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Man muss sich in diesen traurigkomischen Tellerwäscher verlieben! Louis, genannt Zickzack, ist fünfzehn, schwarz und Halbwaise. Alle halten den verrückten Tellerwäscher für ziemlich blöde, aber Zickzack hat ein phänomenales Zahlengedächtnis und vor allem einen guten Riecher für Menschen. Den braucht er auch, denn durch ein Missgeschick sind ihm ein Haufen finstrer Gestalten auf den Fersen. Erfüllt von der komischen Weltsicht des wahrhaft Weisen: Dies ist ein Roman für glückliche Menschen – und für solche, die es ein Weilchen sein wollen.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Landon J. Napoleon
Zickzack
Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay
Ihr Verlagsname
Man muss sich in diesen traurigkomischen Tellerwäscher verlieben!
Louis, genannt Zickzack, ist fünfzehn, schwarz und Halbwaise. Alle halten den verrückten Tellerwäscher für ziemlich blöde, aber Zickzack hat ein phänomenales Zahlengedächtnis und vor allem einen guten Riecher für Menschen. Den braucht er auch, denn durch ein Missgeschick sind ihm ein Haufen finstrer Gestalten auf den Fersen.
Erfüllt von der komischen Weltsicht des wahrhaft Weisen: Dies ist ein Buch für glückliche Menschen – und für solche, die es ein Weilchen sein wollen.
Landon J. Napoleon, geboren 1964 in Boulder, Colorado, studierte Philosophie und Journalistik, schrieb Reiseführer und arbeitete in der Werbung, bevor er Schriftsteller wurde.
«Zickzack» war sein erster Roman.
Für Carol, auf ewig
Mein besonderer Dank gilt meinem Agenten Simon Trewin und Lektor Matthew Hamilton. Verbunden bin ich auch Philip Hobsbaum und Willy Maley, deren Rat mich während der Arbeit an diesem Buch ständig begleitet hat. Anerkennung verdient nicht zuletzt mein kleiner Bruder Johnny Cleveland – einfach für alles.
Auch die, die jetzt noch übers stille Wasser gleiten,
So schön und rätselhaft, sie bleiben nicht.
Wo werden sie danach ihr Nest bereiten,
An welchem schilfbestandenen Gestade, welchem Teich
Das Menschenaug’ erfreuen, während ich,
Erwachend eines Morgens, sehe, dass sie fortgeflogen sind.
William Butler Yeats
Die wilden Schwäne von Coole
zickzack (Adv.) im Zickzack: z. den Berg hinunterlaufen; Zickzack, der; -[e]s, -e [verdoppelnde Bildung mit Ablaut zu ↑ Zack]:
Zickzacklinie: im Z. gehen, fahren, zickzacken (s.V.; hat/ist): sich im Zickzack bewegen; im Zickzack laufen, fahren o.Ä.; Zickzackkurs
Auch mit so Superzellen im Kopf hältst du die Haue von Dad nicht aus. Immerhin, seit ich von meinem neuen großen Bruder diese speziellen Kräfte habe, kommt es nicht mehr so häufig vor. Ich bewege mich jetzt wie der Blitz, das ist so ungeheuer schnell, dass die Leute nichts raffen und meinen, es wäre alles ganz langsam. Wie jetzt. Die eine Hälfte von mir macht die Teller, die andere füllt dieses rosa Spüli in die Maschine, und alles fast gleichzeitig. Und den ganzen Abend dieser Essensgestank um mich rum, aber das merke ich gar nicht mehr, weil, meine Nase zickzackt den Gestank aus, einfach so, mit zwei z zwei ck, zickzack.
Am schlimmsten ist, wenn man nicht weiß, ob es für diesmal vorbei ist mit den Schlägen oder ob Dad nur eine Pause macht, so wie einer, der sich bloß den Fußball neu zurechtlegt, bevor er weiterbolzt. Dann brauchst du alle deine Spezialkräfte, um den Lärm aus deinem Kopf rauszukriegen, den Lärm, der jedes Mal kommt, wenn Prügel im Anzug sind. Schon ein Tritt in die Nieren, und es geht los mit dem Lärm, dass mir die Luft wegbleibt. Ich brauche gar nichts dazu zu tun, meine Hände kriechen dann wie von selbst über den Boden. Sie suchen nach einer Stelle, an der ich atmen kann, aber da ist nichts, nur der harte Bürgersteig und diese kleinen Steinchen. Erst, wenn alles dunkel wird, kommt die Luft wieder, und dann fängt auch der Husten an, und das tut fast genauso weh wie die ganzen Prügel. Meine Stirn liegt jetzt flach auf dem Bürgersteig, was sich voll hart anfühlt, aber meinem Körper ist das egal, der achtet sowieso nicht mehr auf das, was mein Kopf sagt. Wenigstens kriege ich Luft … Luft … so, ist schon besser … trotzdem, es ist noch zu früh. Ich darf jetzt nicht schlappmachen, sonst kommt mit dem nächsten Schlag der Lärm zurück, doppelt so laut wie vorher.
«He, warte mal, der rührt sich ja gar nicht mehr …»
«Ich reiß dir deinen verfickten Niggerarsch auf, und du riskierst noch eine Lippe? Hast du endlich genug, oder willst du noch mehr?»
Dass mein Dad nicht besonders schlau ist, merkt man schon daran, dass er immer diese komischen doppelten Fragen stellt. Es ist auch ganz egal, was ich sage, der Lärm in meinem Kopf wird davon nicht weniger. Am besten, man tut so, wie wenn man gerade die schlimmsten Prügel seines Lebens bezogen hat, dann hat er bald keine Lust mehr auf Schlagen. Den Trick habe ich von Singer, das war, bevor er mir den neuen Namen gegeben hat.
«He, du kleines Arschloch, hörst du mir überhaupt zu?»
«Lass mal, ich glaube, du hast seine ungeteilte Aufmerksamkeit.»
Jetzt lachen sie, Eddie und Dad, weil, sie finden sich selber ungeheuer komisch. Auf jeden Fall kann ich wieder atmen, sogar vom Boden aus kriege ich ihre Schnapsfahne mit. Aber dass sie gesoffen haben, sehe ich auch so. Wenn Dad diese roten Augen hat, wenn er sich zu mir runterbeugt.
«So, Bürschchen, jetzt sperr mal die Ohren auf. Du hast deine Miete nicht bezahlt, das ist dir doch klar, oder? Ich dachte, wir waren uns einig? Zweihundert die Woche, schon vergessen? Freitag, letzte Chance. Wenn das Geld bis dahin nicht da ist, kriegst du was, das hast du noch nicht erlebt. Dann landet dein schwarzer Arsch auf der Straße, kapiert? Hier gibt’s nichts für lau, das wollen wir gar nicht erst einführen.»
Ich spüre, wie mein Kopf nickt, aber ganz innen drin sagt alles nein. Bei meinem Dad kann ich mir denken, was ich will, er rafft sowieso nichts. Selbst wenn er Radar hätte wie der Fettfrosch, er ist viel zu besoffen, um irgendetwas davon mitzukriegen.
«Ich hab dich was gefragt, Wichser.»
Er packt mich und holt aus, und mein ganzer Körper stellt auf Automatik: Arme und Beine krampfen, Luft hält an, Augen gehen zu. Alles wartet auf den Schlag, wartet und … wartet, ewig … bis dann doch nichts passiert und ich erst mal ein Auge aufmache, um zu checken, ob die Luft rein ist. Die Faust ist zwar weg, aber die Anspannung nicht. Nur jetzt nicht schlappmachen, egal, wie laut der Lärm in meinem Kopf wird.
«Ja, okay.»
«Ja? Was ja?», brüllt er.
«Ja, du kriegst noch zwei null null.»
«Bis wann?»
«Bis Freitag.»
«Oder es passiert was?»
«Oder mein schwarzer Arsch fliegt auf die Straße.»
«Ist ja doch nicht so blöd, wie du immer behauptest», sagt Eddie jetzt. «Lernfähig.»
