Zerrissenes Zwillingsherz - Patrizia Trafoier - E-Book

Zerrissenes Zwillingsherz E-Book

Patrizia Trafoier

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Beschreibung

Südtirol Ende des 15. Jahrhunderts. Mira und ihr Zwillingsbruder Karl wachsen in Partschins, einem Dorf in der Nähe von Meran, auf. Nach dem Hexenprozess, wo ihre geisteskranke, leibliche Mutter und ihre Ziehmutter, die "Stuaner Geada", vor den Toren Merans verbrannt werden, leben die Kinder bei der Henkersfamilie im spätmittelalterlichen Meran. Dieser Roman erzählt von der grausamen Calvenschlacht, von der schillernden Handelsstadt Venedig und den Anfängen eines neuen Zeitgeistes.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2018

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zerrissenes

2013

Alle Rechte vorbehalten

© by Verlagsanstalt Athesia AG, Bozen

Umschlagfoto: Fotolia.com: © aleshin, © air

Design & Layout: Athesia Verlag

ISBN 9788868390235

www.athesia.com

[email protected]

Patrizia Trafoier

zerrissenes Zwillingsherz

18. MÄRZ 2013

Es ist 7.17 Uhr. Ich sitze in einem überfüllten Kaffee. Mein I-Phone liegt vor mir auf dem Bartresen. Während ich auf meinen Espresso warte, checke ich zum zweiten Mal an diesem frühen Morgen meine Mails. Und in der Tat. Sie haben Post, tönt es mir entgegen.

‚Hab’s geschnallt‘, denke ich.

Ich checke den Betreff und runzle die Stirn: ‚Zum Nachdenken. Für dich. Hab dich lieb.‘

Mein Blick fällt auf den Absender. Zum Sichergehen. Ich möchte mir ja keinen Hacker ins Netz holen. Es scheint ungefährlich. Also öffne ich die Mail.

‚Ein Gedicht?‘ Ich schmunzle.

Aber, nun gut. Ich werde es lesen. Aber nicht hier. Zu unbequem. Ich schnappe mir meinen eben servierten Espresso und verlagere mich samt Jacke, Tasche und I-Phone in den hinteren Teil des Cafés.

‚Hier ist es ruhiger‘.

Ich setze mich auf einen der weich gepolsterten Sessel, lege meine Sachen ab und öffne nochmals die Mail.

Still,

die Zeit

sie weiß es nicht,

wann in Meran

der Tag anbricht …

‚Oooook?‘, denke ich. ‚Schwerer Stoff!‘

Ich atme tief durch und versuche, mich vom hektischen Alltag zu distanzieren, mache Platz für eine andere Sichtweise. Mit einem zufriedenen Lächeln tauche ich schließlich ein, in den Sog aneinandergereihter Wörter, die mir das Tor zu anderen Sphären öffnen sollen …

FLÜSTERLIED

Für dich: Der noble Städte Schein

verbirgt das wahre Sein

in unsrer Zeit

der kleinen Welt,

geprägt von Technik, Schönheit, Geld.

Geblendet vom erträumten Ruhm,

taub dem, was wir uns selbst zuleide tun,

rühmen wir uns unsres Seins, das wir angenommen,

und sind der Wurzeln blind, die stetig leis’ verkommen.

So ist’s an uns

nicht mehr zu sehen

und nicht zu verstehen

der Güter Herkunftsland

und des eignen, inneren Gewand.

Wir sind der Zeit wohl keine Freud

stehen wir zu fragen heut’

dasselbe, wie einst er vor 100 Jahr

so, was wohl in dunkler Zeit geschehen war?

Als Kauze verschiedensten Gemüts zu beschreiben wussten das Wesen edlen Geblüts.

Zu öffnen wagten des Geistes Tür

und zu erreichen suchten des Menschen Kür.

Wir streben nach dem einst’gen Gesinnungsgeist,

der, getrieben von Freiheit und Gerechtigkeit einst,

schönster Ideale zu Beginn,

verschwand. Und mit ihm des Lebens Sinn.

Welchen Weg zu gehen?

Ich weiß es nicht.

Ab vom oberflächlichen Gesicht.

Der Geist erneut soll Früchte tragen.

Der Mensch soll innerstes Träumen wagen.

Doch das Amulett,

das mahnt,

lass nicht zu viel Zeit vergehn,

sonst wirst du letzten Endes

an deinem Ende stehn.

Still,

die Zeit,

sie weiß es nicht,

wann in Meran

der Tag anbricht.

Still, die Zeit sie weiß es nicht, wann in Meran der Tag anbricht.

(Auszug aus dem Flüsterlied)

MERAN, 1914

ER schließt die Augen, atmet tief den Duft des Wassers, diesen erdigen, nassen Geruch. Seine Hände ruhen auf seinen angewinkelten Knien. Der Stein, an den ER sich anlehnt, fühlt sich rau an, und kalt.

ER lauscht dem Rauschen der Passer; dem plätschernden und gurgelnden Geräusch der Wellen und Wasserschnellen, dem durch das Rauschen des Baches kaum vernehmbaren Stranden zarter Wellen auf dunkelgrauem Sand. ER lächelt.

Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolken. Sie sind warm, passend für diese Jahreszeit.

Sie fallen auf seine zarte Gestalt.

Still sitzt ER am Ufer der Passer, alleine.

ER sieht adrett aus, mit seinen schwarzen Lackhalbschuhen und dem mit einem seidigen Gewebe bezogenen Revers seines Frackmantels. Das Schneeweiß seines gestärkten Hemdes blitzt darunter hervor. Über seiner Brust glänzt ein fremd anmutendes Amulett, das von einer goldenen Kette gehalten wird. Geheimnisvoll funkelnd wirft es das Licht der Sonnenstrahlen zurück.

Gedankenverloren greift ER zu seinem Talisman, der ihn hierher zurückgebracht hat, in die Stadt seines Erfolgs. Dessen ist ER sich sicher. Sein Filzzylinder liegt neben ihm, weiß und elegant. Alles so, wie es die letzte Mode vorschreibt. Es wäre ein Fauxpas, nicht nach deren Richtlinien gekleidet zu sein. Zu edel die Besucher dieser Stadt, zu schick das Milieu.

Hier aber traut ER sich, ihn abzulegen. Den Zylinder. Hier darf ER er selbst sein.

Ohne ihn zitierende Zeitungsberichte, ohne das erwartungsvolle Klatschen des Publikums, ohne die verstohlenen Blicke fein gekleideter Damen in eng gebundenen Miederkleidern und mit feinsten Perlenketten, sich kokettierend Luft zufächelnd.

Eigentlich ist es ihm zuwider, dieses elitäre Volk.

Eigentlich ist sie ihm zuwider, diese elitäre Stadt mit ihren Promenaden, diesen wundervollen Promenaden, bepflanzt mit Mandelbäumen und wild duftenden Rosen, diese Stadt mit ihren feinen Damen in edlen Gewändern aus feinster Spitze und breiten Atlasgürteln um die schmale Taille, ihren italienischen Strohhut zurechtrückend, bedacht, den Kranz aus pastellblauen Atlasrosetten nicht ungünstig zu berühren. Gekonnt schwingen sie ihren Spazierstock, dessen edlen Griff antike Smaragde und Perlen zieren.

Elegant haken sie sich ein bei dem noblen Herrn aus gutem Hause, auch er fein gekleidet mit Smoking und Zylinder.

Gemeinsam promenieren sie durch die Stadt, flanieren entlang der Düfte verbreitenden Promenade, die Wandelhalle1hindurch, am eleganten Musikpavillon vorbei.

In der Ferne besticht die schneebedeckte Zielspitze als faszinierendes Gegenstück zu der glamourösen Kulisse der Kuppel mit den tanzenden Musen des neuen, soeben fertiggestellten Kurhauses. Stolze Blicke, blasiertes Gehabe, schwerer Parfumduft, funkelnder Schmuck, Spitzzüngigkeit und falsches Gerede. Wie liebt ER diese Stadt. Wie ist sie ihm zuwider.

