders vorgestellt, und es begann ja auch ganz anders, eben mit vielen Projekten und Fahrten ...

Ich nehme aus meiner Tasche ein Foto heraus, wo mein Großvater mit mir als kleines Mädchen an der Hand zu sehen ist.

„Du musst mich jetzt beschützen!“, raune ich ihm zu. „Es muss sein!“

Ich stelle das Bild neben das Foto meiner Tochter auf den Schreibtisch, der PC fährt hoch, und schon klingelt das Telefon.

Die Kollegin aus der Entwicklung in England ist dran. Ich soll ihr ein paar ganz bestimmte Teile zuschicken, die ein Kunde in unserem Auftrag mit verschiedenen Maschineneinstellparametern hergestellt hat.

„I'm fine, thanks!”, lächle ich in den Apparat und denke, jaja, ich bin fein, doofes hohles Herumgequatsche immer. „And how do you do, Helen?! … Yes, I think you'll get the parts tomorrow. Bye – bye.“

In diesem Augenblick bemerke ich, wie er herein kommt, Chefchen mit klingelndem Smartphone, und da säuselt er auch schon: „Ja, meine Mausl, ich denke daran! Ich kauf' das! ... Die Kinder sind schon weg, da leg' dich doch nochmal hin! Bis später! Meldest du dich dann zu Mittag, ja?“

Mir platzt gleich die Halsschlagader! Dieser Ton! Dieses Gesülze! So geht das fast jede Stunde, oder öfters! Ich atme dreimal tief durch, damit mir davon nicht schlecht wird, und sage freundlich und sachlich zu ihm, als er sich setzt: „Habe deine neue Korrektur im Bericht eingearbeitet, hier bitte.“

Er nimmt das Schriftstück in die Hände, blättert es durch und blafft kurz darauf gereizt: „Lass mal sehen … Abschnitt fünf sollte besser an dritter Stelle sein. Diese Diagramme eher in die Seiten im Anhang. Die sollten besser rechts auch Skalen erhalten. Und was willst du mit Abschnitt vier eigentlich sagen? Abschnitt sieben in Abschnitt fünf einarbeiten.“

Ich stehe schnell auf, der Stuhl knarrt zur Seite, und gehe zu ihm, schaue in die Darstellungen. Ja klar, ich würde auch bunte Kringel oder Ostereier auf den Rand malen, wenn's hilft! Ob vielleicht Abschnitt drei das nächste Mal vor Abschnitt fünf soll? Alle Sonderwünsche werden immer wieder mit gleichbleibend guter Laune und extrem tollem Enthusiasmus bearbeitet! Nur her damit.

Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder: Arsch!

Er klatscht es mir auf den Platz. Ich setze mich, presse die Lippen zusammen, schreibe. Er geht.

„Hättest du mir auch gleich sagen können“, sage ich wütend und leise blubbernd vor mich hin. Das ist nun schon die fünfte Fassung, über zwanzig Seiten, und alles auf Englisch, damit es die Kollegen auf der Insel auch verstehen.

Mittags gehe ich mit Doris vor dem Büro die Straße hinunter spazieren. Wir haben hier ein paar Möglichkeiten, eine Kleinigkeit zu essen, denn eine Kantine wie vormals in den großen Unternehmen in Berlin gibt es ja nicht. Als wir uns ein Stück von der Firma entfernt haben, können wir endlich sprechen.

„Also, ich hab' den Bericht schon wieder korrigiert ... immer und immer wieder ... und tausend E-Mails zu beantworten ...“, beginne ich.

„Lass mal, nur keine Hektik. Dein Chef ist weg gefahren“, meint Doris. „Brauchst dich also nicht zu beeilen. Wir können uns Zeit lassen in der Pause.“

„Na, wie gut“, seufze ich erleichtert, „komm, wir holen paar Kleinigkeiten wegen meinem Geburtstag! Da können wir eine halbe Stunde ohne Bewachung feiern! ... Und ich will nicht nach Manchester!“

Die Wut und Angst kocht in mir hoch.

„Die können dich nicht zwingen! Steht ja nichts davon im Arbeitsvertrag!“

Ich seufze laut. „Stimmt! Der Vertrag sagt da gar nichts dazu!“ Bin schon innerlich verkrampft. Meine Kollegin sieht völlig klar, sie hat ja Recht! Ich rege mich auf, und es müsste gar nicht sein. Alles ungelegte Eier.

Ich lasse Manchester als Wort am Straßenrand liegen, und wir gehen in den nächsten Supermarkt, kaufen leckere Kleinigkeiten, lachen und schwatzen und haben nach ein paar Minuten das Thema dann doch vergessen.

