Zeitreisen - Falko Blask - E-Book

Zeitreisen E-Book

Falko Blask

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Beschreibung

Physikalische Meisterleistung, kühnes Gedankenexperiment und tiefverwurzelte menschliche Sehnsucht. Die Idee, das Gefängnis der Gegenwart zu verlassen und durch die Zeit zu reisen, fasziniert die Menschen seit langem. Dieses Buch gibt einen umfassenden und unterhaltsamen Überblick über alle Aspekte des Zeitreisens und enthüllt erstmals existierende Prototypen von Zeitmaschinen und verblüffende Ideen aus dem grenzwissenschaftlichen Untergrund; es erläutert verständlich die physikalischen Theorien der Zeitreise und stellt brisante Patentschriften sowie Erfinder, Spinner und Genies vor, die sich an Zeitreisen des Bewusstseins versuchen. Es folgt Hinweisen auf Zeitmaschinen im Vatikan, in verborgenen Tempelanlagen oder in amerikanischen und russischen Labors, präsentiert selbsternannte Zeitreisende und natürliche Zeittore. Darüber hinaus entwerfen die Autoren eine Ideen- und Kulturgeschichte des Zeitreisens anhand von Film, Literatur, Mythen, Religion und Philosophie. «Als Einstieg empfohlen.» (ORF) «Amüsant, auch bei mitunter schwierig zu erklärenden Theorien immer gut verständlich.» (Kultur und Technik–Magazin aus dem Deutschen Museum, München) «Buch des Monats.» (GEO Wissen)

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Seitenzahl: 452

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Falko Blask

Ariane Windhorst

Zeitreisen

Die Erfüllung eines Menschheitstraums

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Der Traum von der Zeitmaschine

1. Der Meister und seine Jünger

2. Die ideale Zeitmaschine

II. Der Mythos lebt

3. Zeitagenten am Ende des Universums

4. Das Fernsehen als Zeitmaschine

5. Stargates und Time Tunnels

6. Unendliche Geschichten und unerklärte Phänomene

7. Ernste Spiele – Zeitmaschinen für Aussteiger

8. Traumzeit, Ewigkeit und Zeitenwanderer

III. Zeitreisen des Geistes

9. Der Körper bleibt zu Hause

10. Zeit ist eine Illusion

11. Surfing on the Timeline

IV. Technologie der Zeitmaschine

12. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

13. New Scientists und russische Genies

14. Hardware

15. «Physik muss sich an der Wirklichkeit orientieren» – Die skeptische Perspektive

16. Finden Zeitreisen bereits statt?

17. Schneller als das Licht

18. Sind sie längst unter uns?

Epilog

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Einleitung

Die gute Nachricht gleich zu Beginn: Zeitreisen sind möglich!

Und nun die unangenehme Nachricht: Wir raten dringend von allen Versuchen, Zeitreisen zu unternehmen, ab. Sie sind gefährlich für Körper und Geist, bedrohen die Ordnung auf der Erde und im Universum und können uns den Spaß an dem verderben, was wir unser ganz normales abenteuerliches Leben im Hier und Jetzt nennen.

Schon völlig unabhängig von irgendwelchen mechanischen Zeitmaschinen kann der Mensch sein eigenes Gehirn dazu nutzen, durch die Dimensionen und Zeiten zu schlüpfen, Parallelwelten zu erkunden und im Restaurant am Ende des Universums einen Drink zu bestellen. Aber auch diejenigen, die von einer Maschine träumen, in die sie einsteigen können – Tür zu und ab durch die Mitte–, haben eine Chance. Sie müssen sich nur noch ein wenig gedulden: Die vorgeschlagenen Apparaturen sind bislang leider weder von Patentämtern noch von technischen Überwachungsvereinen abgesegnet worden.

Die Sehnsucht nach Zeitmaschinen entspringt einem inneren Auftrag: Wir sind schließlich Nachfahren von Nomaden und in vielerlei Hinsicht wollen wir immer noch gern woanders sein als dort, wo wir uns gerade befinden. Immer auf der Suche nach einem besseren Ort treibt es uns weiter. Das Hier und Jetzt genügt uns nicht – selbst wenn es gemütlich, warm und trocken ist, fragen wir uns, ob wir nicht anderswo noch besser aufgehoben wären.

In Zeiten von Not und Gefahr, ohne Hoffnung auf Besserung, wünschen wir uns nur eins: Nichts wie weg! Diesem elementaren und mit dem Fortschreiten der Lebenszeit immer stärker drängenden Impuls des Menschen sind durch seine scheinbar dreidimensionale Existenz jedoch tragische Grenzen gesetzt. Warum bloß dieses Jahrhundert, seufzen sowohl Nostalgiker als auch Zukunftsfreaks.

Und fast alle klagen: Wir haben so viel falsch gemacht, wenn wir doch bloß die Zeit zurückdrehen könnten und eine zweite Chance bekämen, dann…

… würden wir die Umwelt nicht zerstören.

… würden wir Kriege verhindern.

… würden wir unsere Ehe retten.

… könnten wir die Weltmeisterschaft von 2002 doch noch gewinnen.

Wir können jeden Punkt auf diesem Planeten erreichen, und irgendwann dürfen (oder müssen) wir ihn sogar verlassen. Aber die Zeit haftet an uns wie eine Haut, sie umgibt uns wie das Meer den Wal. Manchmal, in ganz besonderen Momenten, springen wir für einen Augenblick aus ihr heraus – mehr aber auch nicht. Sie gibt uns niemals frei, wir sind lebenslänglich inhaftiert. Das fordert uns heraus, provoziert unseren Widerstand. Die Suche nach dem Paradies oder nach außergewöhnlichen Erfahrungen, die das Dasein transzendieren, ja, sogar religiöse Motive sind letztlich der Sehnsucht entsprungen, die Zeitlichkeit des Daseins zu überwinden – nicht nur auf der Zeitwelle zu surfen, sondern den ganzen Strom beliebig rauf- und runterzugondeln.

Am Ende der Liste steht dann vielleicht der Wunsch, Herr über Leben und Tod, das Schicksal und obendrein den Rest der Welt zu sein. In allererster Linie aber Meister des eigenen Daseins. Was sollte man schließlich auch sonst im Diesseits tun? Wozu sind wir denn sonst hier? Da wir nun einmal in diese Zeit geworfen wurden – warum auch immer–, wollen wir sie dehnen, kneten, zwirbeln und stauchen – so lange, bis sie endlich nachgibt, bis ein Riss entsteht oder eine Lücke, durch die wir hinausschlüpfen können.

Ob wir das mit auf einem Fluxkompensator montierten Bügeleisen und pulsierenden elektromagnetischen Feldern bislang ungeahnter Qualität anstellen oder uns dazu in einen Bewusstseinszustand versetzen, den die Krankenkasse keineswegs gutheißt, ist egal – Hauptsache, wir gehen auf die Reise.

Warum dieser Aufwand mit der Zeit? Weil sie da ist, könnte man in Anspielung auf Everest-Bezwinger Edmund Hillary behaupten, und das kommt dann unserer Theorie schon sehr nahe: Wir haben das dringende Bedürfnis, durch die Zeit zu reisen, einfach weil wir diese verrückte Idee davon haben, weil unser Geist sich an dem Gedankenexperiment berauscht und weil langweilige Vernunftapostel notorisch behaupten, es sei gar nicht möglich. Nur, weil es noch keiner geschafft hat? Pah, früher dachte man auch, Fliegen sei unmöglich. Intuitiv wissen wir nämlich spätestens nach dem Erwachen aus unserem ersten fantastischen Traum, dass allein schon das nackte Bewusstsein mehr vermag, als uns die Naturgesetze der materiellen Welt glauben machen. Und auch die Idee der Zeitmaschinen-Hardware provoziert den Erfindergeist weit über die Anforderungen der stagnierenden Industriegesellschaft hinaus. Beiden Universen – dem des zeitreisenden Bewusstseins, aber auch dem der Physik und ihrer konkreten Technik – haben wir Raum gegeben, um sie letztlich vielleicht sogar zu einer Fusion zu bewegen, an deren Ende Maschine, Mensch und Zeit einen harmonischen Schwingungszustand miteinander eingehen.

Am Anfang allen Nachdenkens über die Stellung des Menschen in der Zeit erscheint es noch sonnenklar: Bis in die letzte Hautfalte und das Innerste unserer Knochen bestehen wir aus Materie, die bereits bei der Entstehung des Universums vorhanden war und den Urknall live miterlebt hat. Minimale Introspektion verrät uns, dass es wohl mindestens ein Bewusstsein gibt, nämlich unser eigenes – mit seinen uns immer wieder verblüffenden Möglichkeiten.

Warum sollte dieses Bewusstsein nicht mit einem anderen denkbaren, das ziemlich allmächtig ist, so manches gemeinsam haben? Vielleicht ist unser kleines Bewusstsein wie alles andere sogar ein Teil davon? Warum sollte die Information in den kleinsten Teilchen, aus denen wir bestehen, nicht für unseren Geist zu entschlüsseln sein und damit einige Milliarden Jahre Geschichte des Universums? Warum soll es unmöglich sein, herauszufinden, was vor dem Urknall war?

