Zeit ist um - Beat Müller - E-Book

Zeit ist um E-Book

Beat Müller

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Beschreibung

Im Januar 1990 übernahm der Autor die Leitung einer großen Freizeitanlage mit Campingplatz und Flussbad – ein Ort, an dem die unterschiedlichsten und skurrilsten Eindrücke entstehen. Gesellschaftliche und weltpolitische Ereignisse wie der Mauerfall, der Balkankrieg oder eine offene Drogenszene begleiten die langjährige Tätigkeit des Autors ebenso wie komplizierte Besitzverhältnisse, technische Neuerungen oder die stoischen Verwaltungsmühlen. Doch die unterhaltsamsten Erfahrungen sammelte er in den zahllosen Begegnungen mit den verschiedenen Gästen, wo sich vom Bettler bis zur Direktorin alle nur denkbaren Charaktere einfinden.

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe:978-3-903382-80-0

ISBN e-book: 978-3-903468-42-9

Umschlagfotos:Beat Müller, Yulia Zhemchugova | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Bildquellennachweis:

Bild 1: © Fam Müller, Krauchtal,

Bilder 2-3, 6, 10, 13, 14, 17-21:© Beat Müller, Zwischenflüh,

Bild 4: © Berner Zeitung,

Bild 5: © Fam. Schindler Wabern,

Bild 7: © Hundeausstellung Berner Zeitung,

Bild 8: © Wüthrich Paul, Bern,

Bilder 9, 11-12: © freies Dateiarchiv Wikimedia Commons,

Bild 15: © Ausschnitt Berner Zeitung,

Bild 16: © Marderschutz Ausschnitt Könizer Zeitung

Kindheitserinnerungen

Nichts war spannender für mich als fließendes Wasser! Kaum konnte ich gehen, wurde ich von jedem Gullydeckel, in dem ein Geräusch zu hören war, das auf das Vorhandensein von Wasser schließen ließ, magisch angezogen. Bei Regenwetter musste ich fast zwanghaft in den Pfützen herumhüpfen oder mit dem Absatz der Gummistiefel kleine Wasserläufe in den weichen Boden kratzen. Mit zunehmendem Alter stieg das Interesse an größeren Gewässern! Meine Eltern zogen oft am Sonntag los, um die Freizeit am Flussufer der Aare zu verbringen. Das Eichholz war bestens geeignet dafür. Wir hatten kein Auto. Wer hatte damals schon ein Auto? Das Aarewasser im Löchligut, welches zu Fuß in 20 Minuten erreichbar gewesen wäre, war zur damaligen Zeit aufgrund fehlender Kläranlagen nicht «bebadbar» und im ebenfalls nahe gelegenen Lorrainebad war das Wasser immer so kalt, dass sich nur die Kinder rein wagten – das hat sich bis heute nicht geändert! Allerdings nahm das Interesse am Eichholz für meine Eltern ebenso rasch ab, wie mein Interesse am Wasser zunahm! Für meine armen Eltern wurden die Ausflüge ins Eichholz wahrlich zum Stressfaktor, da klein Beat sich immer weiter ins reißende Wasser wagte und weder meine Mutter, die gar nicht schwimmen konnte noch mein Vater, der sich zwar etwa fünf Minuten über Wasser halten konnte, niemals in der Lage gewesen wären mich zu retten, falls ich abgetrieben würde. So kam es, als ich etwa 11 Lenze alt war, an einem strahlend schönen und warmen Sommersonntagmorgen, meine Eltern entschlossen, fortan nicht mehr ins Eichholz zu gehen. Ab jetzt wurde das kalte Wasser im Lorrainebad bevorzugt. Nicht des kalten Wasser wegen, sondern aufgrund der Anlage, welche meinen Eltern besser erlaubte mich zu überwachen.

Meine Mutter war zu dieser Zeit schwanger. Ich wusste zwar so ungefähr, was das bedeutet, aber wirklich interessiert hat mich das wenig. Mittlerweile war ich des Schwimmens mächtig und ich tat nichts lieber als tauchen. Besonders spannend fand ich, jeweils durch die hohen Algen über dem Grund des Bassinbodens zu schwimmen. Wie in einem Märchenwald ließen sich die Algenbäume in Zeitlupe zur Seite schieben und langsam glitt man durch die Pflanzen. Am ganzen Körper waren die Blätter der Algen zu fühlen, wenn sie die Haut fein berührten. Ich hatte keine Vorstellung, wie lange ich es unter Wasser ausgehalten hatte, der Reaktion meiner schwangeren Mutter zur Folge, eindeutig zu lange! Als ich auftauchte, hörte ich das Geschrei von mehreren Personen. Meine Mutter stand auf der Brücke, welche quer mitten über das lange Becken führte und schaute zu mir herunter und schrie mich an. Ich soll sofort aus dem Wasser kommen! «Was fällt dir ein?» Sogar der Bademeister fluchte etwas von der Brücke zu mir herunter. Ich verstand gar nichts mehr. Mitten im Bassin sah ich mich um, es könnte ja sein, dass gar nicht ich der Ursprung der Aufregung war? Leider war ich allein, zumindest in größerem Umkreis ließ sich kein weiterer Badegast erspähen. Wie befohlen stieg ich aus dem Wasser. Als Erstes fing ich eine Klatsche des Bademeisters Wernu ein. Nie hätte ich gedacht, dass Wernu 15 Jahre später ein Arbeitskollege von mir werden würde!

