Ziegenmelker & Zikaden - Fried Burkert - E-Book

Ziegenmelker & Zikaden E-Book

Fried Burkert

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Beschreibung

Veith, Deutscher und Ende 20, ist Produktmanager einer italienischen Reederei, die mit mehreren Kreuzfahrtschiffen in der Ägäis agiert, und für die reibungslose Anlieferung von Obst und Gemüsen der Bordküchen verantwortlich. Auf einem der regionalen Märkte an der Küste begegnet er Dila, Türkin und Anfang 20, ebenfalls Christin, einer Verkäuferin an einem der Marktstände. Diese stille, in sich gekehrte und gleichzeitig wache Frau erweckt seine Neugierde. Doch was hat es mit einer Geschichte aus ihrer Vergangenheit auf sich, die ihm zugetragen wird? Warum widersetzt sich Dila seinem Werben, oder doch nicht? Die Liebe ist ein ernstes Thema ... weil sie so gerne spielt ...

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ziegenmelker & Zikaden

Titel Seite

Fried Burkert

Ziegenmelker&Zikaden

Roman

Titelbild und Umschlaggestaltung: Friederike Witte Lektorat: Martina Burkert Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved, Copyright © 2021 Verfasser/Herausgeber: Dr. Fried Burkert, Ostend 12, 86928 Hofstetten, [email protected] Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin Dieser Titel ist auch als Printbuch erhältlich

Fried Burkert verführt mit seinem DebütromanZiegenmelker & Zikaden– einem klassischen Liebesroman –an die sonnigen Gestade der Türkischen Ägäis.Inspiriert von einer jungen, unbekannten Obstverkäuferin auf einem Wochenmarkt in der Küstenstadt Selçuk während einer Reise wird eine Geschichte erzählt, wie sie vielleicht auch geschehen ist. Wer weiß.Haben Sie Teil am wahrlich Schönsten auf Erden, lieben und geliebt zu werden.

1

Es war Markttag in Selçuk. Veith hatte einen strategisch günstigen Platz für seine zweite Morgenzigarette und den ersten Kaffee des Tages gewählt. Die kleine Bar mit ihren wenigen Tischchen lag am oberen Rand des leicht ansteigenden, für eine gewöhnliche Kreisstadt sehr weitläufigen Platzes. Von hier hatte man einen unverstellten Blick auf die zahllosen Marktstände und die aus den Seitengassen eintreffenden Besucher. Der Markt füllte sich zusehends.

Stühle gab es keine, nur drei altersschwache Holzbänke mit verschlissenen Kissen. Mit dem Rücken an der Wand lehnend, die Beine weit von sich gestreckt, zog Veith an seiner Selbstgedrehten und spürte die Wärme der über den Dächern aufsteigenden Sonne. Er war mit sich und der Welt mehr als zufrieden. Ja, so konnte man es aushalten.

„Ich geh rein. Da kommt keiner raus! Gescheiter Kaffee oder Mokka?“ Lucca sah fragend rüber.

„Für mich bitte einen Türkischen Kaffee und wenn sie haben irgendwas briochemässiges.“

„Mit Crema oder Marmellata?“

Lucca lehnte Mokka jeder Art ab, wie auch den Türkischen Kaffee. Ihn ekelte die Vorstellung, dass beim Einschenken in die Tasse der Kaffeesatz mit eingeschenkt wurde. Seiner Ansicht nach ging doch nichts über einen mit Liebe und Sorgfalt zubereiteten Espresso, bei dem das Kaffeemehl nicht in der Tasse landete. Lucca lebte seine italienische Abstammung durch und durch. Er ging in die Bar auf der Suche nach der Bedienung.

Am anderen Ende strömte eine Busladung Tagestouristen aus einer der engen Gassen.

„Sie werden wohl anschließend weiter zur antiken Grabungsstätte Ephesos fahren. Da ist ein vorheriger Marktbesuch mit seinem Trubel eine willkommene Abwechslung zu all den toten Steinen“, sinnierte Veith.

„Brioche hatte ich irgendwie anders in Erinnerung. Mehr so briochemässig eben.“

Veith grinste und begutachtete das Gebäck in dem Bastkörbchen auf dem Tisch.

„Spritzkringel türkischer Art sind das, mit viel Zuckerguss. Die hatten wir sogar vor ein paar Tagen als Spezialität im Dessertbereich. Sind von den Passagieren super angenommen worden. Der Dicke war total happy. Na ja, ist er ja immer, wenn’s Lob von oben gibt.“

Lucca stopfte sich einen weiteren Kringel in den Mund, während er zwei Tütchen Zucker in seinen Kaffee streute.

„Wie jetzt, doch Türkischer Kaffee? Überwindung oder Einsicht?“

„Ha! Be tricky! Viel Zucker und nur das obere Drittel abtrinken.“

Sie kannten sich jetzt über zwei Jahre und hatten sich angefreundet.

Luccas italienische Wurzeln – seine Eltern stammten beide aus einem kleinen Dorf bei Bari in Apulien – waren nicht zu übersehen. Erforderte es die Situation, egal ob im Job oder privat, konnte er umschalten von der lauten, oft verstörenden Direktheit seiner Duisburger Heimat zu dem umwerfenden Charme eines Latin Lovers. Die Damenwelt wusste dies durchaus zu schätzen. Und obwohl er mittlerweile als Chef de Partier eine beeindruckende Karriere in der Gastronomie hingelegt hatte, konnte er auch dort das genetische Erbe nicht verleugnen. Luccas Ausraster auf dem Schlachtfeld Großküche waren gefürchtet und fast schon legendär. So mancher Auszubildende konnte ein Lied davon singen.

Ihr gemeinsamer Arbeitgeber war die italienische Reederei Vittorio Marittima, mit derzeit acht Kreuzfahrtschiffen der Platzhirsch unter den zahlreichen Anbietern von Reisen im Mittelmeer und angrenzenden Gewässern. Die Auftragsbücher waren gut gefüllt und die Reederei hatte als Arbeitgeber einen tadellosen Ruf.

Veith war vor gut zwei Jahren dazu gestoßen. Nachdem er als Ungelernter, ein abgebrochenes Biologiestudium zählte da leider nicht, in der Nahrungsmittellogistik angefangen hatte, wurde ihm schon nach wenigen Monaten die Kontrolle der Anlieferungen von Obst und Gemüse übertragen.