Dass auch die widerspenstigen Eigenheiten des Universums uns sehr nahe sind, deutet bereits eines der Urprinzipien der hermetischen Philosophie an, das Hermes Trismegistos, früher Thot, dem ägyptischen Gott des Mondes und der Zeit, zugeschrieben wird: «Wie oben, so unten.» Der Makrokosmos findet seine Entsprechung im Mikrokosmos, das Kleine und das Große entsprechen sich, korrespondieren sogar, heißt es.

Einige Jahrhunderte später wurde aus der dezenten Andeutung eine komplexe holistische Naturphilosophie, deren Feldtheorie auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereinheitlichte. Auch die Ansprüche der denkenden Wesen stiegen immens: Grenzen sind nicht erlaubt, Grenzen existieren nicht, fordert etwa Bewusstseinsforscher John C.Lilly und hält im Bereich des Geistes schlichtweg alles für möglich.

Und die fiktive Figur «Q» aus der Fernsehserie Star Trek – das nächste Jahrhundert, eine nahezu allmächtige Person aus einer Welt, die in der Serie «Kontinuum» genannt wird und jenseits aller denkbaren Welten liegt, hat einen gutgemeinten Ratschlag für die Menschen: «Verlegen Sie sich auf die Erkundung unbekannter Möglichkeiten der Existenz!»

Herauszufinden, ob es von Erfolg gekrönt sein kann, dieser Aufforderung nachzukommen, dafür soll dieses Buch das physikalische, philosophische, psychologische und handfeste Rüstzeug liefern. Das Ergebnis muss jeder selbst beurteilen. Doch wir sagen es noch einmal: Nach allem, was wir wissen, können wir keinesfalls eine Empfehlung aussprechen, sein Leben damit zu verbringen, durch die Zeit reisen zu wollen – wenn es tatsächlich funktioniert, dann erst recht nicht: Es ist viel zu gefährlich!

I.Der Traumvonder Zeitmaschine

Annäherung an ein Phänomen

1.Der Meister und seine Jünger

H.G.Wellsunddie Folgen

«‹Denn alles bis zu diesem Augenblick ist eine Geschichte›, sagt Tyler, ‹und alles von nun an ist eine andere Geschichte. Dies ist der größte Augenblick unseres Lebens.›»

Chuck Palahniuk, Fight Club

Die Idee, dass Zeit weder absolut ist noch linear verläuft, war schon im ausgehenden 19.Jahrhundert nicht neu. Immanuel Kant hatte bereits die Subjektivität der Zeitanschauung postuliert und der Zeit objektive Realität abgesprochen. In ihrer ordnenden Funktion ermöglicht Zeit erst Erfahrung und Erkenntnis. Raum und Zeit sind nach Kant reine Anschauungen, die den empirischen Anschauungen zugrunde liegen, und somit «bloße Formen unserer Sinnlichkeit»1.

Mit dem Siegeszug der nicht-euklidischen Geometrie bahnte sich bereits das abstrakte multidimensionale Denken an. Und der Philosoph Gustav Theodor Fechner, Erfinder der experimentellen Psychologie und Psychophysik, schloss 1846 anhand einfacher Gleichnisse von Leinwandprojektionen und laufenden Kugeln erstmals auf ein vierdimensionales Weltbild.1*

Die Literatur zog nach. Schon 1889 schickt Mark Twain in Ein Yankee an König Artus’ Hof seinen Helden Hank Morgan mit einem Schlag auf dessen Kopf ins sechste Jahrhundert; Charles Dickens lässt Geizhals Scrooge dank eines Weihnachtsgeistes ebenfalls in Vergangenheit und mögliche Zukunft blicken. Raufereien und Geister sollten als Konkurrenz um den Titel «Erste Zeitmaschine» allerdings außer Konkurrenz laufen. Denn der große Visionär und von Krankheiten gepeinigte Sozialutopist Herbert George Wells war schließlich der Erste, der 1895 eine Apparatur ersann, die die aktive Reise durch die Zeit ermöglicht – und zwar in beide Richtungen, was selbst für moderne Physiker eine noch größere Herausforderung wäre, als nur mal kurz in der Vergangenheit vorbeizuschauen. Adalbert von Chamissos Dampfross (1830 erdichtet) überholt zwar ebenfalls die Zeit, und Edward Page Mitchell lässt 1881 seine Protagonisten mit Hilfe einer alten Wanduhr in der Zeit zurückreisen, aber der willentliche Schöpfungsakt einer Maschine, die die Zeit beherrscht, ist eine originäre Wells-Erfindung. Er traf damit präzise den Geist des Jahrhunderts, über den der englische Literaturwissenschaftler und Wells-Experte Elmar Schenkel schreibt: «Das 19.Jahrhundert ist das erste, das die Raumreise durch Zeitreisen ergänzt, vielleicht, weil es eng wurde auf der bekannten Kartographie. Ist es nicht der Traum, so doch etwas Maschinenähnliches, das die frühen Spiele mit der Zeit ermöglicht; vielleicht ein Hinweis auf die Verwandtschaft von Traum und Maschine.»2 Schenkel verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf Lewis Carroll, einen frühen Großmeister des Paradoxen, der in seinem Roman Sylvie und Bruno 1889 eine magische Uhr vorstellt, durch deren Manipulation man die Zeit zurückdrehen kann.

Wells’ Vehikel ähnelte aber wohl eher einem zu breit geratenen Fahrrad als einem Konstrukt, in dem Teilchenbeschleuniger oder energiereiche Laser verbaut sein könnten – wie sie heutige Wissenschaftler in Zeitmaschinen installieren würden.

Die technischen Details über das Wunderding erschöpfen sich allerdings in dürren Aussagen wie der, dass es in erster Linie ein Gestell «aus Metall, Ebenholz, Elfenbein und durchscheinendem Quarz»3 ist. Bei dem Metall soll es sich um Nickel handeln; eine Information, die zwar für einen Nachbau wenig hilfreich ist, aber Wells’ ironische Seite andeutet. Denn Nickel er. hielt seinen Namen nach einem Berggeist, sodass die literarische Zeitmaschine wohl auch ein wenig okkulte Energie für ihren Antrieb mit auf den Weg bekam.

Der Zeitreisende – wie Wells seinen anonymen Protagonisten nennt – entschwindet mit der Maschine aus seinem Labor und kehrt in desolatem Zustand zu einer Zusammenkunft seiner Freunde zurück, zu denen auch der Ich-Erzähler gehört. Was er berichtet, ist zweimal verfilmt worden und zählt zum Allgemeingut negativer Utopien: Im Jahr 802701 ist die Menschheit eine quasikommunistische, in einem scheinbar paradiesischen Garten lebende Gemeinschaft debiler Blumenkinder. Sie hausen in Ruinen, leben von Früchten und verdanken einem zunächst unbekannten Lieferanten ihre Kleidung und die Dinge des täglichen Bedarfs. Von Kultur, Wissenschaft oder Militär keine Spur mehr. Dafür tägliches Glück und Angst vor der Dunkelheit. Der Zeitreisende findet jedoch entsetzt heraus, dass es noch eine andere Bevölkerung des Planeten gibt: Unter der Erde hausen Horden von Ingenieuren und Maschinisten, Morlocks genannt, die die an der Oberfläche lebenden Eloi zwar versorgen, aber auch verspeisen. Ein Zustand am Ende der Zivilisation, wenn sich Arbeitsteilung und Industrialisierung gegen die Nachfahren ihrer Erfinder gewandt haben, wenn Sklaverei den radikalsten Aufstand der Unterdrückten bedingt hat, wenn der Kulturmensch zum Schlachtvieh degradiert worden ist – ohne es auch nur im Geringsten zu realisieren. Den Zeitreisenden befällt angesichts dieser Zukunft der Menschen Trostlosigkeit: «Bekümmert dachte ich daran, wie kurz der Traum vom menschlichen Geist gewesen war. Dieser Geist hatte Selbstmord begangen.»4 Und er analysiert auch, aus heutiger Perspektive erschreckend visionär, wie es dazu kommen konnte: «Dies war seit jeher das Los der Tatkraft in einem Zeitalter der Sicherheit: Sie wendet sich der Kunst und der Erotik zu, und danach setzen Schwäche und Verfall ein.»5

Der Pessimismus steigert sich zur Fassungslosigkeit, wenn er vor den Morlocks noch weiter in die Zukunft flüchtet, in eine Zeit, in der die erkaltete Erde unter einer matten roten Sonne nur noch von einem runden zuckenden «Ding» mit Fangarmen bewohnt wird. Der Zeitreisende kehrt nach diesen Erlebnissen zwar zurück, um zu berichten, bricht aber kurz darauf zu einer zweiten Reise auf, von der er angeblich nie zurückgekehrt ist. Jedenfalls nicht zurück in die Zeit des Erzählers.

Eineverwandelte Fortsetzung

Die gängige Idee, dass es sich bei Wells’ Schilderungen lediglich um einen Roman handelt, weist Egon Friedell in seinem satirischen Werk Die Rückkehr der Zeitmaschine vehement zurück. Es sei kein Roman, sondern ein Tatsachenbericht, daran besteht für den Ich-Erzähler aus Friedells Werk kein Zweifel.

