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Die Journalistin Mira ist nach dem Tod ihrer Eltern nach Athen zurückgekehrt. Hier in der Stadt ihrer Kindheit will sie einen Neuanfang wagen.
Das pulsierende Leben der Metropole, die ewig wiederkehrenden Wellen des Meeres, das flirrende Licht des Sommers sind ihre Begleiter, ebenso wie die Menschen um sie herum: die Freunde aus Jugendtagen, engagierte Künstler und ihr neuer Nachbar, ein ehemaliger Kapitän …
Natalie Bakopoulos hat einen wunderbaren und packenden Roman geschrieben: über die Suche nach der eigenen Identität, über Erwartungen und Hoffnungen, über Vertrauen – und vor allem über die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2021
Natalie Bakopoulos
Zikadensommer
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Förs
Insel
Unser gesamter Körper ist wohl oder übel die Bühne einer Wiederauferstehung der Toten, während wir selbst auf den eigenen Tod zusteuern. Wir sind, wie Sie sagen, alle miteinander verbunden. … Ob in der größten Einsamkeit oder in der Fülle sich überstürzender Ereignisse, ob in Sicherheit oder in Gefahr, ob unschuldig oder korrumpiert, wir sind die Menge der Anderen.
Elena Ferrante, Frantumaglia
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Motto
Inhalt
TEIL EINS
1 Mira
2 Der Kapitän
3 Mira
4 Mira
5 Der Kapitän
6 Mira
7 Mira
8 Der Kapitän
9 Mira
10 Der Kapitän
11 Mira
TEIL ZWEI
12 Mira
13 Der Kapitän
14 Mira
15 Mira
16 Mira
17 Mira
18 Der Kapitän
19 Mira
20 Der Kapitän
Danksagungen
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Die kleine Zweizimmerwohnung, in der ich bis zu meinem fünften Lebensjahr gewohnt habe, liegt am Nordhang des Lykabettus, zwischen den Ortsteilen Ambelokipi und Neapoli. Zum ersten Mal seit der Beerdigung meiner Eltern einige Monate zuvor wieder in Athen zu sein, fühlte sich bei meiner Ankunft gleichzeitig irreal und so real an, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Es war, als hätte mein durchlässiges, vom Jetlag gepeinigtes Selbst sich in diesen Raum entleert.
Aris arbeitete diese Woche in Brüssel, und obwohl ich direkt in seine Wohnung hätte fahren können, tat ich es nicht. Zwar hatte ich vorgehabt, bei ihm zu wohnen, aber ich musste noch die Wohnung meiner Eltern räumen, bevor ich sie vermieten konnte. Als ich zur Beerdigung gekommen war, hatte ich es nicht über mich gebracht, auch nur in die Nähe der Wohnung zu kommen. Ich hatte erwartet, dass Aris Einwände erheben würde, aber er hatte lediglich gefragt: »Bist du sicher, dass du dort allein sein willst?« Ich hatte entgegnet, es würde schon gehen, aber sicher war ich ehrlich gesagt nicht.
Tatsächlich war ich so lange nicht mehr in dieser Wohnung gewesen, dass der Taxifahrer beim Ausladen des Gepäcks meine Verwirrung bemerkt haben muss, denn er fragte: »Ist das auch die richtige Adresse?« Ich bejahte, zögerte aber. Dann erkannte ich die Wohnung im Erdgeschoss, bei der, wie in meiner Kindheit, die Fensterläden offen standen. Ich hätte vom Gehweg aus direkt hineinspringen können.
Ich hielt meinen Schlüsselbund wie eine Laterne. Es dunkelte bereits, und aus irgendeinem Grund – Krise, Nachlässigkeit – war die Straßenbeleuchtung abgeschaltet. Der Schlüssel zur Wohnung – ein großer Sicherheitsschlüssel im alten Stil – war leicht zu erkennen, aber den für den Hauseingang fand ich nicht. Die übrigen Schlüssel gehörten zu Aris' Wohnung, dem Haus auf der Insel und irgendwelchen anderen Orten.
