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Eine bessere Welt, oder lieber nicht? Der Biologe Benjamin Abendschein lernt über eine Anzeige die attraktive Charlotte Faber kennen, Biologin wie er. Charlotte hatte Teile ihres Studiums in Japan verbracht und dort neben ihrer Tätigkeit in einem Nachtklub Zeit in einem Zen-Kloster verbracht. Sie hatte für "Zen und die Kunst des Bügelns" inseriert und in einer zweiten Anzeige, "kleine Muschi sucht neues Herrchen", ein Kätzchen angeboten. Benjamin, ein introvertierter und an spirituellen Erfahrungen interessierter Forscher, der ein Jahr lang zölibatär verbracht hat, reizt beides. Er ruft sie an und besucht Charlotte. Er ist nicht sicher, was genau sie da anbietet. Die beiden lernen sich kennen und lieben. Sie teilen viele Interessen und Wissen und meinen, sie hätten das Werkzeug dazu, die Welt besser zu machen und die Menschheit wieder auf den richtigen Weg zurückzuführen. Für Benjamin stellt sich die Frage, ob Eingreifen in den Lauf der Welt nicht immer wieder nur zu neuem Eingreifen und Handeln führt; ob nicht der Verzicht aufs Handeln besser wäre. Die extrovertierte Charlotte überzeugt ihn. Sie beginnen ihr Projekt und entwickeln Verfahren und Produkte, die bessere Menschen und eine heilere Welt zum Ziel haben. Sie brauchen dafür eine Firma und viel Geld. Hier kann Charlottes Freundin Mia helfen, eine dunkelhäutige Londonerin, die wie die beiden in Göttingen lebt. Bald steht ihre neue gemeinsame Firma an vorderster Front der Forschung. Doch das zieht Neider, Gegner und Konkurrenten an, und bald haben die Freunde mehr Probleme, als sie bewältigen können. Die Polizei ist dabei noch ihr geringstes Problem. Sie erleiden gewaltige Verluste, und trotzdem kommen sie ihrem Ziel immer näher …
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Seitenzahl: 872
Veröffentlichungsjahr: 2020
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ZEN UND DIE KUNST
DES BÜGELNS
ANATOMIE EINES UNTERGANGS
Klaus Bodenstein
"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."
Albert Einstein
Die Kunst des Bügelns
Café Esprit
Benjamin sah auf.
Die Zeitung mit seinem Artikel lag vor ihm auf dem Tisch. Er starrte seit zwei Minuten auf das Blatt, ohne eine Zeile gelesen zu haben. Was lenkte ihn so ab?
Rechts vor ihm saß eine Frau vor einem der Hochtische des Cafés und aß langsam eine Suppe; jeder Löffel eine Erfüllung.
Worauf ihn sein Unbewusstes hinweisen wollte, war nicht die gute Suppe. Die Frau saß konzentriert vor ihrer Mahlzeit, entspannt, mit durchgedrücktem Rücken, sich ihres Körpers kaum bewusst.
Aus ihrer bunten Jacke ragte ein schwerelos wirkender Busen heraus. Benjamin spürte seinen Puls im Magen pochen.
Das war ein Reiz, von dem Benjamin nicht wollte, dass er seine Aufmerksamkeit okkupierte. Er hatte Wichtigeres im Kopf. Solche Signale und Verlockungen hatten ihn nicht wie heute verstört, sondern nachgerade gestört. Lange Zeit hatte Frauen und ihre Reize aus seinem Geist verbannt.
Er hatte große Dinge im Kopf, die seine ganze Aufmerksamkeit erforderten. Stattdessen stachen ihm große Dinger ins Auge.
Er sah zurück auf die Zeitung. Einen Wimpernschlag später erwischte er sich dabei, dass sein Blick schon wieder zu der Frau abgeschweift war.
Benjamin schüttelte den Kopf und sah ersatzweise durchs Fenster in den Garten des Cafés. Einen Moment später vermaß er schon wieder alles mit seinen Blicken.
Die Zeitung half auch nicht. Nach ein paar Mikrosekunden begutachtete er sie erneut, von oben bis unten, die ganze ungewollte Routine. Die Vermessung der weiblichen Welt.
Mein Gott, ich darf da nicht so hinschauen, dachte Benjamin. Das gehörte sich nicht. Er wollte das auch nicht. Er war wegen des Zeitungsartikels über ihn selbst und wegen des guten Kaffees hier. Er wollte in Ruhe lesen.
Er ertappte sich dabei, dass er schon wieder aufsah.
Peinlich. Er konnte da nun wirklich nicht ständig so hinstarren!
Die Bedienung brachte seinen Kaffee und ein Glas Wasser. Sie wechselte ein paar freundliche Worte mit ihm, aber Benjamin war nicht bei der Sache. Nach Small Talk war ihm ohnehin nicht. Die junge Bedienung schwebte davon, Benjamin trank von seinem Cappuccino. Gut. Das hatte ihm gefehlt. Er lehnte sich zurück und sah auf.
Junge, was machst du, dachte er. Sein Puls hatte sich beschleunigt. Wieso brachte ihn diese humane Architektur so durcheinander?
Schon wieder glotzte er zu der Frau hinüber. Diesmal bemühte er sich, den Oberkörper auszublenden.
Die Frau sah gepflegt aus. Ihre oben honigblonden und unten hellblond ausgebleichten Haare hatte sie zu einem kunstvollen Dutt hochgebunden und zwei Essstäbchen überkreuz hindurchgesteckt, aus rotem Lack mit goldenen Mustern. Ihre Augen versteckten sich hinter einer großen Brille mit schmalen, dunklen Rändern. Als die Frau zu einer Serviette griff, sah Benjamin, dass sie hellblau waren.
Sie war groß, knapp eins achtzig, schätzte er. Ihre gemusterte Jacke erinnerte ihn an einen Webteppich.
Benjamin hatte eine Zeit lang in einem CAD-Konstruktions-büro gearbeitet. Er sah die Gitternetzlinien eines Rotationsellipsoids vor sich, der vorn in einen Zylinder auslief. Geometrische und ästhetische Perfektion. Dass diese geometrische Figur seinen Atem so in Anspruch nahm, gefiel Benjamin weniger.
Der Po der Frau wölbte sich sanft über die Ecken des kleinen Hockers, auf dem sie saß. Er steckte in einer Hose aus glänzendem Stoff, die knapp über hohen Schuhen endeten. Damit war sie im Stehen fast so groß wie er, schloss Benjamin.
Er faltete die Zeitung zusammen. Mit Lesen war nichts mehr. Er trank einen Schluck Wasser und griff zu seinem Kaffee.
Die Frau sah in seine Richtung, und Benjamins Blick zuckte zurück zu Kaffee und Zeitung. Gott, er wollte doch auf gar keinen Fall so aufdringlich sein und fremde Frauen anstarren. Das war das Letzte, was er sich unter einem gelungenen Cafébesuch vorstellte. Er sah auf den Tisch und auf das ZEIT-Magazin, das neben dem Göttinger Tageblatt lag.
Trotzdem nahm er wahr, wie sie aufstand und in seine Richtung kam. Sie blieb ein Stück vor ihm stehen, griff sich aber nur eine Zeitung vom Tisch neben ihm. Benjamin rückte mit seinem Stuhl zur Seite, als ob er ihr im Wege säße. Er duckte sich weg wie ein ertappter Schuljunge.
Er sah kurz auf. Ihr Busen schwebte direkt vor ihm, von der weißen Bluse fest umspannt, das Dekolleté reckte sich ihm aus der Jacke entgegen. Er nahm die weiße Bluse wahr, die sich am Rand leicht bauschte; was für ein schön verpacktes Geschenk, dachte er.
Als sie zu ihrem Tisch zurückging, wehte ihr Duft zu ihm hinüber, als ob er sich von ihr gelöst und in seine Richtung weitergewabert wäre. Sein Puls beschleunigte sich erneut.
Was war nur mit ihm los?
Schon wieder ertappte er sich dabei, wie er durch das Café hin zu ihrem Ausschnitt spähte. Sie schaute zurück, ihm war, als ob ihre hellblauen Augen einen milde kritischen Lichtstrahl auf ihn würfen. Sie wirkte nicht unfreundlich, eher amüsiert. Benjamin war aufgefallen, dass sonst niemand im Café zu der Frau hinsah; geht das nur mir so, fragte er sich, oder sind die anderen alle satt, befriedigt, versorgt?
Anstatt zurückzulächeln, senkte er nur den Kopf und verfluchte sich dafür. Diese blöde Schüchternheit, diese Feigheit. Schlimm.
Benjamin sah zurück auf seine Zeitung, nahm aber immer noch keine Zeile wahr.
Er ging an der Frau vorbei zur Herrentoilette, ohne sie auch nur ein einziges Mal anzuschauen. Er brauchte eine Auszeit von dieser Verwirrung; außerdem meldete sich der Kaffee.
Als er zurückkam, stand die Frau gerade an der Theke und bezahlte. Benjamin setzte sich zurück an seinen Tisch, sie ging an ihm vorbei. Er sah sie kaum, doch auch mit gesenktem Kopf nahm er ihre Duftspur wahr. Als sie fast bei der Tür war, wagte er noch einen Blick.
Mein Gott, was für eine schöne Frau, dachte er. Ob sie auch klug war? Oder war sie so naiv und sorglos wie die vielen gut aussehenden jungen Frauen, die er in seinen früheren Jahren kennengelernt hatte, die entspannten Schönen, die es im Leben so leicht hatten?
Benjamin nahm einen tiefen Zug aus seiner Tasse, er hatte einen trockenen Mund bekommen.
Das hatte ihn ganz schön aufgewühlt. Er verstand nicht, was in ihm vorging.
Wie konnte ihn der schöne Busen einer hübschen Frau so aus der Fassung bringen? Er wollte frei davon sein, frei, befreit, ohne Druck und Sorgen, nicht länger so stark triebgesteuert; aller Fesseln und Ketten entledigt.
Auf der anderen Seite fühlte sich diese Aufregung gar nicht so schlecht an.
Das ist doch schön, dachte Benjamin, wie die Lust einem das Blut heiß durch den Körper pumpte. Wie sie machtvoll die Organe füllte.
Macht. Vielleicht kam dieses Wort von Machen, es machen, Liebe machen, Kinder machen. Macht. Gewalt über etwas, über andere. Kontrolle. All das, aber zum Preis des Verlustes von Macht und Kontrolle über den eigenen freien Geist, der ihm so wichtig war.
Benjamin beruhigte sich langsam wieder.
Gott, hatte ihm das zugesetzt. Er war froh, dass der Anfall vorüber war.
Der Körper verlangt nach seinem Recht. Sollte er sich dem unterwerfen, oder tat er besser daran, sich weiter zu beherrschen? Das klang falsch. Wenn er seine Triebe beherrschen musste, war das etwas Negatives. Er wollte sie ruhen lassen, und sie sollten ihn in Ruhe lassen, weil es etwas viel Größeres gab als dieses Programm, das ihm sein Leben diktieren wollte.
Für Sinnlichkeit war auch später noch genug Zeit. Er hatte eine wichtigere Mission im Leben.
Benjamin atmete tief aus und lehnte sich erstaunt zurück, als ihm ein weiterer Gedanke durch den Kopf schoss.
Hatte er gerade vor seiner bereits kontrolliert geglaubten Triebhaftigkeit kapituliert? Hatte sie ihn wieder im Griff?
Er sollte wieder mehr unter Leute gehen, statt zu grübeln und zu forschen, das hatte ihm sein Bruder Alexander geraten. Nicht zuletzt deswegen ging er wieder in Cafés und an andere öffentliche Plätze, wo man Leute treffen konnte, in Bars, auf den Markt, in die Kunstläden und zu den Vernissagen und Konzerten, die es in Göttingen gab. Zen fühlte, wie er innerlich schwankte. Hatte ihn die Lust wieder im Griff? Ein Seufzer entrang sich seinem halb geöffneten Mund. Opferte er gerade seine Spiritualität auf dem Altar des Sinnlichen?
Zunächst musste er sich wieder beruhigen. Benjamin bestellte sich einen weiteren Kaffee und einen Grappa. Auch das war wieder neu: der Alkohol. Ein Jahr lang hatte er keinen angerührt; nun schmeckte er ihm wieder und wärmte ihm die aufgewühlte Brust.
Benjamin klappte die ZEIT auf und blätterte darin herum.
Politik interessierte ihn nicht, Wirtschaft noch weniger. Der Sportteil brachte auch nichts Interessantes. Da sprang ihn nichts an, was ihn hätte begeistern können, und auf die Artikel konzentrieren konnte er sich immer noch nicht. Benjamin sah kaum die Überschriften.
Auf der Wissenschaftsseite stand der Artikel über ihn selbst und seine Entdeckungen. Er überflog ihn; der Reporter hatte nicht alles verstanden, dafür war das Foto von ihm gut gelungen, fand er. Dr. Benjamin Zeno Abendschein vor seinen Rindern, war das Bild untertitelt. Er war eindeutig das hübscheste Wesen darauf.
Der leere Hocker, auf dem die Frau ihre Suppe gelöffelt hatte, starrte ihn an. Benjamin war über ein Jahr lang ohne Frauen und ohne Sex ausgekommen. Es hatte ihm nichts ausgemacht, im Gegenteil. Er hatte es genossen, den Kopf frei von irdischen Zwängen zu haben, solange es gedauert hatte. Keine Ablenkungen, keine Störungen, nur Wissenschaft, Natur, Schönheit. Befreiung. Er hatte sich in die lichten Höhen des Geistes emporschrauben können, ungebunden von dumpfen Zwängen.
Im Café lief leise Musik, ein Radiosender aus Göttingen, Radio 21. Gerade lief ein altes Stück von Black Sabbath, das langsam wie ein gelassener Herzschlag begann, bis sich irgendwann das animalistische Dröhnen der Bässe und wenig später ein aufgeregtes Crescendo der Gitarren in den Vordergrund schob. Schließlich gewann das dumpfe Bumm-Bumm der Basstrommeln die Oberhand.
Das Ganze erinnerte ihn an den Ablauf eines gelungenen Aktes.
Der Song wurde von einem langsamen Liebeslied der Beatles abgelöst.
Ging es immer und überall nur darum?
Am Sex und seiner angenehmen Notwendigkeit hatte Benjamin niemals gezweifelt. Als Biologe nicht, und als Mann schon gar nicht. In der Arterhaltung und damit der Weitergabe der Gene bestand der Sinn des Lebens, das sich dabei fortwährend immer besser an seine Umgebung anpasste. Jedenfalls war das in der Welt der sogenannten höheren Lebewesen so; bei Bakterien, mit denen er beruflich zu tun hatte, war das anders, da ging es auch ohne Sex.
Säugetiere brauchten das ein bis zweimal im Jahr, der Mensch rund um die Uhr, wenn man der Musik Glauben schenken mochte. Neben der täglichen Behauptung im Leben, der Sorge fürs eigene Überleben, das in modernen Zeiten immer weniger im Vordergrund stand, war es eine der Hauptsorgen und Beschäftigung der meisten Menschen, guten Sex zu haben.
Wie er als Mann wusste, gab es ohne ihn weniger Sinn und Freude. Der Saft, der durch seinen Körper schoss, war Lebenslust pur.
Auch wenn er schon früher gewusst hatte, wie Hormone und Pheromone und andere griechische Substanzen funktionierten, auf welche Weise sie den jugendlichen Körper für seine Fortpflanzungsbemühungen beschenkten, hatte ihm das früher nie und nimmer den Spaß daran verdorben.
Er hatte mehr als genug davon gehabt, als erfolgreicher Sportler, gut aussehender Jüngling und freizügiger Student. Eines Tages, viele Jahre später, und ganz plötzlich, von einer Stunde auf die andere, hatte er die Nase voll davon gehabt, als sich ihm lichtere Dimensionen eröffnet hatten.
Die beiden ersten Semester in Göttingen hatte er praktisch nur in fremden Betten verbracht. Im zweiten Jahr begann das Studium mehr Raum einzunehmen, und Benjamin – Zen, wie ihn seine Freunde nannten – traf seine weiblichen Bekanntschaften bald mehr als nur einmal.
Aus zweimal wurden ein paar Mal; aus flüchtigen Nächten wurden Freundschaften. Man zog zusammen in eine WG. Noch war nichts verboten oder verpönt, man war ja nicht verlobt. Man traf sich mit anderen entspannten Paaren, man fuhr gemeinsam in den Urlaub. Ehe er sich versah, war Zen fast drei Jahre mit Sandra aus Cuxhaven zusammen, seine Mutter fragte schon, wann sie sich denn verloben wollten. Benjamin hatte nur laut gelacht.
Zen war bekannt in der Stadt. Nur er hieß so, Benjamin hießen viele in seinem Jahrgang. Sein Vater, Altphilologe am Max-Planck-Gymnasium, hatte auf seinem zweiten Namen bestanden, Zeno, kurz für Zenodoros, das Gottesgeschenk. Der Zeus zugehörige, sein Vater hatte ihm viele Nuancen erklärt. In seiner Schulklasse hatte es noch zwei Bens gegeben, aber nur einen Zeno. Daraus wurde Zen, selbst seine Lehrer und Professoren nannten ihn so.
Zen legte die ZEIT zurück auf den Zeitungstisch und zog sein Handy aus der Tasche, hielt aber inne. Die Nachrichten und wissenschaftlichen Reports auf seinen Apps und den sozialen Medien hatte er alle schon frühmorgens im Bett gelesen. Nichts Neues. Daddeln mochte er hier im Café nicht.
Also die Lokalzeitung. Zen steckte das Handy wieder weg.
Im Göttinger Tageblatt las er gern die Kleinanzeigen. Sie zeigten die Welt im Kleinen, die alltägliche menschliche Seite der Stadt. Richtige Menschen, die aber ein kleines, für sie wichtiges Anliegen hatten. Etwas Unverfälschtes. Leute, die etwas brauchten oder loswerden wollten.
Zen fiel auf, wie viel Raum Tiere in den Kleinanzeigen einnahmen, Hunde, Katzen, Meerschweinchen und der gelegentliche Wellensittich. Die Rubrik Tiermarkt war eine der größten in dieser Ausgabe. Ein fett gedrucktes Inserat fiel ihm ins Auge.
Kleine Muschi sucht
neues Herrchen.
Trau dich!
Die Anzeige hob sich durch einen dünnen Rahmen von den anderen Anzeigen ab. Mit Chiffre und Telefonnummer.
Wenig darunter, unter Vermischtes, stand eine weitere Anzeige, mit derselben Telefonnummer, die man bei Interesse anrufen sollte.
ZEN UND DIE KUNST DES BÜGELNS 101
Privater Kurs.
Nur ernst gemeinte Zuschriften!
Zen wurde neugierig. Was war das denn? Durch Bügeln zum Nirwana? Volkshochschul-Satori für Anfänger? Und wieso gab da die gleiche Person zwei so unterschiedliche Anzeigen auf? Denn die angegebene Nummer war bei beiden dieselbe.
Er musste grinsen. Zen. Ich und die Kunst des Bügelns, dachte er. Worum ging es da bloß?
101 sagte ihm was, one on one, zwei Personen mit- oder gegeneinander. Oder etwa aufeinander?
Zen sagte ihm auch etwas. Nicht nur seines Namens wegen hatte er sich mit dieser Spielart des Buddhismus beschäftigt. Erst vor zwei Wochen hatte er ein Buch von einem Eugen Herrigel über Zen und die Kunst des Bogenschießens gelesen. Ein sehr schönes Buch. Und anschließend ein anderes, Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten, das ihm nicht so gefallen hatte. Er fuhr Fahrrad und konnte Motorrädern nichts abgewinnen. Aber Bügeln? Hallo?
Bügeln. Das weckte verschiedene Assoziationen. Bügeln wie platt machen. Plätten. Der Vorgang, ein Kleidungsstück zu glätten, die Falten platt zu machen, zu beseitigen. Jemanden platt machen, aber das passte nicht zu Zen.
Jemanden flachlegen. Das passte zu der zweiten Anzeige mit der kleinen Muschi, die ein neues Herrchen suchte, mit der gleichen Handynummer. In dem Zusammenhang hatte er Bügeln auch schon mal gehört. Bügeln, Vögeln. Wenn nicht tatsächlich ein Kätzchen gemeint gewesen war.
Aber Zen?
Zen hatte mit Begierde nichts zu tun, sondern mit der Befreiung davon. Und das Bügeln von Kleidung? War das damit gemeint? Das war die langweiligste von allen Interpretationen. Zen trug seine Sachen immer ungebügelt.
Sein Handy lag vor ihm auf dem Tisch. Er hatte Zeit. Er hatte Lust auf Zen. Er mochte Kätzchen. Ob er Muschis mochte, war ihm noch nicht wieder klar.
Zen zögerte. Etwas widerstrebte ihm bei dem Gedanken, das neue Herrchen einer davon zu werden.
Oder doch? Ging es dabei wirklich um Sex? Vielleicht wollte jemand tatsächlich nur ein kleines Kätzchen abgeben. Wenn er da anrief und es ging um ein Kätzchen und nichts anderes, wohin dann mit dem Tier?
Er konnte es ja Muschi nennen und es nach Belieben kraulen.
Zen dagegen interessierte ihn. Vielleicht war das Bügeln ein Verfahren, eine Philosophie, ein Weg, um selbstbestimmter durchs Leben zu gehen, nicht fremdbestimmt durch den eigenen Körper. Auch wenn es ums Bügeln ging, wobei ihm Bogenschießen lieber gewesen wäre.
Er griff zu seinem Handy.
»Hallo?« Eine Frauenstimme. Angenehm. Tief und samtig. Eine gute Melodie. Erst gehaucht, dann fragend. Aber kein Name. Was nun?
Er war dran mit Sprechen.
»Hallo? Wer ist denn dran?«
»Wen möchtest Du denn sprechen?«
Das fragte sich Zen auch.
»Ja, äh – ich rufe wegen der Kleinanzeige an.«
»Welcher Kleinanzeige?«
»Im Tageblatt. Von heute. Unter Kleinanzeigen.«
»Aha. Und?«
»Na ja – Sie haben doch eine aufgegeben, oder habe ich mich verwählt?« Zen wiederholte die Nummer und schaute zur Sicherheit auf seinem Display nach. Die Nummer stimmte. Er hatte die Frau gesiezt. Gar nicht seine Art.
»Schon«, gab die Samtstimme zu.
Zen überlegte. Auf welche Anzeige sollte er sich melden? »Diese Zen-Geschichte.«
Die Frau am anderen Ende lachte auf, eine Stimme wie silberne Glöckchen. »Ha! Du möchtest bügeln lernen! Echt jetzt?«
Sie glaubte ihm nicht, hörte er aus ihren Worten heraus. Und sie hatte ihn geduzt, wie peinlich, nachdem er sie so steif gesiezt hatte.
»Ich fand das interessant. Wollte wissen, was dahintersteckt. Das reizte mich. Es gibt so ein paar Bücher, die so ähnlich heißen. Zen und die Kunst von etwas. Und was das mit Bügeln zu tun hat. Ausgerechnet. Das klang interessant, fand ich. Und gleichzeitig merkwürdig. Dieser Widerspruch, das hat mich gereizt, mehr zu erfahren.«
Sie sagte nichts.
Er selbst kam sich immer blöder vor. Er redete und redete und sagte nichts.
»Ich heiße übrigens selbst Zen. Na ja, eigentlich Benjamin Zeno, aber alle nennen mich so. Zen. Ein Grund mehr, oder?«
Sie lachte. »Charlotte.«
»Charlotte?« Zen wusste nicht, was er sagen sollte.
»Ja. Das ist mein Name. Charlotte Faber, um genau zu sein.«
Sie kam nicht aus ihrer Reserve.
»Du hast auch noch eine weitere Anzeige aufgegeben, ist mir aufgefallen.« Der Satz war ihm rausgerutscht, ohne Nachdenken und Planung. Zen biss sich auf die Unterlippe.
Er hörte sie am Telefon grinsen. Ein kleiner, dafür typischer Schnaufer. »Aha. Habe ich mir doch gleich gedacht, dass du deshalb anrufst.«
»Wieso das denn?« Zen ärgerte sich, weil er diesen Satz gesagt hatte, und weil sie ihn gleich darauf reduziert hatte. Auf sein vermeintliches Interesse an ihrer kleinen Muschi. Das passte ihm nicht. So einer war er nicht.
Jetzt druckste sie herum.
»Äh – na, eben wegen dieser anderen Anzeige.«
»Nein«, entrüstete er sich.
»Doch.« Sie klang trotzig. Er hörte ihren Gedanken. Männer wollen sowieso nichts anderes. Gib es zu.
Was für eine blödsinnige Konversation, dachte Zen. Das brachte nichts. Vielleicht sollte er einfach auflegen und zurück an seine Arbeit gehen.
»Irgendwie kommen wir so nicht weiter«, sagte die weiche Stimme am anderen Ende. »Also, Zen! Noch mal von vorn. Willst du wissen, was es mit Zen und Bügeln auf sich hat?«
Zen nickte. Das konnte sie übers Telefon nicht sehen. »Ja, genau.«
Deshalb hatte er doch angerufen. Dennoch regte sich Widerwillen in ihm, er wollte nicht zu Unrecht verdächtigt werden.
»Aber ich würde schon gern wissen, warum du so unterschiedliche Anzeigen aufgibst, das hat mich neugierig gemacht. Mein zweiter Grund, weshalb ich anrufe.«
Sie seufzte. »Das wüsste ich inzwischen auch gern. Hör zu. Komm einfach vorbei, übers Telefon lässt es sich nicht so gut reden, finde ich. Wenn du wirklich Interesse hast.«
»Wo wohnst du denn?« Zen freute sich. Das klang schon unkomplizierter. Außerdem war er jetzt zum Du übergegangen.
Sie wohnte in der Theaterstraße, in einem der alten Häuser an der Apotheke. Das war nicht allzu weit vom Café Esprit entfernt. »Okay.«
Zen fand das Ganze skurril, und doch hatte gerade das seinen eigenen Reiz.
»Ich bin in zehn Minuten da. Bis gleich, Charlotte.«
Charlotte
Auf sein Klingeln hin summte der Türdrücker, und Benjamin drückte mit dem Arm gegen die alte, schwere Holztür. Vierter Stock; für dieses Stockwerk war nur eine Klingel vorhanden, mit nur einem Namen: Faber. Sie bewohnte das gesamte Obergeschoss. Wow, dachte er.
Benjamin erschrak, als er oben war und die Glastür vor ihm aufging. Frontal vor ihm stand die Frau aus dem Café, die er vorhin angestarrt hatte. Gut, dass er vom Treppensteigen etwas außer Atem war, dachte er. Sie legte den Kopf zur Seite und grinste. Erwischt. Sie hatte ihm sein Erschrecken angemerkt.
»Charlotte Faber? Wir hatten gerade telefoniert.« Benjamin streckte seine Hand aus. »Benjamin Abendschein. Zen.«
Ihr Grinsen löste sich auf, dafür zog sie die Augenbrauen zusammen. »Warst du das nicht vorhin im Esprit? Du hattest mich ein paar Mal so – angeschaut?« Sie öffnete die Tür weiter und trat zur Seite, um ihn durchzulassen. »Kennen wir uns vielleicht von irgendwoher? Was für ein Zufall. Mir dir hätte ich jetzt nicht gerechnet.«
Sie duzte ihn weiter. Und ich Idiot habe sie vorhin am Telefon gesiezt, dachte er.
Benjamin spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Seine Ohren fühlten sich wärmer an, das taten sie immer, wenn er errötete.
»Du bist also die Charlotte«, stellte er fest und schaffte es, ihr ins Gesicht zu sehen. »Das hätte ich jetzt auch nicht erwartet.«
Ihr Gesicht hatte er im Café nur von der Seite gesehen, und es war ihm eher unattraktiv erschienen, es hatte flächig gewirkt, konturlos. Nun sah er, wie groß ihre hellblauen Augen unter der dunkel gerahmten Hornbrille waren, und wie sich ihre Lachfältchen bis zu ihren markanten Wangenknochen erstreckten. Sie hatte ein fein ziseliertes Gesicht, das klassisches Antlitz einer nordischen Göttin.
Bis auf eine kleine Delle zwischen den Augen war ihre Nase die Fortsetzung der Linie ihrer glatten und hohen Stirn. Nur dort, wo die Knorpel anfingen, war die Nase vorsichtig nach unten abgewinkelt, was ihr etwas Zupackendes gab. Was ihre hellen Adleraugen erspähten, würde sich dieser Schnabel packen und verschlingen.
Die Haare hatte sie immer noch zum Dutt verschlungen, aus dem eine vorwitzige hellblonde Strähne wie ein Banner keck herauswehte. Vielleicht wirkte ihre Stirn deshalb so hoch, dachte Benjamin.
Er konnte es gerade noch vermeiden, seinen Blick auf ihre Bluse zu senken, hatte aber schon beim Eintreten bemerkt, dass sie ihre bunt gemusterte Jacke abgelegt hatte.
»Ehrlich gesagt, Nein, ich glaube nicht, dass wir uns schon mal begegnet sind«, beantwortete er ihre vorherige Frage, den Blick auf ihr eher kleines rechtes Ohr gerichtet. »Leider nicht. Du hast ja genau in meiner Blickrichtung gesessen, da warst du schwer zu übersehen.« Beinahe hätte er hinzugefügt, und du bist ja nun auch eine echte Augenweide, konnte es aber gerade noch vermeiden.
Er senkte den Blick, und sofort sprang ihm ihr Dekolleté ins Auge, nun aus nächster Nähe. Schnell blickte er wieder zur Seite, ins Zimmer hinein. Gott, er konnte doch nicht schon wieder so auf ihre Brüste glotzen, und dann noch bei ihr zu Haus. Aber dass sich eine makellose und glatte Haut über diese Prachtstücke spannte, war ihm nicht entgangen. Sein Magen zog sich zu einer geballten Faust zusammen, Benjamin spürte, wie ihm das Blut in die Lenden schoss.
Charlotte tat, als ob sie nichts davon bemerkt hätte. Benjamin spürte sich schon wieder erröten. Das zweite Mal in mindestens genau so vielen Jahren.
»Komm erst mal rein und setz dich«, sagte sie und zeigte kurz mit ihrer gespreizten rechten Hand zu einem großen runden Tisch. »Möchtest du einen Tee?«
»Gerne.« Benjamin ging auf den Tisch zu, mechanisch und roboterhaft, nach irgendeinem Halt suchend. Auf dem Weg durchs große und aufgeräumte Zimmer fiel sein Blick auf eine blaue, mit einem verblichenen Palästinensertuch ausgelegte Holzkiste, in der sich etwas regte. Zwei junge Katzen mit kurzem, bläulichen Fell.
Er änderte seine Richtung, jetzt sicherer auftretend, ein Ziel vor den Augen.
»Ist das die Muschi, die ein neues Herrchen sucht?«, fragte er, während er sich auf ein Knie niederließ. Er nahm eines der Kätzchen in die Hand, ein kleines Fellbündel, dessen Pelz im Licht graublau irisierte. Das Kätzchen schlief und streckte sich leicht in seiner Hand, vielleicht drei Wochen alt, dachte Benjamin. Er legte es wieder in die Kiste zurück, ging an den Tisch und setzte sich, nun viel sicherer und etwas weniger von ihrer überwältigenden Weiblichkeit beunruhigt.
Sie hatte also wirklich Kätzchen. Irgendwie erleichterte ihn das. Er atmete tief aus. Kein Seufzer, aber nahe dran. Erleichtert ließ er die angespannten Schultern sacken.
Charlotte kam aus der Küche zurück und stellte zwei rote Teetassen auf den Tisch. »Lass die mal in Ruhe. Und darüber möchte ich jetzt auch nicht sprechen«, sagte sie, während sie die Kiste mit den Kätzchen in ein anderes Zimmer stellte, dessen Tür sie auf dem Rückweg hinter sich zuzog.
»Du bist schließlich wegen des Bügelkurses hier, oder?«
Benjamin sah ihr einige Augenblicke lang nach, während sie in Richtung Küche zurückging. Sie hatte einen elegant schwingenden Gang, bei dem sie es fertigbrachte, ihren Busen kaum in Bewegung zu versetzen. »Na ja, klar, eigentlich schon«, sagte er, aber es klang eher wie eine Frage.
»Wenn es denn wirklich so etwas Mysteriöses hat wie in deiner Anzeige. Erzähl mir mal, was hat denn Bügeln mit Zen zu tun? Das war der Haken, mit dem du mein Interesse geangelt hast, Charlotte.«
Sie kam aus der Küche zurück und balancierte mit der einen Hand ein Tablett mit einer Kanne Tee, einem Stövchen, einem Zuckertopf und Löffeln, während sie mit der anderen die Küchentür schloss. Benjamin hatte hingesehen und insgeheim gehofft, dass sie die Tür mit einem Schwung ihres Pos schließen würde.
»Ich war mal ein paar Jahre in Japan, aber dazu später. Zieh bitte schon mal dein Hemd aus.«
»Mein HEMD?«, wunderte sich Benjamin.
»Ich tu das kurz in die Maschine und dann in den Trockner. Es muss sowieso gebügelt werden. Gewaschen wohl auch.« Sie zeigte auf einen Kaffeefleck unter der Brusttasche, der Benjamin noch gar nicht aufgefallen war. »Aber dann müsste ich dir was anderes geben.« Sie zupft sich mit Daumen und Zeigefinger am Rand der Unterlippe.
»Oder nee. Lass es an, ich habe selbst noch frisch gewaschene Wäsche da.« Sie grinste fröhlich. »Kannst dein Hemd noch eine Weile auftragen.« Benjamin knöpfte den zweiten Knopf von oben, den er mechanisch geöffnet hatte, wieder zu.
»Zucker?« Sie hob den Zuckertopf in seine Richtung. Benjamin konnte kleine braune Kandiskristalle erkennen und bediente sich. Charlotte goss ihm hellroten Tee ein.
»Charlotte«, Benjamin ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. Onomastik beherrschte er; die Namensforschung war ein sicheres Terrain, das er betreten konnte. Ein Gebiet, in dem er nicht so staksig und unbeholfen umherging wie in ihrer Wohnung, einer fremden Wohnhöhle, angenehm duftend, mit anderen Farben und bunterem Licht, in der er sich trotzdem noch fremd fühlte, bedroht, unsicher.
»Die weibliche Form von Karl, abgeleitet von Karl dem Großen, im Diminutiv«, gab er sein Wissen preis. »Die Anmutige, die Tüchtige. Die Freie. Schöner Name.« Er griff nach seiner Teetasse, sah hinein und trank.
»Und Zeno, das Gottesgeschenk. Habe ich gerade nachgeschaut.« Charlotte grinste ihm direkt ins Gesicht. »Benjamin, der jüngste Sohn Jakobs. War dein Vater Pfarrer, oder was?«
Wow, dachte Benjamin. Sie war auch neugierig auf ihn gewesen. »Nee, Lehrer. Altgriechisch, am Max-Planck-Gymnasium. Aber der jüngste in der Familie bin ich nicht, ich habe eine jüngere Schwester und einen viel älteren Bruder. Und der heißt Alexander Anaxos.«
Benjamin musste selbst lachen. »Vielleicht, weil er so immer ganz vorn im Alphabet auftaucht und als Erster in der Klasse gefragt wird. Alexander Anaxos Abendschein. Mit so einem Namen musst du immer vorbereitet sein und alle Fragen beantworten können.«
»Abendschein ist ein alter Hugenottenname«, wusste Charlotte. »Habe ich auch gleich nachgeschlagen. Dann verbindet uns was, Zen. Deine Familie kam mal aus Frankreich, meine ist frankophil.«
Sie hob ihre dünne Tasse auf, ohne den kleinen Finger abzuspreizen. Gute Erziehung, oder war sie einfach so dezent und anmutig, wie ihre Bewegung wirkte, fragte er sich. Sein Magen entknotete sich langsam wieder, und er nahm einen weiteren Schluck vom Tee.
Charlotte erzählte von sich. »Meine Eltern sind aus Landau bei Karlsruhe, das ist ja schon fast in Frankreich. Mein Vater hat ein gutes französisches Lokal in Kassel, seit über vierzig Jahren, da sind wir vor meiner Geburt hingezogen.« Sie stellte ihre Tasse, die sie vor sich gehalten hatte, wieder ab.
»Das sollte ich später übernehmen, aber ich konnte gerade noch entkommen«, lachte sie. »Jetzt hat er jemanden aus Narbonne dafür eingestellt. Aber versteh mich nicht falsch. Ich bin gerne da, und koche am Wochenende auch mal. Du kannst uns zwar aus Frankreich rauskriegen, aber Frankreich nicht aus uns. Essen tue ich für mein Leben gern. Sieht man ja leider.«
Sie lächelte ihn entschuldigend an. Auf ihren Wangen zeigten sich zwei Grübchen; das linke lag etwas tiefer als das rechte, was sie noch interessanter aussehen ließ.
Benjamin hatte ihr gar nicht richtig zugehört. Ihm war aufgefallen, wie sie von innen heraus strahlte, wie ihre Augen leuchteten. Seine Antwort ließ ein wenig auf sich warten.
»Und was machst du jetzt hier in Göttingen, Charlotte?«, fragte er und griff erneut zu seinem Tee.
Ihr war sein kleiner Aussetzer nicht aufgefallen. »Ich bin am Max-Planck-Institut, als Postdoc. Biophysikalische Chemie.«
»Ach nee.« Jetzt hatte sie Benjamins volle Aufmerksamkeit. »Ich bin auch Biologe, aber in der Goldschmidtstrasse. Mikrobiologie.«
Charlotte lehnte sich erstaunt zurück, und Benjamin nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie ihre Bluse dabei auf und ab wogte.