Durch einen Briefwechsel mit Wells’ Sekretärin stößt dieser Ich-Erzähler auf den einzigen von Wells’ nicht zitierten Zeugen, der der Schilderung des Zeitreisenden lauschte: den Journalisten Anthony Transic. Auf dessen Augen- und Ohrenzeugenbericht fußt Friedells Buch, in dem es dann um die fatalen Versuche des Original-Zeitreisenden geht, auch in die Vergangenheit zu gelangen; ursprünglich nur ins Jahr 1840, um Vorlesungen des schottischen Dichters und Historikers Thomas Carlyle zu hören. Doch beim ersten Versuch bewegt sich die Zeitmaschine nicht ein Sekündchen zurück. Die Ursache liegt darin, dass das Gefährt in die Vergangenheit nur mit Hilfe eines Anfangsimpulses starten kann. Der Zeitreisende muss also zunächst Schwung holen, ein wenig in die Zukunft reisen, um so «aufgeladen» in die Vergangenheit durchstarten zu können. Dabei entdeckt er quasi nebenbei ein 1995, das von depressiven Holografien bevölkert ist, sowie ein 22.Jahrhundert, in dem astralreisende ägyptische Historiker seine Existenz bezweifeln: «Entweder es gibt keine Weltgeschichte, oder es gibt keine Zeitmaschine.»6 Diese Seelenwanderer weisen ihn außerdem darauf hin, dass sämtliche Eloi-Morlock-Erlebnisse, wie sie Wells beschreibt, keineswegs auf der Erde stattgefunden haben können, da der Zeitreisende eine räumliche Verzerrung beim Durchqueren der Jahrhunderte mit hoher Geschwindigkeit übersehen hat.

Verwirrt begibt sich der Zeitreisende auf den Rückweg; dieses Mal mit dem Wunsch, kurz in der Ära von Atlantis vorbeizuschauen und dann noch einen Zeitpunkt vor der Entstehung des Planeten anzusteuern. Angesichts vorheriger kleinkarierter Befürchtungen, zu einer Zeit vor der Erbauung seines Hauses zu landen und daher aus der Höhe des zweiten Stocks, in dem sich sein Labor befindet, auf die Erde zu stürzen, ein absurd gewagter Plan, ein vermessenes Forschungsprojekt: «Dann musste ich auf völlig freie Zeit stoßen, auf Zeit an sich, auf abstrakte Zeit sozusagen, auf den Begriff der Zeit.»

Doch anstatt diese philosophische Frage zu klären, stürzt er in der Zeit kurz vor der Erfindung seiner Maschine ab – denn etwas, das noch nicht erschaffen wurde, könne ihn auch nicht in die Vergangenheit befördern. So verbringt er die Zeit, bis er seine Maschine im Labor wiederfindet, mit den sechzig Flaschen Burgunder und sechs Flaschen Canadian Club Whiskey, die er vor seiner Reise geleert hatte und die nun wieder völlig unversehrt vor ihm stehen – scheinbar der übliche Treibstoff für kühne Wissenschaftler zu jener Zeit.

Was wäre, wenn…?

Auch der schrullige Roman Die ersten Zeitreisen von Reinhard Heinrich und Erik Simon7 bezieht sich auf das Urwerk von Wells. In der Geschichte, die noch vor dem Mauerfall im sozialistischen Teil Deutschlands erschienen ist, spekulieren die Autoren über einen ganzen Wissenschaftszweig sogenannter Temporalistik, der Lehre vom Zeitreisen.

Auch sie konnten der Versuchung nicht widerstehen, ein Was-wäre-wenn-Szenario zu entwickeln. Zuerst behaupten Heinrich und Simon, dass Wells’ Zeitmaschine nicht komplett war, sondern ursprünglich aus zwei Bänden bestand. Die technischen Informationen über die Funktionsweise der Zeitmaschinen stammen aus H.G.Wells’ erstem Band. Der ungeschickte Romanheld sorgt jedoch während einer Zeitreise durch ein unglücklich verlaufendes Gespräch mit dem Meister selbst dafür, dass jener essenzielle erste Band niemals verfasst wird, sodass auch er ihn eigentlich nicht hätte lesen können. Und dennoch geschah es – oder wird es geschehen.

Diese Episode verdeutlicht zwei Kernelemente des Zeitmaschinen-Problems: erstens, Zeit-Paradoxa beflügeln das Gehirn enorm. Und zweitens, die Bauanleitung für das erste Modell ist verlorengegangen. Wir müssen also ganz von vorn anfangen. Denn die in unserem Universum existierende Ausgabe der Zeitmaschine ist leider einbändig, und die technischen Details über das Wunderding sind auf wenige unbrauchbare Einzelheiten beschränkt: Schrauben, ein Quartzgestänge, das geölt werden muss, ein Start- und ein Stopphebel. Merkwürdig steril wirkt diese Maschine, da ist nichts zu ahnen von einem modrigen Ozongeruch, wie ihn etwa William S.Burroughs in Zusammenhang mit Zeitreisen erwähnt.8 So steril sogar, dass Skeptiker behaupten, Wells’ Zeitreisender sei nichts weiter als vom Fahrrad gefallen. Und um sein ramponiertes Äußeres vor seinen Freunden zu rechtfertigen, habe er die Story von der Zeitreise erfunden.

Zwar gerieten schon vor dem Jahr 1895 manche Protagonisten von Legenden und Überlieferungen in Zeitschleifen, fielen Zeitsprüngen zum Opfer und gingen kläglich an der erlittenen Trennung von ihren ursprünglichen Zeitgenossen zugrunde. Der legendäre Mönch von Heisterbach stolperte beispielsweise durch göttliche Fügung beim Nachsinnen über die blasphemische Frage «Wie kann die Zeit vor Gott in nichts zergehen?» während eines Spaziergangs dreihundert Jahre in die Zukunft und musste dort sterbend erkennen: «Denn tausend Jahre sind dir wie ein Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.»

Doch das Los des überlebenden Zeitreisenden von Wells ist um vieles dramatischer, da er völlig aus der Zeit verschwindet. Sein Wissen scheint eine Rückkehr unmöglich zu machen oder ihn zumindest ausgesprochen lange aufzuhalten. Vielleicht hat er aber auch gegen die Verordnungen der Zeitpolizei verstoßen und wurde aus diesem Universum entfernt. Denn manche fantasiebegabten Fans des Genres glauben, Wells selbst sei ein Zeitreisender gewesen – wie übrigens viele Visionäre und Avantgardisten: von Jules Verne bis zum Erfinder bewegter Bilder, Louis Le Prince, von Leonardo da Vinci bis zum Grafen St.Germain. Jenseits solcher Spekulationen ist klar: Die Zeitmaschine war ihrer Zeit weit voraus; H.G.Wells nimmt bereits 1895 die Relativität der Zeit und die Konstitution der Raumzeit vorweg.

Kurz darauf beginnt das «unsichtbare Jahrhundert». (Richard Panek): das Jahrhundert, in dem scheinbar verborgene Bereiche des Daseins ausgeleuchtet werden. Sigmund Freuds Theorie des Unbewussten verändert dauerhaft das Menschenbild; 1905 erscheint Albert Einsteins legendäre Arbeit Zur Elektrodynamik bewegter Körper – seine erste Veröffentlichung zur sogenannten Speziellen Relativitätstheorie, die die Zeit als absolute physikalische Größe gar nicht erst in Frage stellt, sondern gleich abschafft. An Zeit und Raum als den unverrückbaren Säulen unseres Universums wird in der Folge überall mächtig gerüttelt. Picasso, der ebenfalls durch die Erkenntnisse der modernen Physik beeinflusst war, versucht, in kubistischen Gemälden verschiedene Perspektiven in einem einzigen Bild zu vereinen, und James Joyce dehnt die äußeren und inneren Erlebnisse von Leopold Bloom an einem einzigen Tag, dem 16.Juni 1904, auf mehr als 1000Buchseiten. In etwa der Mitte dieser Schilderung heißt es über das Alter der Seele des Menschen: «Da sie die Kraft des Chamäleons besitzt, bei jeder neuen Annäherung ihre Färbung zu wechseln, heiter zu sein mit den Fröhlichen und traurig mit den Bedrückten, also ist auch ihr Alter veränderlich wie ihre Stimmung.»9 Diese erinnernde Empathie gegenüber dem eigenen in der Zeit verlorenen Selbst, gegenüber dem «Spiegel im Spiegel», wie es Joyce formulierte, erklärt auch die Faszination für alle nachfolgenden fiktionalen Zeitreisenden, deren Erlebnisse an Absurdität noch über das hinausgehen, was Wells’ Pionier einst erfuhr.

2.Die ideale Zeitmaschine

Einführung in die Philosophie der Zeitreise

«Krieger sehen die kommende Zeit. Normalerweise sehen wir die Zeit hinter uns zurückweichen. Nur Krieger können dies ändern und sehen die Zeit auf sich zukommen.»

Carlos Castaneda, Die Kunst des Pirschens

Die ganze Aufregung um Apparaturen, die uns durch die Zeit reisen lassen, begann mit einem Gedankenexperiment. Und die reine Idee von der Zeitmaschine ist vielleicht sogar bedeutender und auch viel wirksamer, als tatsächlich so ein Ding in der Garage zu parken. Denn das wäre ja vermutlich nur ein holpriger Prototyp, mit dem es Probleme in der einen oder anderen Raum-Zeit-Verwerfung geben könnte.