ER öffnet die Augen. Es wird Zeit. Langsam erhebt ER sich. ER klopft den klebrig feuchten Sand aus seinem Gewand. Und seufzt. Ganz wird ER Hose und Mantel nicht sauber bekommen. Und erst die Schuhe!

ER entscheidet sich für einen kurzen Spaziergang. Noch für einen Moment die Ruhe vor dem Sturm genießen und ganz nebenbei die Kleidung vom trocknenden Sand befreien.

ER nimmt seinen Zylinder. Setzt ihn auf sein mit dicken glänzenden Haaren gekröntes Haupt. Langsam steigt ER die Böschung empor. Langsam und bedacht. ER möchte die Schuhe nicht noch schmutziger machen, als sie ohnehin schon sind.

Oben angekommen greift ER in seine linke Manteltasche und holt seine weißen Handschuhe heraus. ER klopft sie ein paar Mal gegen seine innere rechte Handfläche, dann zieht ER sie über.

ER blickt nach rechts. ER blickt nach links. Keine Menschenseele zu sehen. ER strafft seinen gestärkten Kragen, rückt den Zylinder in die richtige Position, streckt seine Schultern durch, verschränkt seine Hände auf dem Rücken und… promeniert; das kleine Stück Promenade entlang, durch das Bozner Tor hindurch, die Münzgasse2hinauf bis zur Pfarrkirche.

ER bleibt kurz stehen. Blickt hinüber ins alte heruntergekommene Stadtviertel.

Kein Vergleich zu den herrlichen Promenaden, dem schmucken Theater, dem Kurhaus.

Als wäre dies eine andere Stadt. Als wäre dies eine andere Zeit. Ein Mädchen geht eiligen Schrittes die Gasse hinab. ER schätzt sie um die sechzehn Jahre.

„Sie ist einfach gekleidet. Sie wird wohl auf dem Weg zur Arbeit sein. Vielleicht ist sie als Putzweib in einem der noblen Hotels beschäftigt“, mutmaßt ER.

Schüchtern wirft sie ihm einen verstohlenen Blick zu. ER lächelt, grüßt.

Rasch senkt sie ihren Kopf, huscht lautlos an ihm vorbei. ER setzt seinen Weg fort.

Entlang der Passeirergasse. ER blickt auf einfache, teils zerfallene Mauerfassaden, schmale, geschlossene Fensterläden, verschmutzte Wassergräben.

„Mein Herr, Sie haben sich wohl verlaufen? Zum Kurhaus und dem Theater geht es in die andere Richtung!“

ER blickt auf.

Eng in eine Mauernische geschmiegt kauert ein in zerrissenen, schmutzigen Gewändern gekleideter alter Mann. Seinen mit ein paar wenigen grauen Strähnen behaarten Kopf ziert ein undefinierbares Gebilde, das wohl einst als Hut gegolten hatte, dessen Löcher aber dank dieses so fantasiereich scheinenden Herren mit allem gestopft wurden, was sich auf der Straße finden ließ, und nun mehr dem Auswurf städtischen Kehrichtes als dem einer Kopfbedeckung gleicht. Seinen Oberkörper kleidet eine alte, farblich nicht mehr erkennbare, grob gestrickte Jacke, über der er einen alten, an den Seiten mehrfach eingerissenen und wohl von der Straße aufgelesenen, knielangen Mantel trägt, einzig mit einem Knopf, der vom nicht unmerklich auffallenden Bauch gesprengt zu werden droht, zusammengehalten.

Mit einer ausladenden Geste deutet der Mann auf ein heruntergekommenes, verfallenes Haus, das traurig und leer auf eine längst vergangene Zeit verweist.

„Dies ist doch nicht der geeignete Rahmen für einen so edlen Herren, wie Sie es sind!“

Irritiert blickt ER dem alten Mann in die Augen. Es gibt keinen Zweifel. Tatsächlich erdreistet sich dieser, sich über ihn lustig zu machen.

„Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich mich täuschen sollte. Aber ich glaube kaum, dass wir uns schon einmal begegnet sind, geschweige denn, dass Sie sich in irgendeiner Weise ein Urteil über mein Tun anmaßen könnten.“

Der Alte mustert ihn spöttisch:

„Und eben dieses haben Sie mir mit ihrem geschwollenen Gerede gerade bewiesen!“

Unmerklich zieht ER seine Augenbrauen nach oben. In ruhigem Ton spricht ER zum Alten:

„Mein Herr, Sie irritieren mich zunehmend und ich weiß beim besten Willen nicht, weshalb Sie so aggressiv auf meine Person reagieren!“

„Mein ach so junger nobler Freund, wie gepflegt Sie sich auszudrücken vermögen. Und dies trotz meiner nicht wirklich liebevollen Anrede. Dabei möchten Sie mir doch am liebsten mein freches Maul stopfen.“

Zaghaft richtet sich der Alte auf. Seine alten Knochen scheinen ihn zu schmerzen.

„Sehen Sie, es ist nicht Ihre Person, die mich verärgert, vielmehr ist es Ihre Erscheinung. Verstehen Sie mich nicht falsch. Blicken Sie auf dieses Haus. Etwas Putz, neue Fensterscheiben, neue Farbe an den Läden, eine neue Eingangstür. Und schon würde es einen recht passablen Eindruck machen. Der Eintritt indessen bliebe verwehrt. Schließlich soll niemand die nackten, verfallenen, jahrhundertealten Wände erblicken. Sie könnten ja etwas erzählen, das den Betrachter brüskieren könnte.“

„Ich verstehe nicht…“

„Nein, mein Herr?“

Der alte Mann tritt in das verfallene Haus und bittet ihn mit einer einladenden Geste hinein.

ER zögert. Blickt nach links. Blickt nach rechts. Die Gasse ist menschenleer. Zaghaft tritt ER ein.

ER blinzelt. Nur langsam nimmt ER seine Umgebung wahr. Es ist ein langer schmaler Raum. Kalt. Leer. Da und dort häuft sich der Schutt eingefallener Wände.

ER würgt. Modriger Geruch, gepaart mit dem übelriechenden Duft verfaulender Exkremente, kriecht in seine Nase. Schnell presst ER seine Hand dagegen.

Sein Blick fällt auf einen Mauervorsprung. ER geht hin. Streckt seine Hand aus. Lässt seine Finger die Mauerkante entlang gleiten. Plötzlich überkommt ihn ein kalter Schauer. Erschrocken zieht ER seine Hand zurück.

„Was ist hier geschehen?“

Der alte Mann nähert sich ihm. Er legt ihm eine Hand auf die Schulter. Leise flüstert er:

„Spüren Sie etwas?“

„Ich … ich weiß nicht. Ich möchte gehen.“

ER dreht sich abrupt um. ER möchte fliehen, aus diesem schauerlichen Raum.

Der Alte hält ihn am Arm fest.

„Nein, gehen Sie nicht. Ich habe so lange auf Sie gewartet.“

„Sie kennen mich doch gar nicht!“

Der Alte hebt seinen Zeigefinger und pocht ihm kräftig gegen die Brust:

„Doch, ich kenne Sie. Und Sie wissen es. Sie spüren es.“

Der Alte packt sein Gegenüber an den Schultern. Dieses ruft irritiert:

„Ich glaube, Sie sind verrückt. Lassen Sie mich gehen!“

ER schüttelt den Alten von sich ab und sucht den Ausgang. Der Alte ruft ihm nach:

„Sie können nicht fliehen! Niemand kann vor seiner Vergangenheit fliehen!“

ER zögert. Der Alte hat Recht. Irgendetwas hält ihn an diesem Ort. Irgendetwas ist da, ER fühlt es. Und es macht ihm Angst. ER fühlt, dass hier etwas geschehen ist. Dass hier etwas Schreckliches geschehen ist.

Ein Teil von ihm will diesen Ort verlassen. Zurück auf die herrlichen, sonnenbeschienen Promenaden, zurück in das prunkvoll verzierte Theater, hinein in die elitäre Welt.