«Wir werden ja sehen. Und jetzt verpiss dich, geh mir endlich aus den Augen.»
In echt kommt es anders. In Wirklichkeit ist er derjenige, der sich verpisst und mir aus den Augen geht. Die beiden verziehen sich nach oben ins Apartment. Trotzdem dauert es eine ganze Weile, bis dass ich aufstehen kann, weil, im Rücken hinten tut es einfach zu weh. Oben aus dem Apartment kommen Stimmen und Musik, ziemlich laut. Ich will mich aufrichten, aber irgendwo tief in meiner Schulter schmerzt es irre. Also rolle ich mich auf die andere Seite, da habe ich immer noch den Arm, der nichts abgekriegt hat. Auf den kann ich mich aufstützen. Trotzdem, Dads Dresche hat voll reingezogen, im Bauch, im Rücken, überall. Ich merke es, wenn ich Luft hole. Nur wenn ich ganz kleine Atemzüge mache, wie so ein Baby, tut es nicht weh.
Aber wenn sich der Lärm etwas gelegt hat, kann mein Kopf langsam wieder nachdenken. Und meinen Lohnscheck kriegt er nicht, diesmal nicht und auch später nicht. Aber ich muss mir allmählich einen Plan überlegen, denn heute ist schon … Montag. Bis Freitag, das ist nicht mehr lang. Aber morgen ist erst mal Singer-Tag, das Beste an der ganzen Woche, und vielleicht fällt ihm ja was ein, Singer ist gut in solchen Sachen. Ich weiß gar nicht, wie viele Pläne sich Singer über die Jahre für mich schon ausgedacht hat. Zum Beispiel das mit dem neuen Namen, das war auch seine Idee. Nur mein Dad nennt mich jetzt noch Louis. Allein daran sieht man, wie blöd er ist. Aber Louis gibt es nicht mehr, er ist an dem Tag gestorben, wo ich das mit dem Zickzack gelernt habe.
Ich steige wieder auf mein Rad, aber langsam, echt langsam. Von dem Rad haben sie mich vorhin runtergestoßen, als ich bloß reingekommen bin, und Dad hatte sein Ding dieser nackten Frau hinten reingesteckt und Eddie auch, aber vorne in den Mund. Sie haben sofort aufgehört, als sie mich gesehen haben, und angefangen rumzuschreien. Das war das erste Mal, dass ich eine echte nackte Frau gesehen habe, und Dad und Eddie, jeder von beiden, hatte so ein Ding, das war zehnmal größer als bei mir und hat außerdem so komisch geglänzt. Mein Dad hat noch mit einem schwarzen Nike nach mir geworfen, aber ich war schon durch die Tür und auf meinem Rad. Trotzdem haben sie es irgendwie geschafft, in die Klamotten zu kommen und mich zu packen.
Zickzack wird später weiter darüber nachdenken, denn es wird Zeit für den Fettfrosch.
Auf der Arbeit beobachte ich den Fettfrosch, wie er den Safe aufmacht, die Zahlen checke ich im Kopf – für später. Der Fettfrosch ist klein und dick und hat so glänzende Haut, dass man denkt, die ist ganz nass. Das ist eigentlich immer so, egal wann man kommt. Der Fettfrosch hat auch einen richtigen Namen, aber seit ich hier arbeite, hat ihn noch keiner benutzt. Gerade dreht er an dem Knopf von dem Safe. Er hat sich so weit nach vorn gebeugt, dass man von hinten seine ölige Arschspalte sehen kann. Es ist echt schwer, nicht hinzugucken, wenn man etwas nicht sehen will. Aber, verdammt nochmal, die kleinen, weißen Nummern auf dem Knopf sind aber auch so was von riesig. Vielleicht brauche ich diesmal Singer gar nicht für meinen Plan. Das geht aber nur, wenn jemand diese speziellen Kräfte hat wie ich. Man sieht plötzlich Sachen, die man noch gar nicht sehen darf.
Auf einmal richtet sich der Fettfrosch auf und dreht sich blitzschnell um, als hätte er was gemerkt. Das ist eben so bei Fröschen: Sie haben so ein Radar, mit denen sie sogar Fliegen fangen können, die für denen ihre Augen schon viel zu klein sind. Dabei fällt mir ein, vielleicht habe ich die Zahlen in meinem Kopf nur zu laut wiederholt. Deshalb gucke ich erst mal auf den Boden, weil, so kriege ich vielleicht die Zahlen aus meinem Kopf raus und kann sie gleichzeitig behalten. Dem Radar vom Fettfrosch entgeht nichts. Ich kann hören, wie er auf der weißen Spitze von dieser kleinen Zigarre herumkaut, die er nie anmacht. Ich gucke wieder hoch. Aber selbst ohne Qualm, von irgendwas am Fettfrosch fangen mir die Augen an zu tränen, und ich würde am liebsten den Kopf wegdrehen.
«Louis, woran liegt es eigentlich, dass ich immer das Gefühl habe, du führst irgendwas im Schilde?» Hab ich ganz vergessen, auch der Fettfrosch nennt mich noch Louis. Und genauso wie mein Dad fragt er immer so Sachen, auf die er gar keine Antwort will.
«Wieso, ich hab nichts gemacht.»
«Das ist es ja gerade.»
Ich fetze ihm ein Zickzack rüber, so geht das immer zwischen uns. Der Fettfrosch tut dauernd so, als hätte er mich bei irgendwas erwischt, wo ich nicht einmal die Frage von verstehe. Ich schüttle also den Kopf, weil ich fühle mich schon viel ruhiger. Auch ich habe nämlich mein Radar, viel besser als seins, und das sagt mir, der Fettfrosch hat keinen blassen Schimmer, er war nur auf ein paar leckere Fliegen aus. Ich schnappe mir meinen Lohnscheck, und das so schnell, dass ich das Weiße in seinen Augen sehen kann, weil er so überrascht ist.
«Nein, ich wollte nur gerade die Teller machen.» Ehrlich, für die Zahlen, die mir der Fettfrosch gerade geschenkt hat – sie kommen gerade wieder, aber vorsichtshalber nicht zu laut –, also, für all das müsste er eigentlich von mir einen Scheck bekommen.
«Was ich dir noch sagen wollte: So ein kleiner Scheißer wie du sollte sich hier nicht zu viel rausnehmen. Für einen neuen Tellerwäscher brauche ich bloß aus dem Fenster zu rufen, und die Leute rennen mir die Bude ein. Es liegt also allein an dir. Wenn du meinst, du hättest das alles nicht nötig, auch gut. Erst gestern war so ein kleiner Spick hier …»
Der Fettfrosch hat unheimlich viele verschiedene Namen für die Leute, die hier arbeiten. Es gibt Spicks, Nigger, Coons, Schwuchteln, Arschlecker, Chollos, Jidden, Schlitzaugen, Spaghettifresser, dumme Fotzen, Nutten, Säue, nicht zu vergessen das weiße Pack aus dem Trailer-Park. Ich frage mich, wie der Fettfrosch auf die vielen Namen gekommen ist, ich meine, als Restaurantbesitzer und bei all den Angestellten, die man den ganzen Tag zusammenscheißen muss, da hat man doch was anderes zu tun. Ich mache jetzt komplett dicht, damit ich mich auf die Zahlen konzentrieren kann und sein Gemotze nicht hören muss. Je mehr er redet, desto weiter drifte ich weg, genauso, wenn Dad und Eddie mich verprügeln. Am Ende bin ich gar nicht mehr richtig da. Ich sehe zwar, wie sich das Maul vom Fettfrosch bewegt, aber hören tue ich nichts mehr. Das ist so der Zustand, wo ich in Ruhe nachdenken kann, und auch das Tolle an dem Job als Tellerwäscher. Man braucht mit keinem zu reden, nur mit einem selbst. Und das mache ich fast die ganze Zeit, deshalb meinen die Leute auch immer, sie müssten dann extra viel reden, wenn ich da bin, weil dann diese Leere da ist. Komisch, aber ich brauche den Leuten gar nicht mehr zuzuhören, ich weiß auch so, was sie sagen. So wie jetzt, wo ich auch nichts sage und komplett dichtgemacht habe. Am Schluss schüttelt der Fettfrosch bloß den Kopf und scheucht mich raus wie eine Fliege, die er sich für später aufheben will zum Fressen.
