Zeitenspiele - Silvia Falk - E-Book

Zeitenspiele E-Book

Silvia Falk

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Beschreibung

Daphne wächst auf - in den 1860er Jahren auf Gut Thoroughbred in der Normandie und unter der Obhut von Onkel Luzius, der Daphne wachsen lässt, wohin sie will. Er ist Büchernarr, Schöngeist und der Bruder der meist abwesenden, geschäftstüchtigen Mutter. Der Vater? Teil des Familiengeheimnisses. Daphne wächst weiter, sitzt in einem Zug, der mit nie dagewesener Geschwindigkeit einer neuen Zeit entgegenstampft. Sie navigiert durch eine Welt im Wandel, eckt an, reibt sich an Konventionen, erregt Anstoß und ist Anfeindungen ausgesetzt. Doch in Momenten der Gefahr erhält sie nicht selten Schutz und Hilfe von einem seltsam gekleideten Paar. Wer sind Hunter und Hestia? Wo liegt der Schlüssel zu ihrem Geheimnis? In tiefer Vergangenheit oder in ferner Zukunft? Der Sohn des Jägers und die Tochter des Schmieds sind der jungen Frau eine Quelle steter Inspiration. Denn Daphne wächst selbst der Zukunft entgegen und (er)findet dabei ihren eigenen Stil.

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Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2021

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„Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur.“

Ralph Waldo Emerson 1803 –1882 Jean Paul 1763 –1825

Inhaltsverzeichnis

DAPHNE

DAS HAUS IM WALD

DIE ENTDECKUNG

DIE VERGANGENHEIT

DAS FAMILIENGEHEIMNIS

DORNENDICKICHT

DIE TITANIN

Nachklang

DAPHNES VERSUCH

AUFSCHNEIDER UND BLENDER

IN GESELLSCHAFT

Zwischenspiel

Das Fest

SELTSAME GÄSTE

SPIELCHEN UND FALLE

DAS RÄTSEL

KURZES AUFLEUCHTEN

WO BIST DU?

GUT THOROUGHBRED

DAS HEULEN DES FISCHES

MUTTERS BEFEHL

Auf dem richtigen Weg

DIE REISE

DIE ALABASTERKÜSTE

STADTLEBEN

DER WANDERSTOCK

HETTIE IM HOTEL

ZUKUNFTSRELIKT

PLÄNE

DIE DEPESCHE

DER MOND

KOMPLIZEN

DER COUP

SPIEGELUNGEN

DER WIEDERGÄNGER

Die Blamage

ENDLICH

IM THEATER

GRÜBELEIEN

BOULEVARD DES CAPUCINES

IM CAFÉ ANGLAIS

ANSICHTEN

Eingeständnis

MISSVERSTÄNDNIS

DER MEISTER

AM URSPRUNG

COUCOU, COUCOU

TABU

ENTWICKLUNGEN

DAS BIN ICH

HADER IM HAUS

SÜSSE HILFE

NEUE IDEEN

DIE VERÄNDERUNG

SPIEL MIT DEM FEUER

ORLANDO

DIE VERWANDLUNG

DIE FOTOGRAFIN

EPILOG

DAPHNE

Daphne war ein Bücherwurm. Gemessen an der Zahl gelesener Bücher müsste sie – als Wurm – unendlich lang gewesen sein. Zum Glück verhielt es sich nicht so.

Ein wohlerzogenes Mädchen, neugierig und aufgeweckt – so wirkte sie auf andere. Obwohl ihre Vorlieben gänzlich andere waren als die der restlichen Gleichaltrigen. Das behielt sie vorsichtshalber für sich. Fügte sich ein in das raue Allerlei und fühlte sich manches Mal als das ‚Allerleirau‘. Deshalb und ihrer klugen Verschwiegenheit wegen überstand sie ihre Schuljahre ohne nennenswerte Anfeindungen – mit einer Ausnahme. Doch das ist eine Geschichte für sich.

Bücher waren das Andere. Sie hatten es ihr von klein auf angetan. Bilderbücher, Märchenbücher, Abenteuerromane, selbst Lexika und Sachbücher. Die Aufzählung ließe sich beliebig lange fortsetzen. Insbesondere die abenteuerlichen Schilderungen in den Romanen von Alexandre Dumas oder in Voltaires ‚Candide‘ hatte sie geradezu verschlungen. Sie setzte sich keine Schranken, und ihre Freunde, die Bücher, eröffneten ihr neue Welten, in die sie jederzeit hineinschlüpfen und darin aufgehen konnte. Eine wunderbare Zeit.

Ohne ihren Helfershelfer, Onkel Luzius, wäre dieses ausschweifende Bücherleben nicht möglich gewesen. Von ihm hatte sie diese Vorliebe und damit seine volle Unterstützung. Ein sonderlicher und liebenswerter Kauz war er. Selbstverständlich extrem belesen und mit besonderen Begabungen ausgestattet. Für ihn war es zum Beispiel ganz normal, sich mit Figuren aus der griechischen Mythologie zu unterhalten. Niemals zeigten sie sich, doch sie füllten den Raum mit ihrer unsichtbaren Anwesenheit. Auf Daphnes kindliche Frage „Wo ist denn dein Besuch, mit dem du sprichst, Onkel Luzius?“ antwortete er regelmäßig: „Natürlich hinter dem Geschriebenen im Buch.“

Das gefiel dem Mädchen und machte es neugierig. Daphne wollte auch einmal diese besonderen Besuche bekommen und sich mit ihnen hinter den Buchstaben unterhalten. Doch beim Umwenden der Buchseiten fand sie selbst nach langem Suchen – nichts. Es musste wohl noch ein ‚Dazwischen‘ geben.

Erst viel später sollte sich Daphne an diese Absonderlichkeiten von Onkel Luzius und auch an ihren damit innig verknüpften Wunsch, jene Zwischenwelten kennenzulernen, erinnern. Damals, in ihrer Kindheit, waren des Onkels Marotten für sie selbstverständlich gewesen und sie verschwendete keine weiteren Gedanken daran.

„So ist er halt“, sagte sie zu sich und freute sich insgeheim darüber. Wundern? – Warum? Sie liebte ihn ganz einfach, genoss ihr unbeschwertes Leben, und es fehlte ihr an nichts.

War das mit ein Grund, dass sie bei ihm leben durfte?

Wurde Daphne nach Vater und Mutter gefragt, reagierte sie abrupt verschlossen. Allenfalls ein „sind nicht da“ ließ sich ihr entlocken. Tatsächlich verhielt es sich so, dass ihre Mutter, Onkel Luzius’ Schwester, andernorts mit wichtigeren Dingen beschäftigt war als mit ihrer Erziehung. So ungewöhnlich oder gar seltsam es klingen mag, das selbständige Mädchen war damit sehr einverstanden.

