Zepter der Barmherzigkeit - Amanda Barratt - E-Book

Zepter der Barmherzigkeit E-Book

Amanda Barratt

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Beschreibung

Ein maskierter Graf. Eine junge Mutter in Not. Eine Liebe, die stärker ist als der Schmerz.. England, Winter 1816. Dwight Inglewood, der junge Graf von Amberley, hat sich nach seiner Rückkehr aus dem Krieg auf seinen Landsitz zurückgezogen. Gezeichnet von den Narben der Schlacht von Waterloo, lebt er zurückgezogen von der Welt, sein Gesicht hinter einer Maske verborgen. Seine einzige Zuflucht: das Klavierspiel. In den dunklen Gassen Londons begegnet er Jenny Grey, einer mittellosen jungen Frau mit einem Baby auf dem Arm. Mutter und Kind sind am Ende ihrer Kräfte. Dwight nimmt sie bei sich auf – eine Entscheidung, die sein Leben verändern wird. Denn Jenny trägt selbst eine schmerzhafte Vergangenheit in sich, doch sie hat im Glauben an Gott Hoffnung gefunden. Zwischen den beiden wächst eine stille, tiefe Verbindung. Während Dwight sich selbst längst aufgegeben hat, beginnt Jenny, den Menschen hinter der Maske zu sehen. Ihre Wärme, ihr Glaube und ihre Liebe lassen die Eiskruste um sein Herz schmelzen. Und auch Dwight erkennt in Jenny eine Stärke, wie er sie selbst auf dem Schlachtfeld nie gesehen hat. Doch als ein dramatischer Vorfall Dwights neu gewonnene Hoffnung zu zerstören droht, steht er vor der Entscheidung seines Lebens: Wird er sich der Gnade öffnen – und Jenny sein wahres Gesicht zeigen?

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Amanda Barratt

Zepter der Barmherzigkeit

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Naumann

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

ISBN 978-3-7751-7660-6 (E-Book)

© 2025 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

haenssler.de

Originally published in English under the title: Far as the Curse is Found

© 2020 by Amanda Barratt,

in the volume «Joy to the World”, originally published in the USA by Kregel Publications, a division of Kregel Inc., 2450 Oak Industrial Dr. NE, Grand Rapids, Michigan 49505. Translated and printed by permission. All rights reserved.

Ich sah drei Schiffe auf dem Meer, Originaltitel: I Saw Three Ships. Text und Melodie: aus England (17. Jh.). Dt. Text: unbekannt

Freu dich, o Welt. Originaltitel: Joy to the World. Text: Isaac Watts (1719). Melodie: Georg Friedrich Händel (1741), adaptiert von Lowell Mason (1836). Dt. Text: Babette Dieterich © (Dt. Text) Carus-Verlag, Stuttgart.

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen

Übersetzung: Susanne Naumann (SuNSiDe)

Lektorat: Johanna Horle-Herdtfelder

Umschlaggestaltung: Jan Henkel, www.janhenkel.com

Titelbild: © Sandra Cunningham / Trevillion Images Frau mit Hut); © shutterstock Galina Dreyzina (Kutsche)

Satz und E-Book-Erstellung: Satz & Medien Wieser, Aachen

Inhalt

Zitat

Über die Autorin

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Zitat

Soli Deo Gloria

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Antoine de Saint-Exupéry

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Über die Autorin

Amanda Barratt ist Bestseller-Autorin der ECPA, Verfasserin mehrerer Romane und Novellen, darunter My Dearest Dietrich. Sie ist Mitglied der American Christian Fiction Writers und hat zwei Mal den FHL Reader’s Choice Award gewonnen. Sie und ihre Familie leben im nördlichen Michigan. Besuchen Sie sie auf www.amandabarratt.net

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Kapitel 1

November 1816London, England

Sogar der Himmel weinte bei seinem Anblick.

Dwight Inglewood, der Graf von Amberley, starrte aus dem Fenster seiner Kutsche. Dicke Regentropfen rannen die Scheiben hinunter. Das prachtvolle, sagenhafte London hatte sich in ein Kleid aus Regen und Sturm gehüllt. Donner grollte. Dicke Wolken hingen tief am Himmel. Der Regen trommelte auf das Kutschendach. Fußgänger, nicht mehr als dunkle Schemen, hasteten über das Kopfsteinpflaster. Karren und Kutschen verstopften die Durchgangsstraßen, von ihren Rädern spritzten Schlammkaskaden. Die Häuser trugen ein einheitliches, verblasstes Grau, das selbst den prunkvollsten Gebäuden einen armseligen, schäbigen Anstrich gab.