Der Alte hat Recht. Sie ist oberflächlich. Diese elitäre Welt. Aber zumindest weiß ER, was ER von ihr erwarten darf. Hier jedoch weiß ER gar nichts. ER spürt nur etwas. Und das, was ER spürt, macht ihm Angst.

Trotzdem kann ER die Schwelle nicht passieren, nicht hinaustreten in die staubige Stadtgasse, welche ihn mit ein paar Schritten zurück zur Pfarrkirche führen würde.

ER spürt den Alten in seinem Rücken. Wartend. Drängend.

ER richtet seine Stimme an den Alten. Sie zittert:

„Ich bin noch nie hier gewesen!“

„Wie nahe stehen Sie ihren Eltern?“

„Wieso fragen Sie?“

„Ich bitte Sie, mir nur meine Frage zu beantworten. Wie nahe stehen Sie Ihren Eltern?“

„Was möchten Sie hören? Meine Eltern sind ein Teil von mir. Ich habe sie geliebt. Sie waren meine Familie.“

„Dann wissen Sie auch, was Sie mit diesem Ort verbindet.“

„Kennen Sie etwa meine Eltern? Waren sie schon einmal hier?“

„Mein Junge, das weiß ich nicht.“

„Bitte, erzählen Sie mir, was hier geschehen ist.“

„Wieso glauben Sie, dass hier etwas geschehen ist?“

Nun ist ER es, der nach der Hand des Alten greift.

„Ich spüre es. Und ich bitte Sie, erzählen Sie, was Sie wissen.“

Der Alte blickt ihn prüfend an. Dann befiehlt er: „Setzen Sie sich und hören Sie zu!

Es geschah hier, in diesen Räumen. In einer Welt, so fern der unseren. Es war die Zeit der beginnenden Aufklärung. Mit Wohlwollen atmeten die Menschen den neuen humanistischen Zeitgeist, der zaghaft aus Italien heraufströmte. Was die Fugger für die damalige Wirtschaft waren, das waren Kopernikus für die Astronomie, Leonardo da Vinci und Michelangelo für die Künste und Christoph Kolumbus für die Seefahrt;… aber, halt…“

Der Alte unterbricht sich:

„Ich eile zu sehr voraus. Denn, am Anfang unserer Geschichte war von diesem neuen Geiste noch nichts zu spüren. Jedenfalls nicht hier, in dieser Stadt. Während sich die Menschen anderswo langsam, aber sicher vom Mittelalter verabschiedeten, blieben die Leute hier ihrem alten Gedankengut treu ergeben. Eine Tatsache, die verhängnisvoll enden sollte…“

Gedankenverloren schüttelt der Alte seinen Kopf.

„… verzeihen Sie, ich schweife zu sehr aus. “

Mit überlegter Stimme fährt er fort:

„Nun, mein Freund, Tirol war ein reiches Land und wurde auch ‚Schatzkammer des Hauses Österreich’ genannt. Der Handel in Meran florierte,… noch. Dank der gut ausgebauten Wegstrecke wählten die meisten Händler, deren Wagenzüge über den Reschen- und Brennerpass rollen mussten, den Weg durch unsere Stadt; und die Städter verdienten am Durchzugshandel,… noch. Manche Händler blieben einige Zeit in der Stadt und nahmen am örtlichen Marktgeschehen teil. Andere zogen, nachdem die Zugpferde wieder versorgt waren, weiter. Meran konnte sich sehen lassen. Auch, wenn die Stadt ihre Vormachtstellung an die Residenzstadt des Königs und späteren Kaisers Maximilian I3, an Innsbruck, verloren hatte. Außerhalb der Stadt lebten die Leute als Bauern, betrieben Landwirtschaft und Viehzucht. Und wenn der Ertrag zu gering war, arbeiteten sie zusätzlich als Knappen im Bergbau in einem der nah gelegenen Erzstollen, da zur damaligen Zeit Tirol reiche Silbervorkommen aufweisen konnte.

In diese Zeit, nun, wurde ein Zwillingspaar hineingeboren …“

Der noblen Städte Schein verbirgt das wahre Sein in uns’rer Zeit der kleinen Welt, geprägt von Technik, Schönheit, Geld.

(Auszug aus dem Flüsterlied)

1 Wandelhalle: ein 90 m langer und 4 m breiter überdachter Spazierweg mit schmiedeeisernen Dachträgern und Holzplafond. Die Innenwand schmückt heute eine Reihe von Wandgemälden.

2 Münzgasse, heute Leonardo da Vinci Straße. Bis 1882 hieß die Gasse Münzgasse, da sich die Münzprägestätte an deren Ausgangspunkt am Pfarrplatz befand. Zwischenzeitlich wurde sie in Postgasse umbenannt.

3 Maximilian I von Habsburg, 1459 – 1519, auch der letzte Ritter genannt, war römischdeutscher Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1508 – 1519) und alleiniger Herrscher aller damaligen habsburgischen Territorien.

MERAN – MCDXCVIIIEnde des 15. Jahrhunderts

„Mira, warte auf mich!“

Doch Mira wartete nicht. Mira wartete nie. Sollte er sie doch einholen. Sie rannte so schnell sie ihre Beine tragen konnten; auf und ab; über Steine und ausgewaschene Pfade. Hie und da musste sie aufpassen, um nicht auszurutschen und in den Schlamm oder in eine der vielen Pfützen zu fallen, die der ausgiebige Regen der letzten Tage gebildet hatte. An der Blumenwiese angekommen blieb sie stehen. Aufatmend blinzelte sie in die Sonne. Sie öffnete ihr weißes Haarband. Sofort verfing sich der Wind in ihren langen, braunen, lockigen Haaren. Sie streckte Arme und Körper gegen den hellblauen Himmel. Wie wohl das tat. Lachend drehte sie sich im Kreis. Schneller, immer schneller, bis sie rückwärts ins weiche Gras fiel, ihr blasses Gesicht wärmehungrig zur Sonne gereckt.

Die warmen Strahlen benetzten ihre Haut, ihr Haar, ihren Körper. Es war herrlich!

Endlich war wieder Frühling. Es war Ende April. Der Regen hatte aufgehört und die Sonne schickte ihre ersten frühsommerlichen Boten. Der leichte Wind fing die von den Bäumen fallenden Blüten auf und ließ sie durch die Luft tanzen. Zart verströmten sie ihren Duft, der sich mit dem von nassem, sprießendem Gras vermischte.

Mira erhob sich und begann zu laufen. Sie lief und lief. Sie lief über die Wiese, sprang zwischen den hohen Obstbäumen hindurch, bis hin zur alten Scheune. Erst dort blieb sie kurzatmig stehen.

Schnell blickte sie sich um. Dann trat sie langsam ein. Die Tür knarrte. Innen war es kühl. Es roch nach modrigem Heu, das noch vom Vorjahr übrig geblieben war. Zögerlich bahnten sich die Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Holzritzen. Mira ließ sich rücklings auf einen Haufen Stroh fallen. Sie streckte Arme und Beine weit von sich und schloss die Augen. Dies war ihr Lieblingsort, der Ort, der all ihre Sorgen, Ängste, aber auch ihre Träume kannte; ihre und die ihres Bruders Karl.

„Du hättest auf mich warten sollen!“

Karl stand in der Türe. Sein breiter Schatten ließ ihn noch größer erscheinen, als er war. Seine bunte, geschlitzte Kleidung verriet den erst Achtzehnjährigen als jungen Landsknecht im Dienste des Kaisers. Obwohl sie Zwillinge waren, ähnelten sie sich kaum. Mira war klein und zierlich, Karl groß und breit gebaut und er überragte seine Schwester um eine gute Kopflänge. Ihre ausgemergelten Körper und die ausgehöhlten Wangenknochen zeugten vom harten Winter, den die Kinder hinter sich hatten.

Schwer lasteten ihre Sorgen, die sie mit den anderen Bürgern teilten, auf ihren Schultern.

