Zeitwellen - Annette Kipnowski - E-Book

Zeitwellen E-Book

Annette Kipnowski

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Beschreibung

»Bild sucht Text« lautete der Titel des literarischen Wettbewerbs, an dem sich 150 Autor:innen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden beteiligt haben. Dreizehn Bilder verschiedener Künstler:innen waren Inspirationsquelle für eine spannende Sammlung von Texten, vornehmlich in Gestalt von Kurzgeschichten, die in dieser Anthologie Zeitwellen vorgestellt werden.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2022

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INHALT

Vorwort

Annette Kipnowski

Einführung

Burkhard Schwering

Abbildung

Ursula Adrian-Rieß: Ohne Titel (2012)

Julia BispingDie GondelJan WelterDie Forelle

Abbildung

Janni E. Bruch: It‘s not what it seems (2015)

Henriette PaulRotEric BachWasserspiegelLeah BraekauVon Himbeerbonbons und FriedenszeitenAnna-Lena EißlerUnterhaltung mit einer UnbekanntenAstrid MiglarZeitwellenThomas NeuDie Gezeiten des LebensNikolaus SchwarzHerrn Moahs Finale

Abbildung

Barbara Hoock: Schicksaltfäden (2001)

Uwe BergerVerloren und gefundenGabriele BerghoffDas Märchen von der Prinzessin und dem GeschichtenerzählerUta BiehlGewebtes

Abbildung

Burkhard Schwering: Trauriger Narr (2015)

Anne HalasDer Narr und die EuleMarion LeutherDer doppelte BobMaximilian WustEin Scherz

Abbildung

Franz Göckede: Rhein im Winter bei Rees (1998)

Annette KipnowskiNick NickelsRebekka MatthesDer StegSarah MeisingerDas FrachtschiffJutta PillatVom Verweilen auf FlüssenBurkhard SchweringFaules Holz

Abbildung

Ellen R. Dornhaus: Fensterbild (2014) Fotografie

Sonja DohrmannSehnenAnne KohlerAussichtslosGerald MartenFlockenkäferChristine RothHeimkommenIlse SamAbschiedChristiane WeberDie SchwesternKathrin WilkDas LebkuchenhausAnna ZuhofBeige ist optionslosAlexandra AnvariGegenüberHugo BergerMeine heimliche Familie

Abbildung

Katja Zander: Ohne Titel (2021)

Isabell HemmrichNur ein rosa ElefantAlexa RudolphKönigin der NachtCrispin ScholzKonglomerat

Abbildung

Annette Kipnowski: Geburtstag (2013)

Helmut BleppPflichtbesuchBianca BrepolsAnnaAndrea GänzlerDer Spiegel meiner (Ur-) GroßmutterGudrun GüthTee und WaldfrüchtemusMarina JenknerSchweigen unter StuckBirgit MangoldErdbeerkuchenAina SiebluftEine besondere Begegnung

Abbildung

Unbekannter Künstler: Weißes Pferd (17./18. Jh.)

André HénocqueKismetMaria SchleyDas PferdJanthe SchröderNathan der Unwissende

Abbildung

Jochen Kipnowski: Hommage an Tàpies (2008)

Maike FrieSpuren im EisKristiane KondratDie BestellungJutta v. OchsensteinUnangreifbarUta WüstKleine Fische

Abbildung

Mathias Bruch: Vergessen – unvergessen (2020)

Peter BurkhardDie verlorene SpurFranz SchollesGesichtslosMarianne UllmannVokabelheftItta WonpikSchande

Abbildung

Franz Göckede: Am Ostseestrand (um 1993)

Silke BerkeFundort MorgenstrandSybille EngelsEmiliaAngela JentjensZwei Bäume

Vorwort

Annette Kipnowski

Im Jahr 2016 erschien das Buch »Nighthawks – Stories nach Gemälden von Edward Hopper«. Der Herausgeber Lawrence Block, selbst ein berühmter US-amerikanischer Autor für Belletristik, hatte bekannte Kollegen gebeten, zu einer Auswahl von Gemälden von Hopper Geschichten zu schreiben.

Uns gefiel die Idee, aber wir modifizierten sie, indem wir fünfzehn eher unbekannte Bilder von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern auswählten und online einen Wettbewerb ausschrieben.

Die Resonanz war erstaunlich: Mehr als 150 Autoren sandten ihre Manuskripte ein. Zwar kamen die meisten Zuschriften aus Deutschland, aber viele auch aus Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Die Teilnehmer waren zwischen 15 und über 80 Jahre alt, das weibliche Geschlecht überwog. Die Bilder waren offensichtlich unterschiedlich inspirierend. Zu einem Bild gingen mehr als 30 Geschichten ein.

Nicht wenige Autoren äußerten, dass ihre Geschichten autobiografisch gefärbt seien und dass sie sich beim Schreiben emotional berührt fühlten. Bemerkenswert, aber vielleicht nicht verwunderlich, ist die Tatsache, dass ein großer Teil der Geschichten eine pessimistische Grundstimmung hat. Dies ist wohl nur teilweise in den Bildern angelegt.

Die Auswahl fiel uns nicht leicht. Am Ende konnten wir 54 Geschichten aufnehmen. Dank an alle Autoren, auch an die, die leider in der Anthologie nicht dabei sind.

Wir haben versucht, eine ausgewogene Mischung zu präsentieren. Allerdings sind zu den letztlich dreizehn Bildern unterschiedlich viele Geschichten abgedruckt.

Wir fanden es spannend, was dieselben Bilder bei unterschiedlichen Menschen bewirken und wir hoffen, dass auch Sie neugierig sind.

Einführung

Burkhard Schwering

Wir leben mit, aus und von Bildern – die Möglichkeit visueller Wahrnehmung teilen wir mit den meisten Tieren. Wir sind wesentlich bildbasiert. Im Rahmen unserer Wahrnehmungen ist die Bildrezeption eine feste Konstante, sie ist Inspirationsquelle, die dazu anregt, Dinge zu erkennen, zu tun oder zu lassen, einzuordnen, zu bewerten oder beispielsweise etwas zu empfinden. Die Wahrnehmung eines Bildes kann direkt zu einem kreativen Akt führen, sie ist in diesem Fall deutlicher Verweis auf die Kulturfähigkeit des Menschen. Erinnern möchte ich zudem an echte Bildsprachen, in denen Bild und Wort als Zeichensysteme untrennbar verbunden sind.