Die Jahre brachten es mit sich, dass es mit dem Inden-Tag-Hineinleben, der Erziehung und der Versorgung durch den Onkel nicht getan war. Daphne wollte mehr, wollte breites Wissen, suchte nach Antworten auf drängende Fragen. Am meisten trieb sie das ‚Familiengeheimnis‘ um. Sie sah ein Bündel von Ungereimtheiten, das sich im Laufe der Jahre zusammengeballt hatte. Dieses galt es für sie, aufzuschnüren und abzuarbeiten. Keine leichte Aufgabe. Schritt für Schritt und mit Beharrlichkeit könnte sie es schaffen, wenn sie wollte. Und sie wollte, unbedingt.

Ihr Name ‚Daphne‘ schien für sie ein passender Schlüssel zum Schloss der Familienfestung zu sein. Wer hieß schon so? Und wenn ja, warum ausgerechnet sie?

Eine berühmte Namensschwester fand sie in den Nachschlagewerken der griechischen Mythologie. Eine Bergnymphe, später verwandelt in eine Baumnymphe, sei sie gewesen, diese Ur-Daphne. Sei durch die Hilfe ihres Vaters, eines Flussgottes, unter höchster Bedrängnis und Lebensgefahr in einen Lorbeerbaum verwandelt und dadurch vor dem Verfolger gerettet worden. Jener übrigens auch so ein ‚toller‘ Gott.

Vom ungestümen Mädchenleben in ein hölzernes Gewächs verzaubert. Was für ein Abstieg, ein Leben zweiter Klasse. So las Daphne den Mythos und so dachte sie auch darüber. Spannend fand sie diese Geschichte, doch so ganz klar war ihr das Geschehen nicht. Könnte möglicher weise diese Verwandlung im Mythos auch etwas mit ihr zu tun haben? Sie musste unbedingt mehr von den Zusammenhängen aus Onkel Luzius herauskitzeln.

Ausnahmsweise hatte dieser aber keine Zeit für sie. Wirklich, ganz selten kam das vor, doch nun war seine Anwesenheit bei einer Sitzung der familieneigenen Bleistiftmanufaktur in der Stadt gefragt. ‚Concordia‘, so hießen die hochwertigen Bleistifte in allen Stärken, die großzügig im Haus verteilt lagen und zum Schreiben einluden.

So viel hatte Daphne mitbekommen, dass eine Umwandlung des Betriebes in eine Fabrik, eine Firma, erfolgen sollte. Was immer das auch bedeutete. Eine wichtige Entscheidung, die ihre Zukunft bestimmen würde, so Onkel Luzius. Was war da los? Worum ging es da? Kam hier Onkel Waldo ins Spiel? Dieser lebte seit Jahren als für Daphne entschwundene Gestalt in den Wäldern des Nordwestens über dem großen Teich. Mehr wusste sie nicht über ihn und ihre Erinnerung an das gemeinsame Leben auf Gut Thoroughbred mit Onkel Waldo reichte nicht mehr richtig an sie heran. Es gab zwar einen regen Briefwechsel zwischen Onkel Luzius und seinem Bruder, doch vieles von dem, worüber sie sich austauschten, verstand Daphne noch nicht.

„Waldo ist ein bekannter Schriftsteller, er schreibt Sozialkritisches“, so beschrieb ihn Onkel Luzius.

Was aber wollten sie gehässige Stimmen denn wissen lassen, wenn sie getuschelte Satzfetzen fallen ließen wie: „… ach ja, natürlich, diese drei verrückten Geschwister … von jeher sehr speziell … … das arme Kind kann doch gar nichts … … meint ihr, es … normal?“ Dabei wurde das Mädchen forschend angesehen.

Daphne hatte ihre Taktik des Stillhaltens geübt und kam damit nach außen unbeschadet durch die brodelnde Gerüchteküche. Worauf die Andeutungen sich beziehen wollten, darauf konnte sie sich keinen Reim machen. Sie gab einfach nichts auf das Geschwätz der Leute. Übrigens ein guter Rat von Onkel Luzius.

DAS HAUS IM WALD

In unklaren Momenten ging Daphne zur Stallung, sattelte ihr noch junges Pferd Rosi und ritt mit ihr über die Weide vorbei an den alten Apfelbäumen in die weite Umgegend. Daphne mochte diese ursprüngliche Naturlandschaft, ließ sich den Wind um den Kopf pusten und kam auf völlig andere Gedanken. Auf einem dieser Streifzüge geriet sie in einen tiefen Wald. Von einer leichten Anhöhe herabreitend, stieß sie auf ein Häuschen im Wiesengrund, umgeben von ungewöhnlich feingliedrigen Sträuchern. Jene wollten so gar nicht zu den sonst so stämmigen Bäumen des Umfelds passen. Das Frühjahr war noch jung und diese zarten Gewächse zeigten im Licht der noch schwachen Sonne eine Blütenpracht, die direkt aus den Zweigen und Ästchen zu quellen schien. Von perlrosa bis purpur. Dabei verströmten sie einen unvergleichlich starken Duft wie sonst ein Bouquet von Narzissen, Hyazinthen, Veilchen und Maiglöckchen zusammen.

Daphne war fasziniert, auch Rosi. Die Stute beeilte sich, an den Zweigen zu knabbern. Doch instinktiv hielt die Reiterin sie zurück und ließ das Bild auf sich wirken. Ein Holzhaus, solide gebaut, mitten im Wald auf einer Lichtung, umgeben von einem Kranz fragiler Sträucher. Völlig untypische Gewächse für diese Umgebung. Warum? Wozu sollten sie gut sein? Daphne fragte sich weiter, wer wohl der Erschaffer dieses Refugiums gewesen sein mochte und aus welchen Gründen. Dazu fiel ihr nichts ein. Als eigenartig und ungewöhnlich empfand sie diesen Ort. Immerhin konnte er ihre Neugierde wecken und die Gedanken irrlichtern lassen. Das gefiel ihr.

Die Sonne malte tanzende Schatten der Baumwipfel auf das Dach. Außer einem Windhauch rührte sich nichts. Das Haus war offensichtlich verlassen. Daphne ließ sich davor aus dem Sattel gleiten und führte Rosi am Zügel. Vorsichtig drückte sie die Klinke der Eingangstür nach unten. Die Tür war verschlossen. Schwere Fensterläden an der südlichen Seite verhinderten einen Blick ins Innere. Viel verstand Daphne nicht von Bauwerken. Doch dieses Haus befand sich in gutem Zustand. Solide errichtet und gewartet. Und wieder die Frage, wem es wohl gehörte und wer sich kümmerte? Wie so oft keine Antwort.

