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Um an einem großen Roman zu arbeiten, hat sich ein junger Dichter im Winter 1930/31 in einem Untermietzimmer einquartiert. ›Erst schreiben. Danach leben‹ lautet sein Vorsatz, nur fordert eben das ›leben‹ rücksichtslos Beachtung. One-Night-Stands verschaffen nur flüchtige Ruhe vor den täglichen Anfechtungen, bei denen sadistische Fantasien ebenso eine Rolle spielen wie Erinnerungen an die schwulen Affären im sibirischen Kriegsgefangenenlager. Als er eines Tags im Restaurant in einem jungen Geigenschüler die Wiedergeburt des Geliebten aus dem Lager erblickt, ist an ›schreiben‹ nicht mehr zu denken und sein Leben, das die Hausmeisterin schon seit seinem Einzug argwöhnisch beobachtet, gerät völlig in Unordnung. Wer ein wenig mit dem großen österreichischen Dichter Heimito von Doderer vertraut ist, könnte meinen, hier wäre eine Episode aus dessen Leben geschildert. Tatsächlich hat sich der Autor, leidenschaftlicher Doderer-Fan, von dessen Biografie und Werk anregen lassen, die Figur des jungen Dichters hier ist jedoch nichts als literarische Erfindung.
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2024
RUDOLPH J. WOJTA, in Wien geboren, begann nach abgebrochenem Germanistik-Studium Kurzgeschichten in deutschen und österreichischen Medien zu publizieren. Ab 1975 war er mit Unterbrechungen bis zu deren Einstellung 1996 Kulturredakteur der ›Wochenpresse‹ und ist seither als freier Schriftsteller tätig.
Rudolph J. Wojta
Roman Klingenberg
In dankbarer Erinnerung an Klaus/Gloria
Einquartierung
Kinderzimmer
Ferne Fenster
Gerüche im Haus
Anna und Eduard Putz
Untermieter
Die Hausgemeinschaft
Wirtshäuser
Primum vivere
Der Hofmeister
Rendezvous im Park
Aurelian
Die Procedur
Der Unfall
In den Keller
Im Fadenkreuz
Frittatensuppe
Das Drachenei
Hühnersuppe
Sibirien
»Erst kämpft man gegen Drachen,dann wird man selber einer«
Am Tag aller Heiligen, als er in der Pfarrwiesengasse eingezogen war, hatte er nach den Unbekömmlichkeiten der zurückliegenden Monate noch einen tröstlich stillen und arbeitssamen Winter vor sich gesehen. Das Zimmer, das ihm eine Frau Grete Faber gegen mäßige Miete zu überlassen anbot, war das dritte in einer Flucht womöglich noch vor ihm liegender, und wie die beiden verlassenen lag auch dieses draußen in der Gartenvorstadt, dort, wo der Neunzehnte Bezirk sich anschickt, in die Weinberge und Hügel des Wienerwaldes verloren zu gehen.
Frau Faber, seine Zimmerwirtin in spe, die im Lehmann, dem Adressbuch Wiens, als ›Privatbeamtin‹ ausgewiesen war, hatte er schon bei der ersten Besichtigung wissen lassen, dass er hier zwar vorwiegend der Arbeit gedeihliche Ruhe suche, wohl aber auch Besuche empfangen wolle, beiderlei Geschlechts. Die Faber hatte dagegen nichts einzuwenden gehabt, überhaupt war sie ohne irgendwelchen Überschwang, der argwöhnisch hätte machen können, sehr entgegenkommend, wie er das schätzte, wie es aber selten vorkam. Seine Erfahrungen diesbezüglich waren reich, denn selbstverständlich war weder das Zimmer bei Müllers noch jenes bei der Witwe Lebert auf Anhieb gefunden worden. »Sie sollten wissen, dass Sie hier in ein hochmoralisches Haus einziehen«, war beispielsweise einer reiferen Dame Belehrung gewesen, die ihn sofort vertrieben hatte, obwohl das Zimmer und die Lage des Hauses abseits der Straße in einem großen Garten überaus verlockend gewesen waren.