Seine Vorgesetzten und Kollegen schätzten seine absolute Zuverlässigkeit, gepaart mit einem verbindlichen, jedoch unnachgiebigen Umgang mit den teils doch eigenwilligen Lieferanten. Und Termintreue war nicht verhandelbar. Letztlich entschied die Qualität der Mahlzeiten über Erfolg oder Misserfolg einer Kreuzfahrt.

„Wie ist dein Plan?“

Lucca rührte versonnen in dem Bodensatz seines Mokkarestes und schaute Veith fragend an.

„Ruud meinte, ich soll hier mal die Obstbauern checken. Bei den Anlieferungen in Izmir vergangene Woche gab es schon wieder Probleme mit dem Obst, vor allem mit den Bananen. Ruud war stinksauer und ist ziemlich ausgerastet. Er sucht jetzt neue Lieferanten.“

„Zu klein? Die türkischen liegen doch im Trend!“

„Ne, zu gelb!“

„Zu reif? Also Sechser?“

„Genau. Wir brauchen die als Vierer. Fünfer gehen zur Not auch. Dann müsst ihr eben in der Küche etwas mehr Gas geben.“

„Ja, stimmt. Ruud hatte sowas erwähnt. Wir sehen die ja immer nur als Sechser, also vollgelb.“

Lucca lachte und stippte die letzten Krümel der Spritzkringel aus dem Bastkörbchen.

„Gar nicht so schlecht. Etwas zu viel Lasur. Und das Fett könnte auch mal wieder ausgetauscht werden.“

„Vorschlag: Ich schau mir jetzt mal in Ruhe die Auslagen an, führe vielleicht auch ein paar Gespräche und wir treffen uns dann sagen wir in anderthalb Stunden, wo uns vorhin der Dolmuş abgesetzt hat.“

„Okay. Mich interessieren deine Bananen eh nur kurz bevor sie von uns zu einem leckeren Nachtisch verarbeitet werden.“

Lucca kniff Veith ein Auge zu.

„Du bist eingeladen. Und lass dich gleich nicht über den Tisch ziehen. Das sind alles Schlitzohren. Ich schau mir jetzt mal das Gassengewirr an und suche mir eine Bar mit einem gescheiten Kaffee.“

„Na dann viel Erfolg! Ci vediamo, Caro!“

Lucca stand auf und ging in die Bar zum Bezahlen. Veith schnappte sich seinen kleinen Rucksack, verstaute Tabak, Blättchen mit Filtern und Feuerzeug und ging die paar Stufen runter auf den Platz zu den Markständen, an denen schon ein ordentliches Gedränge und Gefeilsche herrschte.

Auch wenn ihm der örtliche Dialekt noch gewisse Schwierigkeiten bereitete, verstand er doch das meiste von dem, was an den Ständen gesprochen wurde. Die Bordsprache war Englisch, wie auf fast allen Kreuzfahrtschiffen weltweit. Sein Türkisch war mittlerweile ganz passabel, aber weit davon entfernt, verhandlungssicher zu sein. Ohne Kenntnisse der Händler- und Lieferantensprache vor Ort wäre eine Terminverfolgung der Waren nicht möglich gewesen. Er war Autodidakt, hatte sich reingekniet, und war mittlerweile schon ein bisschen stolz, wenn er sich mit den türkischen Partnern reden hörte.

Die Stände standen dicht an dicht in endlosen Reihen, überladen mit allem, was Gärten und Äcker hergaben. Er hatte sich, seit er auf dem Schiff angeheuert hatte, zwangsläufig umfangreiche Kenntnisse insbesondere der mediterranen Obst- und Gemüsesorten aneignen müssen. Und nicht nur das. Wie reifte eine Sorte, unter welchen Umständen und in welchen Zeiträumen? Wann war der optimale Zeitpunkt im Reifeprozess für die Anlieferung und Einlagerung? Eine Kokosnuss konnte Wochen eingelagert werden. Eine profane Banane benötigte nur wenige Tage, ja Stunden, um ihre Farben von 3 (mehr grün als gelb) zu 4 (mehr gelb als grün), zu 5 (gelb mit grünen Spitzen) und schließlich zu 6 (vollgelb) zu wechseln. So die internationale Bananenreifeskala. Die Bordküche benötigte ausschließlich vollgelbe oder bereits mit ersten bräunlichen Stippen, den Zuckerflecken, gefleckte Bananen.

In Izmir hatte es dann den Eklat gegeben. Ruud in seiner Funktion als Head of Purchasing, so lautet seine offizielle Stellenbeschreibung, hatte eher zufällig eine der Kisten mit Bananen geöffnet und was er sah, machte ihn äußerst ungehalten. Die gesamte Charge war gut zwei Tage über der Zeit. Das konnte passieren, aber nicht zum wiederholten Male. Natürlich demonstrierte der Lieferant Betroffenheit, natürlich gelobte er Besserung, natürlich fand man über einen erheblichen Nachlass eine Einigung. Der Chef de Partier in Person von Lucca fand eine Lösung, indem er das Nachspeisenbuffet neu organisierte. Und die Verantwortlichen in ihren Positionen hatten erneut bewiesen, warum sie diese Positionen bekleideten. Daraufhin gab Ruud umgehend die Parole aus: Zweilieferantenstrategie. Vorschläge seien jederzeit herzlich willkommen.

Der weitläufige Markt unterteilte sich grob in Lebensmittel, Lebendvieh, Textilien sowie Haushaltswaren und natürlich Blumen. Dazu etwas Handgewerbe und Keramik. Die Stände mit den Garten- und Feldfrüchten bildeten das Gros der Auslagen, ergänzt durch Öle in Flaschen, Konfitüren und Kandiertem, eine unüberschaubare Vielfalt an Gewürzen aus aller Welt sowie getrockneten Kräutern aus der Umgebung und dem Bergland. Auffallend waren zudem die Angebote an getrocknetem Seetang. Diese hatte Veith bei anderen Marktbesuchen, egal wo im Mittelmeerraum, in dieser Artenvielfalt noch nicht gesehen. Diesen Trend würde er im Auge behalten.