War es das oder fand sich noch etwas zu entdecken? Ihr Forscherdrang gab keine Ruhe. Tatsächlich, unweit des Hauses entdeckte Daphne einen einsamen Weiher, umgeben von Weiden, Pappeln und Erlen. Man könnte auch sagen, einen verwunschenen See mit raschelndem Schilfrand. Sie suchte einen freien Zugang zum Wasser und ließ Rosi trinken. Daphne lehnte sich gegen einen rundlichen Stein am Ufer, spürte seinen kühlen Widerstand und konnte sich entspannen. Trotz des ruhigen Bildes vor sich und der frischherben Luft hielt das Irrlichtern ihrer Gedanken an. Der Spiegel des stillen Wassers zeigte deutlich ihr Gesicht mit gerunzelter Stirn. Das Bild gefiel ihr nicht. Viel lieber sah sie sich lächeln. Rosi schob das Haupt über ihre Schulter und blickte sie durch das Spiegelbild mit ihren tiefgründigen Augen an. Im Nu war das gewünschte Bild von Daphnes Lächeln vorhanden. So einfach ließ es sich einrichten in Begleitung einer treuen Seele.

Diesem Ort, dem Häuschen mit dem nahen See, wohnte ein Zauber inne, das spürte Daphne unterschwellig. Sie war sich sicher, das Geheimnis dahinter zu lüften. Rosi nickte, als hätte sie verstanden.

Onkel Luzius war noch nicht wieder da. Also Rückzug für Daphne in die Bibliothek, um Ratschlag aus den Büchern zu holen. Es ging ihr um die beiden Straucharten, die ringförmig um das Haus gepflanzt waren. Sie schlug unter den besonderen Merkmalen ‚Frühblüher, rosa, Strauch‘ im Pflanzenlexikon nach.

Das Ergebnis verblüffte sie. Beide Treffer bezogen sich auf ihren Vornamen ‚Daphne‘. Zum einen, ‚Daphne mezereum‘, echter Seidelbast, und zum anderen Lorbeer-Seidelbast, ‚Daphne laureola‘. Beide Arten wurden in allen Pflanzenteilen als stark giftig für den Menschen beschrieben. Selbst für Tiere, wie Pferde, gab es Warnhinweise. Zum Glück hatte sie Rosi vom Naschen zurückgehalten!

Was hatte das zu bedeuten? Einmal der mysteriöse Bezug zu ihrem Namen, zum anderen ihr Eindruck eines Schutzringes von ‚Daphnien‘ um das Haus im Wald. Was oder wer sollte durch die Giftpflanzen geschützt werden? Anders gefragt: Wer oder was sollte ferngehalten werden? Diese Rätsel musste sie lösen, sie ließen ihr keine Ruhe mehr. Folgerichtig war der nächste Schritt, genaue Kenntnis über das Haus zu erlangen. Dieses Wissen war leider nicht in den Büchern hier nachzuschlagen. Nur über andere Wege konnte es ihr gelingen, Informationen einzuziehen.

DIE ENTDECKUNG

Nach ein paar Tagen kehrte Onkel Luzius zurück. Daphne hörte das Hufgetrappel des Lohnkutschers mit seinem Gespann schon von Weitem und empfing den Heimkehrer erwartungsvoll vor dem Gutshaus. Ab sofort stellte sie all ihre Sinne auf scharf. Nicht das Geringste durfte ihr entgehen. Es galt, so verwerflich ihr das vorkam, den Onkel genau zu beobachten. Und sofort hatte sie damit auch zu tun.

Mit nur einem großen Koffer und einer Aktentasche war er abgereist. Nun half sie, drei Koffer sowie seine Aktentasche abzuladen. Das Mädchen stutzte, es waren Schwergewichte. Was bargen sie? Diese Frage trieb Daphne neugierig um. Sich danach zu erkundigen, schickte sich nicht. Es blieb ihr nur die Wahl, geduldig und wachsam zu sein. Aus den Augenwinkeln verfolgte sie die weiteren Begebenheiten.

Der Kutscher umfuhr die Rotunde vor dem Gutshaus und kehrte auf diesem Weg zurück zur Posthalterei. Onkel Luzius, kaum dass er wieder zu Hause war, ließ von seinem herbeigeeilten Hofmeister, Pancaldo, den kleinen Pferdewagen mit Fridu, dem gutmütigen Wallach, anspannen. Darauf lag eine Fracht verborgen unter einer Decke.

Daphne erkannte ihre Chance. Wenig Zeit blieb ihr. Sie rannte zum Stall, zäumte Rosi nur notdürftig und saß auf. Vorsichtig, auf Abstand bedacht, folgte sie dem Onkel. Über die Weiden und an den Apfelbäumen vorbei in den Wald. Bald schon war ihr sein Ziel klar.

Onkel Luzius lenkte sein Gespann direkt auf die Eingangstür des geheimnisvollen Hauses zu und stieg ab. Fridus Zaumzeug schlang er durch einen eisernen Ring an der Hauswand. Er schloss die schwere Tür auf, öffnete sie und verfuhr anschließend von innen genauso mit den beiden Fensterläden. Danach kehrte er zum Wagen zurück, schlug die Decke zur Seite und ergriff … In diesem Moment schreckte Fridu auf und gab ein leises Wiehern von sich. Onkel Luzius sah sich um und erblickte Daphne mit Rosi zwischen den Bäumen auf der lichten Anhöhe.

Beide, sie oben, er unten, fühlten sich ertappt. Ihr jeweiliges Geheimnis war entdeckt. So stolperten sie unbeholfen aufeinander zu und versuchten, ihre Positionen in Worte zu fassen.

„Es musste irgendwann soweit kommen, du bist kein Kind mehr. Tritt ein.“

Daphne fühlte sich überrumpelt, schluckte die Kröte in ihrem Hals herunter und folgte dem Onkel ohne Widerworte ins Haus. War sie am Ziel ihrer Wünsche?

Drinnen schien die Sonne hell durch die sauberen Fensterscheiben, es roch leicht muffig, antiquiert. Ein besonderer Geruch war es, den Bücher über Bücher und Manuskripte auf allen nur denkbaren Bücherborden im Raum verbreiteten. Lediglich ein kleiner Tisch mit Schreibpapier und mehreren Bleistiftschachteln aus geprägtem Blech sowie ein Stuhl fanden daneben noch Platz. Was für eine wunderliche Klause! Das dachte Daphne, als sie sich, beobachtet vom Onkel, im Raum umsah. Ihr Blick blieb förmlich an der Unzahl der Buchrücken kleben. Das Sonderbare für sie waren die Manuskriptseiten, die jedem Buch beigefügt waren – mal mehr und mal weniger – und wie ein Haarschopf keck aus dem oberen Rand der Bücher herausragten.

Was hatte das und überhaupt das ganze Haus zu bedeuten? Fragend sah sie den Onkel an.

Er nahm sich den Stuhl, schob das Schreibmaterial zusammen und bedeutete Daphne, sich auf den Tisch zu setzen. Völlig unprätentiös und bisher niemals denkbar. Es war etwas geschehen, etwas, das nicht eingeplant war. Onkel Luzius handelte souverän. Eigentlich so, wie seine Nichte es von ihm gewohnt war, und doch schien alles auf den Kopf gestellt zu sein. Mit einem Satz und einem erwartungsvollen Blick saß sie auf dem Tisch.

„Du siehst die Bücher, Manuskripte, Bleistifte und Papier. Wir befinden uns in einer Arche. Ja, dieses Haus ist eine Arche für besondere Bücher und ihre Seelen. Du hast richtig gehört. Ich spreche hier von Bücherseelen. Du weißt, gute Literatur hat dir etwas zu sagen. Sich ihrer zu bedienen, bedeutet Erweiterung von Bewusstsein und Wissen. Oft genügt es nicht, nur zu lesen. Dann ist es sinnvoll und nachhaltig, ein Lesedokument anzufertigen. In der Art eines Protokolls, in dem man seine Eindrücke und die Essenz des Werkes niederschreibt. Ein Versuch, hinter das Geheimnis des Textes zu kommen. Natürlich auch auf Fragen, die er aufwirft, Widersprüche oder ungewöhnliche Redewendungen, Zitate und Metaphern. Oh, es gibt so manches nebenbei zu notieren, worüber andere belanglos hinweglesen. Schweife ich ab?“

„Nein, ich höre dir gerne zu, sprich bitte weiter.“

„Mir ist es geradezu ein sinnliches Erlebnis, wenn ich mit einem feinen Concordia-Stift über die Seiten eile, um die erlesenen Extrakte aus einem wichtigen Buch festzuhalten. Das ist für mich Lebensfreude in höchster Vollendung. Danach kann ich meine beschriebenen Seiten, nämlich die Metamorphose vom Buch zur Bücherseele, in dieses Archiv einreihen. Das ist ein würdevoller Abschluss für ein literarisches Werk.“

„Sind all diese Manuskripte zu den Büchern von dir? Das ist ja eine unvorstellbare Zahl. Du müsstest Jahre über Jahre damit zugebracht haben.“

„Scharfsinnig bist du geworden, Daphne. Das hätte ich, mit deinen bald vierzehn Jahren, so schnell nicht erwartet. Es freut mich. Dadurch fällt es mir leicht, dir mehr zu erzählen, als ich eigentlich beabsichtigte.

Wie du weißt, sind wir drei Geschwister: Deine Mutter, Onkel Waldo und ich. Bereits von klein auf sahen wir den Sinn unseres Lebens darin, hinter die Kulissen zu blicken und uns unseren jeweiligen Reim darauf zu machen. Frei von allen Konventionen wollten wir sein und bleiben, unseren eigenen Gedanken und Ideen folgen. Wir durften das, hatten das Plazet unserer Eltern. Das liegt in der Familie. Sie waren ebenso Freigeister wie schon die Großeltern. Auf die Meinung der anderen, der bürgerlichen Gesellschaft, pfiffen wir, denn wir konnten es uns leisten. Die Bleistiftmanufaktur sowie ererbter Landbesitz erlaubten uns diese Exaltiertheiten einerseits finanziell, andererseits waren wir angesehen und wurden als höhergestellt betrachtet. Etwa so wie einst alter Adel. Vielleicht auch deshalb, weil unsere Familie schon seit Langem hier ansässig ist, man kennt uns, wir halten, was wir versprechen. Selten haben wir Probleme mit unseren Pächtern, ‚leben und leben lassen‘ ist die Devise der Familie. Wie auch immer, eine unsichtbare Macht hält die Hand über uns. Ist es Narrenfreiheit? Könnte sein. Verstehst du, was ich zu erklären versuche?“

„Ja, ja, ich glaube schon. Ich kann dich ja zudem fragen, zum Beispiel, wie es zu diesem Haus hier überhaupt gekommen ist. Das ist es, was ich unbedingt wissen will.“

„Kann man aus dir noch schlau werden? Gestern noch ein Wildfang, heute ein wissbegieriges junges Fräulein. Aber ja, ich füge mich. Du bist unsere Zukunft. Wir sind Vergangenheit.“

Die beiden Pferde vor der Haustür grummelten leise, als wollten sie anzeigen ‚wir sind auch noch da‘. Sie mochten sich, es war nicht nötig, nach ihnen zu sehen.

„Es ist noch heller Tag, es eilt nicht. Bleiben wir bei den Bücherseelen. Sie können unmöglich alle von mir sein. Lediglich ein Drittel stammt von mir, der Rest jeweils von Meta, der Jüngsten, und meinem großen Bruder Waldo. Uns Geschwister eint die Liebe zu den Büchern. Darin sind wir ‚Drillinge‘. Zudem gilt Waldo als bedeutender Schriftsteller. Er erschuf nicht nur zahlreiche Bücherseelen, nein, unermüdlich schreibt er an seinen sozialkritischen Aufsätzen und Büchern. Seine Vorträge über gewaltfreien Widerstand und zivilen Ungehorsam sind legendär. Er ist ein Leuchtstern, mein großes Vorbild.“

„Meta, meine Mutter? Was ist mit ihr? Was macht sie?“

„Tja, Meta ist ein Kapitel für sich. Als Kind hasste ich sie, weil ich dazu verdonnert wurde, auf sie aufzupassen. Es war eine sehr schwierige Aufgabe. Sie gebärdete sich wie ein Springteufel. Das legte sich erst mit dem Lesen. Allein diese Beschäftigung konnte sie zur Ruhe verleiten und mich erlösen. Auf dem Wagen draußen in den beiden Koffern ruhen ihre neuesten Bücherseelen, die Arbeit der vergangenen drei Jahre. Zudem leitet sie, rührig wie sie nun mal ist, die Bleistiftmanufaktur. Sie zieht die Fäden für unsere Belange und behält den Überblick. Mit anderen Worten: Sie sorgt für unser regelmäßiges Einkommen.“

„Oh, das überrascht mich. So genau kannte ich Mutters Rolle nicht. Ihre gelegentlichen Besuche erinnere ich nur wie einen vorbeiziehenden Wirbelwind. Am besten empfand ich die Ruhe nach dem Sturm, wenn ihre Kalesche die Rotunde verließ. Über ihr Wirken andernorts machte ich mir keine Gedanken. Onkel Waldo aber erstaunt mich. Für mich war er wie ein Geist, dieser geheimnisvolle Onkel in Übersee. Nun wünsche ich, mehr über ihn zu hören.

Was mich sehr neugierig gemacht hat, ist das Haus. Sage mir, Onkel Luzius, wem gehört es, wer hat es gebaut?“

„Nur so viel, Daphne: Waldo hatte die Idee dazu und war der Erbauer. Ursprünglich diente es seinen weltanschaulichen Neigungen, das heißt, er liebte das einfache Leben, dessen Ursprünglichkeit, abseits des Lärms der Zeit. Das allein ist eine umfangreiche Geschichte für sich. Eines Tages wird die Gelegenheit günstig sein, dir davon zu erzählen.“

„Oooch, lieber Onkel Luzius, erzähl doch bitte gleich davon!“

Doch er ließ sich nicht erweichen und verwies auf seine Worte. Schmollend sprang Daphne vom Tisch und bat ihn, zumindest den Hexenring von Daphnesträuchern um das Haus zu erklären.

„Schau an, junge Dame, auch das ist dir aufgefallen! Eine gute Beobachtungsgabe hast du. Respekt!“

„Der Hexenring“, wiederholte der Onkel nachdenklich. Er ließ sich viel Zeit mit seiner Antwort. Dann: „Dieses Wort klingt für dich wahrscheinlich nach einem Zauber. Ich muss dich leider enttäuschen, denn du geheimnisst mehr Rätsel hinein, als die Büsche es wert sind. Seidelbastgewächse sind sehr giftig, in allen Teilen, für Menschen wie für Tiere. Ihre Aufgabe ist es hier, das Haus mit seinen kostbaren Inhalten vor der Fraßgier der Mäuse zu schützen. Sie sind es, die abgehalten werden sollen. Es funktioniert. Die Mäuse machen tatsächlich einen großen Bogen drumherum und unsere Bücherseelen bleiben sicher verwahrt.“

Daphne musste sich wohl oder übel zufriedengeben mit den Auskünften des Onkels. Obwohl sie sein Zögern zuletzt nachdenklich stimmte. Blieb da doch noch etwas ungesagt? Einerseits hatte sie insgesamt viel darüber gehört, was sie zu wissen wünschte. Andererseits interessierte sie die Fortsetzung der Erzählung brennend. Es gab mehr als ein Geheimnis, das wusste und fühlte sie nun. Wie spannend doch ihr Leben geworden war! Das gefiel ihr sehr.

DIE VERGANGENHEIT

Daphne geriet in der darauffolgenden Zeit widerspenstiger als ihr guttat. Oft war Onkel Luzius gezwungen einzugreifen. Es ließ sich nicht leugnen. Er sollte dem Mädchen die Fortsetzung der Familiengeschichte erzählen. Der Moment dafür war gekommen. Vielleicht könnte dadurch die junge Dame wieder zugänglicher werden. Irgendwann musste das Gespräch ja stattfinden. Welcher Platz könnte dafür besser geeignet sein als die Arche? Sie würde seiner Geschichte den passenden Rahmen geben und ein sicheres Fundament darstellen. Authentisch und verlässlich sollte die Wirkung auf Daphne sein. Denn die Kernpunkte waren schwer zu verdauen.

Peinlich genau wartete Onkel Luzius den passenden Moment dafür ab. Er wusste, dass das, was er seiner Nichte zu sagen hatte, nicht in allen Teilen das war, was sie sich möglicherweise vorstellte. Daphne war von ihm verwöhnt worden in dem Sinne, dass er Unangenehmes von ihr fernhielt. Keineswegs war sie auf Rosen gebettet.

Wie sollte Luzius seiner Nichte unbequeme Lebenswege als wünschenswert schildern und wie ihr klarmachen, dass sie zukünftig das Familienerbe zu schultern hätte? So schwer hatte er sich sein Amt nicht vorgestellt. Seine Geschwister, und er eingeschlossen, hatten den exzentrischen Lebensstil ihrer Jugendjahre zu verantworten. Waldo und Meta waren ausgeflogen, hatten sich klammheimlich aus der Verantwortung gestohlen. Ihm oblag nun die Aufgabe, die Folgen der Verrücktheiten von einst zu erklären und dafür geradezustehen. Er war zum Hüter des schweren Familienerbes und der damit zusammenhängenden Geheimnisse geworden.

Damals, das Aufeinandertreffen mit Daphne vor dem Haus im Wald. Einfach war es für ihn in der Arche gewesen, aus dem beiderseitigen Überraschungsmoment heraus mit den familiären Besonderheiten zu beginnen. Wie konnte er heute daran anknüpfen, ohne dass es zu steif und förmlich geriet?

Luzius machte sich den Kopf schwer. „Ja, so ist es, eine Beichte ist nie einfach“, seufzte er gedankenverloren vor sich hin.

Ach ja, die Pferde! Rosi und Fridu, unsere Komplizen für schwierige Fälle! Sie sollten uns auf jeden Fall begleiten. Mit ihnen wären wir beide unabhängig voneinander. Das vereinfacht die Sache. Daphne sollte niemals das Gefühl haben, nicht mehr auszukommen. Sie sollte sich frei bewegen können. Ja, die Tiere, sie sind der Schlüssel.

In der Arche, bereits auf dem Posten, legte Luzius den Bleistift zur Seite und sah auf, als Daphne ihren Kopf erwartungsvoll durch die Tür steckte.

„Tritt ein und schließe die Tür hinter dir, es ist frisch draußen.“

Sorgfältig räumte er Buch, Manuskript und die Stifte zur Seite. Wie schon einmal setzte sich seine Nichte auf den Tisch.

„Fridu war es, der vor vielen Jahren Waldo half, das Haus zu erbauen. Als Rückepferd zog er die von seinem Herrn gefällten Baumstämme durch den Wald, transportierte ihn selbst sowie alles notwendige Material hierher. Er war neben dem Bauherrn der beste Arbeiter. Ein Jungpferd noch, kräftig, sehr gelehrig und vor allem duldsam. Das machte das stetige Arbeiten mit ihm zu einem zwar kräftezehrenden, doch insgesamt harmonischen Erlebnis. Ja, die beiden konnten gut miteinander.

Das lag auch daran, dass Waldo alles selbst ausprobieren wollte und dafür eine unendliche Beharrlichkeit aufbrachte. Mit den Händen war er sehr geschickt, seine Planung wohlüberlegt. So brachte er binnen kurzer Übungszeit perfekte Ergebnisse zustande. Das war nicht weiter verwunderlich. Er hatte die Gabe, alles was ihn interessierte, eingehend und aufmerksam zu beobachten. Daraufhin war er imstande, das Gesehene in natura umzusetzen, und zwar präzise. Ein Ergebnis davon ist dieses Haus. Ohne fremde Hilfe erbaute er es mit den sparsamsten Mitteln. Die Natur hier lieferte einen Großteil davon. Das wenige Zugekaufte, darauf legte er großen Wert, stammte nicht aus dem Handel oder Fabriken. Er bevorzugte kleine Handwerksbetriebe, die ihm, nur als Beispiel, die Nägel schmiedeten. Ein solides, langlebiges Bauwerk wollte er gestalten. Mit Hilfe von bedachtsamer Zugewandtheit, wie du siehst, ist ihm das sehr gut gelungen.“

„Ich sehe ein kleines, perfektes Haus. Nur wozu? Von seiner Bestimmung als Arche für die Bücherseelen war bisher nicht die Rede.“

„Du hast recht, Daphne. Waldos einstiger Antrieb war ein völlig anderer. Für ihn war dieses Haus ein Experiment. Sein Wunsch war es, größtmögliche Einfachheit zu leben. Abseits der Zivilisation. Weit weg von Luxus und Verlockungen. Hier glaubte er, seinen Platz gefunden zu haben. Seine Bedürfnisse waren bescheiden. Das Haus und der See nebenan genügten seinen Ansprüchen. Das Leben in der Natur entsprach seinen Vorstellungen. Stundenlang konnte er sich damit begnügen, reglos dazusitzen, um Tiere zu beobachten, die sich ihm durch sein Verhalten sogar näherten. Anschließend beschrieb er detailgenau das Erlebte.

