8,99 €
Mitten in der Eifel: Ein heftiges Gewitter zwingt Mike und Nadja an einem späten Abend zu einem unfreiwilligen Stopp auf einem einsamen Wanderparkplatz. Als sie am nächsten Morgen zu ihren Jobs nach Köln aufbrechen wollen, erleben sie eine schockierende Überraschung: Ihre Handys sind tot, sie haben keinen Empfang, und ihr Auto streikt komplett. Dazu fehlen um sie herum altbekannte Straßen, Wege und Schilder. Als sie sich notgedrungen zu Fuß auf den Heimweg machen, treffen sie einen geheimnisvollen, antiquiert wirkenden Mann und ein Mädchen, das barfuß unterwegs ist. Was die vier in der Eifel noch nicht wissen: Sie sind Opfer eines Licht-Zeit-Experiments von zwei Secret-Forschern aus einer fernen Zukunft. Ein Zeitfall mit dramatischen Folgen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2025
Michael Bischoff
Zeitfall
Eifel Science-Fiction
Michael BischoffZeitfallEifel Science-FictionEifeler Literaturverlag 2025
1. Auflage 2025
© Eifeler Literaturverlag
In der Verlagsgruppe Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Eifeler Literaturverlag
Verlagsgruppe Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.eifeler-literaturverlag.de
Gestaltung, Druck und Vertrieb:
Druck & Verlagshaus Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.verlag-mainz.de
Abbildungsnachweis Umschlag:
© Frank Cone – pexels.com
Print:
ISBN-10: 3-96123-140-0
ISBN-13: 978-3-96123-140-9E-Book:
ISBN-10: 3-96123-147-8
ISBN-13: 978-3-96123-147-8
»Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Der wird niemals alt
Die Hölle wird nicht kalt
Zeit macht nur vor dem Teufel alt
Heute ist schon beinah morgen«
Songtext: Barry Ryan
ERSTES BUCH
MIKE
Ich rutschte und rutschte. Die Welt drehte sich um mich wie ein Karussell. Immer weiter, immer schneller. Verzweifelt suchte ich nach Halt. Aber wohin ich auch griff, ich fühlte, wie meine Hände immer wieder ins Leere griffen. Ich fühlte aber auch immer wieder scharfe Gräser, die mir schmerzhaft in die Haut schnitten. Ich fühlte vorbeirasendes Wurzelwerk und knackende Äste. Ich fühlte mich komplett hilflos. Ich fühlte mich der Schwerkraft und der Natur so hemmungslos ausgeliefert wie noch nie. Ich bekam zum ersten Mal in meinem Leben so richtig Angst. Und wie! Vor allem jetzt. Im Hier und Jetzt durfte mir erst recht nichts passieren.
Dann war endlich Stille.
Endlich! Tief durchatmen, befahl ich mir. Jetzt ganz ruhig bleiben. Einatmen, Ausatmen, Durchatmen. Netter Versuch. Soweit die Theorie. Ich lag auf dem Rücken und atmete schwer. Keuchend stieß ich die Luft aus, unterdrückte einen bissigen Fluch und schlug vorsichtig die Augen auf. Ganz vorsichtig! Es gelang mir nur ein kurzes Blinzeln, dann traten mir Tränen in meine viel zu empfindlichen Augen. Denn die gleißende Sonne traf mich mit einer Wucht, die bis unter die Netzhaut ging.
Langsam versuchte ich meine Arme zu bewegen. Erst rechts, dann links. Es ging! Fast. Ein glitzernder Sternenzauber vor meinen Augen und im Kopf folgte eine schnelle Antwort. Dazwischen viel Schwärze, funkelnde Punkte, dann endlich wieder Ruhe. Das mentale Feuerwerk verglomm langsam. Ganz langsam. Dafür signalisierte mein Körper neue Schmerzregionen. Die reichten etwas tiefer zum rechten Oberarm. Der schlug jetzt neue Funken im Gehirn. Ein stechender Schmerz. Hölle, Hölle. Nach wenigen Minuten verebbten die ersten Wellen. Man gewöhnt sich an alles, dachte ich. Erste Erleichterung.
Ich atmete noch einmal tief durch. Na also, ging doch. Ganz ruhig bleiben, schalt ich mich noch einmal ganz leise. Noch immer lag ich rücklings im Gras. Fast sanft gebettet. Neue Impulse jagten durch meinen pochenden Schädel. Ob ich mir etwas verstaucht hatte? Hoffentlich war nichts gebrochen! Das wäre in der jetzigen Situation wahrscheinlich lebensgefährlich. Ich zitterte plötzlich, aber nicht vor Schmerz. Es war wohl eher Hilflosigkeit. Oder sogar Angst?