Wer die Grundfeste des Universums erschüttern will und etwas dereinst so Absolutes wie die Zeit beherrschen möchte, muss seine Ansprüche höherschrauben. In den Phasen der Vorbereitung sollte man bedenken, dass die Reise durch die Zeit ein ungeheuerliches Projekt ist, das einen vielleicht Kopf und Kragen einschließlich des Verstandes kosten wird. Denn Zeitmaschinen rücken einem Phänomen zu Leibe, das oft selbst reine Idee zu sein scheint und an dessen Rändern sich so idealtypische Schwergewichte wie Jetzt und Ewigkeit befinden. Dem Anspruch, die Zeit zu beherrschen, kann daher letztlich nur das Ideal einer solchen Zeitmaschine genügen. Diesem fiktiven Gerät widmen wir einige Hypothesen, die den Rahmen der an es gestellten Erwartungen und den Umfang seiner Möglichkeiten abstecken.

1.Hypothese: Die ideale Zeitmaschine ist eine Fluchtkapsel aus der kollektiven Gegenwart

Zeit ist subjektiv, mal läuft sie schneller, mal schleppt sie sich dahin. Das ist eine von Psychologen und anderen Gehirnverstehern gerne ins Verblüffende aufgemotzte Binsenweisheit, die aber mit physikalischen Absonderlichkeiten der Zeit nicht das Geringste zu tun hat. Es ist ein wenig vermessen, einen angeborenen intuitiven Zugang zur physikalischen und auf die Wirklichkeit wirkenden Relativität der Zeit anzunehmen. Aber man kann ihn sich vielleicht hart erarbeiten, wie wir später noch sehen werden. Zunächst einmal führt kein Weg an der Erfahrung des kollektiven Zwangscharakters der lebendigen Gegenwart vorbei. In der Lebenswelt ist Zeit eben nicht relativ. In einer bestimmten Hinsicht nämlich: Wie zäh auch die subjektiv verlangsamte Zeit vergehen mag, in der Alltagserfahrung bringt sie uns kein Stück weit von der gemeinsamen Gegenwart weg, die wir mit unseren Mitmenschen teilen. In dieser Realität sind wir Sklaven des Newton’schen Weltbilds. Denn auch wenn dem Berauschten Minuten wie Jahrzehnte erscheinen, entkommt er seinen Zeitgenossen dennoch nicht in eine entrückte Zukunft. Er kann auch nicht dem Verrinnen der Zeit Einhalt gebieten, sozusagen am Wegesrand träge pausieren, um erleichtert hinter den Menschen zurückzubleiben, die hilflos ihrem Tod oder dem nächsten Arbeitstag entgegentreiben.

Die Zeit, wie wir sie kennen, ist ein gnadenloser Einpeitscher, und dass sie vorwärts und nicht rückwärts läuft und uns dadurch mit den Zwängen der Kausalität nervt, scheint eine willkürliche Festlegung ohne tieferen Sinn. Oder wie es Arthur Schopenhauer, einer ihrer gekränktesten Beobachter, formulierte: «Folglich gleicht der Lauf der Welt dem einer Uhr, nachdem sie zusammengesetzt und aufgezogen worden: also ist sie, von diesem unabstreitbaren Gesichtspunkt aus, eine bloße Maschine, deren Zweck man nicht absieht.»10

Die innere Zeitstruktur der Welt teilen wir ohne Ausweg mit unseren Mitmenschen – mit ein bisschen Pech bis zum Jüngsten Tag, wenn die Linearität der Zeit für alle endgültig kollabiert. Diese Zwangsgemeinschaft ist für viele der wirkliche Skandal, das echte Ärgernis. Dem gilt es zu entkommen. Deshalb träumen Physiker und Nachtportiers, Zocker und moderne Märchenerzähler, zu früh Ejakulierende und die Gegner von Stephen Hawking, also eigentlich alle Menschen bis auf den Papst, von der Zeitmaschine.

2.Hypothese: Die ideale Zeitmaschine befreit uns von der Rationalität der Zeit

Die Sehnsucht, in die Zukunft zu enteilen oder der Vergangenheit einen Kurzbesuch abzustatten, steht in radikalem Widerspruch zu den Glücksvorstellungen alter und neuer Lebensphilosophen. Sollten wir denn nicht in der Gegenwart, im Hier und Jetzt mit allen Sinnen anwesend sein? Und gelingt uns das etwa, während wir mit dem Jahresplaner hantieren und uns gegenseitig Outlook-Termine per E-Mail zuschicken? Droht nicht schon dem in seinen Tagträumen Zeitreisenden das Schicksal, sich selbst dabei zu verfehlen? Denn – wie es Egon Friedell ausdrückt – «der Reisende sieht sich die Welt an: Aber das hat zur Folge, dass er sich die einzige Welt, die wirklich ist, nämlich seine eigene, niemals ansieht.»11 Auch die Projektion des Glücks auf eine ferne Zukunft oder wie im Falle des christlichen Ewigkeitsbegriffs sogar auf das Ende der Zeiten, wenn der Zeitpfeil sich in eine Brühe aus Allgegenwärtigem verwandelt, droht uns den aktuellen Jetzt-Momenten zu entreißen.

Lauter Bedrohungen für das pure Vergnügen in der lebendigen Gegenwart? Ist die Lektüre alter Liebesbriefe oder das Studium der Wettervorhersage demnach bereits ein Fluchtversuch aus dem aktuellen Augenblick?

Nicht unbedingt. Die Zeitmaschinen an unseren Handgelenken oder auf den Displays unserer Mobiltelefone haben mit der Stunde, der Hora, auch eine antike Kontrolleinheit, die ursprünglich nur den Tag in bestimmte Lebensabschnitte teilen sollte, über die Jahrhunderte hinweg erhalten. Die Hora ermöglicht uns, eben nicht zwanghaft dem präzisen Augenblick hinterherzujagen, sondern – wie es der Philosoph Wilhelm Schmid formuliert – «einer individuellen Zeiteinteilung Raum zu geben… Die Stunde ist die asketische Praxis, die das ekstatische Leben nicht in einem langen Bedauern über die flüchtige Zeit enden lässt.»12 Durch diese Einteilung kann man regelmäßig kontrollieren, wie man seine Zeit genutzt hat, und blickt nicht irgendwann auf eine kleine Unendlichkeit an Vergeudung zurück. In den kleinen Abschnitten ist Vergeudung auch gefahrlos möglich. Die Hora erlaubt uns also eine essayistische Existenz und «den widersprüchlichen Gebrauch der Zeit vorsätzlich und bewusst zu leben»13, sodass auch die Sinnlosigkeit ihre Chance erhält. Kein Grund also, vor der Gegenwart zu flüchten, aber auch kein Zwang, ihr in jeder Minute des Daseins das Händchen zu halten.

3.Hypothese: Die ideale Zeitmaschine vervielfacht die Möglichkeiten der Existenz

Während Mystiker und andere sich außerhalb des rational-naturwissenschaftlichen Weltbildes tummelnde Experimentalnaturen bereits behaupten, Zeitreisen zu unternehmen, oder sogar Patentanmeldungen auf noch zu erbauende Geräte eingereicht haben, ist für den harten Kern der naturwissenschaftlichen Elite der Zeittourismus vorrangig von abstraktem Interesse. Zeitreisen sind ein Gedankenexperiment der theoretischen Physik, das sollte man bei aller Faszination für Superstrings, Weltformelambitionen in Einsteins Kielwasser oder die Science-Fiction-Visionen von konkreten Reisen durch Wurmlöcher oder den Subraum vielleicht im Auge behalten.

Schon bei der grundsätzlichen Frage nach den Möglichkeiten, durch die Zeit zu reisen, ist die Spaltung der Zeitenthusiasten in zwei völlig unterschiedliche Lager offensichtlich. Zeitreisen sind nur die logische Konsequenz aus den neueren Erkenntnissen der theoretischen Physik, sagen die einen. Zeitreisen sind ausgeschlossen, ja geradezu verboten, postulieren die anderen und scheinen zu bereuen, dass man den Verstoß gegen aktuelle Naturgesetze derzeit vor keinem bekannten Gericht zur Anklage bringen kann.

Das Nachsinnen über Zeitparadoxa und ihre möglichen Bedeutungen gehört folglich zu den verbreitetsten Folgen der Arbeiten Einsteins und seiner Nachfolger in der theoretischen Physik. Zumindest ist es auch unter Laien weiter verbreitet als die Suche nach neuen Lösungen für Schrödingers Gleichung1*oder das Hantieren mit komplizierten Pfadintegralen. Die theoretische Physik ist im Detail zwar nicht besonders populär, aber beim Thema Zeitreisen klatschen sogar schon Grundschüler begeistert in die Hände.

Wenn Zeitreisen möglich sein sollen, dann müssen wir in vielerlei Hinsicht absonderliche Situationen akzeptieren, denn unsere Konsensrealität lebt zu einem nicht unerheblichen Anteil davon, dass Zeitreisen gemeinhin nicht zur Alltagserfahrung gehören. Sich die eigentlich unmöglichen oder verwirrenden Situationen vorzustellen, die einem die Existenz von Zeitmaschinen bescheren können, hat ein ganzes Genre aufblühen lassen, wobei die damit Hantierenden zwei prinzipiell völlig unterschiedliche Absichten verfolgen. Während die einen sich damit an die Verrücktheiten, Abgründe und Mirakel des Universums herantasten, missbrauchen andere jedes Paradox lediglich dafür, triumphierend auszurufen, dass Zeitreisen eben doch nicht möglich sind, da sie gegen physikalische oder philosophische Prinzipien verstoßen – oder entlarvender formuliert: Weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf. Dass sie damit vielleicht sogar recht haben könnten, verdirbt den Spaß an der ganzen Sache aber ungemein.