»Und was machst du da genau?« Sie rührte ihren Tee um und strahlte Benjamin so freundlich und unbefangen an, als ob sie ihn schon lange kennte. Sie hatten etwas Gemeinsames entdeckt, eine Verbindung, die das Eis zwischen ihnen zerbröselte und schmolz.
»Tja. Was mache ich da.« Benjamin griff zum Zuckertopf und bugsierte drei Bröckchen Kandis mit seinem Löffel in seine Tasse. Charlotte sah ihm aufmerksam zu.
»Hast Du noch Tee?« Sie schenkte ihm nach und legte den Kopf schief.
Benjamin rührte gedankenverloren um. »Eigentlich bin ich Bakteriologe. Für Extremophile. Du weißt schon, die Arten, die in kochendem Wasser, Schwefelquellen, Vulkanen, Salzsäure oder anderen völlig lebensfeindlichen Umgebungen überleben. Im Weltraum. Faszinierend, weißt du? Wozu das Leben fähig ist. Ich bin jedes Mal wieder überwältigt davon.«
Sie sah ihm direkt in die Augen, ihre Brauen senkten sich um einen Millimeterbruchteil nach unten. Wenn sie rauchen würde, dachte Benjamin, hätte sie jetzt langsam den Rauch ausgepustet. Sie sann über etwas nach.
Er wunderte sich über sich selbst. Im Café hatte er fast zwanghaft auf ihre Oberweite geglotzt; hier sah er nur ihr Gesicht. Gab es eine Art Tabu, wenn man bei jemandem zu Gast war? War das ein konditionierter Akt der Höflichkeit? Oder machte das der persönliche Kontakt? Respekt vor jemandem, den man aus anderen Gründen schätzte? Überstimmte das die laut schreienden Hormone?
Das kritische Absenken der Augenbrauen war ihm dabei nicht entgangen.
»Ich glaube, ich weiß, was du denkst«, sagte er schließlich. »Solche aufwendigen Forschungen müssen ja irgendwie finanziert werden. Ohne Geld keine Forschung, heutzutage. Und wen interessieren schon solche extremen Lebewesen? Das öffnet Tür und Tor zu ungeahnten Möglichkeiten. Mineralienabbau, Raumfahrt, hitzeresistente Getreidearten, damit wir die Erde noch effektiver plündern können. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vor allem, wenn noch Börsen-Fantasien dazu kommen. Dass man damit Geld machen kann. Extrem viel Geld.«
Dass ich damit Profitgier und Machtinteressen diene, dachte er. Hoffentlich glaubt sie das nicht. Denn das wäre das Letzte, was ich will.
Benjamin trank einen Schluck gegen seinen trockenen Mund.
»Das hat mich aber nie interessiert, im Gegenteil. Ich erforsche die nicht des Geldes wegen. Ich finde Biologie faszinierend. Das Leben. Diese unendliche Vielfalt und den Erfindungsreichtum des Lebens. Was die Natur alles zustande bringt. Diese Eroberung aller Lebensräume, mit den Extremophilen als den Pionieren des Lebens.«
Benjamin kam sich etwas blöd vor. Das klang laut ausgesprochen ganz anders als leise im Kopf.
Sie trank ihren Tee und sagte immer noch nichts. Musterte ihn nur.
»Und du?« Benjamin fühlte, als ob er in einer zu großen Haut steckte.
Ihr Mund öffnete sich leicht, ein Streifen weißer Zähne zwischen zwei vollen Lippen. An den Mundwinkeln bildete sich beim Lächeln zwei kleine, dreieckige Lachfalten, die sie einrahmten wie spitze Klammern.
Süß. Benjamin war dieser ebenmäßige und volle Mund vorher nicht aufgefallen.
»Ich habe gerade bemerkt, dass ich Dir gern zuhöre, Zen.« Sie stand auf und ging in Richtung Küche. »Wir haben noch knapp eine Stunde, dann muss ich weg. Jetzt wird gebügelt. Aber ich würde mich freuen, wenn wir morgen weiterreden könnten.« Sie blieb im Rahmen der Küchentür stehen und blickte über die Schulter zurück, wobei ihre lose Strähne aus dem Dutt zitternd herausragte wie eine Feder am Speer eines Eingeborenen, der damit gerade seine Beute erlegt hatte. »Ja? Würdest du das auch gut finden, Zen?«
Benjamin nickte. Das fühlte sich gut an, so gefragt zu werden. Es war, als ob die Luft, die ihn einhüllte, ein paar Grad wärmer geworden wäre. Charlotte nickte auch, während sie den Kopf in Richtung Küche wandte. Benjamin hörte sie eine Schranktür öffnen. Er seufzte, trank seinen Tee aus und stand auf.
Die Kunst des Bügelns
Charlotte kam mit einem stark gebrauchten Bügelbrett mit blauen Mustern und einem Dampfbügeleisen zurück. Sie stellte das Brett neben der Küchentür auf und hielt ihm die Schnur des Eisens hin, mit einem hilflosen Lächeln auf den vollen Lippen. Benjamin fummelte den Stecker in eine Steckdose unter einer Anrichte, während Charlotte einen Korb mit Wäsche aus der Küche holte.
»Hier.« Sie warf ihm eine noch leicht feuchte Bluse zu. »Dann fang mal an.«
Die Biologin setzte sich an den Tisch und goss sich den letzten Rest Tee in die Tasse. Sie schlug die langen Beine übereinander und lehnte sich beobachtend zurück. Benjamin fielen ihre nackten Füße auf, und die Sauberkeit auf dem Fußboden. Und er lief hier in seinen Straßenschuhen rum. Peinlich. Schon wieder. Er zog seine Treter aus und brachte sie zur Tür und stellte sie auf einem Regal ab, das ihm vorhin entgangen war.
Was hat das jetzt mit Zen zu tun, fragte er sich, als er zurückkam. Brauchte sie nur einen Idioten für ihre Wäsche?
Was sollte er jetzt machen? Sie sagte ihm nichts und sah nur erwartungsvoll und ein wenig belustigt zu, wie er da mit der feuchten Bluse und einem Bügeleisen in seinen Händen in ganzer Länge vor dem für ihn viel zu niedrigen Bügeltisch mit den blauen Karos stand.
Er hob den Tisch an und hakte den Ständer am letzten Rastpunkt ein. Jetzt hatte er die richtige Höhe.
Was nun? Am Bügeleisen fand er einen Regler, auf dem Temperaturen und Stoffarten standen. Aha. Er suchte nach einer Waschanleitung in der Bluse und fand sie unten an einer Naht.
Die Bluse war ein Gemisch aus Seide und Baumwolle. Seide hatte die geringere Temperatur. Er stellte den Regler auf Seide, die höhere Temperatur für Baumwolle hätte der Seide vermutlich geschadet. Logisch. Er schaute hinüber zu Charlotte. Die schaute ausdruckslos zu, vielleicht ein wenig spöttisch.
Weiter.
Benjamin kam sich blöd vor. Er tippte kurz mit einem angefeuchteten Finger auf die Sohle des Eisens, er hatte das als Kind bei seiner Mutter gesehen. Das Eisen wurde schnell warm, und eine Kontrollleuchte ging aus. Temperatur erreicht? Musste wohl.
Benjamin sah sich das Bügeleisen genauer an. Es hatte noch ein paar Knöpfe, daneben Symbole für Wasser und Dampf, wenn er das richtig las. Dann war das ein Dampfbügeleisen. Er schüttelte das Eisen, da schwappte nichts. Für voll war es zu leicht.
»Hast du Wasser?«, fragte er Charlotte. Sie ging wortlos zur Spüle, öffnete eine Tür darunter und reichte ihm eine blaue Plastikflasche. »Destilliertes Wasser«, sagte sie. »Sonst verkalken die Düsen.«
»Ich dachte, Göttingen hätte so weiches Wasser«, entgegnete Benjamin. Er fragte sich, wozu er das hier machte, und kam sich entsetzlich blöd vor.
»Schon. Aber ganz weich eben doch nicht. Und ich möchte das Eisen noch eine Weile behalten. Hier.«
»Danke.« Benjamin fand den Einfüllstutzen, schraubte den Verschluss von der Flasche und goss vorsichtig Wasser ein. Bisher hatte er wohl alles richtiggemacht.
Charlotte hatte sich wieder hingesetzt, die Beine übereinandergeschlagen, und nippte am Tee. Er mochte gar nicht zu ihr hinsehen, so, wie er sich hier gerade blamierte.
Benjamin stellte das Eisen hochkant auf die Ablage des Brettes und nahm die Bluse in die Hand. Es war eine von Charlotte, wie er an den langen Abnähern unschwer erkennen konnte. Die sollte er nun also bügeln und dabei womöglich ein Zen-Erlebnis haben. Irgendwie wünschte er sich, er hätte lieber einen VHS-Kurs für Bogenschießen belegt. Bügeln, ausgerechnet Bügeln! Bescheuert. Alles sträubte sich in ihm. Hätte er ein Fell besessen, würden sich jetzt seine Rückenhaare aufrichten.
Zurück konnte er auch schlecht. Er musste hier durch.
»Vorbereitung ist die halbe Arbeit«, sagte er vage in ihre Richtung, während er sich überlegte, wie er am besten anfangen sollte. Das Bügeleisen klickte.
Der Rücken war die größte ebene Fläche, und Benjamin breitete die halbfeuchte und knittrige Bluse so gut es ging auf dem Bügelbrett aus, beugte sich darüber, das Eisen in der Hand, und setzte es zaghaft an. Während er es vorsichtig nach vorn schob und sich der Stoff unter dem Eisen entspannte und glättete, wie er zufrieden feststellte, schob sich der Stoff an der Spitze des Eisens wie Wellen vor einem Schiff zusammen.