Denn die Angst vor einem bevorstehenden Krieg vor den Toren Merans war groß, wusste doch jedermann von der Kriegslust des Kaisers. Jüngst hatte Kaiser Maximilian Leonhard von Völs nach Meran bestellt, um die städtischen Verteidigungsbauten ausführen zu lassen. Als Ausgleich für die anfallenden Spesen wurde den Bürgern sogar eine kürzlich eingeführte Steuer erlassen, was jedoch keine wirkliche Erleichterung für die zahlungskräftigen Meraner bedeutete. Vielmehr schürte der bauliche Eingriff deren Angst und sie fragten sich, ob der langwährende Konflikt zwischen den Engadinern und dem Kaiser Grund dafür war. Schließlich wusste jeder, dass sich die Lage gefährlich zuzuspitzen drohte.

Mira und Karl, deren schmerzende Wunden ihres tiefen persönlichen Verlustes noch nicht verheilt waren, sahen sich taub und willenlos den Machenschaften der Obrigkeit ausgeliefert; der politischen wie der familiären.

Aber hier in der Scheune, eingebettet in sanften Wiesen vor den Toren der Stadt, konnten sie all ihre Probleme für eine kurze Zeit vergessen. Dieser war ihr geheimer Ort. Der Ort, an dem sie ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Der Ort, an dem die Welt so war, wie sie es sich wünschten. Der Ort, an dem sie glücklich sein durften, ohne Gefahr zu laufen, dass jemand kam und dies zerstörte.

Liebevoll blickte Karl auf seine Schwester herab.

Mira war trotz ihrer hageren, blassen Gestalt für Karl das Schönste und Liebste. Er sah nicht die in braunen, fleckigen und löchrigen Lumpen gekleidete junge Frau. Er sah nur ihren Stolz und ihren Kampfgeist in den großen Augen blitzen. Wenn er bei ihr sein konnte, wurde auch der schlimmste Tag etwas erträglicher. Mit sarkastischem Witz schaffte Mira es, Karl immer wieder zum Lachen zu bringen und das Leben etwas erträglicher zu gestalten – dafür liebte er sie und das schon, seit er sich besinnen konnte.

Die Beiden ahnten nicht, dass dies das letzte Mal sein würde, dass sie glücklich beisammen waren …

ERSTER TEIL · MCDLXXIXneunzehn Jahre zuvor

Verträumt schloss Walli ihre sonnenbeschienenen Lider; wohlig reckte sie sich im weichen Gras. Die alte Frau genoss die frühlingshafte Wärme, die ihre nackten Glieder liebkosend umschloss. Leise stimmte sie in das Lied der Vögel mit ein, die in neckendem Spiel, zwischen den Ästen der hohen Bäume hindurch flatterten und zwitschernd die warme Jahreszeit begrüßten.

Tief atmete Walli die Luft, die nach nassem, vom vielen Regen der letzten Tage vollgesogenem und jetzt in der Sonne dampfendem Unterholz, feuchtem Moos und neu ausgetriebenen Birken- und Fichtenzweigen roch.

Walli liebte diese friedliche Ruhe, die Ruhe des Waldes, ihres Waldes, dessen hohe Bäume im Sommer Schutz vor der drückenden Hitze boten, während die Winter dank des mediterranen Klimas dieser im südlichen Teil Tirols gelegenen Bergkette meist schneearm und relativ mild verliefen. Ja, sie liebte diese Ruhe, fernab der Menschen.

Mit einem zarten Lächeln auf ihren mit den Jahren faltig gewordenen Lippen döste sie ein.

Plötzliche, alarmierende Laute holten Walli forsch aus ihrem Tagtraum. Sie waren ihr so wohl vertraut, dass sie ruckartig emporschoss:“Fleckl!“

Ihre treue, schon etwas in die Jahre gekommene Bergziege schenkte Walli immer noch freigiebig ihre nährende und in so manchem harten Winter lebensrettende Milch und entpuppte sich zudem über die Jahre als ausgezeichneter Wachhund. Sofort schlug sie Alarm, wenn sich ein Fremder Wallis Hütte näherte.

Eilig zog sich Walli ihren Umhang über und stieg von der steilen Plattform herab, die der Hütte, mit deren Anbau sie den Wohnraum der natürlich in den Fels führenden Höhle erweitert hatte, als Dach diente. Von den lästernden Partschinser4 Dorfbewohnern wurde ihr linkisch zusammengebautes Heim, das sich im unwegsamen, steilen Gelände an der Süd-Westflanke eines knapp 2300 m hohen Berges unweit von Meran befand, auch häufig „dr Stuaner Geada ihrer Hexnhütt“ genannt; wobei der Name sich auf ihre verstorbene Ziehmutter bezog, die jedoch nur in der Höhle selbst gehaust hatte.

So waren die Menschen; Gewohntes legten sie ungern ab.

Walli hatte gelernt, mit diesen und anderen Gehässigkeiten der Menschen ihr gegenüber zu leben.

Viel musste sie sich über die Jahre von den Dorfbewohnern gefallen lassen. Eine Hexe sei sie, so wie einst Gertraud, ihre Ziehmutter, an die sie sich in so mancher Stunde liebevoll erinnerte. Furchtbare Gewitter sollen die beiden Frauen zusammengebraut haben; von Würmern, Mäusen und Ratten, welche sie mit Zaubersprüchlein herbei zu locken verstanden, sollen sie sich ernährt haben; mit dem Teufel sollen sie im Bunde gestanden und sich auf so manches lustige Stelldichein mit ihm eingelassen haben.

Einmal, als nach einem starken Unwetter beinahe das gesamte Dorf Partschins mit der unterhalb des Ortskerns liegenden Kirche St. Helena in der Töll zerstört wurde, kamen die Dorfbewohner zu ihr hinauf, beschimpften sie aufs Gröbste und warfen mit Steinen nach ihr und ihren Tieren. Walli blieb nichts Anderes übrig, als ihre beiden an einer Hanfleine angebundenen Ziegen zu befreien und in den dichten Wald zu flüchten. Den Wald kannte sie so gut, dass sie ihre Verfolger bald schon abzuschütteln vermochte. Als sie nach zwei Tagen wieder zu ihrer Hütte zurückgekehrt war, hatten die Dörfler das Wenige, das Walli besessen hatte, zerstört oder verbrannt. Die beiden Ziegen aber hatten treu auf ihre Herrin gewartet.

Am Schlimmsten war für Walli damals der Verlust ihrer Heilkräuter gewesen. Eine reiche, mühsame und zeitaufwendige Ansammlung verschiedenster Kräuter, dank derer sie schon so mancher Dorfbewohnerin, die in Nöten gekommen ihre Hilfe aufsuchte, beistehen konnte.

Bis weit ins Etschtal hinab und in den Vinschgau hinauf erzählten sich die Leute mit vorgehaltener Hand von Wallis umfangreichem Wissen über Heilkräuter und deren Anwendung bei Krankheiten und anderen Nöten. Viele Frauen waren es gewesen, die ihre Angst vor der vermeintlichen Hexe hinunterschluckten und hilfesuchend zu ihrer Hütte emporstiegen. Und kaum eine musste unverrichteter Dinge wieder ins Dorf hinabsteigen.

In guten Zeiten wurde Walli mit Naturalien belohnt. So bekam sie auch schon mal eine Legehenne samt Hahn geschenkt. Eine Gabe, die ihr das winterliche Überleben im Wald sehr erleichterte. Einmal, nach dem Besuch einer von ihrem Liebhaber geschwängerten reichen Bürgersfrau, deren Mann hohes Ansehen genoss, bekam sie sogar eine große ‚Hamme‘5 Speck, frisch geschorene Schafwolle und einen jungen Ziegenbock geschenkt.

In schlechten Zeiten dagegen freute sich Walli über dankende Worte und Versprechungen, die jedoch immer wieder vergessen wurden.