Zurück in der Küche, wo die Köche wieder endlos am Quatschen sind und am Lachen, während sie die Salatköpfe schneiden. Aber auch das lasse ich nicht an mich ran, außer ein paar Fetzen hier und da. Ich stecke meine Karte in die Stechuhr und gehe rüber in den Spülbereich.
«He, Zickzack, bekloppter Nigger, aus welchem Urwald haben sie dich denn rausgelassen? He, sag mal was, kannst du nicht sprechen? Du bist wirklich noch blöder als dieser Scheißlöffel hier.»
Im selben Moment fliegt ein silberner Blitz auf mich zu, und ich ducke mich, und der Löffel fliegt weiter, trifft die verspiegelte Scheibe und macht einen Sprung rein. Hinter der Scheibe ist das Büro vom Fettfrosch.
«Tja, das kommt davon. Jetzt kannst du dir deine Papiere holen, Doofi.»
Mir egal, was sie sagen, weil, darauf kommt es auch gar nicht an, wenn man sich in seinem Kopf lauter Zahlen vorsagt und außerdem noch die Teller von der Mittagsschicht dastehen hat. Die Schweinebacken hauen früher ab, weil sie genau wissen, dass Zickzack ihren Scheiß schneller wegmacht, wie der kleine Zeiger an der Uhr einen Tick weiterrückt. Aber es gibt Zeiten, da weiß nicht einmal ich, was als Nächstes passiert: zum Beispiel, ob die Zahlen einfach nur nett in meinem Kopf bleiben oder mir nicht irgendwann in den Fingern jucken. Erst einmal kommt der Fettfrosch in die Küche und scheißt jeden zusammen, obwohl, angucken tut er dabei nur mich. «Wer von euch elenden Missgeburten hat die verdammte Scheibe kaputtgemacht?»
Die Köche schneiden eiskalt ihren Salat weiter. Nur das immer gleiche Geräusch der schweren Messer auf dem Schneidebrett kann man hören, das Lachen ist ihnen vergangen. Ich brause meine Teller ab und konzentriere mich auf die Zahlen, denn aufschreiben tue ich nur etwas, wenn Ms. Tate es sagt. Manche Sachen sind besser aufgehoben, wenn man sie im Kopf behält. Aber besser nicht zu laut, wenn der Fettfrosch in der Nähe ist. Der Fettfrosch kommt zu mir rüber und beugt sich über die Arbeitsplatte, um den Sprung in der Scheibe zu betasten. In diesem Laden ist etwas erst dann echt wahr, wenn der Fettfrosch daran herumgefingert hat. Er sagt nichts zu den Köchen, guckt immer nur durch den Spüldampf hin und her, zwischen den Köchen und mir, hin und her. Alles ist still jetzt, außer den Messern – ratsch, ratsch, ratsch.
«Warst du das, Arschloch?»
Ich schüttle den Kopf.
«Louis … was habe ich dir gesagt, gerade eben noch?»
«Die Zahlen vom Safe», flutscht es aus mir raus, bevor ich etwas dagegen machen kann.
«Soso, der Kleine hat es mit Zahlen. Sehr gut. Und jetzt sag mir, wer die Scheibe kaputtgemacht hat, sonst ziehe ich es dir von deinem nächsten Scheck ab.»
«Ich habe das verdammte Fenster nicht kaputtgemacht. Und das mit dem Löffel, da bin ich nur in Deckung gegangen vor, das zählt nicht.»
«Okay, wer von ihnen war es?»
Der Fettfrosch kaut jetzt so heftig auf seiner kleinen Zigarre herum, dass sie richtig im Mundwinkel am Rotieren ist. Immer wenn jemand etwas kaputtgemacht hat, glänzt seine Stirn noch stärker als sonst. Der Schweiß sammelt sich in den Speckfalten an seinem Hals, und am liebsten würde ich mich, zickzack, ganz klein machen und in einer von ihnen verschwinden, so unter Wasser, wo kein Lärm ist. Ich schaue auf die Köche, und mir fällt ein, wie sie mich in den Kühlraum eingesperrt haben, dass ich nachher drei Tage gebraucht habe zum Auftauen. Nur der große Indianer hat mir nie etwas getan, ein Kerl wie ein Baum mit einem endlos langen Pferdeschwanz. Er sagt auch nie was. Deshalb weiß ich auch nicht, wie er zu den anderen Köchen steht.
«Also ich war’s nicht.»
«Zum letzten Mal, Louis, sag mir, wer die Scheibe kaputtgemacht hat, oder ich ziehe es dir vom Lohn ab.»
Ich muss nachdenken. Denn der Scheck, den er mir gerade gegeben hat, ist bloß eins fünf neun zwei eins, und mein Dad will zwei null null von mir haben. Richtig nachdenken geht aber nicht, wenn einen alle anstarren, außerdem fängt der Lärm in meinem Kopf wieder an, erst langsam, dann immer schneller … das klingt wie ein entferntes Donnern, wo ich aber weiß, dass es näher kommt und lauter wird, lauter und lauter … und irgendwann direkt in meinem Kopf ankommt, wo ich es nicht mehr rauskriege, dann tut nur noch alles weh, überall. Der Fettfrosch brüllt auf mich ein, aber, echt, das höre ich schon gar nicht mehr, ich bin ganz weich in der Birne, ich will nur, dass es aufhört, jemand soll machen, dass es aufhört … der Riese von Indianer guckt mich an, ein Stück Haut von einem Huhn hängt an seinem Messer mit dem schwarzen Griff, und obwohl mich gerade niemand haut, merke ich auf einmal die Dresche, die ich vorhin von meinem Dad gekriegt habe … wie war das noch? Zur Tür gerannt … nein, Dad ist schneller, packt mich und hält mich fest … weil, ich soll zugucken, wie Eddie mit seinem glänzenden Riesending spielt, dann … er stößt mich zu Boden, drückt mir mit dem Knie die Kehle zu und hält mir auch sein glänzendes Riesending vors Gesicht, ich kriege keine Luft mehr … jemand versucht, mir die Hose runterzuziehen … die nackte Frau, Musik und Lachen, die nackte Frau versucht immer noch, mir die Hose runterzuziehen … egal, nur Luft … Luft, ich kriege keine … schnappe mit den Händen danach … Luft mehr, wo? Wo? Meine Hand kriegt etwas zu fassen, das ist kalt und schwer, damit hole ich aus … auf Dads Kopf und … plötzlich strömt es rein, ganz weit, Luft …
«Um Gottes willen, Louis, mach keinen Scheiß, das mit der Scheibe ist nicht so schlimm, beruhig dich. Aber hör auf, hier die Sachen durch die Gegend zu feuern.»
Als ich wieder bei mir bin, liege ich halb unter der Spülstraße für die Teller, wo ich immer hingehe, wenn der Lärm in meinem Kopf zu laut wird. Die glitschigen Essensreste, die schmierigen Eimer und Klorix-Flaschen stören mich überhaupt nicht, ich weiß, dass ich dort sicher bin, das reicht. Nur weiß ich manchmal nicht, wie ich dann dort hingekommen bin. Ich weiß aber, warum. Mittlerweile starren sie alle auf mich runter, der Fettfrosch, der Riese von Indianer, die Köche, Kellner und Serviertussis. Als hätten sie Eintritt dafür bezahlt und warten jetzt, dass die Show losgeht. Das ist so einer der Momente, da spüre ich, was alles in so einer Wanduhr vorgeht, bevor dann der Zeiger einen Tick weiterrückt. Die Superzellen in meinem Kopf fangen an zu surren, weil sich die Teller vom Mittagessen bald bis zur Decke stapeln. Ich also zickzack an meinen Platz, und ab geht die Post, und alle, also die ganzen Leute, machen nur noch ooohhh … weil, die Teller fliegen praktisch in den Wagen, und der Wagen rattert in die Maschine, dass es nur so qualmt.