Sobald er das Eisen weiterbewegte, verdichtete es die Wellen zu Falten. So ging das schon mal nicht.
Er legte die Bluse um und begann neben dem handtellergroßen glatten Stück erneut. Das ging ein kleines Stück gut, dann zog sich der Stoff wieder unter das Eisen, einschließlich des schon gebügelten Eckchens. Da war Spannung im Stoff, überall zog und zerrte es, der Stoff gehorchte ihm nicht.
Er musste ihn so auf das Brett legen, dass keine Zugspannungen im Stoff entstanden. Nur wie?
Er schaute sich die Bluse genau an. Er hatte von der Innenseite her gebügelt. Kein Wunder, dass das nicht ging, dachte er.
Die Ärmel, die seitlich herunterhingen, zerrten am Stoff, und auch die Vorderteile. Er drehte die Bluse um, so dass er den Rücken von hinten bügeln konnte; der Stoff fiel jetzt etwas natürlicher an den Seiten herunter. Das sah viel einfacher aus. Schon hatte er den größten Teil des Rückenstückes geglättet, mit nur einer größeren und einer kleineren Falte. Die mussten noch weg.
Benjamin legte sich den Stoff erneut zurecht und setzte das Eisen vom unteren Rand her an der großen Falte an. Er schob das Eisen darüber, aber jetzt hatte sich die ehemalige Falte eine faltige lange Raute verwandelt. Das musste doch rausgehen!
Letzten Endes war das angewandte Physik. Er hatte die Falte ja mit Wärme und Druck erzeugt, der Stoff war dabei getrocknet. Benjamin drückte auf den Knopf mit dem Dampfsymbol. Ein kleiner Strahl schoss schräg aus dem vorderen Teil des Eisens, eher kleine Tröpfchen als echter Dampf. Er lenkte den Strahl auf die halb geglättete Falte und versuchte es dann erneut mit dem Eisen. Bingo - die Falte war verschwunden. Benjamin sah triumphierend zu Charlotte hinüber.
»Du machst das viel zu technisch«, sagte sie. »Aber so weit, so gut. Mach mal weiter.«
Benjamin war jetzt im Schwung. Er verschob die Bluse und nahm sich den Bereich zwischen Rücken und Seitennaht vor, von unten bis hoch zum Ärmelansatz, nach dem gleichen Verfahren. Ein paar kleine Fältchen waren zwar da, aber entschuldbar, fand er. Das Gleiche auf der anderen Seite. Jetzt war er schon ziemlich weit, und es waren gerade mal zehn Minuten vergangen.
Jetzt die Vorderseite! Er nahm sich die rechte Seite vor, diesmal von vorn. Aufgrund ihres Gewichtes rutschte die Bluse ständig an der Seite herunter. Er stellte einen Stuhl neben das Bügelbrett, als Verlängerung, und legte den Rest der Bluse darauf ab, ohne größere Verwerfungen.
Der untere Teil war einfach, die Knöpfe waren auf der anderen Seite. Die Leiste mit den Knopflöchern fügte sich dem Eisen bereitwillig, und auch der Bereich zwischen Naht und Knopfleiste. Weiter oben wurde es kritisch. Wie er die Bluse auch hinlegte, Falten zwischen dem leicht gebogenen langen Abnäher, dem Busenteil der Bluse, und der Knopfleiste ließen sich nicht vermeiden. Das konnte er sich, der Bluse, dem Busen und Charlotte nicht antun.
Er dachte daran, wie sich ihre andere weiße Bluse stramm und elegant über ihr Fleisch gespannt hatte, vorhin im Café. Er sah zu ihr hin. Sie trug sie noch, und er konnte keine Falten erkennen. Vielleicht glättete sich der Stoff unter dem Druck des warmen Körpers ja auch von allein?
Das war nichts, woran er jetzt denken wollte. Er musste das glatt kriegen. Nur wie?
Das Bügelbrett hatte eine leicht abgerundete Spitze. Benjamin stellte den Stuhl um und einen zweiten dazu, auf den er den größten Teil der Bluse drapierte. Die Spitze des Bügelbretts lag jetzt da, wo sonst die Spitze der Brust liegen würde. Dennoch lag der Stoff nicht glatt; wie sollte er auch ein dreidimensional gestaltetes Gewebe, eine Riemannsche Fläche, komplett auf zwei Dimensionen reduzieren?
Das ging nicht, weder theoretisch noch praktisch.
Ben ging dazu über, den Stoff in diesem Bereich mit der Spitze des Eisens und viel Dampf Streifen für Streifen zu bearbeiten. Schließlich waren die gröbsten Falten verschwunden, der Rest, eher Wellen als Falten, würde sich unter der Wärme und dem Druck ihres Körpers entspannen und von selbst glätten, hoffte er. Er fragte sich, warum sie keine bügelfreien Blusen kaufte; oder war die etwa bügelfrei? Er linste herunter zum Etikett, konnte aber nichts erkennen. Das wäre ja eine schöne Blamage gewesen.
Nachdem er die linke Seite in ähnlicher Weise bearbeitet hatte, wobei er vorsichtig um die Knöpfe herum bügelte, kleine Unruhezonen um die Knöpfe herum hinterlassend, nahm er sich die Ärmel vor. Er breitete die Manschetten vor sich aus und schob das Eisen darüber. Nicht gut. Der Stoff wölbte sich an vielen Stellen auf, und wenn er das mit dem Eisen bearbeitete, bildeten sich Falten. Woran lag das? Das war zweilagiger Stoff, der normalerweise zu einem Zylinder geschlossen war. Also war die innere Lage ein wenig kürzer und die äußere länger. Wenn er das flach hinlegte, musste sich die längere äußere Lage wellen, um die Längendifferenz auszugleichen. Das war umgekehrt nicht so. Er krempelte den Ärmel auf links und bügelte die Manschette von innen. Da hätte er auch gleich drauf kommen können.
Er sah heimlich über ein leicht spiegelndes Bild an der Wand zu Charlotte hinüber; die schaute sich gerade sein Hinterteil an. Dabei wollte er sie nicht stören. Die Ärmel. Da war doch noch was.
»Hast Du so ein kleines Brett, für die Ärmel?«, fragte er. Auch das hatte er als Kind bei seiner Mutter gesehen.
»Brauchst du nicht.« Benjamin geriet in leichte Panik. Gott, was machte er hier eigentlich? Bügeln? Er bügelte einer fremden Frau die Wäsche? Gut, dass das niemand sah!
Die Vorder- und Hinterseiten der Ärmel waren einigermaßen gleich groß. Er konnte sie also aufs Brett legen und gemeinsam bügeln, erst von der einen, dann von der anderen Seite. Das war gut in der Theorie, aber als er den Ärmel umdrehte, waren auf der Unterseite doch zwei dicke Falten. Aber diese Seite wollte er ja noch bügeln. Er sprühte den Ärmel ein und bügelte die Falte vorsichtig aus. Jetzt war eine Falte auf der anderen Seite entstanden; immerhin nur noch eine. Er drehte den Ärmel noch einmal um, und jetzt sah es halbwegs ordentlich aus. Vielleicht waren noch ein paar Spuren von den Falten da, aber keine richtigen Falten mehr.
Benjamin wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn.
Nach dem anderen Ärmel, bei dem er ähnlich vorgegangen war, blieb noch der Kragen und die Schultern und das Oberteil des Brustbereiches. Er sah zu Charlotte hinüber; sie hatte schöne rundliche Schultern, die Bluse, die sie trug, saß wie angegossen, außer in der Mitte, wo mehrere Knöpfe offenstanden und den Blick auf ihr wunderschönes Dekolleté zuließen. Das gab ihm neuen Mut.
Das gleiche Problem; er musste Rundungen, eine dreidimensionale Form, auf eine Fläche projizieren. Er löste das Problem wieder dadurch, dass er den Rest der Bluse über die Stuhllehnen drapierte und die Rundungen nach und nach auf der Spitze des Bügelbrettes bearbeitete. Schließlich fand er, dass er jetzt fertig war. Mehr konnte er nicht mehr tun. Er hielt die Bluse hoch. Irgendwie fiel sie aber schief und sah merkwürdig unruhig und wellig aus.
»Hier.« Er reichte Charlotte sein erstes Meisterwerk. »Okay so?«
Sie lächelte ihn an. »Du hast Dir ja wirklich große Mühe gegeben«, freute sie sich.
»Du hast den Stoff gut analysiert. Physikalisch korrekt, würde ich sagen. Aber gebügelt hast du nicht. Das muss von selbst gehen, aus deinem Unterbewusstsein, sonst wird das nichts. Du musst eins mit der Bluse sein. Das muss von innen kommen, Zen.«
Sie nahm die Bluse entgegen, ging ein paar Schritte in die Küche hinüber und steckte sie wieder in die Waschmaschine, wie er von seinem Standort aus sehen konnte. Sie öffnete einen Schrank, nahm etwas heraus und kam zurück.
»Hier.« Sie drückte ihm ein dünnes Stück Pfefferminzschokolade in die Hand, und er fühlte, wie warm und weich ihre Hand war. »Für Deine Bemühungen.«
»Und?« Benjamins Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Wie war ich, hätte er fast gefragt, aber den Satz hatte er sich schon als Siebzehnjähriger abgewöhnt.
»Was meinst du denn selbst?«
»Das war mein erstes Mal. Gar nicht schlecht für den Anfang, oder?« Sie lächelte. »Na ja, vielleicht nicht gerade perfekt, aber doch mit viel – Enthusiasmus?«, fischte er nach einem Kompliment. Lob mich doch mal!
»Das besprechen wir in der nächsten Stunde, Zen. Ich muss jetzt los. Hast Du die fünfzig Euro?«
»Fünfzig Euro?« Benjamin bekam den Mund nicht mehr zu.
»Für den Kurs. Du sollst das schließlich ernst nehmen.«
»Ich bügele dir die Wäsche und soll noch dafür bezahlen?«
»Ja.« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Das ist ein Kursus. Du wirst schon sehen. Da musst du dich schon ernsthaft drauf einlassen, sonst wird das nichts.«
Benjamin fragte sich, ob sie Geld brauchte. Die große Wohnung war bestimmt nicht billig, und was sie als Postdoc an Förderung bekam, konnte er sich nicht vorstellen. Viele bekamen gar nichts. Ob sie deshalb die andere Anzeige aufgegeben hatte?
Jetzt wollte er sich das gar nicht erst vorstellen. Das passte nicht zu ihr. Benjamin hatte mit Erstaunen wahrgenommen, dass er sie gut riechen konnte, er mochte ihren Duft, ihre Ausstrahlung. Und ihre Figur irritierte ihn nach wie vor, auf ganz animalische Weise.
Aber sie wollte gehen. Dann musste er auch gehen.
»Okay. Na gut. Ich weiß zwar nicht, ob das was bringt, aber lass uns das mal so machen. Außerdem … «, Benjamin schloss den Mund, schnaubte und entschloss sich, seinen Satz zu Ende zu bringen.
»Außerdem würde ich gern weiter mit dir reden. Wenn du Zeit hast, meine ich. Wir haben doch einiges gemeinsam, finde ich. Wie geht das jetzt weiter, Charlotte?« Er hatte sich ihren Namen langsam über die Zunge gehen lassen, wie ein köstliches Dessert. Wie eine Cassata Siciliana, assoziierte irgendein Speicher in seinem Gehirn. So eine süße Nachspeise hatte er letzte Woche serviert bekommen.
Benjamin wunderte sich über sich selbst. Er griff zu seinem Portemonnaie, nahm den Schein heraus und gab ihn ihr.
So bescheuert war er sich lange nicht mehr vorgekommen. Als ob er für schlechten Sex bezahlt hätte, den er nicht mal bekommen hatte.
»Danke, Zen. Du wirst das nicht bereuen, du wirst schon sehen. Kannst du morgen Nachmittag? Sagen wir, gegen fünf?«
»Ja. Gern!« Die Antwort war ihm leichtgefallen.
Sie hielt ihm die rechte Wange hin, Benjamin legte seine Wange dagegen und küsste die Luft vor ihrem Ohr. Der gleiche Duft wie im Café, der ihn so erregt hatte, stieg ihm schlagartig in die Nase; sie roch gut, warm und aromatisch, nach Chrysanthemen, Brausepulver und etwas nach Zimt. Sehr weiblich und sehr attraktiv. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die linke Wange und bemerkte, wie rasch sein Herz hüpfte.
»Okay. Ich geh dann auch mal. Bis morgen, Benjamin Zeno«, lachte sie. »Ich freu mich drauf.«
Sie streckte sich und legte ihm ihre kleine und warme Hand sanft von vorn an die Schulter, unerwartet, eine überraschende Geste des Vertrauens.
»Du, ich auch«, hauchte er. »Ciao. Bis morgen, Charlotte.«
»Charlie für meine Freunde«, sagte sie und sah zu ihm auf. »Ciao.«
Benjamin hüpfte die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal. Er hatte kein Zen-Erlebnis gehabt und auch nicht viel übers Bügeln gelernt.
Aber er hatte etwas gewonnen. Er fragte sich nur, was das wohl war.
Charlie für meine Freunde, hatte sie gesagt.
Keine Rosen
Am nächsten Tag brachte Benjamin Blumen mit. Er hatte einen Moment vor den roten Rosen gestanden und sich gefragt, was er denn damit wohl gesagt hätte.
Er entschied sich stattdessen für einen gemischten Frühlingsstrauß aus vielen Arten in bunten Farben, der fast so gut duftete wie eine Frau. Wie Charlotte.
Bei ihr hatte er noch eine Note wahrgenommen, die er nicht einordnen konnte. So roch keine Blume, die er kannte. Vom Laden in der Wendenstrasse, fast direkt vor seiner Wohnung, musste er mit dem großen und bunten Strauß durch die Burgstraße und über den Wilhelmsplatz mitten durch die Stadt. Einige Passanten sahen ihn lächelnd an, ein Mann grinste. Benjamin staunte, wie egal ihm das jetzt war.
Noch vor ein paar Tagen hätte er solche Blumen in einer Tüte versteckt, damit ihn um Himmels willen niemand damit sah. Wenn er überhaupt jemals welche gekauft hätte.
Charlotte öffnete ihm, diesmal in einem engen rehbraunen Rollkragenpullover und einer eng anliegenden, blumig gemusterten Hose. Leicht vornübergebeugt stand sie da, eine Hand auf dem Türgriff, die andere am Türrahmen, und Benjamin konnte nicht umhin, ihre perfekten Formen in aller Deutlichkeit wahrzunehmen. Sie juchzte.
»Wow! Schöne Blumen. Das ist aber lieb von Dir!« Sie öffnete die Tür ganz, nahm ihm die Blumen mit der einen Hand ab und umarmte ihn eng mit der Linken, ihm die Wange darbietend. Benjamin spürte ihre Zwillinge auf seinem Bauch unter seiner sich rasch hebenden und senkenden Brust, fest und doch weich und anschmiegsam.
Ihr Duft umfing ihn und rundete das Willkommen ab. Ben drückte ihr mit sanftem Druck einen etwas unbeholfenen Kuss auf ihre flaumige Wange und merkte, wie sich seine Rechte wie von selbst auf ihrem Hintern eingefunden hatte. So muskulös hatte er sich den gar nicht vorgestellt.
Charlotte hatte sich ihm wieder entzogen und war, die Blumen in der Hand, einen kleinen Schritt zurückgetreten. Sie sah ihn leicht belustigt und halb erstaunt an. Vielleicht war sein Begrüßungskuss etwas zu zärtlich ausgefallen. Immerhin war er ehrlich gewesen. Vielleicht war er nur von der Berührung und ihrem leichten, aber deutlich wahrnehmbaren Duft überwältigt worden. Jedenfalls hatte sie seine Freude genau wahrgenommen.
Benjamin sah in ihre hellblauen, klaren Augen und nahm die weißen Sprenkel darin wahr. Charlotte beugte sich vor und gab ihm ein winziges Küsschen auf den Mund, in einer federleichten, fließenden Bewegung, ohne dabei die Augen zu schließen. »Danke!«
Sie drehte sich weg, ging zu einem Regal, von dem sie eine bunte Vase nahm, in die sie die Blumen stellte, und schwebte davon in Richtung Küche.
»Ich habe uns einen Tee gemacht. Grünen mit frischer Pfefferminze, weiß nicht, ob du so was magst?«, fragte sie und zeigte in Richtung auf ihre Sitzgruppe.
Sie verschwand in der Küche, und Benjamin blieb in der Mitte des Lofts stehen und sah sich um. Gestern hatte er den Raum kaum wahrgenommen.
Aus dem Computerlautsprecher erklang eine Mischung aus Flamenco und einem leisen Saxofon, mehr klassische Gitarre als Jazz. Angenehm und nicht aufdringlich.
Charlotte kam aus der Küche zurück und stellte die Blumen auf den Tisch, an dem sie das letzte Mal gesessen hatten. Sie trat zu Benjamin in die Mitte des Raumes. »Pepe Habichuela«, erklärte sie. »Könnte ich stundenlang hören.«
Sie trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme unter der Brust und sah ihm ins Gesicht.
»So. Du bist ja zum Bügeln hier und nicht zum Vergnügen! Komm, setz dich. Wir wärmen uns erst mal auf, bevor wir anfangen zu arbeiten.«
Benjamin setzte sich. Sie hatte ihn erwartet. Der Tee war frisch, heiß und süß. So einen Tee hatte er vor ein paar Jahren bei einem Gastspiel der Göttinger Basketballer in Casablanca getrunken.
»Köstlich.« Er blickte sich um. »Wo sind denn deine Kätzchen geblieben?«
Charlotte setzte sich zu ihm. »Es hat sich niemand mehr gemeldet. Ich habe sie zusammen mit ihrer Mutter gestern Abend zu meinen Eltern nach Kassel gebracht, die haben viel Platz und viel Grün. Da werden sie sich wohlfühlen, bis jemand kommt. Warum? Wolltest Du vielleicht doch eines?«
Benjamin musste an die andere Anzeige denken und merkte an der zunehmenden Helligkeit im Zimmer, dass sich seine Pupillen geweitet haben mussten, und senkte den Blick. Auf ihre Schenkel. Im Stillen verfluchte er sein so lautes Unbewusstes, das seine wiedererwachten Wünsche so deutlich preisgab.
Charlotte musste das bemerkt haben. Sie hob ihre Tasse, wandte den Blick aber dabei nicht von ihm ab. »Sag mal, Zen, du wirkst etwas verlegen. Fühlst du dich unwohl in meiner Gegenwart?« Sie wusste doch genau, wie sie auf ihn wirkte, dachte Benjamin. Sie legte ihm ihre weiche und erstaunlich kleine Hand auf seine. »Tut mir leid, wenn das so ist. Ich bin eigentlich nicht immer so direkt.«
»Schon okay«, antwortete Benjamin und sah ihr erst in das rechte, dann das linke Auge, und schließlich auf den Mund, aber zu lange mochte er sie nicht so direkt anschauen.