Der Autor, Sankt Petersinsel 1964

Ab diesem Ereignis war es auch mit dem Lorrainebad vorbei. Im darauffolgenden Sommer wurde das Wylerbad fertiggestellt und eröffnet. Da gab es gleich mehrere Bademeister, welche meinen gestressten Eltern bei meiner Überwachung Support leisten konnten. Der 5 Meter Sprungturm hatte es mir besonders angetan. Mit Kollegen wetteiferten wir jeweils, wer die spektakulärsten Sprünge schaffte. Meine Eltern hatten Ablenkung, sie mussten sich nun um meine kleine Schwester kümmern. Sie war noch so klein, konnte weder gehen noch krabbeln. Und, für meine Eltern sehr wichtig, sie zeigte kein Interesse am Wasser – im Gegenteil! Kaum hielten sie ihre kleinen Füßchen ins Wasser, schrie sie laut los und erholte sich lange nicht. Diesen Schreieffekt nutzte ich natürlich aus! Frisch aus dem Wasser gestiegen und klatschnass rannte ich jeweils neben der Kleinen durch, dass sie ordentlich Spritzer abbekam. Das Geschreie ging los und ich konnte längere Zeit wieder tun und lassen was ich wollte.

Kletterstangen

Gegen schwächere Kletterer benutzte ich die Beine nicht und zog mich nur mit den Armen die Stange hoch und war trotzdem immer schnell oben. Franco und Burri waren nicht zu schlagen. Mit ihrer Kraft und Größe schafften sie die Kletterstange in wenigen Sekunden. Nur der kleine Tinu vermochte mit den beiden mitzuhalten. Er rotzte ein paar Mal kräftig und schnäuzte sich dann in die Handfläche. Den nasalen Auswurf strich er sich dann ans rechte Schienbein und an die linke Wade. Den Rest verrieb er in den Handflächen. Der natürliche Harz sorgte für einen derart unglaublichen Grip, dass Tinu mit so schnellen Bewegungen die Stange hochkletterte, dass die Beine und Arme kaum noch zu sehen waren. Unsere Klassenlehrerin, war nicht gerade die Person, die es den schwächeren Schüler und Schülerinnen einfacher machte. Beim Kopfrechnen mussten alle aufstehen. Wer das Resultat ihrer vorgeleierten Rechnung als erster oder als erste schreien konnte, durfte absitzen. Logisch, dass immer die gleichen Mädchen und Jungs als erste absitzen konnten. Ebenso logisch, dass immer die gleichen am Schluss stehen blieben. Die Organisation in der Turnstunde lief ähnlich ab: Die Schwachen wurden regelmäßig bloßgestellt. Insbesondere beim Stangenklettern. Immer vier Jungs oder Mädchen starteten auf Kommando miteinander von einer Linie, etwa fünf Meter von der Kletterstange entfernt. Der Schnellste konnte von nun an dem asozialen Spektakel als Zuschauer beiwohnen. Am Schluss des Wettbewerbs hingen immer die vier schwächsten Kinder wie Mehlsäcke an den Stangen. Keiner und keine war in der Lage nur einen Zug zu klettern. Angefeuert von der Menge mühten sie sich ab und die schon vorher nicht vorhandenen Kräfte, schwanden von Versuch zu Versuch. Nach einigen Minuten wurde das Spektakel abgebrochen. Die Meute grölte und wälzte sich am Boden. Die Kletterstange, welche Tinu vorher benutzte, war nach ihm nicht besonders beliebt. Daher war der Kampf nach dem Startschuss auf die anderen drei Stangen umso größer. Auch da hatten die Schwächsten immer das Nachsehen. Der Ungerechtigkeit nicht genug, ergänzte unsere Lehrerin mit Kommentaren wie «an der Stange kann es nicht liegen» oder «übt in der Pause, damit ihr es nächstes Mal besser könnt».

Klassenchef(in)

