Zeitalter der Urwesen - Nelly Mason - E-Book

Zeitalter der Urwesen E-Book

Nelly Mason

4,7

Beschreibung

Seitdem ihr Clan von den Kreaturen der Nacht angegriffen wurde, lebt Larissa Thiel in Angst vor den Urwesen. Niemand kommt an sie heran – bis auf den Prinzen des Werwolfstammes. Seth zieht sie zurück ins Leben und trotz vieler Meinungsverschiedenheiten kommen die beiden sich immer näher. Doch eine gewaltige Macht bedroht nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Freunde. Kann Seth Larissa vor den hinterhältigen Plänen eines Endlevelmeisters schützen?

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Seitenzahl: 560

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Zauberbuch des Ziera-Clans Band 1 – Kapitel 3

Prolog

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Epilog

Stammesangehörige

Register

Die Autorin

Nelly Mason
Kuss des WolfsblutesZeitalter der Urwesen
Eisermann Verlag

Kuss des Wolfsblutes – Zeitalter der Urwesen E-Book-Ausgabe  03/2018 Copyright ©2018 by Eisermann Verlag, Bremen Umschlaggestaltung: Jaqueline Kropmanns Satz: André Piotrowski Lektorat: Sarah Kneiber Korrektur: Marie Dübbers http://www.Eisermann-Verlag.de ISBN: 978-3-96173-090-2

Zauberbuch des Ziera-Clans Band 1 – Kapitel 3

Die meisten sagen, dass jeder gleich sei. Es ist egal, aus welchem Land er kommt, ob er schwarz oder weiß, arm oder reich ist oder welcher Religion er angehört. Er hat die gleichen Rechte wie alle anderen auch.

Er bleibt immer ein Mensch.

Aber es gibt Menschen, die anders sind. Ganz anders und viel gefährlicher.

Sie gehören zu den uralten Rassen, die neben den neuen existieren und sich frei unter ihnen bewegen. Doch sie bleiben immer verborgen.

Dir wird niemals auffallen, dass sie da sind. Du wirst sie niemals bemerken.

Der Mond macht ihnen nichts aus, so wie man es im Mythos beschrieben hat.

Sie sind Wesen, die unendlich lange leben können und übermenschliche Kräfte besitzen.

Sie sind Wesen, in denen die Seele eines Raubtiers schlummert und die sich unauffällig unter den normalen Menschen bewegen können, ohne ihre wahre Identität preiszugeben.

Denn sie verstecken ihre Male. Sie verstecken ihre wahre Natur.

Immer wenn sie in Kampfeslust sind oder wenn sie von extremen Gefühlen übermannt werden, wachsen ihre Kräfte um das Dreifache und sie werden etwas größer als normal. Auf ihrem Oberkörper erscheinen feine dunkle Linien – als Zeichen ihres Stammes. Ihre Pupillen ziehen sich schlitzartig zusammen und ihre Eckzähne – oben und unten – fahren scharf und lang aus dem Zahnfleisch hervor, bis sie ihnen unübersehbar über die Lippen ragen. Auch ihre Klauen werden länger und spitzer, um Fleisch zerfetzen zu können.

Die ganze Welt fürchtet sich vor ihnen. Alle normalsterblichen Menschen, die an ihre Existenz glauben, zittern bei dem Gedanken vor Angst, ihnen bei Vollmond über den Weg zu laufen. Doch sie wissen nicht, dass die Mythen, Sagen, Legenden oder Märchen nur Lügen verbreiten. In den Augen der Normalsterblichen sind sie blutrünstige Raubtiere in menschlicher Gestalt, die sich in der Vollmondnacht in das verwandeln, was sie wirklich sind: Tiere.

Doch dies stimmt nicht.

Sie sind Teil der Urwesen, Menschen der alten Stämme, die schon seit Jahrtausenden existieren. Die Urwesen nennen sie Mikain, aus der alten Sprache übersetzt: Menschen mit Tierseele.

Ja, sie sind real und können vielleicht sogar ganz in deiner Nähe sein.

Werwölfe …

Prolog

Mikain – Menschen mit Tierseelen …

Zwei Seelen, ein Körper, ein Team.

Sie gehören zu der Gattung der Urwesen. Menschen der uralten Magie.

Ihr werdet sie niemals bemerken, aber sie sind unter euch.

* * *
Großglockner, Österreich Januar vor 26 Jahren

»Seth!«

Mürrisch zog Seth die Decke über seinen Kopf, als die spitze Stimme eines Kleinkindes seinen schönen Schlaf störte. Nicht schon wieder, dachte er.

»Seth!«

Diesmal nahm Seth das Kopfkissen und presste es auf seinen Kopf, um die hartnäckige Stimme zu dämpfen. Er musste nicht die Augen öffnen, um zu wissen, wer ihn so früh am Morgen weckte.

Da er nicht auf die drängenden Rufe reagierte, waren nun stapfende Schritte von kleinen Füßen zu hören, die sich schnell auf ihn zubewegten. Und ehe er sich versah, spürte er auch schon einen solchen Druck auf seinem Unterleib, dass ihm beinahe die Luft wegblieb. Ein kleines Gewicht befand sich nun auf seiner Brust und hüpfte leicht auf und ab, sodass sich das Bett in ein Trampolin verwandelte.

Wer das wohl war?

Seine jüngste Schwester. Vera!

»Nun steh schon auf, liebster Bruder! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Aufstehen! Aufstehen! Aufstehen!«, rief sie und hüpfte erneut auf und ab. Ihre Stimme klang so freudig, als ob heute etwas Besonderes wäre.

»Was ist denn?«, grummelte Seth schlaftrunken.

Wie spät war es überhaupt? Wieso weckte die kleine Vera ihn so früh auf? Es war doch Samstag und es gab heute auch nichts zu tun.

Ach ja … egal ob es Samstag war oder nicht … sie hatten Urlaub.

Dann spürte er eine knisternde Energiewelle, als ihm das Kissen mit einem Ruck vom Kopf gerissen wurde. Und das war bestimmt nicht Veras Werk. Seth knurrte, als er den sanften Duft von Wildrosen genau neben seinem Bett roch. Wieso bitte hatte er das nicht bemerkt?

Er knurrte verärgert, ohne die Augen zu öffnen. »Müsst ihr zwei denn Frühaufsteher sein?«

Gerade wollte er sich auf die Seite drehen, musste aber innehalten, als ihm bewusst wurde, dass seine kleine fünfjährige Schwester immer noch auf ihm saß. So war er gezwungen, weiter so zu liegen, damit sie nicht herunterfiel. Gereizt stöhnend ließ er sich wieder auf die Matratze sinken.

»Runter von mir, Vera«, befahl er sanft, aber bestimmt.

»Nein.« Ihr Lachen war schon fast ansteckend und sie klopfte mit ihren kleinen Fäusten auf seinen Bauch, als wäre er eine Trommel.

Seth brummte einen Fluch. »Hey, wenn ihr beide schon so früh auf seid, könnt ihr doch in den Wald gehen und Brennholz sammeln.«

»Musst du so nerven? Steh auf, Bruder!« Eine weitere weibliche Stimme erklang. Es war die seiner Schwester Ophelia, die genau sieben Minuten jünger als er war. Seth öffnete die Augen einen Spalt und blickte zu ihr nach oben. Sie hatte das Kissen immer noch in der Hand und schlug nun mit diesem mitten in sein Gesicht.

»Hör auf oder ich beiß in deinen hübschen Hals! Direkt in die Hauptschlagader!«, sagte Seth warnend und stöhnte erneut genervt auf. »Und zwar … nachdem ich richtig ausgeschlafen habe. Jetzt haut ab! Alle beide!«

Aber anstatt abzuhauen, beugte sich Ophelia über ihn und gab ihm einen schwesterlichen Kuss auf die Stirn. »Tu’s doch, wenn du dich traust. Ich weiß doch ganz genau, dass du mich dafür viel zu sehr liebst, als dass du mir wehtun würdest! Und jetzt beweg deinen faulen Hintern aus dem Bett. Es ist schon spät und es gibt viel zu tun!«

»Spät?« Jetzt erst öffnete Seth die Augen vollständig, drehte sich ein wenig und suchte nach der Uhr. Als er sie fand, konnte er nur empört darauf schauen. Entweder ging sie falsch oder seine Schwester hatte einen Dachschaden. »Das nennst du spät? Es ist erst sieben Uhr morgens. Seid ihr verrückt geworden? Und das am Samstag! Und falls ihr es schon vergessen habt, wir haben Urlaub!« Er ließ sich wieder auf die Matratze zurücksinken, ignorierte seine Schwestern und wollte weiterschlafen.

»Komm, du schläfst nicht weiter, Seth! Wir wollen noch Ski fahren!« Wieder hüpfte Vera auf seiner Brust. Dann hörte sie auf und schmollte. »Bitte, bitte, bitte«, jammerte sie.

»Und wir haben etwas für dich, Talrak«, sagte eine weitere Stimme lockend von der Tür her. »Eine kleine Überraschung für unseren treuen Bruder.«

Also, das weckte durchaus sein Interesse.