Unmöglichkeitund Paradoxon

Wir lassen uns das Vergnügen von diesen in den unumkehrbaren Zeitpfeil verliebten Spielverderbern nicht rauben: Eines der beliebtesten und ältesten Gedankenexperimente der Zeittheoretiker ist das Großvater-Paradoxon. In unserer Fassung klingt es so: Erwin verfügt seit kurzem über eine Zeitmaschine. Er will unbedingt den legendären letzten Abend miterleben, an dem sein Großvater noch einmal das Hamburger Nachtleben unsicher machte, bevor er mit einem Dampfer in die USA übersetzte. Dieser oft geschilderte letzte Abend, der der Schiffspassage vorausging, auf der er Erwins Großmutter kennenlernt, sie davor bewahrt, über Bord zu fallen, und beide sich verlieben. Also ist Erwin gestern ins Jahr 1930 gereist, um mit seinem eigenen Opa Abschied zu feiern. Und mit seinem Großvater als jungem Mann verstand sich Erwin sogar noch besser als mit dem lustigen Rentner der Gegenwart, sodass die beiden bis morgens um neun Jamaika-Rum tranken – also auch noch eine Stunde nachdem Großvaters Schiff bereits abgelegt hatte. Katastrophe. Es kommt überhaupt nicht zur Begegnung der beiden Vorfahren als Passagiere! Erwins potenzielle Großmutter ertrinkt im Atlantik, und seine Mutter wird nie geboren.

Diese Variante des Großvater-Paradoxons ist zwar nicht so rabiat wie die im klassischen Beispiel geschilderte Ermordung des eigenen Großvaters durch den Zeitreisenden, aber es reicht, um Erwin zumindest in der Theorie ernste Existenzprobleme zu bereiten. Wie kommt er überhaupt auf die Welt, um diesen Schaden anzurichten, wenn er doch seine eigene Geburt verhindert hat? Oder ist der Erwin, der durch sein eigenes Zutun nicht geboren wird, ein ganz anderer, vielleicht sogar einer, mit dem ihn nicht einmal viel verbindet, den er nicht einmal ausstehen könnte?

Zeitschleifen ohne Anfang und Ende

Es muss bei dieser Fragestellung allerdings keinesfalls der Großvater sein, dem man die Biografie durcheinanderwirbelt. Natürlich kann man auch einen früheren Urahn mit dem Wiegemesser kastrieren, den Arzt, der die äußerst schwierige eigene Entbindung vornahm, vorher entlassen, oder sogar etwas Konstruktives tun: etwa die eigene Mutter schwängern.

Wobei wir mit diesem Beispiel bereits eine andere Klasse von Paradoxa erreicht haben, jene der Zeitschleifen ohne Anfang und Ende. Wie konnte man selbst aus der Zukunft kommend zum eigenen Vater werden, wenn man doch noch nicht geboren wurde? Wenn man nicht zurückreist, wird dann ein anderer diesen Job übernehmen? Wenn – dann. Das Kausalitätsprinzip ist die Richtschnur, die sich hier verwickelt.

Ein weniger digitales Beispiel für die unentscheidbare Frage in transtemporalen Zirkelschlüssen, welcher Tatbestand Ursache und welcher Wirkung ist, macht den Fall noch komplizierter: wenn ein zeitreisender Kunstkritiker einem in der Zukunft ziemlich angesagten Maler begegnet, der aber nach erster Einschätzung des in die Vergangenheit gereisten Kritikers dort talentlose Werke produziert. Um ihn zu inspirieren, zeigt der Kritiker dem Maler einen Bildband mit Reproduktionen seiner späteren Werke. Dieses Buch stiehlt der Künstler und lässt den Zeitreisenden ohne das Artefakt aus der Zukunft wieder abreisen. In der Folge pinselt der Maler seine eigenen Werke einfach haarklein aus dem erbeuteten Buch ab. Durch diese Episode entsteht zwar keine widersprüchliche Situation, in der sich ein Mensch etwa selbst aus der Geschichte herauskürzt, sondern etwas viel Unheimlicheres und Andeutungsreicheres: Ein konkretes Produkt schöpferischen Geistes wurde offensichtlich von niemandem geschaffen. Denn der Maler reproduzierte in der Vergangenheit ja nur die Reproduktionen seiner eigenen Werke. Und diese Werke stammen zwar aus der Perspektive der Zukunft von ihm selbst, aber er hat sich ja, bedingt durch die fatale Reise des Kunstkritikers in die Vergangenheit, nur selbst plagiiert. Eine endlose Schleife, der der Anfangsimpuls zu fehlen scheint. Woher stammen also die Werke des Malers wirklich? Was wäre geschehen, wenn er sich bewusst von seinen angeblichen «Machwerken» distanziert hätte? Hat er die Möglichkeit, die Bilder in dem Buch durch alternative Maltechniken oder Motive in der Zukunft und damit auch in seiner Gegenwart zu verändern?

Wenn man sich von den Ketten der herkömmlichen Logik befreit, lassen sich dazu interessante Hypothesen ersinnen. Natürlich hat der Maler seine Kunstwerke erschaffen, denn die Vergangenheit ohne Zeitmaschine hat ja auch Realitätscharakter und wird nur von der Episode mit dem Selbstplagiat überlagert und ergänzt. Die Kunstwerke waren schon immer da, sie sind Teil der Welt, und es ist völlig egal, ob sie der Maler nach seinen im Gehirn festgelegten Kreativitätsmustern erschafft oder sie bereits irgendwie anders in die Welt gekommen sind und er den schöpferischen Malakt nur noch simuliert. Sie sind auf irgendeine Weise jedenfalls Teil seines Schicksals. Außerdem ist denkbar, dass sich auch die Reproduktionen in einem Prozess befinden, dass sie sich durch die Einflussnahme des Malers, der ja weiß, was er malen wird, selbst wieder verändern, indem er bewusst geringfügige Abweichungen zulässt oder auch radikal andere Bilder erschafft. Für Physiker sind das allerdings in der Regel keine tragfähigen Lösungen. Sie setzen auf das strikte Einhalten der ehernen Prinzipien des Universums.

Die Grenzen der Logik

Beispiele wie das vom toten Großvater oder vom sich selbst plagiierenden Maler haben die Physiker David Deutsch und Michael Lockwood auf ihre Vereinbarkeit mit den Naturgesetzen hin untersucht. Dabei kamen sie aber zu dem Ergebnis, dass schon die klassische Physik nichts dagegen haben dürfte, dass – wie in unserem Beispiel– Erwin seinen Großvater unter den Tisch trinkt; sofern er damit seine eigene Geburt nicht verhindert. Der Großvater müsste eben ein späteres Schiff nehmen und seine spätere Angetraute an einem anderen Ort treffen, vorausgesetzt, sie fällt nicht durch einen anderen Umstand ins Wasser, woraus sie dann auch nicht durch Großvaters Hilfe gerettet würde.

Kern des Großvater-Paradoxons sei, so Deutsch und Lockwood, das Autonomieprinzip, nach dem «wir in unserer unmittelbaren Umgebung jede materielle Anordnung erzeugen [können], die nach den physikalischen Gesetzen örtlich erlaubt ist, ohne dass wir uns dabei um den Rest des Universums zu kümmern brauchten.»14 Probleme treten dann auf, wenn ein anderes bedeutsames Prinzip, das Konsistenzprinzip, verletzt wird, das verkürzt besagt, dass nur eintreten kann, was global selbstkonsistent, also in sich widerspruchsfrei ist. Dieses Prinzip kann unsere Handlungen sehr wohl einschränken, was allerdings selten vorkommt, da es kaum möglich ist, gegen dieses Konsistenzprinzip zu verstoßen. Es sei denn, man begibt sich auf eine abenteuerliche Expedition durch Zeitschleifen. Daher fordert die klassische deterministische Physik, dass Erwin die Vergangenheit nicht ändern kann. Vielleicht scheitert er daran, seinen Großvater lange genug abzulenken, vielleicht hat das Schiff auch Verspätung, und der Auswanderer erreicht es trotz exzessiver Nacht noch rechtzeitig. Oder Erwin wird, selbst wenn er sich absichtlich vornimmt, Opis Begegnung mit seiner potenziellen Großmutter unmöglich zu machen, daran durch bestimmte Ereignisse oder Umstände schlichtweg gehindert – was dann wiederum seine Autonomie verletzt.

Im Falle des Malers, der seine eigenen Werke kopiert, liegt gemäß traditioneller Physik zwar kein Inkonsistenz-, aber ein Wissens-Paradoxon vor. Das beschert uns ebenfalls Widersprüchlichkeiten: zwischen der Autonomie und in diesem Fall dem Umstand, dass Wissen nicht aus dem Nichts, sondern nur als Ergebnis von Problemlösungen entstehen darf. Deutsch und Lockwood sind allerdings der Überzeugung, dass derartige Überlegungen ohnehin völlig überflüssig sind: «Denn letztlich ist die klassische Physik falsch. In vielen Fällen kommt sie zwar der Wahrheit äußerst nahe, doch bei geschlossenen zeitartigen Kurven versagt sie ganz und gar.»15

Viele Welten – eine Zeit

In seiner Erzählung Der Garten der Pfade, die sich verzweigen16 aus dem Jahr 1944 beschreibt der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges das sonderbare Vermächtnis des einstigen Astronomen, Schauspielers und Kalligraphen Ts’ui Pên. «Ich hinterlasse den verschiedenen Zukünften (nicht allen) meinen Garten der Pfade, die sich verzweigen»17 – so lautet das Rätsel, dessen Lösung zu einem völlig wirren Roman und einem elfenbeinernen Miniaturlabyrinth aus Symbolen führt. Eine Parabel über das Wesen der Zeit, die sich entpuppt, als «wachsendes, schwindelerregendes Netz auseinander- und zueinanderstrebender und paralleler Zeiten. Dieses Webmuster aus Zeiten, die sich einander nähern, sich zweigen, sich verzweigen, sich scheiden oder einander jahrhundertelang ignorieren, umfasst alle Möglichkeiten.»18

Diese literarische Vision findet ihre Entsprechung in der Viele-Welten-Theorie, die auf Hugh Everetts Relative-state-Formulierung, einer Interpretation der Quantenmechanik aus dem Jahr 1957, also 13Jahre nach Borges’ Erzählung, zurückgeht. Nach dieser Theorie lösen sich alle denkbaren Zeitparadoxa dadurch auf, dass sich bei jeder Entscheidung zwischen verschiedenen Möglichkeiten im Ablauf der Ereignisse das Universum einfach aufteilt. Die Pfade verzweigen sich. Jede Möglichkeit hat ihre Existenzberechtigung und existiert daher auch tatsächlich. Ergebnis ist ein sich ständig verästelndes Gewirr aus parallelen Welten. In einer Theorie, die dieser Gesetzmäßigkeit folgt, erschafft unser Zeitreisender Erwin durch die Sauftour mit seinem Großvater ein paralleles Universum, in dem ein Enkel Erwin niemals existiert. Sein ursprüngliches Universum bleibt davon allerdings völlig unberührt, denn dort ist ja nie ein zeitreisender Enkel in der Vergangenheit aufgetaucht. Das Autonomieprinzip wird nicht verletzt. «Gemäß der Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik sind die Universen so miteinander verknüpft, dass kein Widerspruch entstehen kann»19, beruhigen uns Deutsch und Lockwood.

Auch das Maler-Paradoxon ist in dieser Theorie keines mehr. Denn nur in einem der verschiedenen Universen, nämlich dem mit einem zeitreisenden Kunstkritiker in der Vergangenheit, kopiert der Künstler sich selbst. Und zwar kreative Originale seines anderen Ichs aus dem Paralleluniversum und keine aus dem Nichts stammenden Artefakte. Die klassischen Argumente gegen die theoretische Möglichkeit von Zeitreisen scheinen also mit der Viele-Welten-Theorie allesamt hinfällig.

Die denkbaren Schlussfolgerungen aus Zeitparadoxa lassen sich aber auch über jene klassischen oder quantenmechanischen Interpretationen hinaus erweitern – und zwar mit ein wenig mehr Bescheidenheit, was die destruktiven Potenziale des freien Willens betrifft. Eine schöne Metapher für das Verhältnis zwischen menschlichem Tun und dem Dahinschlingern des Universums liefert in diesem Zusammenhang Douglas Adams. Der britische SF-Autor, der auch als Entdecker des Restaurants am Ende des Universums20 bekannt ist, lässt seine Romanfigur Professor Urban Chronotis postulieren:

«Wenn das Universum jedes Mal enden würde, wenn es irgendwelche Unklarheiten darüber gäbe, was sich darin zugetragen hat, wäre es nie über die erste Pikosekunde hinausgelangt. […] Es ist wie beim menschlichen Körper, verstehen Sie? Ein paar Schnitte und Quetschungen hier und da tun ihm nicht weh. Nicht mal größere Operationen, wenn sie richtig gemacht werden. Paradoxe sind bloß das Narbengewebe. Zeit und Raum heilen um sie herum zusammen, und die Leute erinnern sich einfach nur noch an die Version der Ereignisse, die so plausibel ist, wie sie es von ihr verlangen.»21

So paradox, dass das Universum sich daran verschluckt, kann also eine harmlose kleine Zeitreise gar nicht sein. Und auch für die Existenz des Menschen sollten die Tücken der Zeitstruktur und das potenzielle Herumfummeln daran keine elementare Bedrohung darstellen.

Erwin Schrödinger zieht eine verblüffende Schlussfolgerung aus den Erkenntnissen der theoretischen Physik. Er hält dabei eine auf Ludwig Boltzmann zurückgehende Theorie der Zeit für noch bedeutender als die Relativitätstheorie. Danach ist die gebräuchliche Richtung des Zeitpfeils von Vergangenheit gen Zukunft nicht grundsätzlich gegeben, sondern eher ein statistisches Phänomen von an und für sich umkehrbaren Mechanismen von Ursache und Wirkung. Denn Schrödingers Meinung nach gründet Boltzmanns «statistische Theorie… sie [die einseitige Richtung des zeitlichen Ablaufs] auf die Reihenfolge der Ereignisse. […] Das bedeutet eine Befreiung von der Tyrannei von Vater Chronos. Was wir selbst in unserem Geist konstruieren, kann nach meinem Empfinden unmöglich diktatorische Macht über unsern Geist haben.»22 Schrödingers Schlussfolgerung: Boltzmanns Vorstellungen von Thermodynamik legen nahe, «dass der Geist nicht durch die Zeit vernichtet werden kann.»23

4.Hypothese: Die ideale Zeitmaschine schafft Reservate des Absurden

Sowohl Schrödinger als auch Douglas Adams’ Romanfigur Professor Chronotis nehmen uns die Angst vor der Zeitmaschine. Die Furcht, dem armen Universum beim Zeitreisen einen logischen Schaden zuzufügen, ist unbegründet. Denn vielleicht ist es gar nicht nötig, nach logisch-rationalen Auswegen aus dem Dilemma des Paradoxen zu suchen. Vielleicht bedeutet dieses verzweifelte Abwägen des bislang Undenkbaren mit den Mitteln der Physik oder des gesunden Menschenverstands sogar, die Botschaft, den inneren Wesenskern dieser Gedankenexperimente, absichtlich misszuverstehen. Man sollte lieber die «Logik» des Unlogischen einfach akzeptieren.

Denn in anderen Geistesdisziplinen dient das Paradoxe und Absurde ja häufig sogar als Mittel, sich über die Grenzen des rationalen Denkens bewusst hinwegzusetzen und darüber hinauszugelangen. Zen-Mönche tragen beispielsweise seit Jahrtausenden scheinbar unlösbare sogenannte Koans mit sich herum: tendenziell paradoxe Denkaufgaben, die der mentalen Befreiung dienen können. Nach mehr oder weniger langem Grübeln gilt es, intuitiv zu erkennen, dass die Lösung des Rätsels in einer besonderen Art des Nicht-Denkens besteht, dass das Rätsel eben eine besondere Art von Nicht-Rätsel ist. So nutzen die Zen-Praktizierenden genau diese Aporie des Denkens, um im wahrsten Sinne des Wortes dahinterzukommen, um Satori zu erlangen. Das bedeutet, mit einem blitzartigen Erlebnis eine blitzartige Vorstellung von Erleuchtung zu gewinnen.2*

Zu den gängigen Koans gehört die Frage «Wie klingt das Klatschen einer Hand?» oder die Antwort des Meister Tozan auf die Frage, was Buddha sei: nämlich ein vertrockneter Kot-Spatel.

Zu den wenigen angemessenen Umgangsformen mit diesen paradoxen Fragestellungen zählt übrigens die intuitive körperliche Reaktion. Meister, die nach dem Wesen des Zen, nach Buddha oder der Erleuchtung gefragt wurden, verpassten dem wissbegierigen Nachwuchs gerne mal einen saftigen Stockhieb oder warfen ihn in den Fluss. Umgekehrt gehörte es zum guten Ton, dem Lehrer ebenfalls ordentlich einzuschenken:

«Triffst du einen Zen-Meister auf der Straße,

so grüße ihn weder mit Worten noch mit Schweigen.

Versetz ihm einen Kinnhaken,

so wirst du einer genannt werden, der Zen versteht.»24

Leider ist dieser liebevolle Umgang mit dem Erkenntnisinteresse seiner Mitmenschen an westlichen Lehr- und Forschungsanstalten gänzlich aus der Mode gekommen. Wobei er manchen Debatten unter Koryphäen um abstrakte Detailprobleme der theoretischen Physik sicher zu handfesteren Aspekten und damit zu etwas mehr Popularität verhelfen könnte. Allerdings sollte man auch nicht glauben, dass es eben nichts zu erkennen gibt. Die Metaphysik eines Koans ist komplizierter.

Die Bedeutung der Zeit-Paradoxa für den Geist katapultieren das Zeitmaschinen-Motiv gewissermaßen an die Schnittstelle zwischen Naturwissenschaft und Mystik. Und auch einige der theoretischen Physiker haben diese Botschaft scheinbar seit langem vernommen. Sir Arthur Eddington zum Beispiel. Er leitete die berühmte Sonnenfinsternis-Expedition auf die Vulkaninsel Principe im Jahr 1919, mit deren Hilfe die These aus Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie belegt werden konnte, dass Licht durch massereiche Körper abgelenkt wird. Eddington behauptete schon 1931 in einem Aufsatz über Wissenschaft und Mystizismus: «Indem wir erkennen, dass die physikalische Welt vollkommen abstrakt ist und abgesehen von ihrer Verbindung zum Bewusstsein keinerlei ‹Tatsächlichkeit› besitzt, setzen wir das Bewusstsein wieder in eine fundamentale Stellung ein, anstatt es als unwesentliche Komplikation anzusehen.»25 Für Materialismus und strenge Kausalität ist seit der Quantentheorie sowieso die Allgemeingültigkeit verlorengegangen.

In der Literatur findet sich ein Äquivalent zu diesen Erkenntnissen in der sogenannten Pataphysik des im Umfeld des Surrealismus angesiedelten französischen Schriftstellers Alfred Jarry. Dabei handelt es sich um eine «Wissenschaft von den imaginären Lösungen», die in etwa demselben Verhältnis zur Metaphysik steht wie die Metaphysik zur Physik. Auch Jarry hat ein Zeitmaschinen-Modell entwickelt. Da aber ein hinterlistiger Wesenszug der Pataphysik darin besteht, dass sie nur schwer erkennen lässt, welche ihrer Thesen ironisch oder surreal und welche ernst gemeint ist, stellt sich ein Nachbau dieser Zeitmaschine als noch schwieriger heraus als der Nachbau vieler durchweg ernstgemeinter Modelle, mit denen Ingenieure und Wissenschaftler aufwarten. Jarry betrachtete schon 1898 die Zeit als eine gekrümmte geschlossene Oberfläche und postulierte die Existenz einer imaginären Gegenwart. Eine erstaunliche Weltsicht wenige Jahre vor Einsteins annus mirabilis.

Ab 1905 geraten Raum und Zeit derart aus den Fugen, dass sie auch radikale Auswirkungen auf die Erkenntnistheorie zeigen. Bis heute. So bekennt sich in unseren Tagen der französische Theoretiker Jean Baudrillard in seinem Spätwerk zu einem Denken im Delirium, das, obwohl es in einem gänzlich anderen Kontext entstanden ist, wie eine Antwort auf die Zerrüttung eines kohärenten Weltbildes der Raumzeit wirkt:

«Die Welt ist uns als rätselhaft und unerkennbar gegeben; es ist Aufgabe des Denkens, sie, wenn möglich noch rätselhafter und unerkennbarer wiederzugeben. Da sich die Welt auf einen Zustand des Deliriums hin entwickelt, muss man ihr gegenüber einen delirierenden Standpunkt einnehmen.»26

Sich so weit den Abgründen der Theorie auszuliefern, ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Gerade die Physiker (von denen wir schon die Sicht des Mathematikers David Hilbert erfahren haben, nach der die Physik ihnen eigentlich zu schwierig sei) sind in den zeitmaschinellen Gedankenexperimenten mitunter verblüffend einfallslos. Stephen Hawkings Gegenargumente gegen Zeitreisen bestehen beispielsweise nicht nur in dem etwas vermessenen selbsterfundenen Naturgesetz des «chronology protection conjecture», wonach Zeitreisen in die Vergangenheit einfach verboten sind, sondern auch in der Behauptung, es müssten ja bereits etliche Zeitreisende bei uns vorbeigeschaut haben, wenn die Sache prinzipiell möglich wäre. Reichlich kurz gedacht. Wobei wir nicht einmal die billige Gegenhypothese anführen wollen, dass Zeitreisende wohl kaum so dämlich sein werden, sich von hysterischen Zeithäftlingen des 21.Jahrhunderts beim heimlichen Tempus-Hopping ertappen zu lassen. Logischer ist eine erweiterte Konsistenzhypothese, nach der Zeitreisende und Zeitmaschinen natürlich erst von dem Moment an auftauchen, ab dem es sie tatsächlich gibt. Exakt in dem Augenblick also, wenn der erste Zeitreisende in die Zukunft aufbricht. Schon für das künstlich aufzublähende Wurmloch nach Paul Davies gilt ja: Weiter zurück als bis zur Existenz der sie ermöglichenden Zeitmaschine kann eine Zeitreise nicht in die Vergangenheit führen.

5.Hypothese: Die ideale Zeitmaschine ist eine Fahrkarte zum Ende des Universums

Nach Ansicht des Anthropologen Terence McKenna bleibt für die Zurückgebliebenen des ersten Zeitreisenden nicht mehr viel Zeit, um sich selbst auf den Weg zu machen oder die vielen Besucher aus allen möglichen künftigen Äonen zu empfangen. Stattdessen «stürzt schlagartig die ganze Zukunft zusammen, und alles geschieht im gleichen Augenblick».27 Grundlage für diese Hypothese ist die Annahme, dass sich Kulturen der am weitesten fortgeschrittenen Kulturstufe angleichen, mit der sie in Kontakt stehen. Und das geht dank der Existenz von Zeitmaschinen nun recht schnell, wahnsinnig schnell sogar. Die Folge für unsere Welt nach Überwindung der Zeitschwelle: «Die gesamte zukünftige Geschichte des Universums – bis zu ihrem Schlusspunkt – [wird] in die nächsten paar Millisekunden komprimiert. Dann steht man dem Endzweck der ganzen Evolution, allen Werdens und aller Formen von Energie, Raum, Zeit und Materie unmittelbar gegenüber.»28

Wir sehen uns einer optimistischen Fassung der Apokalypse gegenüber, die uns mit der absoluten Gegenwart von allem beglückt – Auferstehung der Toten und Begegnung mit dem großen Finale des Universums inklusive. Doch die Reiselust beschränkt sich ja nicht auf die wissbegierigen Menschlein der scheinbaren Gegenwart. Wenn die Linearität der Zeit aufgehoben werden kann, erhalten auch die von den Ablagerungen vergangener Äonen verschütteten Abgründe der Zeit die Chance, ihren gespeicherten Wahnsinn in unsere Gegenwart zu entlassen. Dann stellt die Zeit keinerlei Barriere mehr dar, dann ist die Gegenwart kein Reservat mehr, das einen vor den Altlasten der Vergangenheit schützt und Aufschub vor den Unvermeidlichkeiten der Zukunft gewährt. Die Furcht vor viel älteren mächtigen Bewohnern und unvorstellbar schrecklichen gottartigen Herrschern der Erde, der «großen Rasse», die nur zwischenzeitlich den Menschen das Feld überlassen haben, beschwören beispielsweise die albtraumhaften Geschichten des amerikanischen Schriftstellers Howard Phillips Lovecraft. Darin wird die Vergangenheit als permanente Bedrohung geschildert, die im Unterbewusstsein und in den Träumen der Menschen bereits in unsere Welt vorgedrungen ist. Die «große Rasse», so Lovecraft, dokumentiert das Bewusstsein aller Lebensformen des Universums. In seinem Werk Der Schatten aus der Zeit schildert Lovecraft die Geschichte eines Mannes, den Albträume plagen, in denen er selbst einer dieser Chronisten ist, die vor Jahrmillionen in einem unterirdischen Verlies Aufzeichnungen vornehmen mussten. Und in der Realität entdeckt er den Zugang zu diesen Labyrinthen: «Wenn dieser Abgrund real war, dann war auch die große Rasse real – und ihre blasphemischen Projektionen und Übergriffe in dem kosmosweiten Strudel der Zeit waren keine Mythen und Albträume, sondern furchtbare, seelenvernichtende Wirklichkeit.»29 Wer von der Zeitmaschine träumt, sollte darauf gefasst sein, sich auch mit solchen Bedrohungen auseinandersetzen zu müssen.

6.Hypothese: Die ideale Zeitmaschine bremst unsere Reise durch die Zeit

Tatsächlich existierende Phänomene eines veränderten Zeitablaufs sind mitunter erschreckende und fatale Realität für die davon betroffenen Menschen. So leiden junge Patienten des Hutchinson-Gilford-Syndroms unter einem teilweise um das zehnfache beschleunigten Alterungsprozess. Den vergreisten Zehnjährigen wird dabei der größte Teil der Zeitspanne, die gesunden Menschen als Lebenszeit zur Verfügung steht, von der seltenen Erbkrankheit gestohlen. Ihr Leben ist radikal verkürzt.

Die große Motivation der Zeitmaschinen-Fans besteht im Gegensatz zu diesem unfreiwilligen pathologischen Effekt eher darin, die Lebenszeit zu maximieren. Wer beispielsweise gewisse Zeitspannen außerhalb der normalen Zeit verbringen kann, wo vielleicht andere Gesetze der Alterung gelten – wer sozusagen eine Auszeit nimmt, während seine Mitmenschen weiter altern–, könnte Erfahrungsgewinn mit gleichzeitiger Lebensverlängerung kombinieren. So ließe sich auch das Heranpreschen der Zukunft ein wenig aufhalten. Man könnte innehalten, bevor man sich dem weiteren stoischen Aufeinanderfolgen der Ereignisse erneut stellen muss. Und dieses Innehalten lässt sich bis zum Äußersten denken: bis zum völligen Stillstand der Zeit oder bis zu einer derartig intensiven Anwesenheit in der Gegenwart, dass Vergangenheit und Zukunft völlig an Bedeutung verlieren.

