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Karl Grün verbringt ein Jahr lang mit Nichtstun. Während um ihn herum die Menschen Existenzen aufbauen, strampeln und schuften, widmet er sich der stillen Kunst der Muße. Und erlebt Erstaunliches. Warum das eigentlich nicht geht? Warum man es aber trotzdem unbedingt machen sollte? Eine spannende Reise in die Tiefen der menschlichen Psyche im Gegenspiel zu gesellschaftlichen Normen. Zeit ist nicht das Problem ist ein Roman über den kreativen Quell, der in uns allen sprudelt - wenn wir ihm den Raum geben. Er provoziert mit der Behauptung, dass Arbeit nichts, aber Nichtstun alles ist.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Jens Wollmerath
Zeit ist nicht das Problem
Ein Roman der Muße
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Erster Teil / 1
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Zweiter Teil / 1
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Dritter Teil / 1
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Epilog
Impressum
Erster Teil / 1
Muße ist ein weiter Raum, der unbenutzt ist. (Lin Yutang in "Die Weisheit des lächelnden Lebens", Rowohlt 1997)
Karl hatte nichts getan. Gar nichts. Und ich? Ich war selbst schuld. Denn jeder, der im Leben noch etwas vorhat, zieht von hier weg. Diese Stadt ist eine Abflughalle: einchecken und dann los, überall sonst muss es besser sein. Und ausgerechnet hier schickte ich mich an, eine Existenz aufzubauen. Man kann so etwas stur oder auch einfach nur entsetzlich blöd nennen. Was wollte ich mir denn beweisen? Glaubte ich wirklich, diese klotzköpfigen Küstenbewohner wären schon reif für Cafékultur und exquisites Essen? Die Zahl der Gäste an diesem neunten April überzeugte mich vom Gegenteil. Ich wollte es offensichtlich live bestätigt haben – immer und immer wieder.
Ganze vier Personen saßen da. Zwei schlürften Filterkaffee, ein dürres Männlein umklammerte ein Glas Glühwein und die Oma in der Ecke links fuhr seit zehn Minuten mit dem Finger die Karte rauf und runter. Meine Ratatouille und ich standen auf verlorenem Posten.
Vielleicht hätte ich auf die Kreidetafel vor dem Eingang schreiben sollen: „Holsteiner Rübenmus zum halben Preis! Dazu als Nachtisch gratis: Crespelle ripiene!“
Dabei war die Eröffnung vor rund einer Woche doch ein voller Erfolg gewesen. Weil es alles billig gab?
Karl schien das überhaupt nicht zu interessieren. Ja, richtig, der hockte auch hier, aber irgendwie konnte ich ihn nicht zu den Gästen zählen, er gehörte ja fast zum Inventar.
Er hatte sich verändert und das schien mit dieser mysteriösen Geschichte zu tun haben. Soweit ich wusste, hatte er sogar einen Vertrag dafür unterschrieben.
„Und, wie läuft´s denn so, ich meine diese Sache?“ fragte ich deshalb als erstes, während ich meine Gläsersammlung zum vierten Mal in dieser Woche auf Hochglanz polierte; vielleicht hatte er ja schon wieder alles hin geschmissen.
Nichts! Ich hätte auch mit einem Reissack reden können. Karl Grün baute schweigend einen Bierdeckelturm und hatte soeben die zweite Etage geschafft. Er blickte schließlich doch auf.
„Das Projekt? Läuft soweit eigentlich ganz gut. Ich hab die beiden letzten Stunden am Strand gesessen und fühl mich jetzt bereit, was zu Stande zu bringen.“
Na, eine Antwort nach Maß. Aber, was hatte ich denn auch erwartet. Wohl eher einen Gefühlsausbruch mit Tränen und wildem Gefuchtel.
Denn die ganze Sache hatte anfangs überhaupt nicht so gut ausgesehen. Wie mich das Wort Projekt schon aufregte. Ich dachte dabei immer an diese öden Bastel- und Quasseltreffen aus der Schulzeit.
„Ich hab dich vorhin gesehen. Du hast ja nichts gemacht, außer doof im Sand rumzukauern und auf den Horizont zu starren.“
Ich klang übler gelaunt, als ich gehofft hatte.
„Hast du mich beobachtet?“
„Warst ja nicht zu übersehen. Wie Buddha mit Pudelmütze. Kannst du mir sagen, was du eigentlich machst?“
„Na, nichts halt...“
Wie dem auch sei, Tatsache ist, in meinem Café gibt es den besten Milchkaffee der Stadt. Und genau den hatte Monsieur sich vor fünf Minuten bestellt, als er durch die Tür der Strandbar herein stolziert war.
Jetzt thronte Sir Charles I. mit seinen Einsachtundsiebzig nicht mehr im Sand dafür aber auf einem Barhocker an der Theke, und statt die gewünschte Milchhaube zu bewundern, beschäftigte er sich lieber mit Bierdeckeln.
Plötzlich betrat da ein Märchenwesen mein bescheidenes Etablissement. Gott, war die hübsch! Höchstens Mitte Zwanzig und eine Figur zum Niederknien.
Sie guckte erst Karl an und dann, ja, ihr Blick blieb endlich an der alten Jukebox hängen, die der ganze Stolz meines Lokals ist.
„Geht die noch?“
„Wie geschmiert. Vorausgesetzt, du fütterst ihr hungriges Edelstahlmäulchen mit ein paar blinkenden Münzen aus deinen samtigen Händen, Verehrteste“, wäre wohl die angemessene Antwort gewesen. Stattdessen nickte ich nur stumm und versuchte Karl durch angestrengte Mimik auf den Engel im Lichtschein aufmerksam zu machen. Mein Freund beschäftigte sich aber schon mit dem nächsten Stockwerk des Pappturms und schien überhaupt nichts zu bemerken.
Während ich mit meinem Geschirrtuch in der Hand wie ein Affe Grimassen schnitt, war die Elfe bereits auf den Musikautomaten zugeschwebt, zauberte zwischen ihren Fingern ein Geldstück hervor und ließ es klirrend im Bauch der Maschine verschwinden. Schon erfüllte die Falsettstimme Brian Wilsons den Raum und wie auf ein Signal kehrte Karl in das Reich der Realität jenseits von Filigranpapparchitekur zurück. Er drehte sich auf dem Hocker um und…
2
„He, hallo Karl!“
Er blieb stehen, drehte sich um und sah Max Stubenrauch auf sich zu kommen.
„Mensch, prima dass ich dich hier treffe. Hast du auch eine Vorladung für heute bekommen?“
Karl nickte.
Warum der? Der letzte, den ich jetzt sehen möchte.
„Ja, jetzt wird´s ernst und wir ernten die Früchte unserer jahrelangen geisteswissenschaftlichen Turnübungen. Heute mal keine metaphysischen Instanzen und schon gar keine Phänomenologie des Geistes. Jetzt kommt das Leben!“
Oh Mann, wie ich diesen Schwätzer hasse.
„Was biste denn so still?“, bemerkte Max mit großen Augen. „Bist du schlecht drauf, weil du humpelst? Was ist denn mit deinem Fuß passiert?“
Während sich die beiden durch den Haupteingang der Universität an den Entgegenkommenden vorbeizwängten und langsam Richtung Sekretariat weitergingen, informierte Karl seinen Begleiter knapp über den Grund seiner neuen Gangart.