In unserer Anthologie ist die Beziehung zwischen Bild und Wort von ganz unterschiedlicher Intensität. Es gibt Beiträge, deren Bildbezug nur randseitig und oberflächlich ist, während andere das Bildmotiv ins Zentrum ihrer Aussage stellen und es damit handlungsbestimmend erscheint. Die Bedeutung des Bildmotivs für den Autor als Inspirationsquelle lässt sich anhand der Anzahl der eingegangenen Texte sehr eindrucksvoll belegen.

Die uns in der Anthologie vorgestellten Bilder sind Kunstwerke. Dabei ist es nicht primär wichtig, welche künstlerischen Qualitäten sie haben, sondern welche Aussagekraft, über die die Autorinnen und Autoren mit ihren Textreaktionen individuell befunden haben.

Die Textform bzw. literarische Gattung erscheint vornehmlich in Gestalt der Kurzgeschichten, sie sind echte Narrative, um eine vielbenutzte zeittypische Begrifflichkeit zu bemühen. So wird dieses Buch zur Dokumentation aktueller Zeitwerten, die kaleidoskopartig über Menschen und ihre Befindlichkeiten berichten. Sie begleiten uns auf einer spannenden Zeitreise.

Ursula Adrian-Rieß: Ohne Titel(2012) © VG Bild-Kunst, Bonn 2023 Collage

Julia Bisping

Die Gondel

Der Mond stand leuchtend über Venedigs Lagune und ließ sein silbriges Licht über Palazzi, Kirchen, Säulen und Plätze streichen. Wie jede Nacht war es, als würde er mit tastenden Fingern nach der Stadt und den vielen Türmen, Brücken und Kanälen greifen, um alles in seinen nächtlichen Besitz zu bringen.

Die meisten Gondeln lagen vertäut und gut gesichert an rot-weiß gestreiften Anlegepfählen und bewegten sich unter ihren Planen im Wasser, als könnten sie es nicht erwarten, dass die Nacht vorbei ginge und sie ihre endlosen Fahrten in den Kanälen wieder aufnehmen würden.

Die einzelne Gondel, die noch auf dem großen Kanal zwischen Venedig und der Insel Giudecca in gemächlichem Tempo auf den seichten Wellen trieb, war von Venedig aus kaum zu sehen. Lediglich die typische metallene Verzierung am Bug des kleinen Gefährts blitzte ab und zu im Mondschein auf und könnte einen aufmerksamen Beobachter vom Festland stutzig machen. Das Metall, das normalerweise silbrig schimmerte, war von seinem Besitzer in strahlendem Rot gestrichen worden, als hätte er dem dunklen Gefährt einen fröhlichen Farbklecks verpassen wollen.

Marco betrachtete noch einen Moment das rötlich glänzende Metall, dann legte er das hölzerne Ruder beiseite. Er beugte sich vor und starrte auf das dunkle Wasser um sich herum. Angestrengt kniff er die Augen zusammen und spürte, dass sein Herzschlag sich beschleunigte. Es war ein lauer Tag gewesen. Der Sommer stand vor der Tür und sorgte dafür, dass auch die Nächte warm und seicht waren. Als er die Wasseroberfläche mit der Hand berührte, stieg ihm ein fischiger Geruch in die Nase.

Er schaute nach oben zum silbrigen Mond, der so groß und breit über der Lagune stand, dass er fast schon protzig wirkte. Dann holte er seine kleine Taschenuhr hervor. Er hatte sie von seinem Vater geerbt und für diesen Anlass erschien sie ihm gerade richtig. Die Uhr zeigte kurz vor Mitternacht. Wenn etwas geschehen würde, dann würde es jetzt passieren. Wenn das Unglaubliche wahr werden sollte, dann würde es jede Sekunde so weit sein.

Die Zeiger der Uhr bewegten sich weiter, tickten in ihrem ewigen Kreislauf und schlichen näher und näher auf die Zwölf zu. Als die Zeiger beide nach oben gerichtet waren, beugte Marco sich erneut vor. Doch das Wasser sah so unverändert aus wie zuvor. So sehr er sich auch konzentrierte, er konnte in den undurchdringlichen Tiefen nichts erkennen.

Als es kurz nach zwölf Uhr war, wurde er ungeduldig. War es vielleicht doch nicht wahr? Hatte er sich umsonst das letzte halbe Jahr auf diesen Tag vorbereitet? Er spürte die Enttäuschung wie einen schalen Geschmack auf der Zunge. Wie hatte er nur an diese Märchen glauben können? Wie sehr hatte er sich nur blenden lassen. Die Gedanken schossen ihm durch den Kopf, als hätten sie nur darauf gewartet, ihn endlich verhöhnen zu können.

Es war vor sechs Monaten gewesen, als er das Buch in der Bibliothek entdeckt hatte. Das Buch, von dem er geglaubt hatte, es würde sein Leben verändern, ihm bestätigen, dass es Dinge gab, die seine geliebte Stadt lange verborgen gehalten hatte. Er hatte sogar das Gefühl bekommen, er sei auserwählt worden.

»Wie eingebildet ich doch sein kann«, dachte er und schüttelte den Kopf. Es kam ihm lächerlich vor. Doch sollte er wirklich schon aufgeben? Es war immerhin erst kurz nach zwölf. Er hatte so lange auf diesen Tag gewartet, dass es ihm falsch vorkam, so schnell alles hinzuwerfen.

Es war so deutlich beschrieben gewesen in dem Buch. Über mehrere Seiten hatte er eine Geschichte der Lagune gelesen, von der er noch nie gehört hatte. Er hatte das Buch nur durch Zufall entdeckt, als er die alten Bestände der Bibliothek sortieren sollte. Manchmal half er am Wochenende aus, um sich zu seiner Arbeit als Gondoliere etwas dazuzuverdienen. Und da war es ihm in die Hände gefallen. Fast hätte er es einfach zu den anderen Büchern in die Kisten gelegt, doch irgendetwas an dem Buch hatte ihn dazu veranlasst, den staubigen Buchdeckel zu öffnen und die dünnen Papierseiten aufzuschlagen. War es die tiefblaue Farbe des Einbands gewesen? Oder das feuerrote Lesebändchen, das genau an der richtigen Stelle eingelegt worden war? Er wusste es nicht. Aber seit diesem Tag hatte ihn das Buch nicht mehr losgelassen.