Die Faber war in diesem Punkte ohne erklärte Position, und sie schien ihm auch keine zu sein, die an der Türe lauschen oder gar durchs Schlüsselloch spähen würde, wenn er Besuch empfing. Vermutlich war sie erotisch andernorts ausreichend alimentiert, sodass Neid auf eventuelle Sittenlosigkeit eines Untermieters nicht auf kommen konnte. Auch hatte sie keinen Hund, der jedes späte Heimkommen melden würde oder den er – es war ihm zugemutet worden – äußerln hätte führen müssen; aus Gefälligkeit im Gegenzug zu der aus Gefälligkeit gestatteten Benützung des Telephons, das üblicherweise im Vorzimmer an der Wand hing, wodurch jedes Gespräch öffentlich war. Denn die Glastüren, die einem Vorzimmer nur mageres Licht gewährten, ließen jedes Wort klar und deutlich in den angrenzenden Salon dringen, wo etwa eine Frau Oberst offenen Ohres ihre Patiencen zu legen pflegte, wie er bei der Besichtigung eines bereits näher ins Auge gefassten Quartiers enttäuscht hatte feststellen müssen.
Hier war dies anders. Über die praktischen Aspekte hinaus – kein Glas in den Türen zum Vorzimmer – fühlte er bei seiner neuen Zimmerwirtin einen nicht häufig anzutreffenden auratischen Einklang zwischen ihrem Wesen und ihrem Namen. Er war diesbezüglich geradezu grotesk empfindlich und hatte, weil er meinte, dessen Namen stehe in grobem Widerspruch zur Person, beispielsweise einen hervorragenden Dentisten für einen weitaus weniger renommierten aufgegeben, bei dem jedoch Habitus und Name in keiner ihm Ekel erregender Diskrepanz standen. Dergestalt hatte sich schon beim ersten Betreten der Faber’schen Behausung das behagliche Gefühl eingestellt, hier müsse Großes gelingen.
Die Wohnung war keine, deren Fenster in der noblen Front zur Straße hin saßen, nach Norden diesfalls, sondern hier ging der Blick südwärts in Grünes. Luftig war es da, ganz anders als im Dritten, wo das Elternhaus stand; und war es schon an der Ecke der noblen Reithlegasse mit ihren Vorgärten und dann bei Lebert am Fuß der Scheibengasse noch neu für ihn gewesen, so nah am Grün, an den Hügeln und Gärten zu wohnen, so empfand er nun die zwar spätherbstlich abgemagerte Natur ringsum, die in die Gassen eingriff mit Kastanien, als die seinem Wesen einzig entsprechende, mit reichlich Grün durchwachsene Umgebung. ›Tropfende Vorgärten, im Regen nickende Büsche‹ und ›dunkle Gärten an den nächtlichen Lehnen, darinnen die Häuser versteckt‹, sollte er im Tagebuch notieren.
Die Bebauung war vielfach noch ebenerdig, überall ragten jedoch großstädtische Wohnhäuser aus der flach giebelnden, durchgrünten Landschaft auf. Aber noch führten wenige Schritte in die Weinberge. Hauerhäuser auch hier an der Grenze zu den Rieden, die Zehenthofgasse hinauf, die dort oben Sackgasse war, in einen Fußweg mündend, der auf den Hungerberg führte, unter dem die neue Wohngegend sich dem Blicke darbot.
Der Dächertumult der Stadt, wie er ihn aus der Gegend des Elternhauses kannte, war schon in der Hauptstraße, als er bei Müllers gewohnt hatte, kraftlos gewesen und hier nun völlig gebrochen von viel Ebenerdigem; so standen die einzelnen Zähne der Neubauten als Vorhut von Zukünftigem da und nicht wie in alten Kiefern als Relikte besserer Tage.
Sein magisch empfundenes Zimmer selbst war blau, hellblau, mit einem Muster in Seidenglanz überrollt und hatte einen eigenen, kleinen, Loggia-artigen Balkon, wo an der Grundstücksgrenze die Züge der Vorortelinie in ihrer Schlucht dahinfauchten. Die Sonne, obwohl flach im Winter, drang durch die vorgelagerte Loggia nicht weit ins Zimmer, aber er dachte sich das Zimmer sommerlich, vor direktem Sonnenstrahl geschützt, strahlend in seiner Bläue, die nun winterlich stumpf an den Wänden hing, was das Höhlenhafte des Raumes betonte.