«Louis, komm, verdammt, hör auf, was soll das?» Der Fettfrosch packt mich an den Schultern, als wäre das alles zu viel für ihn: Manche Leute vertragen eben kein Tempo, nicht mal vom Zusehen. «Ruhig, Junge, verdammte Scheiße, komm wieder zu dir.»
Hat wahrscheinlich bloß Angst, dass ich mich, zickzack, aus seinem Universum verpisse, und wer macht dann den Abwasch? Montag Mittwoch Donnerstag Freitag. Besonders mit so speziellen Kräften wie bei mir muss man alles langsam, echt langsam angehen lassen, die Leute raffen das sonst nicht und kriegen Panik.
«Nein, keine Sorge, alles in Ordnung.»
«Mann, das hat mir noch gefehlt. Erst brüllt er den ganzen Laden zusammen, schmeißt mit Tellern um sich, und eine Minute später will er alle Rekorde brechen. Hör mal, das ist hier ein Restaurant, kein Kindergarten, also sieh zu, dass du klarkommst. Das nächste Mal so eine Scheiße, und du fliegst raus, hast du das kapiert?»
Ich nicke, aber ich kann mich nicht richtig konzentrieren, denn es juckt mir in den Fingern, die Teller endlich in die Maschine zu tun. Wenn die Teller so hoch gestapelt sind wie jetzt, fangen sie so an zu klingeln wie kleine Glöckchen, nur dass das Klingeln gar nicht mehr aufhört, bis dass die Teller sauber sind. Ich packe mir die nächste Ladung, aber ganz langsam, nur halbes Tempo, damit der Fettfrosch beruhigt ist.
«Herr im Himmel», sagt er und geht zur Tür, «sind wir eigentlich im Irrenhaus hier? Der Abend fängt ja gut an.»
Die Tür ist noch nicht ganz hinter ihm zugefallen, da bin ich zickzack wieder dabei mit meinen Tellern. Jetzt aber schnell, linke Hand die Brause, die rechte füttert den Wagen, dann ab in die Maschine und … dann geht auch der Lärm weg, ist weit, weit weggeschoben, bis dass ich nur noch das Dröhnen des Geschirrspülers höre, wie er sich mit kochend heißem Wasser über die Teller hermacht und alles schön durchmampft, die Teller, die Zahlen vom Safe vom Fettfrosch, immer und immer wieder.
Ich stelle mein Radar auf superscharf, falls der Fettfrosch nachts hier seine Agenten hat, kleine Froschmänner mit roten Augen, die im Dunkeln hocken und dem Fettfrosch später alles erzählen. Und die Zahlen in meinem Kopf sind verdammt laut, als ich mich, zickzack, zum Safe runterlasse. Ich habe mir unterm Dach eine Ecke eingerichtet, wo ich ab und zu schlafe. Nicht mal Singer weiß davon. Ich habe abgewartet, bis dass auch die Bar Schluss gemacht hat, durch die Decke bin ich dann runter ins Fettfrosch-Büro. In der Küche haben sie die Beleuchtung brennen lassen, weil die Frühstücksmannschaft bald kommt, und so kann ich im Büro genug sehen. Ich habe totales Herzklopfen, aber wie sonst soll ich die zwei null null für meinen Dad zusammenkriegen und wer weiß wie viel für die verdammte Scheibe?
Ich krauche also vor dem Safe herum, ganz wie der Fettfrosch immer, und fange an, an dem kleinen schwarzen Knopf zu drehen, wo am Rand lauter Zahlen drauf sind wie bei einer Uhr. Ich habe dem Fettfrosch schon hundertmal dabei zugesehen, aber bloß so von der Seite, damit er nichts merkt. Als ich ein ganzes Weilchen daran herumgedreht habe, um den Safe fit zu machen, bleibe ich auf der ersten Nummer stehen. Dann zurückgedreht bis auf die zweite und so weiter, abwechselnd vorwärts und rückwärts, bis dass alle Zahlen aus meinem Kopf raus sind. Mein Herz rast wie wild, als ich den langen silbernen Griff anfasse, der sich ganz kalt anfühlt, aber leicht heruntergeht. Dann macht es klick, und die Tür vom Safe geht superleicht auf, aber erst mal sehe ich gar nichts, deshalb fühle ich mit der Hand rein und schaufle alles in den Kopfkissenbezug. Dann schnell auf den Schreibtisch vom Fettfrosch und ab durch die Decke nach oben, wo ich die Paneele wieder genauso zusammenschiebe, wie sie waren. Trotzdem, mein Herz dreht bald durch, dass ich denke, gleich explodiert es noch. Oben auf dem Dachboden ist es heiß und staubig, mir brennen die Augen, und ich habe einen kratzigen Hals. Ich klettere noch eine kleine Leiter hoch, dann durch eine Tür raus aufs Dach, wo ich zwar besser Luft kriege, aber gleichzeitig ist es auch sehr kalt.
Wenn ich mir das so angucke, hat der Fettfrosch vor allem irgendwelchen dämlichen Papierkram in seinem Safe aufbewahrt, außer eben so einer kleinen Kassette, mit der er immer nach vorn zur Bar geht und wieder zurück. Und als ich die Kassette aufmache, ist da auf einmal mehr Geld drin, wie ich jemals gesehen habe: genau fünf zwei vier eins. Zickzack ist reich! Ich stecke das Metallgeld in die Tasche und den Rest in den Kopfkissenbezug. Ich steige zurück auf den Dachboden, weil, es wird langsam zu kalt draußen, und verstecke den Kopfkissenbezug hinter ein paar Kisten. Ist gar nicht so schlecht hier, seit mir Singer diesen brandneuen Schlafsack gekauft hat. Dann habe ich da noch eine Taschenlampe, einen Karton mit ein paar Klamotten und ein Miniradio, auch von Singer. Damit ich nachts noch ein bisschen Musik hören kann. Ich schalte das Radio an, aber hinhören tue ich nicht, weil, alles, was ich denke, ist, was ich mir für das viele Geld alles kaufen kann. Vielleicht, jetzt, wo wir reich sind, ziehen wir einfach weg, ich und Singer, irgendwohin, wo er nicht die ganze Zeit arbeiten muss und wo mich Dad nicht hauen kann. Aber es muss etwas sein, wo ich wieder so einen Job habe, Teller waschen, zickzack, in einem Restaurant, denn das ist das Einzige, wo der Lärm in meinem Kopf von weggeht.
Hat irgendwie eine Ewigkeit gedauert, bis dass ich eingeschlafen bin. Der Geruch von Kaffee und Rührei weckt mich auf. Ich checke mehrmals, ob die fünf zwei vier eins noch in meiner Tasche sind, weil, bei den kleinen Froschmännern, die der Fettfrosch überall für sich arbeiten hat, weiß man nie. Ich hab zwar noch nie einen gesehen, aber das heißt überhaupt nichts. Bei manchen Sachen weiß man einfach, dass sie da sind. Auch das Geld ist noch da, aber ich zähle zur Sicherheit nochmal nach. Dann habe ich eine Idee, die ist so gut, dass sie glatt von Singer stammen könnte. Ich fahre nach Hause, hole meine restlichen Klamotten ab und die schwarze Jacke, denn es wird langsam kälter, und ziehe ganz hier oben auf den Dachboden vom Fettfrosch. Förderschule muss heute ausfallen, bei den vielen Sachen, die ich noch zu erledigen habe. Außerdem ist Singer-Tag.
Ich ziehe mich schnell an und steige die Leiter hoch und dann wieder eine runter, wo die Müllcontainer sind und ich mein Rad stehen habe. Der große Indianer rafft überhaupt nicht, wo ich plötzlich herkomme. Er schmeißt den Müllsack in den Container und guckt zum Dach hoch, wie wenn da gleich noch mehrere die Leiter runterkommen.