Eine Stunde später ist im großen Besprechungszimmer alles aufgebaut. Das wird eine lustige Geburtstagsrunde! Der Tisch ist mit bunt belegten Brötchen gedeckt, eine große Schüssel frischer Obstsalat verbreitet ihren süßen Duft, und der große Blumenstrauß meiner Kollegen prangt in der Mitte. Es gibt Sekt und Orangensaft, Bier natürlich auch.

Etwa die Hälfte der Kollegen ist im Business-Outfit, die andere Hälfte leger gekleidet, je nachdem, ob Kundenbesuch ansteht oder nicht.

Als alle noch quasseln und herumlachen, verkünde ich mit lauter Stimme: „Hey, ich freu' mich, dass ich mit euch feiern kann! Macht Spaß mit euch! Und danke fürs Geschenk!“

Sie rufen „Prost, auf die Gesundheit!“ und: „Ja, immer drauf, wir werden sie schon tot kriegen!“ mit den erhobenen Gläsern in der Hand, und: „Dann lasst uns mal zugreifen und futtern!“, und stürzen sich wie die Aasgeier auf die Brötchen.

„Warum hast du nicht öfters Geburtstag?“, meint Tino kauend. „Ja, einmal in der Woche?! So gesunde Sachen!“

Bierflaschen werden geöffnet, und unter Gelächter steht Schinken und Hackbraten gegen Obstsalat, was denn nun vorteilhafter wäre und warum, und dass Männer sicherlich zu viel gesunde Vitamine gar nicht vertragen würden.

„Ich halte mich lieber an das Ungesunde, schmeckt einfach besser!“, verkündet Peter.

Naja, ich grinse kauend. Immer diese Sprüche! Männer, Jagd, Fleisch. Fell um die Hüfte, Pfeil und Bogen!

Und die Meinungen sind sehr entgegengesetzt, ist mir ziemlich egal, ich kann hier jetzt nichts mehr ernst nehmen! Im schmatzenden Gelächter werden Bäuche verglichen – na, macht nur, wenn ihr's braucht!

„Am besten wir feiern nächste Woche nochmal Geburtstag nach, oder irgendwas anderes!“

Das ist Katrins Idee, die begeistert aufgenommen wird. Warum auch nicht, man sollte immer nach einem Grund suchen!

Als Berlin-Fan wendet sie sich dann an mich: „Was macht eigentlich deine Tochter beruflich, ist sie jetzt fertig mit der Ausbildung? Fährst du mal wieder hin?“

„Zu Janny nach Berlin? Du willst wohl mitkommen? Ja, fertig ist sie schon, aber sie weiß noch nicht, was sie mal damit anfangen wird. Ihr erster Chef im Praktikum war so ein Stinktier, der hat ihr alles vermiest. Sie will nicht ins Büro!“

„Da gibt's noch andere ...“, meint Katrin wissend, und wir grinsen uns an.

Peter hat mitgehört und nickt mehrfach.

„Und Plan B?“ Katrin ist aber auch hartnäckig!

„Noch nicht klar, kein Plan B, kein Plan C, ...“, erwidere ich schulterzuckend.

„Deshalb feiern wir jetzt einfach mal bisschen länger, solange keiner guckt!“ ,wirft Peter ein.

„Na, du bist gut“, sage ich, „Kater weg, Mäuse tanzen auf den Tischen?“

Die fröhliche Stimmung hält unvermindert an, Doris schenkt erneut ein, der Alkoholpegel steigt und wir schwatzen weiter, bis alle Teller fast leer sind. Und die Sektflaschen natürlich auch.

Eine Weile später bin ich wieder in meinem Büro und sehe verzweifelt, was mein lieber Chef aus meinem Bericht gemacht hat. Überall ist mit Rot darin herum geschmiert. Irgendwie empfinde ich es nur noch als Frechheit. Es reicht mir so langsam, und ich merke, wie mir die Wut im Hals hochkocht. Ich packe den Papierstapel und gehe damit zu Doris. Fühle mich sichtlich erschöpft.

Doris sitzt bei einer Tasse Tee und schaut mich mit großen Augen fragend an, während ich ihr mein Leid klage.

„Zwanzig Seiten, alles auf Englisch für die Kollegen in Manchester. Ich hab's schon fünfmal korrigiert. Immer ist wieder was anderes zu ändern. Ich kann's ihm einfach nicht recht machen. Ich ändere genau, was er will, und ständig findet er was Neues und mäkelt herum.“

„Ich würde es so verschicken“, meint sie. „Weg damit per E-Mail, ihn in Kopie! Soll er froh sein, dass du es so gut ausgewertet hast, wo er doch in der Vorbereitung die Hälfte vergessen hatte!“

Ich finde die Idee gut und ziehe damit ab. Klick, und abgeschickt. Ist ja fachlich alles richtig, genau ausgewertet, logisch aufgebaut! Ich hab' meine Arbeit gemacht, er hat ja keinen Durchblick! Und er kann mich mal! Und nicht mal das.