Er war beim Joggen über einen Ast gestolpert und mit dem Fuß umgeknickt. Das war in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Erstens hatte Karl seinen Körper schon viele Jahre nicht mehr derart in Bewegung gesetzt, zweitens hatte er in der Nacht zuvor geträumt, einen weißen Hasen zu verfolgen und sich dabei den Fuß zu verstauchen. Das erzählte er Max aber nicht.
Der hörte eh nicht zu.
„Mann, jetzt kriegen wir endlich unseren Titel, damit kannst du die Damenwelt tief beeindrucken.“
Er packte Karl kurz am Arm und zeigte mit dem Kinn nach vorne.
„Guck mal, was haben wir denn da? Die hat ja ´ne Oberweite wie Pam Anderson! Wieso ist mir die noch nie aufgefallen?“
Pam? Scheinst ja alle Stars persönlich zu kennen. Klar, dass du auf die Brüste glotzt. Die hat so ein hübsches Lächeln. Und wie diese Fahrwassertonne sieht die ja wohl gar nicht aus.
Karl und Max näherten sich langsam dem blonden Mädchen, das am Ende des Flures auf einem Stuhl saß.
„Wartest du auch für das Prüfungsamt?“
„Ja, aber da ist noch jemand drin“.
Sie lächelte Karl an, er nickte nur.
Sie hat mich längerals fünf Sekunden angesehen! Ich habe mitgezählt.
Trotzdem tat er so, als ob er ihren Blick nicht bemerkte und lehnte sich an die Wand.
„Mensch Karl, deine Stimme klingt ja wie das Piepsen einer Feldmaus“, hörte er neben sich Max, doch er hatte keine Lust auf Ärger.
Sie sieht wirklich gar nicht so schlecht aus. Aber, Meister Grün, man müsste wissen, wie man sie jetzt rumkriegt. Stattdessen lieber die Klappe halten und heute Nachmittag schön melancholisch vor der Anlage rumhängen und Broken-Heart-Songs hören. Du weißt doch, allein ist man am besten unglücklich!
Während Karls Miene sich zunehmend verfinsterte und es Max anscheinend auch die Sprache verschlagen hatte, wurde der Gang durch das Öffnen der Tür erhellt. Ein Student kam aus dem Büro und nickte dem Mädchen zu. Sie erhob sich und verschwand hinter dem sich wieder schließenden Lichtschein.
„Dann setz ich mich mal!“ schnaufte Karl und ließ seine 80 Kilo auf den freigewordenen Stuhl sacken.
„Jetzt sag bloß nicht, dass dich das Anbaggern so angestrengt hat“, erwiderte Max. Er war sauer, schließlich hatte ihn die junge Schöne kaum beachtet. „Von mir aus kannst du deine Knochen schonen, im Stehen quatscht es sich sowieso besser.“
Nein, bitte bloß nicht weiterreden. Ist schon schlimm genug hier. Warum befindet sich das Leben in einer permanenten Wiederholungsschleife? Wie oft haben wir schon in dunklen Gängen vor Türen gesessen, von denen bereits der Lack abblättert, und darauf gewartet, die Zahnräder der Bürokratie sich einige wenige Millimeter weiter bewegen zu sehen. Ob wir wohl auch eines Tages mal hinter so einer Tür sitzen und im Rhythmus der zu Boden schwebenden Farbpartikel meterhohe Stapel von Akten in Ablagefächer sortieren? Was sollen wir denn sonst machen?
Als hätte er Karls Gedanken erraten legte Max los: „Na, mal wieder dem Tiefsinn verfallen. ‚Wie soll das denn alles werden? Die böse, böse Welt da draußen hat uns gar nicht lieb.’ Alter, du musst mal lockerer werden. Warst du eigentlich in den letzten sechs Semestern einmal in der Disco oder mit 'ner Frau aus? Oder doch immer nur Buchladen? Meine Oma hat mal gesagt...“
Karl sollte niemals erfahren, welchen Rat die alte Frau Stubenrauch ihrem Enkel gegeben hatte, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür des Prüfungsamtes ein zweites Mal.
„Du kannst jetzt rein.“
Wieder lächelte das Mädchen Karl zu und hielt ihm die Tür auf.
„Danke“, antwortete er ohne sie anzusehen, stand auf und hinkte mit gesenktem Kopf an ihrer Schulter vorbei in das Büro.
Hinter einem Nussbaumschreibtisch aus den zwanziger Jahren saß die Hüterin der Abschlussnoten und schob einen Aktenberg zur Seite. Sie sah Karl kurz an.
Mann, die sieht so alt aus wie ihr Schreibtisch. Und die Hornbrille...
„Guten Tag“ sagte Karl kaum vernehmbar und setzte sich auf die Vorderkante des Stuhls vor dem Schreibtisch.
Er kramte in seiner Kollegmappe und räusperte sich.
Wieso fragt mich diese Tante nicht wasich will?
Schließlich brachte er eine verknickte Postkarte zum Vorschein.
„Hier steht“, beendete er das Schweigen, „dass ich mir heute mein Magisterzeugnis abholen kann!“
Er legte das Beweisstück auf den Tisch und wies mit dem Zeigefinger auf das Datum. Ohne die Karte eines Blickes zu würdigen drehte sich die Frau auf ihrem Drehstuhl um und beugte sich über eine Schublade mit Hängeordnern, die aus einem Schrank an der hinteren Wand des Zimmers herausragte.
„Name?“ sagte sie monoton, ohne den Kopf zu wenden.
„Grün. Karl Grün. Meine Matrikelnummer ist…“
„Brauch ich nicht“, unterbrach ihn die Aktenbevollmächtigte und zerrte einen der Ordner heraus.
Stöhnend drehte sie sich in ihre alte Sitzposition zurück und schlug die Mappe auf dem Schreibtisch auf. Sie entnahm einige Blätter und breitete sie aus. Schließlich schob sie Karl eines von ihnen zu.
„Da unterschreiben!“
Karl zögerte einen Augenblick.
„Hätten Sie eventuell einen Stift?“
Die so Angesprochene verdrehte kurz die Augen und wollte gerade zu ihrem Lieblingsmonolog über das Organisationstalent von Studenten im Allgemeinen und deren Qualifikation für das wahre Leben im Besonderen ansetzen, als Karl einen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Jacke hervorzauberte.
„Hab ihn schon“, lächelte er triumphierend und kritzelte sein Autogramm auf das Formular. „Bitte sehr.“
Ohne etwas zu erwidern zog die Frau das Blatt wieder zu sich zurück, drückte einen Datumsstempel auf den oberen rechten Rand und schob es in eines der Ablagefächer, die sich zu ihrer Linken auf dem Schreibtisch stapelten. Anschließend überreichte sie Karl die übrigen beiden Blätter, die noch vor ihr lagen.
„Hier Ihr Zeugnis! Und die Magisterurkunde!“
Karl nahm die Dokumente entgegen und betrachtete sie kurz.
Eine Note betone nie.
„Das können Sie doch auch draußen lesen, oder?“ wies Frau Namenlos mit Zornesfalten und gestrecktem Zeigefinger zur Tür, „Sie sehen doch, was hier zu tun ist!“
Äh, nein! Sehe ich nicht.
Er stand auf und wollte schon zur Klinke greifen, als er sich noch einmal umdrehte.
„Danke! Dieser bedeutende Moment wird auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben. Was für eine Festlichkeit!“
Und bevor die Angestellte des Prüfungsamtes etwas entgegnen konnte, war Karl schon durch die Tür verschwunden, die mit einem Knall hinter ihm zufiel.
Wieder auf dem Flur, atmete er erst einmal tief durch und blickte auf Max, der nun auf dem Stuhl Platz genommen hatte.