Der Wolf in ihm schaute auf und war sofort neugierig geworden. Seth öffnete die Augen, setzte sich vorsichtig auf und sah zu seinem Bruder – dem zukünftigen König des Stammes. Der muskulöse Mikain stand mit der Schulter an die Tür gelehnt, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, und lächelte ihn brüderlich an.

»Eine … Überraschung?« Seth grinste frech und wölfisch. »Was denn? Schöne, nackte Eisläuferinnen?«

Damian lachte laut auf, während Ophelia Seth empört auf die Schulter schlug. »Das sagt man nicht!«, schimpfte sie ihn aus. »Besonders nicht vor unserer kleinen Schwester.«

Was? Er war schließlich auch nur ein Mann!

»Wäre zu schön gewesen, was? Das hätte ich auch gerne, aber leider nein.« Damian kicherte und winkte ihm zu. »Komm jetzt. Wir machen gerade Frühstück. Also beeil dich, bevor das schöne Essen kalt wird. Ophelia und Mutter haben extra all ihre Spezialitäten gemacht.« Damit ging er und Ophelia folgte ihm.

Seth hob die Augenbrauen. So besonderes Essen schon am frühen Morgen gab es auch sehr selten … auf jeden Fall selten genug, um ihn wirklich sehr neugierig werden zu lassen, was die anderen vorhatten. Welcher Anlass war heute, dass Mutter und Ophelia ihn so verwöhnten? Es musste etwas Besonderes sein.

Vorsichtig rutschte die kleine Vera von ihm hinunter, winkte ihm noch süß lächelnd zu und lief aus seinem Zimmer. Da Seth nun hellwach war, sprang er aus dem Bett, duschte schnell und zog sich warm an. Sie machten schließlich Urlaub in den Alpen und heute war es genauso kalt wie an jedem anderen Tag auch. Zum Glück schneite es nicht.

Nachdem Seth den Kopf wie ein Wolf geschüttelt hatte, um auch die letzten Wassertropfen von den Haarspitzen zu vertreiben, eilte er in die Küche. Kaum hatte er einen Fuß aus seinem Schlafzimmer gesetzt, wehte ihm schon der Duft von Pfannkuchen, Eiern, Toast und allem Möglichen entgegen, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

»Guten Morgen, mein kleiner Wolf«, grüßte seine Mutter und küsste ihn sanft auf die Wange. »Gut geschlafen?«

»Mann, was auch immer ich in den letzten Tagen gemacht habe, um euch glücklich zu machen. Ich schwöre euch, ab jetzt mache ich es jeden Tag!« Er setzte sich auf seinen Platz und sah das leckere Essen auf dem Tisch begeistert an. »Ihr müsst mir nur sagen, was ich getan habe.«

Seine schöne Mutter lachte leise und küsste ihn erneut auf die Wange. »Das, warum wir hierhergekommen sind«, sagte sie mit so viel Stolz in der Stimme, wie er es noch nie gehört hatte. Dann klopfte sie ihm auf die Schulter.

»Wofür denn?« Seth hob eine Augenbraue und nahm einen Schluck Kaffee, den Ophelia ihm eingeschenkt hatte, bevor sie sich auch hinsetzte. »Ich dachte, wir würden nur einen kleinen Urlaub zwischendurch machen, weil ihr euch von dem ganzen königlichen Stress erholen wollt.«

»Hm, das eigentlich auch. Der ganze Stress macht uns wirklich fertig«, gab sein Vater nickend zu. »Aber da ist noch was. Du weißt es selbst noch nicht, aber wir.«

»Was weiß ich nicht?« Neugierig beugte sich Seth vor, da sein Vater ihm gegenübersaß. »Vater? Was verheimlicht ihr mir?«

»Das sagen wir dir nach dem Frühstück.« Seine Mutter drückte ihn zurück auf den Stuhl. »Komm, iss dein Frühstück auf, dann fahren wir den Berg hoch. Jetzt ist noch niemand da, deswegen müssen wir uns nicht sorgen, dass uns irgendein Normalsterblicher belauscht.«

Alle lächelten freudig, nur Seth konnte nur verwundert in die Runde schauen. Sie spannten ihn ja richtig auf die Folter. Was hatten sie vor? Neugierig begann er, sein köstliches Essen zu verspeisen. Aber anscheinend konnte die anderen auch nicht so lange warten, denn sie aßen genauso schnell.

»Seid ihr fertig?«, wollte Vera wissen und strampelte mit den Füßen.

»Ja, mein Schatz.« Ihre Mutter lachte und strich sanft über ihren Kopf. »Der Abwasch kann heute auf jeden Fall warten. Lass uns fahren.«

Das steigerte Seths Neugier. Seine Mutter war gewöhnlich so eine Sauberfrau. Sie würde im Leben nie den Abwasch stehen lassen. Das bedeutete, dass heute wirklich ein besonderer Tag war.

Während der Fahrt sah Seth zu Damian hinüber, der einen Brief aus der Tasche zog und diesen zu lesen begann. Seth lächelte und stupste ihn mit der Schulter an.

»Und? Was sagt denn deine Verehrerin? Vermisst sie dich schon so, dass sie dir hinterhereilen will?«, sagte er neckend, um seine Neugier auf das, was gleich kommen würde, kurz zu verdrängen.

Damian stöhnte auf. »Halt den Rand!«

»Ihr beide würdet wirklich ein hübsches Paar abgeben!«

Das war ernst gemeint. Nur leider gehörte Damians Liebe der Mikain eines anderen Stammes, welcher mit der Beziehung zwischen den beiden nicht einverstanden war. Was für eine strenge Tradition. So ein Blödsinn, wirklich! Ja, reinblütig, schön und gut, aber das hier war zu übertrieben.

»Also, weißt du was? Wenn ich an deiner Stelle wäre – was nie im Leben passieren wird –, würde ich zu ihr hingehen und ihr sagen, was ich für sie empfinde. Und dann würde ich sie bitten, endlich eine Wahl zutreffen.«

Damian verdrehte die Augen. »Du weißt, dass es nicht geht, sie ist keine von uns. Außerdem hat sie hart gearbeitet, um endlich ein richtiges Mitglied des Stammes zu sein. Ich kann ihr doch nicht einfach alles wegnehmen.«

Seth schnaubte. »Sie gehört aber noch nicht ganz zum Stamm. Sie kann sich noch umentscheiden.«

Sein Bruder knurrte warnend. Das war sein Zeichen für: »Du bist zu weit gegangen!« oder »Ich beiß dich, wenn du noch ein Wort sagst!«

Bevor Seth etwas Weiteres sagen konnte, hielt sein Vater den Wagen an. Alle stiegen schweigend aus und traten an die mit einem Holzzaun eingegrenzte Kehre.

Von hier aus konnten sie die ganze Schönheit des verschneiten Tals überblicken, das noch am Morgen in leichten Nebel gehüllt war. Vera und Ophelia stießen quietschend einen kurzen erfreuten Schrei aus und überblickten begeistert das ganze himmlische Tal. Einfach traumhaft.

»Wessen Idee war das denn, hierherzukommen?«, wollte Seth wissen und sah über die Schultern zu seinen Eltern. »Dieser Ort ist herrlich.«

»Wessen wohl, Damians natürlich«, antwortete Ophelia knapp, während sie die kleine Vera hochhob, damit diese besser sehen konnte.

Seth sah noch kurz in das schöne weiße Tal hinab, dann wurde er von seiner Neugier übermannt. Er drehte sich zu seinen Eltern um. »Und? Würdet ihr mir jetzt verraten, warum wir hier sind?«, verlangte er zu wissen, verschränkte die Arme unter der Brust und stellte sich breitbeinig hin.

Seine Eltern tauschten lächelnd Blicke aus und dann holte sein Vater etwas aus der Hosentasche. Es war eine Kette mit zwei silbernen Anhängern, wobei der eine ein Wolfskopf und der andere eine rechteckige Silberplatte darstellte.

Seths Herz schlug höher. So oft hatte er diese Kette schon bei seinem Vater und Damian gesehen. Diese Kette, die so selten war. Sie wurde nur von königlichen Familienmitgliedern getragen, die … zu einem Wächter ernannt wurden. Er konnte nur schweigend darauf starren, als sein Vater sie ihm in die Hände legte.

»Du hast es verdient und dein Lehrmeister ist auch mehr als einverstanden«, sagte seine Mutter stolz.

Verwunderung und unermessliches Glück überwältigten ihn, als er die Gravur unter der Silberplatte las. Vorne war sein Dienstgrad beim Stamm eingraviert und auf der Rückseite fanden sich sein Name und sein Familienstamm. Hinter dem Wolfskopf waren sein Titelname Talrak und dessen Bedeutung »Wolfsblut« eingraviert. Seine Hand schloss sich um die zwei Anhänger und er schaute auf.

Lächelnd nahm seine Mutter die Kette und legte sie vorsichtig um seinen Hals, dann berührte sie zärtlich seine Wange. »Du bist jetzt ein voller Wächter des Stammes, mein Sohn. Wir sind so stolz auf dich, Talrak.«

»Danke, das bedeutet mir sehr viel.« Mehr konnte Seth im Moment nicht sagen.

Ophelia und Vera umarmten ihn von hinten und Damian legte ihm brüderlich eine Hand auf die Schulter.