Konzentriere dich, flüsterte ich mir ganz leise zu und biss die Zähne zusammen. Das erinnerte mich an meinen Vater. Der hatte mich immer wieder gemahnt und aufgezogen, wenn ich als kleiner Junge vom Klettergerüst gefallen oder beim Fußballspielen gestolpert war. Wie war das noch mit dem Indianer und dem Schmerz? Ich hatte diese Sätze gehasst. Blöde Plattitüden von gestern. Oder vorgestern? Das war jetzt nicht wichtig. Ein anderes Kapitel.
Vorsichtig drehte ich mich von der blendenden Sonne weg. Der Griff nach links führte erst einmal ins Leere. Augen auf, sieh nach! Ein Plätschern drang an mein Ohr. Erst jetzt, nach einer gefühlten Ewigkeit. Also noch einmal konzentrieren: Vor mir gurgelte ein kleiner Bach. Mitten auf einer bergigen Wiese.
Offenbar Idylle pur. Frieden. Wie wäre es also mit langsam Aufrichten? Wieder drehte sich die Welt, der Funkenzauber im Kopf ging in die nächste Runde. Als das Feuerwerk dem knirschenden Gehirn langsam seinen Platz zurückgab, loderte es im Kopf lichterloh.
Ein Sturz am Abhang. Eine Gehirnerschütterung. Ein Arm ziemlich lädiert. Ein unrühmliches Ende am Bach. Wäre ich hineingefallen, hätte ich darin vielleicht sogar ertrinken können. Peinlich! Lächerlich. Der Wasserlauf war höchstens dreißig Zentimeter tief. Ich wäre durch das kühle plätschernde Wasser vielleicht schneller wach geworden. Ich, der Stadtjunge, ein Naturtrottel. Oder einfach nur ein Pechvogel?
Plötzlich griff von hinten jemand an meine Schulter. Der Schreck fuhr mir tief in die Glieder. Nein, noch viel schlimmer. Er ging tief, gefühlt bis tief in die Seele. Was war nur mit mir los? So fürchterlich empfindlich war ich doch noch nie gewesen? Und auch nicht so ungeschickt? Doch ich musste mir leise eingestehen: Ich war fertig. Fix und fertig. Mit den Nerven, der Beherrschung. Und offensichtlich auch mit meiner eigentlich bisher guten Fitness. Zu viel war in den vergangenen Tagen geschehen. Viel zu viel. Das alles schien mich komplett zu überfordern.
Ich holte noch einmal tief Luft, drehte mich vorsichtig ächzend um und blickte in zwei müde blaugrüne Augen. Ein weicher Blick hinter einer brünetten Haar-Mähne, die wieder den Zopf sprengen wollte. An ihrem Hals schimmerte ein kleines silbernes Kreuz. Ihre Hände glitten sanft über mein Gesicht, streichelten meine Wangen.
Ein Glücksgefühl. Ich fühlte mich sofort wie damals. Lange her. Viel zu lange. Als kleiner Junge hatte ich die warmen sanften Hände meiner Mutter ebenfalls geliebt. Sie waren Balsam gegenüber den harten Worten meines strengen Vaters. Du bist doch ein Junge, stell dich nicht so an. Wie lange waren diese Worte schon her? Und warum gerade jetzt so nah? Was war los mit mir? War ich beim Fall in eine sentimentale Falle gestolpert? Reiß dich am Riemen, schalt ich mich heftig. Also Augen auf und durch. Verdammt noch mal, wie lange wollte ich hier eigentlich noch herumliegen?
Langsam stupsten mich meine Gedanken in die Gegenwart zurück. »Hallo Mike, verstehst du mich?«, klang es durch einen dichten Nebel an meine Ohren. Ein verliebtes Seufzen voller Schrecken. Langsam registrierte ich den Schmerz in ihren Buchstaben. Die klangen schlimmer als mein eigener. »Autsch, der Arm«, entfuhr es mir seufzend. »Doch sonst scheint alles okay«, schob ich leise und vorsichtig tastend hinterher.
»Unkraut vergeht nicht«, hustete im Hintergrund eine zweite Stimme und holte mich endgültig in die Gegenwart zurück. Ich richtete mich langsam auf und wartete auf das nächste Feuerwerk in meinem Kopf. Doch das blieb aus. Gott sei Dank! Trotzdem pochte es dort oben unter meiner Schädeldecke noch immer gewaltig. Als ich mich endgültig richtig aufsetzte, packten mich sanfte Hände und halfen mir in die richtige Lage. Das tat gut, richtig gut.
Als ich mich kurz darauf an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatte und beide Augen wieder klarsehen konnten, blickte ich in die besorgten Gesichter meiner Begleiter: Nadja, meine Freundin. Zerrissene Jeans, darüber ein löchriges T-Shirt, um die Hüfte gebunden eine Sommerjacke, die nackten Füße in dreckigen Sportschuhen. Ihr Gesicht war braun gebrannt, fast zu braun. Kein Wunder, bei dieser blendenden Sonne. So intensiv und heiß hatte ich das Zentralgestirn noch nie in meinem Leben erlebt.