In der Schule stand die Wahl des Klassenchefs an. Wie in der Politik wurde ein reger Wahlkampf betrieben, da der Klassenchef von der Klasse selbst bestimmt wurde. Einige Jungs kamen für das Amt gar nicht in Frage, so zum Beispiel Stöffu, der spielte die ganze Zeit nur mit den Mädchen, oder Housi, der spielte mit niemandem und sprach nicht viel mehr, als er spielte. Der dicke Otti erst recht nicht, zumal er täglich mindestens zwei Mal seine Brille suchte und auch Pidu war ungeeignet, weil er immer nach Kuhmist roch. In der engeren Auswahl waren Chlöisu, Buri, Franco, Tinu und ich. Das Amt hatte sehr wohl einige Vorteile! So konnte der Klassenchef jeweils bei der großen Pause als erstes in die Harasse der Pausenäpfel greifen und sich das größte und schönste Exemplar heraussuchen. Den scheuen oder von der Klasse «Verstoßenen» blieben dann nur noch die schrumpeligen kleinen und oft mit Flecken übersäten Äpfel. Um die Klasse zu beeindrucken, ließ sich jeder etwas einfallen. Chlöusi, ein physisch weit fortgeschrittener bärenstarker Junge, trug den Veloständer, welcher ich nicht mal in der Lage war zu bewegen, über den halben Pausenplatz. Franco, auch ein athletischer starker Junge, konnte in den Handstand springen und auf den Händen auf 10 zählen. Da er im Kunstturnen war, sah alles sehr elegant und harmonisch aus. An der Reckstange schaffte er 7-Mal hintereinander den „großen Riesen“, was die Zuschauerinnen und Zuschauer jeweils in Staunen versetzte. Buri trug den Veloständer wieder zurück und beeindruckte ebenfalls mit Bärenkräften. Schaffte er doch locker 100 Liegestützen, die ganze Meute zählte mit, das war relativ wichtig, da sich niemand sicher war, ob Buri überhaupt bis hundert zählen konnte. Bei Buris körperlichen Entwicklung blieb vermutlich das wichtige Organ, welches sich zuoberst auf dem Körper befindet, stehen. Zu Buris Verteidigung muss man festhalten, dass er die ersten drei Schuljahre jeweils wiederholte und dadurch deutlich älter war als die anderen. Tinu rechnete ihm vor, dass wenn er so weitermachen würde, er mit 23 Jahren die Schulzeit beenden könnte. Wie Tinu auf das Resultat kam, wusste Buri nicht, aber er meinte, dass er dann wohl sogar älter sei als die Lehrer – alle lachten! «Ihr seid alles Idioten» schrie Buri mit seiner tiefen männlichen Stimme – alle lachten! Buri schaffte kein Wort ohne Fehler zu schreiben und musste immer, selbst um einfachste Rechnungen zu lösen, seine Finger zu Hilfe nehmen. Tinu war der Kleinste unter uns, kaum größer als ein Erstklässler, aber ausgestattet mit einem unglaublichen Mundwerk! Und, er konnte den Rückwärtsüberschlag aus dem Stand! Ich konnte den Handstand, schaffte es sogar auf den Händen eine Treppe hoch zu steigen. Es sah zwar nicht so elegant aus wie bei Franco, aber ich war deutlich schneller als er. In der Hoffnung, dass mich eine besondere Aktion wieder ins Rennen um das begehrte Amt bringt, hatte ich eine Idee: Mit einigen flinken Zügen kletterte ich auf das Kletterstangengerüst. Solche Kletterstangen standen früher auf jedem Pausenplatz. Die wurden dann irgendeinmal in ferner Zukunft aus Sicherheitsgründen entfernt. Oben angekommen stand ich auf dem etwa 20 cm breiten Eisenbalken und fasste mit meinen Händen beidseitig die Kanten. Langsam gab ich Druck auf die Arme und hob die Beine behutsam an, bis ich auf 10 zählend im Handstand war. Die Kindermenge unten um die Stange herum schrie und war begeistert und vor allem beeindruckt und zählte laut mit. Behutsam zog ich meine Beine wieder ein und ging langsam in die Ausgangsposition zurück. Ich stand auf dem Balken und hob die Arme – die Meute jubelte erneut. Noch bevor die Aufsichtslehrkraft bei der Kletterstange eintraf, war ich wieder unten. Viele klopften mir auf die Schulter. Bis plötzlich Andrea aus unserer Klasse laut herausposaunte: «Einen solchen Idioten wie dich, wählen wir sicher nicht zum Klassenchef, du bringst womöglich die ganze Klasse in Gefahr». Damit war ich beim Wahlkampf wieder zurück auf Feld eins gerutscht! Ich sah mich schon mit einem schrumpeligen Apfel alleine in einer Ecke des Pausenplatzes sitzen. Plötzlich tauchte Iris auf! Sie war das gescheiteste Mädchen unserer Klasse. Keiner widersprach ihr. Immer wenn sie auftauchte entwickelte ich ein Gefühl von Bewunderung, Ehrfurcht, Neid und Anerkennung. Alles Gefühle, die ich genau definieren konnte und entsprechend wusste was der Auslöser meiner Gefühlslage war. Sie rief uns alle Fünf zu sich und flüsterte uns ihren Vorschlag um den Klassenchef zu bestimmen, in unsere Ohren. Wir nickten alle zustimmend – es hätte sich sowieso keiner getraut ihr zu widersprechen! Der Wettkampf sollte morgen während der großen Pause auf der Sandbahn hinter der Turnhalle stattfinden.

Die ersten zwei Stunden vor der Pause in der Schule werde ich nie vergessen, mein Unterleib schmerzte und ich wusste nicht mehr, wie ich sitzen sollte, um den Druck in der Blase etwas zu entlasten. Ein Blick in die Runde zeigte, dass es den anderen ebenso erging. Kaum klingelte die Pausenglocke, rannten wir sofort hinter die Turnhalle. Iris zog mit ihren Schuhspitzen eine Linie in den roten Sand, während wir, beide Hände zwischen den Beinen, herumtänzelten. Etwa zwei Meter davor zog sie eine zweite Linie. Von der zweiten Linie zog sie Parkfelder gleich, vier Linien rechtwinklig abgehen etwa 50 cm lang. Es entstand je ein Feld für drei Jungs. Rechts daneben auf der Linie markierte sie auf gleicher Höhe einen Kreis. Die drei großen Jungs waren zuerst an der Reihe. Sie stellten sich auf und öffneten ihren Hosenladen. Iris befahl allen Anwesenden hinter die erste Linie zu stehen, so waren die Wettpisser nur von hinten zu sehen. Sie pissten soweit sie konnten, auf dem roten Sand waren die Spuren deutlich zu erkennen. Bei Buri wollte der Strahl nie mehr aufhören. Tinu rief ihm zu, dass er endlich aufhören soll, da sonst noch der Sand weggespült werde. Nun waren Tinu und ich an der Reihe. Der Kleinste mit dem Kleinsten pisste gut einen Meter weiter als die großen Jungs und ich mit meinem Zipfelchen schaffte es zwar weiter als die Großen, aber niemals so weit wie Tinu! Buris Pfütze war immer noch zu sehen! «Der Sieger steht fest», meinte Iris, «aber ich mache auch mit», sagte sie. Sie stand in den Kreis, griff mit den Daumen in den Bund des hellgelben Sommerhöschens, das mit pinkigen Elefäntchen und hellblauen Bällen verziert war. Ein Modell, welches damals von fast allen kleineren Mädchen während der heißen Sommermonate in verschiedenen Farben getragen wurde. Noch bevor sie es hinunter drückte, befahl sie uns hinter die erste Linie zu stehen. Wir waren alle sprachlos und wurden Zeugen, dass ein Mädchen weiter pissen kann als alle Jungs. «Die hat da unten etwas mit den Zeigefingern rumgemacht», meinte Tinu und fasste sich zwischen die Beine. Alle zuckten mit den Schultern und waren ratlos! Wir hatten eine neue Klassenchefin! Als die Lehrkraft die Klasse fragte, wie wir den zu der Wahl gekommen seien, zuckten wiederum alle mit den Schultern. Buri meldete sich zu Wort und wirbelte mit der rechten Hand, «äh – äh – äh» – Geräusche unterstrichen seinen Willen sich zu Wort zu melden. Der Lehrer fragte ihn, was er uns denn zu erzählen hätte. Buri meinte, er wisse wie die Wahl zustande gekommen sei, wir haben ein Wettpissen gemacht und Iris hat gewonnen. Iris ließ sich rückwärts in die Stuhllehne fallen, verdrehte die Augen und schaute zur Decke. Tinu ließ seinen kleinen Kopf auf den Pultdeckel fallen, dass es laut knallte. Franco schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn und ich verdeckte mir meine Augen mit den Händen. Der Herr Meyer lächelte nur und meinte, dass das nicht so eine gute Idee wäre, aber Fantasien wollen wir jetzt weglassen – dazu sei es ihm egal wie die Wahl zustande gekommen sei. Iris als Klassenchefin finde er gut! Ein hörbares Aufatmen ging durch die Klasse. Am Abend im Bett starrte ich die Decke an und überlegte mir, wie clever Iris die Wahl aufgegleist hatte. Von wo konnte sie wissen, dass körperlich weiter entwickelte Jungs weniger weit pissen können, als die weniger weit entwickelten? Und, wie kann ein Mädchen ohne Pinkler soweit pinkeln?