„Viel Spaß da drin. Die Dame ist von einer ansteckenden Fröhlichkeit!“
„Hä?“
„Tut mit leid, aber ich bin etwas in Eile. Muss noch zu einem dringenden Termin.“
Er klopfte Max kurz auf die Schulter, murmelte: „Man sieht sich!“ und humpelte davon.
Über die Stufen des Hauptportals trat er zurück auf den sonnigen Campus.
Und? Was fühlst du, Meister Grün? Nichts! Absolute Leere. Du bist weder besonders klug noch gebildet, weißt zwar, wie man eine Hausarbeit schreibt oder sich mit Pflichtseminaren durchs Semester mogelt, aber sonst... Ob diese ganzen Studis hier auf der Campuswiese wohl wissen, worauf sie da zusteuern? Magister und arbeitslos? Na bravo! Aber in der Sonne baden, das haben wir gelernt. Vielleicht soll ich sie warnen. Vielleicht muss ich hier und jetzt die anti-akademische Revolution ausrufen. Vergesst euren Kopf, alle Macht der Hand!
Eine solche krachte mit Wucht auf seine Schulter. Karl drehte sich um und musste lachen. Vor ihm stand sein alter Schulfreund Steve.
„Na, wovon hast du denn gerade geträumt?“
„Ach, nichts Besonderes. Hab’ gerade mein Abschluss -zeugnis abgeholt und wollte jetzt…“
„… mit mir feiern gehen“, fiel ihm Steve ins Wort, „ein guter Plan!“
Steve war einen halben Kopf größer als Karl und nichts an seinem Äußeren verriet ihn als Koch, er sah eher aus wie ein Holzfäller aus den Rocky Mountains. Doch nur sein Großvater war Kanadier und vierzig Jahre lang Buchhalter in einem Handelsbüro in Halifax gewesen. Ihm verdankte er seinen Vornamen.
„Du bist also jetzt komplett fertig?“
„In jeder Hinsicht“, antwortete Karl, „aber was machst du denn hier an der Uni?“
„Ich war bei der Studentenjob-Vermittlung. Ich suche jemanden, der mir beim Streichen hilft!“
„Heißt das, du machst wirklich…“
„…ja, mein Café an der Strandpromenade auf.“
Steve war ein Meister im Unterbrechen.
„Dann hast du deinen Job im „König“ aufgegeben?“
„Ja, Ende des Monats bin ich raus. Keine Lust mehr auf Stammessen. Pizza, Auflauf, Pizza, Carbonara, Pizza, Bolognese, Pizza...“
„Aber, warum hast du mich nicht gefragt, ob ich dir helfe?“ spielte Karl den empörten Freund.
„Weil ich dachte, du hättest noch irgendwelche Prüfungen. Ich hab da keinen Überblick! Aber wenn du willst. Die hatten sowieso gerade keinen Helfer für mich!“
„Na, auf mich kannst du zählen. Bis morgen ist mein Fuß bestimmt wieder o.k., ich hab vormittags allerdings erst noch einen anderen Termin!
3
Das „A“ über dem gelb geziegelten Hochhaus prangte wie das Symbol einer obskuren Sekte in den Winterhimmel und war schon aus der Ferne zu erkennen. Karl blickte aus dem Fenster des Busses, der an den Kantstein der nächsten Haltestelle glitt.
„Arbeitsamt“, ließ die krachende Lautsprecherstimme vernehmen.
Dachte, das heißt jetzt Agentur. Sind nicht so schnell, die Leute vom ÖPNV.
Karl erhob sich , spürte einen Stich im rechten Fuß und trat in die Kälte. Was der gestrige Tag an Frühlings -versprechungen gemacht hatte, glich der heutige durch nackte Winterrealität wieder aus. Mit beiden Händen hielt Karl seinen Mantel zusammen, presste die Lippen aufeinander und lief auf die Glastüre des Hochhauses zu. Drinnen roch es nach Putzmitteln und PVC-Fußböden aus einer Zeit vor der Einführung von Schadstoffgrenzwerten.
Karl ging zum Empfangstisch und beugte sich dicht an das Loch in der Glasscheibe.
„Ich bin Hochschulabsolvent und wollte…“
„Vierter Stock! Rechts die Treppe hoch, der Fahrstuhl ist kaputt“, rasselte der Pförtner hinter der Scheibe herunter.
Wunderbar!
Keuchend erklomm Karl die letzte Stufe und betrat den Wartebereich. In unbestimmter Ordnung standen einige Stühle und Tische herum, an denen bereits zahlreiche Arbeits- suchende Platz genommen hatten. Karl steuerte auf den den Tisch zu, der den einzigen noch freien Stuhl bereithielt.
„Wo muss man sich denn hier anmelden?“ schnaufte er und hielt sich an der Tischplatte fest.
Ein Endzwanziger im dunkelgrauen Anzug, blauen Hemd und rot gemusterter Polyester-Krawatte sah ihn von unten bis oben an.
„Steht doch groß auf der Tafel da!“
Er nickte mit dem Kopf leicht nach links.
Karl folgte mit dem Blick und sah auf ein Pappschild, das mit Klebestreifen an der aschgrauen Wand befestigt war. Es klärte ihn darüber auf, dass er sich zunächst in Zimmer 402 zu melden habe, dort eine Nummer erhalten und dann aufgerufen würde.
Karl hatte nach Eroberung seines Nummernzettelchens kaum neben dem Anzugträger Platz genommen, da bestätigten sich seine Befürchtungen schon.
„Was hast du denn studiert?“ drang es an sein Ohr.
„Philosophie“, antwortete er und vermied es den Fragesteller anzublicken.
„Ach wie schlau, damit kann man doch gar nichts anfangen! Was willst du denn arbeiten?“
Bevor Karl auch nur an eine Antwort denken konnte, setzte der Quälgeist sein Verhör fort: „Warum hast du denn nicht irgendwas Praktisches studiert? Ich hab zum Beispiel BWL mit Englisch kombiniert, damit kann ich…“
… eine McDonald’s Filiale in Kenia leiten.
Karl schwieg und vertiefte sich in eine der Broschüren, die auf dem Tisch auslagen.
Kurz darauf wurde die Nummer seines Tischnachbarn aufgerufen, der auf der Stelle die Hacken zusammenschlug und aufsprang. Dem Text des Faltblattes konnte Karl entnehmen, dass die Mitarbeiter des Arbeitsamtes stets bemüht seien, den Arbeitssuchenden hilfreich zur Seite zu stehen, diese sich aber auch selbst darum kümmern müssten, schnell einen Arbeitsplatz zu finden.
Soll das ein Witz sein? Da draußen laufen knapp fünf Millionen Arbeitslose herum. Wie soll man denn da eine Stelle finden? Als ich anfing zu studieren, haben alle was von „Soft-Skills gefaselt. Egal, was du an der Uni machst, Hauptsache du entwickelst diese weichen Fähigkeiten, von denen sowieso niemand weiß, was sie sind und wofür man sie braucht. Geh in die Medien, da brauchen sie solche Leute wie dich. Und dann dieser bescheuerte „Neue Markt“. Agenturen, die man aus dem Boden stampft um sie dann sogleich von selbigem wieder verschluckt zu sehen. Wie soll denn das gehen, Firmen, die nur auf der virtuellen Kohle von irgendwelchen dubiosen Investoren basieren. Und wenn die abspringen – Bumm – das war’s! Vielleicht hätte mir der Quatschkopf eben erklären können, wie das funktioniert.