Doch inmitten dieses schönen Moments schauten seine Eltern und Damian plötzlich alarmiert auf. Sie blickten sich um und waren plötzlich in Panik. Seth zog fragend eine Augenbraue hoch und konzentrierte sich auf ihre Umgebung, vor lauter Freude hatte er die wichtigste Regel eines Wächters vergessen: Immer auf der Hut sein. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er erkannte, was nun näher und näher kam.

Auch Ophelia brauchte einen Augenblick, um die Gefahr zu bemerken, drückte Vera dann aber fester an sich. Plötzlich rief ihre Mutter, sie sollten sofort von hier verschwinden.

»Aber was ist mit euch?« Seth zögerte noch.

Seine Mutter nahm sein Gesicht in die Hände. »Keine Sorge, wir machen das schon! Bring einfach deine Schwestern in Sicherheit.« Sie strich über sein Haar – ein letztes Mal. »Ich bin so stolz auf dich, mein Sohn, und ich vertraue dir, dass du die beiden beschützen kannst. Jetzt geh!«

Ohne etwas zu erwidern, lief Ophelia auch schon mit Vera in den Armen los, dicht gefolgt von Seth.

Und der Albtraum begann.

1

München, Süddeutschland Gegenwart …

Es gab mal wieder nur Steak zum Abendessen.

Das war zwar schön und gut, aber jeden Abend dasselbe zu essen, war auch etwas öde geworden. Da wäre ihm sogar eine Schüssel Salat viel lieber gewesen, obwohl er eigentlich Grünzeug immer wegschob.

»Vera, liebstes Schwesterchen, hättest du nicht vielleicht Lust, morgen Nudeln oder Reis oder mal wieder Gemüse zu essen? Ich meine: nicht jeden Tag nur Kartoffeln und Rindfleisch«, schlug Seth vor und schob ein Stück Fleisch in seinen Mund. »Findest du nicht, dass es langsam langweilig wird, jeden Tag das Gleiche zu essen?«

Veras Kochkunst war die eines Sternekochs. Alle, die Veras Gerichte zu essen bekamen, fühlten sich wie im Paradies, aber Seth kannte auch die Faulheit seiner Schwester und als richtige Köchin in einem Restaurant arbeiten wollte sie nicht. Nun arbeitete sie mit ihm und Ijin – einer Vampirjägerin – in der Tierklinik Green-Walker in der Nähe.

»Oder was denkst du?«, fragte er dann vorsichtig, um seine kleine Schwester nicht zu verärgern. Denn obwohl er ein Mikain – ein Werwolf – war, aß er natürlich nicht nur Fleisch.

Seine einundfünfzig Jahre jüngere Schwester Vera Carlos, die zweiunddreißigjährige zierliche Brünette, setzte sich auf ihren Platz gegenüber von ihm und schenkte ihnen beiden ein Glas Cola ein.

»Wieso? Schmeckt dir das Essen nicht? Tja, gut, dann geh doch irgendwo anders zum Essen hin. Niemand zwingt dich, hier bei mir zu essen«, erwiderte sie verärgert.

Sofort schaute Seth auf und verschluckte sich fast, als ihm die Ausrede einfach aus dem Mund hinausfloss: »Doch, doch. Es schmeckt hervorragend, aber …«

Vera nahm einen Schluck von ihrer Cola und da umspielte ein freches, wölfisches Lächeln ihre schönen Lippen. Seth stöhnte genervt auf, er hatte wieder nicht aufgepasst und war auf ihre nervigen Scherze hereingefallen. Aber er liebte sie wiederum auch viel zu sehr, um wütend zu sein.

In diesen sechs Wochen, seit sie bei ihm eingezogen war, hatte sie sich ein neues Hobby angeschafft: Entweder ihm auf die Nerven zu gehen oder ihm irgendetwas vorzuspielen, damit er ihr zeigte, wie wichtig sie ihm war. Wie jetzt.

»Schon gut, ich verstehe ja schon.« Seine jüngste Schwester überlegte kurz. Schließlich seufzte sie. »Na schön. Wie wäre es, wenn ich morgen gegrillte Scampi mit Spinat und Reis koche«, schlug sie vor.

»Bitte!«

Dann schwieg Vera plötzlich und schaute ihn ernst an, während er langsam und fast gelangweilt sein Essen verspeiste. »Warst du diese Woche schon bei unserer Jägerin?«, fragte sie auf einmal und meinte damit Ijin – Jin – Chao, die Vampirjägerin.

Diese Frage überraschte ihn wirklich. Seth schaute auf und schüttelte den Kopf. »Noch nicht, vielleicht morgen. Jin hat im Moment überhaupt keine Zeit. Die Endlevel-Vampire treiben wieder mal jede Nacht ihr Unwesen!« Hass und Ekel waren ganz deutlich in seiner Stimme zu hören. »Aaron verliert wirklich keine Zeit.«

»Typisch!« Vera rammte wütend die Gabel in das nächste Stück Fleisch. »Dieser Mistkerl. Aber was macht der Vampirorden jetzt? Wieso unternimmt der Rat nichts gegen die Organisation?« Sie schluckte ihren Bissen hinunter. »Jin ist immer beschäftigt, so wie die anderen Jäger auch. Wieso unternimmt der Schattenorden nichts? Das ist doch ihre Aufgabe. Das sind doch ihre Leute, die von dieser Krankheit befallen werden.«

Ja, das stimmte. Jin Chao war Seths und Veras beste Freundin, die beste aller besten sogar. So eine Freundin fand nicht jeder im Leben. Obwohl Jin und Vera sich schon seit ihrer Zeit am Gymnasium kannten, hatte Seth sie erst vor sieben Jahren in Boston in den USA zum ersten Mal getroffen. Da hatte sie ihm das Leben gerettet. Sie war eine Vampirjägerin, eine weitere Art der Urwesen, die seit über neunhundert Jahren untergetaucht war. Die Jäger jagten die Endlevel-Vampire. Vampire, die ihre Blutgier nicht mehr in Schach halten konnten und nach und nach zu blutrünstigen Bestien mutierten. Genau das hatte Aaron zu seinem Vorteil genutzt, denn die Endlevels wurden nicht sofort zu hirnlosen Untoten. Die anfänglich mutierten Endlevels waren alle noch imstande, Befehle zu befolgen. Solange sie ihr Futter bekamen, würden sie gehorchen.

Seitdem die Anzahl dieser Kreaturen nun durch Aarons Organisation langsam stieg, hatten die Jäger mächtig zu tun.

Die Vampire, die außerhalb der Stadt in ihrem eigenen Reservat, dem sogenannten Schattenorden lebten, kümmerten sich bloß um ihre eigenen Leute und den Stamm der Nize, der vor zwei Monaten angegriffen worden war. Zwar verschwanden viele Vampire aus ihren Reservaten und wenig später fand man sie entweder als Endlevels oder als Leichen wieder, doch der Vampirrat sah dies lediglich als minimale Gefahr für den Vampirstamm, da die Blutgier eine seit der Antike existierende, unheilbare und leider vererbbare Krankheit unter den Vampiren war.

Dass Aaron und seine Organisation gerade eine große Gefahr darstellten, wollten sie nicht einsehen. Deswegen hing die Arbeit an den Jägern … und natürlich auch an der Bruderschaft der Schattenkämpfer.

Und Jin, als eine Jägerin, gehörte dazu. Oh Mann, Seth konnte sich noch sehr gut daran erinnern, wie sie ihm das Leben gerettet hatte. Damals war sie gerade mal dreiundzwanzig Jahre alt, aber ihre Kräfte waren teilweise schon sehr fortgeschritten gewesen. Besonders ihre Heilkräfte.

Es war mitten im Winter, als Seth und sein neuer Schützling Cyrus in einen Hinterhalt geraten waren. Man hatte ihnen falsche Information gegeben und Seth umbringen wollen, um den Zorn des Mikain-Königs heraufzubeschwören. Hunderte von Endlevels hatten sich gnadenlos auf sie gestürzt, hatten gebissen und ihr Fleisch mit den Krallen zerfetzt. Seth und Cyrus waren knapp davongekommen, vielleicht auch, weil Jins Partner den Kampf für sie fortgesetzt hatte.

Jin war ihnen gefolgt und hatte sie in einer Gasse halb tot aufgefunden. Sie hatte ihre Heilkräfte benutzt, um sie beide zu retten. Seth hatte ein Bein bei dem Kampf verloren. Eine Regeneration dauerte Stunden und die Schmerzen waren so qualvoll, dass man manchmal lieber sterben wollte, als dies durchzumachen. Jin hatte diesen Prozess bei ihm beschleunigt und er hatte kaum etwas gespürt. Als er am nächsten Tag aufgewacht war, war sein Körper schon so weit erholt, dass er aufstehen konnte. Insgesamt hatte er nur knapp eine Woche gebraucht, ehe er wieder ganz der Alte war.

Seitdem war Seth ihr bis nach München gefolgt und sie halfen einander so gut es ging. Mit der Zeit verstanden sie sich sehr gut und arbeiteten auch zusammen als Verbündete. Jin und ihr Partner Matthew McBrown waren zwar richtige Jäger ihres Stammes … aber im Grunde waren sie Rebellen, was die anderen nur nicht wussten. Heimlich arbeiteten die beiden hinter dem Rücken der Ältesten ihres Stammes an etwas anderem. So wie an dieser Zusammenarbeit mit den Mikain.

