Zeitschaden - Uwe Hermann - E-Book

Zeitschaden E-Book

Uwe Hermann

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Beschreibung

Die Zeit hat einen Schaden, und zwar in Schränken. London 1870, Berlin 1920, Duisburg 1985: Aus Kleiderschränken purzeln Menschen, die aus der jeweiligen Zukunft stammen. Der 28-Jährigen Hamburgerin Lucia fällt im Winter 2023 auf diese Weise ein Saugbot mit Psychiater-Plugin vor die Füße. Die Zeit hat ganz offensichtlich einen Schaden in diesem Schrank! Aber was hat der 55-jährige Computernerd damit zu tun, der im Jahr 1985 in Duisburg aufgetaucht ist und sich dort anscheinend pudelwohl fühlt? Eine Achterbahnfahrt durch die Zeit sowie durch Zeitreise-Kakao von und mit den beiden wohl lustigsten Uwes der deutschen SF.

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Triggerwarnung: Gewalt, Alkohol, Zeitreisen, Witze, Dachschäden.

Inhaltsverzeichnis

Samstag, 18.2.2023. Hamburg, Deutschland

Samstag, 27.4.1985. Duisburg, Deutschland

Donnerstag, 04.08.2022, Bonn, Deutschland

Samstag, 7. Mai 1870. London, England

Montag, 15.08.2022, Auvergne, Frankreich

Sonntag, 19.2.2023. Hamburg, Deutschland

64. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Samstag, 27.4.1985. Duisburg, Deutschland

64. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Sonntag, 8. Mai 1870. London, England

65. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Dienstag, 18.6.1985. Duisburg, Deutschland

73. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Sonntag, 9. Mai 1870. London, England

89. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Sonntag, 9. Mai 1870. London, England

89. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Donnerstag, 20.6.1985. Duisburg, Deutschland

89. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Ziemlich lange vor der Erfindung des Kalenders. Irgendwo in Europa

An einem Ort und zu einer Zeit jenseits aller Vorstellungskraft

Sonntag, 23.6.1985. Duisburg, Deutschland

Montag, 15.08.2022, Auvergne, Frankreich

Mittwoch, 26.6.1985. Duisburg, Deutschland

Montag, 15.08.2022, Auvergne, Frankreich

Sonntag, 29. Februar 1920. Berlin, Deutsches Kaiserreich

Montag, 15.08.2022, Auvergne, Frankreich

Mittwoch, 26.6.1985. Duisburg, Deutschland

89. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

89. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Epilog I: 101. Tag-Nacht-Wechsel nach der Baumblüte, »Ort, wo der gurgelnde Bach den Wald verlässt«

Epilog II: An einem Ort und zu einer Zeit jenseits aller Vorstellungskraft

Epilog III: Montag, 1. März 1920. Berlin, Deutsches Kaiserreich

Samstag, 18.2.2023. Hamburg, Deutschland.

Begeistert sah sich Lucia in ihrer neuen Bleibe um. Sie liebte das Chaos. Alles stand voller Kartons und Stofftaschen, Kochnische und Waschbecken waren quasi unerreichbar. Ihr Umzug war beendet!

Sie musste nur noch irgendwo Platz für Matratze oder Schlafsack schaffen und vielleicht ein paar Dinge in den Schrank räumen, und alles wäre perfekt.

Zwanzig Quadratmeter für sich alleine – was für ein Luxus!

»Du bist frei, Lucia!«, rief sie, drehte mit ausgebreiteten Armen eine Pirouette und warf einen Kartonstapel um.

»Ups«, machte sie. »Ach, du arme kleine Kiste, Lucia ist einfach so ungeschickt … entschuldige, ich werde dich und deinen Inhalt … hm, sieht aus wie Sommerröcke, die sind vorläufig unnötig … am besten …« Lucia sah sich um, ihr Blick fiel auf den Schrank.

Sie drohte dem Möbelstück mit der Faust. »Hat Lucia etwa ihren Kram so gestapelt, dass sich deine Türen nicht öffnen lassen? Na, das ist mein erster Umzug, ich lerne sicher noch dazu.«

Nicht ohne Mühe verschob Lucia ihre Umzugskisten so, dass sie zumindest eine Tür des massiven, alten Schranks öffnen konnte.