»Nee, nicht unwohl, Charlie, im Gegenteil. Aber deine Gegenwart ist so – « ihm fehlte das richtige Wort. Raumfüllend, fiel ihm ein. Er versuchte, nicht auf ihren Busen zu schauen, der sich bei jeder Bewegung bewegte, als ob er ein Eigenleben hätte.
»Intensiv.« Irgendwie traf es das auch nicht.
»Und – « Benjamin atmete tief ein und schluckte. »Ich hatte länger eher wenig Kontakt zu Frauen.« Das war ihm herausgerutscht. Er versuchte, seine Hand unter der ihren hervorzuziehen, aber sie hielt ihn mit einem leichten Druck zurück. Sie lehnte sich zurück, ohne seine Hand freizugeben.
»Aber deshalb hattest du dich doch nicht auf meine Anzeige gemeldet?« Sie musterte ihn belustigt. »Die andere, meine ich.«
Benjamin wollte seine Hand wiederhaben, ließ sie aber noch liegen und griff stattdessen mit der anderen zur Teekanne und goss sich Tee nach.
»Nein.« Er ließ sich Zeit beim Eingießen. »Du bringst mich komplett durcheinander.« Vermutlich werde ich schon wieder rot, dachte er. »Das kenne ich überhaupt nicht von mir. Sorry, wenn ich so konfuses Zeug rede.«
»Ich hätte diese andere Anzeige wohl besser nicht aufgeben sollen.« Charlotte lehnte sich in ihrem Sessel zurück, zog die Beine an und verschränkte sie auf der Sesselkante, die Tasse in der einen Hand, die andere Hand auf ihrem Oberschenkel. »Das war halb Spaß und halb psychologisches Experiment. Ich musste die ganze Zeit lachen, als ich die Anzeige aufgegeben habe. Mir sitzt eben manchmal der Schalk im Nacken. Dass du mir nicht auf dumme Gedanken kommst, ja? Außerdem hatte ich ja wirklich kleine Muschis hier«, sagte sie, unbeschwert von allen Zweideutigkeiten.
»Ja.« Benjamin hob die Augenbrauen und verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen.
»Ich fand das auch lustig. Ein netter, verspielter Scherz, nicht? Ein Grund mehr, um herauszufinden, was hinter deinen Annoncen steckte, Charlie«, gab er zu.
»Du bist auf der Suche nach etwas«, schloss sie aus seinen Worten.
»Irgendwie schon«, antwortete er. »Ich mache mir so meine Gedanken. Was ich hier soll, auf der Erde meine ich, nicht hier bei dir.« Benjamin lächelte sie entschuldigend an.
»Was ich tun oder lassen soll. Ob das alles was bringt, sich reinzuhängen, all dem nachzujagen, was geht, was andere auch machen oder haben, was wir machen können.«
Charlotte hob eine Augenbraue und zog ihre Knie an die Brust. »Aha.«
»Vielleicht gibt es was Wichtigeres als Haus, Auto, Familie, Kinder, Urlaub am Meer oder in den Bergen. Wenn du verstehst, was ich meine.«
Sie trank von ihrem Tee und sah ihn wohlwollend an. »Soso. Sage ich doch, du suchst.« Sie nahm die Beine wieder runter und verschränkte ihre Arme hinter dem Kopf. Benjamin konnte gar nicht hinsehen, was das mit ihrem Oberkörper machte, und schluckte.
»Erzähl mir mehr davon«, schlug sie vor. »Ich habe Zeit. Und Zen hat auch mit Loslassen zu tun. Nicht nur mit Bügeln.«
Charlotte lehnte sich zurück und strahlte ihn an. »Dann schieß mal los. Warum war denn so ein großer, hübscher Kerl wie du auf einmal nicht mehr auf Frauen scharf? Und jetzt wieder umso mehr? Spannend. Ich will das alles wissen, Bügeln können wir auch später noch.«
Es gibt nichts Richtiges im Falschen
»Das kommt natürlich alles irgendwo aus dem Kopf«, sagte Benjamin vorsichtig, nach einigem Überlegen. »Ich habe mich und andere beobachtet, überall, beim Sport, in der Disco, bei Interaktionen in großen Gruppen.« Er trank einen Schluck Tee, und Charlotte sah ihn interessiert und fragend an.
»Was mich immer gestört hat, war diese Fremdsteuerung, diese Unterwerfung unter unsere so vieles beherrschende Triebe, wie Automaten mit nur wenig Spielraum für anderes. Wir sind wie Paviane, wie Schimpansen«, erklärte er.
»Wir müssen uns gegen andere durchsetzen, den Frauen imponieren, uns rausputzen, andere weghauen. Fast alles ist vom Sex durchdrungen und bestimmt, unser ganzes Streben. Es geht immer darum, sich die besten Partner zu sichern, wenn du gesund und satt bist und ein Dach über dem Kopf hast. Oder gleich alle, auch wenn wir das gar nicht schaffen können. Wie bei den Löwen, den Hirschen, den Schimpansen. Der Stärkste begattet alle.« Charlotte sah ihn nur spöttisch an.
»Eine Zeit lang hat mich diese Erkenntnis befreit«, gab er zu. »Ich fand es affig, dieses ständige Hinterherlaufen hinter Sex und Geltungsbedürfnis. Ich fand es lächerlich, befremdlich. Ich selbst konnte richtig aufatmen und innerlich jubeln, als ich das für eine Weile los war. Ich war frei wie ein Vogel. Glaubst du vielleicht nicht, aber das war eine sehr glückliche Zeit in meinem Leben. Zu können, aber nicht zu müssen.«
»Aber das ist doch ganz natürlich, Zen«, gab Charlotte zu bedenken. »Wir alle wollen das. Wir müssen das. Darwin. Wir sind bestrebt, uns durchzusetzen, unsere Gene überleben zu lassen. Nur dadurch können wir uns anpassen, nur so als Art überleben. Wir würden uns sonst nicht weiterentwickeln. Sex macht uns stark.«
»Schon«, gab Benjamin zu. »Aber bei uns Menschen ist das viel komplexer. Bei Darwins Finken und anderen Tieren reicht es, angepasst zu sein. Eine Eigenschaft zu entwickeln oder zu verändern, um sich anzupassen. Und dann der Erfolgreichste oder der Stärkste zu sein und die Anpassung weiterzugeben. Schön und gut. Aber bei uns ist das anders.«
Benjamin setzte sich anders hin. »Menschen haben viele soziale Schichten. Du kannst von Brad Pitt und Angelina Jolie träumen, aber für einen Bauarbeiter ist es wichtiger, dass er ein Auto und ein kleines Häuschen hat und seinen Job behält, um eine adäquate Frau zu finden, der das genügt und die das gut findet. Und auch in anderen Schichten gilt das. Du musst nicht groß und stark, wenn du Bill Gates bist. Geld und Macht sind attraktiv genug. Sportwagen sind sexy. Geld ist sexy. Erste Klasse Fliegen ist sexy. Angesagte Klamotten. Kenntnisse über die neuste Musik. Den heißesten Schuppen. Die modernste Sport-Uhr und das geilste Handy. Wissen. Tausende von Nischen, Tausende von Talenten. Tausend Wege, einen Partner zu finden, auch wenn du an die besten vielleicht niemals rankommst. Irgendein Talent hat jeder, um zu seinem Topf einen Deckel zu finden. Nur stark und klug war gestern.«
Benjamin seufzte tief. »Die klassischen Mechanismen von Darwin sind außer Kraft gesetzt. Na ja, mit Ausnahmen vielleicht.«
Charlotte sah ihn fragend an.
»Na ja, die schöne Frau, die mit dem reichen und kahlen Architekten verheiratet ist, aber mit dem attraktiven Gärtner vögelt. Die Prinzessin, die den Reitlehrer ihrem Mann Charles vorzieht. Der Mann für die Absicherung, aber der Kerl fürs Bett.«
»Also funktioniert Darwin immer noch«, schloss Charlotte daraus.
»Ja, natürlich«, sagte Benjamin. »Aber das ist gar nicht mein Punkt. Dieser gewaltige Aufwand, den wir treiben müssen, um einen oder viele gute Partner zu finden. Geile Autos, die unser Ego transportieren. Autobahnen, die dann diese Autos transportieren. Das gute Haus mit Garten, das uns attraktiver macht, und die riesigen Wohnsiedlungen, die unsere Landschaften zerstören.« Benjamin ließ den Kopf hängen, sah aber sofort wieder auf und Charlotte ins Gesicht.
»Der Willezu beherrschen, uns alles andere untertan zu machen, jeden Tag Fleisch auf dem Teller zu haben. Und dafür den Verbrauch von Land, Energie, Wasser, Futtermitteln statt Gemüse auf solche Höhen zu treiben, dass wir dafür den ganzen Planeten dafür umgraben müssen. Wir ruinieren die Erde für Habgier, Sex und Geltungsdrang. Ich könnte da noch viel, viel mehr aufzählen. Und das alles auch wegen unserem affigen Imponiergehabe und unserer steinzeitlichen Gene, die dem heutigen Leben nicht mehr angemessen sind.«
Benjamin lehnte sich zurück und atmete erschöpft aus.
Charlotte war kaum beeindruckt. »Aber das ist doch nicht nur das Bestreben, gute Partner zu finden und seine Gene zu verbreiten. Ganz so simpel sind wir nicht gestrickt, Zen. Das ist auch Bequemlichkeit, der Wunsch nach einem angenehmen Leben. Der Wohlfühlfaktor.« Sie beugte sich vor.