Der Stamm der Jäger arbeitete eigentlich mit keiner anderen Art der Urwesen zusammen. Eigentlich sollten auch die Mikain nicht von ihnen erfahren. Es war für alle Jäger strengstens verboten, mit irgendeinem Urwesen in Kontakt zu treten, doch dadurch, dass Jins ältere Schwester Ilin Damians Lebensgefährtin war, konnte man dieses Geheimnis kaum bewahren. So wurden nur die besten Männer des Mikain-Stammes, der Rat und die Königsfamilie eingeweiht. Damian und Ilin hatten heftig gegen den Rat der Jäger protestiert. Letztendlich hatten sie nach jahrelangem Konflikt nachgegeben. Seth hatte mitansehen müssen, wie sein Bruder sich immer mehr und mehr zurückzog und sich in die Arbeit stürzte wie ein Verrückter. Schließlich war es Jin, die alles halbwegs geradegeborgen hatte, indem sie die Tierklinik Green-Walker gegründet hatte. Da Jin das schwarze Schaf in der Familie war, kam ihrem Clan die Idee gerade recht, um sie loszuwerden. So hatte Ilin geschickt ihre Großmutter überredet, auf die kleine Schwester aufpassen zu dürfen, damit diese nichts anstellte. So konnten Ilin und Damian sich endlich frei treffen.

Bis jetzt gab es nur vier Rebellen unter den Jägern, die mit der Königsfamilie der Mikain verbündet waren, und das waren nun mal: Jin, Matthew, Jins vierundvierzig Jahre älterer Bruder Tiang-Xing und Matthews Cousin Gavin. Und da war auch noch Ilin Chao, die ältere Schwester von Jin und Tiang-Xing, die aber keine Jägerin geworden war.

Man nannte solche Leute Jägerbluter. Also war Ilin eine Jägerbluterin und besaß, wie eine Nize auch, hundert Jahre ihres Lebens, in denen sie nicht alterte. Ilin, mit ihren 87 Jahren, lebte gerade diese hundert Jahre aus.

Das Bündnis bestand lediglich aus dem Mikainkönig, Seth, Vera, Irene, Aramina und Cyrus. Also aus sechs Mikain, vier Jägern und einer Jägerbluterin. Ein guter Ausgleich – wenn man bedachte, wie stark und mächtig die Jäger waren.

Ja, vielleicht sollte Seth diese Jäger mal wieder besuchen. Er war schon seit Wochen nicht mehr bei der Arbeit im Green-Walker gewesen, da die Pflicht des Stammes gerufen hatte. Und dann war da auch noch sein ehemaliger Schützling Irene Stevens, der ihn um einen Gefallen gebeten hatte.

Vor zwei Monaten wurde der Münchner Clan der Nize angegriffen. Eine Nize – Larissa Thiel, die Cousine von Irenes Gefährten – wurde sowohl körperlich als auch seelisch schwer verwundet. Da Seth die Fähigkeit besaß, Licht und Wärme in einer Person zu erzeugen, könnte er ihr helfen. Doch bis jetzt hatte sie jegliche Hilfe abgelehnt.

Deswegen hatte Seth wiederum Jin um Hilfe gebeten. Die Jägerin hatte Heilkräfte und beobachtete die Nize immer in der Nacht, um sicherzustellen, dass es ihr gut ging. Jin wechselte sich mit ihrem Partner Matthew immer wieder ab. Er wachte am Tag und sie in der Nacht.

Außerdem würde es Irene freuen, wenn Larissa zu ihrer Hochzeit käme. Es würde zwar keine richtige Hochzeit wie die von Menschen sein, denn die Verbindung zueinander schloss das Paar selbst, aber es war eine Feier unter Familie und Freunden. Und Larissa gehörte zur Familie.

Die Nize hatte einen Schock erlitten, als sie erfuhr, dass ihre Freundinnen und ihre Mutter bei dem Überfall auf ihren Clan ums Leben gekommen waren. Es war zwar schon zwei Monate her, aber dieser Schock würde eine riesige Narbe hinterlassen … und zwar mitten im Herzen.

Schnell aß Seth auf und erhob sich. »Ich gehe jetzt zum Green-Walker«, entschied er kurzerhand, während er noch kaute, deshalb hörte es sich eher an wie: »Ichs scheme schetsh mum shem-Malsscher.«

Aber Vera verstand ihn anscheinend. Sie lachte lauthals auf und nickte gleichzeitig. »Dann geh, ich räum schon auf und komm gleich nach.«

Seth hatte Schwierigkeiten, den großen Bissen hinunterzuschlucken und brachte seine Schwester damit erneut zu einem Lachanfall, da sein Gesicht sicherlich einfach … verzogen und bescheuert aussah. Etwas zu trinken ging auch schlecht, wenn der Mund zu voll war. Das verkraftete sein Hals nicht, es war viel zu viel auf einmal. Irgendwann ging Seth zum Mülleimer und spuckte den Bissen aus.

»Besser?«, kicherte Vera und wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Jep.« Seth drehte sich zu ihr um. »Soll ich auf dich warten, meine Süße?«

Vera nahm einen Schluck Cola und nickte. »Ja, doch. Bin in zehn Minuten fertig. Aufräumen können wir morgen.« Damit stand sie auf und eilte in ihr Zimmer.

Chaos! Das reinste Chaos!

Mit großen Augen starrten die Geschwister knapp eine Stunde später in das Empfangszimmer der Tierklinik »Green-Walker«, das fast vollkommen … zertrümmert war. Vasen, Blumentöpfe, Lampen und die meisten Bilder lagen zerbrochen auf dem Boden. Zeitschriften, Papiere und Mappen lagen wirr herum, teilweise zerrissen. Zum Glück waren die anderen Möbel wie Tische und Stühle noch unversehrt.

Einen Augenblick lang dachte Seth schon, Endlevels wären hier eingedrungen, ein Orkan hätte das verursacht … oder schlimmer: Einer der Geschwister Chao hätte wieder einen Wutanfall gehabt. Der älteste Bruder und die älteste Schwester erzeugten bei Wutanfällen immer Orkane oder heftige Fluten, während die Jüngeren etwas explodieren oder in Flammen aufgehen ließen.

Aber als aus dem Gehegeraum für kranke Tiere ein plötzliches Krachen kam, gefolgt von einem Fluch und dann einem Fauchen, konnte Seth sich schon denken, was passiert war.

»Oh mein Gott, was ist denn hier los?« Vera trat über die kaputten Bilderrahmen hinweg und wollte gerade die Treppe zum Lagerraum hinuntergehen, als auf einmal ein kleines graues Ding an ihr vorbeihuschte. »Wah!« Kurz verlor seine Schwester den Halt und musste sich am Geländer festhalten, um nicht die Treppe hinunterzufliegen. Die Treppe war ziemlich steil. Es wäre aber auch nicht das erste Mal. Zum Glück hatte sie nie eine ernsthafte Verletzung davongetragen.

Ein graues Ding sprang an einer Wand hoch und warf dabei ein Bild um, eines der wenigen, das noch halbwegs gerade gehangen hatte. Seth stöhnte müde, als er erkannte, was es war. Ganz klar, wieso hatte er das nicht schon geahnt? Wieder ein wild gewordener Patient.

»Komm zurück, du dummes Ding!«, brüllte jemand scharf von unten.

Eine Frau mit langen schwarzen Haaren rannte die Treppe hinauf und jagte dem Tier hinterher, das sich nun unter einem Sofa verkrochen hatte. Vera unterstützte sie dabei, indem sie das Sofa wegrückte. Aber das Kleine war einfach nicht aufzuhalten. Jetzt rannte es wieder zum Lagerraum hinunter.

»Bleib du mal hier«, sagte Vera zu der Frau und rannte ihm nach.

Die Asiatin blieb genau an der Treppe stehen, um das Tier, wenn es wieder hochkam, auffangen zu können, und warf Seth einen Blick zu, als hätte sie ihn erst jetzt bemerkt. Ihre Hände und Unterarme waren blutüberströmt, und zwar von tiefen Kratzern und Bissen.

Erst jetzt hörte Seth, wie auch andere Tiere im Lagerraum unruhig aufbrüllten und Krach und Lärm machten. Erneut stöhnte der Werwolf müde auf und sah zu der Asiatin. »Lass mich raten. Jin ist nicht hier.«

2

Münchner Clan der Nize Vor zwei Monaten …

»Rissa!«, rief die Oberhauptfrau des Nize-Clans laut, während sie durch die Bibliothek der Nize schritt.

Die Nize Larissa Thiel zuckte auf ihrem Sitz zusammen. Was hatte sie denn jetzt schon wieder getan? Also, gut, sie hatte das Treffen mit einem Vampir der dritten Generation, das die Oberhauptfrau arrangiert hatte, abgesagt. Vielleicht war die Oberhauptfrau – ihre Mutter – ja deswegen so wütend? Die anderen Nize in der Bibliothek, die schlau genug waren, zogen sich schlagartig zurück, um sich vor dem kommenden Donnerwetter zu retten.

Ach je, ach je! Larissa holte tief Luft und drehte sich unschuldig lächelnd zu ihrer Mutter um. »Ja, Mutter?«

Das Gesicht vor Wut gerötet, blieb ihre Mutter vor ihr stehen. »Du hast das Treffen heute abgesagt? Das war die beste Chance, die wir je bekommen haben, junge Dame! Was hast du dir dabei gedacht?«

»Du meist: die du je bekommen hast!« Rissa verdrehte die Augen.

Immer wieder das Gleiche! Jedes Mal musste ihre Mutter sich einmischen. Und jetzt suchte sie seit vier Monaten einen Verehrer für Larissa. Wieso konnte ihre Mutter nicht so normal sein und ihre Tochter in Ruhe lassen? Rissa war erst 35 Jahre alt und hatte ein Langleben für hundert Jahre. Das bedeutete, dass sie ab ihrer vollen Reife, in ihrem Fall mit 27, aufhörte zu altern, und zwar für weitere hundert Jahre.

Also, warum sollte sie es dann mit ihrem Liebesleben eilig haben? Und wer bitte hatte gesagt, dass Rissa einen Vampir als Lebensgefährten nehmen wollte? Diese unheimlichen Vampire mit langen scharfen Zähnen?

Niemals! Vampire waren einfach widerlich. Sie bissen und saugten ihr Blut.

»Oh, Mutter, bitte«, stöhnte Rissa gelangweilt. »Lass mich doch. Ich …«

Aber ihre Mutter ließ sie nicht ausreden. »Rissa, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es unsere Pflicht ist, uns mit den Vampiren zu verbinden?«

»Mutter!« Rissa sprang auf. »Hör endlich auf, dich in mein Leben einzumischen! Ich will verdammt noch mal keinen Vampir zum Mann nehmen. Wie oft soll ich dir das denn noch sagen?« Frustriert ging sie an ihrer Mutter vorbei und eilte aus der Bibliothek.

»Ich will nur, dass du beschützt wirst!«, rief ihre Mutter ihr nach.

»Und du musst wissen, dass ich schon allein auf mich aufpassen kann! Ich bin schließlich schon 35 Jahre alt, also kein kleines Mädchen mehr!«, brüllte Larissa zurück und knallte die Tür zu.

»Rissa, was soll das?«

Fast wäre sie in ihre Tante hineingelaufen. Die 720-jährige Nize mit glatten schwarzen Haaren stand mit verschränkten Armen vor ihr und schaute sie streng an. Wie schaffte diese Frau es bloß, Rissa immer wieder zur Kapitulation zu bringen? Vielleicht lag es daran, dass sie ihre Mentorin war.

»Ich will es aber nicht!« Sie schnaubte wie ein Kleinkind. »Ich bin noch jung! Ich bin noch nicht bereit, so schnell ein verheiratetes Leben anzufangen. Und besonders nicht mit einem Vampir. Die sind alle Machos. Ich verstehe die Frauen wirklich nicht, die Vampire heiraten. Sie sind anscheinend nicht mehr ganz bei Trost!«

Ihre Tante Selena seufzte müde. »Bitte nicht persönlich werden, Liebes.«

Ach ja, stimmt! Das hatte sie fast vergessen. Selena war eine der vielen Frauen, die sich mit den Vampiren verbanden. Außerdem hatte sie einen fast 700-jährigen Sohn.

»Entschuldige, Tante.« Rissa konnte nicht anders, als dämlich zu grinsen.

»Und deswegen brauchst du ja unbedingt Schutz. Gerade, weil du so jung bist. Es verschwinden immer mehr und mehr Nize, hast du das nicht mitgekriegt? Wir sind besorgt um dich.«

Die jüngere Nize schnaubte und stemmte die Hände in die Hüften. Das Verschwinden der Nize war zurzeit das Hauptthema des Stammes. Und das nervte tierisch, wenn alle sich beeilten, bei den Vampiren Schutz zu finden. Tja, nicht mit ihr!

»Jaja«, murmelte sie, als sie sah, dass Selena immer noch auf eine Antwort wartete.

Die Augen ihrer Tante verengten sich. »Wenn du zweimal Ja hintereinander sagst, lügst du oder hörst nicht mal zu«, sagte sie scharf.

Verärgert rollte die junge Nize die Augen und wandte sich ab. »Schon gut, liebe Tante!«

Ohne sich umzudrehen, eilte Larissa durch den dunklen Korridor zu ihrem Zimmer. Dort sperrte sie sich ein und hüpfte ins Bett. Immer wenn sie so wie jetzt vor ihrer Wut oder ihren Problemen wegrennen wollte, legte sie sich schlafen.

Und wenn sie aufwachte, würde alles gut sein. Alles würde wieder im grünen Bereich sein und sie sich entspannen und wieder an die Arbeit gehen können.

Ein Kreischen riss sie aus dem Schlaf. Nein, es waren mehrere Schreie. Keine Sekunde später ertönte weiteres Gebrüll. Irgendetwas hatte den ganzen Stamm in Panik versetzt.

Sofort schoss Rissa aus dem Bett, rannte zur Tür, schloss sie auf und schaute nach draußen. Vor Schock erstarrte sie zu Stein und ihr Herz setzte einen Schlag aus, bevor es zu rasen begann.

Hunderte von Kreaturen mit blutroten Augen, langen tödlichen Klauen und Zähnen packten die schreienden Nize und zerrten sie aus dem Haus. Monster! Endlevels!

Einige dieser durchgeknallten Kreaturen bissen die Nize brutal in den Hals und stillten ihren Durst an ihnen. Herzzerreißende Schreie hallten durch die Nacht. So unerträglich, dass Larissa beinahe in die Knie ging. Mehrere Nize lagen tot oder dem Tod nahe am Boden und die Verletzten kreischten vor Schmerzen.

Das war die Hölle! Jeder hatte diesen Angriff vorausgesehen, doch niemand hatte damit gerechnet, dass er schon so bald käme. Jetzt drangen diese Endlevel-Vampire auch noch in den Stamm ein!

Larissa versuchte wieder zu Atem zu kommen, während ihr Tränen in die Augen traten und heiß über die Wangen rannen. Sie beobachtete das Geschehen reglos und konnte nichts machen.

Dann wurde sie aus der Starre gerissen, als hätte ihr jemand eine Ohrfeige gegeben. Es war ihr Instinkt, der sie anbrüllte, sie solle den Arsch bewegen und zusehen, dass sie von hier wegkam. Doch als sie sich gerade umdrehen wollte, um in ihr Zimmer zu rennen, die Tür zu schließen und durch das Fenster zu fliehen, sprangen sie drei Endlevels gleichzeitig an.

Mit einem erschrockenen Schrei duckte Rissa sich und sah nur Schwarz, als ihr brennende Schmerzen durch den Leib fuhren. Sie wurde auf den Boden gerissen und fühlte sich wie gelähmt. Vor ihren geschlossenen Augen sah sie leuchtende und tanzende Sterne und ihr Kopf pochte. Sie hörte das Saugen der Endlevels. Sie spürte ganz deutlich den Schmerz an ihrem Hals und an beiden Handgelenken, dort, wo ihr Puls am stärksten schlug.

Das war das Ende. Das würde sie nie und nimmer überleben!

Gerade, als sie sich gehen ließ und ihrem Schicksal entgegenrennen wollte, wurde ein Endlevel von ihr weggeschleudert und sie spürte an ihrer linken Seite Sand und Staub. Der letzte Endlevel gab sie frei und fauchte animalisch. Larissa öffnete halb die Augen und sah ihre Mutter mit einem Schwert aus Himmelsklinge vor sich stehen. Der Endlevel fauchte erneut und setzte zum Sprung auf ihre Mutter an. Erschrocken schrie Larissa auf und stürzte sich auf die Kreatur, bevor diese ihre Mutter attackieren konnte.

In dem Moment griffen sie weitere Endlevels an. Geschickt griff die Oberhauptfrau des Nize-Stammes die Blutsaugerkreaturen mit dem Schwert an und Larissa konnte nicht anders, als um sich zu schlagen. Auf einmal wurde sie um die Taille gepackt und nach hinten geschleudert. Hart prallte sie mit dem Rücken gegen das Balkongeländer und konnte sich gerade noch rechtzeitig halten, um nicht rücklings nach hinten zu fallen. Aber zu früh gefreut, denn plötzlich wurde eine weitere ältere Nize auf sie geschleudert.

Larissa sah gerade noch, dass diese schon tot war, dann verlor sie ihren Halt und fiel nach hinten. Schockiert sah sie wie in Zeitlupe, ohne etwas tun zu können, wie sie hinunterfiel. Schon im nächsten Augenblick hatte sie jemand am Handgelenk gepackt.

»Mutter!«, rief Rissa und stieß gepresst einen Schrei aus, da ihre Lunge fast zerdrückt wurde.

Mit zusammengebissenen Zähnen packte die Oberhauptfrau mit beiden Händen die Handgelenke ihrer Tochter und versuchte Larissa hochzuziehen. Schluckend sah Larissa zu, wie vier Endlevels hinter ihre Mutter traten. Sie wollte schreien, doch schon versenkte einer der Endlevels die Krallen im Rücken ihrer Mutter. Schreiend vor Schmerzen ließ die Oberhauptfrau eine von Larissas Händen los, doch die andere hielt sie zum Glück fest.

Nein!

Mit aller Kraft versuchte Larissa mit ihrer freien Hand nach dem Geländer zu greifen, damit ihre Mutter die Chance bekam, gegen den Endlevel zu kämpfen, doch es gelang ihr nicht. Die Schwerkraft machte ihr zu schaffen und sie war nicht besonders sportlich. Es würde nicht lange dauern, bis die Endlevels bemerkten, dass hier zwei leichte Opfer zu finden waren.

Kaum hatte sie das gedacht, griffen auch die anderen Endlevels die Oberhauptfrau alle auf einmal an. Dann packte einer von ihnen sie und warf sie über das Geländer.

Schreiend fielen Mutter und Tochter zusammen zwei Stockwerke hinunter zur Aula des Stammes.

* * *
Thalkirchen, München Gegenwart …

Verloren starrte Larissa Thiel in die Luft ihres kleinen Obst- und Gemüseladens. Sie saß auf dem Boden im Schatten und lauschte dem Ticken der Wanduhr und dem Tropfen des Wasserhahns in der Ecke.

Dieser Laden, dieser Ort und dieses Leben waren so leer, so still, so … tot.

Es war über zwei Monate her, dass der Stamm der Nize von Endlevel-Vampiren angegriffen worden war. Jetzt wurde er mit ausreichender Hilfe der Mikain, des Schattenordens und der Bruderschaft neu aufgebaut und die Toten wurden beerdigt.

Oh Gott, wie einsam sie doch jetzt war …

Rissa presste die Lippen aufeinander. Sie hatte ihre Freundinnen vor dem Angriff lachend von der Disco zurückkommen gehört. Wie glücklich sie waren! Sie hatte die Wut ihrer Mutter miterlebt … und jetzt?

Das war das letzte Mal gewesen. Denn dieses Lachen, diese besorgte Wut … würde Rissa nie wieder erleben können.

Sie waren alle auf brutale Weise getötet worden. Rissa selbst hatte nur mit knapper Not überlebt. Aber … warum hatte sie überhaupt überlebt? Wofür? Sie war so allein. Es machte doch keinen Unterschied, ob sie jetzt starb oder später.

»Du hast überlebt, das ist das Wichtigste, Rissa«, hatte Conrad, der älteste Sohn ihrer Tante, zu ihr gesagt. »Du hast noch uns. Mich und deine Mentorin.« Damit meinte er seine Mutter.

Aber Rissa fühlte sich so alleingelassen wie noch nie zuvor.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, sie zurückzudrängen, denn sie war die einzige im Raum, niemand konnte ihre Tränen sehen.

Immer wieder und wieder, Tag und Nacht, sah sie diese Bilder des Grauens, all das Blut und hörte die Schreie. Sie kriegte sie gar nicht mehr aus dem Kopf. Und es machte sie verrückt!

Nein! Das konnte sie nicht mehr! Sie wollte endlich ihre Ruhe haben, wollte nicht mehr diese Bilder sehen. Die Schmerzen wollten einfach nicht aufhören, sie brachten sie an den Rand des Wahnsinns. Wenn es so weiterginge, dann …

Die Türglocke erklang schrill durch den ganzen Laden.

Erschrocken und überrascht schaute Rissa auf und fuhr herum. Ihr Herz raste und augenblicklich verwandelte sich der Schock in Angst. Fürchterliche Angst!

Wie konnte das sein? Sie hatte die Tür doch abgeschlossen. Hastig wischte sie die Tränen fort und stand zögernd auf, hielt sich jedoch versteckt. Verunsichert griff Rissa blindlings nach dem Baseballschläger und sah über das Obstregal zur Tür. Dort standen zwei Frauen, die langsam auf sie zukamen. Die Europäerin mit rotbraunen Haaren erkannte Larissa sofort: Irene Stevens, die Blutgefährtin ihres Cousins Conrad. Aber die Asiatin neben ihr …

Misstrauisch, aber zugegebenermaßen auch ein wenig erleichtert, trat Larissa einen Schritt zurück und verdrängte ihre Trauer. Da stimmte etwas nicht. Die Luft um sie herum schien auf einmal eisig zu sein und ließ Gefahr verheißen. Sie musste auf der Hut sein.

»Hallo.« Irene trat einen Schritt vor, während die Asiatin stehen blieb. »Wie geht es dir? Wir haben lange versucht, dich zu erreichen, aber du bist nicht ans Telefon gegangen.«

Rissa zögerte zu antworten. Vor einer Woche hatten Conrad und Irene ihr eine Hochzeitseinladung geschickt. Und in vier Tagen war die Feier. Aber Rissa hatte nicht geantwortet oder Bescheid gesagt, ob sie kommen würde oder nicht. Dass Irene persönlich zu ihr kam, damit hatte Rissa nicht gerechnet.

Die Nize holte tief Luft, um sich ein wenig zu beruhigen. Sie durfte niemandem ihren Schwachpunkt zeigen, musste nach außen stark und tapfer bleiben. Denn seit zwei Monaten bekam sie schnell Panik, wenn ein Urwesen in ihrer Nähe war. Und Irene war eine Urwesenfrau, noch dazu eine Mikain. Ein gefährliches Raubtier.

»Larissa? Alles in Ordnung?«, fragte Irene besorgt.

»Ja.« So gut wie möglich versuchte Rissa, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen und warf einen Blick über Irenes Schulter zu ihrer Begleiterin.

Abgesehen von der mächtigen gefährlichen Aura, die um sie schwebte, war diese Frau bildschön. Stünde Rissa neben ihr, könnte man sie für knochig halten. Diese Frau hatte eine perfekte Figur, sie war schlank, athletisch und sah sehr gesund aus. Ihr Gesicht war oval, nicht rund wie das der meisten Asiaten. Ihre Haare waren nicht schwarz, sondern dunkelbraun und glänzten im schwachen Schein der Straßenlaterne. Sie besaß ebenfalls dunkelbraune Augen, die wie die eines Tigers leuchteten. Bei genauerem Hinsehen hätte Rissa schwören können, sie hätte darin Sterne leuchten gesehen.

»Oh, das ist Ijin Chao«, sagte Irene und deutete auf ihre Begleiterin. »Sie ist eine sehr gute Freundin von mir.«

»Auch ein Urwesen? Eine … Nize?«, wollte Rissa wissen und wich schnell einen weiteren Schritt zurück, als Irene zu der Frau sah. Rissa würde sich einfach besser fühlen, wenn diese Ijin eine normale Nize war. Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass dem nicht so war.

»Sie gehört zu einer geheimen Art, von der nur wenige Leute wissen. Aber sie kann dir helfen, Rissa. Sie und Talrak«, sagte Irene ernst und gleichzeitig besorgt und sah Rissa wieder an.

Talrak … Seth Carlos. Rissa runzelte die Stirn. Sie konnte sich noch ganz deutlich an diese warme sanfte Stimme erinnern und auch an den leichten Duft von Aftershave. Außerdem an das verschwommene Gesicht eines dunkelhaarigen Mannes.

Ein männlicher Mikain. Ein Werwolf wie Irene auch.

»Ich brauche keine Hilfe«, sagte Rissa mit fester Stimme, konnte aber zu ihrem Ärger nicht verhindern, dass ein Zittern darin mitschwang. »Ich will einfach, dass ihr mich alle in Ruhe lasst. Ich brauche eure Hilfe nicht, nicht von den Urwesen!«

»Aber Rissa …«

Irene trat einen Schritt vor und in Rissa stieg Panik auf. Sie konnte es nicht verhindern, diese Angst übermannte sie auf einmal, sodass sie keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen konnte. Mühsam drängte Rissa die Panik zurück und ballte krampfhaft ihre zitternden Hände zu Fäusten. Verdammt, nicht schon wieder. Innerlich schrie sie schon vor Angst, doch sie hob das Kinn und sah Irene herausfordernd an.

Erinnerungen an jene Nacht stiegen in ihr auf. Vielleicht bräuchte sie wirklich Hilfe, aber … sie wollte nur allein sein. Sie hielt es nicht aus, unter vielen Menschen zu sein. Dass sie sich wieder um den Laden kümmern konnte, war schon ein riesiger Fortschritt. Sie kam auch allein klar. Warum zum Teufel verstand das niemand?!

Ja, sie war innerlich stark genug, um alles gut zu überstehen. Sie würde es schaffen, aber nur, wenn diese Urwesen sie endlich in Ruhe ließen.

Irene wollte erneut zu ihr treten, doch diese Ijin Chao legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Danke. Zumindest eine!, dachte Rissa. Im Augenblick wollte sie wirklich, dass die beiden gingen. Anscheinend hatte die Asiatin dies auch bemerkt. Das war gleichzeitig gut und schlecht. Gut, weil sie Irene jetzt gleich mit nach draußen nehmen würde, aber schlecht, weil sie Rissas Schwäche bemerkt hatte. Verdammt!

Ijin trat vor und nickte ihr kurz zu. »Wir kommen morgen wieder. Überleg es dir, wir können dir helfen, Larissa«, sagte sie und ging. »Gute Nacht.«

Irene sah ihr nach, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch dann schüttelte sie den Kopf und sah wieder zu Rissa. »Bitte, überleg es dir, ja? Wir machen uns Sorgen um dich. Und wir vermissen dich.«

Wut stieg in Rissa auf. Sie biss die Zähne zusammen und musste sich beherrschen, nicht zu brüllen, als sie antwortete: »Du kennst mich doch gar nicht!«

»Nein, aber Conrad kennt dich und ich spüre alle seine Sorgen so sehr, dass sie langsam auch zu meinen eigenen geworden sind.«

* * *

»Es sieht schlecht aus«, sagte Irene, als sie aus dem Laden herauskamen. »Jin?«

Die Jägerin stand unter einer Straßenlaterne und wartete auf sie. Larissa wusste anscheinend nicht, dass sich genau um die Ecke die Tierklinik Green-Walker befand, in der Vera, Seth und Jin arbeiteten.

Dies war gut, da die drei so immer wieder auf Larissa aufpassen konnten, ohne dass die Nize selbst etwas davon bemerkte. Außerdem war da auch noch Matthew McBrown, der bei der Mission vor zwei Monaten in der verlassenen Industrieanlage dabei gewesen war. Der Schotte – anfangs hatte sie gedacht, dass er ein Engländer war, doch er hatte ihr verärgert erklärt, er käme aus Schottland – hatte, während Jin und Seth am Tag arbeiteten, immer auf dem Gebäudedach gegenüber von Larissas Obstladen gesessen und die junge Nize den ganzen Tag beobachtet, um sicherzustellen, dass sie nicht einfach so umkippte. In der Nacht wechselte er sich mit Jin ab. Das ging so schon seit zwei Monaten und Irene hatte noch keine Beschwerde von den beiden gehört. Und dafür war Irene ihm und Jin sehr dankbar.

»Du hast recht, es geht ihr schlecht. Sie ist traumatisiert. Sie hat Flashbacks und eine sensible und emotionale Übererregung. Sie versucht zwar, alles zu verdrängen und kann gut Masken aufsetzen, doch ich sehe, dass sie innerlich schreit«, sagte die Jägerin. »Aber das kriegen Seth und ich schon hin. Sie ist kein Sonderfall, sie hat einen starken Willen, das muss ich zugeben. Solche Leute gib es unter uns öfter, als du denkst. Aber sie muss diese Therapie auch wirklich wollen. Es bringt nichts, wenn sie nur halbherzig mitmacht.« Sie holte tief Luft. »Auf jeden Fall schaue ich morgen früh wieder vorbei und leiste ihr Gesellschaft. Allein zu sein, ist manchmal gut, aber in ihrem Fall sehr, sehr schlecht.«

»Danke, wirklich. Du bist ein Engel, Jin.« Irene lächelte breit und ging neben ihr her. »Und?«

»Was?«

»Kommst du jetzt zu meiner Hochzeitfeier?« Das fragte Irene schon zum hundertsten Mal. »Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn du kommst, Jin.«

Jin lachte leise. »Ach, Irene. Ich sagte dir doch schon, ich kann nicht. Hunderte Vampire werden da sein und ich will nicht riskieren, gesehen zu werden.«

»Ja, aber nur bei der ersten Feier. Zuerst feiern wir mit Conrads Eltern und den Vampiren und mit vielen Mikain. Und dann ganz spät nur unter uns: Seth, Aramina, Vera und die Jungs aus der Bruderschaft. Bitte. Ich sag auch einfach, du wärst eine Bekannte von mir. Außerdem will ich auch, dass Matthew mitkommt.«

»Ach, Rene, gib’s auf«, sagte eine tiefe männliche Stimme mit schottischem Akzent aus einer dunklen Ecke, gefolgt von einem dramatischen Seufzer.

Lächelnd drehte Irene sich zu dem Mann um. Matthew trat aus dem Schatten und gesellte sich zu den beiden Frauen. Seine grünen Augen konnten alle Frauen zum Schmelzen bringen. Zum Glück war Irene schon vergeben, sonst wäre sie auch dahingeschmolzen. Aber immer noch fragte sie sich, wie um alles in der Welt Jin denn nur so stur dastehen konnte.

»Na? Was gibt’s Neues?«, fragte Jin.

»Oh, viel, deine Schwester sucht nach dir«, sagte Matthew lachend. »Eine streunende Katze wurde vorhin eingeliefert und die ist nur am Kratzen, Beißen und Fauchen. Deine Schwester hat blutige Hände und Arme.«

Jin schüttelte den Kopf. »Ach je, die Arme.«

»Deine Schwester?«

»Die Katze.«

Keine zwanzig Minuten später saßen Irene, Vera, Matthew, Ilin und Seth gemeinsam im Kaffeezimmer und starrten die Katze in Jins Armen wütend an, als wollten sie sie mit bloßem Blick töten. Die streunende getigerte Katze – sie war doch nur wegen des Schmutzes grau geworden – wurde untersucht, gewaschen und gefüttert. Jetzt sah sie viel, viel besser aus. Seth aber konnte dieses kleine Schoßtier nur böse anfunkeln und hätte es am liebsten schnell in ein Tierheim gegeben.

Diese kleine Raubkatze hatte nur zugebissen, gekratzt und gefaucht! Hatte wie wild gezappelt und den ganzen Lagerraum ins Chaos gestürzt. Sie hatten alle versucht, diese Wildkatze zu fangen – ohne Erfolg. Jin dagegen hatte lediglich dagestanden und einmal gepfiffen, schon war die Katze neugierig stehen geblieben. Nur ein Blick auf Jin genügte und die Katze sprang ihr einfach so schnurrend in die Arme.

»Was beschwert ihr euch? Sie ist doch ganz süß.« Jin lachte, während sie die Katze streichelte.

»Süß?«, fragten alle Anwesenden im Chor.

»Ich glaube, ich habe Sand im Ohr«, schnaubte Ilin, Jins ältere Schwester, und zeigte ihre Arme und Hände, die völlig zerkratzt waren. Das Blut hatte sie schon abgewaschen und wartete nur noch darauf, dass ihre Schwester etwas gegen die Kratzer machte. Da Ilin keine vollkommene Jägerin war, war sie wie die normalen Nize, hatte zwar ein verlängertes Leben, war aber dennoch sterblich.

»Hier, Schwester. Nimm sie mal, ich schau schnell nach den anderen Tieren im Lager.« Jin streckte ihr die Katze entgegen. »Ich komme gleich.«

Doch sofort wich Ilin zurück und schüttelte heftig den Kopf. »Kommt nicht infrage, die Kleine fasse ich nie wieder an. Nie im Leben. Schau dir doch mal meine Arme an!«

Jin verzog die Lippen und sah zu den anderen. Alle, sogar Seth, schüttelten den Kopf. Vera zeigte sogar auf den Käfig in einer Ecke. Jin seufzte, denn ihr blieb wohl keine andere Wahl. Schnell setzte sie die Katze in den Käfig und verschwand die Treppe hinunter. Keine Sekunde später gaben die Tiere Ruhe.

»So!« Matthew klatschte auf den Schoß und schaute in die Runde. »Da wir alle hier sind, räumen wir mal auf! Wir wollen doch nicht, dass sich unsere lieben Kunden morgen erschrecken.«

Widerwillig begannen alle, mit anzupacken. Bis morgen musste alles wieder halbwegs in Ordnung aussehen. Kurz kam Jin hoch, um ihre Schwester zu behandeln, ließ mit ihrer Heilkraft die Schnitte sich zusammenziehen und die Narben verschwinden. Dann wollte sie erneut hinuntergehen, aber sie blieb stehen, drehte sich zu Seth um und winkte ihn zu sich heran.

Fragend zog er eine Augenbraue hoch, lehnte den Besen an die Wand und folgte ihr in den Lagerraum. Was wollte sie denn?

Als er das Lager betrat, musste er erleichtert aufseufzen. Sein grauer Wolf Finn trottete zu ihm, sprang an ihm hoch und leckte ihm über die Wange. Er schien gesund und munter zu sein. Vor einer Woche war der Kleine beim Training hart gestürzt. Seth fürchtete schon, er hätte seinen besten Wachhund – oh, Wachwolf – verloren.

»Hey, sachte, sachte, Junge. Ich habe dich auch vermisst!« Er lachte freudig auf.

Jin lächelte. »Er ist soweit ganz in Ordnung. Du kannst ihn noch heute mit nach Hause nehmen.«

Wild zersauste Seth das Kopffell seines Wolfes, dann sah er zu ihr hoch. »Ich danke dir. Du bist echt eine tolle Freundin.«

»Charmeur.« Jin kicherte und sah in einen größeren Käfig, in dem die Tigerin lag, die vor zwei Monaten eingeliefert worden war. Mit glänzenden Augen sah sie die Ärztin an. »Die muss ich wohl oder übel auch weggeben. Ich habe einen Freund gebeten, die Kleine hier nach Indien in den Nationalpark zu bringen. Morgen schon. Aber ist wohl besser für sie.« Sie schob der Tigerin einen Napf zu und wandte sich dann wieder an Seth. »Ach, hast du morgen schon was vor?«

»Ich werde erst mal ein großes saftiges Steak für den Kleinen hier kaufen! Nicht wahr, mein lieber Junge?« Zur Zustimmung bellte der Wolf einmal. »Wieso?«, fragte er dann.