Nach zwei Jahren als Klassenchefin verließ Iris uns, weil sie ins Gymi wechselte. Wir unterhielten uns danach oft, sie war irgendwie faszinierend. Sie wusste alles und konnte alles. Sie hatte zu Hause manchmal Probleme, weil ihre Eltern fromm waren, gestand sie mir. Sie fragte mich einmal, wie es sein kann, dass erwachsene Personen einen solchen Quatsch glauben können, das mit Jesus und dem Paradies, Apfel und Schlange und Arche Noah und so? Tags darauf brachte sie mir drei Bücher mit, welche sich mit Evolutionstheorien und dem Darwin’schen Gesetz befassten. Die Bücher zogen mich in ihren Bann! Noch mehr faszinierte mich aber, dass ich Iris, wenn ich etwas nicht verstand, fragen konnte. Sie wusste einfach alles. Ich kam zur Einsicht, dass die Erfindung der Religionen die größte Lüge an der Menschheit war und Religionen nur dazu dienen, Einzelne zu bereichern und zur Ausübung von Macht erfunden wurden.

Auf Bäume klettern …

… war eine Lieblingsbeschäftigung von mir. Möglichst bis in den Wipfel rauf natürlich. Gleich neben dem Wohnhaus am Waldrand stand eine mächtige Buche. Ihre langen Äste reichten soweit herunter, dass ich mit einem Sprung den untersten Ast greifen konnte. Als geschickter Seil- und Stangenkletterer war es für mich ein Leichtes an dem Ast heraufzuklettern bis zum Stamm. Von da weg waren die Äste so nah zusammen, dass ich den nächsthöheren greifen, oder ihn mit einem kleinen Sprung erreichen konnte. Ich stieg jeweils hinauf, bis die Äste so dünn waren, dass ein Weiterkommen nicht mehr möglich war. Die Aussicht war gigantisch. Ich sah auf das Hausdach unseres Wohnblocks herunter. Der Wind ließ den großen Baum leicht schwanken, ein wunderbares Gefühl. Als mich einmal mein Vater vom Balkon aus unserer Wohnung beobachtete, war es mit der Kletterei vorbei. Noch schlimmer, meine Eltern buchten einen Termin bei einem Kinderpsychologen, weil sie vermuteten, dass da eventuell mit ihrem Sohn etwas nicht stimmen konnte. Den Sinn des Arztbesuches hatte ich damals noch nicht begriffen. Halbwegs bekam ich mit, dass meine Mutter einige für sie offensichtlich tiefgreifende Erlebnisse meines noch jungen Lebens schilderte. Sie erzählte dem Arzt, dass ich im Kindergarten ab dem Klettergerüst gefallen bin und mir den Arm gebrochen habe. Kurz darauf musste ein Loch im Kopf genäht werden. Und, auf der neu eröffneten Kunsteisbahn auf der Allmend brach ich mir im folgenden Winter wieder den Arm. Das könne doch nicht normal und alles Zufall sein. Der Arzt meinte, dass er viele Kinder und Jugendliche behandle, die eine Phobie haben, aber das Gegenteil davon habe nicht einmal eine medizinische Bezeichnung! Mehr verstand ich von dem Gespräch nicht. Es änderte sich auf jeden Fall nichts – weder für mich noch für meine Eltern. Nach einem Herbststurm, der über das Land fegte und in den Wäldern viele Tannen entwurzelte, erkundigte ich den Schermenwald. Da ist doch tatsächlich eine große Tanne gegen eine andere gefallen. Sie lag, aufgestützt auf den Ästen ihres langjährigen Nachbars, in einem etwa 45° Winkel teilweise entwurzelt ruhig da. Ich kletterte über den Wurzelballen und balancierte sorgfältig den Stamm hinauf. Die ersten 20 Meter waren etwas heikel, da die Tanne in diesem Abschnitt keine Äste hatte. Bei den untersten Ästen angekommen, kletterte ich weiter, bis ich bei dem noch fest verwurzelten Baum angekommen war. Weiter stieg ich nach oben bis zum Baumwipfel, der sich ziemlich stark schwankend hin und her bewegte. Die Bewegungen verursachten seltsame Geräusche, welche durch das Aneinanderreiben der beiden großen Baumstämme entstanden. Einige Tage später, ich war mit meinen Eltern auf dem Weg in den Pflanzplätz, der sich auf der anderen Seite des Waldes befand, blieb ich bei der Stelle stehen, wo die beiden Tannen sich ineinander verkeilt hatten. Gerade wollte ich zu erzählen beginnen, wie ich den Baum erklommen habe. Da fiel mir auf, dass die Tanne über die ich zum Nachbarsbaum balanciert war, am Boden lag. Offensichtlich hatten die Äste dem Druck nicht mehr Stand gehalten. Ich rannte zu dem am Boden liegenden Baum. Der Stamm war nun so knapp über dem Boden, dass ich mich bücken musste, um unten durch zu gehen. Über den Wurzelstock kletterte ich auf den Stamm und balancierte in die Richtung der Baumkrone. Meine Mutter schrie, dass ich sofort herunterkommen soll, das sei gefährlich, meinte sie. Ich wusste, dass ich besser nichts erzählen sollte, weil ich sonst wieder zum Doktor musste. Das war zwar nicht so schlimm, aber in sehr schlechter Erinnerung hatte ich das lange Warten im Vorzimmer. Das muss nicht noch einmal sein, dachte ich und sprang, wie befohlen, vom Stamm auf den Boden. Dummerweise traf ich auf einen Ast, der sich unter einer Laubschicht unsichtbar am Boden verbarg. Das Sprunggelenk meines linken Fußes schmerzte stark. Ich versuchte zwar noch bis zu meinen Eltern zu humpeln, aber schaffte es dann doch nicht. So war ich kurze Zeit später wieder in einem Vorzimmer einer Arztpraxis. In einem Raum mit komischen Maschinen schaute sich der Arzt vor einer Lampe ein Schwarz-Weiß-Bild an und meinte, dass da nichts gebrochen sei. Ich erhielt einen kleinen Gips um mein in der Zwischenzeit dick angeschwollenes und blau verfärbtes Fußgelenk. Verärgert kam ich zum Schluss, dass wenn ich nicht auf meine Eltern gehört hätte, nichts passiert wäre. Einige Wochen später war ich den unangenehmen Ballast wieder los und kurze Zeit später konnte ich meinen Fuß wieder wie früher bewegen.

Baustelle Felsenauviadukt

Nun reifte ich langsam zum Jugendlichen heran, na ja, zumindest zum größeren Jungen! Ich durfte allein zum Angeln an die Aare. Zwar jeweils vorgängig mit einer längeren Predigt, dass ich ja nicht ins Wasser stehen soll, weil das viel zu gefährlich sei!

Der Felsenauviadukt war im Bau, was für ein Eldorado für heranwachsende Jungs! Im Inneren der Brückenpfeiler, welche am ehesten mit einem kahlen Treppenhaus ganz aus Beton, ohne Beleuchtung und ohne Geländer zu vergleichen sind, war es möglich hinauf bis ins Brückeninnere zu gelangen. Im Innern glich die Konstruktion riesigen Hallen, welche sich zur Mitte hin verengten, aber immer noch gut zwei Meter hoch waren. Gegen die Stützpfeiler hin, entfernte sich der Boden der Hallen wieder langsam von der Decke. Genau über den Pfeilern trennte eine gigantische Betonmauer mit etwa ein Meter großen Löchern den Raum, durch die man in die nächste Halle gelangen konnte. Sprechen konnte man nur leise, denn sobald man laut wurde, überschlug sich die Stimme derart, dass der Gesprächspartner kein Wort mehr verstehen konnte. Die Ingenieure hatten geplant, von den Pfeilern aus in beide Richtungen mit Vorschubschalungen die Brücke langsam zu einer Einheit zusammen wachsen zu lassen. Als die dicken Armierungseisen sich bereits überschnitten und verschweißt waren, aber das Konstrukt einem Skelett gleich, auf einer Länge von ungefähr 20 Meter noch ohne Beton war, kam mir die Idee, auf den Eisen in das andere Brückenelement zu klettern. Gefährlich war das nicht. Die Eisen waren ziemlich dicht zusammen, man hatte guten Griff und konnte problemlos auf die andere Seite gelangen. Von den zwei anderen Jungs wollte keiner der Erste sein. So war ich es, der rüber kletterte. Was für ein herrliches Gefühl war das! Fast 100 m über dem Boden unter mir die silbrig glänzende Aare. Die Baubaracken standen auf Stelzen über dem Wasser, einem Pfahlbauerdorf ähnlich. Die Höhe erlaubte die Sicht bis zur Worblaufenbrücke flussabwärts und bis zur Lorrainebrücke flussaufwärts. Der Wind blies in meine Haare und erweckte in mir ein angenehmes Gefühl, welches sich zusammen mit dem Kribbeln im Bauch zu einem Hochgefühl steigerte. Auf der anderen Seite angekommen winkte ich den zwei Jungs zu und trat den Rückweg an. Unsere Fischruten deponierten wir unten neben der Türe, welche den Zugang zum geländerlosen, eintönigen und finsteren Treppenhaus des Pfeilers versperren sollte. Die Türe sollte eigentlich verschlossen sein. Also sie war es auch! Aber der Schlüssel lag auf einer Betonfuge neben der Türe. Das Versteck war so banal, dass die Türe eigentlich offen war. Noch ein paar Würfe Angeln und dann nach Hause – dachten wir! Plötzlich tauchte ein Polizeiauto auf und zwei Uniformierte traten auf uns zu. Meine zwei Kollegen durchquerten die Aare mit ihren Fischerstiefel und rannten vis a vis die Treppe zum Aareggli hoch. Ich blieb stehen, schließlich haben wir ja nichts verbrochen und daher auch nichts zu befürchten. Dem war offensichtlich nicht ganz so, zumindest waren die beiden Herren dieser Meinung. Ich erhielt zwar keine Busse, aber dafür eine Schelte, die ich mein Leben lang nie mehr vergessen werde.