In diesem Haus und seiner nächsten Umgebung lebte er in den Jahren vor der Jahrhundertmitte seine ‚Idee einer bewussten Lebensweise‘. Sein Rückzug bedeutete eine Erleuchtung für weitere Ideen. Daraus resultierten umfangreiche schriftstellerische Arbeiten wie philosophische Essays, Vorträge zu gesellschaftlichen Themen und Naturerzählungen. Diese allerdings schrieb er erst nach seinem Weggang, in der neuen Heimat. Auch dort, hoch im Nordwesten über dem großen Teich, versuchte er sich an einem Leben außerhalb der Zivilisation. Doch es gelang ihm immer weniger. Darüber schrieb er ein bekanntes Buch und fand auch Anhänger seiner Theorien als Antikapitalist und Zivilisationskritiker. Seine Vorträge waren und sind stets gut besucht und wohlmeinende Mäzene unterstützen ihn, ebenso ein verlässlicher Freundeskreis; darunter große Namen der amerikanischen Literatur. Er hat seine verdiente Anerkennung gefunden.“

„Warum ist er denn von hier weg? Weißt du etwas darüber, Onkel Luzius?“

„Eher nicht, ich kann nur darüber spekulieren. Seine wahren Gründe nannte er mir und Meta gegenüber nicht.

Ich denke, die Welt hier ist ihm zu eng geworden, zu sehr auf den Pelz gerückt. Nicht nur räumlich, meine ich, sondern auch im Denken. Seine Selbstfindungsideen fanden keinen Platz in der damals herrschenden gesellschaftlichen Denke – wenn man überhaupt so davon sprechen kann. Dafür brauchte es einen anderen, sehr viel größeren Raum. Zudem passte seine bisherige Entwicklung vom jugendlichen Freigeist mit allen Verrücktheiten nicht zu seiner weiteren strengeren Veränderung. Zu groß waren die Widersprüche. Obwohl er genau diese auch in der Fremde nicht ganz hinter sich lassen konnte.“

„Wie unterschiedlich ihr Geschwister seid, das ist schon erstaunlich! Onkel Waldo, ein schriftstellernder Künstler, Philosoph und Freigeist; Meta, auch als Autorin tätig, und doch hauptsächlich Kopf und Hand der Bleistiftmanufaktur. Letztlich du, Onkel Luzius, mein lieber Erzieher und Mentor, Verwalter von Gut Thoroughbred, Schreiber und Hüter der Bücherseelen und, nicht zu vergessen, Gesprächsfreund von mythischen Gestalten.“ Sie schüttelte den Kopf. „In was für eine Familie bin ich da hineingeboren worden – wobei, die Bezeichnung ‚Familie‘ nicht ganz stimmig ist, sehe ich das richtig? Da fehlt ein gewichtiger Teil davon.“

„Daphne, es ist schwierig, gegen dich anzukommen. Du überlistest mich freiheraus. Es bleibt mir nur, mich zu fügen. Also nun, das Familiengeheimnis. Wenn du es so nennen willst. Ich bleibe lieber bei dem Wort ‚Vergangenheit‘.“

„Ich brenne darauf. Das wirst du sicherlich verstehen.“

DAS FAMILIENGEHEIMNIS

„Es war einmal ein junger Mann namens Orlando. Der schneite in unser Dreier-Leben wie ein Schneegestöber im Frühherbst. Wild, bezaubernd und manches Mal auch so eisig. Wir Geschwister verfielen seinem Charme und ließen uns um den Finger wickeln. Mit Männern verstand er es genauso gut wie mit Frauen. Er betörte jeden auf seine Weise, uns nicht ausgenommen. Als willkommener Besucher lebte er einige Monate bei uns. Ihm bot sich die Gelegenheit, uns sehr gut kennenzulernen und sich auf uns einzustellen. Für uns war er ein interessanter Gast, der rege Abwechslung in unser Landleben zauberte. Unser Wohlwollen ihm gegenüber ließ keinen Argwohn zu und wir betrachteten ihn als unseresgleichen. Hätte uns jemand vor seiner Leichtfertigkeit und Eifersucht warnen wollen, hätten wir mit absolutem Unverständnis reagiert und uns von jenem Mahner abgewandt. Doch niemals von Orlando. Er hatte unser bedingungsloses Vertrauen. Auch und insbesondere Metas. Es kam so, wie man es bei jungen Leuten beiderlei Geschlechts mit innigem Verhältnis zueinander erwarten kann. Meta fühlte sich in anderen Umständen und ließ es neugierig zu.

Waldo, der in jenem Jahr bereits in den Wald umgezogen war, blieb eher außen vor. Zu abseits von uns und unseren Interessen spielte sich sein Leben in der Einsamkeit ab.

Mir jedoch, der ich als Mitbewohner des Hauses alles von den Vorgängen mitbekam, ging die ungeplante Entwicklung ganz schön an die Nieren. Ich liebte meine Schwester und wünschte mir für sie nur das Beste. Ihr sichtbar gewordener Umstand sowie ihre Launen sprachen nicht dafür. Zwei Hitzköpfe zündelten miteinander und konnten ihr entfachtes Feuer nicht mehr kontrollieren. Laute Worte und Türenschlagen waren das Wenigste. Unleidliche Zeiten für alle Mitbewohner waren angebrochen, aus Hitze wurde Kälte, ein eisiger Wind fegte durch das Haus.“

„War ich es, was sich bei Meta ankündigte? War ich der Umstand?“

„Ja, Daphne, das warst du. Und du hattest es auch ziemlich eilig. Aber ich greife vor. Vor deiner Ankunft ging es shakespearehaft dramatisch zu. Die ursprüngliche Freundschaft mit Orlando geriet eher zur Feindschaft. Meta, Orlando und ich lebten nun in sehr angespannten Verhältnissen im Gutshaus. Mir krampft sich heute noch der Magen zusammen, wenn ich nur daran denke.

Waldo indes begeisterte sich für seine Waldeinsamkeit weitab von uns und gab sich seinen Naturbeobachtungen hin. Orlando hingegen konnte es sich nicht verkneifen, ihn hin und wieder in seinem Refugium aufzuschrecken und neidisch zu piesacken. Nichts vermochte ihm mehr Spaß zu machen, als dort Waldos kleine Welt auf den Kopf zu stellen. Er tat genau das, von dem er wusste, dass es seinen Freund verwirren – schlimmer noch – verletzen würde, physisch wie psychisch. Fortan respektierte er keine Grenzen mehr. Im Waldhaus geriet er zur Plage, er entpuppte sich als Teufel.

Waldo, der friedlichste aller Menschen, ließ sich davon nicht beirren. Er blieb weiterhin geduldig und gab trotz alledem gute Ratschläge.

In diesem Monat, es war Sommer geworden, trugen die noch kleinen Sträucher des Hexenrings ihre leuchtend roten Früchte. Der Eremit liebte seine Pflanzung, hegte und pflegte sie, auf dass sie gut gedeihe.