»Es geht um die Nize, Larissa Thiel«, antwortete die Jägerin knapp. »Die Cousine von Conrad Lorenz, erinnerst du dich an sie?«

Sofort schaute Seth auf und nickte dann. Er kannte diese Frau. Lange hatte er sie davon abgehalten, verrückt zu werden. Sie hatte wie viele Nize, die den Angriff überlebt hatten, einen großen Schock erlitten. Aber Larissas Zustand bereitete ihm große Sorgen. Im Gegensatz zu den anderen Nize hatte sie jegliche Hilfe verweigert.

»Ich war heute bei ihr und es sieht so aus, als könnte sie mit den Urwesen nicht in einem Raum sein. Da wird sie schnell nervös und … leicht aggressiv«, sagte die Jägerin und lehnte sich an die Wand.

»Das ist natürlich nicht gut«, sagte Seth.

»Das Gute ist, dass ihr Wille sehr stark ist. Sie will ihre Angst nicht zeigen und kämpft dagegen an. Wenn das nicht mal ein Fortschritt ist. Es kann aber auch nach hinten losgehen und das macht mir am meisten Sorgen.«

»Und was schlägst du vor?«

»Dass wir, beziehungsweise du zuerst, morgen früh zu ihr gehen und sie ein bisschen aufmuntern. Außerdem ist schon übermorgen Abend die Brautparty. Irene hat mich und Larissa auch eingeladen. Vielleicht können wir Larissa dazu überreden, mitzukommen.«

[Das könnte ein wenig schwierig werden.]

Seth nickte zustimmend. »Da hat mein Instinkt nicht ganz unrecht. Es wird schwierig sein, Jin.«

»Ach.« Die Jägerin schnalzte mit der Zunge. »Das kriegen wir schon hin. Außerdem hat Larissa sehr große Fortschritte gemacht. Zumindest hat sie keine Angst mehr, unter Leuten zu sein – ähm, unter Normalsterblichen. Oder davor, dass nachts ein Endlevel kommt und sie angreift.«

»Du und Matt habt sie tatsächlich Tag und Nacht beobachtet, oder?«

»Die meiste Zeit auf jeden Fall.« Jin nickte. »Aber nicht immer. Es wäre auch viel, viel besser, wenn sie am Abend zu uns in die Klinik käme und mit einem von uns nach Hause ginge. Sie weiß ja noch nicht, dass die Klinik gleich um die Ecke von ihrem Laden ist. Und dass man ihr eine Wohnung genau neben der von meiner Schwester und mir gegeben hat.«

[Oh, das ist doch perfekt.]

Seth lächelte. »Na gut. Ich habe morgen Zeit. Die ganze Woche, ehrlich gesagt.«

3

»Einen schönen Tag noch.« Larissa zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, als sie einer Kundin Obst in die Tüten füllte, ihr das Restgeld gab und sich höflich von ihr verabschiedete.

Sie hatte den Laden vor vier Stunden geöffnet und er war durchgehend voll gewesen. Sie hatte kaum Zeit gehabt, einmal durchzuatmen. Zum Glück war jetzt Mittagspause. Seufzend ging Larissa zur Tür, sperrte sie zu und drehte das Open-Schild zum Closed-Schild um. Dann ging sie in die anliegende Küche, um etwas zu Essen zu machen, als die Türglocke ertönte.

Erschrocken fuhr Rissa herum. Sie hatte die Tür doch zugesperrt. Mit pochendem Herzen traute sie sich kaum, aus der Küche zu gehen. Wer konnte das sein?

Okay, ruhig durchatmen, sagte sie sich, kämpfte einige Sekunden lang mit ihrer Angst und siegte schließlich, was sie mit einem erleichterten Seufzer feststellte.

An der Theke hörte sie plötzlich das beruhigende Summen eines langsamen Liedes. Diese Stimme kannte sie doch. Als sie gerade aus der Küche treten wollte, bellte auf einmal ein Hund – oder genauer gesagt: ein Wolf. Und kaum dass sie sich versah, lief schon ein grauer Wolf auf sie zu. Erneut verunsichert, wich sie zurück, doch als sie sah, wie der Wolf freundlich mit dem Schwanz wedelte und lächelnd hechelte, entspannte sie sich wieder und spürte, wie ihre Mundwinkel sich hoben. Wie süß!

»Na, na, Finn! Nicht so hastig, du könntest sie erschrecken«, erklang eine mahnende Männerstimme.

Sofort setzte ihr Herz einen Schlag aus. Innerlich schreiend sprang sie zurück und wollte sich den Baseballschläger schnappen, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie wollte nicht zeigen, was für ein Angsthase sie war. Wenn es doch nur ein Normalsterblicher war, dann würde sie sich in Grund und Boden blamieren. Tief Luft holend sah sie zu dem Mann auf, der sie angesprochen hatte … und ihr stockte der Atem.

Er war es wirklich. Seth Carlos!

Mit großen Augen sah Rissa wie erstarrt auf den Mann, der mit einem breiten Lächeln in die Küche kam. Seine glänzenden dunkelbraunen Haare reichten ihm bis zum Nacken und die dunkelbraunen, fast schwarzen Augen waren trotz des sanften Lächelns streng. Der Werwolf hatte unter der Lederjacke ein schwarzes enganliegendes Shirt an und seine straffen Muskeln, durch den militärischen Drill trainiert, zeichneten sich unter dem Stoff ab. Keine Frage, er sah unheimlich gut aus.

Larissa stieß ganz langsam Luft aus, um etwas zu sagen, doch ihr hatte es die Sprache verschlagen. Dieser Mann strahlte eine solche animalische Macht aus, dass sie beinahe Angst bekam, und doch war sein Anblick geradezu magisch anziehend.

»Ich hoffe, er hat Sie nicht erschreckt, Larissa.« Er packte den Wolf am Nacken und zog ihn zurück. »Seit er wieder gesund ist, ist er nur am Rennen.«

»Was machen Sie denn hier, Herr Carlos?«, wollte Rissa wissen, als sie endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte. Ihr Schock verwandelte sich mit einem Mal in Wut. »Ich dachte, ich hätte eindeutig klargemacht, dass ich keine Hilfe benötige.« Sie hatte es dermaßen satt, dass alle sich um sie scharten, als wäre sie eine Kranke.

»Na ja, ich bin hier vorbeigegangen und da dachte ich, ich schaue mal rein und sage Hallo«, sagte Seth und zuckte lässig mit den Schultern. Der Wolf lief aus der Küche und er folgte ihm.

Zögernd setzte die Nize einen Fuß vor den anderen und trat ebenfalls in den Verkaufsraum. »Wie sind Sie reingekommen, Herr Carlos?«, verlangte sie zu wissen und musterte ihn misstrauisch. »Ich habe … doch abgesperrt.«

Aber der Mikain schaute sich einfach weiter in dem Laden um, als hätte er ihre Frage nicht gehört. »Netter Laden, viele Kunden?«

Verärgert baute sich Rissa vor ihm auf. Was für ein unverschämter Mann! »Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Herr Carlos«, sagte sie todernst. »Wie sind Sie in meinen Laden gekommen?«

Seth sah sie kurz an, auch der Wolf zu seinen Füßen sah zu ihr hoch und stellte die Ohren auf. Mann, die waren sich aber wirklich ähnlich, so als seien sie nur eine Person.

»Ähm.« Seth Carlos zeigte mit dem Finger auf die Tür. »Durch die Tür, wie denn sonst?«

»Ich meine …« Sie blinzelte verwirrt, als sie sah, wie er sich Mühe gab, ein Lächeln zu unterdrücken. »Witzig! Wie witzig!«, schnaubte sie dann. Das war wirklich ein dämlicher Scherz. Aber konnte es denn sein, dass sie doch nur das Schild umgedreht hatte? »Ich weiß ganz genau, dass ich die Tür abgeschlossen habe. Sie haben das Schloss doch nicht geknackt, oder? Der Laden ist geschlossen.«

»Das weiß ich.« Der Werwolf grinste frech. »Deswegen bin ich ja hier. Ich dachte, wir könnten zusammen essen gehen. Es ist Mittag, wie Sie schon bemerkt haben.«

Immer noch misstrauisch zögerte Rissa. Na ja, er war schließlich ein Werwolf und ein Mann. Also lieber nicht. Rissa drehte sich um und winkte ab. »Nein danke, kein Bedarf«, sagte sie spöttisch. Was dachte der Mann eigentlich? Dass sie leicht zu haben war, nur weil er unglaublich gut aussah?

»Autsch«, sagte Seth hinter ihr. »Hart und schmerzhaft wie eine Pistolenkugel.«

Rissa hob fragend eine Augenbraue und musste sich einfach umdrehen. Der Werwolf hatte eine Hand auf seine Brust gepresst und sich gespielt zusammengekrümmt, als habe er wirklich Schmerzen. Pah! Selbst schuld. Keine Frage, er war es nicht gewöhnt, dass man ihm einen Korb gab.

Sie achtete nicht mehr auf ihn und ging in die Küche zurück. »Idioten soll man ignorieren«, hatte ihr eine Freundin mal gesagt.

»Hey, Larissa!«, rief Seth ihr hinterher. »Okay, wenn Sie nicht mit mir mittagessen wollen, wie wäre es dann mit Abendessen? Haben Sie heute Abend schon was vor?«

Lass mich bloß in Ruhe