Die Leute standen dicht gedrängt vor den Auslagen, betasteten hier, prüften dort, füllten ihre Körbe, um dann lautstark die Qualität der von ihnen selbst ausgewählten Produkte in Zweifel zu ziehen, um den Preis zu senken. Ein Spiel, so alt, wie es Handel gibt.

Veith beobachtete das Treiben mehr amüsiert als interessiert, vergaß dabei aber nicht, nach Ruuds Bananen Ausschau zu halten. Nach einer guten Viertelstunde Schieberei mit den unvermeidlichen Remplern und Schubsern erspähte er einen Stand mit einer breiten Auslage voller Granatäpfel, Feigen, Datteln und Bananen.

Letztere hingen als Staudenware an Gestellen aus Holzlatten und hatten diese satte hellgrüne Farbe frisch gepflückter Früchte. Sein Interesse war geweckt.

Veith suchte sich einen einigermaßen sicheren Standort etwas abseits, von dem er das Treiben am Stand gut beobachten konnte, ohne von den Menschenmassen bedrängt zu werden.

Die Auslage hatte eine geschätzte Breite von fünf Metern. Dahinter standen drei Männer und eine Frau. Der Kleidung nach Landwirte, wahrscheinlich aus dem weitläufigen Hinterland. Es schienen sich um den Vater mit seinen beiden Söhnen und dessen Tochter zu handeln. Oder Neffen und Nichte? Auch gut möglich.

Der Stand war gut besucht, was immer für die Qualität der Ware spricht. Die beiden jungen Burschen genossen das ihnen geltende Interesse und produzierten sich vor ihrem Publikum. Sie flachsten und scherzten, füllten mit großer Geste kleine kostenlose Zugaben in die prall gefüllten Tüten und kassierten so schnell, dass der Zeiger an der Waage mehr tanzte, als das tatsächliche Gewicht anzuzeigen.

Der ältere Mann stand am Rand des Standes. Seinen Blicken entging nichts. Ab und zu gab er kurze und knappe, mehr gezischte Anordnungen oder Kommentare in Richtung des Jungvolkes und bediente selbst auch Kunden, die er wohl persönlich kannte. So hatte es zumindest den Eindruck.

Am rechten Rand des Standes bediente die junge Frau, deren Alter Veith auf Anfang Zwanzig schätzte. Sie war mittelgroß, unscheinbar gekleidet und trug das bei der Landbevölkerung dieser Region oft verwendete Kopftuch, das weit über die Schultern fiel. Sie belud die ihr hingereichten Tragetaschen und Körbe flink nach den Wünschen der Kunden, sprach aber nur das Notwendigste. Ab und zu warf sie einen verstohlenen Blick zu ihrem Vater oder geriet mit einem der beiden Jüngeren aneinander, wenn diese ihr im Weg standen. Einmal blickte sie unvermittelt direkt zu ihm hinüber, wenn er sich nicht getäuscht hatte.

Es gab insgesamt drei Stände mit einer Menge an Bananen, die auf entsprechende Kapazitäten des Erzeugers schließen ließen. Veith dachte nicht in Kisten, sondern in Zentnern. Und das in gleichbleibender Qualität über einen längeren Zeitraum. Eben solange, wie die Saison entlang der türkischen Mittelmeerküste dauerte. Wenn er überhaupt hier fündig würde.

Der zweite Stand wurde von zwei jungen Burschen betrieben, die ohne einen Altvorderen im Nacken ihren Handel betrieben. Und das machten sie merklich mit Spaß und Freude. Die Ware war in einem sehr guten Zustand, deren Präsentation Veith ausnehmend gut gefiel. Die Stauden waren kunstvoll angeschrägt fixiert und boten so dem Betrachter eine ungewöhnliche Perspektive der Früchte.

Aber auch hier ging es ohne den üblichen Tamtam und Zinnober nicht vonstatten. Was für ein Dorftheater, was für ein Laienschauspiel. Im Mittelpunkt stand, wie hätte es auch anders sein sollen, die weibliche Kundschaft. Alten Weibern wurde die Verehrung ausgesprochen, junge kichernde Dinger zu feschen Damen erklärt und den verheirateten Frauen versichert, wie neidisch man doch auf deren sicherlich so stolze und glückliche Ehemänner sei. Und das Ganze begleitet durch wildes Gestikulieren und Grimassieren, dass man ehrlich am Verstand aller Beteiligten zweifeln musste. Zwar wussten die Angesprochenen ob des Theaters, aber genossen die Aufmerksamkeiten dennoch sichtlich.

Veith schaute sich auch dieses Treiben eine Zeit lang an und schlenderte dann zum dritten Stand, merkend, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb, wenn er noch das ein oder andere Gespräch führen wollte. Lucca hasste es zu warten, und ebenso schätzte Veith Pünktlichkeit.

Der Stand gehörte einem älteren Ehepaar, war ebenso von eindrucksvollen Ausmaßen und bot neben einer Vielzahl an liebevoll arrangierten lokalen Früchten auch die türkische Zwergbanane an.

Die Früchte waren bereits als Bananenhändevon dem Fruchtstand, dem Büschel, gelöst und zu Exemplaren mit fünf oder sechs Bananenfingern abgetrennt worden. Nach ganzen Stauden suchte man vergeblich. Hier war der klassische Endverbraucher der Kunde und erfahrungsgemäß produzierten diese Anbieter nur überschaubare Mengen.

Veith drehte um, ging zielstrebig auf den mittleren der drei Stände zu und drängelte sich langsam nach vorne. Die beiden Burschen, er schätzte sie auf Anfang und Mitte 2o, hatten nach wie vor sichtlichen Spaß an ihrem Gebaren. „Ein guter Händler ist immer auch ein guter Schauspieler“, dachte Veith und nahm die Auslage in Augenschein.

Die üppigen Fruchtstände mit den zahllosen Früchten waren auf eine Größe zwischen zwei und zweieinhalb Metern gekürzt und, wie ihm bereits zuvor aufgefallen, raffiniert in Szene gesetzt worden. Die bis zu 5o kg schweren Stauden hingen mit einem Ende an einem starken Nylonseil an der robusten Deckenkonstruktion, die auch das Zeltdach des Standes trug. Das untere Ende ruhte auf den hölzernen Ablagen der Auslagen, umrahmt von zahllosen, bereits abgelösten Bananenhänden.

Im Hintergrund erspähte Veith einen großen Pickup, auf dessen Ladefläche weitere Stauden gelagert waren.

Hier war er richtig!

„Ich interessiere mich für Ihre Bananen.“

Der Angesprochene, ein schlaksiger Bursche mit strubbeligem blondem Haar und einem Dauergrinsen, lachte auf und machte eine ausladende Handbewegung.

„Bitte schön! Suchen Sie sich selbst welche aus!“, streckte eine Papiertüte entgegen und wandte sich der Dame rechts neben Veith zu.

„Was kostet das Kilo?“ fragte Veith unmittelbar, obwohl er das nicht zu übersehende Holzschild „Muz 14,2o ₺/kg“ sehr wohl zur Kenntnis genommen hatte. Das entsprach in etwa 1,55 €, der durchaus übliche Wochenmarktpreis für ein Kilo Bananen.

„14,2o ₺“ antwortete der Verkäufer knapp, um dann wieder seine ganze Aufmerksamkeit der Dame zu widmen. Diese kaufte eine Hand voll reifer sattgelber Bananen, ein paar Äpfel, dazu abgepackte Feigen sowie die unvermeidlichen Pistazienkerne, die fast jeder Stand im Angebot hatte. Pistazienkerne waren für Touristen so etwas wie der Tomatensaft der Landausflüge.

Veith wartete geduldig, bis seine Nachbarin die Waren in ihrem großen, bunten Guccibeutel verstaut hatte. Mit lässiger Geste rundete der Bursche die geforderte, sicherlich völlig überzogene Summe um ein paar wenige Kuruş ab zur sichtlichen Freude der Frau, die offensichtlich keine Einheimische war.

Veith reichte dem Verkäufer unaufgefordert die leere Papiertüte zurück über die Auslage.

„Wo läge der Kilopreis bei einer Abnahme von 5oo kg pro Woche in der Erntesaison, Kartonware, ausschließlich Farbklasse 5, Anlieferung Izmir inklusive?“

Wenn Veith im Glauben gewesen war, einen Überraschungsmoment zu landen, hatte er sich gewaltig geirrt.

„Übernimmst du meine Kundschaft mit, Jip? Wir sind kurz hinten beim Laster.“

Der so Gerufene nickte fast unmerklich und widmete sich weiter einer zierlichen älteren Dame, die bereits eine riesige Tüte mit Avocados scheinbar mühelos umklammert hielt.

Ein eingespieltes Team waren die beiden, ohne Zweifel.

Er gab Veith ein Zeichen, ihm zu folgen. Dieser schlängelte sich zwischen den beiden eng stehenden Ständen durch und folgte dem jungen Mann zu dem Pickup, der ihm bereits am Anfang direkt aufgefallen war. Wie er vermutet hatte, gehörte dieser zum Stand der Beiden.

„Ich heiße Sağ, eigentlich Sağlam. Das ist mein Bruder Jiyan, aber wir sagen alle Jip zu ihm.“

Er zeigte auf Jip.

„Und das sind die 5o-kg-Stauden, plus minus, mit einem Fruchtanteil von 4o kg, plus minus. Farbklassen drei bis sechs nach Wunsch lieferbar. Farbklasse sieben kommt dann zügig von selbst.“

Sağ zeigte dabei sein breites, freches Grinsen, das er gerne und effektvoll auch den Damen schenkte.

Veith war beeindruckt. Profis, gewohnt, größere Mengen zu handeln. Die Ware machte auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Er würde Ruud berichten.

Sağ schaute prüfend in Veiths Gesicht. Dies war kein Einkäufer eines der zahllosen Hotels oder Ferienanlagen, vermutlich eher der einer Hotelkette oder sogar aus der Systemgastronomie.

Die Brüder hatten früh die Entscheidung gegen den Willen des Vaters und auch des Großvaters durchgesetzt, wieder auf die türkische Zwergbanane zu setzen. Brüssel hatte jahrelang rumgezickt, wahrscheinlich politisch motiviert, die Früchte nicht zum Import in die Gemeinschaft zuzulassen. Zu klein, zu türkisch, zu lecker. In der Tat waren die Zwergbananen geschmacklich unerreicht. Da waren sich die Gastronomen und zunehmend auch die Verbraucher einig.

Sie hatten investiert in zwei große Gewächshäuser, die den Ertrag pro Einheit locker um 2oo % gegenüber dem Freiland steigerten. Und die ersten Erfolge belohnten ihren Mut. Erste Hotels hatten angefragt und man belieferte bereits vereinzelte Supermärkte entlang der Küste. Das Marktgeschäft aber blieb bislang die Kuh, die die tägliche Milch lieferte. Hotelketten, Systemgastronomie, das wäre die nächste Liga. Oder gar der Export in die EU!

Veith war das Gewese und Gehabe der meisten Einkäufer und Händler zuwider. Er bevorzugte eine „klare Kante“ und fuhr bislang ausgezeichnet damit. Sowohl im Binnenverhältnis als auch im Umgang mit den Lieferanten.

„Wir sind aktuell nicht ganz glücklich mit Lieferanten im Bereich Frischobst und hier speziell Bananen. ‚Wir’ heißt die Reederei Vittorio Marittima, die auch in dieser Saison mit ihren Kreuzfahrtschiffen hier entlang der ägäischen Küste operiert. Wir sind auf der Suche nach neuen, sprich verlässlichen Lieferanten.“

Es entstand eine Pause.

Veith inspizierte die riesigen Stauden auf der Ladefläche des Pickup, drückte hier eine Frucht, zog dort an einer ganzen Hand, um den Sitz an der Staude zu prüfen.

Sağ holte indessen einen Päckchen Tabak aus der Jackentasche und begann in aller Ruhe, sich eine Zigarette zu drehen. Anschließend hielt er Veith den Tabak hin, der sich bedankte, zugriff und anschließend standen beide schweigend und rauchend in der Morgensonne.

„Ich bin nur der Scout“, unterbrach Veith das Schweigen.

„Unser Einkäufer ist zurzeit in Izmir. Die Schiffe kreuzen in der Saison, die auch die Erntezeit der Bananen umfasst, entlang der Küste und fahren wöchentlich Izmir an.“

„Welche Spezifikationen?“

„Wie gesagt 5oo kg netto, 1 x die Woche zu einem festen Termin, Kartonware, Farbklasse 5 ausschließlich, internationales Bio-Siegel.“

Veith schaute Sağ direkt ins Gesicht, während er mit ihm sprach.

„Welches Bio-Siegel?“

„Es gibt eine Liste beim Einkauf. Mindestens eins der dort aufgelisteten Siegel ist Pflicht. Bio soll ja auch Bio sein, oder? Wäre das ein Problem?“

Jetzt war es an Veith, sein freches Grinsen zu zeigen.

„Kein Problem.“

Sağ drückte die Zigarette an der Bracke des Pickup aus und schnippte sie im hohen Bogen in den sich hinter dem Stand stapelnden Abfall.

„Heute Abend telefoniere ich mit unserem Einkäufer. Ich möchte dem nicht vorgreifen. Entweder kommt er die Tage auf einen Sprung vorbei oder Sie oder Ihr Bruder müssten einmal den Weg nach Izmir finden, Herr ...“

„Nennen Sie mich Sağ. So werde ich gerufen.“

„Ich heiße Veith.“

„Schön.“

Sağ hielt Veith die Hand hin und dieser schlug ein. Er war auf der Hut. Der Fischzug hatte begonnen und Sağ warf gerade seine Netze aus Charme und Vertraulichkeit aus. Aber eine Zurückweisung wäre sicherlich die falsche Reaktion gewesen. Wachsamkeit war angebracht.

„Wir sehen uns morgen am Vormittag, dann gebe ich Ihnen, äh, dir, Bescheid und weiß gegebenenfalls schon, wie wir weiter vorgehen wollen.“

„Morgen stehen wir auf dem Markt in Söke. Ein kleiner Ort, gute 2o km südöstlich von Kuşadasi. Hat aber den größten Markt in der Region.“

„Um so besser. Sagen wir so gegen 11 Uhr? Ich finde den Stand schon.“

„Wir stehen direkt im vorderen Bereich in der zweiten Reihe. Ich freue mich. Güle güle!“

Diese Messe war gelesen und Veith schaute auf die Uhr. Es blieb ihm noch eine knappe Viertelstunde bis zum vereinbarten Treffpunkt.

Der dritte Marktstand schloss sich direkt an den der beiden Brüder an und Veith nutzte seinen Standort am Pickup, ein wenig aus dem Hintergrund das Treiben am Stand zu beobachten. Er registrierte sehr wohl, wie Sağ, der wieder vorne bediente, sich ab und zu umdrehte, um ihn weiter im Auge zu behalten. Sein Interesse an seinem direkten Nachbarn war ihm offensichtlich nicht verborgen geblieben. Ein guter Händler hatte seine Augen eben überall.

Dieser Stand war deutlich breiter, die Auslage bot entsprechend mehr Fläche und das Angebot an Obst und Feldfrüchten aller Art war vielfältiger. Der gesamte, von hinten betrachtet linke Bereich war ausschließlich üppig mit Bananen bestückt, teils als Hände, teils als ganze Büschel dargeboten. Hinter dem Stand direkt neben dem Pickup stand ein VW T4, der wahrlich schon bessere Zeiten gesehen hatte, als geschlossener Kasten, so dass Veith leider keinen Blick ins Innere des Transporters werfen konnte. In großen gelben Buchstaben stand SUSIN Plantagen auf der Heckklappe.

Veith beobachtete das Treiben am Stand ein paar Minuten und war gerade auf dem Weg, sich zwischen den beiden Ständen wieder nach vorne zu zwängen, als die junge Marktfrau sich unvermittelt umdrehte und zu dem Transporter ging. Sie schaute kurz zu ihm herüber, öffnete die Heckklappe und zog eine dieser riesigen Isolierkannen mit Pumphebel nach vorne an die Ladekante.

Vor den Ständen hatte das Gedränge weiter zugenommen. Es ging mittlerweile stramm auf Mittag zu, und selbst die Spätaufsteher hatten jetzt den Weg in die Stadt und auf den Wochenmarkt gefunden. Zudem spuckten die Seitengassen unaufhörlich ganze Busladungen voll Menschen auf den Platz. Fluch und Segen der Händler zugleich. Sie nervten die Einheimischen und Stammkunden, zahlten aber die verlangten Preise klaglos. Und falls sich doch einer besonders schlau vorkam und meinte hart verhandelt zu haben, führte das stets zu einem milden Lächeln am Stand. Die Preise machte die Waage, nicht der Händler. Und welcher Reisende führte schon im Urlaub eine Waage mit, um später nachzuwiegen?

Mit einigem Geknuffe und bösen Blicken hatte sich Veith bis vor den Stand und die Bananenauslage gekämpft. Die junge Frau stand noch am Transporter, beide Hände um einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit geschlungen. Sie stand regungslos, ihr Blick war starr auf den Boden gerichtet und Veith nutzte die Gelegenheit, sie aufmerksamer zu betrachten.

In ihrer Kleidung wirkte sie wie eine Muslima, was aber unwahrscheinlich war, da Veith bereits zu Anfang bei dem älteren Mann am Stand ein zwar schlichtes, jedoch sichtbar getragenes silbernes Kreuz an einer Halskette aufgefallen war.

Sie trug einen weiten, bodenlangen Rock aus ausgeblichenem Jeansstoff und darüber eine ebenfalls viel zu weite Jacke mit Camouflagemuster, wahrscheinlich eine ausgemusterte Armeejacke. Einziger Hingucker war das in bunten hellen Farben gemusterte Kopftuch, das die Haare nahezu komplett bedeckte und unter dem Hals verknotet war.

„Das nenn ich mal Cross-Dressing“, dachte Veith amüsiert.

Jetzt schaute sie zu ihm herüber. Sie stellte abrupt den Becher auf die Ladefläche, schob die riesige Kanne wieder auf deren ursprünglichen Platz zurück und schloss mit Schwung die große Heckklappe.

Einer der beiden jungen Verkäufer reichte ihm eine Papiertüte und warf seiner Kollegin, die eilends dazu kam, einen genervten Blick zu. Allem Anschein nach waren sie allein für die Bananen verantwortlich.

Veith sah kurz auf die Uhr. Die Zeit drängte. Er beschloss, sein übliches Vorgehen drastisch zu beschleunigen, wedelte demonstrativ mit der leeren Papiertüte, ließ dabei seinen Blick über die Auslage schweifen und schaute dann direkt in ihr wartendes Gesicht.

„Ich interessiere mich für 5oo kg Bananen, pro Woche in der Erntesaison, Kartonware, ausschließlich Farbklasse 5, Anlieferung Izmir inklusive. Hätten Sie da eine Preisvorstellung für mich?“ Und das Ganze mit einem freundlichen interessierten Lächeln vorgebracht.

Diesmal funktionierte es prächtig. Er schaute in ein völlig verdutztes Gesicht, in das schlagartig Farbe zu kommen schien. Ihre großen braunen Augen, so schien es ihm, starrten ihn überrascht an, um dann den Blick auf die Auslage zu senken. Sie drehte sich unvermittelt um und suchte den Blickkontakt zu dem älteren Mann am anderen Ende des Standes.

„Was möchten Sie?“, fragte der Jüngere, der ihm bereits zuvor die Tüte angereicht hatte. Ihm war die Situation nicht entgangen.

„Danke, wir kommen zurecht“, antwortete Veith.

Er spürte, dass er über das Ziel hinaus geschossen war und ärgerte sich über sich selbst.

Der Angesprochene stand jetzt unschlüssig da und überlegte, was zu tun war.

Seine Kollegin hatte sich schon auf die andere Seite des Standes begeben, was Veith bedauerte, und bediente dort bereits eine Kundin.

Jetzt schob der ältere Mann den jüngeren beiseite, musterte Veith kurz und verschränkte dann die Hände ineinander.

„Wir können morgen liefern. Über den Preis werden wir uns sicherlich handelseinig. Wo soll die Ware hingehen in Izmir? Haben Sie weitere Wünsche außer den Bananen?“

Jetzt war Veith es, der für einen kurzen Moment sprachlos war. Der Mann musste Ohren wie ein Luchs haben! Und das in diesem Stimmengewirr auf dem Markt. Wann hatte er sich bei ihnen eingeklinkt?

Natürlich hatte er ihn bei seinem direkten Nachbarn stehen und reden sehen und natürlich hatte er eins und eins zusammengezählt. Er konnte unmöglich alles von Beginn an mitbekommen haben, was Veith der Jungen gesagt hatte. Er bluffte, aber wie!

Wahrscheinlich hatte er nur AnlieferungIzmir gehört. Zwei Kilo Bananen lässt kein Mensch nach Izmir anliefern. Und daraus seine Schlüsse gezogen. Als dann noch seine Mitarbeiterin hilfesuchend zu ihm schaute wusste er sofort: Chefsache!

„Haben Sie fünf Minuten für mich?“, fragte Veith.

„Auch zehn, wenn es sein muss. Ich lade Sie auf einen Kaffee ein. Lassen Sie uns dort zu der Bar gehen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, zwängte er sich zwischen den Ständen nach vorne und ging in Richtung der Bar, in der sie morgens noch gesessen hatten. Lucca würde wohl doch ein paar Minuten auf ihn warten müssen.

Veith spürte geradezu die Blicke der beiden Burschen vom Nachbarstand in seinem Nacken.

Sein Anliegen war schnell dargelegt, wobei er es vermied, Hoffnungen jedweder Art zu wecken, geschweige denn Zusagen zu geben. Es war ein erstes Kennenlernen und ein Abtasten, das überall auf der Welt im Handel nach dem mehr oder weniger gleichen Muster ablief. Er bemerkte schnell, dass er in seinem Gegenüber einen Gesprächspartner auf Augenhöhe sitzen hatte, der interessiert und aufmerksam zuhörte.

Der Kaffe war getrunken, gegenseitiges Interesse bekundet, ein Treffen für morgen vereinbart. Auch sie hatten ihren Stand auf dem Markt in Söke.

„Sie haben eine flinke Truppe am Stand“, sagte Veith, um abschließend ein paar nette Worte zu finden.

„Ja, alles meine Kinder. Sie müssen noch viel lernen, aber ich klage nicht. Ich habe fünf Kinder! Zwei gehen noch zur Schule, zwei der Mädchen.“

Der Mann strahlte ihn an und zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche.

Veith kannte diese Spielchen nur zu gut. Er nannte es „gefährliche Umarmung“. Man bekommt ungefragt und sehr früh private und persönliche Informationen, die für das Geschäft völlig unerheblich sind. Man lässt den Anderen am Leben des Gegenübers teilhaben, wie bei einem guten Bekannten oder Freund. Und die Gefahr ist groß, dass dir die notwendige Objektivität abhanden kommt und die kritische Einstellung verloren geht. Im Handel fatal. Gleich würde er ihm noch seinen Vornamen nennen. Doch Veith wurde enttäuscht.

„Schauen Sie bitte unter SUSIN Plantagen. Die Homepage hat unser Jüngerer erstellt.“

Der Vaterstolz war nicht zu überhören.

Sie schüttelten sich herzlich die Hände.

„Danke für die Einladung. Ich freue mich auf unser Wiedersehen morgen. Gute Geschäfte noch! Güle güle.“

Veith beschloss, das Gedränge des Marktes zu umgehen und verschwand in einer der schattigen Gassen. Lucca hatte es sich unter einer riesigen Schirmakazie auf einer Bank gemütlich gemacht und beobachtete die Ein- und Aussteigenden der im Minutentakt an- und abfahrenden Sammeltaxen.

„Alles schick?“

„Alles schick!“

Lucca war nicht nur für seine teils sehr drastische Ausdrucksweise gefürchtet, sondern auch als Experte für alle neumodischen Phrasen bekannt.

„Nach der Arbeit kommt das Vergnügen!“

„Heißt tote Steine? Ephesos, echt? Und wenn ich hier auf dich warte, wäre das okay?“

Lucca zog eine Grimasse wie unter Qualen, sprang dann aber auf und steuerte zielstrebig auf ein Dolmuş zu mit der Beschriftung Efes. Er sprach kurz mit dem hinter dem Lenkrad dösenden Fahrer und kam zurück.

„Fährt erst in einer guten halben Stunde los. Zeit für eine kleine Zwischenmahlzeit.“

Sie bummelten gemächlich über den großen Platz mit den zahllosen Minibussen zu einem barackenähnlichen, flachen Gebäude, über dem in großen Buchstaben FASTFOOD DÖNER stand. Veith bestellte sich einen Döner mit ordentlich Zwiebeln, Lucca einen Kumru ohne Paprika, um sich seine Geschmacksnerven nicht zu ruinieren. Das Los einen jeden Kochs.