Es erzählte von einer Zeit und von Ereignissen, die er sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Auch wenn er jetzt daran dachte, musste er schmunzeln. Das alles war doch vollkommen verrückt. Es konnte nicht sein, dass es wirklich magische Wesen in der Lagune gegeben hatte. Und schon gar nicht, dass sie immer noch da waren, oder doch?

Marco starrte noch einen Moment auf das Wasser hinunter und umfasste dann erneut den Schaft seines Ruders. Vielleicht musste er noch ein bisschen weiter raus, vielleicht war er nur noch nicht an der richtigen Stelle. Vorsichtig ließ er das Ruder ins Wasser gleiten und bewegte es dann in den leichten kreisenden Bewegungen, mit denen die Gondeln angetrieben wurden. Das schmale Boot schwamm wie von selbst weiter auf die Lagune hinaus, als wüsste es den richtigen Weg genau.

So wie es in dem Buch beschrieben war, zeigten sich die Wesen nur ein einziges Mal im Jahr. Nur dann, wenn der Frühling in den Sommer überging und die kürzeste Nacht des Jahres anbrach. Auf rauem Papier in schwarzer Tinte hatte es gestanden. Marco hatte sich die Worte genau eingeprägt. Sie lebten anscheinend tief versteckt in der Lagune, irgendwo unter dem Wasser und würden ihre jährliche Reise in die Stadt zuerst durch die Lagune vollziehen. »Ich muss einfach geduldig sein«, dachte Marco und ließ sich auf die samtenen Sitze sinken, die normalerweise für die Touristen gedacht waren.

Als weitere zwanzig Minuten vergangen waren, schüttelte er enttäuscht den Kopf. Vielleicht war es tatsächlich nur eine Geschichte, die vielleicht irgendwann mal wahr gewesen war, aber längst nicht mehr existierte.

»Da habe ich mir wohl etwas vorgemacht«, dachte er und presste die Lippen aufeinander. Wenn seine Freunde davon erführen, würden sie sich über ihn lustig machen, da war er sich ganz sicher.

Er wollte gerade aufstehen und das Ruder zurückziehen, als er in der Bewegung erstarrte. Dort, unter der Wasseroberfläche, hatte er etwas aufblitzen gesehen. Er beugte sich über den Rand des Bootes und sah einen silbernen Schimmer. Als würde sich das Licht des Mondes plötzlich an einer Stelle im Wasser konzentrieren. Marco hielt den Atem an. War es das, wonach er gesucht hatte? Er beugte sich so weit vor, dass das Boot gefährlich zu schaukeln anfing. Doch er achtete kaum darauf. Er war vollkommen versunken in das, was er nun sah.

Da war eine Bewegung unter Wasser, er nahm sie ganz deutlich wahr. Das silbrige Glänzen dehnte und streckte sich, sodass es plötzlich aussah, als würde sich ein riesiger Fischschwarm unter der Wasseroberfläche versammeln. Aber das waren keine Fische. Marco hielt den Atem an.

Je mehr sich der Schwarm verdichtete und je näher er der Oberfläche kam, umso besser konnte er erkennen, was da unter ihm hertrieb.

Er sah die zierlichen, kleinen Gestalten von Wesen mit Köpfen, Beinen und flossenartigen Füßen. Sie waren einem Menschen gar nicht so unähnlich, schoss es ihm durch den Kopf.

Ihre Köpfe waren von grünen Haaren umgeben und ihre gesamte Haut verziert mit glitzernden Schuppen, die unter Wasser aussahen wie flüssiges Silber. Hin und wieder leuchteten sie grünlich, aber das Mondlicht tauchte sie immer wieder in silbernen Schimmer.

Mit schnellen Bewegungen schwebten sie unter dem Boot durchs Wasser und schließlich auf die Stadt zu. Marco folgte ihren winzigen Gestalten mit den Augen. In einem Strom steuerten sie auf Venedigs Mauern zu. Er hatte noch nie etwas Schöneres gesehen. Er schaute auf den Schwarm herab, der unbekümmert unter ihm entlangglitt. Es schien nicht so, als würden sie wissen, dass er sie beobachtete.

Marco wurde plötzlich schwindelig. War das alles echt? War das, was er da vor sich sah, wirklich wahr? Oder war das alles bloß ein Traum?

Mit einem Finger kniff er sich fest in den Oberarm, um festzustellen, dass er nicht träumte, dass er wirklich wach war und sein Kopf ihm keinen Streich spielte. Doch der Schmerz fühlte sich so echt an, dass er es wohl glauben musste. Die Geschichte war wahr. Es gab Wesen in dieser Stadt, von denen keiner mehr wusste, an die sich keiner mehr erinnerte, außer ihm.

Es war, als würde er das Wasser mit einem Mal flüstern hören, als würden die seichten Wellen, die an seine Gondel schwappten, im selben Moment in eine Melodie verfallen. Eine Melodie, die nicht für seine Ohren bestimmt war. Woher kamen die Geräusche? Sie mussten von den Wesen stammen. Hatten sie ihn entdeckt? Hastig zog Marco den Oberkörper zurück und im selben Moment ertönte ein lautes Platsch.

Das hölzerne Ruder war aus seiner Verankerung gerutscht und auf der Wasseroberfläche aufgeschlagen. Der silbrige Schwarm stob aufgeschreckt auseinander und die winzigen silbernen Wesen verschwanden binnen weniger Sekunden in den dunklen Tiefen von Venedigs Lagune. Alles geschah so schnell, dass Marco erst begriff, was passiert war, als das Wasser unter ihm wieder dunkel und undurchsichtig war. Er verharrte noch einen Moment steif in seiner Position, als würde er erst langsam wieder Gewalt über seinen Körper bekommen, und lehnte sich dann schwer atmend an den samtüberzogenen Sitz der Gondel.