Mit festem Schritt ging Walli auf ihren nicht geladenen Besuch zu. Schließlich kam sie nah vor der Frau zu stehen. Mit wissendem Blick betrachtete sie das junge Ding, dessen Körper die verräterischen Zeichen einer Schwangerschaft zeigte. Ein altes zerrissenes Hemd war seine einzige Kleidung. Abgemagert, blass und schmutzig stand Ursula mit gesenktem Haupt vor Walli. Ihre dunkelblonden Haare hingen verschmutzt und strähnig herab. Zwei Lumpen hatte sie zum Schutz vor den spitzen Steinen um ihre Füße gewickelt. Schuhe besaß sie keine.

Langsam hob Ursula ihr Gesicht. Ihr Blick war wirr, ängstlich und von Leid geprägt.

Walli packte Ursula mit beiden Händen fest an deren Schultern und blickte der jungen Frau tief in die Augen. Ursula zuckte zusammen und senkte erschrocken den Kopf.

Nun durchbrach Walli die Stille. Mit festem, lautem Ton befahl sie:

„Rede mit mir, zum Teufel!“

Schrill lachte Ursula auf. Sie riss sich los und schrie:

„Ha, der Teufel! Ich, ich hab Teufels Brut in mir!“

Mit beiden Händen schlug sie sich mehrmals auf die eigene Brust.

„Hängen will er mich! Auf dass ich seine Brut nicht gebäre. Hast du gehört? Der Teufel, der Teufel hat’s mit mir getrieben!“

Walli holte aus. Schallend schlug sie Ursula ins Gesicht.

„Sei still, du dumme Gans! Weißt ja nicht, was du sprichst. Nicht der Teufel war’s, sondern ein Mannsbild, das seinen Spaß mit dir treibt!“

„Du lügst. Der Teufel …“

„Nichts will ich hören! Sieh, dass du verschwindest. Ich brauch kein verrücktes Weibsbild. Geh zurück, wo du hergekommen bist!“

Walli stieß Ursula ein Stück zurück. Diese entfernte sich ein wenig, drehte sich dann ruckartig um und überschüttete Walli mit Schimpfworten.

Walli ging wütend in ihre Hütte und hörte das wilde Gezeter nicht mehr.

*

Die Lust auf einen gemütlichen Waldspaziergang war Walli gehörig vergangen. Als hätte sie nicht schon genug Ärger mit den Dorfbewohnern. Da hat ihr diese vom Teufel besessene Dirne noch gefehlt.

Den ganzen Tag über ließ sie der Gedanke an dieses junge Ding jedoch nicht mehr los.

Am Abend zog ein Sturm auf. Der Wind blies um die Hütte und Zweige und Äste kleinerer Birken und Fichten schlugen an die schwere Holztür.

Walli machte im Inneren der Höhle, die über einen natürlichen Rauchabzug verfügte, ein Feuer. Dann füllte sie den alten, zerbeulten Topf mit Wasser, das sie in einem kleinen Holzfässchen täglich frisch vom nahe gelegenen Bach holte. Sie goss eine kleine Menge ausgewählter Kräuter auf, schnitt sich eine Scheibe Ziegenkäse und einen Kanten Brot ab und setzte sich auf ihren Holzschemel. Nachdenklich lauschte sie dem laut prasselnden Regen vor der Hütte. Dann erhob sie sich müde, nahm die restlichen Brotkrumen, mischte sie mit ein paar Körnern und warf sie in das kleine, aus Weidenstöcken zusammengebaute Hühnergehege, das sie an einem natürlichen Felsvorsprung angebaut hatte.

Im Vorbeigehen streichelte sie liebevoll ihre beiden Ziegen, die es sich in der Mitte der Hütte bequem gemacht hatten.

Zögerlich klopfte es an die Tür. Walli stöhnte leise auf. Sie wusste, auch ohne die Türe zu öffnen, wer davor stand. Der Sturm war nichts Besonders und hätte er trotzdem den Zorn der Dorfbewohner gegen sie gerichtet, wären diese frühestens morgen vor ihrer Hütte gestanden.

Es klopfte ein weiteres Mal. Walli verharrte noch einen Moment. Dann öffnete sie die Tür.

Walli versperrte dem Mädchen den Weg. Fordernd und ungeduldig baute sie sich vor ihr auf.

Diesmal stand das Mädchen aufrecht und gefasst, mit klarem festem Blick vor ihr.

„Ich bin die Ursula aus St. Katharinaberg. Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt hab. Manchmal tummelt und rumpelt es in meinem Kopf und ich bilde mir schlimme Sachen ein. Die im Dorf lachen über mich und meinen, ich wär närrisch. Gehen kann ich zu keinem von denen.“

Wallis Gesicht hellte sich auf. Sie legte ihren Arm um Ursulas Schulter, schob sie in die Hütte und gab ihr den Rest ihres Aufgusses zu trinken.

„Erzähl!“

„Mein Vater hat mich nach dem Tod meiner Mutter zum Nachbarbauern als Magd gegeben, dann ist er abgehauen. Ich war grad mal dreizehn. Für meine Dienste bekam ich ein Essen und einen Platz zum Schlafen. Sie mochten mich nicht, ich bin ja auch nicht grade schlau. Aber die Arbeit habe ich gut gemacht und deshalb haben sie mich behalten. Zwei Jahre später ist die Bäuerin gestorben. Wenig später hat der Bauer angefangen, mich in sein Lager zu holen. Da haben die Albträume angefangen. Am Anfang war er noch vorsichtig, dann ist er immer grober geworden. Meine Albträume verschlimmerten sich und manchmal kam es mir schon am Tage vor, als hörte ich Stimmen in meinem Kopf. Ich hab probiert, sie los zu werden. Aber je mehr ich mich hineinsteigerte, umso schlimmer wurde es. Der Bauer hat das mitbekommen und seitdem sagt er, der Teufel will mich auf seine Seite ziehen und ich wär Luzifers Dirn. Er schlägt mich und meint, wenn ich auf seinem Lager nicht tue, was er will, dann erzählt er allen im Dorf, was ich mit dem Teufel laufen hab, und dann wird’s mir an den Kragen gehen.

Als ich ihm gesagt habe, dass ich schwanger bin, hat er mich geschlagen und gemeint, ich soll mit meiner Teufelsbrut im Leib abhauen und mich nie wieder blicken lassen. Sonst würde er mich am nächsten Baum aufhängen. Ich bin dann abgehauen. Mein Gewand hat er mir aber zuvor abgenommen. Er hat gemeint, eine, die es mit dem Teufel treibt, braucht kein Gewand. Nur das Hemd hat er mir gelassen. Auch die Lumpen, die ich mir um die Füße gebunden hab, musste ich mir heimlich mitnehmen.

Im Dorf haben sie von dir geredet und ich dachte, wenn ich zu jemandem gehen kann, dann zu dir. Die sagen, du wärst eine Hex. Bist eine, dann mach mit mir, was du willst. Bist keine, dann weißt du, wie’s mir ergangen ist und kannst mir vielleicht helfen.“

Walli hörte aufmerksam zu. Als Ursula mit ihrer Geschichte zu Ende war, wurde es still. Schweigend saßen sich die beiden Frauen gegenüber. Nach einer Weile hob Ursula ihren Kopf und musterte schüchtern zuerst die grübelnde Walli und dann ihre Umgebung. Ihr Blick glitt über die karge Einrichtung der kleinen Hütte, die aus nicht mehr bestand als einem kleinen, groben Tisch, zwei Schemeln, einem Schlafplatz, einer Feuerstelle und einem Regal, das bis oben hin mit Töpfen, gefüllten Schüsseln und Krügen vollgestopft war. Überall hingen zum Trocknen aufgehängte wohl riechende Kräuter und Waldfrüchte von der Decke. Ober dem Tisch, auf Augenhöhe der beiden Frauen, hing ein fremd anmutendes Amulett, das Ursula magisch in den Bann zu ziehen schien. Mit einer schüchternen Bewegung versuchte sie, nach dem Amulett zu greifen, das selbst in dem schwachen Kerzenschein eigentümlich glitzerte. Ruckartig stand Walli auf, griff nach ihrem Anhänger und ließ ihn unter ihrer Kleidung verschwinden. Erschrocken blickte Ursula ihre Gastgeberin an. Sie hatte deren unausgesprochene Mahnung verstanden. Niemals dürfe sie dieses seltsame Amulett berühren. Wallis Züge entspannten sich. Sie kniete vor Ursula nieder, die breitbeinig auf einem alten abgesägten Holzstumpf saß, drückte ihre Hand auf deren Bauch, tastete nach links und rechts, nach oben und unten, nahm ihre Hand wieder vom Bauch, betrachtete Ursula einen langen, stillen Moment und meinte:

„Wenn du bei mir bleiben willst, dann bleib. Platz ist wenig, aber wenn du mir ein wenig zur Hand gehst, werden wir schon miteinander auskommen. Und wenn’s soweit ist, helf ich dir, die Kinder auf die Welt zu bringen.“

Ruckartig drehte sich Walli um und ging zur Feuerstelle, dessen Feuer am Erlöschen war. Sie nahm zwei Holzscheite und warf sie in die versiegende Glut. Mit einem abgesägten, schmalen Ast stocherte sie in den kläglichen Flammen herum. Das Feuer flackerte wieder auf.