Halbliterflaschen Wasser führten sie immer mit sich. Kumru war mal vor Jahren als der Fastfood-Geheimtipp in den westlichen Metropolen gehandelt worden. Aber es war ihm nicht gelungen, dem klassischen Döner den Rang abzulaufen. Halbierte Fleischwürste im Brötchen, egal ob vom Schwein oder Geflügel, waren dann doch nicht jedermanns Sache.

„Und, wie lief es an der Bananenfront? Gibt es einen neuen High-Performer am Lieferantenhorizont? Oder muss Ruud sich noch gedulden?“

Lucca knapste kleine Brotstückchen von seinem Sandwich und fing an, die bettelnden Spatzen zu seinen Füßen zu füttern.

„Darauf kann ich dir ehrlich gesagt keine gescheite Antwort geben. Morgen bin ich schlauer. Ich muss heute Abend Ruud anrufen und die genauen Mengen und Zeitvorgaben erfragen. Vielleicht geht’s auch um mehr als nur Bananen. Zwei Händler, mit denen ich gesprochen habe, produzieren selbst. Das hat natürlich Vorteile. Kurze Wege, volle Verantwortung. Die treffe ich morgen früh in Kuşadasi auf dem Markt zu weiteren Gesprächen.“

Lucca nickte und widmete sich wieder den Spatzen.

Der Busfahrer gab ihnen ein Zeichen und sie stiegen ein. Die Fahrt vom Busbahnhof in Zentrum von Selçuk zu den antiken Ausgrabungsstätten von Ephesos dauerte nur wenige Minuten.

Veith schaute aus dem Fenster des bis auf den letzten Platz gefüllten Dolmuş. Die dichte Bebauung des Stadtkerns öffnete sich schnell zu den mit vertrocknetem Gestrüpp bewachsenen Freiflächen, die bei dem Betrachter immer einen unordentlichen Eindruck hinterließen. Früher Auftriebsflächen für das Vieh, reihten sie sich heute entlang der Straßen, die aus der Stadt in das Umland führten, mehr oder weniger ungenutzt und warteten auf eine neue Bestimmung.

Veith hatte plötzlich den Anblick der jungen Verkäuferin vor Augen. Wie sie ernst und still an dem Transporter stand, die Tasse fest umklammert. Sie passte gar nicht in dieses bunte laute Treiben um sie herum und wirkte irgendwie fremd, in sich gekehrt. Hatte sie nicht ein- oder zweimal herübergeschaut, als er mit Sağ am Pickup gestanden hatte? Vielleicht hatte er sich aber auch nur getäuscht.

„So, da wären wir, min Jung. Kultur, Kultur, Kultur!“

Lucca schlug klatschend in die Hände und stürmte aus dem Bus in Richtung Ticketshop.

Den Tag, an dem Lucca außerhalb seiner Kombüse schlechte Laune hätte, müsste man wirklich im Kalender rot anstreichen.

2

Mit der Besichtigung von Ephesos oder Efes war ihre Liste der Sehenswürdigkeiten entlang der Türkischen Ägäis komplett. Zusammen mit den antike Stätten Troja und Pergamon sowie dem Naturwunder der Kalkterrassen von Pamukkale bildete Ephesos das vierte touristische Highlight dieser Region, allesamt in der Liste Weltkulturerbe der UNESCO aufgeführt.

Veith saß auf dem Balkon und telefonierte mit Ruud. Und das schon seit gut einer halben Stunde.

Lucca lag auf dem Doppelbett und spielte mit der Fernbedienung der an der Wand hängenden Klimaanlage, ohne diese zu starten. Es war noch früh am Morgen und die frische kühle Luft strömte durch die geöffnete Balkontür. Er verstand nur wenige Wortfetzen. Wenn Ruud in Fahrt war, und das schien er zu sein, dann wurden schnell aus Telefongesprächen Telefonmonologe. Lucca stemmte sich hoch und schlurfte in das kleine Bad.

„Dusche ist okay?“

Veith stand in der Balkontür, das Handy noch in der Hand.

„Ja, alles fein. Bad ist frei.“

Lucca ließ sich wieder auf das Bett fallen.

„Gibt’s Probleme oder warum hat Ruud wieder solange gequatscht?“

„Ja, gibt es. Erzähl ich dir gleich in Ruhe. Ich brauche jetzt erstmal eine Dusche und einen Kaffee. Ich beeile mich.“

Veith verschwand im Bad.

Wenig später verließen sie das Hotel in Richtung des nahgelegenen alten Hafens und suchten sich eine der kleinen unauffälligen Bars, in denen auch die heimkehrenden Fischer ihren ersten morgendlichen Kaffee tranken.

„Gestern hat es erneut massive Probleme bei der Wareneingangskontrolle gegeben. Du wirst es sicher auch aus der Küche erfahren. Und wohl nicht nur beim Obst. Ruud ist in Izmir geblieben zu Einzelgesprächen mit den verantwortlichen Lieferanten. Wir haben heute Abend Teammeeting und müssen deswegen schon nachmittags rüber.“

Mit einem Tritt verscheuchte Veith die ersten Spatzen, die sich in der Hoffnung auf ein paar Brösel in Position brachten.

Lucca hörte aufmerksam zu. Ruuds Probleme konnten in Folge auch die der gesamten Küchenmannschaft werden. Aber der alte Haudegen war für sein Trouble-Shooting bekannt.

„Wenn die Fleischlieferanten Mist liefern, können wir ja immer noch sagen: Hey, heute Veggieday! Aber ohne gescheites Obst oder Gemüse wird’s echt eng!“

„Er hat Druck gemacht. Er will austauschen, auch während der laufenden Saison. Kann ich sogar nachvollziehen.“

„Na dann Waidmannsheil für deine Pirsch gleich auf dem Markt!“

„Waidmannsdank!“ lachte Veith.

Die Bar füllte sich mit bärtigen Männern von jung bis alt. Das Fischerhandwerk war hier wie fast überall in der Ägäis immer noch eine reine Männerdomäne.

Die ersten Marktstände würden bald öffnen. Veith sollte ordern. Ruud vertraute ihm. War er nervös? Etwas.