Er brauchte einige Sekunden, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.

Ich habe sie gesehen. Die Worte hörten sich so merkwürdig in seinem Kopf an und er spürte in jeder Faser seines Körpers, dass er bis zuletzt nicht gänzlich daran geglaubt hatte. Aber er hatte sie gesehen. Für einen kurzen Moment hatte er sie gesehen. Die magischen Wesen, die seit Jahrhunderten in Venedigs Lagune zu Hause waren. Eigentlich müsste er enttäuscht darüber sein, wie er selbst sie aus eigener Unvorsichtigkeit vertrieben hatte. Doch das Gefühl stellte sich nicht ein.

Er war nur erfüllt. Obwohl er sie nur wenige Augenblicke gesehen hatte, fühlte er nichts als Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass er das Buch gefunden und hineingeschaut hatte und heute genau an der richtigen Stelle gewesen war.

Ich habe sie gesehen. Die Worte hallten durch seinen Kopf. Ich habe sie wirklich gesehen. Die Wesen aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit, die irgendwann in geraumer Vorzeit hier gelandet waren. Unfreiwillig und fremd.

Und doch waren sie immer noch hier. Marco schaute zu der Stadt zurück, die so erhaben in der Lagune lag, dass er schlucken musste. Sie war wunderschön. Die filigranen Türme, die wunderschönen Bögen und Brücken, Palazzi und Kirchen. Schon als Kind war es ihm so vorgekommen, als würde die Stadt einige Geheimnisse verbergen, die sie nicht preisgab. Und nun hatte er eines von ihnen gelüftet. Ein Geheimnis, das vorher nur der Stadt gehört hatte. Sie hatte es heute mit ihm geteilt.

Jan Welter

Die Forelle

»Tür zu, es zieht!«

Die scharfe Stimme der Mutter galt nicht ihm, dennoch zog Peter unwillkürlich den Kopf ein.

»Guten Abend, Hilde, das Übliche, du weißt schon.«

Franz Lohmann hängte seinen Mantel an die Garderobe.

»Sind die anderen schon da?«

»Willi und Karl, aber guck selbst.«

Franz öffnete die Tür zum Tanzsaal, wo der Gesangverein Liedertafel wöchentlich probte.

»Es ist kalt hier, Hilde spart mal wieder am Holz für den Kamin«, beklagte sich Willi.

»Es wird uns schon warm beim Singen.«

»Und beim Kurzen oder zwei ...«

»Was gibts zu lachen?«

Fünf weitere Chormitglieder kamen herein.

»Ich soll ausrichten, der Alfred kann nicht, er hat Husten, und der Günther kommt später, muss seine Schwiegermutter nach Hause bringen.«

»Hoffentlich fallen nicht noch mehr aus. Bis zum Auftritt sind es nur noch zwei Wochen, und wir wollen uns doch nicht blamieren!«

Rudi Kampschulte leitete den Chor und war schon seit Wochen aufgeregt. Es stand die Verabschiedung des Bürgermeisters mit vollem Programm an.

Es würde jemand von der Bezirksregierung kommen, natürlich würde es Festreden geben, ein reichhaltiges Büfett, und die Zeitung würde berichten. Der Bürgermeister war lange Mitglied der Liedertafel gewesen, konnte aber in den letzten Jahren wegen seines Asthmas nicht mehr mitsingen. Aber er hatte sich zum Abschied ein paar Lieder gewünscht ... eine große Ehre für den Chor!

Hilde brachte die Getränke: Bier und Schnäpse für alle. Nur Theo hatte wegen seiner chronischen Magenschleimhautentzündung Pfefferminztee bestellt.

»Kannst du nicht Holz nachlegen, Hilde? Es ist kalt hier.«

»Das liegt an den undichten Fenstern ... da kann man sich tot heizen. Fürs Renovieren habe ich kein Geld ... ich komme kaum über die Runden ...«

»Schon gut, Hilde.«

Als sie raus war, sagte Franz: »Sie hat 's nicht leicht. Dass der Horst sie mit dem Jungen sitzen gelassen hat, ist ’ne Sauerei. Klar, dass Hilde immer gemäkelt hat und Horst irgendwann die Nase voll hatte,... aber trotzdem.«

»Es war doch wegen der Anita, das wissen wir doch alle ... Kommt, lassen wir das Thema, wir müssen proben.«

Horst war ein gut aussehender Mann und immer zu Scherzen aufgelegt. Er unterhielt sich mit seinen Gästen und hatte für jeden ein freundliches Wort. Auch war er sehr musikalisch und sang im Chor mit. Oft trällerte er vor sich hin, wenn er das Bier zapfte. Nicht selten gab er eine Runde aus, obwohl die Kneipe nicht viel abwarf.

Hilde sagte selten etwas, und noch seltener lächelte sie. Dass ihr Mann oft mit Frauen schäkerte, verfolgte sie mit finsterem Blick. Hilde war keine hässliche Frau, aber sie wirkte immer unglücklich.

Peter wurde sehr spät geboren, als die Eheleute die Hoffnung auf ein Kind schon aufgegeben hatten. Er lief in der Gastwirtschaft so mit und saß meistens in der Ecke an einem Tisch mit Schulbüchern oder sortierte Briefmarken und Ansichtskarten. Freunde hatte er nicht, oder sie kamen nicht zu Besuch, weil deren Eltern nicht wollten, dass sich ihre Kinder in einer verrauchten Kneipe aufhielten. Peter liebte die Chorproben, in denen er die Stimme seines Vaters erkannte. Leider erlaubte es seine Mutter nicht, dass er im Tanzsaal zuhörte. Aber er hatte ein gutes Gehör und Gedächtnis und konnte die Lieder bald alleine singen. Wenn seine Mutter das mitbekam, wurde sie böse.

»Jetzt fängst du auch noch damit an ... mach deine Hausaufgaben.«

Dann war etwas vorgefallen, aber Peter wusste nicht, was. Die Eltern sprachen nicht mehr miteinander, der Vater sang nicht mehr, trank aber umso mehr.

Eines Tages packte er einen Koffer. Er nahm seinen Sohn in den Arm.