»So«, sagte sie und ächzte, »hier schmeiß ich euch Sommerklamotten erstmal rein, und damit ihr euch nicht so alleine fühlt, kriegt ihr noch diese Tasche unbekannten Inhalts …«

Lucia hielt inne, weil der Schrank nicht so leer war wie erwartet.

Darin lag ein flacher Gegenstand mit handlichem Griff, der auf den ersten Blick wie ein Staubsaugerroboter ausschaute. Einen solchen besaß Lucia allerdings gar nicht, und in ihrer klitzekleinen Studentenbude hätte sich ein solches Gerät ohnehin die meiste Zeit gelangweilt.

»Na, wer bist du denn?«, fragte Lucia fröhlich. Ihre Angewohnheit, alles und jedes Ding wie einen Menschen anzusprechen, hätte die fraglichen Objekte sicher fürchterlich genervt, wenn sie dazu in der Lage gewesen wären. »Hallo, kleiner Staubsauger!«

»Staubsaugerin, wenn ich bitten darf!«, schnarrte das Gerät zurück und benutzte dafür eine Stimmlage, die an eine Wüstenspringmaus auf dem Weg zu einem dringenden Termin erinnerte.

Lucia war vieles, aber nie um eine Antwort verlegen. »Es heißt aber der Staubsauger, oder etwa nicht?«

»Erstens ist mein Geschlecht ja wohl meine Sache, und zweitens: Ja, kann sein. Manchmal bin ich mir auch nicht ganz sicher.«

»Wow«, sagte Lucia, »seit wann gibt es genderfluide Staubsaugerbots?«

»Ich bin Baujahr 2035, mein Name ist PetraX und ich verfüge über ein hochentwickeltes Zusatzmodul für psychologische Persönlichkeitsberatung«, erklärte die Staubsaugerin.

»Eine gespaltene Persönlichkeit, fein!« Lucia klatschte sich die Hand vor die Stirn. »Wir werden uns prima verstehen. Aber erstmal kommst du da raus, ich brauche den Platz für unwichtigere Dinge.«

»Danke«, sagte PetraX, »ich bevorzuge ohnehin einen Ort in der Nähe einer Steckdose. Übrigens kann ich mich nicht mit dem WLAN verbinden. Es scheint sich um ein veraltetes Protokoll zu handeln. Kannst du das bitte reparieren? Ohne Verbindung zu meinen Servern fühle ich mich so einsam.«

»Du hast doch mich«, sagte Lucia und hob den Saugroboter aus dem Schrank, um ihn auf dem Boden abzusetzen. Viel mehr Bewegungsfreiheit genoss das Gerät dadurch allerdings nicht.

»Meine Saugleistung ist erheblich beeinträchtigt, wenn der Boden mit Kartons vollgestellt ist«, erklärte PetraX. »Möchtest du stattdessen eine psychologische Beratung genießen?«

Lucia grinste. »Ich weiß ja nicht, welcher meiner Freunde dich als Willkommensgeschenk hier deponiert hat, aber das ist echt witzig.«

»Geschenk? Ich bin eine innovative, kombinierte Reinigungs- und Beratungslösung. Die Idee meiner Herstellerfirma, dass keine Wohnung 24 Stunden am Tag gesaugt werden muss, und Geräte wie ich in der restlichen Zeit daher andere nützliche Funktionen erfüllen können, wurde sogar patentiert!«

Lucia verdrehte die Augen. »Ich erfülle im Schlaf auch keine Funktion, soweit ich weiß.«

»Du bist ja auch bloß ein Mensch.«

»Manchmal wäre ich auch lieber ein Staubsaugerbot, dann hätte ich weniger Probleme«, versetzte Lucia. »Außer, wenn ich von seltsamen Typen umprogrammiert werde, um eine alte Freundin bei ihrem Umzug zu ärgern.«

»Ich wurde nicht umprogrammiert«, beharrte der Staubsauger.

»Du bist umprogrammiert worden, um genau das zu sagen«, stellte Lucia klar.

»Nein!«

»Doch!«

»Nein!«

»Doch!«

»Wütender Besitzer detektiert, starte beruhigende Musik: Brave kleine Ratte von Tot im Rinnstein.«

Trauriges Geklimper ertönte.

»Mach. Das. Aus!« Lucia hielt sich die Ohren zu. Der Staubsaugerbot mochte für vieles geeignet sein, aber hochwertige Lautsprecher hatte man ihm nicht spendiert.

Wenn Lucia ehrlich war, konnte sie ab und an etwas Aufmunterung gut gebrauchen, und der kleine, offenkundig von irgendjemandem manipulierte Saugbot war wirklich ein witziges Geschenk.

Vermutlich zeichnete das Ding alles auf, was sie sagte. Um ihr hinterher unter die Nase zu reiben, wie erfolgreich sie veralbert worden war.

Na, da hatte sie auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Lucia bückte sich und zog eine Tüte Bio-Chips mit Walnuss-Aroma hervor. Knuspernd schlug sie die Beine übereinander und fing an, den Saugbot auszufragen.

»Du hattest dein Baujahr erwähnt, … 2035?«

»Korrekt«, schnarrte das Gerät.

»Wir haben aber erst 2023. Folglich kommst du aus der Zukunft.«

Der Saugbot schien eine Weile zu brauchen, um darauf eine Antwort zu finden. Vielleicht verursachte aber auch nur das WLAN einen Timeout, während der Bot sich bemühte, das aktuelle Datum von einem Zeitserver zu beziehen. »Das ist die einzige logische Schlussfolgerung«, sagte er dann.

»Prima«, freute sich Lucia. »Wie ist es so, in der Zukunft?«

»Ach«, machte der Bot, »Hitzewellen, Hungersnöte, Hypernörgler …«

»Also alles wie jetzt«, entfuhr es Lucia. »Langweilig.«

»Die Leute sind echt mies dran. Oder was meinst du, warum wir Staubsauberbots mit psychologischen Zusatzmodulen ausgestattet werden?«

»Um den Käufern dafür extra Kohle aus der Tasche zu leiern? So wie bei meinen Lieblingskeksen, die Jetzt 20% mehr Inhalt haben und 30% mehr kosten?«

»Das auch«, musste der Bot zugeben.

»Eines interessiert mich wirklich. Hat es geklappt … ich meine: wird es geklappt haben, mit der Begrenzung der Erderwärmung auf 1 Grad?«

Der Saugbot gab ein metallisches Kichern von sich. »Wie drollig. Die Erhöhung beläuft sich auf 3 Grad, weil gewisse Rückkopplungseffekte die Entwicklung verstärken.«

»Konnte ja keiner ahnen«, sagte Lucia sarkastisch und seufzte übertrieben, bevor sie sich noch mehr Chips einwarf. »Es sind also keine Außerirdischen gelandet, die die Sache für uns repariert haben?«

»Es wurde zwar öfter behauptet, aber die Beweise stellten sich alle als Deep Fakes heraus«, erklärte der Bot.

»Und es ist auch keine Mega-KI erwacht, die sich der Angelegenheit angenommen hat?«

»Doch, aber die hat sich als erste Amtshandlung selbst abgeschaltet, um die riesigen Energiemengen einzusparen, die sie verbrauchte.«

Lucia kicherte. »Die Monster-KI konnte ihre Stromrechnung nicht bezahlen?«

»Dieses Schicksal«, entgegnete PetraX, »teilte sie mit den meisten Bürgern dieses Landes.«

Samstag, 27.4.1985. Duisburg, Deutschland.

Annegret Richter saß auf ihrem Bett und löste Kreuzworträtsel, als etwas in ihrem Schlafzimmerschrank rumorte. Oder … jemand?

Sie horchte angestrengt, aber da war nur das dröhnende Ho-ho-ho aus dem Wohnzimmer, wo ihr Mann mit seinen Skatfreunden fröhlich Karten spielte, rauchte und alles in allem der Grund dafür war, dass sie ihre geliebten Kreuzworträtsel lieber im Schlafzimmer löste.

Annegret glaubte nicht an Poltergeister. Das unterschied sie von ihrer Cousine Ernestine, die an ihrer Stelle jetzt sofort den örtlichen Verein für wissenschaftliche Geisterfreunde herbei telefoniert hätte. Dessen Vorsitzender, Rolf Weinberg, freute sich gerade anscheinend im Nebenzimmer über einen besonders gelungenen Stich.

Komischer Zufall, dachte Annegret.

Dann rappelte die Schranktür.

Annegret griff nach ihrem Kopfkissen, das neben ihr lag. Vermutlich nicht besonders wirkungsvoll. Aber besser als Zeitschrift und Kugelschreiber.

Knarrend öffnete sich die Tür.

Ein gutaussehener Mann trat heraus. Er trug Jeans und Pullover und hatte die dunklen Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt.

Annegret mochte weder Seitenscheitel noch Jeans. Ein respektabler Mann hatte ihrer Ansicht nach einen ordentlichen Anzug zu tragen.

»Guten Abend«, sagte der Mann. »Bin ich hier richtig bei … ich meine … im Jahr 1985?«

In diesem Moment machte in der Stube wieder jemand einen tollen Stich und grölte. Der Mann schien die großformatigen Gemälde an den Wänden zu bewundern, die allesamt blaue Schmetterlinge zeigten.

Annegret nickte, dann zeigte sie Richtung Tür. »Sie wollen sicher zu meinem Mann zum Skatspielen.«

»Nein, ich ziehe Tetris vor.«

»Tee-Trees?«

»So ungefähr.« Der Mann holte einen Koffer aus dem Schrank und schloss sorgfältig die Schranktür. »Entschuldigen Sie die Störung.«

»Das ist nicht unser Koffer«, sagte Annegret verwirrt.

»Nein«, sagte der Mann. »Es ist meiner.«

»Wie kommt Ihr Koffer in unseren Schrank?«, fragte Annegret.

»Das«, sagte der Mann, »ist eine bemerkenswerte Frage. Wenn ich antworte: Genau wie ich!, wären Sie dann zufrieden?«

Annegret Richter zögerte. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein«, sagte sie, »aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie unsere Wohnung jetzt verlassen würden, da ich sonst die Polizei rufen müsste.«

»Selbstverständlich«, sagte der Mann und deutete eine Verbeugung an. »Auf Wiedersehen.« Er ging mit seinem Koffer ums Bett herum, gefolgt von Annegrets Blick. Dann öffnete er die Schlafzimmertür und sah sich kurz im Korridor um, bevor er zur Wohnungstür ging.

Kurz darauf hörte Annegret die Tür ins Schloss fallen.

Während im Wohnzimmer niemand etwas mitbekommen hatte und weiter Stich um Stich gemacht wurde, erhob sich Annegret Richter langsam und trat vor ihren Kleiderschrank. Sie hatte ein bisschen Angst, was sie sehen würde, sobald sie die Tür öffnete. Noch mehr Männer? Oder gar nichts, weil der Kerl doch ein Einbrecher gewesen war und alle Kleidung der Richters in seinen Koffer gestopft hatte und gerade damit auf der Flucht war?

Annegret Richter spürte, wie ihr Herz schlug, als sie den Türknauf ergriff. Eine kleine elektrische Entladung schien auf ihre Fingerkuppen zu springen.

Sie atmete ein und hielt die Luft an.

Dann öffnete sie ruckartig die Schranktür.

Donnerstag, 04.08.2022, Bonn, Deutschland.

Ottmar Siebert wusste, dass sie ihn jagten. Er hatte gegen die Regeln der Familie verstoßen und musste nun dafür bezahlen. Niemand widersetzte sich Wilhelmine Großenberg. Sie leitete Deutschlands größtes Transportunternehmen in der dritten Generation und war es gewohnt, dass sie alles bekam, was sie wollte. Sie war eine Spinne, die jeden Faden ihres Netzes kontrollierte. Wer einmal in ihre Fänge geriet, entkam ihnen nie wieder.

Als Ottmar begriff, in was er hineingeraten war, hatte er sich abgesetzt. Und nun waren sie ihm auf den Fersen, um ein Exempel an ihn zu statuieren. Jeder sollte sehen, dass man die Familie Großenberg nicht ungestraft hinterging.

Zwei Männer kamen die Treppe der Unterführung herauf und betraten den Bahnsteig. Beide trugen dunkle Anzüge, schwarze Schuhe und hielten Aktenkoffer in den Händen. Das Jackett des Größeren spannte sich über seiner Brust und Ottmar dachte sofort, dass er darunter sicher eine Waffe trug.

Die Männer blieben stehen, warfen einen Blick auf die Anzeigetafel der Züge und näherten sich dann der Bank, auf der er saß. Ottmar spürte wieder die lähmende Angst, die ihn seit dem Moment, in dem er aus dem Toilettenfenster geklettert war, nie ganz verlassen hatte. Er wusste nicht, wer alles für die Familie arbeitete. Vielleicht gehörten die beiden auch dazu. Waren sie seinetwegen hier? Die Großenbergs waren reich und ihr Einfluss erstreckte sich bis in die Reihen der Politik. Vielleicht suchte sogar die Polizei nach ihm. Ottmar wusste es nicht. Er ballte die Fäuste, dass sie schmerzten. Wie hatte er nur an diese Familie geraten können?

Die Männer kamen näher und schauten in seine Richtung. Ottmar wollte aufstehen und davonlaufen, aber die Angst lähmte ihn. Außerdem wäre er sowieso keine zehn Meter weit gekommen. Sportliche Betätigung war etwas, dem er allenfalls an der Spielkonsole nachging. Hinzu kam, dass er zu viel rauchte und gar nicht die Ausdauer für einen Sprint hatte, aber Himmel, er hatte doch nicht damit gerechnet, dass er einmal würde fliehen müssen.

Der größere der beiden Männer schaute ihm direkt in die Augen. Ottmar hatte das Gefühl, als würde die Luft gefrieren. Gänsehaut kroch seine nackten Arme und Beine hinauf.

Doch sie gingen vorüber, ohne sich auf ihn zu stürzen. Er hörte, wie der Kleinere eine spöttische Bemerkung über Ottmars Kleidung machte. Ottmar wusste, dass er in seinem orangefarbenen T-Shirt, den weißen, abgelaufenen Turnschuhen und den kurzen, roten Hosen, die so gar nicht zu dem Wetter passen wollten, lächerlich aussah, aber er hatte nicht die Zeit gehabt, um sich andere Kleidung zu besorgen. Inzwischen bereute er, dass er seinen teuren, maßangefertigten Anzug zurückgelassen hatte, doch er hatte nichts mitnehmen wollen, das ihn an diese Familie erinnerte.

Was für ein Outfit für eine Flucht, dachte er in einem Anflug von Selbstironie.

Die Anspannung verließ Ottmar auch dann nicht, als auf dem angrenzenden Bahnsteig eine Regionalbahn einfuhr und die Männer mit ihr verschwanden.

Eine zusammengeknüllte Zigarettenschachtel rollte vom Wind getrieben an ihm vorbei. Ottmar griff automatisch zu seiner Gesäßtasche, nur um sich daran zu erinnern, dass er seine Zigaretten in dem Anzug gelassen hatte. Endlich sprang der Text auf der Anzeigetafel um und kündigte den Zug an, auf den er wartete.

Kurz darauf meldete eine Durchsage seine Einfahrt. Längst hatte sich der Bahnsteig mit Menschen gefüllt. Ottmar trat bis an die Sicherheitsmarkierung auf dem Boden des Bahnsteiges vor und lehnte sich nach vorne, um besser sehen zu können. Von rechts näherte sich in noch weiter Ferne eine Diesellok. Als er nach links schaute, hatte er das Gefühl, als stieße ihn jemand auf die Gleise. Da stand eine Frau mit aufwändig hochgesteckten, braunen Haaren in einem Brautkleid und zwei Männer in dunklen Anzügen, die sich suchend umsahen. Er zuckte zurück. Konstanze hatte ihn gefunden! Wie war das möglich? Dann wurde ihm klar, dass sie alle Bus- und Bahnhöfe nach ihn absuchen würden. Wie hätte er ohne Auto und mit nur ein paar Euros in der Tasche auch sonst fliehen sollen? Nur per Bahn oder Bus konnte er eine möglichst große Entfernung zwischen sich und der Hochzeitsgesellschaft bringen.

Langsam beugte er sich erneut vor. Konstanze und ihre Brüder waren in der Menge verschwunden. Hatten sie ihn gesehen? Er wusste es nicht.

Die Zeit, bis der Zug endlich anhielt und sich die Türen öffneten, dehnte sich wie Kaugummi. Dann drängte sich Ottmar an den aussteigenden Passagieren vorbei ins Innere und lief durch die Wagons Richtung Zugende. Wenn Konstanze ihn bemerkt hatte, würden sie im vorderen Teil des Zuges einsteigen.

Vor ihm öffnete sich die Tür zu einer Toilette und ein übergewichtiger Mann zwängte sich heraus. Er murmelte eine kaum hörbare Entschuldigung, als er Ottmar mit seiner Körperfülle in einen der Sitze drückte und auf den Ausgang zu eilte.

Ottmar fasste eine Entscheidung und betrat die winzige WC-Kabine. Er schloss die Tür und setzte sich zitternd auf den Toilettensitz. Einen Augenblick später spürte er, wie der Zug anfuhr. Er dachte an Konstanze und die schöne Zeit, die sie anfangs gehabt hatten. Damals hatte er noch geglaubt, sie sei eine gewöhnliche Studentin, mit Geldsorgen, so wie er.

Sie hatten gemeinsam an der Humboldt-Universität in Berlin einige Vorlesungen besucht und waren sich dort nähergekommen. Konstanze war jetzt nicht die bewundernswerteste Blume im Garten gewesen, aber sie hatte liebe Augen und so hatten sie sich regelmäßig getroffen. Damals ahnte er noch nichts von ihrer herrschsüchtigen Familie. Die lernte er erst nach ihrer Verlobung kennen. Von diesem Augenblick an wurde alles anders. Er schien in einem Topf mit Honig gefallen zu sein. Süß und verführerisch und doch so klebrig, dass man ihm nicht mehr entkommen konnte. Als er begriff, dass er irgendwann darin untergehen würde, war es bereits zu spät. Konstanzes Großmutter Wilhelmine bestimmte längst sein Leben. Er hatte sich so zu benehmen, wie man es von einem Großenberg erwartete und diese neuen Regeln unterschieden sich radikal von seinen vorhergehenden. Jede seiner Entscheidungen wurde infrage gestellt und korrigiert. Für alles gab es einen minutiös geplanten Ablauf. Selbst seinen Junggesellenabschied organisierten sie für ihn. Einflussreiche Geschäftsleute, Politiker und Freunde der Familie wurden eingeladen, nur seine Freunde nicht. Jeder aus der Familie trug ein lilafarbenes T-Shirt mit einer Nummer auf dem Rücken und der Aufschrift Familie Großenberg. Und Konstanze stand hinter allem, was ihre Großmutter befahl. Ottmar erkannte sie nicht wieder. Es schien, als hätte er mit der Verlobung einen Schalter bei ihr umgelegt. Die liebe, nette Studentin mit den gütigen Augen war zu einem Klon ihrer Großmutter mutiert. Bevor Ottmar den Rest seines Lebens eingesperrt in einem goldenen Käfig verbringen musste, war er am Tag der Hochzeit aus dem Toilettenfenster des Standesamtes geflohen. Und nun jagte ihn die komplette Hochzeitsgesellschaft.

Ein energisches Klopfen unterbrach Ottmars Erinnerungen.

»Besetzt!«, rief er. Worauf eine mürrische Stimme mit: »Mir egal, Fahrkartenkontrolle!«, antwortete.