Gedankenverloren tastete sie nach dem versteckten Amulett unter ihrer Kleidung. Ohne Ursula anzusehen, meinte sie:

„Es sind zwei. Deine Kinder im Bauch, es sind zwei. Und du wirst sie bei mir lassen. Du selbst kannst nach der Geburt gehen oder bleiben. Wie du willst. Das ist mir egal.“

Niederkunft

Ursula nahm die an einem Balken zum Trocknen aufgehängten Kräuter und begann, sie zu sortieren. Obwohl es in der Hütte auch im Hochsommer verhältnismäßig kühl war, litt sie unter der Hitze, die sie immer wieder und in Wallungen überkam. Der viele Schweiß hatte dicke Tropfen auf ihrer Stirn gebildet und ihr Hemd völlig durchnässt. Ihre aufgeschwollenen Füße schmerzten. Sie griff nach dem Wasserkrug und trank gierig vom kühlen Nass.

Walli wollte bald vom Kräutersammeln zurück sein.

In den letzten beiden Wochen hatte sie nur die Kräuter gesammelt, die in der Nähe der Hütte wuchsen. Jeden Tag konnte es soweit sein und auf keinen Fall wollte sie Ursula dann alleine wissen.

Ursula wusste Wallis Fürsorge zu schätzen. Obwohl ihr Wallis Tun manchmal auch unheimlich war, so zum Beispiel, als Walli aus verschiedenem Kleingetier eine Paste fertigte, die gegen Wundkrampf helfen sollte. Ursula half eifrig mit, wo sie nur konnte und durfte. Walli gewöhnte sich zunehmend an ihre neue Gefährtin, freute sich über deren Eifer und machte es sich zur Aufgabe, Ursulas Pein, die ihr ihre erkrankte Seele Tag für Tag zufügte, wenn auch nicht zu heilen, so doch etwas zu lindern.

Plötzlich überkam Ursula ein krampfartiger Schmerz. Sie schnappte nach Luft. Atmete schneller. Ihre Hände verkrampften sich zu Fäusten. Ihre Gesichtszüge zeigten ihre große Anspannung. Doch nach kurzer Zeit hörte der Schmerz wieder auf und Ursula atmete erleichtert auf.

Sie griff nach einem Bund frisch gepflückter Kräuter. Eifrig legte sie diese zum Trocknen auf dem schweren, unförmigen Holztisch aus. Da überkam sie der Schmerz erneut. Diesmal heftiger. Ursula beugte sich über den Tisch. Sie schwitzte. Sie wusste, dass das die Geburtswehen sein mussten, und versuchte, Ruhe zu bewahren. Walli würde bald zurück sein. Und sie würde bestimmt wissen, was zu tun war. Ursula konnte nur abwarten. Da kam der Schmerz erneut. Jetzt so heftig, dass ihr schwindelte. Sie stolperte zwei Schritte rückwärts. Schmerzhaft stieß sie mit der Hüfte an die Tischkante. Der Wasserkrug kam ins Schwanken und kippte um. Ursula sank zu Boden. Mit ihren Händen fing sie das vom Tisch tropfende Wasser auf und benetzte damit ihr Gesicht. Sie atmete schwer. Als der Schmerz nachließ, öffnete sie ihr Hemd und schob ihren Rock nach oben. Ihr war, als bekäme sie in dieser dunklen Hütte zu wenig Luft.

Da stieß Walli die Tür auf. Gleißendes Licht fiel in den dunklen Raum. Mit schnellen Schritten war sie bei Ursula, packte diese sanft, aber bestimmt unter den Achseln, zog sie hoch und geleitete sie unter tröstenden Worten zum mit ausgekochten Laken überzogenen Heulager, wo sich Ursula mit lautem Stöhnen niederließ. Walli öffnete die Tür vollends, um so viel Frischluft wie möglich in die kleine Hütte zu bekommen. Dann entfachte sie ein großes Feuer, füllte den größten Topf, den sie besaß, mit Wasser, und brachte dieses zum Kochen.

„Atme langsam und tief“, riet sie Ursula.

Walli träufelte in einen Becher etwas von einem übel riechenden Kräuterextrakt, goss diesen mit reichlich heißem Wasser auf und gab ihn Ursula in kleinen Schlucken zu trinken.

„Das gibt dir die Kraft, die du brauchst.“

Stöhnend setzte sich Ursula auf. Zögernd trank sie den Becher leer.

Walli nahm den Topf mit dem kochenden Wasser von der Feuerstelle, stellte diesen nahe dem Lager auf und gab reichlich stark riechende Kräuter hinein. Dann entkleidete sie Ursula, nahm einen feuchten Lappen und fächerte ihr damit den aufsteigenden Wasserdampf zu.

„Du verdammte Hex willst mich vergiften! Ich krieg eh kaum mehr Luft!“

„Sei still und atme tief. Wenn du willst, nenn mich eine Hexe, aber danach geht’s dir besser, du wirst sehn.“

Ursula blickte Walli mit großen Augen an. Ihr schmerzverzerrtes Gesicht ähnelte einer spöttischen Fratze. Folgsam tat sie, wie ihr geheißen.

Langsam fühle sie sich behaglicher. Das Atmen fiel ihr leichter und ihr war, als ströme mit jedem Atemzug, den sie tat, die Kraft in ihren Körper zurück. Sie leckte ihre Lippen. Diese schmeckten bitter.

„Gib mir Wasser!“ bat sie Walli.

„Trink, und dann mach dich bereit. Es ist soweit. Die Kinder kommen“.

Walli stopfte mit fahrigen Händen dick ausgepolstertes Leinen hinter Ursulas Rücken, bis diese fast senkrecht zu sitzen kam.

„Winkle deine Knie an und spreiz die Beine so weit auseinander, wie’s geht. Je mehr du dich öffnest, umso leichter wird’s!“

Ursula stöhnte laut auf. Zum Sprechen fehlte ihr die Kraft.

„Wenn ich’s sag, dann press! Jetzt, press!!!“

Ursula bäumte sich auf. Nochmals nahm sie all ihre Kraft zusammen und presste, so sehr sie nur konnte. Dann sank sie erschöpft zurück, schnappte nach Luft, bäumte sich wieder auf und presste erneut. Dies wiederholte sich einige Male.

„Press noch mal!!!“

„Ich kann nicht mehr!“

„Press!!!“

‚Ich will nicht mehr, wollte Ursula entgegnen, da bäumte sich ihr Körper von alleine auf und sie presste nochmals.

Plötzlich kam es Ursula so vor, als würde sich alles in ihr von alleine öffnen. Wie ein glitschiger Klumpen glitt das Neugeborene aus ihrem Körper. Walli packte das Kleine am Bein, zog es hoch und gab ihm einen kräftigen Klaps auf den Hintern. Da ertönte der ersehnte Schrei. Der Junge lebte und war gesund. Ehe sich’s Walli versah, hatte sie auch sein Schwesterchen im Arm.