Die Kollegen in England werden jedenfalls mit mir zufrieden sein.

Ob der Lover ein Lieb-Haber ist ...!?

Abends holt mich mein aktueller Lover ab, Heiner. Er ist knapp fünfzig und so groß, dass ich mich bei ihm gut beschützt fühle. Dazu etwas mollig, also ein großer Kuschel, kurzes Haar, gepflegte Erscheinung, zeigt mitunter ein etwas machohaftes Benehmen – es sei ihm verziehen!

Vom Intellekt her ist er genau meine Kragenweite, vom Äußeren nicht ganz mein Traum-Mann, aber er wird mir jetzt als Vertrauter bestimmt ein passender Freund sein, da habe ich ein gutes Gefühl.

Bald sitzen wir am Rand eines großen Pools in der Therme und strecken die Füße ins Wasser. Wortkarg, wie er ist, beginnt er mit der üblichen Anrede: „Na Süße, wie war denn dein Tag!“

Ich hasse dieses Gesülze, bleibe aber nett und erwidere: „Och, ist irgendwie nur noch blöd. Ich hatte einen Bericht zu schreiben, zwanzig Seiten, und jetzt schon die fünfte Änderung. Mein Chef weiß immer wieder was daran auszusetzen. Nervt nur noch. Hab's aber jetzt einfach abgeschickt, ich hatte die Nase voll.“

„Sieht so aus, Schätzchen, als wollten sie dich vergraulen.“

Er hat's getroffen! Ich will's nicht wahr haben!

„Letzten Sommer ging das schon los“, beginne ich, „bei dem Großversuch, als alles ziemlich unorganisiert anfing. Da wollte mein Chef mir die Schuld geben! Dabei hatte er das alles lange vor meiner Zeit vorbereitet! Ich hab's dann nur durchgeführt! Besser gesagt, das, woran sie nicht gedacht hatten, musste ich ausbaden – zum Glück fiel mir bei der Versuchsvorbereitung und Absprache mit den Leuten vor Ort noch allerhand auf, was beachtet werden musste.“

„Such dir doch was anderes!“, äußert mein Herzensbrecher kurz und prägnant und - etwas kalt.

„Ist nicht so einfach...“, nachdenklich steige ich aus dem Pool. Heiner legt mir das das Badetuch um die Schultern: „Na komm, wir machen uns einfach einen schönen Abend, Süße, vergiss alles!“

„Hmm ...“, und ich versuche, abzuschalten. Habe ich einen Schalter dran? Irgendwo? Könnte er mir mal zuhören? Rafft er eigentlich, was ich meine? Dreimal tief durchatmen!

Andererseits hat er ja recht, im warmen Wasser herum planschen lenkt auf längere Zeit ja doch ein bisschen ab, und in dieser und jener Sauna schwitzt man noch jeden Ärger heraus, den man unter der eiskalten Dusche oder einem breiten Wasserstrahl gut abspülen kann.

Wir legen uns im Außenbereich der Therme einen Moment auf eine Liege.

„Ich hatte da noch so ein seltsames Erlebnis, ist aber schon ein paar Monate her“, beginne ich.

„So? Erzähle mal.“

„Von einer entfernten Freundin, die in Berlin vor ein paar Jahren meine Kollegin war, hatte ich die Info bekommen, dass sie in Wolfsburg bei VW auch Leute suchen in der Automobilindustrie. Als Verfahrenstechnik-Ingenieur hätte das gut gepasst, ich habe mir die entsprechenden Stellenausschreibungen im Internet angesehen!“

„Aber Wolfsburg ist doch ein Ende weg von Berlin?“, wirft Heiner ein.

„Ja, schon, aber viele pendeln, und ich hätte mir vielleicht dort ein Zimmer genommen und meine Hauptwohnung dann wieder in Berlin gesucht“, nuschle ich in den Bademantel.

„Ja, und weiter? Hast du dich dort beworben?“

„Wollte ich, aber es ging wieder einmal über Personalvermittler. Und einer davon, der mich empfehlen wollte, druckste dann ein paar Wochen lang herum, als ich immer wieder nachfragte.“

„Ach?“, meint Heiner etwas verschlafen.

„Er sagte am Telefon, dort in der neuen Firma wäre ein Mitarbeiter, der mich aus einer früheren Stelle kennen würde. Ich fragte nach dem Namen. Und da kam heraus, dass es ein ehemaliger, wirklich netter direkter Kollege von mir war! Er hatte wenige Wochen vorher eine Dienstreise ins Ausland gehabt und war über Frankfurt zurück geflogen nach Berlin. Mit Zwischenstopp bei mir.“

„Aha! Wenn ich das gewesen wäre, hätte ich auch bei dir einen Zwischenstopp eingelegt!“ Heiner zwinkert mir verschwörerisch zu.