An Möbeln war vorhanden, was er brauchte. Ein Bett mit Nachttisch, ein Kleiderkasten, ein für Bücher geeignetes Regal, das sonst wohl Nippes trug, zwei kleine Fauteuils mit einem niederen Tischchen und ein Schreibtisch, an dem er ein gewaltiges Romanwerk voranzutreiben sich vorgenommen hatte. Der Schreibtisch war klein, ein Damenschreibtisch, wie ihn seine Zimmerwirtin benutzt hätte, wäre sie nicht an ihrem Arbeitsplatz wochentagtäglich an einem Schreibtisch gesessen. Die Lyrikerin nebenan – er hatte auch sie im Lehmann nachgeschlagen –, die zudem Klavier unterrichtete und Fenster zur Pfarrwiesengasse hinaus hatte, mochte auch ein derartiges Möbel benutzen, denn Lyrik braucht nicht viel Platz. Dass er, der nur gelegentlich ins Lyrische abdriftende Epiker, mit solch bescheidener Arbeitsfläche auskam, verwunderte manchen seiner Besucher, da er aber aus dem Kopfe niederschrieb und nicht aus gesammeltem Material, das aufzutürmen ein ausgedehnteres Möbel gebraucht hätte, bedurfte er keiner größeren Arbeitsfläche.
Über dem Arbeitsplatz, an dem er sich kasteiend zu schaffen fest entschlossen war, hatte er mit Reißnägeln zwei Imperative an die Wand geheftet: die Mahnung ›Es wird um sauberes Manuskript gebeten!‹ und ›Primum scribere. Deinde vivere.‹
Ungewöhnlich am Zimmer war einzig eine mäßig umfängliche Säule, die – von einem mit phantastischen Blumen bemalten Paravent umstellt – mitten im Zimmer aufragte. Die Erklärung, die Frau Faber gegeben hatte, klang einleuchtend. Der Ing. Dr. tech. Dederle, der die Räumlichkeiten vor ihr bewohnt hatte, dann aber in den ersten Stock umgezogen war, hatte – da der Maler und Bildhauer im Atelier darüber mit Marmorblöcken und schweren Tonklumpen hantierte – diese Stütze errichten lassen, weil die Gattin sich sorgte, die Decke des Kinderzimmers könnte herabstürzen und den nach Jahren mühsam bewerkstelligten Nachwuchs (den einer technischen Lauf bahn zugedachten Sohn Friedrich, der dann freilich Arzt wurde) erschlagen.
Da Frau Faber das Zimmer selbst nie benutzt hatte, blieb die Dederle’sche Stütze stets der Duldung der Untermieter überlassen, von denen einer, ein Kunststudent, den glatten Pfosten mit eben jenem bunt bemalten Paravent verhüllt hatte. Mochten andere Aspiranten auf das licht blaue Zimmer der Grete Faber sich an dem sich so aufdringlich mitten im Raum behauptenden Fremdkörper gestoßen und auf einen Einzug verzichtet haben, er, der Abkömmling von Ingenieuren, war bereit, die schlanke Säule als das zu nehmen, was sie war, nämlich vorhanden. Unschlüssig war er freilich, was den Paravent anging, der die Säule schulterhoch dreiteilig umstand und beidseitig mit Blumen bemalt war, auf schwarzem Grund, hemmungslos farbenfroh, ohne aber, dass sich die Blüten irgendwelchen existierenden Pflanzen hätten zuordnen lassen.
Ihr Geschmack sei das nicht, hatte die Faber bei der Besichtigung des Zimmers kundgetan, sie habe das Ding von jenem Kunststudenten an Zahlung statt übernommen, unfroh und letztlich nur, um den geldknappen Kerl endlich loszuwerden. Falls der Paravent ihn störe, würde sie das sonderbare Möbel entfernen. Er beschloss jedoch, sich an die ahnungslos vielfarbig wuchernde Umarmung der Säule zu gewöhnen. Denn, wie er wusste, ein Zimmerwechsel war kein Sesshaftwerden, wie es in eigener neuer Behausung der Fall wäre, sondern ein nolens volens Hineinwachsen in die Bedrängnisse des Vorhandenen. Die neue Umgebung biegt sich den Eindringling erbarmungslos zurecht. So auch die Säule mit ihrer gefälligen Verkleidung.
Sein Umzugsgut entsprach beiläufig dem, was ein Handlungsreisender an persönlichem Gepäck und Musterkoffern mitzuführen gewohnt war. Kargheit, nur zu verständlich, angesichts seines Vagabundierens zwischen winterlichen Wiener Unterkünften und dem Landsitz der Eltern, wo er den Sommer über recht heilsam für sein Portemonnaie parasitierte. Seine Quartiere, im Herbste oder späten Herbste bezogen, waren stets überwölbt von einer zu Winterschlaf sich rüstenden Natur. Der Blätterfall ward im Journal notiert: ›Draußen ist das Gold der Bäume gesunken‹, und im Gehäuse herrschte trappistische Einengung auf sich selbst, wie sie ihm die sibirische Gefangenschaft ermöglicht hatte, wo der Schriftsteller geboren worden war, der sich seither unerfüllt nach dem von Alltagspflichten freien Elysium der Lager sehnte.