Liebevoll säuberte Walli die beiden Neugeborenen, wickelte sie in saubere Laken und legte sie der wartenden Mutter jeweils links und rechts an die Brust.

„Das hast du gut gemacht!“ Sanft streichelte Walli Ursulas verschwitztes Haupt.

„Das werd ich dir nie vergessen!“ entgegnete die junge Mutter ihrer Hebamme.

Walli blickte Ursula tief in die Augen. Ihr Blick verriet Freude und Sorge gleichermaßen. Langsam erhob sie sich, krempelte ihre Hemdärmel nach unten und entfernte sich ein paar Schritte. Sie schloss ihre Augen und versuchte ihr Amulett zu ergreifen, das sie, seit Ursula bei ihr lebte, stets gut vor deren neugierigen Blicken verborgen, unter ihrem Kleid trug. Vorsichtig holte sie ihren Anhänger hervor, küsste ihn, trat an die Mutter, die glücklich und erschöpft die beiden Säuglinge im Arm hielt, und ließ das Amulett ein paar Mal über dem Zwillingspaar kreisen. Zärtlich streichelte sie erst dem Mädchen, dann dem Jungen über das Köpfchen. Dann band sie das Amulett wieder um ihren Hals, wischte eine heimliche Träne aus ihren Augenwinkeln, entfernte sich nochmals einige Schritte und flüsterte leise:

„Gib niemals ein Versprechen, das du später nicht zu halten vermagst! “

die Hüterin der Zeit

„Geh nicht da hinauf. Du weißt, dass sie das nicht mag. Dort oben will sie alleine sein.“

„Wenn du so feige bist, bleib hier. Aber weh dir, wenn du mich verrätst.“

„Mira, sie wird uns bestrafen!“

„Feigling!“

Mira kräuselte ihre kleine Stupsnase und musterte ihren Bruder abfällig.

Warum musste Karl nur immer so folgsam sein. Sollte er doch weiterhin hier herumhocken und sich langweilen. Sie hatte was Besseres vor. Schon war sie durch die Türe hindurch.

Eilig kletterte sie im Schutz des Dickichts den steilen Berghügel empor. Teilweise war das Gebüsch so dicht, dass sich Mira nur auf allen Vieren krabbelnd fortbewegen konnte. Für einen erwachsenen Menschen wäre es unmöglich gewesen, diesen durch dichtes Gestrüpp und Geäst mehrmals unterbrochenen Pfad, den Mira eines Tages zufällig entdeckt hatte und sofort für ihre Zwecke zu nutzen wusste, bis zur Lichtung zurückzulegen. Aber Mira mit ihren vierzehn Jahren, klein und zart, schlängelte sich wie eine Schlange hindurch.

Sie wusste, dass sie Walli nicht einfach folgen konnte. Diese war zu schlau und sowieso kam es Mira vor, als könne man ihr nur schwer etwas verheimlichen, gerade so, als könne Walli Gedanken lesen. Aber dieser Pfad war Miras Geheimnis und zugleich ihre einzige Möglichkeit, unbemerkt Walli zur verbotenen Waldlichtung zu folgen.

Es war eine kreisrunde Lichtung, umgeben von hohen dunklen Bäumen.

Eigentlich war dieser Ort nichts Besonderes, eigentlich. Trotzdem war es Mira und Karl strengstens verboten, sich dort aufzuhalten. Und das, obwohl Walli selbst oft und sogar des Nachts diese Lichtung aufsuchte. Meist sagte sie dann, sie wolle nur ein wenig alleine sein und mache einen Spaziergang.

Mira wusste aber längst, dass dies gelogen war. Schon viele Male war sie Walli gefolgt.

Ihrem geheimen Pfad folgend war sie stets schneller als Walli vor Ort und konnte sich so unbemerkt im dichten Gebüsch am Rande der Lichtung, von welchem man alles Geschehen gut überblicken konnte, verstecken. Kurze Zeit später erreichte auch Walli, nach einer knappen Stunde Fußmarsch, die Lichtung. Dort angekommen streckte sie, vom steilen Aufstieg müde geworden, aufatmend ihre Glieder und legte sich, alle Viere von sich gestreckt, auf den weichen Waldboden. Manchmal blieb sie dort einfach liegen und blickte zum Himmel, bis sie irgendwann einschlief.

Aber manchmal, des Nachts bei Vollmond, beobachtete Mira Walli auch dabei, wie sie sorgsam den staubigen Waldboden säuberte, mit einem Holzstöckchen einen Kreis zog, einen prall gefüllten Beutel entleerte, den ganzen Haufen Krimskrams darin auslegte und seltsame Zeichen in den Boden ritzte. Dann setzte sie sich in die Mitte des Kreises, das Gesicht zum silbrig leuchtenden Vollmond gewendet, schloss die Augen und murmelte seltsame Worte vor sich hin. So verharrte sie eine Weile, richtete sich wieder auf, streckte erneut ihre Arme weit von sich und begann, sich rhythmisch um die eigene Achse zu drehen. Erst langsam und dann immer schneller und schneller, bis sie närrisch lachend zu Boden fiel.

Mira fühlte sich in diesen Nächten unheimlich berührt und verfolgte mit vor Staunen weit geöffneten Augen gespannt das Geschehen.

In diesen Nächten kam ihr Walli fremd, ja irgendwie unheimlich vor. Und trotzdem oder vielleicht genau deshalb waren es diese Nächte, weshalb Mira Walli immer und immer wieder zur Lichtung folgte.

Aber manchmal war Walli nicht alleine auf der Lichtung. Dann traf sie sich mit einer älteren Frau, welche Walli sehr vertraut zu sein schien. Die beiden sprachen stets sehr hastig und leise miteinander, so, als würden sie fürchten, von jemand anderem belauscht zu werden.

Und selbstverständlich war damit nicht die kleine Mira gemeint.

Manchmal tauschten die beiden Frauen auch verschiedene, Mira unbekannte Dinge, um dann, ohne weitere Worte zu verlieren, ruckartig aufzubrechen. Nie verließen sie gemeinsam den Ort, immer gingen sie getrennt, in hastiger Eile jede ihrer Wege. Dann musste sich Mira sehr beeilen, um unbemerkt, noch vor Walli in der Hütte anzukommen.

Dort erwartete Karl sie stets mit sorgengefalteter Stirn, nervös von einem Bein auf das andere hüpfend. Und kaum die Türe ins Schloss fiel, erfolgte auch schon seine Strafpredigt, sie solle doch endlich vernünftig und folgsam werden, dass es des Nachts im Wald sowieso viel zu gefährlich für ein junges Mädchen von vierzehn Jahren sei und dass, sollte Ursula Miras Verschwinden bemerken, sie dies sofort Walli erzählen würde, und dass diese sie dann fürchterlich bestrafen würde.

Mira lachte dann nur auf, drückte Karl einen besänftigenden Kuss auf die Wange und legte sich zum Schlafen auf ihr Lager. Sie wusste, dass Karl sie niemals verraten würde.

Und Ursula … die bekam sowieso nichts von dem mit, was um sie herum geschah.

Ein Gewitter schien aufzukommen. Besorgt blickte Mira zum Himmel. Sollte es zu regnen beginnen, musste sie umkehren.

Denn dann wäre der Pfad sofort aufgeweicht und es wäre für sie unmöglich, zur Hütte zurückzukehren, ohne verräterische Spuren zu hinterlassen. Doch noch war es nicht soweit. Mira kauerte sich enger ins Gebüsch.

Walli ließ sich auf einem flachen Stein nieder. Sie wartete. Vom Vinschgau kam ein kühler Wind auf. In der Ferne war grollender Donner zu hören.

Plötzlich rief eine raue, laute Stimme:

„Solltest dein Tun nicht so zur Schau stellen! Könntest es noch bereuen!!!“

Mit entschlossenem Schritt trat der Fremde aus der Dunkelheit. Er war groß, mittleren Alters. Das Gesicht war durch den tief in die Stirn gezogenen Hut nicht zu erkennen.