Dieser trat genau in dem Moment wieder in den Wartebereich. Er strahlte über das ganze Gesicht und lief direkt auf Karl zu.
„Hier, hab schon so gut wie sicher eine Stelle! Der schlaue Hasenbein weiß halt, wo es langgeht.“
Die wulstige Hand hielt Karl ein Blatt vor die Nase.
„Na, dann viel Spaß bei deinem unbezahlten Praktikum“, erwiderte Karl unbeeindruckt und deutete mit seinem Zeigefinger auf die unterste Zeile des Stellenangebots.
„Was? Das ist ja…“
Karl kümmerte sich nicht weiter um die Reaktion des Wirtschaftsexperten und vertiefte sich in ein weiteres Faltblättchen aus dem Sortiment der Arbeitslosenverwalter. Nach einer Stunde war der Wartebereich leer bis auf Karl. Er saß noch an seinem Tisch und wartete, dass seine Nummer endlich aufgerufen würde. Es passierte aber nichts. Schließlich stand er auf und steckte seinen Kopf noch einmal durch die Tür des Anmeldezimmers.
„Wann bin ich denn dran?“ fragte er die junge Frau, die sich weit in den Bürostuhl lehnte und genussvoll in ein Butterbrot biss.
Vor Schreck verschluckte sie sich fast an ihrem Wurtsteiggemisch und stammelte mit vollem Mund:
„Wir haben doch längst Mittagspause!“
„Aha, und wann werde ich dann bedient?“
„Heute gar nicht mehr, die Nachmittagssprechzeiten sind donnerstags von zwei bis sechs!“
„Das ist ja nicht zu fassen! Wozu gibt es dann diese bescheuerten Nummern, wenn sowieso nur Dienst nach Vorschrift gemacht wird?“
Karl zerknüllte den Zettel in seiner Faust und verließ wortlos das Büro. Die Uhr im Wartebereich zeigte kurz vor halb eins.
Um halb zwei bin ich mit Steve zum Streichen verabredet. Prima! Eine Stunde lang kann ich mich jetzt noch über diese Sesselpupser aufregen.
Karl rutschte auf dem Treppengeländer hinunter, humpelte durch die Drehtür ins Freie und erwischte tatsächlich noch den Bus. Während der Fahrt betrachtete er die Stadt, in der er nun schon so lange wohnte.
Komisch, mich hat es nie so richtig in die Ferne gezogen!
4
Über die Ostsee wehte der Wind und trieb die Wellen an den Strand. Hier und da riss die Wolkendecke auf und einige Sonnenstrahlen blitzten durch das Grau. Die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, Mütze in die Stirn gezogen, kämpfte Karl auf der Strandpromenade gegen die Ostbriese, die wie Sandpapier über seine Wangen rieb. Schließlich erreichte er ein Backsteinhaus, das von zwei Krüppelkiefern eingerahmt war und sich unmittelbar am Strandweg hinter dem Deich duckte. An der Eingangstür des Ladenlokals im Erdgeschoss klebte ein Zettel mit dem Hinweis:
Hier öffnet im Frühjahr die „Strandbar“ von Steve K.
Karl wollte gerade klopfen, als Steve schon die Tür aufriss und ihn angrinste. In seiner Rechten hielt er eine Anstreichrolle.
„Gut, dass du da bist, habe gerade mit der Küche begonnen.“
Er ließ Karl herein, der sich interessiert umsah.
„Schickes Plätzchen hast du dir hier ausgesucht. Ich glaube, ich werde öfter hier sein.“
„Wann immer du willst, aber jetzt musst du mir erst mal helfen, die Bude hier auf Vordermann zu bringen.“
Karl zog seine Jacke aus, krempelte seine Hemdsärmel nach oben und nahm den Pinsel, den Steve ihm entgegenstreckte.
„Du machst die Ecken. Ich bin eh schon voll Farbe! Wo warst du denn heute? Und was war eigentlich mit deinem Hinkebein los?“
Durch das Ladenfenster schien jetzt die Wintersonne in den Raum und warf ein leuchtendes Rechteck auf die Zeitungen, die den Fußboden bedeckten.
„Ach, mein Fuß ist schon fast wieder o.k., hab´ ihn beim Joggen umgeknickt, aber das andere nervt mich viel mehr. Ich hab´ vorhin beim Arbeitsamt mein Glück versucht, glaube aber, das ist ziemlich aussichtslos mit einem Job!“
Ratlos guckte Karl auf die Zeitungen am Boden.
„Was würdest du denn gerne machen?“ fragte Steve, während er eine weitere Bahn Farbe auf die Wand rollte.
„Das ist ja gerade das Blöde. Ich kann irgendwie alles und gar nichts.“
„Haben sie euch denn nichts Schlaues beigebracht auf der Uni?“
Steve strich unermüdlich weiter, während Karl am Fenster stand und nachdenklich die dahin eilenden Wolken über der Ostsee betrachtete.
„Wenn ich das nur wüsste. Ich hab wohl schon gelernt analytisch zu denken und schreiben kann ich wahrscheinlich auch einigermaßen.“
„Na, das ist doch schon einiges. Ich kann nur kochen und das war’s. Willst du nicht vielleicht irgendwas mit Medien oder so machen?“
„Klar, das wollen doch fast alle mit meiner Fachrichtung.
Mann, so viele Journalisten und Werbefuzzis kann dieser Planet nun wirklich nicht gebrauchen. Ich dachte immer, dass ich mich mit dem Studium für eine wirklich anspruchsvolle geistige Tätigkeit qualifizieren würde. Jetzt kann ich nur hoffen, vielleicht irgendwo als Hausmeister zu arbeiten.“
„Aber Maler solltest du auf keinen Fall werden“, lachte Steve. „Du lässt ja alles auf den Boden tropfen!“
„Mist“, schimpfte Karl. Die Farbe hatte ihren Weg genau zwischen zwei der Zeitungsblätter gefunden und bildete jetzt einen Klecks auf den Holzdielen.
„Hinter der Theke steht ein Eimer mit Wasser und irgendwo liegt da auch noch mehr Papier“, sagte Steve, der seine Arbeit nicht unterbrochen hatte.
Während Karl sein Ungeschick wieder ausbügelte setzte Steve seine berufskundlichen Überlegungen fort.
„Und was ist, wenn du doch noch Lehrer wirst? Die verdienen doch unglaublich viel und haben dauernd frei.“
„Kann ich nicht, ich habe nicht auf Lehramt studiert. Außerdem habe ich einfach keinen Bock, irgendwelchen Fünfzehnjährigen meine Lebensweisheiten mitzuteilen.“
Karl legte ein neues Stück Zeitung auf die Stelle, die er gerade gesäubert hatte. Der Lichtfleck der Sonne war ein Stück weiter gewandert und schien jetzt genau auf das Papier unter seinen Händen.
„Ja, dann weiß ich auch nicht, was du machen sollst, vielleicht…“
Karl hörte den Worten seines Freundes nicht mehr zu. Er blickte konzentriert auf eine Annonce in der Rubrik ‚Stellenanzeigen Allgemein’, die vom Sonnenlicht bestrahlt wurde.
Proband für außergewöhnliches Forschungsprojekt gesucht. Sie sind zwischen 25 und 35 Jahre alt und sind neugierig auf eine neue Lebenserfahrung? Dann melden Sie sich bei der Universität Halsterberg unter der angegebenen Rufnummer.
Vorsichtig nahm Karl das Blatt wieder hoch und betrachtete den Text noch eine Weile.
Das ist ja tatsächlich die Zeitung von dieser Woche, ganz aktuell.