«Ich bin’s nur», sage ich und stelle die Kombination von meinem Zahlenschloss ein. Ich muss darauf achten, dass ich die zwei drei drei fünf sechs nicht mit den Zahlen vom Fettfrosch durcheinander bringe. Der Indianer sagt nichts, redet auch nur mit sich innen drin. Wie ich. Ich schiebe mein Rad an ihm vorbei und fahre los und weiß aber auf einmal nicht mehr, wo ich hinwill, also fahre ich erst mal an die Tankstelle und kaufe mit dem neuen Geld ein paar Schokoriegel. Macht drei zwei sechs für Essenssachen, das heißt, ich habe noch fünf zwei drei sieben sieben vier über. Dann noch zwei Stück von dem Metallgeld, um Singer anzurufen, sechs vier vier acht neun acht acht, mal gucken, wie es ihm geht, übrig bleibt fünf zwei drei sieben drei neun.
«Singer, bist du das?» Warum geht da diese Frau dran?
«Moment, ich guck mal, wo er steckt.»
Ich bin schon bei meinem zweiten Schokoriegel, als ich plötzlich seine Stimme höre. «Yo, Zickzack, was geht ab?»
«Woher hast du gewusst, dass ich das bin?»
«Geraten. Bist du in der Schule?»
«Schule?»
«Yeah, Schule.»
«Nee, hab heute noch was zu erledigen.»
«Von wo rufst du an, aus einer Telefonzelle?»
Mann, Singer hat so ziemlich das beste Radar, das ich jemals erlebt habe. Er weiß immer schon alles, noch ehe ich irgendwas gesagt habe. Könnte ihm also genauso gut das mit dem Geld vom Fettfrosch erzählen, er fragt mich gleich sowieso.
«Ich habe fünf zwei vier eins vom Fettfrosch, aber wegen den Riegeln und für die Telefonzelle sind es nur noch fünf zwei drei sieben drei neun.»
«He, langsam, eins nach dem anderen. Was ist los?»
Keiner rafft, wie ich das mit dem Zickzack anstelle, so schnell wie das geht, nicht einmal Singer, und Singer ist der schlaueste Typ, den ich kenne. Aber alle sagen sie mir: Mach langsam, Zickzack, easy, nicht übertreiben …
«Hey, Zickzack?»
Jetzt fällt mir auch wieder ein: Ich wollte zu meinem Dad, meine Klamotten holen und besonders meine Jacke, denn es ist schon verdammt kalt draußen. Ich lege auf und springe auf mein Rad, wo ich die ganze Zeit immer eine Hand unter die Achsel schiebe, damit sie sich nicht den Ast abfriert, dann die andere. Ich bin ziemlich gut drauf, weil, heute gehe ich zu meinem großen Bruder. Singer ist nicht mein echter Bruder, was man auch sofort sieht, weil er überhaupt nicht so aussieht wie ich. Ich bin lang und dünn, er gar nicht. Die letzten Monate sind ihm die ganzen Haare ausgefallen. Das sieht ziemlich krass aus, trotz dem Hut, den er jetzt immer aufhat. Er sagt, er wäre krank, dabei sieht er gar nicht krank aus, sondern im Grunde so wie immer, nur ohne Haare. Er sagt, das wäre wegen der Medikamente, aber die Haare würden später zurückkommen.
Mir ist das mit den Haaren ganz egal, Singer ist für mich immer realer als jede andere Familie, die ich habe. Schon weil ich meine Mutter nie gesehen habe, sie ist schon lange tot. Und andere Brüder und Schwestern habe ich auch nicht, so bleibt nur mein Dad und ich und Singer. Aber Singer hat mich nie verdroschen, sogar wenn ich irgendwas kaputtgemacht und sonst Scheiße gebaut habe. Einmal die Woche kommt er mich besuchen, und wir machen dann alle möglichen Sachen zusammen, ich weiß gar nicht, was alles. Am besten gefällt mir, dass er so schlau ist, schlauer als ich, und deshalb sind ja auch seine Pläne so gut, was ich tun soll und so, da hilft er mir dauernd bei. Von Singer habe ich auch den neuen Namen, er hat mich auf die Förderschule getan und mir den Job besorgt, Teller spülen, Montag Mittwoch Donnerstag Freitag, damit ich meinem Dad nicht dauernd unter den Augen bin und er mich verdreschen kann. Oft schlafe ich auch auf Singer seiner Couch in seiner Wohnung, was mir immer total gut gefällt, weil, da ist es schön still, und die Couch ist auch viel weicher als auf dem Dachboden vom Fettfrosch. Außerdem hat er ein großes Farbfernseh, wo wir uns die ganzen Filme drauf ansehen können, und ich kann mir jede Menge Popcorn machen mit jede Menge Butter dran.
Wenn ich mit Singer zusammen bin, ist auch der Lärm in meinem Kopf nicht da.
Ich bin noch nicht ganz in dem dunklen Apartment, da explodiert der Lärm in meinem Kopf. Ich fühle einen Schlag im Nacken und falle hin. Meine Superzellen aber konzentrieren sich weiter voll auf die fünf zwei drei und sieben drei neun und wie das mit dem Lärm gleich besser wird, wenn ich erst mal wieder aus dem Apartment raus bin.
«Scheiße, Nigger, hast du mir einen Schreck eingejagt. Was machst du hier? Warum bist du nicht in der Schule?»
Eddie und die nackte Frau liegen auf dem Bett, beide haben sie den Mund offen, und Eddie schnarcht voll laut. Mein Dad ist immer noch nackt, außer dass sein Ding jetzt viel kleiner ist und nicht mehr so glänzt. Mein Radar sagt mir, dass er nicht in Prügelstimmung ist, aber in mir krampft sich trotzdem alles zusammen, nur für den Fall.
«Ich hab dich was gefragt, Nigger», brüllt er und wirft mit einem kleinen Kissen nach mir. Ich zickzack zur Seite, und das Kissen trifft Eddie am Kopf. Schnarcht aber einfach weiter. Ich gucke meinen Dad an, und da ist es wieder, das Rote in seinen Augen. Also doch Dresche?
«Ich hab noch was zu erledigen.»
«Erledigen, Scheiße», sagt er und lacht kurz, «das wird aber was Wichtiges sein.»
«Fünf zwei drei sieben drei neun. Für Zickzack ist das wichtig.»
«Komm mir nicht mit diesen verdammten Zahlen, viel zu früh für so einen Scheiß.» Er schraubt eine Flasche auf, die so ähnlich aussieht wie die vom Fettfrosch an der Bar. Er nimmt einen Schluck und verzieht das Gesicht, wie wenn es überhaupt nicht schmeckt.
«Scheiße», sagt er und wischt sich mit dem Daumen den Mund, «siehst du die Nutte da vorne?»
Ich nicke.
«Ich sag dir, was du erledigen kannst. Die Nutte hier will zweihundert für Fickenblasen für mich und Eddie, und das bis Sonntag. Kein Problem, haben wir gesagt, aber, Scheiße, wir haben keinen verdammten Cent. Das Einzige, was die verdammte Crack-Nutte kriegt, ist meinen schwarzen Schwanz in den Arsch.»
Ich weiß nicht, was mein Dad meint, deshalb gehe ich erst mal zum Schrank und hole meine schwarze Jacke und den Karton mit meinen anderen Sachen heraus. Das Gute ist, wenn man nicht so viele Klamotten hat, dass alles in zwei Kartons passt.
«He, was machst du da?»
«Ich hab deine zwei null null dabei.»
«Sag mal, hörst du schlecht? Was habe ich dir gerade gesagt? Keine Zahlen mehr.»
«Gestern wolltest du sie noch haben, zwei null null.»
«Sprich gefälligst anständig, Scheiße nochmal. Ich hab deinen Niggerarsch gestern gar nicht gesehen.»