Walli fuhr herum. Breitbeinig richtete sie sich vor dem Fremden auf. Ihre Augen blitzten vor Wut.

„Wenn du kommst, um mir zu sagen, was ich tun soll, dann wär’s besser für dich, du würdest dich schleunigst wieder nach Meran ‚hinunterscheren‘6.“

Der Fremde lachte auf.

„Hast wohl noch nichts von den Prozessen gehört.“

Mit einem raschen Griff packte er Walli am Arm. Leise zischte er:

„Der Leonhard7 ist von Cavalese8 zurückgekommen. Dort haben sie es ihm beigebracht, wie man mit den Hexen umzugehen hat.“

Walli schüttelte ihn ab, wich aber keinen Schritt von ihm. Der Fremde stand jetzt so nah vor ihr, dass Walli seinen Atem riechen konnte.

„Ein paar Weiber sind schon angezeigt worden, weil man sie für die schlechte Ernte vom vergangen Jahr, die große Hitze und die vielen Kinder und alten Leut, die deshalb gestorben sind, verantwortlich gemacht hat. Der Leonhard hat sie auf Schloss Prösels bringen lassen. Gefoltert werden sie da, bis sie alles gestehen, was die noblen Herren ihnen vorwerfen. Kaum erwarten konnten die armen Weiber das Feuer, nach all den Qualen, die sie erleiden mussten.“

Walli wandte sich ruckartig um.

„Was scheren mich die andern. Ich tue nichts, weshalb ich mich verstecken müsst!“

„Die im Dorf denken da anders. Die glauben, dass du schon für so manch vergangenes Übel verantwortlich warst. Tu nicht so, als würdest du das nicht wissen!“

Augenblicklich trat Stille ein. Dann entgegnete Walli mit festem Ton:

„Die Leute brauchen eben einen Schuldigen. Das war schon immer so. Und weil’s der Herrgott nicht sein kann, muss es eben der Teufel sein. Aber im Dorf sind genug Leut, denen ich geholfen hab. Und wenn sie auch nicht die ‚Schneid’9 haben, das laut zu sagen, so werden sie mich doch nicht an den Pranger stellen.“

„Ich an deiner Stell würd den Leuten nicht vertrauen. Die denken nur an sich. Und kaum kommen schlechte Zeiten, vergessen sie, was du für sie getan hast, und glauben nur mehr das, was die gehässigen Lästermäuler über dich erzählen!“

„Ich weiß, was ich tu!“

„Und ich warne dich zum letzten Mal. Wenn’s soweit ist, kann ich nichts mehr für dich tun. Meine Kinder gehören versorgt. Ich kann nicht mein eignes Leben für deins riskieren. Und du solltest auch besser sehen, dass deine Zöglinge nicht zu viel von der ganzen Geschicht mitbekommen!“

Walli holte aus. Dann, über ihr eigenes Tun erschrocken, wich sie zurück. Doch nur für einen Augenblick. Wütend schrie sie ihr Gegenüber an:

„Du wagst es, dich in meine Sachen einzumischen, du elender Wichtigtuer? Den noblen Herren bist du doch nur bequem, wenn’s drum geht, die Drecksarbeit zu erledigen. In Wahrheit verabscheuen sie dich und geben einen Dreck auf das, was du sagst.“

Leben kehrte wieder in die Glieder des Fremden zurück. Wie eine hungrige Katze, zum Sprung bereit, schlich er um Walli herum. Den Blick nicht von ihr gewandt, näherte er sich immer mehr dem Gebüsch, in dem sich Mira, vom Geschehen wie hypnotisiert, versteckt hielt. In Windeseile griff er hinein, packte Mira am Hemdkragen und zog sie heraus. Die Äste zerkratzten ihr Gesicht und ihre Beine. Schroff ließ er das Mädchen auf den staubigen Boden fallen.

Mira wagte nicht, ihren Blick zu heben. Die beiden Erwachsenen standen über ihr. Niemand sprach ein Wort. Mira kam es vor wie eine Ewigkeit, bevor Walli das Wort an ihr Gegenüber richtete. Mit leiser Stimme zischte sie:

„Nimm das, für deine Tochter. Wir werden uns nicht mehr sehen!“

Der Fremde nahm das kleine Leinensäckchen entgegen, grüßte lautlos und ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Eine ganze Weile blickte Walli still auf Mira, die immer noch zusammengekauert auf der Erde hockte und starr zu Boden blickte.

Fieberhaft überlegte Mira, wie sie Walli ihr Verhalten erklären sollte, aber es fiel ihr kein plausibler Grund ein. Sie fühlte sich von diesem Ort und Wallis Tun magisch angezogen. Doch das durfte sie ihr auf keinen Fall sagen. Nicht nach heute, nicht nach dem Gespräch, das sie belauscht hatte. Angst überkam sie. Hatte der Fremde die Drohung ernst gemeint? Aber Walli war doch keine Hexe, oder etwa doch? Nein. Walli war eine sehr kluge und eigensinnige Frau. Liebevoll hatte sie die Mutterrolle übernommen, als Miras und Karls leibliche Mutter Ursula drei Jahre nach Geburt ihrer Kinder wieder zunehmend an ihrer Geisteskrankheit litt, sich für nichts mehr um sie herum interessierte und resignierend in den Tag hineinlebte. Walli hatte die Kinder zur Selbstständigkeit erzogen. Sie hatte ihnen beigebracht, ihren Verstand zu gebrauchen, für begangene Taten Verantwortung zu übernehmen und zu ihrem eigenen Denken zu stehen. Und nun hatte Walli Mira dabei ertappt, wie diese sie hinterging, ihr nachspionierte und sie belog. Das hatte sie nicht verdient. Mira liebte Walli wie eine Mutter. Ja, sie liebte Walli noch mehr als ihre leibliche Mutter. Sie schätzte sie und hatte Respekt vor ihr. Eine dicke Träne rollte Mira über die Wange. Schnell wischte sie sie aus ihrem Gesicht. Zumindest jetzt musste sie zeigen, dass Walli ihr nicht zu Unrecht vertraut hatte. Mit zitternden Knien stand Mira auf. Sie straffte ihre Schultern, warf ihren Kopf in die Höhe und suchte Wallis Blick. Dann sprach sie mit fester Stimme:

„Weder entschuldige ich mich, noch tut es mir leid, dass ich dir gefolgt bin, Nacht für Nacht, denn ich wollte es so. Aber es tut mir leid, dass ich dich hintergangen hab. Das wollte ich nicht … niemals! Walli, ich weiß, was ich getan hab, und …“

„Nein, nein, das weißt du nicht.“

Überrascht stellte Mira fest, dass Walli nicht verärgert war. Vielmehr liebevoll und gleichsam besorgt legte ihre Ziehmutter Mira eine Hand auf die Schulter. Stumm forderte sie das Mädchen auf, sie zu begleiten. Die beiden gingen ein paar Schritte.

Plötzlich blieb Walli in der Mitte der Lichtung stehen. Der Wind hatte aufgehört zu wehen und der Mond schien hell auf die beiden herab. Eine eigentümliche Stille legte sich um sie. Leise sprach Walli: „Ich bin besorgt um dich, denn du weißt nicht, auf welche Gefahr du dich einlässt.“

„Ich möchte von dir lernen. Lehr mich alles, was du weißt. Ich möchte …“

„Die Zeiten haben sich geändert, Mira. Früher haben uns die Menschen geachtet und uns vertraut. Sie kamen zu uns, wenn sie Hilfe brauchten, sie kamen zu uns in ihrer Not.

Heute machen sie uns für alles Übel verantwortlich, weil sie ängstlich und unbeholfen sind.“

„Dann … bist du eine Hexe?“

Walli lachte: „Nein, nein, ich bin keine Hexe. Ich weiß nicht, ob es Hexen gibt. Ich bin jedenfalls noch nie einer begegnet“. Ihre Stimme wurde ernst: