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Stellen Sie sich vor Sie wachen auf und sind tot. Oder anders rum. Wie auch immer und dann wird's schlimmer. In ihrem Gedächtnis klaffen große Lücken. Sie befinden sich allein mit einem Putzroboter auf einem Raumschiff, wissen aber nicht, wie man sowas fliegt. Sie stranden an einem Raumhafen, werden aufgrund fehlender Einreisedokumente illegaler Immigrant, verlieben sich ausgerechnet in den Beamten vom Immigrantenamt und Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als eine fremde Welt zu retten, weil sie wieder nach Hause wollen. Genau das passiert Kari, die eigentlich nur einen Teppich an der Bauruine des Berliner Flughafens abliefern will und in einem Abenteuer aufwacht voll von Action, Liebe und Humor.
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2015
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So war es also tot zu sein. Es war stockdunkel, ich konnte mich nicht bewegen, mir war kalt, mein Magen knurrte und ich brauchte dringend einen Kaffee. Das waren eine Menge Bedürfnisse für einen Toten. Ich dachte immer, Energieversorgung wäre dann kein Thema mehr. Jetzt fing auch noch die rechte Hand an zu brennen. Verfickte Scheiße, vielleicht gab es doch eine Hölle, hätte ich mal sparsamer geflucht. Das Brennen und Kribbeln wurde immer stärker und jetzt verkrampfte sich die Hand auch noch. Immerhin doch nicht gelähmt. Im Krampf umfasste meine tote Hand eine Art Schalter und es machte pfffft. Das Licht ging an und mein Sarg öffnete sich. Eine pseuoderotische Stimme wie aus einem Navi tönte viel zu laut: „Stasis-röhre geöffnet. Tiefschlafphase beendet. Temperatur 35 Grad steigend. Blutdruck 90 zu 50 steigend. Wenn möglich, bitte Coffein zuführen.“
Das Licht war viel zu hell. Ich hatte keine Ahnung, wo der Lichtschalter war. Im Grunde hatte ich nicht mal eine Ahnung, wo ich war, warum ich war und wer ich war. Offenbar ging momentan eine Menge schief in meinem Leben. Offenbar war ich doch nicht tot. Ob das gut oder schlecht war, wusste ich auch nicht. Noch nicht. Aber ich nahm mein Leben jetzt in die Hand und erhob mich schwankend.
Eine geöffnete Stasis-röhre, ein Stapel Kleidung, eine Kaffeemaschine. Da fiel die Wahl leicht und schwankend erreichte ich die Maschine. Schwach blau leuchtete das Display: Sequenz starten:----. Mir gefiel all das nicht. Passierte das gerade? War das wirklich? Auf einem interstellaren Raumgleiter zusammen mit einer Kaffeemaschine, für die man eineSequenz starten musste?Aber auch wenn das Erinnern schwer fiel, Raumschiffe gab es meines Wissens noch nicht. Verfickt!
Ich gab ohne Zögern „verfickt“ als Sequenz ein. „Initialisiere Wahlprogramm“ erschien sogleich. Ich durfte zwischen 136 Sorten wählen und 25 Zubereitungsarten. Da ich mir aber sicher war, dass sie alle gleich schmeckten, wählte ich die 1 und es ergoss sich etwas, das nach lauwarmen Öl duftete in einen klebrigen Becher, aber es war heiß und es wirkte und erinnerte mich an Zeiten, als ich noch lebendig war. Zumal ich jetzt dringend mal ein Klo suchen musste. „Ziehen wir uns halt mal den Stapel Kleider an, der da seit wer weiß wie vielen Lichtjahre liegt und entsprechend muffig riecht.“, sagte ich laut zu mir selbst, mir Mut machend.
Der Stasisröhrenraum war schmucklos. Außer der Röhre und der Kaffeemaschine gab es nur noch einen kleinen Putzroboter, der unermüdlich über den Boden, die Wände und die Decke wieselte, wobei er mit seinen acht Beinen umständlich über die zahlreichen im Raum drapierten Kabelstränge hangelte und darunter, dazwischen, darüber interstellaren Sternenstaub aufsaugte. Ich fragte mich, ob er all die Jahre diese Arbeit verrichtet hat oder wie jeder guter Angestellter, erst bei Bewusstwerden des Chefs damit anfing. Seine Akkuladeleuchte zeigte 80 %. Ich tippte auf einen hochentwickelten menschlich-künstlichen Intelligenzchip.
Ich konnte mich immer noch nicht erinnern. Gab es autonom handelnde Roboter? Vielleicht ein Filmset? Aber was war schiefgegangen, dass mein Name und der Weg zur Toilette ein Mysterium blieben. Es gab aber nur eine Tür, was die Suche vereinfachte und dahinter wartete sicher der Rest des Schiffs oder des Filmstudios und der Crew. In Erwartung eines 500 Meter langen gebogenen Ganges mit sinnlos hin und her wandernden Besatzungsmitgliedern oder Schauspielern, riss ich schwungvoll die Tür auf. Sie rührte sich nicht. Stattdessen erschien ein schwach blau leuchtendes Display: „ID-Karte hier vor halten.“
Panisch durchsuchte ich meine Kleidung. Nichts. Da fielt mein Blick auf den harmlos arbeitenden Putzroboter: Wo ging er hin, wenn er voll war? Da half nur eins: weitere Kaffeeeinheiten ziehen. Mit Coffein kann man sich nebenbei jeden Tag schön trinken. Bei Einheit 20 bekam ich langsam gute Laune und eine sehr volle Blase. Bei Einheit 21 ertönte ein Warnsignal und die Kaffeefilterrestebox sprang auf, das Display zeigte hektisch blinkend: „Bitte reinigen!“ „Na also, du mieser kleiner Putzkamerad, schau mal, was das für eine Riesensauerei ist, wenn hier gleich ein Berg feuchtes Kaffeemehl auf dem Boden liegt!“, säuselte ich in den Raum. Das Geräusch des auf den Boden klatschenden Mehls fuhr den Genossen geradezu in die Hydraulik und seine kleinen Metallbeinchen erzeugten ein fast wütendes Geräusch, als er sich dem Ungeschick zuwendet. Fünf Minuten später hatte er 80 Prozent aufgesammelt, der Akku war 80 Prozent leer, und der Tank voll (wahrscheinlich nur zu 80 %). Ich nannte ihn Fred Achtzigprozent. Er schleppte sich zur Tür und einmal über das Display, er durfte raus, ich schaffte es gerade noch so durch den Spalt.
„Wie sieht’s denn hier aus!“ schimpfte ich mit meinem Inneren und in Freds Richtung. Eine Art Brücke-Schlaf-Kochnische-Ein-Raum-Studio, welches in einem heillosen Durcheinander begraben ist, offenbarte sich. Fred Achtzigprozent kannte sich hier aus und wetzte schnurstracks auf seine Ladestation zu. Er klinkte sich ein, atmete tief aus und dockte seinen Rüssel an dem Gegenstück der Ladestation an. Sogleich begannen die beiden ihre Körpersäfte auszutauschen. Dreck und Kaffeesatz schlürfte in einem fast erotischen Stöhnen in den stationären Teil. Ich verfolgte das Rumoren in den Schiffsinnereien fasziniert mit den Augen und fand am Ende eine offene Tür. Das konnte, musste die Toilette sein und entschied mich, sie als solches umzudefinieren, wenn sie es nicht sein sollte. Sie war es.
Endlich konnte ich wieder klar und ohne Druck denken.