„Du hast's erraten! Er besuchte mich, wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, mehr als zehn. Und nach dem Abendessen in einem hübschen Restaurant mit Pizza und Wein meinte er, er könne jetzt noch eine nette Nacht in meinen Armen verbringen. Das hatte ich aber nicht vor!“, ereifere ich mich.

„So einer also!“, erkennt mein Fast-Schatzi.

„Ich sagte ihm, da könnte ich deiner Frau ja nie mehr in die Augen sehen. Musst du ja auch nicht, meinte er, und er würde immer wieder gern bei mir einen Besuch einplanen. Von solchen Blindgängern halte ich aber nichts, das habe ich ihm dann auch so deutlich gesagt. Er durfte bei mir übernachten, aus alter Freundschaft, aber ohne weitere Zugabe. Daraufhin wollte er beim Frühstück noch behaupten, er sei ja schon immer in mich verliebt gewesen!“ Ich schüttle den Kopf, dass das Handtuch weg fliegt, welches ich turbanartig drapiert hatte..

„Wer weiß!“ Mein Lover reißt groß die Augen auf.

„Ach Quatsch!“, kontere ich. „Vielleicht war er scharf auf mich, weiter nichts! Wenn einer eine Frau und zwei Kinder hat und eine tolle Kollegin, dann wäre eine Abwechslung im Bett ja mal drin, hatte er wohl gedacht. Ich aber nicht! Ich kenne seine Familie, wir haben oft mit den Kindern etwas zusammen unternommen, als sie noch in der Grundschule waren. Also ich hatte kein Interesse und habe ihn voll abblitzen lassen.“

„Und was hat das mit der Stelle in Wolfsburg zu tun?“ blinzelt Heiner unterm Badetuch hervor.

„Er war dann beruflich dort und hat im Gegenzug meinen Personalberater abblitzen lassen mit der Bemerkung, er kenne mich von früher und wäre mit meiner Arbeitsweise nicht einverstanden. Mit der horizontalen Arbeitsweise!“ Ich lache laut auf. „Das war der einzige Grund! So eine Frechheit, und gemein! Ist doch verrückt, oder?“

„Männer sind so. Er dachte sicher, du plauderst mal was aus, wenn du dort seine direkte Kollegin würdest. Und machst ihn damit unmöglich“, meint der Mann mit den zwei nackten Beinen an meiner Seite und zappelt mit den Füßen.

„Da hätte er mich besser kennen müssen“, sage ich enttäuscht. „Und damit hat er mir die berufliche Chance dort vermasselt.“

„Tja, das ist nun lange her, oder? Und nicht mehr zu ändern“, konstatiert Heiner.

„Ja, es war vor deiner Zeit“, gebe ich leise zurück.

„Na, da bin ich aber froh, denn sonst hättest du mich womöglich nicht getroffen und all die schönen Dinge erlebt“, schmunzelt er und zieht mich von der Liege hoch. „Komm, wir gehen noch in die Zitronen-Sauna!“

„Weil sauer – lustig macht?“ grinse ich zurück.

Ein paar Stunden später sind wir wieder in meiner Wohnung, die Probleme sind fast vergessen, die Sauna- und Badesachen fliegen in den Flur, und ich rufe Heiner zu: „Hey, schließ' mal die Tür!“

Kaum, dass ich die nassen Handtücher im Bad aufhängen kann! Die Badelatschen fliegen in die Ecke, und ich fühle mich augenblicklich hoch gehoben und in hohem Schwung aufs Bett geworfen. Die Tür bleibt halb offen, Kissen fliegen, Lachen, gedämpftes Licht, ... und so weiter ... wie jede Nacht.

Gut durchgeglüht!

Früh das übliche Ritual: Ich stehe als Erste auf, flitze ins Bad, schnell duschen, dann in die Küche, brühe zwei Tassen schwarzen Tee auf und wecke das Faultier mit ein paar Küsschen.

Er verschwindet im Bad und sitzt wenige Minuten später mit der Teetasse in der Hand am Frühstückstisch, bindet sich die Krawatte.

„Möchtest du ein bisschen Honig in den Tee?“

„Ja. Aber nur einen Löffel.“

Richtig wach bin ich noch nicht, kriege aber schon ein paar Spaß-Sätze zusammen, während die Teelöffel in den großen gelben Tassen klimpern.

„Ich schreib' dir 'n Zettel, dir tat der Kopf so weh, wie findest du das, hm? Da sind sie froh, dass sich jemand um dich kümmert, und geben dir noch paar Tage Urlaub dazu ...“

„Jaja, das hättest du wohl gern, was ...“

„Hm, ja!“

Richtig lachen kann er früh nicht. Die Dialoge sind schon bekannt und wiederholen sich wie schlecht auswendig gelernt.

„Was machst du denn am Wochenende, Herzchen.“

„Gehe vielleicht mit Ralf wandern... oder treff' mich mit Doris, mal sehen. Und bei dir?“

Ralf ist mein Halbbruder und wohnt hier in der Gegend.