Manchmal wird der Lärm in meinem Kopf so schlimm, dass ich gar nicht mehr auseinander halten kann, was von draußen kommt und was von innen. Wie als er mich beim letzten Mal verdroschen hat und so das Knie auf meine Kehle gedrückt hat und mit der nackten Frau die Sache. Vielleicht war ja die andere Sache, das auf dem Dachboden vom Fettfrosch, vielleicht war das ja auch nur in meinem Kopf. Ich stelle mein Radar auf superscharf, um zu gucken, was wirklich läuft.
«Scheiße, jetzt ist er endgültig bekloppt geworden.» Mein Dad nimmt noch einen Schluck aus der Flasche und kratzt sich am Bauch. «Wovon redest du eigentlich? Was soll das heißen: zwei null null?»
«Wegen der Miete. Du hast gesagt, bis Freitag muss ich dir zwei null null geben.»
Er guckt mich an, wie wenn ich ihn verarschen wollte oder so, und legt dann den Kopf zur Seite. «Ich soll das gesagt haben?»
«Sicher. Draußen vor dem Haus, bevor ich zum Fettfrosch musste.»
Und wieder trinkt er aus der Flasche, die ihm nicht schmeckt. «Okay, glauben wir das mal. Scheiße, na klar, jetzt erinnere ich mich: Ich hab gesagt, bis Freitag. Und? Hast du das Geld?»
Ich nicke.
«Was stehst du dann hier herum? Her damit. Siehst du nicht, dass die Nutte ihren Morgenfick will?»
Ich hole das Geld aus der Tasche und gebe ihm die zwei null null, aber dann schreit er plötzlich auf, und vor Schreck lasse ich alles fallen. Überall auf dem Boden liegen auf einmal diese Scheine.
«Meine Fresse, wo hast du denn den ganzen Schotter her?»
Er kraucht auf dem Boden rum, grabscht nach dem Geld und hält es dicht vors Gesicht. Ich hab meinen Dad noch nie so gesehen, so total glücklich. Vielleicht habe ich jetzt mal was richtig gemacht.
«Fünf zwei vier eins aus dem Fettfrosch sein Safe.»
«Wie? Was hat dem seine ‹Seife› damit zu tun?»
In meinem Kopf spule ich nochmal die Zahlen ab, wie als sie mir in die Finger kamen. «Nee, im Büro vom Fettfrosch der Geldschrank.»
Jetzt fängt er an zu lachen, mein Dad, so heftig, dass er sich den Bauch halten muss. «Ich brech zusammen, du hast tatsächlich diesem fetten Schwein in die Kasse gegriffen?»
Ich nicke wieder. Mein Dad zählt das Geld, wo ich aber schon weiß, es ist fünf null drei sieben ohne die Münzen und die zwei null null.
«He, willst du mich verarschen, das sind fünftausend Dollar. Wo kommt das her?»
«Das war nicht schwer. Ich habe dem Fettfrosch zugeguckt mit seinem Safe und mir die Zahlen gemerkt für später.»
«Mann, Nigger, das werden wir feiern. Ab heute fängt ein neues Leben an.»
Ich grinse und will das Geld vom Fettfrosch zurücknehmen, aber mein Radar kriegt die Faust nicht mit, die auf einmal angeflogen kommt, nur den Lärm in meinem Kopf auf der ganzen linken Seite. Ich falle auf den Boden, und seine Fäuste sind immer noch hinter mir her, hauen mir in den Magen, bis dass ich keine Luft mehr kriege, und der Lärm so laut, dass ich nichts mehr raffe, nur dass er die ganze Zeit am Lachen ist.
«Pfoten weg, du Scheißnigger … jetzt wird erst mal Cadillac Tom gelöhnt … hör mal, wo du die fünf Riesen her hast, da kannst du mir ruhig noch mehr von holen …»
Als der Lärm im Kopf endlich aufhört, liege ich auf dem Boden und sehe, wie der Arsch von meinem Dad so auf der nackten Frau rauf und runter geht und total schnell. Die Frau macht lauter so Geräusche, aber Eddie schnarcht und schnarcht, wie tot. Mir tut alles weh, deshalb dauert es eine Weile, bis dass ich aufstehen kann. Ich ziehe die schwarze Lederjacke an, die Singer mir geschenkt hat, und schnappe mir den Karton mit meinen Klamotten. Keine Ahnung, was Dad mit dem Geld vom Fettfrosch gemacht hat. Ich mich also, zickzack, in dem Apartment umgeschaut, vielleicht finde ich es ja wieder, deshalb bin ich auch ganz leise, damit mein Dad mich nicht sieht. Aber er hat ganz was anderes zu tun, oben auf der nackten Frau drauf.
Ich kann aber das Geld nirgendwo finden und verschwinde aus dem Apartment. Dad hat zwar das Geld vom Fettfrosch, aber ich habe wenigstens die Zahlen. Der Lärm in meinem Kopf ist immer noch ziemlich laut; als ich wieder auf meinem Rad sitze, konzentriere ich mich erst mal auf eins nach dem anderen, mit dem Karton mit den Klamotten in einer Hand und die andere am Lenker, weil, ich will erst mal zum Restaurant zurück und dann zu Singer. Singer hat garantiert eine Idee, was ich machen kann, hat er ja immer. Singer ist der Einzige in dieser Welt voller Lärm, der immer für mich da ist.
Vor dem Restaurant steht schon ein Streifenwagen auf dem Parkplatz. Ich schließe mein Rad ab, wo es immer steht, hinter den Müllcontainern, dann die Leiter hoch aufs Dach, aber so schnell, dass ich richtig unsichtbar bin, dann durch die kleine Tür und wieder die andere Leiter runter, bis dass ich schließlich direkt über dem Fettfrosch seinem Büro bin. Die Stimmen unten sind alle ziemlich durcheinander, außer wenn ich mein Ohr ganz fest gegen die Paneele presse, die man rausnehmen kann. Ich höre den Fettfrosch und dazu noch eine andere Stimme, die ich noch nie gehört habe.
«… und das alles hat sich im Safe befunden?»
«Ja, wie ich schon sagte: fünftausend plus ein bisschen Kleingeld, aber alles in bar. Wenn ich die Ratte erwische, die das getan hat, dem reiß ich die Augen raus und schieb sie ihm einzeln in den Arsch.»
«Es befinden sich also regelmäßig fünftausend Dollar im Safe, kann man das so sagen?»
«Nein. Kommt ganz drauf an. Manchmal mehr, manchmal weniger. An langen Wochenenden können es auch mal zwanzigtausend sein. Das lag nur an der Scheißbesprechung gestern. Als ich endlich da rauskam, hatte die Bank schon zu.»
«Hat jemand vielleicht einmal gesehen, wie Sie den Safe geöffnet haben, möglicherweise einer der Angestellten?»
Wer immer dieser Mann ist, er hat jedenfalls eine Menge Fragen. Normalerweise ist der Fettfrosch derjenige, der die Fragen stellt. Der Fettfrosch sagt nichts darauf, und ich frage mich, ob er nicht gerade in diesem Moment nach oben an die Decke guckt, weil, vielleicht kommt sein Radar gerade drauf, wie er mir den Scheck gegeben hat. «Tja, das weiß ich nicht. Eher unwahrscheinlich.»
«Warum?»
«Es ist eine sechsstellige Kombination. Und jedes Mal, wenn ich den Safe aufmache, knie ich direkt davor. Also selbst wenn jemand genau dort steht, wo Sie jetzt stehen, er kann nicht das Geringste erkennen. Alles ganz einfach im Prinzip. Aber effektiv. Ich sag Ihnen was: Das war diese schlitzäugige Schlampe Williams. Oder diese Stinkfotze von Cindy. Beide wussten genau, wann hier keiner mehr ist.»
«Sie meinen die stellvertretenden Geschäftsführer?»
«Natürlich, wen sonst? Aber denen trete ich in ihren stellvertretenden Arsch, bis sie da sind, wo sie hingehören, nämlich im Knast.»
«Na ja, das überlassen Sie besser mal uns. Die beiden stehen auf unserer Liste sowieso ganz oben.»
«Mann, ich hab doch gewusst, dass mit denen was nicht stimmt, schon von Anfang an. Haben Sie Fingerabdrücke gefunden?»