Von der Filmszene nahm ich zusehends Abstand. Neben der Klotür befand sich ein weitere Tür, die ich fast übersehen hätte, da sie mit gelbgestreiften Bändern sinnlos über und über beklebt war. Möglicherweise wurde sie nur von dem Klebeband zusammengehalten. Eine Stelle war ausgespart, dort befand sich der kleine Bildschirm auf dem ein Bildschirmschoner lief, kleine Pixelmännchen in Raumanzügen, die ziellos durchs Weltall drifteten, verfolgt von einem Schriftzug: Luftschleuse nur betreten, wenn Sie das Schiff sicher verlassen können. „Was ist schon sicher?“ grübelte ich, „Der Weltraum da draußen oder dieser Schrottplatz hier drin?“
Neben der Tür war Freds Ladestation, er genoss sichtlich seinen Energieschub. Gleich anschließend die menschliche Ladestation: eine Mikrowelle und ein Schrank mit Astronautenfutterpackungen. Ohne Zögern griff ich das oberste, Mikrowellenpopcorn, riss den Beutel auf und streute den Inhalt in eine Schale, die schon mit etwas Klebrigen versehen bereits in der Mikrowelle wartete, die ihrerseits schon sauberere Zeiten lange nicht mehr gesehen hatte. Ich warf Fred einen strafenden Blick zu, ich war mir nicht sicher, ob er Spracheingabe hatte oder auf dem Sensor taub war, sagte aber zu Sicherheit: „Hier muss mal klar Schiff gemacht werden!“
Gegenüber dem Kochstudio befand sich eine sehr schmale Pritsche mit Haltegurten an der Wand. Vielleicht war ich müde gewesen, hatte aber der viel bequemeren Stasisröhre den Vorzug gegeben. Die musste sich aktiviert haben, sobald ich einmal drin lag. Damit ging wohl ein Autopilot an und hat mir liebevoll ein Urlaubsziel weit, weit weg ausgesucht. Ein Wunder dass ich überlebt hatte, ohne jemanden in der Nähe, der sich mit Stasis auskennt. Das könnte zumindest den großflächigen Gedächtnisverlust erklären. Oder das Alter. Oder der Alkoholgenuss. Vielleicht war es aber auch ganz anders gewesen. Oder es war doch eine versteckte Kamera irgendwo. Oder ich war doch tot. Nichts von all dem gefiel mir wirklich.
Ein heulender Ton riss mich aus der Ursachenforschung, untermalt von einer knarzenden Tonlage: „Näherungsalarm. Erbitte Instruktionen. Option A: unter Beschuss nehmen. Option B: Grußbotschaft übermitteln. Option C: vorbeifliegen. Alle drei Optionen sind kombinierbar. Näherungsalarm. Erbitte Instruktionen...“ Jetzt war schnelles Handeln gefragt, die Geräuschbelästigung strapazierte meine gerade erst erweckten Ohren. Ich stolperte Richtung Kommandotisch. Konsole? Bildschirm? Wo war die Tastatur, überall war eine dicke Staubschicht.
„Fred, zur Hölle, werd' endlich fertig und mach‘ dich nützlich!“ Mir war egal, ob er verstand oder seine Sensoren das Beben spürten beim Umwerfen des Commanderstuhls, den ich vor Wut in seine Richtung warf. Unweigerlich zuckte ich zusammen, als aus Richtung Ladestation Antonio Banderas Stimme sich erhob: „Ich bin erst zu 80 % geladen.“ Wer hatte sich wohl was dabei gedacht, Fred diese Stimme zu geben, einem Putzroboter.
„... Option A: unter Beschuss nehmen…“ Das musste ein Ende haben, ich wich ein Schritt zurück und stolperte über den Teppich. Teppich? Seit wann gibt es Teppiche auf Raumschiffen? Eine Brücke auf der Brücke, sehr originell, leider stieß ich mir dabei den Kopf an einer dumm rumliegenden Sauerstoffflasche. In der Krise wohnt die Chance und der Kopfstoß brachte mich auf die Idee, den Staub mit Hilfe der Druckluft weg zu pusten. Wer braucht schon Sauerstoff. Sekunden später war die Tastatur brauchbar, alle Post-Its und Handbücher aus dem Weg geräumt und ich drückte feierlich B. „Sie haben B gewählt, wollen sie wirklich B, dann bestätigen.“ Ich fragte mich, ob er bei A auch eine Bestätigung verlangt hätte, wollte es aber lieber nicht ausprobieren. Stattdessen versuchte ich nun erstmals heraus zu finden, was ich da überhaupt begrüßt habe. Da nun aller Ballast vom Tisch entfernt war, konnte man alle wichtigen und unwichtigen Schalter, Hebel und Anzeigen tatsächlich erkennen. Leider waren nun die erklärenden Zettel alle unauffindbar. Das Universum ist im Detail reziprok chaotisch. Ein großer blauer Knopf mit einem Kamera-Icon drauf schien mir intuitiv zugetan und so drückte ich ihn in der Hoffnung, dass es nicht Option A ist. Tatsächlich erschien vor mir an der rundlichen Wand ein Bild, entweder ein guter Film oder die Außenkamera.
Von rechts schob sich ganz langsam und leicht rotierend etwas Dunkelgraues vor den Sternenhintergrund und auf einmal konnte man da und dort einzelne Lichter erkennen. Die Kamera drehte sich auf das Objekt meines Interesses behutsam zu oder mein Schiff änderte die Flugbahn. Ich hatte wohl nicht alles im Griff und fing gerade an den nächsten Knopf auszusuchen, als sich die knarzende Stimme meldete: „Unser Schiff wurde von einem Traktorstrahl eingefangen. Folgende Nachricht wurde übermittelt: Sie haben unser Hoheitsgebiet verletzt und werden unverzüglich zur nächsten Dockingstation begleitet. Verlassen Sie dort das Schiff und leisten Sie keinerlei Widerstand!“
Gut, dass ich das mit dem Klo erledigt hatte, schlecht, dass ich überhaupt keinen Schimmer hatte, was nun zu tun war. Mutlos drückte ich auf die Taste, auf die jemand ein kleines Smiley mit rausgestreckter Zunge geklebt hatte. Es öffnete sich ein Fenster auf dem Bildschirm mit der Überschrift Universal-Commander-Help. Ich tippte ein:
F: Wie lautete unsere Grußbotschaft?
A: Aus dem Weg, wir haben es eilig. Das war die erste in der Grußdatenbank.
F: Wie kann ich mit den Wesen dort reden?
A: Sprache lernen.
F: Alternativvorschlag, der schneller geht?
A: USTIs, Universal Simultan Translation Instrument hinter das Ohr klemmen, oberste Schublade.
F: Und wie verstehen DIE mich?
A: DIE haben das auch, alle haben das, die interstellar reisen und auf Raumhäfen arbeiten.
F: Kann ich da überleben oder was ziehe ich an?
A: Wir befinden uns im Planetensystem des Roten Zwergs Gliese 581, Die Bedingungen auf Gliese 581 sowie dieser im Orbit befindlichen Raumstation sind erdähnlich, Außer einer um ca. Faktor 2,2 erhöhten Schwerkraft. Es ist kein Raumanzug notwendig. Die Schwerkfraftkompensatoren in den Schuhsohlen ermöglichen einfache Fortbewegung. Diplomatischer Vorschlag wäre eine Ultraschalldusche vor Verlassen des Schiffes. Diese befindet sich in der Toilette, blauer Schalter.
Na bitte, man musste nur wissen, wo man draufdrücken muss, schon war alles ganz leicht. Insgeheim hoffte ich aber, dass niemand davon jemals erfuhr, dass ich die Hilfetaste gedrückt hatte. Mit so einem Makel ist man heutzutage nicht mehr gesellschaftsfähig.
Den USTI fand ich tatsächlich in einer Schublade und klemmte ihn hinters Ohr. Die Ultraschalldusche hatte ich vorhin übersehen, sie war sehr platzsparend in eine Ecke eingelassen. Innen die angesprochene blaue Taste neben einem Schild: „Kleidung anlassen, Tür schließen“ Das klang in der Anwendung simpel, also nichts wie rein. Kaum hatte ich den Knopf gedrückt, strömte eiskaltes Gas in die Zelle, das sich aber so anfühlte wie eine gelartige Flüssigkeit und mich nicht mehr atmen ließ, gleichzeitig liefen tausende Ameisen überall auf meinem Körper, so dass ich ohnehin nicht mehr ans Atmen dachte und gerade als ich richtig dolle Panik bekam, hörte der Spuk auf, das Gas wurde abgesogen, die Tür sprang auf und diesmal war ich wahrhaft neugeboren.
Nun war ich aber gespannt, welche Überraschungen dieser kleine Raumhafen für mich bereithielt. Zunächst eine weitere Grußbotschaft, die mir die Kommandozentrale vorlas: „Docking Vorgang abgeschlossen. Verlassen Sie umgehend Ihr Schiff. Sie haben 23 Sternsekunden“.
Sternsekunden? Bisher kannte ich Sternstunden, aber die auch nur vom Hörensagen. Das klang aber nicht nach dem Anfang einer solchen und ich näherte mich flugs der Luftschleusentür. Das blaue Display funkelte mich dominierend an: „ID-Karte hier vor halten.“. Damit hatte ich irgendwie gerechnet. Ich schnappte mir Fred rücksichtslos von seinen Schnittstellen weg und hielt ihn vor das Display. „Du bist meine Zu-, Aus- und Eintrittskarte. Du musst mitkommen, endlich hast du mal eine wichtige Aufgabe!“ Fred war allerdings eher der Freelancer, der Eierschaukler, wenn er welche hätte. So nörgelte er: „Ich hab erst 80 % geladen.“, war aber bereits mit mir in der Schleuse und gemeinsam sahen wir gespannt dem Öffnen der Außentür zu.
Gleißend neongrünes Licht traf schmerzhaft meine Augen und noch ehe ich etwas identifizieren konnte, hörte ich erstmals grollendes Gebrüll direkt über mein USTI: „Waffe weg! Hände über den Kopf!“
Klang irgendwie lustig, alle Stimmen gleichartig übersetzt, aber im Hintergrund als verworrenes Geräuschkonglomerat. Ich versuchte, ernst zu entgegnen: „Das ist keine Waffe, das ist meine Akkreditierung!“ Ich setzte Fred vorsichtig ab, der sich zum Glück nicht bewegte. Langsam konnte ich Wesen im Licht erkennen, fünf oder sechs recht beeindruckende, gepanzerte und vermummte Gestalten, die mich mit etwas Rundlichem ganz offensichtlich bedrohten: „Hände über den Kopf! Alle vier!“
Ich war mir sicher, dass sie mit dem runden Ding mein ganzes Schiff pulverisieren könnten, aber ich hatte nun mal nicht vier Hände.
„Ich habe nur zwei!“ schrie ich verzweifelt zurück.
Der Oberbulle schaute skeptisch: „Sind Sie verletzt? Was ist mit den anderen beiden passiert?“
Jetzt erst erkannte ich, dass in dieser Bullenparade tatsächlich jeder vier Arme hatte. „Alles in Ordnung. Ich wurde so geboren. Ich komme in Frieden!“, sagte man so was nicht in solchen Momenten?
„Das entscheiden wir. Los mitkommen jetzt!“ Ich wurde in die Mitte der Mannschaft genommen und Fred musste es sich gefallen lassen, in eine Art Sack gesteckt zu werden. „Wo bringen Sie uns denn hin?“, zaghaft versuchte ich, mit etwas Smalltalk die Stimmung aufzuhellen.
„Quarantäne, Gesundheitscheck, Zollkontrolle, Immigrantenamt, Arbeitslager, uns fällt schon was ein.“ Das waren nicht gerade erfreuliche Aussichten, aber momentan konnte ich nur versuchen, Schritt zu halten. Wir durchquerten gefühlte zwei Kilometer gewundene Gänge. Es kam mir vor, wie in den Eingeweiden eines metallischen dunkel-grünlich schimmernden Hinterteils.
Als ich schon kaum mehr gehen konnte und die Schwerkraftkompensatoren verfluchte, die wohl eine Fehlfunktion hatte, wurde auf einmal aus dem dunkel- ein hellgrüner Schein, wir durchschritten ein riesiges Portal mit vielen verschnörkelten Zeichen oberhalb. Gleich dahinter tat sich ein dem Portal nicht angemessener winzige Raum auf, der aber rundum mit schimmernden Ornamenten in allen Grüntönen verziert war. Alles sah sehr kostbar und edel aus, wie Edelsteine oder ein seltsames Metall. Der Fußboden funkelte und knistert leise beim Betreten. An einer Wand stand eine kleine Theke mit zwei Wesen dahinter. Zum ersten Mal sah ich die Einheimischen ohne Rüstung. Vielleicht war ich der erste Mensch, der sie sah. Vielleicht war ich der erste Mensch, den sie sahen. Mein erster Eindruck war, mein Gott es sind grüne Männchen. Zuerst hielt ich es für eine Täuschung, weil hier alles in diffusem Grün getaucht war, aber ein Kontrollblick auf mich selbst zeigte, wie farblos man auch hier sein kann. Ihre Haut war unbehaart, wirkte aber wie Samt. Glatt, grün, mit einem samtigen bronzefarbenen Schimmer. Der Kopf hatte die Züge eines Frosches, was wohl daher kam, dass die haarlose Form mehr breit als lange war und dominiert wurde von einem breiten Mund mit schmalen Lippen, zwei Nasenlöcher und mehreren Ohrlöchern. Die beiden recht kleinen Augen glänzten gelbgrün. Sie waren ohne Rüstung deutlich kleiner als die Bullen, aber immer noch ein gutes Stück größer und kräftiger als ich.
„Wo sind wir hier?“ war das dümmste was ich zum Besten geben konnte, aber angesichts der überwältigenden Atmosphäre, bekam ich den Mund nicht zu vor Staunen.
„Immigrantenamt, steht doch da übern Eingang.“, meinte der Fredträger, drückte mir den Sack in die Hand und stieß uns Richtung Theke. „Das war der kürzeste Weg und wir wollen schließlich heut noch Feierabend haben.“
Klang vernünftig und von allen genannten möglichen Zielen auch am harmlosesten. Entschlossen ging ich einen Schritt vor zur Theke: „Hallo, ich komme in Fr…“
Mit einer einzigen Bewegung schnellte der Wachmann herum und schubste mich wieder zurück: „Niemals. Wirklich niemals die grüne Linie überschreiten. Es sei denn, es ist ausdrücklich erlaubt worden.“
Tatsächlich, da war eine grüne Linie in ca. 50 cm Abstand vor die Theke auf den Boden gemalt. Erschrocken und trotzig zugleich verteidigte ich mich: „Bei uns bedeutet grün: erlaubt, gehen, gut…“
Amüsiert musterte mich das eine Thekenwesen: „Dann sind wir also die Guten.“
Das andere Thekenwesen verzog die Lippen und gluckste, was mein Übersetzer nicht erfassen konnte, vielleicht war es ja eine Art Lachen. Fein, dann war der Bann ja gebrochen und ich schob hinterher: „Und rot bedeutet: stopp.“.
Jetzt begann der eine noch lauter zu glucksen: „Da hörst du’s Krk!“- Krk oder so ähnlich, eine wilde Sammlung von Konsonanten, offenbar ein Name, den mein Übersetzer so stehen ließ. Ich merkte mir die Abkürzung Krk. Mein erstes Alienwort. Gluckser lieferte sichtbar belustigt eine Erklärung: „Bei uns ist fast alles grün, also nichts anfassen, auch uns nicht, ist das klar? Wenn man sich länger kennt, kann man schon mal etwas rot zeigen, das werden Sie hier aber sicher nicht sehen.“
Erst wollte ich nicken, fragte mich aber, ob in der Kultur dieser Wesen Nicken auch ja bedeutet. Das andere Wesen schnalzte mit seiner Zunge – vermutete ich: „Nennen Sie uns nicht immer Wesen, wir sind Zartroster und wir haben die Kultur erfunden.“
„Sie lesen meine Gedanken?“, ich war verunsichert. „Nur in Ausnahmefälle und nur mit Genehmigung.“ Krk holte eine Tafel wie ein Laptop mit jeder Menge Schnörkel im Display hervor. „im Übrigen stelle ich hier die Fragen, ich bin Ihr Verhörbeamter.“
„Name?“
„Vergessen.“
„Herkunft?“
„Erde, Deutschland.“, endlich wusste ich einmal eine Antwort. „Das ist in der Milchstraße. Das Sonnensystem befindet sich zwischen Perseusarm und dem Sagittariusarm, in einer lokalen Abzweigung, dem Orionarm.“ Astronomie hatte mich schon immer interessiert, daran konnte ich mich erinnern.
„Wir wissen wo der Planet liegt, den Sie Erde nennen, wir haben schließlich das gesamte Universum kartographiert. Außerdem haben wir einen Botschafter hier von der Erde.“
Oh, das waren gute Nachrichten, der Botschafter wird alle meine Unannehmlichkeiten klären: „Fein, darf ich ihn treffen?“
„Wir sind hier noch nicht fertig. Zett oder Mett?“ Mein Übersetzungsimplantat musste einen Fehler haben. „Nein, danke“, war die höflichste Antwort, die mir einfiel. Er schaute nicht amüsiert und forderte mit Nachdruck: „Zett oder Mett? Mit oder ohne Reproduktionsfunktion?“ Es klang nach Essen, also versuchte ich es mit: “Ich nehme das gleiche wie Sie.“ Der zweite Zartroster schaltete sich ganz deutlich belustigt ein: „Zett kriegt die Kinder, Mett macht sie, klar, Vergessen?“
„Dann schreiben Sie bitte rein: weder-noch. Ich kriege keine Kinder und mache keine. Und ich heiße nicht Vergessen, ich habe meinen Namen vergessen. Außerdem brauche ich dringend einen Kaffee und was zu essen, Energie!“
Jetzt gluckste Krk auch und nestelte in seinen Taschen, von denen sein metallisches Outfit hunderte hatte. Schließlich holte er aus einer der Öffnungen ein zylinderförmiges Ding heraus, das fast wie eine AA-Batterie aussah und reichte sie mir: „Lutschen! Das ist Energie“ Keine Ahnung ob das genießbar war, aber wenn die hier einen Botschafter von uns haben, sollten sie ja wissen, was Erdlinge essen können, also steckte ich das Ding mutig in den Mund. Nun brachen die beiden in lautes Gluckgelächter aus. Krk holte eine weitere Batterie hervor und auf einmal schnellte aus seiner Hand zu den drei Fingern und Daumen eine Art Kralle hervor, mit der er geschickt an der Außenhülle lang fuhr, so dass die durchsichtige Hülle abplatze und zu Boden fiel. Das entpackte Zäpfchen steckte er sich den breiten Mund quer rein. Mein Blick wandert zum Boden. Das was ich eben noch für glitzernde Kristalle gehalten hatte, waren tausende Batteriehüllen! Ich versuchte nun, meine auf zu bekommen. Mist, kein Aufreissfaden. Keine Kralle. Amüsiert schauten die beiden zu. Ich lenkte sie ab: „Was seid Ihr denn, Zett oder Mett?“
Krk war sofort wieder bei der Sache: „Ich stelle hier die Fragen.“ Allerdings konnte sich der Beisitzer nicht beherrschen und klärte entrüstet auf: „Na ich bin natürlich eine Zett, ich habe doch viel weniger Ohrlöcher. Und auch sonst habe ich einiges zu bieten.“ Logisch geschlossen musste also Krk, der als Vergleichsobjekt herangezogen wurde, ein Mett sein. Das Weibchen machte Anstalten sich zu erheben und zu präsentieren, was es noch unter dem Tisch hatte. Krk bekam einen Hauch rote Farbe um seine vielen Ohrlöcher und ich beeilte mich jetzt aus der Balz rauszukommen, indem ich es abkürzte: “Ich bin auch Zett, ich hab sogar nur 2 Ohrlöcher!“ Krk malte einen Schnörkel auf sein Display.
„Name?“
„Ich weiß ihn immer noch nicht. Nennen Sie mich doch irgendwie.“
„Leute wie Sie nennen wir Zitronen.“
Ich machte eine kurze Denkpause und versuchte mich zu erinnern, wie man den Übersetzer bediente, der musste einen Fehler haben. Aber wenn ich jetzt genau das Wort nochmal nachspreche, dann wird vielleicht ein Schuh draus: „Zitrone?“ „Nein. Zitrone ist falsch übersetzt, es soll heißen die oder der, die oder der keine Kultur hat.“ Das war ja abgefahren. „Handeln Sie mit Zitronen?“ „Nein.“ „Auch nicht wenn sie grün sind?“ „Nein.“ „Leute, die nicht mit Zitronen handeln, auch nicht wenn sie mit grünen Zitronen handeln…“ Krk malte zwei Schnörkel, Das Zett schaute ins Leere und meinte: „Ich hab schon mal eine Zitrone gegessen.“ Langsam machte die Frau mir Angst. Nervös nestelte ich an der Batterieverpackung rum.
„Welche Sachen führen Sie mit sich?“
Ich steckte die widerspenstige Energiepackung erst mal weg und hob den Sack mit Fred hoch: „Der Sack gehört mir nicht.“
Krk schaute böse: „Da sagen immer alle.“
Dies könnte die lange, schmerzhafte Geschichte der Missverständnisse zwischen den Kulturen und Nicht-Kulturen in den Weiten des Weltraums werden. Aber wer will das schon lesen, so geht’s ja auf Erden in nahezu jeder Ehe zu. Also zog ich den wehrlosen Fred raus: „Das ist Fred, mein Putzroboter und Türöffner, er wurde von einem Sicherheitsbeamten dort rein gesteckt.“
„Einschalten!“ Ich setze Fred wieder auf den Boden inmitten der glitzernden Energieverpackungen: „Los Fred, putz das weg!“
Aber Fred rührte sich nicht: “Ich bin zu 80 % voll Dreck und mein Akku 20% leer“
Krk schnellte vom Sitz hoch und zeigte mit allen vier Armen auf Fred: „Das ist der Kater vom Shrek! Der Erd-Botschafter hat mir den Film geschenkt! Herzlich willkommen Kater! Im Film sehen Sie etwas anders aus, ich habe Sie nicht gleich erkannt.“ Und zu mir gewandt fügte er etwas weniger enthusiastisch dazu: “Das hätten Sie ja auch gleich sagen können, dass Sie einen berühmten Schauspieler begleiten.“
Fred war einmal mehr Türöffner. Erst mal wollte ich es dabei belassen. Sollte Fred doch selbst widersprechen. Ob er wohl auch den Energieblock aufbekam?Ich wollte die Gunst der Stunde nutzen: „Fred kannst du das auf machen?“ und reicht ihm die Batterie.
Zu meiner Verwunderung nahm sie Fred geschickt in seine zwei vorderen Beinpaare, drehte sie dreimal und zog sie dann an seiner Unterseite lang, so dass mit einem Ritsch die Hülle aufging und abfiel zu all den anderen. Die entblößte Zelle saugte er umgehend in seine Putzröhre und die Akkuanzeige sprang auf 30 %. „Der Kater möchte noch 7 Stück davon, bitte!“ warf ich als Bestellung über den Tresen.
Krk schmiss mir ohne zu zögern eine weitere zu und ich reichte sie an Fred weiter. Diesmal passte ich aber auf und fingerte die entpackte Energiebombe in dem Moment aus seinen Fängen, bevor sie im Rohr verschwand. „Mierda puta“, fluchte Fred und Krk schaute interessiert, sein Übersetzer war offenbar besser als meiner. Gleichgültig schob ich mir das Ding auf die Zunge, es war glatt und geschmacklos. Ich zögerte einen Moment zu lang mit dem Schlucken. Die harmlose Kapsel wandelte sich zu einer explosiven Mischung wie Cola und diese Pfefferminzbonbons. Schaumartige Masse kam mir aus Nase, Mund und Ohren raus. Fred zückte sein Rohr und sog begierig alles ein. Die Verhörbank klatschte Beifall und Krk klärte auf: „Sofort schlucken, die Magensäure dämpft die Reaktion und ich habe mir sagen lassen, auch Erdlinge haben Magensäure.“
Er reichte mir noch eins, diesmal sogar ausgepackt und warf Fred auch noch eins zu. Mutig schluckte ich es sofort und spürte ein leichtes angenehmes Kribbeln im Bauch. Dann überall sich ausbreitend und schließlich im Kopf, ich war schlagartig hellwach und begierig, voller Ideen, Sachen zu erfinden.
„Grund des Aufenthalts?“
Mit dem Kopf voller Ideen hätte ich mir eine schöne Geschichte ausdenken können, war mir aber nicht sicher, wie lange die Wirkung anhielt und dann würde ich möglicherweise abrutschen ins Unglaubwürdige. Kurz ich fand inzwischen die beiden so nett, dass ich sie gar nicht belügen wollte. Allein, was war mein wirklicher Grund? Warum war ich aufgebrochen? Ich wollte meinen Heimatplaneten entfliehen, von dem ich die Schnauze voll hatte. Zugangsberechtigungs-beschränkungen zu uns selbst. Behörden für und gegen innere Angelegenheiten. Gefängnisse die jeder um sich errichtet, Gitterstäbe aus Moral, Status und Lieblosigkeit. Nach und nach fiel mir wieder vieles ein. Das konnte ich nicht sagen. Sollte ich tatsächlich Depression und Enttäuschung im Gepäck haben, durfte ich sie nicht auf diese Raumstation loslassen. Krk wurde langsam ungeduldig. Aber statt auf dem Tisch zu trommeln, schnellte seine dünne längliche Zunge raus und rollte sich wieder ein. Raus und rein. Das Weibchen schaute dabei interessiert auf die Zunge. Einstweilen entschied ich mich für: „Ich begleite den ‚Kater‘ Fred, der alle Orte besuchen wollte, wo man seine Filme gesehen hat.“ Und eilige fügte ich hinzu: “Auf der Suche nach Inspiration für neue Filme, die er in fremden Kulturen vermutet. Dass er nun zur Quelle der Kultur gefunden hat, muss ihn tief bewegen.“ Fred blieb ruhig, er durchsuchte wohl seine Antwortdatenbank nach einem passenden Fluch.
Krk war nun plötzlich ganz umgänglich. Er fühlte sich ganz deutlich geschmeichelt, dass ein berühmter Schauspieler quasi seinetwegen durchs Universum fährt, auf der Suche nach der Quelle der Kultur. Eifrig malte er Schnörkel auf sein Display, holte dann unterm Tisch eine kleine Karte hervor, die er mir rüber reichte. Sie funkelte grün holografisch, war mit zahlreichen Zeichen verziert, mitten drin ein Foto von mir und Fred als er gerade den Schaumunfall aufsaugt. „Das ist das Visum für 3 krrkgrrische Einheiten. Es gilt nur für Sie beide, Sie dürfen nicht alleine unterwegs sein.“
Dann warf er noch zwei ausgepackte Batterien übern Tresen für mich und Fred. Ich schluckte meine sogleich begierig, es kribbelte wie erwartet, aber die intelligenzfördernde Wirkung blieb aus. Misstrauisch beobachtetet ich Fred, der das Ding mit seinen Sensoren untersuchte und dann auf den Tresen zurück warf. „Schlauer Kerl!“ sagte Krk. Das bedeutete wohl, ich hatte wieder mal was falsch gemacht. „Er muss sie trotzdem nehmen, es ist ein Breitbandantibiotikum, das alle Bakterien tötet, die uns gefährlich werden könnten, erspart Ihnen die Quarantäne.“ Die Medikamentenpackung landete erneut bei Fred und diesmal saugte er sie gefühllos wie den ganzen Müll auf. Ich war froh, dass er sich einen Kommentar ersparte und wollte nun endlich was unternehmen.
Entschlossen drehte ich mich um und ging einen Schritt Richtung Ausgang. Schon donnerte abermals die Stimme von der Theke im Tonfall Verhörbeamter: „Wo wollen Sie denn hin? Sie dürfen doch nicht die grüne Linie überqueren!“ Was zur… tatsächlich durch das glitzernde Abfallfolienbodenmeer zeichnete sich deutlich eine grüne Linie ab, besser gesagt ein grünes Rechteck um mich rum, oder die Linie erschien immer genau da, wo ich meinen Blick hinlenkte. So faszinierend wie entwürdigend beobachtete ich das Spiel der Begrenzung, indem ich auf der Stelle tanzte und ein paar amüsante Bewegungen vorführte, bis das Weibchen mit der Zunge anfing das Rein-Raus-Spiel zu inszenieren.
„Ich bin menschlich, ich muss gelegentlich was essen, trinken, aufs Klo und vor allem: ich will hier nicht dumm rumstehen! Ich hab doch jetzt ein Visum. Wozu soll das gut sein, wenn nicht zum Rumlaufen?“
Krk wollte mehr von dem Tanz sehen, er warf aber nervöse Blicke zur Zungenschnalzerin: „Das ist eine Aufent-HALT-sgenehmigung, keine Auf-LAUF-genehmigung. Aber ich gebe zu, die Balz hat mir gefallen. Ich könnte ein Stück mitgehen, bis wir alle diese Bedürfnisse befriedigen können. Wie sind nur vorsichtig bei Kulturschädlingen, die ohne vorherige Prüfung durch das Kulturdezernat, Kontakt zu kulturell hochwertigen Spezies aufnehmen.“
Eine Menge Kultur in einem Satz. Bis auf den Teil mit der Balz. Nervöse Gedanken plagten mich diesbezüglich. Krk unterbrach diese: „Keine Sorge ich habe nur kulturelles Interesse an xenokulturellem Balzverhalten. Ich bin eigentlich Verhaltensforscher und Biologe“ Er erhob sich und zum ersten Mal konnte ich das unter-dem-Tisch-Teil sehen. Ich hatte mit so was wie Froschschenkeln gerechnet, aber durch die grünmetallische Hose zeichneten sich zwei muskulöse Beine ab, sehr gute Fussballerqualitätsware, das mag an der höheren Schwerkraft liegen. Zugegeben ich hatte mit vier Beinen passend zu den Armen gerechnet, aber ich war nicht enttäuscht. Jedenfalls schaute ich wohl länger hin als erlaubt oder das Weibchen hatte unerlaubt Gedanken gelesen, denn sie gurgelte etwas in Richtung Krk das mein Übersetzer nicht erfasste. Krk schnallte sich eine Art Armband um und die Linien am Boden verschwanden. Abfall-knisternd gingen wir durch den Ausgang, Fred stakste hinterher.
Auf den Hinweg zwischen den Sicherheitsleuten hatte ich keine Möglichkeit gehabt, viel von der Umgebung zu sehen, jetzt aber konnte ich mich staunend kaum satt sehen. Der Gang war eine unregelmäßig geformte, gewundene Röhre, die keine geraden Kanten oder gar Ecken zu haben schien. Alles glitzerte und pulsierte in vielen Grüntönen. Ich ging einen Schritt näher an die Wand und erkannte, dass sie von Kanälen oder Adern durchzogen war, in denen etwas Gallertartiges transportiert wurde, es sah lebendig aus. Ehrfürchtig flüsterte ich: „Sind wir in einem Darm?“ Krk schüttelte sich Zunge-schnalzend: „Bei uns haben auch die Dinge, die wir gebaut haben, bionische Formen. Das ist einfach die optimale Art und Weise Dinge zum Funktionieren zu überreden. Wir haben die Bionik erfunden. Wozu rechte Winkel wo die Natur keine verwenden würde. Lässt sich doch viel leichter sauber halten.“
Wow, ein Mann, also Mett, der Ahnung hat davon, wie schwer es ist, in Ecken zu putzen. Andererseits, warum lag dann der ganze Energiefutterhülsenmüll auf dem Boden rum, es putzt doch niemand. Krk unterbrach meine Gedanken: „Der Boden verdaut den Müll. Wenn er das nicht täte, dann lägen die Hüllen hier bis zur Decke. Vielleicht könnte man noch etwas an der Geschwindigkeit verbessern.“
Diese Gedankenleserei machte mich zunehmend nervös. „Wenn wir uns jetzt schon so gut kennen, also quasi auch in meinem Kopf, sollten wir uns dann nicht duzen und wie kann ich dich nennen, ich hab so was wie Krk im Kopf?“
Sah ich da ein Grinsen? „Ich weiß was du im Kopf hast. Wir unterscheiden nicht in der Anrede, aber ich hab deinen Übersetzer kalibriert, dann hört sich das ab jetzt an wie ‚du‘. Ich heiße Krorrk Na Garr Vrgor, aber meinetwegen kannst du Krorrk sagen, Betonung auf dem dritten R.“ Ich erfuhr, dass die Adern die Abwässer, die Abluft, einfach alles, was an Abfall anfällt und verflüssigt wird, transportieren. Die Verflüssigung geschah auf ähnliche Weise wie auch Lebewesen verdauen, wenn ich Krorrk glauben sollte. Der technisch aufwändigere Teil lag dann in der Wiederaufbereitung, er versprach mir die Anlage zumindest mal von weitem zu zeigen. Während der Erklärungen waren wir immer tiefer in das Gedärm vorgedrungen und ich war schon wieder reichlich erschöpft von der Schwerkraft, hatte Hunger und Durst. Ich dachte an diese drei Dinge und schon kam Antwort: „Die Schwerkraft ist hier wohl höher als bei euch, da kann ich nichts gegen tun, ich könnte mir aber nachher mal die Schuhe ansehen, vielleicht haben sie ein Fehlfunktion. Gegen Durst haben wir da hinten einen kleinen Laden und Hunger…, tja da gibt’s nur die Energiezäpfchen. Orales Essen haben wir abgeschafft, unsere Verdauungsorgane sind rückgebildet.“
Fred und ich bekamen noch eine Energieladung. Tatsächlich tauchte hinter der nächsten Darmwindung ein Eingang auf, der mit blinkenden Symbolen umkränzt war. Sicher waren das angepriesene Sonderangebote. Der ovale Eingang war mit einer Art Perlenschnürenvorhang versehen. Die ziemlich dicken Perlen schimmerten leicht grün, als ob sie einen LED-Punkt in ihrer Mitte hätten. Es waren wohl 20 an einer Schnur aufgefädelt. Das sah fast romantisch aus. Krorrk ließ mir den Vortritt und so streifte ich beherzt die Schnüre auseinander. Augenblicklich ertönte ein Seufzen, Wispern und Stöhnen, auf eine irritierende Weise sehnsuchtsvoll, schmerzhaft und harmonisch zugleich, wie Sirenengesang. Ich erfuhr von Krorrk, dass die einzelnen Perlen Lebewesen waren, die bei Berührung diese Töne erzeugten. Was ich für eine LED gehalten hatte, war Bioluminiszenz. Diese Wesen waren ein universelles Nutztier. In freier Natur schwammen sie auf den Wasseroberflächen und filterten Schmutzpartikel aus Wasser und Luft, wovon sie Lebensenergie gewannen. Sie waren sehr beliebt als Poolzutat, da sie das Wasser schützen, reinigten, erwärmten und beleuchteten. Auf Gliese hatte man wohl Schwimmbäder, das musste ich unbedingt noch sehen, merkte ich mir als späteren Wunsch, ich wollte Krorrk nicht unterbrechen in seinem wissenschaftlichen Vortrag.
Wie Pflanzen auf der Erde erzeugten sie Sauerstoff zum Atmen. Sie überlebten auch aufgefädelt im Vorhang pflegeleicht noch jahrelang. Wenn 20 Prozent abgestorben waren und kein Licht mehr erzeugten, ging der komplette Vorhang dem Recycling zu und landete aufbereitet in den Energiezäpfchen. Krorrk wollte mir einen abreißen zum Probieren, da man sie auch essen könnte, aber einen lebenden, seufzenden Lichtball wollte ich nicht stören. Lieber noch mal hören und so strich ich noch ein paar Mal an den Fäden hin und her bis sich der Ladenbesitzer räusperte: „Wunsch ist?“
Krorrk übernahm entschuldigend: „Das ist ein Exogliesiker, ein Immigrant. Hier auf der Raumstation arbeitet niemand freiwillig.“ Und zum Verkäufer gewandt erklärte er geduldig, dass wir Autokalibrierungs-Schwerkraft-Schuhe suchten und zwei Getränke einnehmen wollten. Dann gingen wir durch einen weiteren singenden Vorhang, hinter dem sich eine ganz passable Gaststube auftat. Kleine Tische und sehr bequeme Sessel, in denen ich, die ich eine Nummer zu klein unter dieser Spezies war, mit einem Gefühl der Geborgenheit versank. Der Sessel passte sich perfekt meinen Formen an und bildete zwei Armlehnen aus, bei Krorrk erschienen vier an der richtigen Stelle. Er erklärte sichtlich stolz, dass der Multifunktionsstuhl bei Gewichtsverlagerung nach hinten sanft zu massieren beginne. Tatsächlich fühlte es sich an wie vier sehr begabte Hände die alles gekonnt durchkneteten und in wenigen Augenblicken war ich total entspannt und wäre umgehend eingenickt, wenn ich nicht auf dem Tisch ein Marmeladenglas gefüllt mit den singenden Kugeln entdeckt hätte und mich deshalb nach vorne beugen musste. Ich fragte mich, ob sie zur Beleuchtung, zur musikalischen Untermalung oder als Snack dienten. Ich wollte das Glas gerade berühren, als schon der Verkäufer mit dem Getränk kam, das in breiten Schalen angerichtet war. Es passte von der Form her perfekt für die etwas breite Mundform, die hier vorherrschte. Aber noch bevor ich Zweifel an der Bedienbarkeit äußern konnte, zauberte der Migrant bereits einen Strohhalm hervor. Krorrk bedankte sich wortreich und klärte mich auf, dass er schon lange mit Sisis-Latif befreundet war, der dieses köstliche Getränk selbst herstellte und niemanden das Rezept verriet. Aber er verriet auch nicht, wo er eigentlich her kam. Ohne diesen beiden zu klärenden Punkten dürfte er niemals auf Gliese einreisen und müsste auf der Station den Laden führen und Getränke brauen. „Wieso hat er keinen implantierten Übersetzer bekommen?“ wollte ich wissen. Ein weiterer formeller Ausflug in Krorrks Arbeitsanweisungen brachte es an den Tag: jeder Exilant oder Flüchtling, der auf Gliese immigrieren wolle, müsse solange auf der Raumstation bleiben bis er die Sprache beherrscht. Und alle Fragen beantwortet hat. In der Amtssprache.
Der Saft schmeckte wirklich grandios. Wie von kühlen Schnüren unterschiedlicher Geschmacksrichtung durchzogen, die bei Berührung mit der Zunge schmolzen und einen neue gemischte Note ergaben. Je länger man einen Schluck im Mund behielt umso vielfältiger war die Wirkung. Wie ein Symphonie. Der nächste Schluck, der nächste Satz. Und schon war die Schale geleert. Krorrk hatte noch nicht mal genippt: „Noch einen?“ Dazu schnalzte er mit der Zunge gegen das Leuchtkugel-Glas und es ging ein vielstimmiger Aufschrei als dramatische Untermalung des Angebots ein. Ich fühlte mich ertappt, aber das Zeug schmeckte auch unverschämt genial: „Jaa, bitte!“
Krorrk lachte bestätigend. „Er ist schon unterwegs mit den Schuhen, ich spüre es in meinen ISOs, dann bestell ich noch was.“
ISOs, schon wieder so was wo ich nicht sicher war, ob ich es wissen wollte was es ist, woraus es besteht oder lieber nicht. Aber Krorrk beantwortet ja immer auch alles, was ich nicht veröffentlicht habe: „ISOs sind Integumentorische Sensorische Organe, sie sind auf meiner ganzen Hautoberfläche verteilt, damit kann ich Temperatur, Feuchtigkeit, Luftdruck, Gehalt von Salz, Sauerstoff, Kohlenstoff und noch einige andere Elemente, sowie Erschütterungen spüren. Deshalb spüre ich Sisis-Latif kommen und dass er Schuhe dabei hat. Die Sensoren sind von der feinen Haarschicht geschützt.“
Faszinierend, das was aussah wie Samt, ist also eine Schutzbehaarung.
Sisis-Latif bog tatsächlich wenig später um die Ecke und stellte die Gravitationsschuhe vor mich. Noch ehe ich mich aus dem Sessel schälen konnte, hatte er bereits die Alten aus-, die Neuen angezogen und eingeschaltet. Sie passten sich, wie der Sessel, automatisch an meine Form an. Ich bekam eine Schnellerklärung, wie man sie justiert und dass der Gebrauch der Schuhe außerhalb der Raumstation nur Polizisten erlaubt ist, da man - richtig eingesetzt - damit große Sprünge machen kann zur Verbrecherjagd. Und das Beste war, augenblicklich fühlte ich mich erleichtert. Ich wollte grade das neue Getränk ordern, als er schon wieder mit einer Verbeugung und einem Lächeln verschwunden war. Er musste mit einem einzigen kaum wahrnehmbaren Hüpfer den Raum verlassen haben. Überhaupt sah er nahezu aus wie der Cartoon einer Heuschrecke. Zwar auch vier Arme wie Krorrk, aber deutlich dürrer, fast nur Knochen mit einer papiernen Haut drüber. Auch der Kopf sehr knochig. Mehr konnte ich bisher nicht ausmachen, zumal auch der Rest des Körpers von einem weiten Umhang verdeckt war. Krorrk bemerkte meinen enttäuschten Blick und beschwichtigte: „Er kommt gleich mit den Getränken. Ich habe mental bestellt.“
Dazu grinste er fast übermütig. Ob da irgendwelche psychoaktive Substanzen drin waren? Ich fühlte mich auch mutig, zutraulicher, aber nicht betrunken.
„Es sind Empathogene drin gelöst, ich bin auch ganz verrückt danach, wir genehmigen uns jetzt noch ein paar bis du auch mental bestellen kannst.“
Das klang nach einem interessanten Abend, oder war es Mittag? Egal, einstweilen begann das Leben auf der Raumstation mir zu gefallen. Aber bevor ich ganz versunken war, musste ich noch was klären: „Was kostet denn das alles, ich habe bestimmt keine Kreditkarte die hier akzeptiert wird?“
Jetzt war es an Krorrk verständnislos zu gucken: „Geld gibt es hier nicht. Wir bezahlen mit guten Gedanken, guten Worten und guten Taten, je nach dem.“
Das kam mir bekannt vor, war das nicht die Philosophie von Zarathustra? Aber noch bevor ich was anmerken konnte, begann Krorrk zu referieren: „Das könnt Ihr bescheidene Spezies natürlich nicht kennen, noch in den Grundwerten erfassen, aber unser großer Vater Sarrk Zoschk Taa hat diese komplexe Lehre der guten Gedanken, Worte und Taten unserer Urahnen gelehrt und unser Zivilisation und Kultur darauf errichtet. Dann ist er weggegangen und im Universum herumgereist, um seinen Samen der Weisheit zu sähen…“
„Doch den kenn ich!“ unterbrach ich. „Der war auch auf der Erde, allerdings konnte er sich nicht so richtig durchsetzen, die Menschen bevorzugen mehr die handgreiflichen Denkweisen und Religionen bei denen sie sich gegenseitig dezimieren können statt mit Gedanken zu bezahlen.“
Krorrk war sichtlich beeindruckt: „Und nun bist du und der Kater auf der Suche nach dem weisen Mann? Oder seinen Nachfahren?“
Fred stand im Standby-modus neben dem Tisch und sah aus als ob im Sarrk Zoschk Taa am Hintern vorbei ginge, wenn er einen hätte. Neue Getränke kamen zur rechten Zeit und zur weiteren Ablenkung versuchte ich eine Melodie auf dem Kugelglas, indem ich es sanft mit der Fingerspitze berührte und dann mit streichelnden Bewegungen ein Muster aufzeigte. Die Kugeln stöhnten nicht auf, sondern summten eine leise Melodie von überirdischer Harmonie. Krorrk war tatsächlich abgelenkt und lauschte erstaunt: „Die können ja mehr als Stöhnen. Eine sehr erstaunliche Berührung.“
Hastig trank er sein Glas aus und bekam eine rote Hand, die er mir zuschob: „Da, mach das mal hier auf meiner Haut, rot ist erlaubt, sagte ich ja schon mal.“
Schnell leerte ich auch meinen Becher und gab mein Bestes im roten Bereich. Die außerirdische Haut fühlte sich genauso samtig an, wie sie aussah. Krorrk schnalzte mit der Zunge: „Das nenn ich mal eine gute Tat.“ Sisis-Latif kam mit den nächsten beiden Getränken und schaute unter seiner Heuschreckenhülle gekräuselt aus.
„Warum ist hier eigentlich alles grün?“ wollte ich nun endlich wissen. Krorrk schaute leicht verständnislos: „Alles grün? Ich kann hunderte von unterschiedlichen Farben sehen, natürlich alle im Spektrum Grün, außerdem können wir gut Rot und Infrarot sehen. Alles andere erscheint in Graustufen. Du hast eine graue Haut, graue Fusseln am Kopf und die Kleidung ist auch grau. Wir haben viel Namen für alles was der Übersetzer mit grün übersetzt“.
Das ist ja wie mit unseren Erdenweibchen: was Männer für Lila halten, nennen sie Heliotrop, Aubergine, Sonnenuntergang, Viola, Veilchen, Lavendel, Magenta, Fuchsia… Schon wieder kam Sisis-Latif, diesmal brachte er eine dritte Schale mit und setze sich dazu: „Diesmal hat der Erdling bestellt, das hat hier noch keiner so schnell erreicht.“
Die Stimmung war unübersehbar gut, ich stimmte eine Kugelmelodie an und stellt eine Frage in den Raum, die mich schon sehr drängte: „Wann darf ich auf Gliese einreisen?“ Krorrks und Sisis-Latifs Antwort kam synchron: „Gar nicht.“ „Und wenn einer mich begleitet und alles zeigt?“ Diesmal antwortet Krorrk nach langer Pause: „Niemand darf die Station verlassen außer dem Wachpersonal. Dies ist ein Gefängnis.“
Ein Gefängnis. Ich hatte schon von schlimmeren Örtlichkeiten gehört, die diesen Namen trugen. Mir schienen das eher paradiesische Zustände. Alles kostenlos, na gut, gegen ein paar gute Gedanken, immer genug zu essen in Form von universellen Batteriezäpfchen, die für Menschen, Einheimische und Putzroboter gleichermaßen nutzbar waren. Jede Menge technische Gadgets, die das Leben leichter machen, ja sogar ein selbstputzender, weil Schmutz verdauender, Boden. Geile Getränke mit Empathogenen, die man sogar während der Arbeit genießen durfte. Wer weiß, was noch alles auf mich an Eindrücken wartete. Viel zu gut, um wahr zu sein, und das sollte ein Gefängnis sein?