„Wir streiten uns oft“, standardsätzelt mein Herzblatt.

Ach so, habe ich doch schon mal gehört, klar, erzähle es mir einfach noch ein paarmal, damit ich dir während der Wochentage wieder die Tür öffne und du am Wochenende zu deiner Biene fahren kannst. So bequem kann es doch bleiben, du hast hier immer Unterhaltung und was fürs Bett, aber zu Hause dann die Feiertage und die Wochenenden und den Urlaub.

Ich kann mich an die Situation nicht gewöhnen und wollte sie auch nicht, aber du hast es ja gut hingekriegt und mir ein Vierteljahr lang den Single vorgespielt, bis ich dann in den Gefühlen für dich schon viel zu tief verstrickt war.

Und ganz pragmatisch dachte: Warum nicht. Dann machen wir's eben so! Bis ein anderer kommt, für den es sich lohnt. Habe ja die Wochenenden, um mich mit Männern zu treffen, wenn auch noch keiner dabei war, der mir passabel erschien.

Heiner packt schnell das Jackett und seine Tasche und geht durch die Tür, ich kriege noch ein flüchtiges Küsschen ab, und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ist er weg.

Am Fenster sehe ich ihm hinterher, wie er unten an der Straße ins große graue Auto steigt und abfährt.

Und ich frage mich, ob sie ihn so liebt wie ich, sie, zu der er an den Wochenenden immer hinfährt, und mich überkommen Mordgelüste.

Abwechslung gefällig?

Es ist ein hellgrauer Tag, wie ich ihn nicht unbedingt liebe, aber ich muss dann auch los, schwinge mich in mein tolles silbernes Autochen, das hat unter der Motorhaube hundert Pferdchen versteckt und wird mich schnell zu meinem inzwischen nicht mehr so sehr tollen Arbeitsplatz bringen.

In dieser Gegend ist alles gewöhnungsbedürftig, und ich bin wieder einmal entsetzt: Wie hatte ich mich überhaupt entschließen können, hierher zu ziehen? Fachwerkhäuser ...

Das ist etwas für Urlauber, alles sieht geputzt und blitzsauber aus, aber selbst Fuchs und Hase würden sich hier nicht gern treffen, um sich gute Nacht zu sagen!

Wenn ich am Abend durch Traunheim schlendere, sind auf den Straßen nicht mal so viel Leute unterwegs, als wenn ich in Berlin in einen einzigen U-Bahn-Eingang gehe! Es ist absolut das Gegenteil!

Schon mit Anfang Dreißig hatte ich – in einem früheren Leben sozusagen - die Schnauze voll von einer Kleinstadt, war von dieser Zeit an immer in Berlin, und nun nochmal? Lerne ich auch etwas? Begreife ich es denn so langsam? Wie eine Maus, die durch den Garten rennt und sich den Weg nicht merkt!

Quietsch! Um die Kurve geschrammt, Parkplatz vor der Firma, ich steige aus. Jeden Tag die gleichen Abläufe. Mein Autochen kennt den Weg, es sind nur sechs Kilometer. Und es steht dann immer am gleichen Platz. Ich könnte während der Fahrt schlafen, es ist ein Automatik, es würde sicher auch alleine hierher finden.

Ich komme ins Büro, und irgend etwas ist anders. Eine Spannung liegt in der Luft, ein paar hundert Volt ...

Ah! Er ist da! Mein Chef! Mit rotem Kopf, schließt die Tür, drängt mich plötzlich gierig in eine Ecke.

„Könntest etwas netter sein ...!“

Klatsch! Da hat er eine! Er kriegt auch noch eine! Ich bin da sehr freigiebig! „Spinnst wohl!“

Per du zu sein ist schon manchmal ein Witz, besonders, wenn's der Chef ist. Sonst hätte ich höflich „Sie Arschloch, Sie!“ sagen können!

Er hat noch nicht ganz kapiert, was hier abläuft, aber da ich gut im Training bin, stoße ich ihn einfach weg, er fliegt halb in ein paar aufgestapelte Ordner, die poltern zu Boden, ich lache laut auf, Papier raschelt hinterher, die Tischlampe kippt, auch der Locher, klong, Sie haben noch zwei Wurf, alles macht einen Heidenlärm, und am liebsten würde ich noch paar Dinge hinterher schmeißen, aber ich klopfe mir nur demonstrativ die Hände ab und verlasse aufrecht das Büro.

Schon bescheuert, dieser Kerl, denke ich, muss ich jetzt rot werden, wenn ich ihn wieder treffe? Eigentlich müsste er sich bei mir entschuldigen. Aber ein Chef hat ja immer Recht, egal, wie bekloppt er ist.

Als ich am andern Morgen mit einem Stapel von vier Ordnern mein Büro betrete, atme ich tief durch und lege sie auf meinen Schreibtisch, der kaum noch zu sehen ist unter Bergen von Schriftstücken und Berichten.

Da steht er auch schon in der Tür: „Kommst du mal ins Büro zu Thomas!“ Neuer Überfall?

„Wann?“, frage ich knapp und fest.

„Jetzt gleich!“

Na klar, Chef ruft, Mitarbeiter sprintet.

Ich ordne demonstrativ und emsig noch etwas auf dem Schreibtisch, er stiefelt los mit Schritten wie ein Bierkutscher. Soll bloß nicht denken, dass ich hier der Sklave bin, und ich verlasse mit ebenso großen Schritten wie er den Raum.

Im Büro bei Thomas am schönen großen Mahagoni-Schreibtisch steigt die zweite Vorstellung des Kasperletheaters. Wie es aussieht, haben sich die Jungs Verstärkung geholt, ein etwas älteres Mannweib sitzt wie an den Tisch geklebt daneben.

Grässlich, sie sieht so was von gebügelt aus, die Nase wohl extra gestärkt, natürlich im dunklen Anzug. Lecker.

So stelle ich es mir vor, wenn im Krieg an der Front alle in den Schützengräben lauern, angespannt, ich auf der einen, die Jungs und das Mannweib auf der andern Seite, und gleich werden wir versuchen, uns gegenseitig tot zu schießen.

Ahja, Chefchen eröffnet: “Wir möchten dir Frau Dr. Reißnagel vorstellen, um mit ihr zusammen ein paar Dinge zu klären.“

Oh, den Namen hat sie sich wohl extra gekauft? Passend zum Aussehen? Ich bin ja immer freundlich und korrekt und gebe interessiert ein „Guten Tag! ... Aha ...“ von mir.

Da herrscht sie mich auch schon an: „Reißnagel! Guten Tag, Frau Fuchs! Ich möchte im Auftrag der Geschäftsleitung einige Fragen an Sie stellen!“

Ach bitte, sprechen sie doch noch etwas schneller, möchte ich dem kantigen Gesicht fröhlich schmetternd entgegen rufen, um die Situation zu entkrampfen, sage aber nur: „Sicher!“

„Sind Sie der Aufgabe hier gewachsen? In dem Moment, wo Sie ins Büro kommen, haben Sie Ihr Privatleben hinter sich zu lassen!“, blafft sie weiter.

Erstaunt zucke ich die Schultern: „Jawoll!“

Ich finde ihren Namen jetzt schon absolut angemessen. Bin überzeugt: Den hat sie sich extra ausgesucht, Reißwolf hätte auch gepasst, aber hundert Prozent.

„Sie müssen noch einiges übers Arbeitsleben lernen! Haben Sie Probleme?“, bellt es weiter.

Leicht verunsichert sage ich: „Nein!?“

„Fühlen Sie sich hier wohl? ... Keine schnelle Erwiderung?“

Uaah, soll sie sich doch auskotzen. Ich sage einfach nichts mehr dazu und lächle breit! Was soll der Blödsinn?

„Wir haben uns hier etwas überlegt, das solltest du dir mal im nächsten halben Jahr zu Herzen nehmen“, bringt sich jetzt mein Chef wieder ins Spiel.

Und nun auch Löcki, das Personalerchen: „Nimm es mit und lies es in Ruhe durch.“

Er gibt mir ein zweiseitiges Schriftstück. Ich nehme es, gehe damit zur Tür und Richtung mein Büro, lese zuerst auf Seite zwei unten.

Das ist mein Spleen: Auch bei Zeitungen lese ich immer die letzte Seite zuerst. So jetzt auch: Was schreiben sie denn, die werten Herren Kollegen! 'Und wenn Sie Ihr Verhalten gegenüber Kunden nicht wesentlich ändern' – Was? – 'und die fachlichen Hinweise beachten ...' Ich sehe zurück zu meinem Chef, dann zu Thomas, dann auf die erste Seite. '... nicht in der Lage, Berichte zu verfassen' – Bitte? Was steht da? Ticken die noch richtig?

Ich lese darin herum, sehe jetzt erst die Überschrift auf Seite eins und schreie fast: „Abmahnung?! Was soll das denn???“

Schnurstracks gehe ich die paar Schritte zurück und lege es schwungvoll vor Thomas auf den Tisch: „Das nehm' ich nicht an, hier hat keiner was von einer Abmahnung gesagt! Und was da drin steht, ist fachlich einfach Unsinn!“

„Das seh'n wir anders“, erwidert eiskalt ablehnend mein Chef mit verschränkten Armen.

Ich verlasse wütend das Büro, während er und Thomas sich angrinsen und zustimmend zunicken.

Gegenüber sieht Doris durch die offene Tür ihres Büros. Thomas ruft mir nach: „Wenn du's nicht mitnimmst, schicken wir es dir eben mit der Post!“

Da haben sie ja was Feines ausgeheckt, aber ich lasse mir das nicht gefallen. Jetzt geht’s wohl los!

Wandern mit Brüderchen

Zu Hause im Wohnzimmer rufe ich zuerst Ralf an. Diesmal ist es mein Glück, dass er in der Nähe wohnt! Als ich noch in Berlin war, haben wir uns kaum gesehen. Es hatte ihn vor knapp zehn Jahren hierher verschlagen. Er ist etwas jünger als ich, noch keine Vierzig, sportlicher Typ, hat wiedermal keine Freundin und geht daher an den Wochenenden oft tanzen, was ein langes Ausschlafen an den darauf folgenden Vormittagen nach sich zieht.

Am Telefon klingt er etwas abgehetzt, und ich rufe ohne Begrüßung: „Brüderchen, du musst mir helfen!“

„Ich bin doch nicht dein Brüderchen!“

Er war erst später in mein Leben gekommen als Zugabe mit einem neuen Papa. Okay, soll ich jetzt lachen, die alten Sprüche ablassen, ... gut, du willst es so, und es ödet mich manchmal wirklich an. Vor allem dann, wenn ich nicht in der Stimmung bin, über diesen Schwachsinn zu frozzeln, der immer neu aufgewärmt wird.

„Aber halb!“, erwidere ich, „mir ist gerade nicht nach alten Witzen. Also hilf mir wenigstens halb! Hast du das halbe Wochenende für mich frei?“

„Sonntag, aber halb, ich will ausschlafen“, erwidert er.

Ich merke, dass er grinst, aufspringt, denn als Hintergrundmusik im Telefon ist das Sofafedernquietschen zu hören. Anscheinend geht er zum Schreibtisch in der Ecke und kritzelt etwas auf ein Blatt. Ich kenne seine kleine Wohnung gut!

„Habe jetzt im Kalender bei Sonntag notiert ,Tilly, wandern'“, meint er.

„Gehst du wieder feiern?“, frage ich, und, als keine Antwort kommt: „Na gut, aber nicht zu spät! Hol mich am Vormittag ab, ja?! Ich muss mal 'raus! Ich brauch' dich zum Quatschen!“

„Jaja, geht klar!“

Ich höre durchs Telefon seine Schritte tappen und dann das laute Geräusch zusammen krachender Stahlfedern, als er sich wieder rückwärts aufs Sofa wirft. Vielleicht sollte er sich doch mal ein neues zulegen?

Dann ist endlich Sonntag! Ein heller Sommertag im August. Man kann seine Blicke weit schweifen lassen über die Landschaft und die Weinberge im Rheingau.

Wir sind beide mit Wanderschuhen und leichten Rucksäcken bewaffnet, Wasserflaschen, und wenn ich mein Problemchen nicht hätte, würde ich jetzt ein Lied singen!

Gegen halb zehn Uhr war Ralf schon bei mir, und wir sind erst einmal ein Stück mit dem Auto gefahren, um dann auf dem Rheinsteig eine schöne Strecke zu wandern.

„Übrigens hast du Glück“, beginnt mein Brüderchen, „dass ich überhaupt Zeit habe! Gestern Abend war da so eine Dunkelblonde, sie heißt Babsi, wir haben uns sooo toll unterhalten!“

„Also eine neue Favoritin“, witzle ich, „da wäre ich heute nicht unbedingt interessant gewesen?“

„Gar nicht!“ Er nickt sofort.

„Ach ja? Erzähl' mir was!“

„Ich könnte mir vorstellen, mit ihr wird es nie langweilig!“ Ralf kommt ins Schwärmen. „Is' nur so der erste Eindruck. Sie hat so viele Interessen, Reisen, Skifahren, Surfen ... auch Filme, ich meine, welche mit Inhalt, Literatur, total spannend. Wenn ich nicht heute mit dir hätte wandern gehen wollen, ich glaube, ich hätte mich mit ihr noch die ganze Nacht unterhalten. Kann's kaum erwarten, sie wiederzusehen.“

„Und was macht sie beruflich?“

„Weiß nicht, war nicht so wichtig. Hat einen kleinen Jungen, und sie ist achtunddreißig. Würde ja passen. Hätte ich nicht gedacht, dass ich mal eine finde. Eins ist nur doof gewesen: Dass ich heute meine Schwester treffe, klang wie eine Ausrede.“

„Naja, wieso“, werfe ich ein.

„Du kennst Frauen nicht! Was weiß ich, was sie dann dachte! Jedenfalls hat sie das Gesicht verzogen, es war erst halb eins, und wollte nach Hause. Ich hab' sie gefahren, aber wir haben uns noch nichts weiter ausgemacht. Ich war dann irgendwie ... verloren.“ Er guckt enttäuscht.

„Dann ruf' sie jetzt an! Am Besten gleich! Und sag ihr was Nettes, mach' ihr paar Komplimente!“, rate ich.

„Wie denn?“ Das Brüderchen ist ganz hilflos.

„Frauen hören immer gern, dass du an sie gedacht hast, und dass du gern so bald wie möglich bei ihr sein möchtest! Ist doch so?“, sporne ich ihn an.

„Ja klar!“, meint er etwas verzagt.

„Also dann!?“ Fällt nun der Groschen?

„Na gut! Wartest du?“ Und er sucht und kramt nach seinem Handy.

„Nee“, sage ich, „ich gehe jetzt so schnell los, dass du keine Chance hast, mich jemals hier im Rheingau irgendwo wieder zu finden“, und setze mich demonstrativ auf eine Bank, die unter einem hohen Nussbaum am Wegrand unterm Weinberg steht.

Ralf geht ein paar Meter zur Seite, ich sehe sein Gesicht aufleuchten, aha, sie ist am Apparat, und sie sprechen ein paar Minuten.

Ganz beglückt und strahlend kommt er zurück. Ich stehe auf und schultere den Rucksack, wir machen uns erneut auf den Weg.

„Ja, sie hat sich wirklich gefreut! Und wir treffen uns am Dienstag nach der Arbeit schon!“

Seine Augen leuchten, als hätte er unterm Weihnachtsbaum eine neue Eisenbahn entdeckt. Und ganz beseelt geht er eine Weile neben mir, nur in Gedanken versunken.

„Ich freu' mich für dich“, lächle ich zurück. „Vielleicht bin ich ja jetzt ein bisschen deine Glücksfee gewesen!“

„Bestimmt!“

Nachdem wir uns auf den nächsten Kilometern eine Weile den neuesten Unsinn über Kollegen und Freunde erzählt haben, gehe ich dann doch zu meinem ernsteren Thema über.

„In der Firma spielen sie so ein Scheiß-Spiel mit mir, dass es nicht mehr auszuhalten ist!“, beginne ich. „Das war ja eigentlich der Hauptgrund, warum ich dich so schnell treffen wollte. Sich zu sehen und zu sprechen ist immer besser, als nur am Telefon darüber zu quatschen.“

„Ja, was ist denn da los?“

„Ich schufte wie blöd, höre von den Kunden immer nur: ,Ach, ist ja toll, wie schnell und kompetent Sie uns geholfen haben! Danke für die schnelle Info! Genau die Werte, die wir brauchen!' Und so weiter, und mein Chef gibt mir eine, hör' jetzt hin: Abmahnung! Ich weiß gar nicht, wie ich dazu komme!“ Ich zucke enttäuscht die Schultern.

Ralf verschlägt es kurz die Sprache, er schüttelt den Kopf und denkt nach.

„Was steht denn drin?“ will er wissen.

„Irgendwelche Kleinigkeiten, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, manche schon über ein Jahr alt. Wirklich nur Kleinigkeiten, was keinen gestört hat. Absurd und lächerlich ... aber zwei Seiten voll ... Vorwürfe, total unbegründet ...“, und ich erzähle ihm ein paar Details.

„Sie wollen dich loswerden“, meint Ralf.

Muss ich das schon das zweite Mal hören? Es stinkt mich an, und ich seufze laut. Das hat ja auch schon Heiner gedacht und ausgesprochen! Will ich es immer noch nicht merken?

„Ja, das kommt mir so vor!“ Ralf bleibt für einen Moment stehen und hält meinen Arm fest. „ Schick' mir das einfach per E-Mail zu. Es reicht ja, wenn du das Wichtigste abschreibst. Oder einscannen und als pdf, da habe ich es komplett. Ich schreib' dir dann, was du erwidern musst.“

„Klingt nach einem Plan!“

Wir gehen weiter. Ralf wird gleich praktisch: „Eine halbe Seite reicht. Ich war ja mal im Betriebsrat, ich kenn' mich aus. Die Worte müssen sitzen! Ich schreib' dir paar schöne Formulierungen zusammen, die werden staunen! Das liest sich dann gleich so, als hättest du einen Anwalt konsultiert. Wir mailen!“

„Okay, hoffentlich hilft's“, erwidere ich.

Ralf greift mich plötzlich an der Schulter, dreht mich ein Stück herum. Sein Augenblitzen verrät den Schalk.

„Siehst du dort hinten Assmannshausen? Das Niederwald-Denkmal. Zur Einigung Deutschlands! Dem Deutschen Kaiser! Wohl hundertdreißig Jahre her!“ Und schelmisch: „Wollen wir nicht auch wieder 'n Kaiser? Vielleicht würd's uns da besser gehen!?“

Ich falle scheinbar in seine Blödelei ein: „Gute Idee. Lass uns losgehen und schon mal 'ne Krone basteln!“