Drinnen ging ein Licht an, und ein großgewachsener Mann, vielleicht Anfang fünfzig, kam mit Kopfhörern und im Laufdress die Treppe herunter. Er öffnete mir die Eingangstür. Ich dankte ihm, als hätte ich einfach nur die Hände voll. Daraufhin half er mir, meinen Koffer die ersten paar Stufen vom Foyer zum Aufzug zu schleppen. Heute noch rieche ich den seifigen Duft der Rhododendren neben den Briefkästen, vermischt mit einem Hauch seines Grapefruit-Parfüms.
Ich folgte ihm und blieb dann am Fuß der Marmortreppe stehen. Er, den ich später als den Kapitän kennenlernen sollte, stellte mein Gepäck in den Aufzug und fragte mich nach dem Stockwerk. Ins dritte, sagte ich ihm, woraufhin seine Miene Überraschung verriet. »Oh«, sagte er. »Wir sind Nachbarn.«
Wie hatte er mich wohl bei dieser ersten Begegnung wahrgenommen? Wie hatte ich ihn wahrgenommen? Es fällt mir schwer zu rekonstruieren, wie viele Details ich damals wirklich bemerkt und welche ich später hinzugefügt habe. Wir haben wohl griechisch gesprochen, obgleich wir uns später auch auf Englisch unterhielten. Habe ich die leise Musik aus seinem Kopfhörer gehört? Mir fällt etwas ein, das ich bisher vergessen hatte: Bei unserem ersten Kontakt durchzuckte mich ein Wiedererkennen, eine Art wortloses Wissen, ein Gefühl, das Überraschung und Unausweichlichkeit gleichzeitig umfasste.
Ich dankte ihm, und als er ging, schickte ich die Koffer nach oben – der Aufzug war zu klein für mich und das Gepäck – und ging die Treppe hinauf. Alles kam mir kleiner vor als in meiner Erinnerung, aber die seltsam vertrauten Stufen hinaufzusteigen, schaltete eine Art Heimatinstinkt ein. Als würden meine Arme von einer Kraft außerhalb meiner Selbst gesteuert, drehte ich den klobigen Sicherheitsschlüssel im Schloss und schob die Tür auf.
Dass meine Mutter kurz vor ihrem Tod begonnen hatte, die Wohnung umzugestalten, war mir entfallen, ebenso, dass es auch davor schon anders ausgesehen hatte als in meiner Jugend. Das Wohnzimmer war immer noch luftig, die Decken hoch, das Parkett honigfarben. Der Anstrich hingegen war neu – ein mattes Beige, akzentuiert mit weißen Kranzprofilen. Einfache Vorhänge vor den Glastüren zu den Balkonen, neue Fensterläden. Die früher eher enge und dunkle Küche war modernisiert worden, zum Esszimmer hin öffnete sich nun eine Durchreiche mit Hockern und Serviertheke. Die Schränke waren neu, weiß und glänzend, ebenso die Arbeitsflächen in Butcherblock-Optik. Auch der Kühlschrank war neu, doch daran hafteten touristische Magnete, die meine Mutter ziemlich unerklärlicherweise bei Souvlaki-Buden überall im Land gesammelt hatte.
Von den Bildern und Fotos an den Wänden, an die ich mich erinnerte, waren nur noch zwei da: ein gerahmter Druck der gesamten Göttlichen Komödie – alle hundert Gesänge in winziger, kaum lesbarer Schrift – und ein großes Gemälde von Nefeli. Es gehörte zu einer Serie von Variationen über eine alte Kirche am Meer, hatte einst in unserem Esszimmer in Chicago seinen Platz gehabt und hing jetzt hier, über dem Esstisch. Meine Eltern hatten es mitgebracht, als sie zum letzten Mal nach Griechenland gekommen waren. Die große Kirchentür war offen, und im Eingang stand, dem Betrachter den Rücken zugewandt, eine Frau mit dunkler Haarmähne. Kaum wahrnehmbar, da sie mit dem dunklen Hintergrund verschwamm. Von weitem hielt man das Gemälde einfach für ein düsteres Kirchenbild. Manchmal bildete ich mir ein, das Mädchen würde sich bewegen; irgendwann war ich überzeugt, dass nur ich es sehen konnte.
Obwohl ich jedes Jahr nach Athen gekommen war, hatte ich die Wohnung nicht mehr betreten, seit die ältere Schwester meines Vaters, Haroula, noch gelebt und dort gewohnt hatte; in den vergangenen sieben Jahren hatte ich stets bei Aris logiert. Nach Haroulas Tod hatten meine Eltern die Wohnung vermietet; sie kamen meist nur im Sommer und zogen es dann vor, auf N., der Insel, von der meine Mutter stammte, Quartier zu nehmen. Doch im vergangenen Sommer hatte meine Mutter angefangen zu renovieren – vielleicht, weil sie vorhatte, ihr Alter zwischen N. und Athen zu verbringen, und hoffte, meinen Vater zur Rückkehr nach Griechenland bewegen zu können. Assimilation war für sie gleichbedeutend mit Tod.
Ich rief Aris in Brüssel an, um ihn wissen zu lassen, dass ich gut angekommen war. Er entschuldigte sich erneut für seine Abwesenheit und fragte nach der Wohnung. Ich erzählte ihm von der neuen Küche, der frischen Farbe an den Wänden und der schlichten Möblierung. Er wirkte erleichtert.
Kurz bevor wir auflegten, platzte es aus ihm heraus: »Bleib tapfer!«, was ich hätte seltsam finden können, wenn ich nicht immer noch um meine Eltern getrauert hätte. Seine vertraute Stimme beruhigte mich, obgleich mir eine Traurigkeit den Hals zuschnürte, die ich damals nicht richtig einordnen konnte.
Nur wenige Hinterlassenschaften meiner Eltern waren zurückgeblieben. Da waren der Plattenspieler – eine kleinere Version von dem, den wir in Chicago gehabt hatten – und mehrere Beistelltische. Doch unter dem Waschbecken im Badezimmer fand ich eine Sammlung meist leerer Flaschen, in denen alkoholische Getränke gewesen waren – das Arsenal meiner Mutter. Eine nahm ich in die Hand, drehte die Metallkappe auf, roch einen Hauch von Wodka. Ich fuhr herum mit dem Gefühl, sie würde mich beobachten. Meine Mutter, immer auf unterschwellige Weise präsent.
Ich bewegte mich durch mein ehemaliges Zuhause, als könnte ich durch Wände gehen. Mein früheres, mein gegenwärtiges und mein zukünftiges Selbst verhandelten um diese Räumlichkeiten, stießen sich die Schultern an und stolperten über Füße.
Die Schränke waren, abgesehen von ein paar Aufbewahrungskästen, nahezu leer. Ich war überrascht, Papiere und Aufzeichnungen aus der Zeit meines Ethnographie-Studiums zu finden. Damals hatte ich mit Bewohnern der Insel gesprochen, die während der Diktatur die Besetzung durch die Nazis miterlebt hatten, und ihre Geschichten schriftlich festgehalten. Dabei hatte ich erst Aris' Vater, den Romancier, und später Aris selbst kennengelernt. Jene erste Begegnung mit Aris und das, was danach kam – das ist die Liebesgeschichte, die wohl die meisten gerne hören würden.
*
Den Kapitän traf ich am nächsten Tag wieder.
Wegen des Jetlags blieb ich fast den ganzen Vormittag im Bett, und seltsamerweise fröstelte ich. Wie man die Heizung anstellte, fand ich nicht heraus. Der Thermostat schien nur Dekorationszwecken zu dienen. In einer Ecke des Wohnzimmers stand ein riesiges Monstrum, irgendein Heizgerät, das ich aber ebenso wenig zu benutzen wusste. Dabei war die unerbittliche Winterkälte in Athen natürlich keinesfalls mit der in Chicago zu vergleichen. Im Januar hätte ich damit gerechnet, aber nicht jetzt, Anfang Mai.
Als ich es schließlich schaffte, aufzustehen, öffnete ich die Balkontür und trat hinaus in die spätvormittägliche Sonne. Die Wohnung lag im dritten Stock, doch da das Gebäude an einen Hang gebaut war, lag der Hof fünf oder sechs Stockwerke unter mir. Von hier oben blickte ich geradewegs in die Baumkronen – eine schöne Mischung von Zitronenbäumen, Bitter-Oleander und mousmoulia, deren mispelähnliche Früchte mich an das Haus meiner Großeltern in Halandri erinnerten. Der Gartenbereich wurde von dem älteren Paar, das die beiden unteren Etagen bewohnte, perfekt in Schuss gehalten. Der Mann kehrte den Hof, und von irgendwo drinnen hörte ich seine Frau reden. Ich erkannte ihre Sprachmelodie, und mir wurde bewusst, dass diese beiden nun schon fast vierzig Jahre oder vielleicht sogar länger hier wohnten. Seit meiner Kindheit. Aus einer anderen Wohnung hörte ich ein leises, gedämpftes Gespräch, aus Nachbargebäuden Kinderstimmen und das Klopfen eines Hammers. Straßenlärm war praktisch nicht wahrnehmbar, und es war überraschend ruhig – Blätterrascheln, Vogelgezwitscher.
Der Kapitän und ich hatten einen gemeinsamen Balkon zum Hof hinaus, zwischen uns eine dicke Wand aus blickdichtem Glas, ein architektonischer Schleier, hinter dem ich ihn nun hin und her gehen hörte. Ich sah ihn nicht, spürte aber seine Gegenwart. Er seufzte tief, und einen Augenblick lang dachte ich, er würde etwas sagen. Doch dann war es meine eigene Stimme, die die Brücke schlug.
»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie belästige«, sagte ich in meinem höflichsten Griechisch. »Aber könnten Sie mir vielleicht zeigen, wie man die Heizung anstellt?«
»Es gibt keine Heizung.« Die Hausgemeinschaft habe entschieden, in diesem Winter ohne Heizung auszukommen, erklärte er. Die Kosten seien zu hoch. »Aber eine solche Kälte ist in dieser Jahreszeit sehr selten«, fügte er tröstend hinzu, und dass es in den kommenden Tagen wärmer werden solle.
An meinem Schweigen merkte er, dass ich das nicht gerade tröstlich fand. »Ich habe ein paar Heizgeräte«, fügte er hinzu. »Wollen Sie eines davon?«
»In meinem Wohnzimmer steht auch eins«, sagte ich. »Aber ich habe Angst davor.«
Er lachte, entschuldigte sich jedoch sofort und bot an, sich das Gerät anzusehen.
Wenig später stand der Kapitän zögernd auf der Schwelle und sah sich um. Sein Blick schweifte über meinen Tisch: die Tasse mit dem kalt gewordenen Kaffee, ein halb ausgetrunkenes Bier, eine Tafel Schokolade, meine Bücher und Stifte und Papiere sowie der Laptop. Meine beiden Koffer, von denen einer geöffnet mitten im Esszimmer stand. Der Mann war größer, als ich in Erinnerung hatte, und mir wurde bewusst, dass ich ein bisschen lächerlich aussah – meine Haare bedeckte ein Marinekäppi, und ich trug einen zu großen Fischerpullover meines Vaters, den ich in einer Schublade gefunden hatte.
Seine Augen blieben an dem frühen Gemälde von Nefeli über dem Tisch hängen. »Vor vielen Jahren hat sie hier gewohnt«, sagte er. »Sie war mit meinem Vater befreundet. Eine bekannte Künstlerin.«
Meine eigene Beziehung zu Nefeli enthüllte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht – warum, ist mir selbst nicht klar. Allerdings sollte ich später erfahren, dass er vieles davon sowieso schon wusste. Dass mein Vater und Haroula, Nefelis Geliebte, Geschwister waren. Dass Haroula ihre Homosexualität vor meinen Großeltern geheim gehalten hatte, trotz all der Jahre, die sie und Nefeli in dieser Wohnung zusammengelebt hatten – eine Tatsache, die ihnen wohl trotzdem bekannt war, die sie sich aber zu akzeptieren weigerten. Ich habe zugegebenermaßen wenig Ahnung vom griechischen Erbschaftsrecht, erinnere mich jedoch daran, dass Eigentum eigentlich zu gleichen Teilen an die Kinder vererbt wird. Einige teilen das Erbe unter sich auf, und dieses oder jenes geht in ihren Besitz über. Haroula allerdings starb ohne irgendeinen Besitz. Besitz interessierte sie nicht, sie lehnte ihn ab. »Mittellos wie Sotiria Bellou«, pflegte Aris' Vater, der Romancier, zu sagen. In seinem Haus auf der Insel hängt ein Foto, das die drei zeigt: ihn und Haroula und Nefeli, wie sie um einen Tisch tanzen. Haroula hat den Kopf lachend zurückgeworfen, Nefelis Gesicht ist von einem Vorhang schwarzen Haares verdeckt.
Ich bot dem Kapitän etwas zu trinken an, Kaffee, aber er lehnte ab. Ich zeigte ihm das eigentümliche Gerät im Wohnzimmer.
»Kerosin«, sagte er. Dann erklärte er mir, wie man ihn anfeuerte, und ich sah aus sicherem Abstand zu, als könnte der Ofen uns anfallen wie ein wildes Tier. Schließlich ging er durchs Zimmer und öffnete die gläserne Schiebetür zum Balkon. »Die muss einen Spalt offen bleiben«, warnte er mich, »sonst ist es gefährlich.«
»Kohlenmonoxid«, fügte er auf Englisch hinzu.
Ich spähte in das Gerät, betrachtete die Flamme. Wie nah konnte ich mich wohl herantrauen, ohne mich zu verbrennen? Ich rieb meine Arme, umarmte mich selbst. »Vielleicht ziehe ich erst einmal mehrere Schichten übereinander.« Ich sprach nun ebenfalls englisch. Dass er damit angefangen hatte, betrachtete ich als Einladung.
»Es ist wirklich okay. Lassen Sie bloß das Fenster einen Spalt offen, zum Lüften. Im Nu wird das ganze Zimmer warm sein. Und noch einmal, diese Kältewelle geht vorüber.«
Als er zur Tür ging, fragte ich, wie lange er hier schon lebe. Er zögerte. Ich hatte nicht erwartet, dass das eine schwierige Frage sein könnte. »Die Wohnung gehört schon lange meiner Familie, aber ich bin erst vor kurzem wieder hergezogen.«
»Ich ebenfalls«, erwiderte ich, ohne zu fragen, von wo er zurückgekehrt war. Auch er stellte die Frage nicht. Ich überlegte, ob ich ihm erneut etwas zu trinken anbieten sollte – penetrant sein, wie es für die Griechen typisch ist, die unzählige Male fragen –, tat es aber nicht.
*
Dieses Haus unbemerkt zu betreten oder zu verlassen, war unmöglich, und am Nachmittag hallte im Treppenhaus das Echo von Stimmen und Schritten, das Summen des alten Aufzugs, das laute Klirren von Schlüsseln. Der Jetlag machte mir dieses Mal wirklich zu schaffen, und ich konnte mich kaum bewegen – eine Art Erstarrung hatte sich meiner bemächtigt. Ich fühlte mich noch nicht in der Lage, irgendjemanden zu treffen, nicht einmal Nefeli – so, als wartete ich darauf, zuallererst Aris zu sehen, als würde er meine Verbindung zum Rest der Stadt darstellen. Trotzdem beschloss ich irgendwann, hinauszugehen, wenn auch nur, um ein bisschen die Wohnung zu verlassen, bevor die Sonne unterging. Draußen war es wärmer als im Haus.
Auf dem Heimweg kam ich an dem kleinen periptero gegenüber vorbei. Es war nicht der übliche frei stehende Kiosk, sondern ein winziger Laden. Höchstens zwei Personen konnten dort gleichzeitig eintreten. »Myroula?«, rief mir eine Stimme zu, als wäre ich immer noch die Fünfjährige von damals. Ich konnte kaum glauben, dass Sophia, die Italienerin, das Geschäft immer noch führte. Heute trug sie Violett – violette Jeans, einen violetten Pullover, violett-samtene Ballettschläppchen. Auch der Lidschatten war violett. Ihr hatte der Laden schon gehört, als ich noch nicht einmal geboren war.
Sie küsste mich, um mich dann eine Armlänge von sich wegzuschieben und zu begutachten. Bei unserer letzten Begegnung war ich in den Zwanzigern gewesen und hatte Haroula und Nefeli besucht.
»Ich war so traurig, als ich es erfuhr«, sagte sie. »Werde sie nie vergessen.«
Ich nickte und bedankte mich. Und weil mir sonst nichts zu sagen einfiel, um mich aus ihrem Mitgefühl zu befreien, kaufte ich noch mehr Schokolade und ein paar weitere Flaschen Bier.