Nadja hatte sich ihre wilden Haare zu einem Zopf gebunden, oder hatte es wenigstens versucht. Als Kopftuch gegen die gleißenden Sonnenstrahlen diente ihr ein altes Hemd. Oder war es ihre Sommerbluse gewesen? Egal, die Zeit für Etikette war hier ohnehin vorbei. Und wie!
Zeit? Ich wollte jetzt nicht wieder darüber nachdenken.
»Hier, genehmige dir erst einmal etwas Wasser«, drang es an mein Ohr. Theo reichte mir seinen Beutel. Das Wasser schmeckte gut. Sehr gut. Viel zu gut. Wie Balsam rann es durch meinen Hals. Kühl, erfrischend, voller Kraft. »Nicht so hastig«, stoppte Theo mich leise. »Trink langsam. Schluck für Schluck. Wir haben genug davon. Und Zeit auch.« Ich grinste bitter.
Theo betastete vorsichtig meine Arme und Beine. »Gebrochen scheint bei dem jungen Mann nichts zu sein. Du hast dir den Arm wohl ein bisschen geprellt und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch eine kleine Gehirnerschütterung. Also nichts Schlimmes. Hätte deutlich böser enden können. Sogar dein Rucksack hat den Sturz offenbar unbeschadet überstanden.« Ich hörte erschrocken zu, sagte nichts. Lieber nicht jetzt. Jetzt nicht. Augen zu und durch. Nein, lieber auf und durch. Auch egal. Die Situation war viel zu grotesk.
Als Nadja mir liebevoll den Arm um die Schulter legte, bemerkte ich verstohlen ein paar Tränen in ihren Augen. »Das ist nur die grelle Sonne«, flüsterte sie leise und drehte sich schnell weg.
»Klar, nur die Sonne«, bestätigte ich schnell. Jetzt bloß ruhig bleiben, nicht durchdrehen, die Nerven bewahren. Ganz ruhig. Alles war gut, sehr gut. Bis auf ein paar Ungereimtheiten und Theos bissigen Blick. Der geheimnisvolle Wanderer aus dem Wald.
THEO
Ich fühlte vorsichtig an meinem heißen Hals. Mein Schlapphut schützte mich zwar eigentlich gut vor der Sonne, doch am Nacken hatte sie mich trotzdem unerbittlich erwischt. Und das mich. Ausgerechnet mich. Den Herrn Professor. Den Profi-Wanderer. Den Mann, der hier jeden Stein kannte. Den bekannten Wissenschaftler der Astrophysik. Den spröden, aber durchaus beliebten Typ, der mit seinen Studenten auf Exkursionen noch nie die Orientierung verloren hatte.
Bis jetzt! Ich hatte mich verlaufen. Ich, Dr. Theo Schmitz hatte mich verlaufen. Mit Verlaub, gewaltig verlaufen! Und dann auch noch zum ersten Mal in meinem Leben. Glaubte ich jedenfalls. Das zuzugeben, fiel mir schwer. Sehr schwer. Gegenüber den jungen Leuten hier am Bach hatte ich das bisher natürlich noch nicht so deutlich durchblicken lassen, doch sie schienen es zu ahnen. Ihre Blicke sprachen Bände. Glaubte ich jedenfalls.
Dabei schienen sie mir grenzenlos zu vertrauen. Für sie war ich wahrscheinlich ein alter erfahrener Wandersmann. Pluderhose, kariertes Oberhemd, Wanderschuhe, Nickelbrille. Und dann eben der Hut. Wie hatten sie mich genannt? »Indiana Jones«. Ich schmunzelte und grübelte wieder. Ich hatte diesen Namen noch nie gehört. Er klang nach Karl May, doch ich konnte mich an keine Figur mit so einem Namen erinnern. Naja, die Zeit für solche Jugendbücher war für mich schon ein bisschen länger vorbei. Ich schüttelte unmerklich den Kopf.
Nicht wichtig. Nicht jetzt. Doch wie weiter? Mike brauchte eine Pause. Das war klar. Dieser junge Mann war mir ein absolutes Rätsel. Ebenso seine Freundin. Beide trugen blaue Nietenhosen, wie Arbeiter. Und dann als Oberbekleidung nur T-Shirts auf nackter Haut. Da war ich an meiner Universität in Köln anderes gewohnt. Dort machten die meisten Jungs alle einen auf Elvis, und die jungen Frauen wippten in ihren Röcken dazu. Die Musik war in meinen Ohren etwas zu heftig, doch der Sound riss mich auch ein bisschen mit.
Ganz anders jetzt meine Begleiter. Die beiden jungen Leute wirkten auf mich viel reifer als alle jungen Leute, die ich bisher kennengelernt hatte. Dabei waren Nadja 29 und Mike 31 Jahre alt. Das hatten sie mir jedenfalls erzählt, und ich hatte es ihnen auch geglaubt. Warum auch nicht?
Fest stand für mich: Die beiden waren sehr nett und freundlich, aber auch richtig verwöhnte Großstadtkinder. Sie hatten keine Orientierung in der Natur, konnten keine Sonnenstände oder Sterne lesen, kannten Flora und Fauna offenbar nur aus Büchern oder Kino. Sie konnten kein Lagerfeuer machen, geschweige denn am Brennen halten. Und sie würden hier draußen auch nicht lange alleine überleben können. Dafür liebten sie unendliche Diskussionen, warfen mit verblüffendem Faktenwissen um sich und erstaunten mich immer wieder. Beispielsweise auch mit ihren Rucksäcken, die mir mit ihrem Material und ihrer Form wie aus einem Science-Fiction Roman vorkamen. Vom Inhalt ganz zu schweigen.
Es war reiner Zufall gewesen, als ich die beiden vor kurzem am Rande einer Sommerwiese getroffen hatte. Ich hatte Schutz gesucht vor der gleißenden Mittagssonne und glaubte, einen schattigen Platz unter einem riesigen Busch gefunden zu haben. Als ich die Zweige ein bisschen auseinander schob, blickte ich plötzlich in vier aufgerissene, erstaunte Augen. Als sie erschrocken nach hinten auswichen, hatte ich beruhigend die Arme gehoben.
»Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Es stand mir fern, Sie zu stören«, hatte ich die junge Frau und den jungen Mann leise beruhigt und die Arme angehoben. Die beiden schienen zunächst sehr erschrocken und dann aber auch erleichtert. Mir war es ähnlich ergangen, denn seit der geheimnisvollen Nacht waren dies die ersten Menschen, die ich traf. Endlich! Und ich hoffte natürlich auf viele Erklärungen. Sehr viele. Ich hatte Fragen über Fragen. Sie standen wie ein gewaltiger Berg vor mir, doch je länger ich bisher darüber gegrübelt hatte, desto verwirrender war alles geworden. Irgendwie fühlte ich mich mit diesem eigenartigen Paar auch sicherer. Große Worte, ich weiß. Das zuzugeben, fällt mir bis heute auch schwer. Doch ich fand das Paar sogar rührend.
Und mich selbst? Ich war aus meinen geordneten Bahnen geschleudert worden, hatte mein heißgeliebtes Koordinatensystem verloren und fühlte mich erstmals seit vielen Jahren wieder unsicher und fremd. Und jetzt schlüpfte ich hier sogar auch noch in so etwas wie eine Vaterrolle? Eine Vaterrolle mit 45. Dabei war ich selber doch gar nicht verheiratet. Nicht einmal verlobt. Von verliebt ganz zu schweigen. Es wäre schön. Davon träumte ich.
Doch die wenigen attraktiven Studentinnen auf meiner Uni waren für mich natürlich tabu. Das ziemte sich ganz und gar nicht. Und sonst hatte sich einfach noch nichts Ernstes ergeben. Außer damals mit Elisabeth. Aber das war lange her. Sehr lange. Fast ewig. Ich hatte sie schon lange ganz hinten in die letzte Ecke meiner Erinnerungen geschoben. Elisabeth, meine einzige große Liebe. Mein Ein und Alles! Doch der Schmerz um ihren Tod war noch immer so intensiv, dass ich ihn weit weg irgendwo tief in meinem Inneren verstecken musste. Regelrecht verbannen und verbarrikadieren. Das löschte ihn zwar nicht aus, doch er ließ sich so immer mehr eindämmen. Jedoch schienen die Gefühlswellen mich neu überrollen zu wollen.
Ich atmete also tief durch und seufzte stumm. Jetzt nicht. Jetzt nicht, Elisabeth. Jetzt nicht. Oh Gott! Nur mühsam konnte ich die grausamen Bilder in Schach halten und wieder in den hintersten Winkel der Erinnerungen zurück katapultieren. Am besten einkerkern. Für immer! Noch einmal holte ich tief Luft. Ich musste jetzt die Nerven bewahren. Ich hatte schon so viel hinter mir und überlebt. Da würde ich dieses eigenartige Abenteuer hier auch noch schaffen. Schaffen müssen.
Ich fühlte die Verantwortung auf meinem Rücken wie eine bleierne Last. Doch ich konnte mich ihr auch nicht erwehren. Warum immer ich, der Kümmerer, der Macher, der Entscheider, der Indianer – wie hatten die beiden mich nochmal genannt? Schluss jetzt mit dem Gedanken-Karussell, schimpfte ich ganz leise innerlich und stand auf.
»Dann sollten wir hier irgendwie unser Nachtlager einrichten«, meinte ich halblaut und rieb die Hände. »Wenn ihr einverstanden seid. Viel weiter zu ziehen, bringt heute wahrscheinlich nichts mehr. Und damit Mike nicht wieder über eine Wurzel stolpert und den Hang hinunterfällt, sollte er sich ein bisschen schonen, oder?«
Mike rollte mit den Augen und Nadja nickte mir müde grinsend zu. Was für eine starke junge Frau!
NADJA
Meine Augen tränten. Verstohlen rieb ich die salzigen Perlen von meiner viel zu trockenen Haut. Sie glühte fast. Was würde ich jetzt für eine vernünftige Creme geben? Eine Sonnencreme. Am besten mit Lichtschutzfaktor 100. Gab es sowas überhaupt? Egal! So erschöpft wie jetzt war ich noch nie in meinem Leben gewesen. Gefühlt jedenfalls. Dabei hatte ich bisher im Fitness-Center immer gute Zeiten und Ergebnisse hingelegt. Eigentlich war ich in Topform und bester Laune. War? Wie lange war das jetzt her? Stunden, Tage, Wochen?
Ich hatte innerhalb kürzester Zeit jedes Zeitgefühl verloren. Klingt verrückt, war aber so. Und mich selber hatte ich auch irgendwie verloren. Meinen Rhythmus, meinen Way of Life, meine mühsam erarbeitete Balance zwischen Job, Familie und Liebe.
Doch jetzt musste ich nur noch gut funktionieren. Am besten sehr gut. Für mich eigentlich nichts Neues, nichts Tiefgreifendes. Denn so hatte ich es vor vielen Jahren gelernt. Vor allem von meiner Mutter. Damals alleinerziehend. Neben mir drei Brüder. Alle jünger. Ich war die Älteste. Das Trio rotzfrech, aber lieb.
Ich als große Schwester musste mich immer durchsetzen. Wie Mama. Doch die war meistens den ganzen Tag über weg. Arbeiten. In Schichten und zwei Jobs. Mini-Jobs, Mini-Gehalt und zuhause Mega-Hunger. Ich, die Große, hatte alles hinbekommen. Fast alles. Sogar mit Erfolg. Die »Kleinen« schafften erst mich und dann sogar die Schule. Die Familie schlug sich erfolgreich ins neue Jahrtausend, und ich biss die Zähne zusammen.
Abi, Studium, Job. Ich habe gejobbt, gepaukt, hart angepackt. Für die Liebe blieb kaum Zeit. Mal ein One-Night-Stand hier, mal einer dort. Doch die Sehnsucht nach mehr fraß mir tiefe Wunden ins Herz. Viele Enttäuschungen, viele Tränen und viele Abstürze später, dann endlich mein großes Glück, auf das ich schon länger nicht mehr gehofft hatte: Irgendwann hatte Mike vor mir gestanden: Lockiger Wuschelkopf, tropfnass und klatschnackt war er aus dem großen und kühlen Baggersee geklettert. Er kam wie eine Erscheinung in mein Leben. Und er blieb.
Ich hatte ihn im Wasser erst gar nicht sehen können. Die Sonne funkelte schon tief am Horizont und hatte den See in ein flirrendes Etwas verwandelt. An dieser Stelle befanden sich nur wenige Menschen, weil der schönere und größere Sandstrand am anderen Ende der Wasserfläche lag. Nur dorthin war der Weg von meiner kleinen und viel zu teuren Bude weiter und der Zutritt kostspieliger. Denn feiner Sand am Rand der Großstadt kostet Knete. Eine Cola oder ein Campari als Zugabe natürlich erst recht. Doch darauf hatte ich gar keine Lust gehabt.
Hier war der Zugang zum See durch den matschigen Schlick am Ufer zwar ein bisschen rutschig und gefühlt unangenehm an den Füßen, doch dafür geschützt vor vielen neugierigen Blicken. Kein Wunder, dass hier einige auch nackt ins Wasser gingen. Die Stelle war ein Geheimtipp.
Doch das hatte ich erst später bemerkt. Auf meiner abendlichen Radtour hatte ich hier aus lauter Zufall angehalten und mich ins sonnenwarme Gras am Wasser gesetzt. Es war mitten in der Woche, nicht viel los und abgesehen von ein paar zwitschernden Vögeln ziemlich ruhig. Meine Gedanken verloren sich in der Ferne – und dann stand er jedenfalls vor mir. Mike. Schlank, schlaksig, selbstbewusst. Kein bisschen verschämt.
Das Schlimmste dabei: Er grinste mich an und ging einfach vorbei. Erst jetzt entdeckte ich im Hintergrund an einem Baum einen großen Rucksack und ein Handtuch. Ein Riesending in Rot mit einem FC-Logo. Aha, ein Fußballfan, schoss es mir durch den Kopf. Und dann auch noch für den 1. FC Köln. Das machte ihn für mich noch sympathischer. Als er nach wenigen Minuten mit einer Flasche Rotwein vor mir stand und mir einen Schluck anbot, war es um mich geschehen. Bäng! Wie in so einem crazy Kitschfilm. Am besten in Rosa. Gruselig. Doch – ich stand in Flammen.
Klar, er hatte sich längst angezogen. Ein richtig gutaussehender Typ in kurzer Jeans, barfuß und noch immer oben ohne. Eher ein Typ Lausbub, alles andere als ein Draufgänger. Es funkte sofort. Es brannte regelrecht in mir. Dieser Typ war einfach umwerfend. Normalerweise war ich nicht so schnell zu entflammen. Ehrlich! Und Sex, naja. Könnte auch warten. Ich ging nicht gleich in die Vollen, wie meine Freundin Jutta. Wenn sie Lust auf mehr hatte, dann … Naja, das ist ein anderes Thema.
Also zurück zu unserem ersten Abend. Natürlich hatten wir dort am Ufer viel gelacht und getrunken. Zu essen hatte er natürlich nichts dabei. Typisch Kerle eben, dachte ich damals. So fielen die Promille in einen nüchternen Magen. Der allerdings brummte nicht, sondern stand bereits heftig in Flammen. Lichterloh. Wie lange wir damals Arm in Arm am See gesessen hatten, wussten wir später auch nicht mehr. Es war eine Tropennacht der Temperaturen und Herzen.
Die Heimfahrt jedenfalls war fast vom Sonnenaufgang begleitet worden. Dann ein vorsichtiges Küsschen, eine Verabredung für den nächsten Abend. Mehr nicht. Noch nicht, zumindest! Als ich in meiner kleinen Bude zuhause war, loderte es in mir wie in einem Vulkan. Diesen netten Typen musste ich unbedingt wiedersehen. Ihn will ich haben. Mit ihm möchte ich mehr. Das wusste ich schon am ersten Abend.
So etwas war mir noch nie in meinem Leben passiert. Freundinnen haben mir schon öfter von so etwas erzählt. Sogar meine eigene Mutter hatte im reifen Alter noch eine große Liebe gefunden und sofort festgehalten. Mein Bonusvater Heinz eroberte durch seine ruhige, liebevolle Art neben meiner Mutter auch noch meine drei skeptischen Brüder und mich, die Bedenken tragende Skeptikerin im Sturm. Wir wurden endlich eine »richtige« Familie voller Gefühle und Liebe. Ein Traum.
Doch dass es mich selbst auch einmal so intensiv erwischen würde, hätte ich nie gedacht. Aus meinem Gefühlsgewitter wurde bald ein wohltuender Gefühlssturm mit ausgeglichener Langzeitwirkung. Jetzt waren wir seit ziemlich genau vier Jahren ein Paar. Wir haben gemeinsam schon so einige Höhen und Tiefen erlebt, doch dies hier war die bisher ultimativ größte Herausforderung unseres Lebens. Dabei hatte ich noch gar nicht genau verstanden, was eigentlich genau um mich herum passiert war.
Und dann hatten wir auch noch diesen »Indiana Jones« getroffen. Dieser Typ mit Schlapphut, Pluderhose, kariertem Hemd und Nickelbrille hatte sowas wie von gestern ausgesehen, dass ich zuerst dachte, tatsächlich in einem Film gelandet zu sein. Auch das freundliche Benehmen des Fremden hatte mich total fasziniert. Dabei hatte er uns ausgerechnet bei einem innigen Kuss im Gebüsch überrascht und sich nichts anmerken lassen. Das rechnete ich ihm verdammt hoch an. Ansonsten wurde ich aus unserem geheimnisvollen Mitwanderer nicht schlau. Absolut nicht.
MARIE
Ich verstand gar nichts mehr. Mein Leben stand Kopf. Seit der einen Nacht, dem Zorn der Götter und ihrem unheimlichen Gedonner.
Ich kauerte barfuß, nicht weit von Nadja und den beiden Männern entfernt in einem Gebüsch. Hier unter dem dichten Blätterdach fühlte ich mich geborgener und sicherer als auf der freien Wiese. Hier war ich vor der gleißenden Sonne besser geschützt und fühlte mich auch vor möglichen Verfolgern und neugierigen Blicken sicherer. Hier war ich in meinem Element. Warum die Fremden so anders waren, verstand ich nicht. Auch ihre Sprache nicht! Doch sie waren zurzeit die einzigen Menschen, zu denen ich Vertrauen hatte.
Die Bäume, Wiesen, Kräuter, Wildblumen, Bäche und alles hier um mich herum waren seit meiner Geburt mein Zuhause. Das soll laut Mama vor vierzehn Sommern gewesen sein. So ungefähr jedenfalls, denn mit Zahlen kannte ich mich nicht aus. Dafür aber mit allen Schlupfwinkeln, Pfaden und Wegen. Ich kannte die Fährten der Tiere und die meisten Gefahren, die im Wald lauerten. Ich kannte die Früchte der Wiesen und des Waldes. Ich kannte alles und kannte mich doch plötzlich nicht mehr aus. Alle meine alten Pfade und Wege schienen von heute auf morgen urplötzlich wie von magischer Hand verschwunden zu sein. Das verunsicherte mich tief.
Auch dass ich kaum ein Wort verstand, was die drei Fremden sprachen. Ihre Worte schienen so fremd, so exotisch wie die Landschaft. Ich habe die drei Menschen durch Zufall vor kurzem an einem Bach entdeckt. Dort wollte ich nur rasch frisches Wasser schöpfen und meinen unendlichen Durst stillen.
Erst hatte ich mich über die drei Fremden, die am gurgelnden Wasser hockend lautstark miteinander redeten und gestikulierten, sehr erschrocken und war ganz vorsichtig auf Distanz geblieben. Noch wusste ich nicht, ob von den Dreien eine Gefahr ausging. Waren sie Freund oder Feind? Wie sollte ich das herausfinden? So blieb ich auf vorsichtiger Distanz und bis zum Sonnenuntergang unsichtbar im Hintergrund. Doch schon bald riet mir mein innerer Instinkt, den geheimnisvollen Menschen zu folgen. Den halben Tag hatte ich sie leise verfolgt und ihren fremdartigen Tönen gelauscht.
Ich spürte schnell, dass die drei hier genauso hilflos durch die Gegend streiften wie ich. Sie gingen Pfade doppelt, stolperten hilflos über Wurzeln, blickten sich immer wieder suchend um. Und spätestens am Abend, als die drei es sich bei einem kleinen Lagerfeuer bequem machten, hatte ich mich vorsichtig aus den Büschen heraus und in die Nähe getraut. Ein Wagnis! Doch mein großer Durst besiegte die Angst! Und die drei hatten etwas zu trinken. Ich selber hatte mich am Morgen nicht mehr an den Bach gewagt, um sie nicht zu verlieren.
Ich griff an mein Lederarmband, murmelte ein kurzes Gebet, nahm allen Mut zusammen und ging mutig auf sie zu. Ganz langsam, Schritt für Schritt. Mein inneres Gefühl sagte mir, dass keine Gefahr bestand. Doch trotzdem. Ich blieb auf der Hut. Als die junge Frau mich plötzlich entdeckte, schrie sie laut auf, und ich erschrak fürchterlich.
Ich bin sofort stocksteif stehen geblieben. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Was jetzt? Flucht? Abwarten? Augen schließen, wie zuhause? Als ich mich gerade umdrehen wollte, um zurück in die sicheren Büsche zu sprinten, war die Frau plötzlich aufgestanden, langsam auf mich zugegangen und hatte ganz ruhig auf mich eingeredet. Ich hatte zwar kein einziges Wort von dem, was sie murmelte, verstanden, doch ihre Laute klangen liebevoll, leise und gut. Dann hat sich die junge Frau vor mich hingekauert, mich umarmt, und ich hatte es zu meiner Überraschung zitternd zugelassen.
Das hat mir so gutgetan. Danach habe ich mich so gesehnt. Trotzdem waren bei mir noch alle Sinne im Alarmzustand. Könnte ich diesen Fremden trauen oder nicht? Ich ließ es vorsichtig zu und zeigte ganz bald auf die Flasche. Ich hatte so einen heftigen Durst und wollte endlich trinken. Die drei Fremden halfen mir, das seltsame Gefäß aus einem sonderbaren durchsichtigen Material zu öffnen, und ich fühlte tief in ihrem Herzen: Mit ihnen war ich irgendwie sicher.
Wenn da nicht dieses Sprachproblem wäre. Ich verstand kein Wort von dem, was sie sagten. Sie mussten von sehr weit herkommen. Vielleicht vom Rande der Welt. Ich hatte keine Ahnung. Das war unheimlich und auch schwierig. Denn mich verstanden sie leider auch nicht. Mit vielen Gesten und Armbewegungen hatten sie auf sich gezeigt und offenbar Namen genannt: Das klang nach N a d j a, M e i k und irgendwie T h e o. Dann haben sie auf mich gezeigt und ich habe »Marie« gestottert.
So etwas habe ich bisher noch nie erlebt. Fremden wich man aus. Immer. Zur eigenen Sicherheit. Und ich sowieso. Die Situation war für mich unheimlich. Und ihre Töne erst recht. Nur der Mann mit dem Hut hatte ein paar Laute gefunden, die mir bekannt vorkamen. Aber auch das war zwar nicht meine Sprache, doch mit seinen lächelnden Augen hatte er mir ein paar Worte entlocken können. Und ich glaubte, ihn verstanden zu haben. Einiges jedenfalls.
Jetzt blickte ich durch die Blätter hoch in den blauen Himmel und freute mich auf den Abend, als die gleißende Sonne endlich versank. Jede Nacht fand ich Trost beim Berühren meines Amuletts. Das stammte von meiner Großmutter und war mir heilig. Es sollte im Notfall Zauberkräfte gegen das Böse wecken. Ich vertraute auf die Magie, auch wenn sie mir bisher noch nicht geholfen hatte.
Trost fand ich aber auch beim Blick in den Himmel. Die meisten Lichter und Feuer kamen mir bekannt vor, auch wenn manche leicht verrutscht wirkten. Doch vielleicht spielten mir auch nur die Sinne einen Streich. Was auf alle Fälle noch immer stimmte, war der helle Mond. Gewaltig, wenn er in seinem eiskalten Licht nachts durch den Wald leuchtete oder morgens die ersten Nebelschwaden in geheimnisvolle Geisterwesen verwandelte. Vor denen hatte ich höllischen Respekt, denn sie waren die Hüterinnen des Waldes. So hatte ich es gelernt, so war ich groß geworden, so hatte ich bisher überlebt. Bisher!
MIKE
Als das kleine Feuer auf der Wiese endlich brannte, lehnte ich mich trotz der Schmerzen entspannt zurück. Unser Ausflug in die Natur ähnelte einer gemütlichen Sommertour. Neben mir hockte Nadja verschwitzt und blickte verträumt in die Flammen. Uns gegenüber saß Theo und kaute an einem Grashalm. Marie hatte sich wieder irgendwo in die Büsche verzogen, blieb aber offenbar immer ganz in unserer Nähe. Ein geheimnisvolles Wesen. Sie wirkte auf mich einerseits wie ein schüchternes Kind und andererseits wie eine reife, junge Frau, die ihren Wald kannte. Niemand sprach ein Wort.
Die Erschöpfung war fast greifbar zu spüren. Sie wurde umspült von einem Hauch Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Jeder hing unhörbar seinen Gedanken nach und suchte nach Lösungen. Auch ich drehte mich dabei wieder einmal hoffnungslos im Kreis. Denn zum Donnerwetter noch mal: Wir hatten in dieser wilden Gegend voller Berge, Wälder, Wiesen und Bäche komplett die Orientierung verloren. Undenkbar eigentlich in einer Zeit der Navis, GPS-Signale und Satelliten.
Was bisher festzustehen schien: Wir mussten uns wohl noch immer irgendwo in der Eifel befinden. Eine wunderschöne Naturlandschaft zwischen Deutschland, Belgien, Frankreich und Luxemburg. Zu großen Teilen sogar ein Naturschutzpark. Wild, grün, geheimnisvoll, voller Leben und Geschichte. In früheren Jahrtausenden ein heftiges und junges Vulkangebiet, und tief unter unseren Füßen sollte es sogar noch heute im Erdinneren brodeln. So jedenfalls habe ich es in einem wissenschaftlichen Artikel gelesen.
Jetzt allerdings brodelten nur meine Gedanken. Ich blickte auf die vergangenen Tage und Ereignisse zurück und versuchte sie einzuordnen und zu verstehen. Doch es fiel mir aufgrund der vielen Ungeheuerlichkeiten ebenso schwer, wie die Augenlider offen zu halten. Langsam sank ich, ohne es zu wollen, in einen wohltuenden Dämmerzustand zurück.
Der heiße Sommertag war einer angenehmen Wärme gewichen und das weiche Gras um uns herum wogte in einer leichten Brise. Dazu kam das stetige Plätschern des kleinen Baches neben mir. Eigentlich klang alles nach purer Idylle, wäre da nicht so ein tiefes, unheimliches Grundrauschen in meinem Kopf gewesen. Ob das noch von meinem blöden Sturz von vorhin kam? Oder hatte ich das schon länger? Dafür schien der leichte Schmerz im Arm langsam zu verschwinden. Immerhin tröstete mich das so, dass ich beim Grübeln langsam weg schlummerte.
NADJA
Zärtlich blickte ich auf den schlafenden Mike. Der Kerl konnte echt überall pennen. Einfach so. Sogar sitzend an einem Baum, im Flughafen, an einer kalten Säule im Bahnhof oder auf einem unbequemen Stuhl. Beneidenswert.
Ich fasste zum Trost, dass ich wieder keine richtige Ruhe fand, an mein silbernes Kreuz am Kettchen um den Hals. Mein Talisman. Er hatte mich bisher immer beruhigen können. Ob Glaube oder Aberglaube. Egal. Doch heute konnte er das nicht. Im Gegenteil! Bis sich meine wirren Gedanken jedes Mal zur Ruhe betten konnten, ging manchmal im Sommer die Sonne schon wieder auf.
Auch jetzt ging bei mir wieder nichts. Ich war todmüde, restlos erschöpft und gleichzeitig hellwach. Die Geräusche des Waldes, des Baches und der Wiese brummten in meinen Ohren und erschienen mir alle viel lauter als sonst.