Vom alten Hafen bis zu dem Platz, auf dem die Dolmuş hielten, waren es nur wenige Gehminuten.

Es war Markttag in Söke und entsprechend schnell fanden sie ein Sammeltaxi für die knapp halbstündige Fahrt.

Lucca liebte Bauernmärkte, immer in der Hoffnung, eine ihm unbekannte Sorte oder eine regionale Besonderheit zu entdecken, die noch nicht Eingang in die Fachbücher gefunden hatte. Kaum jemand ahnte, dass es weltweit 115 Sorten allein der Kulturformen von Paprika und Chili oder etwa unglaubliche 4oo Sorten der Dessert- oder Obstbanane gab.

Sie verabredeten sich wie zuletzt und schlenderten in unterschiedliche Richtungen los. Veith musste nicht lange suchen, um den ersten der beiden Stände zu finden.

Der Markt war kompakter aufgestellt als der weitläufigere in Selçuk. Die Stände standen zwar auch hier dicht an dicht. Jedoch waren die Wege für die Laufkundschaft wesentlich enger, die Flächen hinter den Ständen deutlich kleiner und dienten zudem als Abstellfläche für die nachrückenden Waren.

Jip und Sağ waren noch damit beschäftigt, die Waren auf den großen ausladenden Ablageflächen des Standes zu arrangieren. Heute waren sie jedoch zu Dritt. Eine zierliche Frau, sie mochte etwa Mitte Zwanzig sein, mit dem gleichen markanten Gesichtszug wie die beiden, wahrscheinlich eine Schwester, stapelte kunstvoll eine Pyramide aus Granatäpfeln auf.

Sie hatten ihn noch nicht entdeckt und er nutzte die Gelegenheit, nach dem Stand des Eigentümers von SUSINPlantagen Ausschau zu halten. Mist! Er hatte ganz vergessen, einen Blick auf die Homepage zu werfen.

Veith schlenderte weiter entlang einer langen Reihe von Obst- und Gemüseständen und wurde schließlich am Ende der Standreihe fündig.

Ihr Kopftuch leuchtete heute in einem kräftigen Türkis und gab einen herrlichen Kontrast zu den Bergen von grün-gelben Bananen. Anstelle der unsäglichen Armeejacke trug sie eine in blau und grün gehaltene weite Strickjacke. Nur der verwaschene Jeansrock war derselbe.

Die junge Frau blickte auf und sah direkt zu ihm herüber.

Wohl wissend, dass sie seinen Blick bemerkt haben musste, schaute Veith demonstrativ suchend umher und tat scheinbar überrascht, als er sie erblickte.

Er kam sich reichlich albern vor.

Während er sich dem Stand näherte, war ihre ganze Aufmerksamkeit durch eine ältere Dame gefesselt, die vor sich hinbrabbelnd in den vor ihr liegenden Bananen wühlte.

Veith nutzte die Situation, um die junge Frau näher zu betrachten. In dem vom Kopftuch vollständig umrahmten Gesicht waren die Augen mit einem Kajal kräftig betont. Markant waren auch die nachgezogenen breiten Augenbrauen. Warum war ihm dies gestern nicht so aufgefallen?

Sie blickte kurz zu ihm hin, nahm die Früchte, die die Dame ihr anreichte, steckte diese in eine Tüte, um sie zu wiegen.

„Ah, schön Sie zu sehen, Herr ... Jetzt ist mir doch ihr Name entfallen.“

Herr Susin kam vor den Stand und reichte die Hand zum Gruß.

Veith war bereits in Ephesos eingefallen, dass er bei der Verabschiedung versäumt hatte, seinen Namen zu nennen. Ein ärgerlicher Lapsus.

„Veith Bross, Reederei Vittorio Marittima.“

„Ja genau. Jetzt erinnere ich mich.“

Was schwer möglich war.

„Gibt es einen Ort, wo wir uns ungestört unterhalten können? Eine Bar oder Cafe? Oder werden Sie am Stand benötigt?“

„Nicht weit betreibt mein Schwager ein kleines Cafe. Augenblick bitte.“

Mit einer kurzen Geste gab er den jungen Burschen Zeichen, vor den Stand zu kommen. Veith erkannte die beiden sofort wieder.

„Dies ist Keskin, mein Älterer. Und das ist Fuat.“

„Selam, ben Veith Bross.“

„Ich bin“ oder sagt man „benim adim“, ich heiße? Veith dachte kurz nach und war sich nicht ganz sicher.

„Selam, ben Keskin.“

„Selam, ben Fuat.“

Aha, das wäre geklärt. Sie nickten ihm freundlich zu, schüttelten sich kurz die Hände und verschwanden wieder hinter dem Stand.

„Folgen Sie mir einfach. Es ist nicht weit.“

Sein Gesprächspartner hatte sich umgedreht und war im Begriff loszumarschieren.

„Und sie ist eine Angestellte von Ihnen?“

Veith war stehen geblieben und stand jetzt lächelnd direkt vor der jungen Frau, die erst ihn und dann sichtlich angespannt ihren Vater anschaute.

„Äh, Entschuldigung. Das ist meine Tochter Dila.“

„Ein schöner Name! Türkisch?“

„Persisch.“

„Was bedeutet er?“

„Nichts Gutes!“

Der Mann wartete keine weiteren Fragen mehr ab und Veith hatte Mühe, ihm durch das zunehmende Gedränge zu folgen. Er drehte sich noch einmal kurz um, aber der Platz hinter der Bananenauslage war verwaist.

In dem großräumigen Cafe suchten sie sich im hinteren Bereich einen Tisch, an dem sie ungestört waren. Die Begrüßung war herzlich – Familie eben –, der Kaffee ordentlich, wie nicht anders zu erwarten, das Glas Wasser obligatorisch.

Nach den üblichen Floskeln, die ausschließlich dazu dienten, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, schob Veith seine vor ihm stehende Mokkatasse an die Seite, legte die gefalteten Hände auf die Tischplatte und sah dabei seinem Gegenüber direkt ins Gesicht.

„Wir, die Reederei Vittorio Marittima, möchten der SUSIN Plantagen die Gelegenheit geben, uns von Ihrer Leistungsfähigkeit zu überzeugen und als neuen Partner zu präsentieren. Wir sprechen heute über die Belieferung von Bananen.“

Veith wiederholte die gestern benannten Spezifikationen.