«Ja, sogar eine Reihe ganz gute, auf dem Griff. Aber das allein hilft uns noch nicht weiter.»
«Weil jeder seine fettigen Griffel mal auf dem Safe hatte, nehme ich an.»
«Sie sagen es, einschließlich der Ihrigen. Aber wer weiß, manchmal gibt es da auch eine echte Überraschung.»
«Ja, klar, der Prince of Wales oder was?»
«Nein, besser. Die Abdrücke von jemandem, der zwar hier arbeitet, aber auf den Sie nicht im Traum gekommen wären. Irgendein kleiner Wicht, der ansonsten schon zu blöd ist, sich nur den eigenen Arsch abzuwischen.»
Der Fettfrosch fängt an zu lachen. «Ich wüsste da einen, aber jetzt mal im Ernst: Der läuft so neben der Spur, gegen den hat sogar Rain Man den totalen Durchblick, wenn Sie verstehen, was ich meine.»
«Genau das ist unser Mann. Kommt nicht zum ersten Mal vor, so was.»
«Ihr Wort in Gottes Ohr.»
«Warten Sie’s ab.»
Der Fettfrosch sagt nichts mehr, aber ich höre, wie es in ihm nachdenkt.
Um fünf drei null, wie immer dienstags, kommt Singer mit dem Wagen vorbei und stellt ihn genau vor den Müllcontainer. Seit einiger Zeit holt er mich lieber am Restaurant ab als wie von Dads Apartment, weil es dauernd Ärger gegeben hat, weil mein Dad immer wieder Streit anfängt. Ich habe so viele Sachen im Kopf, die ich Singer fragen will, zum Beispiel, was das mit dem Streifenwagen sollte und die vielen Fragen an den Fettfrosch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Also lasse ich ihn erst mal reden, vielleicht beruhigt sich mein Kopf später ja.
«Und wie war’s in der Schule …? He, Zickzack … aufwachen!»
«Schule? Keine Zeit gehabt.»
«Wieso das denn?»
«Hatte noch so Sachen zu erledigen, ich musste die Jacke abholen, die du mir gegeben hast, und auch die anderen Klamotten. Ich will ausziehen.»
«Ach, deswegen auch der Schlafsack und das Kissen. Hm, du willst also ausziehen?»
«Yeah. Es ist bloß, ich hab das Geld nicht mehr.»
«Aber du hast doch gestern deinen Scheck bekommen, oder nicht?»
«Eins fünf neun zwei eins, ja. Aber ich meine das Geld vom Fettfrosch. Das hat mein Dad gestohlen.»
«Was redest du da?»
«Die fünf zwei vier eins, die ich aus dem Safe genommen habe. Ich wollte meinem Dad nur die zwei null null geben, aber er hat alles genommen, fünf null drei sieben. Die wollte ich dafür nehmen, dass wir weg können, weg aus dieser Stadt, und dass du nicht mehr arbeiten musst. Solange ich irgendwo, zickzack, die Teller spülen kann, mehr will ich nicht.»
«Moment mal, ganz langsam», sagt er und hält auf dem Parkplatz von einer Videothek an. Er dreht die Heizung ab, obwohl, mir wär es lieber, er würde sie anlassen, mir ist immer noch total kalt. Hoffentlich stört ihn der Essensgestank nicht, meine Sachen auf dem Rücksitz riechen voll nach Restaurant. Ich auch, aber das ist bei jedem so, der in einem Restaurant arbeitet. Egal, wo man hingeht, man kriegt den Geruch nie wieder los. Singer ist Staplerfahrer, und ich beuge mich ein bisschen zu ihm rüber, weil ich wissen will, wie man so als Staplerfahrer riecht.
«So, und jetzt erzähl mir die ganze Geschichte nochmal von vorn. Aber langsam, wenn’s geht», sagt Singer.
«Nee, ich wollte nur sehen, was so ein Gabelstapler für einen Geruch macht.»
Singer guckt mich jetzt genauso komisch an wie die meisten anderen Leute, wenn ich mal nicht nach drinnen reinspreche, sondern nach draußen.
«Das meinte ich nicht, sondern die Sache vorher. Wie war das mit dem Geld vom Fettfrosch, was ist passiert?»
«Fünf zwei vier eins, ja. Die habe ich aus dem Safe genommen. Und meinem Dad zwei null null gegeben davon …»
«Willst du damit sagen, du hast 5241 Dollar aus dem Safe des Restaurants gestohlen?»
«Und meinem Dad hab ich dann …»
«Das ist ein Witz, oder? Zickzack, sag was.»
«Fünf zwei vier eins.»
«Bitte denk genau nach. Wie war das? Hat sich das alles nur in deinem Kopf abgespielt oder richtig, draußen, in echt?»
Aber er bringt mich ganz durcheinander mit seiner Fragerei, ob drinnen oder draußen in meinem Kopf und so, woher soll ich das wissen, ich kann das alles nicht auseinander halten. Erst knallt der Suppenlöffel gegen die Scheibe, dann der große Indianer und der Fettfrosch, der so vor dem Safe rumkriecht, wo ich aber von der Seite alles sehen kann, und das Knie von meinem Dad auf meinem Hals … Singer fällt nichts mehr dazu ein, er reibt sich übers Gesicht und fängt total an zu schnaufen, sagt aber nichts. Er schüttelt bloß seinen Glatzekopf, wo er diesen schwarzen Hut aufhat.
«Also ich glaube ja, du hast das alles wieder geträumt, alles nur in deinem Kopf drinnen. Warst du sauer auf deinen Boss, oder was? Hat er etwas getan, wofür du dich rächen wolltest?»
«Er hat gesagt, ich hätte das Fenster kaputtgemacht.»
«Aber du warst es nicht, oder?»
Ich schüttle den Kopf.
«Folglich, wenn du gekonnt hättest, hättest du ihm am liebsten den Safe ausgeräumt. Auf diese Weise wärt ihr wieder quitt gewesen, stimmt’s?»
Ich nicke. «Aber wenn dem seine Zahlen auch so riesig sind.»
«Welche Zahlen?»
«Die kleinen weißen Zahlen auf dem Knopf vom Safe.»
«Ja dann … dann hast du eben gesehen, wie er den Safe aufgemacht hat, in echt, meine ich, draußen von deinem Kopf. Aber drinnen für dich hast du gedacht, du hättest die Zahlen tatsächlich gesehen.»
«Ich sollte dem Fettfrosch für die kaputte Scheibe bezahlen. Dabei war es der Schmale von den Köchen, nicht ich.»
«Okay, nur die Ruhe. Das mit der Scheibe kriegen wir schon wieder hin, da helfe ich dir, abgemacht?»
«Aber ich habe die Scheibe nicht kaputtgemacht.»
«Ist doch egal. Ich wollte dir nur sagen, ganz gleich, wer das jetzt war mit der Scheibe, das regelt sich. Wir werden gemeinsam mit deinem Boss reden.»
Singer hat es wirklich raus, dass sich irgendwie alles beruhigt, ich kann richtig spüren, wie der Lärm aus meinem Kopf abläuft. Ich nicke, und er nickt auch, und so von seiner Miene her weiß ich, dass er schon wieder einen neuen Plan für mich hat, so wie immer, wenn wir zusammen sind.
«Weswegen wolltest du denn deinem Dad zweihundert Dollar geben?»
«Er hat gesagt, wenn ich nicht bis Freitag die zwei null null habe, dann verhaut er mich, außerdem setzt er meinen schwarzen Arsch vor die Tür.»
«Wann war das?»
«Gestern Abend.»
«Hat er wieder getrunken?»
Ich nicke. «Wenn er getrunken hat, ist es am schlimmsten. Dann fängt er immer an zu hauen.»
Auf einmal schlägt Singer so fest auf das Lenkrad, dass ich hochfahre. Mein ganzer Körper verkrampft sich wie automatisch.
«Er hat dich also wieder geschlagen?»
«Ja, oft. Und Eddie auch.»