Der Bau des Felsenauviaduktes

Am kommenden Wochenende verzichteten wir auf Klettertouren auf der Baustelle. Das Wetter war hochsommerlich heiß, die Aare hatte sicher auf über 20° erwärmt, was zu dieser Zeit eine Seltenheit war und führte ordentlich Wasser. Wir mussten uns abkühlen, zum Fischen war es eindeutig zu warm! Gleich neben der Baupiste, welche vom Wylerdorf zum Pfahlbauerdorf führte, wurde von den Arbeitern allerlei Unrat gelagert. Wir fanden Styroporstücke, welche wir zu Schwimmhilfen umfunktionierten. Mit den Stücken unter dem Arm marschierten wir Richtung Felsenau Wehr. Die Aare führte so viel Wasser, dass die Schleusen flachgelegt waren. Das Wasser schoss in einem hohen Tempo über das Wehr, um unten in riesigen Wellen seine Fahrt wieder zu verlangsamen. Das wäre was! Von der Wehr hinunterspringen und sich mit der Schwimmhilfe durch die Wellen treiben lassen. Als Erster kletterte ich über das Geländer und stand auf dem riesigen Rohr, welches sich über die ganze Wehrbrücke zog. Meine zwei Kollegen wollten nicht so richtig Freude an der Umsetzung meiner Idee haben und ließen mir den Vortritt. Ohne zu zögern, sprang ich in die dahinschießenden Fluten. Das Gefühl war einmalig und am ehesten mit einer Waschmaschine im Schleudergang zu vergleichen. Etwa 200 Meter unterhalb des Wehrs schwamm ich an Land und rannte erneut auf das Wehr zu, um einen weiteren Sprung zu wagen. «Los Jungs, das macht Spaß!» Mittlerweile hatte sich eine ganze Anzahl Spaziergänger auf der Wehr angesammelt, um uns zu beobachten. Nun sprangen wir alle auf einmal in die Stromschnellen. Viktu klammerte sich das Styroporstück offensichtlich zu wenig stark an den Körper, sodass es ihm beim Eintauchen entrissen wurde! Kurz nach den größten Wellen sah ich Viktu unweit von mir mit den Armen rudern. Ich ließ mein Stück los, schwamm zu ihm, um ihm ans Ufer zu helfen. Bärnu schaffte es alleine ans Ufer, er half Viktu die Böschung hinauf. Erschöpft blieb Viktu minutenlang sitzen. Plötzlich ertönte eine laute strenge Stimme hinter uns: «Ihr schon wieder». Die Gesetzeshüter, wohl alarmiert durch die anwesenden Spaziergänger, standen breitspurig vor uns. «Was fällt euch ein, spinnt ihr eigentlich, seid ihr lebensmüde oder was»? Diese Frage konnten wir eindeutig mit «nein» beantworten. Ich fragte schüchtern was denn da gefährlich sein soll? Wir hatten ja Schwimmhilfen dabei und wenn Viktu der Trottel das Ding nicht losgelassen hätte, wäre es nicht gefährlich geworden und überhaupt, wir haben ihm ja ans Ufer geholfen!

Die Polizisten begleiteten uns zu ihrem Einsatzfahrzeug, ein BMW 2000, der für uns zwar genug Platz bot, aber unsere Angelruten passten selbst zusammengelegt nicht rein. Die Fahrräder konnten wir nicht abschließen und waren nicht gewillt, diese unbeaufsichtigt am Aareufer stehen zu lassen. Diesen Umständen war zu verdanken, dass wir mit unseren Fahrrädern nach Hause durften. Die Absicht der Polizisten war nämlich, uns nach Hause zu fahren und unsere Eltern über das Geschehene zu informieren.