„… mir hat es auch sehr geholfen, erst mal eine Zeit lang wegzufahren.“
Steve dachte noch immer über einen guten Plan für Karls Zukunft nach.
„Hier“, Karl streckte ihm die Zeitungsseite entgegen, „sieh mal die erste Anzeige!“
Steve nahm das Papier und las.
„Hmm, klingt komisch. Wahrscheinlich irgendwas mit Medikamenten oder so. Da wäre ich vorsichtig!“
„Ja aber vielleicht ist es ja auch eine gute Chance,…“
„Dann würden sie doch schreiben, worum es geht. Glaub mir, das ist ’ne krumme Sache. Ich hab da Erfahrung. Als ich meine Ausbildung fertig hatte, da hab ich ’ne Anzeige gelesen für…“
„Ja, ich weiß.“ Karl kannte die Geschichte schon. „Da wurde eine Stelle für einen Koch ausgeschrieben und dabei ging es um die Bewirtschaftung einer Pommesbude.“
„Und genauso klingt das hier auch. ‚Neue Lebenserfahrung’! Die knallen dich mit Pillen voll und gucken zu, wie du Verfolgungswahn bekommst, um den dann mit anderen Tabletten zu stoppen!“
Karl musste lachen.
„Du und deine Fantasie. Aber wahrscheinlich hast du Recht.“
Der Rest des Nachmittags verging schnell. Bis zum Abend hatten Karl und Steve den Raum des Cafés vollständig neu gestrichen.
Dienstag, 12. Februar
Heute war ein anstrengender Tag. Erst beim Arbeitsamt gewesen, totaler Reinfall! Danach Steve beim Anstreichen geholfen. Sein Café sieht wirklich vielversprechend aus. War ein bisschen neidisch auf ihn, immerhin hat er jetzt eine Perspektive. Hätte nie gedacht, dass Streichen so mühsam ist, meine Arme tun weh und meine Finger sind voller Blasen. Habe auf dem Heimweg Susanne getroffen. Sie sah müde und gestresst aus. Der Job macht sie fertig. Darum beneide ich sie nicht. Werde das Gefühl nicht los, als ob ich mich selbst beobachte. Es kommt mir so vor, als würde ich mein Leben aus der Dritten Person betrachten. Das Alleinsein tut mir nicht gut.
5
Karl wachte mitten in der Nacht auf. Sein Kopf dröhnte und seine Arme hingen an ihm wie Fremdkörper. Mühsam erhob er sich von seinem Bett und wankte in die Küche. Er öffnete die Kühlschranktür und sah seine Befürchtungen bestätigt: Die Ablagefächer boten das Bild eines verlassenen Iglus. In der Tür fand Karl noch eine angebrochene Tüte Milch, die er dankbar an seine Lippen setzte.
Auf der Spüle türmte sich Geschirr, aus dem Mülleimer quoll der Abfall und über den Küchentisch waren allerlei Gegenstände und Papiere verteilt, die eindeutig nichts mit der Zubereitung von Speisen zu tun hatten.
Alles wegen dieser dämlichen Prüfungen.
Er setzte sich an den Tisch und schob mit dem Unterarm eine Fläche frei, um die Milchtüte abzustellen.
Was soll ich denn bloß machen? Ich will Mama und Papa nicht um Geld bitten. Also irgendeinen dämlichen Job wirst du wohl finden, Meister Grün, oder? Wieso eigentlich Meister? Na, weil du halt der Profi des inneren Dialoges bist! Ist das nun bekloppt oder ist es Postprüfungsstress? Was will ich? Haus? Kinder? Einmal im Jahr an den Atlantik mit dem Opel-Kombi? War ja schon nett in meiner Kindheit, aber...
Karl Grün, typischer Wohlstandsflegel der 80er! Alles haben und immer noch unzufrieden. Vor allem bloß nicht festlegen. Grenzerfahrung? Was für ein Blödsinn. Mann, alle anderen arbeiten doch auch. Persönliche Charakteristik mit vierundzwanzig Buchstaben: E n t s c h e i d u n g s u n f ä h i g k e i t. Quatsch, sind fünfundzwanzig mit Umlaut. Ich muss was tun.
Schließlich stand er auf und ging zurück in sein Schlaf-zimmer. Er griff zum Telefon, das auf dem Fußboden neben dem Bett stand. Nachdem er eine kurze Nummer eingetippt hatte und den Hörer an sein Ohr hielt, sah er sich in seinem Zimmer um. An der Wand gegenüber stand ein Holzregal, das er gemeinsam mit seinem Vater gebaut hatte. Es enthielt die mächtige Sammlung seiner Schallplatten und Bücher. Es gab…
„Städtische Klinik, Notaufnahme!“
Die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung klang müde und genervt.
„Hallo Susanne, ich bin’s, Karl.“
„Na, das ist ja ’ne Überraschung. Kannst du nicht schlafen?“
„Ich brauch einen kleinen Denkanstoß, meinst du, du kannst mir helfen?“
„Auf keinen Fall hier über die Notrufnummer! Komm doch vorbei, bis jetzt ist es ziemlich entspannt.“
„Gut, mach ich. Bis gleich!
Karl legte auf. Hastig zog er sich an und verließ seine Wohnung. Draußen war es eisig, ein praller Vollmond beleuchtete die Stadt. Karl lief die Hauptstraße entlang.
Na, dann auf du lonesome Cowboy, ist bloß ne halbe Stunde zu Fuß!
An der Ecke des Kaufhauses bog er nach rechts ab und beschleunigte seinen Schritt. Sein Weg führte Karl an Dönerbuden, Second-Hand-Läden und Lebensmittelgeschäften vorbei. Tagsüber ging es hier sehr lebhaft zu, jetzt aber war von dem Gemisch aus Sprachen und Gerüchen nichts außer einem Hauch von Müll geblieben.
„Kannst du nicht aufpassen, Arschloch?!“
Karl wäre fast über den Schlafsack gefallen, der vor der Eingangstür einer Bank wie eine Wurst auf den Gehweg hinausragte. Aus dem Kopfende des Sacks ragte ein Männergesicht, das ihn mit finsteren Augen ansah.
„Tschuldigung“, stotterte Karl und machte sich davon. Der Schlafsackmensch rollte sich dicht an die Tür des Geldinstitutes, das auf einem Plakat im Fenster Kredite für „sagenhafte 6,5% Zinsen“ anbot.
Nach knapp dreißig Minuten erreichte Karl das Krankenhaus. Er überquerte die Einfahrt zur Notaufnahme und presste sich durch die Glastür. Hinter einem Empfangstisch saß eine Frau mit langen braunen Haaren. Ihre Augen leuchteten wie die buchstäblichen Bergseen und ihre Nase war an der Spitze leicht nach oben gebogen. Ihr Mund zog sich wie ein Strich über das Gesicht und verlieh ihrer Mimik auf den ersten Blick etwas Strenges. Die runde Gesichtsform glich das aber wieder aus, als habe sich der Schöpfer im letzten Moment doch um etwas Harmonie bemüht. Abgesehen von ihrer Frisur hätte man sie für Karls Zwillingsschwester halten können.
„Bin aber schon zwei Jahre älter als er“, hatte sie immer gesagt, wenn sie als Kinder auf Verwandtenbesuch gewesen waren. Jetzt war sie einunddreißig und legte keinen Wert mehr auf den Altersunterschied.
„Hi, Susanne!“
Karl stützte sich mit beiden Händen auf die Theke.
„Guten Morgen, Bruderherz.“
Der Strich öffneten sich zu einem Lächeln.
„Willst du hier renovieren?“
Sie deutete auf Karls Hose, die mit Farbflecken bedeckt war.
„Oh nein!“
Karl blickte verlegen an sich herunter.
„Muss wohl im Halbschlaf daneben gegriffen haben.“
„Womit kann ich dir mitten in der Nacht helfen?“
Susanne betrachtete Karl, das Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen.
„Hast du denn jetzt ein bisschen Zeit?“
„Genau so lange, bis das Telefon klingelt oder einer von diesen schicken rot-weißen Wagen da draußen vorfährt. Im Moment ist alles ruhig.“
Karl setzte sich zu seiner Schwester hinter den Empfangstisch.
„Ach, ich weiß nicht! Ich kann nicht mehr schlafen. Mache mir so einen Kopf wegen der Zukunft!“
„Wieso das? Du bist doch erfolgreicher Akademiker.“
„Nützt aber nichts. Wer braucht schon einen Philosophen. Schwesterchen, ich muss Geld verdienen. Fürs Rumgrübeln bezahlt mich keiner. Hast du irgendeine Idee, was ich tun kann?“
Susanne zuckte mit den Achseln.
„Vielleicht...“
„Sag jetzt nicht Medien! Steve hat auch schon davon gequatscht. Ich bin kein Redakteur, kein Regisseur oder sonst was. Alles was ich kann, ist Sekundärliteratur über Platon aus der Bibliothek nach Hause zu tragen und in vier Wochen wieder zurückzubringen. Theoretiker nennt man so was. Was für eine Scheißwelt. Dabei könnte alles so einfach sein. Wenn ich an Steve denke. Der macht einfach seinen Laden auf und schwupps...“
„He, jetzt hör aber auf. Steve hat immerhin jahrelang geschuftet, um das Startkapital zusammenzubekommen.“
„Aber ich habe doch auch…“
„Ja, ich weiß, aber zwischen geistiger und praktischer Arbeit ist nun mal ein himmelweiter Unterschied. Du musst halt einen Weg finden, dein Potenzial irgendwie zu Geld zu machen! Außerdem weiß ja kein Mensch, ob Steve jemals einen einzigen Kaffee verkaufen wird.“
„Na, du hilfst mir ja prima!“
In diesem Moment ertönte ein Martinshorn, das von der Hauptstraße herauf rasch näher kam. Kurz darauf hielt ein Krankenwagen vor dem Eingang. Zwei Sanitäter sprangen heraus, zerrten aus der Klapptür eine Trage, die sie Bruchteile von Sekunden später auf einem Rollgestell am Empfangstisch vorbei in den Vorraum der Notaufnahme schoben.
„Verdacht auf Myokardinfarkt; Reanimation bei Kammerflimmern!“ die Stimme des Sanitäters überschlug sich fast, obwohl er nicht einmal laut sprach.
Der Mann auf der Trage stöhnte schwach und überließ seinen Körper dem Kampf.
Susanne federte hoch und griff zum Telefonhörer.
„Wir brauchen sofort jemanden auf der zwo sieben!“
Die Trage wurde in ein Zimmer gerollt, in dem auch Susanne und der herbeihastende Arzt verschwanden. Kurz bevor die Tür zuschlug, steckte Karls Schwester noch einmal den Kopf heraus.
„Mach was aus deinem verdammten Leben, und tu es bald!“ rief sie und tauchte wieder im hellen Neonlicht unter, das wenig später nur noch durch den Spalt der geschlossenen Tür hindurch schimmerte.
Karl blieb noch einen Moment stehen, unfähig sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Außer ihm befand sich niemand mehr in der Eingangshalle. Seine Hände zitterten, als er den Verschluss seines Anoraks bis dicht unter das Kinn zog, dann stapfte er blass in die Kälte.
Scheiße, scheiße, scheiße! Wieso muss der Typ genau heute den Herzkasper kriegen! Mann, mir ist sauschlecht. Genauso gut könnte ich da auf der Trage liegen. Der Mensch war höchstens Mitte dreißig.
Bloß weg hier! Jetzt nur keine Panik! Schön ruhig atmen und denken: ich bin das nicht, der da geht, das sind nicht meine Füße auf dem Boden. Ich werde gesteuert.
Ob der noch lebt? Lebe ich überhaupt? Kann kaum noch denken. Treibe durch die leblose Stadt wie ein Korken auf der Ostsee!
Er lief an den Häuserblocks vorbei ohne rechts und links etwas wahrzunehmen. Allmählich beruhigte er sich und sein Körper gehorchte wieder seinen Gedanken. Schließlich blieb er an einer Straßenecke unter den Leuchtziffern einer Uhr an einem Juweliergeschäft stehen und blickte nach oben. Halb vier.
Karl sah sich um.
Hier war ich noch nie! Kenne die Gegend nicht!
Neugierig lief er an den Fenstern der Geschäfte vorbei. Neben dem Juwelier gab es einen Tabak- und Pfeifenladen, es folgten eine Eisdiele und ein Schuster und schließlich ein Geschäft, in dessen Schaufenster es eine Reihe Schallplattenhüllen und Bücher zu sehen gab.
„Gert’s Kramkiste“ stand in Druckbuchstaben auf dem Fenster.
Karl blieb stehen und versuchte durch die Scheibe zu erkennen, wie das Innere dieser Fundgrube wohl aussah.
Nanu, da ist ja einer drin!
Im hinteren Teil des Ladens brannte Licht. Ein Mann prüfte Schallplatten aus einem Karton. Jede Platte, die er der Kiste entnahm, zog er aus der Hülle, hielt sie gegen das Lampenlicht, steckte sie wieder zurück und sortierte sie dann im Regal ein.
Cooler Typ! Muss mir die Adresse merken und mal am Tag hierhin kommen!
Karl kramte in seiner Jackentasche nach einem Stift. Diesmal hatte er weniger Glück als auf dem Prüfungsamt.
Achselzuckend wandte er sich zum Gehen, als der Mann im Laden aufblickte und zum Fenster sah. Er konnte Karl nicht erkennen, wohl aber, dass dort jemand um zwanzig vor vier in der Nacht vor seinem Geschäft stand. Behutsam legte er die zuletzt entnommenen Platten beiseite und ging ohne Eile durch den Laden zur Eingangstür, die links neben dem Schaufenster auf eine Treppe hinausging. Karl blieb in der Kälte stehen, als sich der Schlüssel drehte und die Tür geöffnet wurde.
„Guten Morgen“, sagte der Mann mit einer Stimme wie Lee Marvin, „es kann nur zwei Gründe geben, warum du zu dieser unchristlichen Zeit vor meinem Laden stehst. Entweder du bist ein Freak oder du hast dich verlaufen.“
„Letzteres“, entgegnete Karl, „obwohl ich auch…“
„… genau das habe ich mir gedacht. Willst du vielleicht einen Tee?“
Der Mann bot die offene Tür zum Hereintreten an. Karl zögerte kurz, stieg dann aber die zwei Stufen nach oben. Es roch nach alten Büchern und Schallplatten, ein Duft, den wahrscheinlich nur kennen wird, wer schon einmal in einem dieser besonderen Sammlertempel gewesen ist.
„Ich bin Gert“, sagte der Ladenbesitzer und drückte Karl mit einer an Kartonschleppen gewöhnten Rechten die Hand.