Das konnte sein missgünstiger Widersacher, so nannte ich ihn inzwischen, nicht ertragen. In einer rachsüchtigen Aktion riss Orlando die Zweige mit den roten Beeren ab, nicht nur einen oder einige. So viel seine linke Hand zu halten vermochte, plünderte er in zerstörerischem Zorn die jungen Seidelbastgewächse. Als letzten Triumph streifte er zudem die roten Beeren ab, schüttete sie in seinen gierigen Rachen, kaute, biss und schluckte …

Waldo, der noch ein ‚Neieiein, nein!‘ stammelte und die sinnlose Tat mitansehen musste, wurde es schwarz vor Augen. Völlig orientierungslos erwachte er später aus seiner Ohnmacht und musste sich erst zurechtfinden.

Die Lichtung lag friedlich in der Sonne, das Haus stand leer. Nur noch abgerissene Zweige und Blätter der Daphnien lagen verstreut umher. Waldo musste nicht lange raten. Vergiftungen durch Seidelbast erzeugen ein irrsinniges Brennen und aufgeworfene Blasen äußerlich, ebenso innerlich. Diese höllischen Schmerzen sind kaum auszuhalten. Nur noch Schwalle von eiskaltem Wasser können die Schmerzen lindern, so denkt das Opfer. Waldo, schier gelähmt von dieser Vorstellung, schleppte sich zum See, der einzig nahen Wasserquelle.

Mit weit ausgebreiteten Armen und Beinen, dem Gesicht nach unten, bewegte sich Orlando scheinbar schwerelos, hell erleuchtet von goldenen Sonnenstrahlen und sachte wiegend, umgeben von zarten Schaumkrönchen, dem gleißenden Stern entgegen. Wobei ein Kranz von giftgrünen Wasserlinsen seine fliehenden Locken schmückte.“

„Onkel Luzius, wie schrecklich! Die Daphnien haben ihn also umgebracht?“

Automatisch sah Daphne bei ihren Worten aus dem Fenster auf einen Teil des Hexenrings. Anmutig zart gewachsen mit büschelig lanzettlichen Blättern reckten sich die Sträucher dem Licht entgegen.

„Nein, Daphne, nicht der Seidelbast tat ihm das an. Das war er schon selbst. In einer zügellosen Mischung aus Neid, Eifersucht und nicht zuletzt Dummheit. Ja, so war er. Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen.“

„Nach diesem dramatischen Abgang Orlandos fühlten wir uns, trotz aller Wehmut und unbeantworteter Fragen, wie erlöst. Unsere ursprüngliche Verbundenheit stellte sich nach und nach wieder ein. Allein Meta war von diesen entsetzlichen Vorgängen so mitgenommen und schockiert, dass Wehen einsetzten. Der offizielle Geburtstermin wäre erst drei Wochen später gewesen, doch die Natur ließ sich nicht aufhalten. Und so konnten wir dich Mitte Juli des Jahres 1846 zu dritt begrüßen und feiern. Waldo war es, der den Namen ‚Daphne‘ für dich wählte. Ich bin mir sicher, er hatte dabei so seine Hintergedanken. Wir bohrten nicht weiter nach. Der Name mit seiner Mythologie dahinter gefiel uns und wir waren einverstanden.

Meinem großen Bruder war es danach nicht mehr möglich, das Waldhaus zu bewohnen. Zu stark belasteten ihn die Erinnerungen an die Vorkommnisse. Deshalb berieten wir uns über die zukünftige Nutzung des Häuschens. Auch darin fanden wir einen gemeinsamen Nenner, es sollte zur Arche für Bücherseelen werden. Ein sehr anspruchsvolles Zukunftsprojekt, soviel war uns klar. Von diesem Gedanken wichen wir zu keinem Augenblick ab. Zu sehr einte uns dieses Vorhaben. Und das tut es bis zum heutigen Tag und über Grenzen hinweg.“

„Shakespeare hätte es nicht besser erdichten können. Was für eine Tragödie. Und ich im Nachhinein … ja, was bin ich? – Welche Rolle spiele ich in diesem Stück?“

„Wenn du mich so direkt fragst, liebe Daphne, hab Dank für deine Unterstützung, dann bist du die Nachfolgerin von uns Geschwistern, Herrin von Gut Thoroughbred und Erbin des Ganzen.“

„Das kommt mir zu plötzlich, lieber Onkel Luzius! Dazu fühle ich mich nicht imstande. Das Werk von euch dreien, zusammengepresst auf mein Format. Das kann nicht angehen!“

„Das geht auch nicht von heute auf morgen. Doch lassen wir einige Jahre verstreichen, dann gewöhnst du dich schon an den Gedanken. Du wächst hinein in deine Aufgaben. Und eines Tages wirst du dein Erbe von uns fordern. Bis dahin sind wir deine Platzhalter und widmen uns zuverlässig unseren Aufgaben wie bisher. An dieser Stelle spreche ich für Meta und mich. Waldo stimmte, das ist letzter Stand der Dinge, dem soeben Gesagten zu. In meinem nächsten Brief an ihn werde ich die Sache nochmals zur Sprache bringen.“

„Das klingt nun nicht nach euren früheren Exaltiertheiten, sondern eher extrem konventionell, meinst du nicht auch, Onkel Luzius?“

„Na ja, du weißt Daphne, Besitz, Grund und Boden zur Zukunftssicherung bedürfen einer strengen Struktur und Kontrolle. Deshalb sind ein hohes Verantwortungsgefühl, gepaart mit großer Durchsetzungskraft, seit Jahren für uns oberstes Gebot. Deine Ankunft war es, die uns umdenken ließ.“

„Glaubst du, Onkel Luzius, auch ich wäre schon dazu berufen, Bücherseelen zu verfassen?“

„Warum nicht? Natürlich, du kannst es versuchen. Das ist keine Frage des Alters. Es ist eine Frage der Entwicklung und des Verständnisses. Du selbst musst dich fragen, bin ich schon so weit, kann ich mir eine Meinung, eine Textanalyse zutrauen, um sie der Nachwelt zu hinterlassen? In dieser Frage steckt gleichsam deine Antwort.“

Rosi und Fridu grummelten vor dem Haus wieder laut vor sich hin. Es wurde ihnen spürbar zu lang. Die Stunde des Aufbruchs war gekommen. Der Tag neigte sich.

Beide, Luzius und Daphne, schlossen sorgfältig die Läden sowie die Haustür, banden die Pferde los und machten sich durch den Wald auf den gemeinsamen Heimweg.

DORNENDICKICHT

Ein Brief war es, der die Bewohner des Familiensitzes in der ländlichen Abgeschiedenheit aus ihrer Zufriedenheit riss. Onkel Waldo schrieb aus der Ferne von seinen zahlreichen Projekten, seinem Freund Emerson, den Mäzenen und – von der Tuberkulosekrankheit, die ihn, wieder aufgeflammt, anhaltend plage und schwäche. Er huste rosaroten Schaum ab, der ihn an die Farbe der entzückenden Seidelbastblüten seinerzeit vor dem Haus im Wald im Februar erinnere.