Das Felsenauwehr Engehalde

Mit den Jungs und Mädchen vom Felsenauquartier hatten wir es nicht besonders. Die meisten Jungs angelten auch regelmäßig in unserem Revier und die Mädchen waren bis auf eine oder zwei Ausnahmen ganz klar als doof einzustufen. Wenn da nicht Caroline gewesen wäre! Wenn sie mich jeweils ansah, fühlte ich bei den Backenknochen ein merkwürdiges warmes Gefühl. Auch in der Bauchnabelgegend passierte irgendetwas. Es war anders als bei Iris! Diese Gefühle die Caroline in mir auslöste, konnte ich nicht einstufen, nicht kontrollieren und schon gar nicht verdrängen. Wie es so ist im richtigen Leben, wurden die Felsenauer und wir uns nicht einig, wer die besten Fischplätze nutzen darf. Der Favorit aller Angelplätze war der Auslauf vom Schlachthof. Jeden Tag so um 18 Uhr, außer an den Wochenenden, färbte sich das Wasser der Aare rot, weil die Arbeiter im Schlachthof die Schlachthallen reinigten und mit Wasser abschwemmten. Solche Meinungsverschiedenheiten werden auch bei Erwachsenen meist mit Gewalt gelöst. Der Vietnamkrieg, von welchem wir täglich im Radio hörten, war der Beweis dafür. So kam es, dass wir uns an einem heißen Sommertag bekriegen mussten. Mit ein paar Bretter und Styropor vom Abfallhaufen der Viaduktbaustelle bauten wir je ein Floss, welches knapp vier Kinder tragen konnte. Da wir uns zurzeit in der Schule mit mittelalterlichen Rittern befassten, war klar, dass wir Lanzen brauchten um unser Ritterspiel auf dem Wasser durchzuführen. Die Sieger hätten dann quasi das Vorfischrecht auf dem Aareabschnitt Felsenauwehr bis Worblaufenbrücke. Sieger war, wer bei der Worblaufenbrücke noch mehr Personen auf dem Floss hatte. Als Lanzen dienten Dachlatten, an deren Ende wir zusammengewickelte leere Zementsäcke wickelten, um Verletzungen vorzubeugen. Gegenseitig kontrollierten wir unsere Lanzen, damit nicht etwa noch ein Stück Holz herausragte, welches jemanden Schaden zufügen konnte. Mit von der Partie in unserem Team war auch der kleine Röbi Hofer vom Breitenrainquartier. Noch niemand ahnte, dass er bereits in einer halben Stunde im Mittelpunkt unseres Konflikts stehen würde! Beide Teams schoben ihre improvisierten Schlachtschiffe ins Wasser. Etwa auf der Höhe der Schrebergärten im Aareggli, bekriegten wir uns das erste Mal mit unseren Lanzen. Noch niemand viel ins Wasser. Das Felsenaufloss drehte sich um die eigene Achse. Caroline war in «Stichnähe» zu mir, aber irgendwie blockierte in mir etwas und ich konnte nicht zustechen. Die Kollegen schnauzten mich an: «Was machst du, die hättest du 100%ig ins Wasser befördern können, wehe wir verlieren wegen dir»! Abgemacht war, wenn einer in die Aare fiel, durfte er nicht mehr aufs Floß. Bei der Hammerschmitte in Worblaufen erwischte Bärnu einen Lanzenstich, der ihn rückwärts gegen den kleinen Röbi taumeln ließ. Röbi fiel so unglücklich auf den Rücken, dass er unmittelbar danach im Wasser landete. Sekundenlang war er nicht mehr zu sehen. Die Kinder beider Teams guckten intensiv ins Wasser. Plötzlich schrie Caroline von den Felsenauer «da ist er». Ohne zu überlegen sprang ich ins Wasser und beschloss, nachdem ich Röbi am rechten Arm gepackt hatte, statt das Floss anzusteuern beim Bootshaus in Worblaufen mit ihm ans Ufer zu schwimmen. Ich kannte jede Stelle in diesem Flussabschnitt und wusste, dass die Strömung dort eher schwach war und man problemlos ans Ufer gelangen konnte. Die nahende Worblaufenbrücke mit ihren starken Stromschnellen, zwang alle Kinder dazu ihr Floß zu verlassen und es mir gleich zu tun. Röbi war zwar bei Bewusstsein, aber irgendwie wirkte er apathisch. Viktu sagte ihm unmissverständlich, dass er zu Hause ja nichts verraten soll, da es sonst eine Tracht Prügel absetzen werde. Viktus Warnung wirkte auf Röbi wie ein Weckmittel! Er fing an zu weinen! Ich sagte ihm, dass er sofort aufhören soll mit dem Gejammer, da wir ihn sonst wieder zurück in die Aare werfen würden. Das Gejammer ging in ein monotones Kopfnicken über und alles war wieder in Ordnung. Wir sahen noch, wie unsere Flosse in den Stromschnellen der Worblaufenbrücke auseinandergerissen wurden. Alle außer Röbi lachten sich bei diesem Anblick krumm.

Sackgeld verdienen

Der Herbst zog ins Land, die Äschensaison stand kurz bevor. Die Äsche ist ein nach Thymian riechender Fisch, der damals als Delikatesse galt und sehr zahlreich in der Aare vorkam. Während der Äschensaison war das Restaurant Schloss Reichenbach täglich von Feinschmecker ausgebucht. Äschenfilets waren damals sehr beliebt! Entsprechend hoch waren die Preise für das Rohmaterial! Wir spezialisierten uns auf den Äschenfang. Leider durften nur acht Stück pro Tag gefangen werden. Wir interpretierten das ein wenig anders: Acht am Morgen vor der Schule, acht über den Mittag und acht am Abend nach der Schule. Mit der Beute radelten wir jeweils vom Löchligut nach Reichenbach. Der unfreundliche Wirt versuchte uns jedes Mal zu betrügen. Immer drehte er sich mit dem Rücken zu uns beim Wägen der Beute. So kam es, dass wir uns eine kleine Zugwaage leisteten und die Fische vorher wägten. Nun versuchte er uns beim Ausrechnen des Betrages zu linken. Auch das klappte nicht. Wir waren alle drei ausgezeichnete Kopfrechner und wussten schon lange bevor er sein Gekritzel mit Zahlen konsultierte, was er uns schuldete. Irgendwie war es eine Hassliebe zwischen ihm und uns. Wir waren seine zuverlässigsten Lieferanten und er war eine zuverlässige Quelle für unser Taschengeld. Aber die Antipathie stieg mit jeder Lieferung. Die Fische mussten lebendig geliefert werden. Gleich hinter der Gartenterrasse, am Fuß der Felsen, welche irgendeinmal vor langer langer Zeit von der Aare geformt wurden, erstreckte sich ein Weiher. Dieser Teich war mit Netzen in drei Abteile eingeteilt worden. In einem schwammen Forellen, im anderen Hechte und Egli und der dritte Teil war reserviert für unsere Äschen. Eines Tages regnete es intensiv, die Aare führte braunes Wasser und ans Angeln war nicht zu denken. Es nachtete bereits früh ein, so gegen 18 Uhr war es dunkel. Wir beschlossen die heutige Fischlieferung mit Fischen vom Weiher vom Schloss Reichenbach aufzupeppen! Schließlich schwimmen im Teich Fische, welche wir die meisten selbst gefangen hatten. Mit Netzen und Fischerstiefeln ausgerüstet, fingen wir in kurzer Zeit eine stattliche Anzahl «unserer» Äschen. Wir steckten unsere Angelruten zusammen, damit alles echt aussah und verkauften dem Beizer seine bzw. unsere Fische ein zweites Mal. Weil wir die Einzigen waren, welche in der Lage waren Fische zu liefern, war natürlich der Preis höher als sonst! So kam es, dass die Fische innerhalb einer Woche drei Mal den gleichen Besitzer wechselten.