«So eine verfickte Scheiße, jetzt reicht’s. Es ist mir egal, was die in der Agentur sagen, von wegen, Vormundschaft käme nicht infrage, alles Blödsinn. Diesmal holen wir dich aus dieser Scheiße raus, egal was kommt. Du willst doch von zu Hause weg, oder?»
«Ja, aber nur mit dir. Ich will von dem Lärm weg, und wo du auch nicht mehr zu arbeiten brauchst. Ich will nur so einen Job, wo ich mit den Tellern zickzack machen kann. Aber wenn Ms. Tate das hört, kriegen wir garantiert Ärger.»
«Wieso das denn wieder?»
«Wegen dem verfickte Scheiße. Das sagt man nicht.»
Darüber muss Singer jetzt grinsen. «Tja, das ist so eine Sache, was man sagen darf und was nicht. Manchmal, wenn einem irgendetwas unheimlich auf die Eier geht, etwa als du mir gesagt hast, dass dein Vater dich wieder geschlagen hat, dann, schätze ich mal, kann eigentlich niemand was dagegen haben. Kommt immer drauf an, wie überhaupt im Leben. Einmal kommst du mit einer Sache durch, ein andermal kriegst du für dieselbe Sache eins auf die Fresse. So ist es auch mit dem verfickte Scheiße. Es ist sozusagen gestattet, wenn dir irgendwas extrem auf die Eier geht.» Er kitzelt mich, aber das weckt nur den Lärm an den Stellen, wo Dad mich verhauen hat. Ich bin froh, dass er nicht weitermacht, dann geht auch der Lärm wieder weg.
«Alles klar jetzt? Das mit dem Fenster war echt, das mit dem Safe nicht. Und du musst deinem Dad auch nicht dein ganzes Geld geben oder ein schlechtes Gewissen haben, nur weil du ausziehst. Er hat dich lange genug misshandelt.»
«Misthandelt?»
«Na ja, er hat dich geschlagen, dich verprügelt, hat dir wehgetan.»
«Ja klar.»
«Komm, wir rufen Diane von der Agentur an und sehen mal, was sich machen lässt.»
«Willst du meinen Scheck sehen, Singer?»
«Ja, zeig mal her.»
Ich greife nach hinten nach dem Kopfkissenbezug. Aber da sind haufenweise Zettel und anderer Scheiß drin, alles aus dem Safe, deswegen finde ich den Scheck nicht sofort. Und als ich ihn habe, fallen ein paar von den Zetteln mit raus, und Singer macht so ein ganz komisches Gesicht, wie ich es noch nie gesehen habe bei ihm. Wie wenn jetzt der Lärm auch in seinem Kopf wäre oder ich sonst irgendwelchen Scheiß gebaut hätte.
Er hebt ein zwei, drei von den Zetteln auf, guckt sie groß an und dann auf mich und sagt aber nichts. Ich sehe ihm am, dass er am liebsten was sagen würde, aber sein Mund bleibt offen stehen, wie wenn er nicht mehr funktionieren würde. «Wo hast du denn das her?»
Ich will schon sagen, das sind diese Zettel aus dem Safe vom Fettfrosch, aber er hat mir gerade noch gesagt, das wäre nicht in echt gewesen, sondern nur in meinem Kopf, deshalb weiß ich jetzt auch nicht, wo die Zettel plötzlich herkommen.
«Hast du die aus dem Safe gestohlen?»
«Du hast gesagt, das wäre nur in meinem Kopf gewesen.»
«Ich weiß selber, was ich gesagt habe. Was ich wissen will, ist, woher du diese Dinger hast.»
Ich habe auf einmal Angst, weil Singer so ein Gesicht macht. Ich meine, Singer hat sicher Recht, in den meisten Sachen jedenfalls, aber ob das mit meinem Kopf so stimmt, das mit drinnen und draußen und … also ich weiß nicht.
«Nochmal: Hast du die aus dem Safe gestohlen?» Er sagt das noch lauter als eben.
Mir ist nicht klar, was auf Singers Gesicht los ist, ob er nur sauer ist oder plötzlich Angst hat, deshalb nicke ich bloß. Ich meine, alles, was sich draußen von meinem Kopf abspielt, fühlt sich sowieso anders an als das drinnen. Man weiß doch, wie das ist, wenn man die Brause für die Teller in der Hand hat oder den schwarzen Knopf vom Safe.
«Das sind Kassenzettel aus dem Restaurant, alle von gestern.»
Ich weiß jetzt nicht genau, was er meint, aber er sieht aus, wie wenn er gleich das Kotzen kriegen könnte. Keine Ahnung, was ich wieder falsch gemacht habe. Man weiß das eigentlich nie, weil er einen nicht verhaut. Er holt nur immer tief Luft und schüttelt den Kopf, wenn er schwer über irgendwas nachdenkt, und es dauert eine Ewigkeit, bis dass er wieder was sagen kann.
«Zickzack, hör mir mal zu. Wenn du die fünftausend wirklich geklaut hast, dann steckst du jetzt tief in der Scheiße, sehr tief. Verstehst du das?»
Eigentlich nicht, aber ich nicke trotzdem, weil ich denke, Singer wird’s schon wissen. Gerade hat er mir noch gesagt, alles wäre nur in meinem Kopf.
«Okay, irgendwie werden wir schon eine Lösung finden. Aber zuerst versprich mir, dass du mit keinem darüber redest.»
Ich nicke.
«Mit keinem außer mir. Sprich nur nach innen in deinen Kopf. Das ist jetzt sehr wichtig, also versprich es mir.»
«Zickzack wird mit niemand über das Geld vom Fettfrosch reden außer mit Singer.» Und mit mir in meinem Kopf.
«Wenn das jemand rauskriegt, landest du im Jugendvollzug, und wir können uns nicht mehr treffen.»
«Was ist ein Voll-Zug?»
«Das ist Knast, Junge. Sie sperren dich ein wie deinen Vater das letzte Mal, wahrscheinlich ziemlich weit weg, nicht mal in dieser Stadt.»
«Ich spreche mit niemand darüber, nur mit dir.» Oder in meinem Kopf.
Singer will, dass ich ihm alles erzähle, was ich von letzter Nacht noch weiß, angefangen von meinem Dad, als er die zwei null null von mir wollte, was ganz gut klappt, weil es noch alles ziemlich nah in meinem Kopf ist. Aber frag mich nach Sachen, die weiter weg liegen wie letzte Woche, dann bring ich das alles nicht mehr zusammen. Singer fährt dann von dem Parkplatz runter, und wir fahren weiter. Singer ist der beste Fahrer, den ich je gesehen habe. Ich erzähle ihm von gestern Nacht, bis ich alles zusammenhabe. Singer fragt eine Menge Sachen, besonders wie ich die Zahlen rausgekriegt habe und wie ich dann ins Büro reingegangen bin und den Safe aufgemacht habe. Und dauernd sagt er, wie er das echt nicht fassen kann, dass ich tatsächlich den Safe aufgekriegt habe. Und dann erzähle ich ihm von dem Streifenwagen und sogar von Sachen, die ich gar nicht gesehen habe, aber weiß, dass sie da waren, wie die geheimen Agenten vom Fettfrosch, die nachts überall im Restaurant sind. Singer sagt nicht viel, und als ich endlich fertig bin, weiß ich nicht, ob er sauer auf mich ist oder nicht.
«Wo fahren wir jetzt hin, Singer?»
«Wir gucken mal, ob wir die Sache wieder in die Reihe kriegen.»
«Und wie?»
«Erst mal müssen wir von deinem Vater das Geld zurückholen.»
Es ist fast schon dunkel, als wir anhalten, wo mein Dad wohnt. Alles sieht ziemlich friedlich aus, trotzdem frage ich mich, ob Dads Hintern noch immer auf der nackten Frau rumhopst oder ob Eddie noch immer am Schnarchen ist. Oder vielleicht sind sie ja alle am Trinken aus der Flasche, wo man so das Gesicht verzieht.
«Schalt dein Radar ein, Zickzack.»