Er zog den Vorhang zu. Jetzt war es dunkel in der Kutsche.

Als kleiner Junge hat er Angst in der Dunkelheit gehabt, Angst vor dem, was sie verbergen mochte. Jetzt war sie so etwas wie sein Heiligtum geworden. Die Nacht war seine Zuflucht.

Er ließ sich gegen die samtgepolsterte Rückenlehne sinken. Das stetige Trommeln des Regens wirkte beruhigend auf seine zum Zerreißen gespannten Nerven. War er verrückt gewesen, nach London zu fahren? In Yorkshire schien es ihm noch ein guter Plan zu sein – ein kleiner Trost, eine Linderung des Leids, das er Menschen zugefügt hatte, die ihm nahegestanden hatten. Er würde von Amberley Hall zum Berkeley Square nach London fahren, einpacken, woran ihm noch etwas lag, die letzten Verfügungen zum Verkauf des Stadthauses treffen und sofort wieder nach Amberley zurückkehren.

Es sollte eine, wenn auch geringe, Wiedergutmachung sein.

Er hatte sich gegen den Druck auf seiner Brust, gegen das Prickeln in seinem Nacken, gegen das Herzrasen gewappnet, die ihn plagen würden, wenn er Amberley Hall nach gut einem Jahr zum ersten Mal verließ. Doch trotz allem hatte sich die seelische Qual in körperliche Schmerzen verwandelt. Wie so oft schon … Dagegen half keine Vorbereitung.

Die Räder ratterten über die Pflastersteine. Die Zeit war zu einer unwesentlichen Größe geworden. Dennoch verfolgte er fast zwanghaft, wie die Minuten verstrichen. Fünf. Zehn. Die Kutsche hielt.

Er war da.

Er streckte die Hand aus und stieß den Schlag auf. Doch dann zögerte er und starrte auf die Stelle, wo die geschlossene Tür soeben noch das Licht ausgesperrt hatte. Die Luft, die ihm entgegenschlug, roch nach Regen. Er sah glitschiges Kopfsteinpflaster und die graue Fassade seines Stadthauses. Er schätzte die Zeit ab, die er für den Weg von der Kutsche zum Eingang brauchen würde. Dreißig Sekunden. Eine Minute. Mehr bestimmt nicht.

Der Sturm hatte den Himmel verdunkelt. Es goss in Strömen. Heute würde kein Mensch freiwillig in Mayfair spazieren gehen.

Er presste die Lippen zusammen und stieg aus. Der Regen schlug gegen seinen Mantel und traf auf die nackte Haut seines Gesichts. Seine hastigen Schritte nahmen den schnellen Schlag seines Herzens auf.

Das Stadthaus war eher bescheiden, wie in Mayfair üblich. Helles Stuckexterieur mit Säulen auf beiden Seiten der schweren schwarzen Haustür. Kunstvolle gusseiserne Balustraden vor den drei Fenstern im dritten Stock. Die Vorhänge vor den Fenstern waren zugezogen.

Er stieg die steinernen Stufen hinauf. An der Tür schlug er seinen weiten Mantel zurück und holte den Schlüssel aus seiner Rocktasche. Er beugte sich leicht nach vorn und steckte den Schlüssel ins Schloss. Er ließ sich nicht bewegen.

Er sog scharf die Luft ein und sah sich nervös um. Ein gezackter Blitz tauchte die Szene urplötzlich in gleißendes Licht. Die Straße war leer. Im Moment jedenfalls.

Er versuchte erneut, den Schlüssel zu drehen. Diesmal öffnete sich die Tür mit einem Ächzen. Dwight schlüpfte ins Haus und schloss die Tür hinter sich. Er hätte wieder abgeschlossen, doch Robbins, der Kutscher, musste noch den Koffer und auch sein eigenes Gepäck hereinbringen.

Dwight blieb einen Augenblick stehen. Er spürte das Gewicht des Schlüssels in seiner behandschuhten Hand und nahm die Schatten wahr, die ihn umgaben. Irgendwo erklang ein leises Fiepen, begleitet von scharrendem Trippeln.