»Mein Kleiner, ich muss verreisen. Ich schreibe dir ganz bald.«

Peter war wie gelähmt. Später weinte er in seinem Bett. Nach ein paar Wochen war eine Ansichtskarte aus Frankreich gekommen, dann eine aus Spanien, dann nichts mehr.

»Wann kommt Vati wieder?«

Die Mutter hatte mit den Achseln gezuckt und sich abgewandt. Peter wagte nicht, noch einmal zu fragen.

Die Chorprobe nahm an Fahrt auf.

»Jetzt haben wir uns warm gesungen. Zeit für unser schwerstes Stück. Erst mal langsamer, danach im richtigen Tempo.«

In einem Bächlein helle,

Da schoss in froher Eil'

Die launische Forelle ...

Peter hob den Kopf. Das Lieblingslied seines Vaters, er kannte es auswendig. Zwischen Trauer und Freude hin- und hergerissen, hörte er aufmerksam zu. Er fuhr zusammen, als seine Mutter besonders laut die gespülten Gläser abstellte.

»Komm, hilf mir«, befahl sie Peter barsch.

In diesem Moment hasste er sie.

Hilde erkrankte schwer und konnte die Gastwirtschaft nicht mehr führen. Sie verpachtete die Räume, aber der neue Pächter konnte nicht bezahlen. Schließlich musste Insolvenz angemeldet werden, und Hilde wurde Frührentnerin.

Peter schloss die Schule mit der mittleren Reife ab und machte eine kaufmännische Lehre. Er wohnte mit seiner Mutter zusammen und versorgte sie, soweit es ihm möglich war. Als er Ute heiratete, zog er aus. Eine Zugehfrau tat das Nötigste, und einmal pro Woche kam Peter seine Mutter besuchen.

Eines Tages öffnete sie nicht auf sein Klingeln. Er hatte einen Schlüssel und fand seine Mutter im Wohnzimmer auf der Erde liegen. Sie hatte offenbar einen Schlaganfall erlitten und war bewusstlos. Eine Woche später verstarb sie im Krankenhaus.

Nach der Beerdigung musste die Wohnung ausgeräumt werden. Die Möbel waren alt, und auch sonst gab es nichts von Wert. Ein Schränkchen war verschlossen, und Peter konnte keinen Schlüssel finden. Schließlich brach er das Schloss auf.

Im Schränkchen standen mehrere Kartons. Sie waren voller Briefe und Karten. Alle von seinem Vater. Vom Datum her waren es zunächst Briefe an seine Verlobte Hilde. Dann Dutzende von Briefen und Ansichtskarten ... sehr viel später datiert.

An Peter und Hilde ...

Und unten fand er eine alte Schallplatte mit Schubertliedern.

In einem Bächlein helle ...

Jartni E. Bruch: It‘s not what it seems(2015) Acryl auf Leinwand

Henriette Paul

Rot

Sander steht am Bug, wie er es immer tut.

Was sich über Sander sagen lässt?

Groß und stattlich ist er. Seine Mütze hat er tief in die Stirn gezogen. Unter dem Rand der Kappe sieht man die braunen Haare. Sie kräuseln sich im Wind. Seine Augen sind wasserfarbenhellblau. Sie sehen hinaus ins Weite, als ob sich der Horizont in seine Iris eingebrannt hätte.

Das Mondlicht legt sich auf die Eisfläche, als wollte es die Form des Sees annehmen. Das angestrahlte Gebiet reflektiert das dünne Licht auf die Hügel und Abhänge der Berge, die den See umgeben und lassen sie von innen sanft leuchten. Schatten wandern langsam und bedächtig wie alte Herren auf dem Weg ins Wirtshaus, graben sich in jede Höhlung, die ihnen zur Verfügung steht, und verdunkeln sie.

Jeden Tag fährt Sander hinaus.

Jeden Tag stehe ich neben ihm und sehe ihm bei den alltäglichen Verrichtungen zu: Wie er mit starken Bewegungen das Schiff zum Ablegen bereitmacht und es langsam aus dem seichten Hafen hinaus auf den großen See steuert.

Das alte Strandhaus liegt hinter ihm. Hier wohnt seine Familie: Insa, seine Frau und der kleine Matti, gerade fünf Jahre alt. »Er ist allein, um ihn nur Sand und Wasser. Das sorgt mich«, sagt Insa. Seit Sanders Eltern mit ihnen im Haus leben, ist Matti noch stiller geworden. Er spricht nur wenige Worte. Insa bietet ihm wieder und wieder neue Klänge und Sätze an, als wären sie köstlicher Kuchen und will ihn mit Liedern und Geschichten zum Naschen verlocken. Matti verschmäht sie alle, tonlos wendet er sich ab und geht hinab zum Wasser.

Sie wissen nicht, was sie anfangen sollen mit seiner Stummheit und schweigen nun selbst.

Breitbeinig steht Sander und sieht in die Weite hinaus. Jetzt blicken seine Augen auf das, was sie sehen möchten: unverstellte Ferne, Linien und Formen, sprechend, einander umgaukelnd und schattige Farben. Sein Anker ist hier, auch wenn er nur die Netze hinunterlässt. Ich sehe nicht, was er denkt.

Ein kleines Ding dicht neben uns tänzelt auf den Wellen wie ein Kätzchen auf der Wiese. Gleich werden die Bugwellen es erfassen. Es wird nach unten gezogen werden in das eiskalte Wasser und festfrieren unter dem Eis, nahe beim Strand.

»Sander!«, rufe ich laut. »Sieh nur!«

Nun hat auch er es bemerkt. Es leuchtet rot. Wie das Wort, bei dem Matti seinen Mund erst spitz zusammenzieht, dann langsam mit der Luft das »0« ausströmen lässt, sodass am Ende ein perfekter Kreis von Mattis Lippen zu sehen ist. »Rooot.« Wenige Sekunden des Glücks, denn alle lachen: Matti, Insa und Sander.

Sander beugt sich schnell über die Reling. Fischt mit einem Kescher nach dem windigen Ding. Zieht es hinauf, befreit es von den nassen Schnüren, wie er Matti nach dem Baden die feuchten Haare aus dem Gesicht streicht, und stellt es auf die braunen hölzernen Planken.

Es ist ein rotes Boot. Es sieht aus wie Sanders, nur sehr klein.

Es hätte gar nicht untergehen können.

Eric Bach

Wasserspiegel

Das Meer, der See, der Fluss, der Bach, das Rinnsal, lebensspendend und lebensvernichtend, Aufbau und Abbau, hoch und niedrig, schwarz und weiß, ein Element sine qua non. Zwei Drittel der Erde sind in der Verteilung der Landmassen und des Meeres auf dem Globus Wasser. Das chemische Element H20 ist immer faszinierend, gleich in welcher Erscheinungsform. Was verbirgt das sich kräuselnde, wirbelnde, strudelnde, gluckernde, kringelnde, spiegelnde Wasser? Auch der ruhige, glatt wie Seide erscheinende Wasserspiegel eines Sees verbirgt im Lebenselement Wasser seine kleinen und großen Wunder.

Mit einem Plopp taucht die ausgeworfene Angel ins Wasser, genauer: der rote Schwimmer, der nun auf dem Wasser liegend fort treibt. Wird der unsichtbare Köder von einem Fisch entdeckt und entspricht seiner Nahrungspalette, wird er genommen. Der rote Schwimmer zeigt nun die Fressbewegungen an oder taucht rasch weg, wenn sich der Fisch hakt. Das Wasser verrät nichts vom Drama des Fisches, erst später – mehr oder weniger – wird er die Wasseroberfläche peitschen, bevor er vom versierten Angler zügig ins Netz komplimentiert wird. Nach weiteren für den Fisch nachteiligen Akten landet er meistens als Hauptbestandteil einer aufgehübschten Nahrungskomposition auf dem Teller. Guten Appetit! Dazu ein Glas funkelnden Weißweins oder doch besser: Wasser?

Vielleicht ist es auch ein roter Hut, gleitend auf dynamischer Wasserstruktur. Seine Beziehung zu Fischen ist marginal, er grüßt sie höflich, wenn sie seinen Weg kreuzen. Eine Erwiderung hat er bis heute nicht erfahren. Für sie ist er ein Schattenbringer, der sich den kreiselnden Bewegungen des Wassers anpasst. Wo wird er sein Ziel finden? Wer wird ihn aufhalten? Er liebt mehr lebendiges Treiben ...

Alles fließt!

Leah Braekau

Von Himbeerbonbons und Friedenszeiten

Der Kaffee dampfte. Marlies hielt ihre kalten Finger an die heiße Blechtasse, um sich aufzuwärmen. Ihre Freundin Erna hantierte geschäftig in der Küche. Mit Schwung tätigte sie den Abwasch, zogen ihre kräftigen Arme eine tropfende Blechschüssel nach der nächsten aus dem schmutzigen Spülwasser. Dann warf sie das Handtuch beiseite.

»Willst du Zucker?«, fragte Erna. Sie war eine gute Seele. Neben ihren eigenen fünf Kindern fütterte sie auch Marlies’ Sohn Pete samt zweier Kinder aus der Nachbarschaft durch.

»Hast du denn Zucker?«, fragte Marlies zurück.

»Nein«, entgegnete Erna und lachte gutmütig, »ich hatte gehofft, du würdest ablehnen!«

»Wieso fragst du überhaupt?« Marlies lächelte müde.

»Ich glaube, man nennt es Anstand oder so ähnlich?«, überlegte Erna.

Sie setzte sich zu ihr an den Tisch. Es war ein alter Holztisch mit einer dicken Platte und jeder Menge Brandlöchern und Kratzern darin, aber es war ein Tisch.

»Mensch, tun mir die Füße weh!«, jammerte Erna. Sie streckte erschöpft die Beine von sich.

»Wem sagst du das?«, seufzte Marlies. Auch ihre Beine fühlten sich müde und schwer an in den dünnen Strumpfhosen. Ihr Rock war vom Steineschleppen zerrissen und sah nicht mehr schön aus. »Hast du Garn?«, fragte Marlies, während sie mit den Fingern nachdenklich über die Löcher im Stoff fuhr.

Erna murmelte zustimmend. »Ich suche es dir gleich. Ich muss nur kurz einmal sitzen«, gestand sie und stützte den Kopf auf die Hände. Aus dem Nebenzimmer drang der Lärm tobender Kinder zu ihnen. Auch Pete spielte dort. Ab und an streckte der Fünfjährige den Kopf in die Küche, um nach seiner Mutter zu sehen, dann rannte er wieder mit den anderen Kindern hinaus.

»So viel Ausdauer wie sie müsste man haben. Trink doch deinen Kaffee, bevor er kalt wird!«, forderte Erna.

Marlies hob die Blechtasse an die Lippen und nahm vorsichtig einen Schluck. Fast hätte sie ihn wieder ausgespuckt, so scheußlich schmeckte das Zeug. Es war kein Kaffee. Es war etwas anderes. Wie fast alles in diesen Tagen.

»Ist kein Kaffee«, stellte sie enttäuscht fest.

»Ist kein Kaffee«, stimmte Erna zu, »aber ich hab mir solche Mühe gegeben!«

Marlies zog beim Trinken die dichten Augenbrauen zusammen.

»Na, nun hab dich nicht so!«, entgegnete Erna, weil Marlies nach ein paar Schlucken immer noch das Gesicht verzog.

»Schmeckt doch fast wie echter! Mit ein bisschen Fantasie ...«

»Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wie echter Kaffee schmeckt«, bemerkte Marlies. Dass sie in den Genuss eines solchen kam, war lange her. Ein lautes Poltern im Nebenzimmer ließ die Frauen zusammenzucken. Kindergeschrei war zu hören.

»Oh weh!« Erna erhob sich mühsam. »Ich werde wohl besser nachsehen.«

Als sie zurück in die Küche kam, saß Marlies immer noch am Tisch. Mit dunklen Ringen unter den Augen blickte sie starr vor sich hin. Obwohl es vorbei war, fühlte es sich nicht so an.

»Hast du was von Heinz gehört?«, fragte Erna vorsichtig.

»Nein«, Marlies schüttelte langsam den Kopf. »Immer noch nicht.«

Die Frauen schwiegen. Das Schweigen kam Marlies vor wie ein großes, schweres Tuch, das sie allesamt zudeckte. Das Atmen fiel ihr schwer.

»Du wirst sehen«, Erna versuchte zuversichtlich zu klingen, »es wird schon alles werden.«

Doch die Bilder des Krieges vergaß niemand so schnell.

Es war noch früh am Morgen, die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Ein schmaler Streifen Licht fraß die Ränder der Nacht an. Wie fremdartige Wesen hoben sich die zerstörten Häuser schemenhaft vor dem heller werdenden Grau des Himmels ab. Eine Trümmerlandschaft, in der Menschen überlebt hatten. Jeder, der anpacken konnte, war bereits auf den Beinen. Das gleichmäßige Beklopfen der Steine drang aus allen Himmelsrichtungen. Stimmen riefen durcheinander. Von Nahem, von Weitem, mal mehr, mal weniger verständlich. Obwohl ihre Heimat zerstört war, schienen die Menschen seltsam gelassen. Oder wie Erna es ausdrückte, froh um einen Neuanfang. Wie man es auch sehen mochte, der Krieg war vorbei. Der Sinn jeder Existenz bestand nicht mehr darin, gegen den Feind zu kämpfen, sondern Trümmer wegzuräumen, um die Stadt wieder aufzubauen, und das mit solch einem visionären Optimismus, als hätte es die dunklen Stunden Deutschlands nicht gegeben. Manchmal kam es Marlies so vor, sie sei die einzige, die mit dem Neuanfang haderte. Die einzige, die gedanklich an den vergangenen Jahren festhielt, als sie ein Haus hatten mit Garten und Heinz noch bei ihnen war. Die Unwissenheit über ihren Mann war mitunter das Schlimmste. Lebte er noch? Wo hielt er sich auf? Wieso meldete er sich nicht? Trauer schlug in Wut um, wurde zur Verzweiflung, sobald die Wut abebbte.

»Nun trödel nicht rum!«, ermahnte sie ihren Sohn, der Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten.

»Ich habe dort was Glänzendes gesehen«, rechtfertigte sich Pete, der von einem Schutthaufen zum nächsten stiefelte und aufmerksam den Boden untersuchte.

»Lass das, wir haben keine Zeit«, sagte Marlies. Sie wartete, bis Pete aufgeholt hatte, und griff nach seiner Kinderhand, um ihn bei sich zu halten.

»Das sieht aus wie ein Löffel«, protestierte Pete. »Den können wir doch gebrauchen!«

Marlies wusste, dass Pete mit den anderen Kindern die Trümmer nach Wertgegenständen durchkämmte. Seit sein Vater weg war, hatte er sich verändert. Immer mehr versuchte der kleine Junge Verantwortung zu übernehmen. Doch vielleicht gehörte genau das zum Heranwachsen dazu. Obwohl er erst fünf war, konnte er bruchstückhaft lesen. Das war Erna zu verdanken.

Am Ende der Straße, in der Erna wohnte, stand eine Gruppe junger Soldaten im Morgenlicht. Die Schritte der Mutter wurden langsamer, ihr Griff um Petes Handgelenk fester.

»Was ist?«, wollte ihr Sohn wissen. Fragend sah er auf.

»Die waren gestern auch da«, erklärte er. »Sie haben sich mit uns unterhalten. Aber sie können kein Deutsch. Man versteht sie nicht.«

»Tatsächlich?« Marlies hörte nur mit halbem Ohr hin.

Ernas Haus war eines der wenigen Gebäude, die weitestgehend unbeschadet geblieben waren. Vor dem Eingang spielten Kinder Fangen. Pete warf den Soldaten neugierige Blicke zu.

»Hey, you!« Einer der Männer drehte sich plötzlich um. Er hatte ein kantiges Gesicht mit ernsten Augen, aber freundlichem Lächeln. Er winkte die spielenden Kinder zu sich.

»Er will, dass wir herkommen«, erkannte Pete.

Marlies hielt ihren Sohn fest. Sie senkte im Vorbeigehen schüchtern den Kopf.

»Warum lässt du mich nicht?«, quengelte er, doch die Mutter beachtete ihn gar nicht. Pete blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Dabei wandte er sich immer wieder zu den anderen Kindern um und beobachtete, wie diese sich zögernd um die Soldaten scharten. Die Mädchen kicherten verlegen. Die Jungen rempelten sich gegenseitig an, um den besseren Platz zu ergattern.

»That’s for you, kids!« Der Soldat verteilte eine Tüte roter Bonbons.

»Die Amerikaner sind gar nicht so übel, wie du vielleicht meinst«, wurden Pete und seine Mutter von Erna in der Küche empfangen.

Marlies trat ans Fenster und sah auf die Straße hinaus, sah die Kinder lachen und gierig nach den Süßigkeiten greifen. Einer der Soldaten ging sogar in die Knie, während er mit ihnen sprach. Sie sind schuld, dachte Marlies verbittert. Sie sind schuld, dass Heinz fort ist. Der Krieg war vorbei und er noch nicht zurück.

Das Schlimmste in diesen Tagen war der Hunger. Wie ein ungebetener Gast, den man nicht loswurde, begleitete er einen fortwährend. Dem Hunger war es egal, ob man wach war oder schlief, er war da.

»Leg die Hände auf den Bauch«, sagte die Mutter vor dem Einschlafen zu Pete, »dann fühlt es sich an, als hättest du gegessen.«

Das half nur geringfügig. Ein Lichtblick waren die Versorgungspakete der Amerikaner. Jetzt gab es auch wieder Kaffee, ganz zu Marlies' Freude. Und Zigaretten auch, das Rauchen vertrieb den Hunger ein wenig.

Die Kinder drängten sich erwartungsvoll um Erna.

»Wehe euch, wenn ihr was einsteckt!«, mahnte sie.

Es war schwer, zu widerstehen. Doch umso begeisterter waren die Kinder, als sie endlich ein Paket aufklappen durften, den Inhalt der Reihe nach auf den Holztisch stellten und ihn begutachteten.

Mehl war da mit englischer Aufschrift, aber Pete wusste, dass es Mehl war, weil das feine Pulver durch ein Loch in der Packung weiß auf die Holzplatte rieselte. Daneben gab es Zucker und Trockenmilch, in manchen Kartons sogar etwas Besonderes wie Kakao. Seife war auch dabei, von den Kindern jedoch als unwichtig erachtet, da man sie nicht essen konnte. Dann Konservendosen, Konservendosen mit Wurst und Obst darin. Auf den Dosenetiketten stand in großen Druckbuchstaben »Heinz« geschrieben.

»Die gehören meinem Papa!«, rief Pete aus, als er es entziffert hatte. »Die sind alle für meinen Papa, Finger weg!«

Er stieß die Hände seiner Kameraden beiseite und griff nach den Dosen. Doch er hatte nicht mit Erna gerechnet, die ihn von hinten packte und wegzuzerren versuchte.

»Mensch, nichts nehmen, habe ich gesagt!«

»Aber die Dosen sind für Papa!«, protestierte Pete. Seine Stimme überschlug sich vor Anstrengung, während er verzweifelt gegen Ernas starke Arme kämpfte. »Heinz steht da drauf!«, wehrte er sich. »Da steht sein Name drauf!«

Ihm schossen die Tränen in die Augen.

»Das ist die Marke, du Dummerchen!«, seufzte Erna und drückte den Jungen fest an sich.

Pete saß vor Ernas Haus unter dem Dach auf den Steinstufen. Vor ihm strömte der Regen nur so nieder. Eine rauschende Wasserwand, die alles Übrige der Welt verschluckte. Pete wartete und lauschte. Lauschte auf den prasselnden Regen, auf das Quietschen seiner Schuhe, wenn er die Sohlen aneinander rieb, auf das Plitschen in den Pfützen, wenn er Steine hineinwarf.

Auf den Straßen war niemand unterwegs. Nur einmal fuhr ein Wagen vorbei mit spritzenden Reifen und knatterndem Auspuff. Er holperte über den unebenen Grund, bevor er vorne an der Kreuzung links abbog. Noch vor einigen Wochen hatte hier keiner fahren können, hatte das Pflaster tiefe Risse gehabt, waren Straßen und Gehwege von Schuttresten bedeckt, fand man, wenn man Glück hatte, einen Zinnbecher in den ausgebrannten Ruinen oder eine alte Blechschachtel.

»Pete!«, drang die Stimme der Mutter durch das Rauschen. Endlich kam sie ihn abholen. Während sie die Straße entlang auf ihn zulief, hielt sie ihre alte Ledertasche über den Kopf. Die Tasche sah aus wie ein flacher, eckiger Hut, der sie vor Regen schützte.

Pete sprang auf und rannte ihr entgegen. Das dreckige Pfützenwasser spritzte ihm um die Beine und weichte seine Hose ein. Nach nur wenigen Schritten waren seine Schuhe von innen so nass wie von außen.

Doch so plötzlich der Regen auch kam, so schnell verzog er sich wieder. Am Himmel über der Stadt trieb der Wind graue Wolkenfetzen vor sich her. Alles war nass und tropfte und glänzte im Abendlicht. Die Umgebung spiegelte sich in den Pfützen, wurde zu einem verschwommenen Abbild ihrer selbst, sobald der Wind übers Wasser fuhr und es aufwellte. Während sich die letzten Strahlen der Maisonne durch die erschöpfte Wolkendecke kämpften, fiel Petes Blick auf etwas kleines rotes auf der nassen Straße. Zwischen den Pfützen lag es, unbeschadet vom Regen: ein Bonbon. Ein Bonbon gleichsam jenen Bonbons, wie die Soldaten sie verteilt hatten. Ein Bonbon, das kurz zuvor einem achtlosen Kind aus der Tasche gefallen war und nun den Besitzer wechselte. Pete bückte sich flink und hob es andächtig auf. Während sie weitergingen, hielt er die Kostbarkeit in seiner Faust fest umschlossen, spürte er, wie sich der harte Zucker vielversprechend gegen seine Handinnenfläche drückte. In einem unaufmerksamen Moment der Mutter schob er sich das Bonbon blitzschnell in den Mund. Es schmeckte süß und himmlisch und wie etwas, das er noch nie gegessen hatte. Seine Sinne waren so überwältigt von der fruchtigen Wucht in seinem Mund, dass er fast zu laufen vergaß.

»Na, nun komm endlich!«, forderte die Mutter ungeduldig, als sie bemerkte, dass der Sohn immer langsamer wurde. Und während Pete zu ihr aufholte, ahnte er nicht, dass die Welt eine andere werden würde. Er dachte nicht soweit. Er dachte nicht daran, dass sie in Zukunft vielleicht ohne den Vater leben mussten. Er dachte nicht an den Frieden, da er bis dato nur den Krieg kannte. Er dachte weder an das, was war, noch an das, was kommen würde. Er schmeckte das Bonbon auf der Zunge, das erste in seinem Leben, dem noch so viele weitere folgen sollten. Irgendwann würde auch sein Hunger ein Ende haben. In diesem Moment konnte er wenigstens davon träumen.

Anna-Lena Eißler

Unterhaltung mit einer Unbekannten

Kein Unglück kommt alleine. An diesem Abend ist es erst der einsetzende Regen und dann der Bus. Besser, nicht der Bus. Der ist nicht wie auf dem vergilbten Plan festgehalten um 19:37 Uhr an der Haltestelle, und auch nicht um 19:40 Uhr und 20:07 Uhr.

Es gibt nicht einmal eine Bank, es ist eine funktionelle Haltestelle, die nur eingerichtet wurde, um den Eindruck zu mindern, man wolle das schmutzige Industrieviertel vom Rest der Stadt abgrenzen. Er trägt ein Jackett, darunter T-Shirt und Hemd. Er versucht nicht einmal, seine Kleidung zu schützen. Wie denn auch?

Er steht da und wartet, doch statt des Busses kommt auch noch Wind auf.

Neben ihm steht Emma. Er kennt Emma nicht, er hat sie um 19:36 Uhr, als er völlig außer Atem an der Haltestelle ankam, das erste Mal gesehen.