„Überhaupt diese ‚Daphnien‘, meine tanzenden Lichtblicke – seien es die wundersamen Pflanzen, oder sei meine streitbare Nichte damit gemeint. Im Übrigen fehlt sie mir sehr mit ihrer neugierigen Wesensart und ansteckenden Lebendigkeit. Unsere Verwandtschaft ist nicht zu leugnen, doch von letzterem Vorzug fehlt mir in den vergangenen Monaten einiges. Leider kenne ich Daphne seit Jahren nicht mehr aus persönlichem Erleben; lediglich die Beschreibungen ihrer Lebensart aus Deinen Briefen erlauben mir ein Bild von ihr.

Dafür halte ich die hiesige Gesellschaft in Concord und Umgebung mit meinen Thesen auf Trab, was durchaus für eine gewisse geistige Lebendigkeit meinerseits bürgen mag. Die vielfältigen Erscheinungsformen und der feine Duft der pflanzlichen Daphnien fehlen mir in meiner erwählten Heimat. Hier im Nordwesten ist kein gedeihliches Klima für sie, zu kühl und feucht. An diesem Ort würden sie sich nicht wohlfühlen und ich könnte für sie nicht mehr die nötige Energie erübrigen. Meine Mission zehrt an meinem Körper und an meinen Kräften. Zu sehr nimmt mich mein gesellschaftliches Engagement in puncto zivilem Ungehorsam und gewaltfreiem Widerstand in Anspruch. Mein Kampf für die Abschaffung der Sklaverei tut ein Übriges. Es ist eine raue Zeit geworden. Die Jahre des geruhsamen Beobachtens und der einfachen Lebensweise im Wald sind schon vor Längerem der des Handelns gewichen. Nur noch eine knapp bemessene Spanne wird mir bleiben, um mein Lebenswerk zu Ende zu bringen und öffentlich zu machen. Darin sehe ich meine Aufgabe. Zum Besseren einer zukünftigen Gesellschaft. Dies wäre mein innigster Wunsch.“

Unvorstellbar der Gedanke für seine Familie in der alten Heimat, um Waldos Leben mit seinen erst vierundvierzig Jahren bangen zu müssen. Sein immerwährender Kampf für Freiheit und gegen gesellschaftliche Konventionen hatte ihn wohl zu sehr geschwächt.

Des Onkels Brief ging Daphne sehr zu Herzen und traf voll ihr Gemüt. Das erste Mal in ihrem jugendlichen Leben berichtete ein ihr nahestehender Mensch von seinem bevorstehenden Ableben. Und das in einer Art und Weise, als wäre es das Alltäglichste und Normalste dieser Tage. Darauf war sie in ihren jungen Jahren nicht vorbereitet.

Sie beschloss, Onkel Waldo einen Brief zu schreiben, in dem sie ihm ihre Freude über sein ehemaliges Refugium im Wald mit seinem Schutzgürtel von zauberhaften Daphnien mitteilte. Vor allem sollte er auch ihre Anerkennung für seine solide handwerkliche Arbeit, welche die Jahre seit der Erbauung schadlos überstanden hatte, aus ihrer Feder erfahren. Ihre Wertschätzung seiner Leistung von damals wollte sie deutlich zum Ausdruck bringen, denn nun war sie alt genug, diese zu erkennen. Das Wissen um das famose Haus mit all seinen bemerkenswerten Details machte nun den fernen Onkel für sie greifbar.

Onkel Waldos Zeilen brachten sie anhaltend zum Grübeln über den Tod und bewegten Daphne dergestalt, dass schließlich ihr Körper darauf reagierte. Unerklärliches Ziehen im Unterleib, abgelöst von starken Verkrampfungen schmerzten sie, solche hatte sie bislang nicht kennengelernt und sie ängstigten Daphne. Muss ich mir Sorgen machen? Doch erst als sie nach dem Ausreiten auf Rosi rosarote Spuren in ihrer Unterwäsche entdeckte, brach Panik in ihr aus. Stehe auch ich an der Schwelle des Todes?, fragte sie sich.

„Onkel Luzius, Onkel Luzius, auch ich werde sterben!“, rief sie weinend aus.

Verstört eilte er zu ihr, nahm sie in den Arm und versuchte, sie zu beruhigen.

„Na, na, na, Kind – was ist denn los? Was ist passiert?“

Je mehr Daphne mit den Gründen für ihre Angst herausrückte, desto deutlicher rückte Onkel Luzius von ihr ab. Bis sie es schließlich bemerkte und fragte: „Du weichst vor mir zurück, was ist los? Bin ich ansteckend?“

„Nein, nein, mein Kind, äh, ich meine, Daphne. Es ist nichts Ansteckendes. Es ist nur – es ist nichts Schlimmes – nur eine neue Zeit ist angebrochen. Ich bitte Babette, dir eine Wärmflasche zu bereiten. Das wird dir guttun und unsere treue Seele wird dir erklären, was du weiterhin zu tun hast. Hab keine Angst, ruhe dich aus. Du wirst sehen, heute Abend sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“

Und so war es. Grübelnd lag Daphne in ihrem Bett mit der eingewickelten kupfernen Bettflasche auf dem Bauch. Was hatte Babette ihr erklären wollen mit „das ist ganz natürlich und normal im Leben einer gesunden Frau“. Daphne schien das ganz und gar nicht so. Warum sollte sich ein Mädchen, denn als solches fühlte sie sich, zukünftig monatlich mit diesen völlig überflüssigen Beschwerden herumschlagen müssen? Hatte sie sich falsch verhalten, war nicht achtsam mit ihrem Körper umgegangen? War das die Strafe dafür? Das Thema beutelte sie ununterbrochen. Wie ein Stein lag es auf ihrer Seele. Ihre Unbeschwertheit war dahin. Diese Plage – Babette sagte „monatlich“ – wollte Daphne auf gar keinen Fall.

Weitere Fragen kamen ihr in den Sinn: Habe ich denn eine Wahl? Dann die eiskalte Erkenntnis: Vermutlich nicht. Und was ist mit den Buben? Haben sie ähnliche Beschwerden? Für Daphne eine Sache der Gerechtigkeit.

Babette erwähnte nebenbei: „… wichtig fürs Kinderkriegen.“ Je länger Daphne darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr: Kinder? Ich? Warum sollte ich Kinder kriegen? Ich bin doch selbst noch ein Kind.

Verwirrung, viele Fragen, Zweifel, schließlich eine eingestandene Unwissenheit türmten sich vor und neben ihr auf wie ein rosarotes Dornendickicht, durch das für sie kein Durchkommen schien. Sie fühlte sich umzingelt. Der Fluch einer schwarzen Fee lag auf ihr, nur so konnte es sein. Als eine Gefangene empfand sie sich, umgeben von Rosenkaskaden wie Dornröschen.

Nur, wer würde Daphne erlösen wollen? Und warum?

DIE TITANIN