Krorrk unterbrach einmal mehr meinen Gedankenmonolog: „Wenn man nicht mehr in seine Heimat zurück darf, zu dem Leben das man geführt hat, das man gewohnt war. Seine Freunde nicht mehr sehen darf, mit ihnen nicht mehr reden darf, das ist ein bitteres Gefängnis.“
Sisis-Latif nickte: „Ich bin aus meiner Heimat geflohen, kann nicht zurück, und nicht auf Gliese einreisen.“
„Und warum darf ich nicht einreisen?“ wollte ich nun endlich mal Klartext wissen, ich war doch nur ein harmloser Tourist. Für Krorrk aber offensichtlich: „Du bist scheinbar auch auf der Flucht, du hast keinen ITC, Interstellaren Traveller Chip. Mit ihm kann man nicht fliehen und ohne ihn nirgendwo einreisen. Es ist implantiert und enthält interstellar lesbar alle Identifikationsdaten.“
Sisis-Latif beeilte sich zu sagen, dass es genau daran auch ihm mangelte. Na prächtig, da war ich ja in ein schönes Desaster geraten. Wär ich doch bloß nicht ausgestiegen. Andererseits irgendwann wären mir ja die Lebenserhaltungssysteme ausgegangen. Einen Augenblick erwog ich alle Batterien, die ich finden konnte zu sammeln und damit loszuziehen, verwarf den Gedanken aber schnell, denn der war keineswegs gut und ich versuchte flugs, Krorrk davon abzulenken: „Was hast du denn verbrochen, warum bist du hier?“
Sisis-Latif holte neue Getränke, er kannte die Story wohl schon.
„Ich habe unerlaubt Gedanken gelesen.“
Das schien mir nicht weiter beindruckend, machte er schließlich ständig bei mir.
„Hier kann ich das tun. Ich kann es ja wohl kaum schlimmer machen, oder? Ich war Assistent von einem Politiker. Ich habe ihn wiederholt dabei erwischt, wie er schlechte Gedanken hatte. Um die Gedanken zu verstecken, hat er Drogen genommen. Der Handel mit Drogen ist auf meinem Planeten weit verbreiten, natürlich illegal. Aber wer es sich erlauben kann, nimmt sie, um sich so Privatsphäre zu schaffen. In die Sache mit den Drogen hätte ich mich nie eingemischt, aber seine Gedanken schadeten unserem Volk. Ich habe ihn also angezeigt. Am Tag der Gerichtsverhandlung hat man mich überwältig und ebenfalls mit Drogen abgefüllt, einer Sorte die Gedanken erzeugt. Von der ganz schlechten Sorte. So habe ich auf der Verhandlung selbst übelste Gedanken gehabt und meine Glaubwürdigkeit war dahin. Man hat mich umgehend verurteilt wegen unerlaubten Gedankenlesen, Verleumdung, Drogenbesitz, Volksfriedensbruch. Ich konnte nicht mal meinen Freunden mehr die Wahrheit sagen. Aber sie hätten mir auch kaum geglaubt, nach dem, was ich unter Drogen gedacht, gesagt und getan haben soll.“
Das war ja eine kurze aber umso traurigere Geschichte. „Und deine Familie? Was ist mit der?“
„Familie? So was kennen wir nicht. Wenn wir geboren werden, werden uns Zellen entnommen, die fortan das Amt für Reproduktion verwaltet und deren Gene sie zusammensetzen wenn ein neuer Bewohner gebraucht wird. Alles beste Hardware aus der Fabrik!“ und er zeigte an sich runter. Die Stimmung war schon wieder besser und Sisis-Latif kam rechtzeitig mit dem nächsten Drink.
Die Lage war nicht gerade aussichtsreich: Krorrk war ein zu Unrecht Verurteilter, der nicht in seine Heimat zurück konnte, der alles verloren hatte, Freunde, Glaubwürdigkeit und sein Land wurde von diesem fiesen Politiker verarscht. Sisis-Latif war, wie ich, auf der Flucht ohne eine Identifikation, konnte nicht vor und zurück. Waren nun die Kugeln in ihrem Glas eingesperrt oder waren wir ausgesperrt? Und ich hatte den Planeten Gliese noch nicht einmal gesehen.
„Nein man kann ihn von hier aus nicht sehen, wir haben nur Außenkameras auf den Landungsdocks, aber die werden ausschließlich von den Sicherheitskräften beobachtet. Gliese umrundet unseren roten Stern in der Zeit die auf der Erde 13 Tage entspricht, so steht es im Cybernet. Ich bin schon 4851 Tage von dieser Sorte hier. Sisis-Latif noch viel länger.“
„Also“, fasste ich zusammen, „wir wollen alle drei nicht in diesen Limbus bleiben, auch wenn er mehr Paradies als Vorhölle ist. Ich fliege auf Gliese und überführe den Politiker der Machenschaften, rette euch beide und den ganzen Planeten und so wird alles gut werden. Ich brauche nur einen Plan und dazu bitte erst mal eine Ladung neue Energie!“
Krorrk und Sisis-Latif schauten beide aus einer Mischung von Amüsiertheit und Unglaube, auf ihre Art vollkommen überfordert mit welcher Ausprägung von Kulturlosigkeit sie es diesmal zu tun hatten, aber so sehr sie auch in meinen Gedanken wühlten, dort war bereits ein Plan in Arbeit. Ich bekam ein ausgepacktes Batteriezäpfchen zugeschoben und es gab einen neuen Drink für alle drei.
Ich hatte auf meinem Rundweg noch keine Flipcharts oder Beamer gesehen, umso besser, dann musste der Plan gleich handfest sein. „Habt Ihr hier eine Krankenstation, auf der man auch kleinere Operationen durchführen kann?“
Sisis-Latif fiel ins Wort: „Oja, die habe ich schon selbst kennengelernt, weil meine Landung nicht ganz unproblematisch war...“
Krorrk schnalzte mit der Zunge: „Ich würde sagen das Landungsdock hatte einen größeren Schaden als du. Heute ist das umgekehrt.“
Das Schnalzen war unverkennbar ein Lachen. „Und die Docs die da arbeiten, sind das auch Verurteilte?“
Die beiden versuchten in und mit meinen Gedanken klar zu kommen: „Ja, nur die Sicherheitsleute nicht. Warum?“
„Na das liegt doch auf der Hand. Auf allen vier Händen, wenn Ihr so wollt.“ Ich machte eine dramaturgische Pause. Vergaß aber dass meine Gedanken bereits vorgriffen und Krorrk und Sisis-Latif synchron eingriffen: „Der ITC vom Kater!“ Und Krorrk fügte entsetzt hinzu: “Nein, man kann doch nicht dem Kater den Chip wegnehmen, das ist unmoralisch!“
Jetzt musst ich die Sache also doch endlich aufklären, auch wenn es Krorrks Verehrung von Kater ins Wanken bringen könnte. „Was steht denn in Katers Identifikations-Daten? Heißt er wirklich Kater?“
„Nee!“ Krorrk ahnte es bereits: „Laut Chip heißt er Mitsuwischi Beta80 und ist von Beruf Putzroboter.“