Verbirgt sich demnach im wahrhaftigen synchronen Dahintreiben im Strom der Zeit der Schlüssel, mit dessen Hilfe man ihm vielleicht nicht beliebig entsteigen, ihn aber so reiten kann, dass man geschmeidig durch die Wellen zischt, um ganz woanders zu landen? Ist also das absolute Jetzt die offensichtlich schönste Zeitmaschine? Immer da und doch in ihrer Magie den meisten Menschen verschlossen? Liegt in der spirituellen Vereinigung aus Augenblick und Ewigkeit, wie sie manche Mystiker anstreben, das Tor in andere Zeiten? Und auf welche wissenschaftlichen oder parawissenschaftlichen Grundlagen könnte so eine Hypothese gegründet sein?

Wir betreten mit diesen Fragen die Grenzbereiche zwischen Psychologie, Philosophie, Physik und Magie. Die Übung, diese Disziplinen durcheinanderzuwirbeln, und damit auch Zeit und Raum, betreibt mit großer Begeisterung der aus der Gegenwart fortstrebende menschliche Geist.

7.Hypothese: Die ideale Zeitmaschine ist Bewusstseinstechnologie

Wenn wir uns bei der Suche nach Zeitmaschinen an die Erkenntnisse der Physik halten, gehen wir das Risiko ein, dass Wurmlöcher in unserem Universum eventuell gar nicht existieren, dass sich auf der ersehnten anderen Seite eines Schwarzen Loches kein Universum und nicht mal eine andere Gegend unseres Raum-Zeit-Kontinuums befindet und damit jedenfalls Zeitreisen in die Vergangenheit mit der Brechstangenmethode niemals möglich sein werden. Aber es gibt ja noch andere, weniger material- und energieintensive Strategien, das Universum, Raum und Zeit sowie das Gewusel der menschlichen Existenz darin zu erforschen.

Viele magische und mystische Techniken versuchen beispielsweise, auch die subjektive Erfahrung von Zeit zu beeinflussen, beziehungsweise diese Zeitveränderung ist ein Nebeneffekt der spirituellen Aktivität. Das Repertoire reicht von Kurzbesuchen im Nirwana bis zu zügigen Astralreisen. Die Kontrolle der eigenen Träume oder das bewusste Herbeiführen von Visionen erschließt ebenfalls Dimensionen, in der die Zeitgesetze der Newton’schen Physik nicht die geringste Rolle zu spielen scheinen. Und wer sich jemals bei Evokationsexperimenten Dämonen gegenübersah, wundert sich nicht mehr, wie unendlich langsam die Zeit in so einem Bewusstseinszustand vergehen kann. Bei außersinnlichen Wahrnehmungen, mystischen Erlebnissen und Trancezuständen oder magischen Ritualen weicht das Zeitempfinden eben massiv vom alltäglichen Erlebnis der Zeit ab. Das kann sogar im äußeren Erscheinungsbild des intensiv praktizierenden Adepten deutliche Spuren hinterlassen. John Symonds, Biograf des legendären Magiers Aleister Crowley, zitiert einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1914, in dem der Meister als außergewöhnlich wandelbar beschrieben wird: Manchmal «sah er aus wie ein siebzigjähriger Greis, dann wieder schien er gerade wie fünfundzwanzig. Er scheint sein Aussehen willkürlich verändern zu können. Eben erscheint er einem als ein alter Priester und im nächsten Moment als offensichtlich leicht effeminierter junger Mann, mit weichen, plumpen Händen.»30 Mit welchen Methoden diese Effekte zu erzielen sind – Graf Dracula erzielte ähnliche Erfolge durch eine angemessene Blutzufuhr–, schildert Crowley selbst im Zusammenhang mit der wirksamsten und vormals mit ziemlich viel Geheimniskrämerei getarnten magischen Technik: der Sexualmagie. Dabei bemüht er einen außerordentlich erweiterten Liebesbegriff, für den der Magier die vieldeutigere griechische Vokabel Agape verwendet. Darin seien sowohl Anziehung und Abstoßung als auch Liebe und Hass enthalten. Um dauernde Ekstase und damit magische Erfolge zu garantieren, empfiehlt Crowley in seinem Liber Aleph, «Dinge [zu] suchen, welche für dich vergiftet sind – bis zum höchsten Ausmaß–, und sie durch Liebe zu deinen zu machen. Das, was dich anwidert, das, was dich anekelt, musst du in diesem Weg der Ganzheit assimilieren.»31 Menschen, die diesem Prinzip aus der Boom-Ära des europäischen Okkultismus im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts auch in unserer Zeit folgten, machten in der Presse mitunter als «böse Psychosekten» Schlagzeilen, die ihren Mitgliedern unappetitliche Ekeltrainings aufhalsen. Eine drastische Interpretation, finden die Crowley-Fans. Schließlich ginge es doch um Liebe, «Love under will», wie der Meister zu sagen pflegte, und letztlich um ein mächtiges Instrument, das Bewusstsein zu vervollkommnen – und eventuell auch durch die Zeit zu schicken.

Wer sich jedenfalls den Exkrementen nur ausführlich genug widmet, der, so Crowley, «versteht, dass der Prozess des Alterns angehalten und umgekehrt werden kann durch den Gebrauch von Ekel und den Gebrauch von jungen Frauen…».32 Wer glaubt, Sexualmagie als Jungbrunnen sei etwas ausschließlich Angenehmes, unterliegt einem Irrtum. Im Übrigen wird auch eine der profaneren Disziplinen des Okkulten, nämlich die Kunst der Divination, des Orakelns und Wahrsagens, als der Transport von Wissen aus der Zukunft in die Gegenwart verstanden.

Die Methoden der sogenannten okkulten oder esoterischen Weltsichten anzuwenden, macht nach Meinung ihrer durchaus selbstkritischen Verfechter spätestens dann Sinn, wenn die rationalistisch-materialistischen akademischen Wissenschaften an ihre Grenzen stoßen. Dann heiligt der erkenntnistheoretische Zweck auf jeden Fall die magischen Mittel. Die Schwierigkeiten, das Phänomen Zeit zu erfassen, bieten daher durchaus ein angemessenes Einsatzgebiet des experimentellen Okkultismus. Der englische Magier und Mitglied des Golden Dawn Ordens Israel Regardie, für den Magie letztlich ein System sehr komplizierter psychologischer Techniken darstellt, behauptet in diesem Zusammenhang: «Wenn die Magie über Waffen verfügt, die durchdringender und schärfer sind als die der Wissenschaft, sollen wir diese dann ablehnen, weil die Magie das verrufene Haus ist, in dem sie aufbewahrt werden?… Magie ist eine wissenschaftliche Methode und eine wohlfundierte Technik. Wenn sie uns hilft, vertrauter damit zu werden, was wir wirklich sind, so ist sie eine Wissenschaft – und eine sehr wichtige. Dem Wissenschaftler – sowohl dem Psychologen als auch dem Naturwissenschaftler – eröffnet sie ein völlig neues Universum von ungeheurer Weite und Tiefe.»33

Aber auch unfreiwillige außergewöhnliche psychische Phänomene stehen oft in Zusammenhang mit Veränderungen der Zeit, jedenfalls der subjektiv wahrgenommenen. Von Déjà-vus heißt es im ersten Teil der Film-Trilogie Matrix von den Wachowski-Brüdern beispielsweise, sie seien Fehler in der Matrix. Eine Behauptung, die durchaus schwer zu widerlegen ist. Zur Erinnerung: Die Matrix ist eine von intelligenten Maschinen erstellte Computersimulation, die das darstellt, was wir Menschen jeden Tag erleben. Die ganze Welt ist nur eine Illusion. Eine Idee und Befürchtung, die sich durch die letzten zweitausend Jahre Geistesgeschichte zieht. In diesem Zusammenhang scheint uns neu und erwähnenswert, dass nach Ansicht namhafter Vertreter des wissenschaftlichen Establishments, wie etwa des britischen Mathematikers John Barrow, die Matrix-Hypothese über unsere gemeinsame Realität gar nicht so unwahrscheinlich ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. Es ist im Gegenteil sogar sehr plausibel, dass sie zutrifft. Unsere eigenen Fortschritte im Computersimulationsbereich deuten beispielsweise darauf hin. Auch der bereits als Zeitmaschinen-Konstrukteur aufgetretene Physiker und Träger des angesehenen Faraday-Preises Paul Davies unterstützt diese These. Gegenüber Spiegel Online betonte er: «Wenn ein Universum erst einmal eine zu solchen Simulationen fähige Intelligenz beherbergt, wäre die Zahl der simulierten Wesen praktisch grenzenlos.» Es sei «sehr wahrscheinlich», dass auch wir nur simulierte Wesen sind.34

Wissenslücken und Verbote

Carl Gustav Jung, der Déjà-vus eher mit dem kollektiven Unbewussten in Verbindung brachte, war einer der Väter der modernen Psychologie und Zeitgenosse Sigmund Freuds. Er