Zwar war das Zimmer mit seinen Möbeln viel zu damenhaft verspielt, als dass es als Mönchszelle durchgegangen wäre, zugleich aber doch so sehr aufs unbedingt Erforderliche beschränkt, dass niemand es sich als Kulisse geselliger Ausschreitungen vorgestellt haben würde. Insgesamt entsprach es profund dem an der Wand über dem Schreibtisch prangenden Motto vom Leben, das sich dem Schreiben unterzuordnen habe. Es würde – wie im Tagebuch als Vorsatz schriftlich gefestigt – ein stiller und emsiger Winter werden.
Mit dem erst schreiben und dann leben war es ihm durchaus ernst, und es diente diese Beschränkung des Daseins letztlich auch als Rechtfertigung seiner räumlichen Trennung von der Gemahlin, was sich in einem amtlichen ›Gattin separat gemeldet‹ auf dem Meldezettel manifestierte; und als hätte dieser Zustand fortwährender Bestätigung bedurft, lag der hellblaue ›Meldezettel für Unterparteien‹ mit der erlösenden Notiz des Beamten noch eine Zeitlang auf dem Schreibtisch.
Die Meldelücke vom 11. August, als er bei der Witwe Lebert ausgezogen war, bis zum 29. Oktober, dem Tag seiner amtlichen Meldung hierorts, hatte der Beamte nicht dulden können, weshalb er in spitzem Kurrent anmerkte: ›Derselbe war in der Zwischenzeit in der Provinz und hat vergessen, dies anzuführen.‹ Das Feld ›Kinder unter 18 Jahren‹ blieb leer.
Das alles entging seiner Wahrnehmung, woran sein Blick einzig haftete, war nur dieses ›separat‹, und nachdem er es offenbar eine Weile genossen hatte, als Vergewisserung seines gegenwärtigen Lebensumstandes, legte er den Meldezettel in die Lade, da dieser erst wieder gebraucht würde, wenn er von hier fortzog; zunächst wohl an den Fuß des Semmering und im Herbste weiter, wohin war vorläufig nicht abzusehen. Damit verschwand zwar dieses beglückende Dokument der Befreiung, nicht aber auch das schale Gefühl, ein Schuft zu sein.
Zu tief, erkannte er, war er in Schablonen bürgerlicher Gediegenheit hineingezogen worden und drohte nun vollends darin aufzugehen, da er nach bald zehn Jahren seine mehrfachen Eheversprechen eingelöst hatte. Weniger aus Neigung, sondern, wie der Wiener sagt, ›damit amoi a Ruah is‹. Und die Mutter der Gattin musste nun den Mund halten, was sie bisher kaum getan hatte.
Zwar waren die beiden fort vom Standesamt jeder seiner Wege gegangen, und daran hatte sich – ›Gattin separat gemeldet‹ – seither nichts geändert; dennoch stand ihm jetzt, kaum ein halbes Jahr nach der Trauung, als Lösung aller Probleme nur eine Scheidung als einzig gangbarer Weg vor Augen.
Der vielschnörkelige Bau, den ein Unwissender für ein protzig fassadiertes Zinshaus halten musste und nicht für die Residenz eines vielfachen Millionärs und dessen Familie, hatte dem Kind einigermaßen Geborgenheit geboten. So schaukelte das helle Kinderzimmer immer noch weiß lackglänzend als rettende Arche vor den Widrigkeiten des Alltags durch die Erinnerungen an die frühen Jahre, aus denen, phantastisch neu geformt, zahllose Kinderzimmer vieler Träume geboren wurden. Für den aus Sibirien heimgekehrten späten Studenten war das Zimmer hingegen acht Jahre lang der tagtägliche Beweis, dass er unfähig war, auf eigenen Beinen zu stehen.
Vater, Mutter, Bruder, notierte er im Tagebuch, das sollte behaglich sein – war es aber nicht. Nur wenn der Vater sich bei einer seiner Großbaustellen auf hielt, ohne die Familie mitzunehmen, wie er das beim Bau der Wiental-Dämme noch getan hatte, hellte das Hauswesen deutlich auf. Und was den Bruder anging, war neben den Hunzungen, die er von diesem zu erdulden hatte, sonderbar tief in der Erinnerung verankert, dass er in der Badewanne niemals Schiffe gehabt hatte, wie sein Bruder, sondern immer nur Schwimmtiere; Wassergeflügel und Fische, die ganz gegen ihre Art auch an der Oberfläche schwammen wie die Enten, Schwäne und Gänse.