Irgendjemand muss uns verpfiffen haben! In der darauffolgenden Woche wurden wir vom Fischereiaufseher angehalten. Er konnte uns beweisen, dass wir die Fangquoten mehrmals massiv überschritten hatten. Auf eine Anzeige wurde verzichtet, aber wir mussten Arbeitsstunden in der kantonalen Fischzucht Eichholz leisten. Das waren übrigens sehr lehrreiche und spannende Einsätze. Ich weiß nicht, wie es die anderen Jungs hatten, aber ich habe mich jeweils gefreut an einem schulfreien Nachmittag mit dem Töffli ins Eichholz zu fahren, um in der Fischzucht zu arbeiten. Herr Neuhaus, der damalige Oberaufseher und Fischwirt, erklärte mir, wie die Fische gezüchtet und aufgezogen wurden. Vom Streifen, dem Herauspressen der Eier, bis hin zum Aussetzen ins Gewässer wurde mir jeder Schritt genau erklärt. Kaum eine Stunde an der Arbeit, machte Frau Neuhaus zum Zvieri aufmerksam «chum Bueb, äs git Zimis» rief sie jeweils von der Terrasse des sich im Areal befindlichen Wohnhauses. Die Anlage bestand aus dem Wohnhaus der Familie Neuhaus, einem Betriebsgebäude mit Rundbecken und Aufzuchttrögen, einem Schuppen in dem die Zugergläser aufgestellt waren und einem weiteren Schopf in dem der VW Pickup des Fischereiinspektorates und das Futter für die Fische gelagert wurde. Die Außenanlage hatte es mir besonders angetan. Die exakt symmetrisch angeordneten Aufzuchtteiche, der Rasen zwischen den Aufzuchtbecken, welcher locker mit einem Golf-Green konkurrenzieren konnte und die streng geschnittenen Hecken beeindruckten mich tief. Das Mähen des Rasens zwischen den Becken war für einige Wochen mein Job. Herr Neuhaus gefiel meine Arbeit und er lobte mich jedes Mal. Herr Neuhaus hieß ab nun für mich Turi und ich durfte gelegentlich mit zum Laichfischfang. Noch lange nach seiner Pensionierung hatte ich Kontakt mit Turi. Er freute sich immer, wenn er mich sah und seine Worte waren immer dieselben: «Weisch no, du bisch ä Cheib gsi! Aber so guet wie du, het no nie Eine gschaffet»

Der Aare entlang befand sich vom Eichholz bis ans Ende der Fischzucht die Gehege der Fasanerie. Neben Fischen wurden hier auch Fasane großgezogen. Turi erklärte mir, dass die Fasane für die Jäger gezüchtet wurden. Wir setzen sie aus und die Jäger können sie erschießen. Etwas konsterniert nahm ich die Information zur Kenntnis und versuchte zu verarbeiten, was ich soeben erfahren hatte. Die stolzen Vögel waren gar nicht in der Lage, sich in der Freiheit zurechtzufinden! Sie wurden nur zum Zweck gezüchtet, die Jagdlust der Jäger zu befriedigen. Nächtelang studierte ich darüber nach wie sinnlos diese Art der Züchterei war. Einige Jahre später, nachdem ein einflussreicher Politiker wahrscheinlich auch eine schlaflose Nacht hinter sich hatte, wurde die Fasanerie geschlossen. Die Gehege dienten dem Tierpark Dählhölzi noch einige Jahre als Quarantänestation für frisch importierte Tiere, danach lagen die Bauten und Gehege viele Jahre brach. Die Fischzucht wurde einige Jahre danach ebenfalls geschlossen. Über Sinn und Unsinn, respektive die Daseinsberechtigung der Fischzucht war ich erst einige Jahre danach fähig zu urteilen. Dazu später im Buch.

Eine Gruppe alternativer Anarchisten nistete sich im leerstehenden Wohnhaus von Neuhaus’ ein. An einem kühlen Herbstmorgen, vermutlich hatten die Punks kalt und wollten ein Feuer entfachen, brannte das Haus nieder.

Es blieben nur noch die drei Gebäude übrig, welche nun auch für viele Jahre leer standen.

Der Wochenplatz in der Gärtnerei

Da sich mit der Fischerei meine Ausgaben nicht mehr vollumfänglich decken ließen, waren Alternativen gefragt. Ein Job, jeweils am Mittwoch- und Freitagnachmittag in der Gärtnerei bei uns im Quartier, brachte etwas Abhilfe. Erhielt ich doch pro Nachmittag einen Fünfliber. Zwar weniger als die Fischerei einbrachte, dafür aber regelmäßig. Der Treibstoff für mein handgeschaltetes Moped war nicht billig! Wir fuhren mit den Mopeds durch den ganzen Kanton, angelten in der Emme, der Ilfis, der Saane und manchmal führte uns die Gier nach Forellen bis in den Jura.