Im Grunde war ihm die Gesellschaft von Mäusen lieber als ein Gefolge von Lakaien, brav aufgereiht, um ihn zu begrüßen. Seine Schritte hallten, als er zu dem Tischchen ging, auf dem früher immer die Silbertabletts mit den Visitenkarten der Besucher standen sowie eine Vase mit frischen Blumen, die seine Mutter stets arrangiert hatte. Er tastete ein Weilchen in dem Dämmerlicht herum, ehe er einen Leuchter mit einem Kerzenstumpf fand. Daneben lag eine Zunderbüchse. Eine Minute, und die Flamme erwachte zum Leben. Er nahm den Leuchter und hob ihn vor sich in die Höhe.

Die Möbel und Gemälde waren mit Hussen bedeckt; er sah die Umrisse der schmutzig weißen Tücher. Alles war mit feinen Spinnweben überzogen. Staub lag in der Luft. Das flackernde Kerzenlicht erhellte die gedeckten Farben des Deckengemäldes mit der Abbildung von Perseus und Andromeda. Sein Blick blieb an der Gestalt des Perseus hängen, der rittlings auf seinem Flügelross saß. Die schöne Andromeda erwartete, an die Felsen gekettet, das Seeungeheuer, das sie verschlingen wollte.

Seine Mutter hatte das Gemälde in Auftrag gegeben, als er sechs war. Als Kind hatte er nicht gewusst, warum sie gerade dieses Thema gewählt hatte, doch die folgenden Jahre hatten ihm den Schleier der Unwissenheit genommen. Für seine Mutter hatte es keinen Perseus gegeben.

Obwohl er selbst und auch sie das Haus schon vor einer Ewigkeit verlassen hatten – er war in den Krieg gezogen, sie lag schon lange in ihrem Grab –, überwältigten ihn aufs Neue die Erinnerungen. Ihr glockenhelles Lachen, wenn sie im Abendkleid die Treppe herunterkam, mit raschelnden Seidenröcken, nach Veilchen duftend, und sich herunterbeugte, um ihm einen Gutenachtkuss zu geben, bevor sie zu einem Dinner oder auf einen Ball ging.

Und noch mehr Erinnerungen stiegen auf: ihr Schluchzen in der Halle, mitten in der Nacht, wie die Schreie eines verletzten Tieres in einer Falle. Er war aus dem Bett gesprungen, hatte zu ihr laufen wollen, doch seine Kinderfrau hatte ihn festgehalten. »Nein, Master Dwight. Sie dürfen sie nicht stören. Sie braucht Ruhe.«

Die Jahre vergingen. Mutter hörte auf zu weinen. An die Stelle der Tränen trat ein glasiger Schleier, der über ihren Augen lag. Erst als es zu spät war, hatte er von dem Laudanum erfahren, das ihr das Funkeln in den Augen geraubt hatte – und vieles mehr.

Dwight sog scharf die Luft ein.

Hör auf.

Schluss mit den Erinnerungen, die nichts und niemanden zurückbrachten.

Er war in London wegen zweier Menschen, an denen ihm viel lag – sie und Arthur; das war alles. Er würde erledigen, wozu er gekommen war, und nach Yorkshire zurückkehren. Und nie mehr wieder einen Fuß in diese Stadt setzen.

Denn solange er hier war, fand er keine Ruhe vor den Gespenstern seiner Vergangenheit.

Denk an die Grübchen ihrer Wangen, süßes Kosen … und auch diese Nacht wird schnell zu Ende gehen. Denk an ihre Wärme in meinen Armen und jeden einzelnen kostbaren Atemzug, den sie im Schlaf tut, und ich kann die Worte und Blicke der Menschen vergessen.

Denk an sie, dann kann ich alles ertragen.

Jenny Grey hatte diese Worte gedacht, bis sie ebenso abgenutzt waren wie die Holzdielen, über die sie jetzt ging. Mit einem schweren Tablett in der Hand bahnte sie sich den Weg durch das überfüllte Pub. Der bittere Gestank von Bier und Gin mischte sich mit Gerüchen nach Körperausdünstungen und billigem Tabak. Flackernde Kerzen verbreiteten trübes Licht. Der Schweiß lief ihr über den Rücken, trotz des kalten Luftschwalls, der jedes Mal hereinschlug, wenn ein Gast das Pub betrat oder hinausging.

Sie balancierte das Tablett auf einer Hand und stellte mit der anderen einen vollen Humpen Ale vor einen Mann mit grobschlächtigem Gesicht, der auf seinem Stuhl zusammengesackt war. Er nahm den Krug und trank ihn in einem Zug aus. Sie entfernte sich. Ihre Ohren dröhnten vom Lärm lauter Stimmen, rauen Gelächters und dem Krachen einer Faust, die auf den Tresen geschmettert wurde. Der Schmerz schlug seine Krallen in ihren Kopf und ihren Rücken.

Nur noch eine Stunde.

Am nächsten Tisch begrapschte ein Mann eine flittchenhaft gekleidete Frau, die auf seinem Schoß saß. Sie blinzelte mit rußgeschwärzten Wimpern misstrauisch zu Jenny auf, wandte ihre Aufmerksamkeit jedoch sogleich wieder ihrem Freier und dem Gin zu, den Jenny vor sie hingestellt hatte.

Mit leerem Tablett hastete Jenny unter der niedrigen Balkendecke an den lang gestreckten Eichenholztresen zurück. Die Gäste saßen auf Stühlen vor der hohen Theke und hielten sich an halb leeren Gläsern fest. Die hier saßen, waren nicht um der Fröhlichkeit und Geselligkeit willen gekommen und hatten auch kein Interesse an ihr. Sie waren hier, um ihre Sucht zu befriedigen, dann gingen sie wieder. Anders verhielt es sich mit den Männern an den Tischen.

Mr Chadband, der Inhaber des Drei Könige, stand hinter der Theke und befüllte Bierkrüge. Sein vorgewölbter Bauch drohte die Knöpfe seiner Weste zu sprengen. Erst auf den zweiten Blick fiel auf, dass es sich gar nicht um Knöpfe handelte, sondern um Zähne. Jeder einzelne, so pflegte er zu prahlen, hatte einst einem Mann gehört, mit dem er gekämpft und den er besiegt hatte. Wenn Jenny die gelblichen Anhängsel sah, überlief sie jedes Mal ein Schauer.

»Was is’ los, Mädel?« Mr Chadband schob einem Mann in ausgebleichtem Mantel einen Krug zu, randvoll mit schäumendem Bier. »Jetzt fängt’s erst richtig an.« In seinen hinterlistigen Schweinsäuglein flackerte die Ungeduld. »Komm schon, weiter geht’s.«

Jenny zog den Kopf ein und eilte den neuen Gästen entgegen. Zwei Männer hatten sich an einen Ecktisch gesetzt. Als sie zu ihnen trat, lachten sie grölend auf. Das Tablett unter dem Arm, blieb sie vor ihrem Tisch stehen.

»Was darf’s denn sein, meine Herren?«, fragte sie bemüht geschäftsmäßig.

»Tja – schau’n wir mal.« Der Mann, der ihr am nächsten saß, kratzte sich das stoppelige Kinn. »Ich nehme ein Pint Ale. Es sei denn, du bist auch im Angebot, Süße.« Er grinste sie anzüglich an.

Sie ignorierte ihn und wandte sich an seinen Begleiter. »Und für Sie?«

Der Mann musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Die is’ nicht sehr freundlich, was, Bill?«

Sie tat so, als hätte sie nichts gehört, und sah starr über ihre Köpfe hinweg.

Mama wird bald zu Hause sein, mein Schatz.

»Nee, wirklich nich’.« Der erste Mann schüttelte lachend den Kopf. »Er nimmt auch ein Bier, Süße.«

Sie wirbelte herum und eilte zur Bar hinter die Theke und füllte zwei Krüge. Zischend lief die Flüssigkeit in die angeschlagenen Gefäße. Inzwischen stieg ihr bei dem Hefegeruch nicht mehr die bittere Galle hoch, doch als die Krüge bis zum Rand gefüllt waren, zitterten ihre Hände.

Das Tablett auf einer Hand balancierend, schlängelte sie sich durch die Tische. Eine Stimme lallte ein obszönes Lied. Das Quietschen der Tür kündigte einen neuen Gast an.

Als sie die Krüge auf den Tisch stellte, spürte sie förmlich die gierigen Blicke der Männer. Sie atmete zitternd ein. Den Blick fest auf den schmutzigen Boden gerichtet, drehte sie sich um. Ein heftiger Zug an ihren Schürzenbändern riss sie zurück. Das leere Tablett fiel klappernd zu Boden. Sie wirbelte herum.

»Lassen Sie mich los.« Diesmal sah sie Bill direkt in die Augen. Ihr Haar bauschte sich um ihre heißen Wangen.

»Hör’ mal zu, Missy.« Sein Arm legte sich um ihre Taille. »Ich zahl’ hier nicht gutes Geld dafür, dass du mir die kalte Schulter zeigst.«

»Sie haben für Ihr Getränk bezahlt.« Ihre Stimme zitterte nicht; sie hatte gelernt, sie unter Kontrolle zu halten. »Wenn Sie noch etwas anderes wünschen, hole ich es Ihnen gern. Ansonsten habe ich noch andere Gäste zu bedienen.«

Der andere Mann lehnte sich lachend zurück. »Nee, was sind wir hochnäsig! Bitte tausendmal um Verzeihung, Gnädigste.« Er machte eine weit ausholende, affektierte Handbewegung. »Bill hier hat einfach keine Kinderstube. Hat nie gelernt, wie man das schöne Geschlecht behandelt.« Beim Lachen entblößte er schwarzfleckige Zähne. »Ich übrigens auch nich’.«

Bill verstärkte seinen Griff. Ungepflegte Fingernägel gruben sich in ihr Handgelenk. Sie unterdrückte ein Aufstöhnen. »Wenn Sie mich nicht loslassen, wird Mr Chadband Sie beide hinauswerfen. Und ich würde nicht darauf wetten, dass dann noch alle Ihre Glieder intakt sind.«

»Ach nee – was du nich’ sagst!«, schnaubte Bill.

»Ja.« Sie sah ihn noch immer unverwandt an und wartete darauf, dass sein Griff sich lockerte, wenn auch nur ganz leicht, sodass sie sich losreißen konnte. »Das sage ich.«

»Das is’ aber kein freundlicher Ort hier, Tom. Vielleicht sollten wir unsere Geschäfte wo abwickeln, wo wir mehr geschätzt werden.« Er ließ sie los.

Ihr Handgelenk schmerzte. Mit zitternden Beinen bückte sie sich, um das Tablett aufzuheben. Hinter ihr erklangen Schritte. Etwas streifte sie. Eine Hand. Sie richtete sich hastig auf. Die beiden Männer gingen an ihr vorbei zur Tür, lachend. Bill sah sich noch einmal um und winkte ihr zu.

Die Tür wurde zugeschlagen. Sie presste das Tablett an ihre Brust und starrte den beiden nach. Noch immer spürte sie die Berührung der Hand. Plötzlich hatte sie das überwältigende Verlangen, sich am ganzen Körper abzuschrubben.

Wie schon einmal, als die Hand eines anderen Mannes sie beschmutzt hatte. Seine Hände waren sauber gewesen, manikürt, am kleinen Finger trug er einen Siegelring und er duftete nach Bergamotte. An jenem Tag hatte er ihr nicht geschmeichelt und auch nicht mehr versucht, sein wahres Gesicht hinter einer freundlichen Maske zu verstecken. An jenem Tag hatte er kein Wort gesprochen. Der Blick, der in seinen Augen lag, als er sie in dem leeren Schulzimmer in die Ecke gedrängt hatte …

»Was hast du, Mädel?«, rief Mr Chadband. »Die Gäste warten.«

Sie holte tief Luft und versuchte, das Zittern, das sie befallen hatte, unter Kontrolle zu bekommen. Dann ging sie zu dem Tisch der Neuankömmlinge. Sie konnte es sich nicht leisten, die Beherrschung zu verlieren. Was sie zu den Männern gesagt hatte, stimmte nicht. Mr Chadband würde nichts für sie tun, das hatte er zur Bedingung gemacht, als er sie eingestellt hatte. Sie musste schwer arbeiten und durfte ihm keine Schwierigkeiten machen. In den Monaten, seit sie hier angefangen hatte, hatte sie sich ein dickeres Fell zugelegt, als sie je für möglich gehalten hätte. Dreckige Witze und derbe Andeutungen konnten den Schutzwall, den sie um sich herum errichtet hatte, nicht mehr durchdringen.

Doch Begegnungen mit Männern wie Bill waren eine schmerzliche Erinnerung daran, wie verletzlich sie in Wirklichkeit war. Und immer sein würde.

Sie ging zu dem Tisch, ohne die neuen Gäste richtig anzusehen. Sie brauchte ihre Gesichter nicht zu sehen, um die Bestellungen aufzunehmen.

»Was wünschen Sie, Sir?«

Denk an die Wärme in meinen Armen …

»Ein Pint Gin.«

Ich kann die Worte und Blicke der Menschen vergessen.

»Sofort, Sir.«

Denk nur an sie, dann kann ich alles ertragen.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Kapitel 2

Jede Faser seines Wesens dürstete nach Luft, die nicht nach Staub und Vergangenheit roch.

Die Uhren schlugen Mitternacht. Dwight schloss die Tür des Stadthauses hinter sich ab und trat hinaus in die Dunkelheit. In der ersten Nacht in London war er im Haus geblieben, hatte auf die Geräusche der Stadt gelauscht und auf den Schlaf gewartet, der nicht kommen wollte. In Yorkshire waren die spätabendlichen Spaziergänge seine Rettung gewesen. Wenn er länger als ein oder zwei Tage hier in London bleiben wollte, brauchte er Schlaf, sonst würde er krank werden.

Seine Schritte hallten auf dem Pflaster, während er die Straße entlangging. Sein Mantel bauschte sich im Wind. In Yorkshire roch die Luft nach dem scharfen, erdigen Wind, der über das Moor strich. In London war jeder Atemzug schwer von Rauch und Ruß. Es war das erste Mal, dass er das so deutlich spürte.

Obwohl die Stadt nie wirklich zur Ruhe kam, umfing ihn eine Art Stille. Er hatte kein Ziel, ihn trieb nur das Bedürfnis, der Enge eines Ortes zu entkommen, der ihn ständig an die Vergangenheit erinnerte.

Zu seinen beiden Seiten schliefen die Häuser von Mayfair, bleiche Fassaden, in Mondlicht getaucht. Ihre prachtvoll ausgestatteten Räume waren unbewohnt, denn zu dieser Jahreszeit hatten ihre Besitzer die Stadt verlassen und hielten sich auf ihren Landsitzen auf. Die meisten Häuser kannte er, er erinnerte sich an die Bälle und Dinnerabende, die er dort erlebt hatte, die Tänze mit den heiratsfähigen jungen Damen unter glitzernden Kronleuchtern, den schweren Wein, das gedämpfte Lachen, den ungeniert zur Schau getragenen Luxus.

Und Louisa. Immer Louisa.

Er biss die Zähne zusammen.

Verflucht wollte er sein, wenn er sich von den Gedanken an sie einmal mehr in den bodenlosen Sumpf der Schwermut ziehen ließ.

Er ging schneller, hastete mit langen Schritten über das vom Regen glänzende Kopfsteinpflaster, ließ Mayfair hinter sich. Die Zeit verstrich. Das trübe Glimmen der Straßenlaternen konnte die Dunkelheit nicht durchdringen. Nebelschwaden umwaberten ihn. Langsam veränderten sich die Straßen, die er entlangging: Die verwöhnte Eleganz verwandelte sich in Armut und Not, nur schwach überlagert von billiger Protzerei.

Covent Garden. Als junger Bursche hatte er viele Aufführungen in den Theatern besucht. Korinthische Säulen bewachten die Eingänge, die einen Abend der Verzauberung und des Entzückens versprachen. Doch jetzt, um diese Stunde, war alles kalt und leer. In den Hauseingängen lungerten Bettler. Hinter ihren leeren Blicken lauerte eine wilde Verzweiflung, die nicht zögern würde, sich schwächere Opfer zu suchen.

Im Schatten der Häuser standen spärlich bekleidete Frauen mit rot geschminkten Wangen. Die grellfarbigen Fetzen, die sie trugen, verkündeten überlaut, dass sie käuflich waren. Als er vorüberging, keuchte eine der Frauen bei seinem Anblick auf und sprang mit einem leisen Schrei zurück.

Die Angst in ihren Augen brannte sich in seinen Rücken, als er weiterging.

Die nebelgeschwängerte Luft war erfüllt von den Gerüchen nach billigem Fusel, menschlichen und tierischen Exkrementen und faulendem Abfall. An einer Hauswand übergab sich ein Betrunkener. Dwight ging weiter.

Er hatte seinen Spaziergang in einem wahren Olymp begonnen, doch jetzt befand er sich im Herzen eines Infernos, das selbst Dante noch hätte inspirieren können. Er hatte keine Angst um sich selbst. Seine Fähigkeiten im Umgang mit der Pistole, die er bei sich trug, beschützten ihn. Doch was war mit denen, die gezwungen waren, ihren Lebensunterhalt an einem solchen Ort zu verdienen? Die jeden Tag ertragen mussten, dass die Bedauernswertesten und am meisten Verachteten der Gesellschaft sich in ihren Hauseingängen zusammenkauerten?

Hatte er in der langen Zeit, die er in London gelebt hatte, jemals über diese Dinge nachgedacht?

Nein. Nie. Bei dem Gedanken stieg die Übelkeit wie ein Schwall in ihm auf.

In der Ferne schlug eine traurige Glocke ein Uhr.

Er sollte umkehren. Zurückgehen in die eisige Einsamkeit seines Stadthauses, wo nur eine weitere schlaflose Nacht auf ihn wartete. Die Sachen, die er mit nach Yorkshire nehmen wollte, waren ausgesucht und eingepackt. Ein Bündel Briefe in der Handschrift seiner Mutter, zusammengehalten von einem lavendelfarbenen Band. Ihr Porträt. Ein aufklappbarer Reisesekretär, der seinem Großvater gehört hatte.

Alles andere sollte nun zusammen mit dem Haus bei einer Auktion versteigert werden. Es blieben nur noch wenige Zimmer durchzusehen, das würde er bis morgen Abend schaffen. Am darauffolgenden Tag konnte er dann bereits auf dem Rückweg nach Yorkshire sein. Sein Anwalt würde den Verkauf organisieren.

Dwight drehte sich auf dem Absatz um und ging den Weg zurück, den er gekommen war.

Plötzlich zerriss ein Schrei die Dunkelheit.

Den Schal fest um die Schultern geschlungen, hastete Jenny durch die Tür des Pubs in die Nacht hinaus. Ihre Schuhe rutschten über die glitschigen Pflastersteine. Wieder war ein Arbeitsabend überstanden. Wenn doch nur die Münzen, die sie in ihr Taschentuch gewickelt hatte, ihnen ein wenig mehr als das Allernötigste, das sie zum Überleben brauchten, sichern würden! Sie hatte sich, als sie zur Arbeit ins Drei Könige gegangen war, wie immer mit einem Kuss von Anna verabschiedet. Die Haut ihrer neun Monate alten Tochter hatte sich so warm unter ihren Lippen angefühlt! Sie betete, dass es kein Fieber war und dass Anna, wenn sie jetzt zurückkam, friedlich schlief.

Die Kälte schmerzte in ihren Lungen bei jedem Atemzug. Jetzt war sie am Ende der Straße angelangt. Im trüben Licht einer Straßenlaterne zeichneten sich die Gestalten zweier Männer ab. Sie zog den Schal fester und ging schneller, mit gesenktem Kopf.

»Na, wenn das mal nich’ unsre Miss Hochnäsig is’!«

Ihr Herz stockte. Sie blickte auf. Die beiden Männer, die sie im Drei Könige belästigt hatten, standen nur einen Schritt von ihr entfernt, Schulter an Schulter, und verstellten ihr den Weg.

Sie wirbelte herum, raffte ihren Rock zusammen und rannte los. Schwere Schritte verfolgten sie. Wieder rutschte sie über die glatten Steine. Ein eiserner Griff packte ihren Arm und riss sie zurück wie eine Stoffpuppe.

»Wir ham auf dich gewartet.« Das Licht warf schwankende Schatten auf sein Bulldoggengesicht. Der Gestank nach Schweiß und der ekelerregende Geruch nach Opium drehten ihr den Magen um. Verzweifelt wehrte sie sich gegen den eisernen Griff. Seine muskulösen Arme hielten sie fest und pressten sie an seinen Leib.

Ein gelbzahniges, anzügliches Grinsen kräuselte die Lippen des Mannes. »Wir ham gemerkt, dass du keine Manieren has’, und dachten, die bringen wir dir mal ’n bisschen bei. Nich’, Bill?«

Sie sah sich verzweifelt um, das Entsetzen schmeckte wie Galle in ihrem Mund. Niemand würde ihr zu Hilfe kommen, nicht um diese Stunde, in diesem Teil der Stadt. Sie hatte keine Wahl, sie musste kämpfen.

Gott, hilf mir.

Wie hilflos schien das Gebet.