Die Unbehaglichkeit des erwachsenen Wohnens im Elternhaus rührte vom gewaltigen Schatten des Vaters, der vom Beruf, den der Jüngste sich gewählt hatte, nichts hielt. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Künstler in der Familie ausreichend zu unterstützen, denn die Eltern waren vermögend. Zwölf Millionen Kronen war des Vaters Vermögen vor Sarajevo gewesen – nicht viel, verglichen mit Rothschild, der dem schwarzgelben Fiskus das Doppelte als Jahreseinkommen melden konnte. Das meiste davon, aber bei weitem nicht genug, um nun darben zu müssen, hatte sich in Kriegsanleihen verflüchtigt. Auch das Einkommen, im Jahr von Luegers Tod noch mehr als hundertdreißigtausend Kronen, war nach dem Untergang der alten Welt geschrumpft, reichte aber allemal noch, um sorglos ein standesgemäßes Leben zu führen, wie es sich für ein Vorstandsmitglied der ›Creditanstalt‹ gehörte.
Schlimmer als die Gicht, die den zu bestimmen gewohnten Mann unentwegt der Hilfe anderer auslieferte, plagte den angeschlagenen Patriarchen die zwanghafte Vorstellung, zu verarmen. Dementsprechend mühsam war es, ihm Zuwendungen abzuringen, und wäre nicht der Mutter Hand wie stets zuvor weit geöffnet geblieben, es wäre ihrem Liebling schwer gewesen, zu überleben: mit Ansprüchen, die in Kindheit und Jugend in einem Hauswesen gewachsen waren, in dem Geld keine Rolle spielte.
Es schien, als würde der Vater Unterstützung nur verweigern, um – rechthaberisch wie immer – zu beweisen, wie brotlos die Schriftstellerei war, der sein Jüngster sich verschrieben hatte. Und zwar, wie dem Alten tief innen undeutlich dämmerte, auch aus Trotz, sodass väterliche Härte geradezu gefordert war. Anderseits aber, was wog denn ein Gedichtband für einen, der Flüsse gebändigt und Eisenbahnen den Weg über schroffes Gebirge gelegt hatte? Und auch Prosa, wie der kleine, andeutungsweise skandalöse Roman des Sohnes, konnte einem Mann, der an der größten Bank des Landes beteiligt war, in deren Vorstand saß und Bilanzen zu lesen verstand, keine Anfälle von Großzügigkeit verursachen.
So hatte sich der junge Dichter von seinem vierundzwanzigsten bis zum zweiunddreißigsten Lebensjahr durch diese Abhängigkeit geschleppt. Erst nach dem Sommer Achtundzwanzig gelang die Flucht aus dem elterlichen Hause, dieser Gruft des vergangenen Jahrhunderts, ans möglichst weit entfernte andere Ende der Stadt. Und es graute ihm davor, die Eltern zu besuchen. ›Man wird wie in einer warmen Gruft dunkel-weich begraben sein, wenn sie da beim Kaffee sitzen‹, stand im Journal.
Anders als das Einnisten in einem Winterzimmer, das stets Anpassung forderte, war der Wechsel hinaus aufs Land, in den ›Sommerhof‹, in dem jeder Winkel seit der Kindheit bekannt und vertraut war, und ins gewohnte Zimmer unter dem Dach jedesmal Heimkehr; eine andere freilich als jene im August Zwanzig, als er, ausgezogen in einen Krieg für den Kaiser, in eine Republik zurückgekehrt war aus vierjähriger sibirischer Gefangenschaft.
Hier war alles wie immer: unverändert die enttäuschte Feindseligkeit des Vaters, wie immer groß das Herz der Mutter, die Geschwister, allesamt älter als er, selten zu Besuch. Unverloren auch der Geruch des Hauses nach viel altem Holz, nach ausgestopftem Getier und dem gelegentlich aus der untrigen Küche heraufsteigenden Duft bevorstehender Mahlzeiten. Das Zimmer, auch wenn er nicht da war, täglich mit der Luft über den taufrischen Wiesen und tannenduftig vom Wald herab geflutet, dazu der heimelige Geruch des frisch überzogenen Bettes; alles wie jahrelang erfahren.