Ottmar öffnete die Tür einen Spaltbreit, um sich zu vergewissern, dass niemand anderes als der Schaffner davor stand. Dann schob er seinen Fahrschein durch den Spalt.

»Das hier ist eine Toilette und kein regulärer Sitzplatz«, antwortete der Schaffner, während er mit seinem Lesegerät den QR-Code auf dem Ticket scannte.

»Ich habe Magen- und Darmgrippe«, log Ottmar.

»Dann gehören Sie ins Bett und nicht in die Bahn.«

»Ich fahre nur bis Königswinter. Sind wir pünktlich dort?«

»Pünktlich? Eher nicht. Zurzeit haben wir fünfundzwanzig Minuten Verspätung.«

Ottmar öffnete die Tür, bis er das Gesicht des Schaffners sehen konnte. »Aber dann verpasse ich meine Fahrgelegenheit.«

Der Mann zuckte teilnahmslos die Schultern. »Wenn Sie es eilig haben, hätten Sie das Auto nehmen müssen.« Er gab Ottmar das Ticket zurück und ging weiter zum nächsten Wagen.

Ottmar schloss die Tür und ließ sich wieder auf dem Toilettensitz nieder. Den Rest der Fahrt würde er sich nicht von der Stelle rühren, egal ob seine Verlobte, der Schaffner oder sonst jemand an die Tür klopfte. Und dann würde er Deutschland verlassen, bevor man ihn schnappte und zum Ja-Wort zwang. Ein Studienfreund hatte versprochen, ihn außer Landes zu bringen. Er hatte sie beide für ein Doktoranden- und Studentenprogramm an der Uni Köln angemeldet. Es ging nach Auvergne, in Frankreich, in ein Camp ohne Handyempfang, Strom oder sonstigen Komfort. Hier würde Konstanze ihn niemals finden.

Obwohl der Zug mit Verspätung in den Bahnhof von Königswinter einfuhr, schaffte Ottmar es rechtzeitig zum Treffpunkt an die Drachenfelsbahn. Auf dem Parkplatz standen drei klapprige Mercedes-Transporter und ein SUV mit einem angehängten Wohnwagen, vor dem acht Jugendliche und ein älterer Herr in Cordsakko und Hut auf ihn warteten. Als Ottmar näherkam, hob einer von ihnen die Hand und winkte. Ottmar erkannte in ihm seinen Studienfreund Ferdinand Mowotzki und winkte zurück. Er beeilte sich, zur Gruppe aufzuschließen.

»Mann, du bist zu spät. Wir wären fast ohne dich losgefahren«, flüsterte Ferdinand seinem Freund zu.

Der ältere Herr neben ihm bedachte Ottmar mit einem tadelnden Blick. »Bei so einem Programm sollte Pünktlichkeit selbstverständlich sein, junger Mann«, bekam er anstatt einer Begrüßung von ihm zu hören.

Ottmar nickte. »Das ist es auch, aber leider gilt das nicht für die Deutsche Bahn.«

»Das ist Professor Cornelius Stemmer von der Kölner Uni«, erklärte Ferdinand und stellte sie einander vor.

Professor Stemmers Blick wanderte wie eine Laserabtastung über Ottmars Körper. »Wo sind Ihre Sachen? Rucksack, Wechselkleidung, Ausrüstung?«

»Die sind wahrscheinlich auf dem Weg zur Küste. Ich sagte doch, dass ich die Bahn genommen habe.«

»Er kann bei mir im Zelt schlafen und den Rest kaufen wir in Frankreich«, sagte Ferdinand schnell, bevor Professor Stemmer seinen Unmut in Worte fassen konnte.

Einen Augenblick lang schien es, als ob Ottmars Flucht bereits in Deutschland enden würde. Dann brummte der Professor sein Einverständnis.

Amelie Backmann, eine Studentin mit kurzen, blauen Haaren riss die Fahrertür eines der Transporter auf. »Dann los, alle einsteigen! Es geht nach Frankreich!«

Samstag, 7. Mai 1870. London, England.