„Geh einfach nach hinten durch, da wo das Licht ist!“
„Mach ich, danke!“ Karl folgte der Aufforderung und lief auf den Lichtschein zu. An der linken Wand und in der Mitte des Ladens standen Bücherregale, die bis unter die Decke reichten. Rechts vom Fenster aus gesehen waren Plattenregale nebeneinander aufgereiht. Unter den Ständern sah Karl im Halbdunkeln Kartons, auch sie waren mit Schallplatten gefüllt.
„Setz dich, ich hole mir noch einen Stuhl von hinten.“
Gert wies auf einen Holzhocker unter der Stehlampe, die für das wenige Licht im Laden sorgte und verschwand hinter einem Vorhang. Karl sah sich weiter im Raum um. An den freien Stellen der Wände hingen Fotos und Plakate von Musikern und Filmen, wie bekannte Bild vom ersten großen Popfestival. Es zeigte Jimi Hendrix, der vor seiner brennenden Gitarre kniete und die Flammen zu dirigieren schien.
„Ja, ich war dabei.“
Gert kam wieder durch den Vorhang und stellte mit einer Hand einen zweiten Hocker neben die Lampe. In der anderen hielt er einen Becher mit dampfendem Tee, den er Karl reichte, während dieser noch das Bild betrachtete.
„Sie…, äh du warst in Monterey?“
„Allerdings, da war ich achtzehn.“
Karl rechnete kurz im Kopf.
Dann muss der jetzt so Anfang fünfzig sein.
„Und wie war das so?“ fragte er laut, nahm den Teebecher und nickte dankend.
Gert setzte sich und überlegte einen Moment.
„Was die Musik anging, war es absolut fantastisch. Hendrix, Otis Redding, The Who. Die Atmosphäre war toll.“
„Bist du denn auch ein richtiger Hippie gewesen damals?“
„Was heißt schon richtig?“ Gert schmunzelte. „In meiner Einstellung zur Gesellschaft schon, aber mit dem ganzen Drogenzeugs hatte ich nicht viel am Hut. Hab mal versucht zu kiffen, war aber nichts für mich. Bin halt zu sehr Kontrollfreak!“
Karl betrachtete seinen Gesprächspartner.
Das glaube ich dir. So wie du Platten sortierst. Wahrscheinlich steht im ganzen Laden keine einzige Scheibe mit Kratzern.
„Und was machst du, wenn du nicht schlafwandelst?“
Gert sah seinen nächtlichen Gast an, als wolle er die Antwort mit den Augen aus ihm heraussaugen.
„Na ja, das ist nicht so leicht zu erklären“, begann Karl lustlos, „ich konnte nicht schlafen, weil ich mir so einen Kopf um meine Zukunft mache und dann war ich bei meiner Schwester. Und warum sortierst du morgens um vier Schallplatten?“
„Ich bleibe oft nachts wach. Schlafentzug soll sich positiv auf meine Erkrankung auswirken.“
Karls fragendes Gesicht erkennend fügte er hinzu: „Depressionen. Aber eigentlich bin ich einfach gern hier allein im Laden.“
Karl nickte.
Siehst aber nicht besonders traurig aus im Moment.
„Hat wahrscheinlich was mit der Branche zu tun, die waren doch alle irgendwie verrückt“, fuhr der Kramkistenhüter fort und wies mit einem Kopfnicken auf die Wand mit den Fotos.
„Brian Wilson: psychotisch, manisch-depressiv; Syd Barret: Psychose; Peter Green: auch Psychose; Nick Drake: depressiv und so weiter und so weiter.“
Gert wirkte sehr ruhig, während er sprach.
„Was willst du hören?“
Karl verstand erst nicht, dann begriff er, dass er eine Platte aussuchen sollte.
„Oh, keine Ahnung, vielleicht was von Big Star?“
„Ausgezeichnet, ein Popfreund also! Welches Album?“
„Ich mag das erste am liebsten.“
„Oh Mann“, Gert wurde lebhafter, „du gefällst mir. Jeder Durchschnittssammler hätte jetzt das dritte Album genannt. Völliger Blödsinn, Alex Chilton war nie besser als zusammen mit Chris Bell! Steht da, unter B!“
Mit seiner Teetasse zeigte Gert auf das zweite Plattenregal.
Karl drehte sich halb auf seinem Hocker um und blätterte kurz in den Papphüllen. Er fand „#1 Record“ und reichte sie zu Gert herüber. Der wandte sich einem Tischchen zu, das links neben dem Vorhang stand. Wie ein rohes Ei hob er mit beiden Handflächen die Scheibe auf einen Plattenspieler aus den Anfangstagen der Stereokultur, der dort auf einem Verstärker platziert war. Kaum hörbar knisternd setzte die Nadel auf und das erste Riff von „Feel“ erfüllte den Raum.
Gert schloss die Augen und schwieg.
Was mache ich hier? Sitze bei einem Wildfremden im Laden rum und höre im Morgengrauen Powerpop. Das ist wie damals, als ich mit Steve vor dem Plattenregal seines großen Bruders gehangen habe und wir uns die ganzen Scheiben aus den 60ern und 70ern angehört haben. Mann, was für tolle Sachen. Alle erforschten damalsdie Welt der Diskotheken und die weibliche Anatomie unterhalb der Oberfläche von pinkfarbenen T-Shirts. Nur wir zwei Deppen kauerten vor den Boxen und lasen uns die Besetzungslisten und Danksagungen auf vergilbten Plattenhüllen durch. Wer hatte wann wo mitgespielt, wer hatte co-produziert? Dazu Tee und Steves traumhafte Pizza. Mit frischem Knoblauch, Thunfisch…
„He, Zeit zum Aufstehen!“
Gert klopfte vorsichtig auf Karls Schulter.
Der schlug die Augen auf und stellte verwundert fest, dass er auf dem Fußboden lag, seinen Anorak als Decke über sich gezogen.
„Wie spät ist es?“
Karl richtete sich langsam auf. Draußen war es bereits hell.
„Kurz nach acht.“ Gert lachte. „Du hast dich irgendwann wie ein Igel da unten eingerollt, wollte dich nicht wecken. Noch ’n Tee? Ist frisch!“
„Gern.“
Karl streckte sich und sah, dass der Karton mit den Schallplatten jetzt leer war.
„Was kommt denn ins Regal und was in die Kisten da drunter?“ fragte er.
„Oben steht nur das, was die Profisammler interessiert. Sind auch entsprechend hochpreisig. Dir würde ich empfehlen, auf die Knie zu gehen, denn da unten findest du echte Schätze, die fast nichts kosten. Knacksen manchmal ein bisschen.“
Gert hantierte mit dem Verschluss einer Thermoskanne.
„Das ist mir egal, Hauptsache die Musik ist gut“, antwortete Karl und hockte sich probeweise vor die erste Box.
„Geht mir genauso, aber so lange es echte Freaks gibt, die mir 150 Euro für ’ne Beatlesplatte in die Hand drücken, soll’s mir Recht sein.“
„Und was ist damit?“ Karl fischte eine Papphülle heraus und hielt sie hoch.
„Das ist eine Nachpressung von „Rubber Soul“, tadellos, kaum gespielt, bringt auf dem Markt aber nichts. 3 Euro!“
„Ist das dein Ernst?“
„Klar, und glaub mir, die Qualität ist einwandfrei!“
Amüsiert betrachtete Gert Karls ungläubiges Gesicht.
Mittwoch, 13. Februar 10.00 Uhr
Es ist wohl das erste Mal, dass ich schon so früh in mein Büchlein schreibe. Seltsame Erlebnisse letzte Nacht. Habe mir morgens um 8 Schallplatten gekauft, nachdem ich zuvor in dem Plattenladen geschlafen habe. Hoffentlich liest das hier niemand außer mir. Muss unbedingt Steve davon erzählen… Habe versprochen, mich bei Gert wieder zu melden.
20.30 Uhr
Zweiter Eintrag für heute. War in der Stadt unterwegs auf der Suche nach Jobs. Habe jedes erdenkliche Schwarze Brett abgeklappert. Soll mich morgen bei so einem Paketdienst vorstellen. Bin mal gespannt, was mich da erwartet. Viel zu müde, um noch irgendetwas anzustellen. Nebenbei, meine Waschmaschine ist schon wieder kaputt. Das halbe Bad stand unter Wasser, kann es kaum erwarten, bis es in der Wohnung unter mir Flecken an der Decke gibt. War dann kurz noch zu Hause und hab Mama meine Wäsche gegeben. Werde mich jetzt hinlegen.
6
Karl rannte, so schnell er konnte, doch der Hund klebte an seinen Fersen und kläffte wie bei der Treibjagd. Der Gartenzaun rückte immer näher.
Soll ich durch die Tür und dabei wichtige Zeit verlieren, oder soll ich springen? Ausgeschlagene Zähne und Schürfwunden inklusive!
Die feuchte Nase an seiner Hosennaht machte die Entscheidung einfach. Karl drückte sich mit einem Fuß von den Steinplatten der Zuwegung ab, flog über das Eisengitter und kam zu seinem großen Erstaunen auf beiden Beinen wieder zum Stehen. Ohne sich umzudrehen lief er zu einem Lieferwagen und sprang hinter das Lenkrad.
„Prima Paketdienst“ stand in roter Schift auf der Seitenwand.
Karl versuchte, seinen Atem zu beruhigen.
Mann, der Tag hatte eigentlich gar nicht so schlecht angefangen. Pünktlich zum Vorstellungstermin erschienen. Kurzes Gespräch und dann gleich um halb acht die erste Schicht.
„Sie werden sehen, Herr Grün, nach den ersten drei bis vier Paketen geht es wie von alleine.“Wenn ich an den Typen mit diesem Putzlappen von einem Anzug denke. Jetzt habe ich selbst die hässlichste Uniform der Welt an, einen Laster voll mit Paketen und erst drei abgeliefert. Und es ist halb zehn!
Der Hund sprang noch immer wie ein Derwisch am Gartenzaun entlang.
Und jetzt hier dieser schnauzbärtige Perverse im Leopardenmorgenmantel. Wahrscheinlich eine Kiste mit Pornos oder ein Lederkorsett für seine Frau.
Karl drehte den Zündschlüssel. Das Geräusch des Anlassers verhieß nichts Gutes. Nach dem fünften Versuch wurde Karl nervös und schwitzte noch mehr, als nach seiner kurzen sportlichen Einlage.
Lass mich jetzt nicht im Stich!
Karl pumpte auf dem Gaspedal herum.
„Jetzt spring endlich an, du Scheißkarre, sonst…“
Wumms, wumms! Karl wäre fast vom Sitz gefallen. Der Leopardenmann hämmerte mit der Faust gegen die Scheibe der Beifahrertür und grinste. Karl beugte sich über den Sitz und kurbelte das Fenster herunter.
„Sie müssen noch ein Paket für mich haben, da war nicht alles dabei!“
Der Schnauzbart tanzte in der Kälte auf und ab.
Ah, die Streckbank fehlt!
„Moment“, brummte Karl und sprang aus der Fahrertür.
Im selben Augenblick hatten die Zähne des kleinen Köters sein Schienbein in fester Umklammerung.
„Au, verflucht! Mann, Holen Sie Ihre Scheißtöle zurück!“
Karl schüttelte sein Bein, doch der Vorgartenwächter ließ nicht locker.
„Hermann, aus!“
Der Mann im Morgenrock sagte dies ohne besondere Überzeugung und Bestimmtheit.
Von einem Moment auf den anderen schien sich der Kläffer aber viel mehr für eine Katze zu interessieren, die auf dem Zaun des Nachbargartens erschienen war. Karl rieb sein Bein, während Hermann der Hund seinem Urinstinkt folgte.
„Ich könnte Sie anzeigen“, schimpfte Karl und öffnete die Klappe zum Laderaum.
Der Schnauzbart zitterte in der Kälte, umklammerte sein Bademäntelchen und erwiderte nichts. Im Halbdunkel des Lieferwagens wühlte Karl in den Paketen.
Tatsächlich, da ist es. Muss ich heute Morgen ins falsche Fach gelegt haben. Na, schauen wir mal auf den Absender. „Modelleisenbahn Schmidtke“?
Wortlos streckte Karl das Paket aus der Tür.
„Ah fein, die Lokomotiven!“
Der Mann mit den besonderen Vorlieben lächelte.
Donnerstag, 14. Februar
7
Dicke Regentropfen prasselten in gnadenloser Beharrlichkeit auf Karls Kopf.
Warum bin ich heute zur Jobbörse? Ich könnte im Bett liegen und Proust lesen oder die Stooges hören. Nein, stattdessen lasse ich mir von dieser Tussi den erstbesten Aushilfsjob andrehen, der zufällig zuoberst auf ihrem Schreibtisch liegt. Keine langen Diskussionen, Meister Grün, du wolltest doch zu Geld kommen!
Ein Lastwagen raste vorbei und tauchte Karl in eine Welle aus Schmutzwasser, von dem die Pfützen in diesem Gewerbegebiet mehr als genug bereithielten.
Zwei Minuten von der Bushaltestelle stand auf dem Zettel. Ich renne seit ’ner Viertelstunde wie blöd durch die Gegend!
Endlich fand er eine Toreinfahrt mit der angegebenen Hausnummer. Karl eilte hindurch und strebte auf eine Baracke im Hof zu, der mit allerlei Baufahrzeugen und Gerätschaften zugestellt war. Keuchend öffnete er die Tür und trat in ein Büro, aus dem ihm eine Hitze-Schweiß-Welle entgegenschlug. Eine Sekretärin mit blondierter Dauerwelle saß hinter einem Schreibtisch und blickte ihn über den Rand ihrer halben Brille an.
„Ein Esel lese nie!“ war Karls erster Gedanke beim Anblick des Mittfünfzigers der neben der Sekretärin stand, geräuschvoll schnaufte und aufgeregt in einem Aktenordner blätterte.
Dieser Fleischberg muss wohl Il Chefe sein.
„Guten Tag, ich heiße Karl Grün. Die Arbeitsvermittlung hat mich geschickt, ich sollte…“
„Vor allem schon vor ’ner halben Stunde da sein!“
Die Stimme des Riesen dröhnte übel gelaunt.
„Um acht haben die angerufen, Sie sollten um halb neun hier sein. Jetzt ist es neun!“
„Tut mir leid, aber ich hab’s nicht direkt gefunden.“
Karl wartete auf eine Reaktion.
Der Dicke klappte den Ordner zu und brummte: „Buchen Sie die Sache mit dem Klärwerk auf Januar, wir kommen sonst in Teufels Küche mit der Steuer!“
Die Sekretärin hörte auf, Karl anzustarren und nickte stumm.
„So, nun aber Tempo! Los, kommen Sie!“
Der Bauunternehmer zwängte sich hinter dem Schreibtisch hervor und führte Karl wieder nach draußen. Dabei fasste er ihn am Oberarm, den er mit Daumen und Zeigefinger umschloss.
„Student, was?“ knurrte er und verdrehte die Augen.