»Der Kapitän hat fast die gleichen Sachen gekauft«, sagte sie, als sie mir das Wechselgeld gab. »Und Zigaretten natürlich.« Sie blickte über meine Schulter zu unserem Haus hinüber, als wäre dort gerade der Kapitän aufgetaucht. »Die Amerikaner sind wirklich hysterisch, was das Rauchen angeht«, fügte sie hinzu, als wäre ich gleichzeitig eine von ihnen und doch nicht. »Hast du ihn schon kennengelernt?«, erkundigte sich Sophia. Es klang fast wie ein Vorwurf.
»Nicht wirklich.« Das war keine richtige Lüge. Er hatte mir noch nicht einmal seinen Namen gesagt.
»Ein Schiffskapitän, der allerdings nicht mehr arbeitet. In seiner Jugend hat er auch in Amerika gelebt. An irgendeinem kalten Ort, genau wie du.« Sophia sprach über alles und nichts. Mir fiel ein, dass sie einen Schlüssel zu unserem Haus besaß und wahrscheinlich auch zu den meisten der Wohnungen. Die Mieter hatten sie ihr anvertraut. Ich hatte meinen Schlüssel zum Gebäude immer noch nicht gefunden, also würde ich sie bitten müssen, mir ihren zu leihen.
Sophia erzählte mir nun alles, was sie sonst noch über den Kapitän wusste: dass er freundlich sei, aber zurückhaltend, dass er sehr wenig von sich erzähle, obwohl sie ihn seit Jahrzehnten kenne. Er habe zwei Kinder, Zwillinge, die allerdings bei der Mutter lebten. Sie hörte auf zu sprechen und beobachtete meinen Gesichtsausdruck. »Und du? Kinder?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Wie schade«, sagte sie. »Warum wartet ihr Mädchen bloß so lange«, fügte sie hinzu. Fast den gleichen Satz hatte ich von dem Taxifahrer gehört, der mich im Rückspiegel gemustert hatte, um mein Alter zu schätzen. »Na ja. Du hast ja noch Zeit. Me to kalo.« Ich hatte nicht mehr viel Zeit, wenn überhaupt. Inzwischen bezeichnete man mich schon als »kinderlos« und sagte nicht mehr »ohne Kinder«. Wenn man älter wird, so meine Beobachtung, werden Dinge nicht mehr als Potenzial betrachtet, sondern als Mangel. Und hier in Griechenland eine kinderlose Frau in einem gewissen Alter zu sein – na ja. Vielleicht waren Nefeli und ich uns darum so nah. Wir verstanden einander, das, worüber wir nie sprachen, verband uns.
Meine Eltern, meine Freunde, sogar Aris: Alle glaubten, ich hätte Ehe und Kinder wegen der Karriere hinausgeschoben. So einfach war es natürlich nicht. Ich mochte meine wissenschaftliche Arbeit, aber ich identifizierte mich nicht damit. Sie garantierte mir finanzielle Sicherheit. Ich war stolz darauf, gerade fest angestellt worden zu sein. Doch der Job war nicht Sinn und Zweck meines Lebens. Sondern was? Das war die große Frage.
*
Der Kapitän war, wie ich zu meiner Überraschung erfuhr, gerade erst von N. zurückgekehrt, der Insel, auf der meine Mutter unser Haus geerbt hatte, als ich zehn Jahre alt war, und die wir immer besuchten, wenn wir im Sommer nach Griechenland kamen. Mein Vater reiste dann nach drei Wochen wieder ab, meine Mutter – die ebenso wie ich Ferien hatte – und ich blieben meist den ganzen August. Es tat mir jedes Mal leid für ihn, dass er wieder arbeiten musste, doch inzwischen war mir klar, dass er gern ab und zu allein in Chicago war, kurzzeitig befreit von der Schwermut meiner Mutter.
»Der Vater des Kapitäns lebt dort«, sagte Sophia und meinte damit die Insel. »Ihr habt eine Menge gemeinsam.« Dann nahm sie mich am Arm und führte mich hinaus, wobei sie auf die Zigarette in ihrer Hand deutete. Wir setzten unser Gespräch auf dem Gehsteig fort, während sie rauchte. Bald darauf kam der Kapitän um die Ecke. Er trug eine Zeitung in der Hand und hielt den Kopf gesenkt.
Sophia sah mich an, während sie eine Rauchwolke von uns wegblies, dann nickte sie in Richtung des Kapitäns. »Da ist er ja.«
*
Den Rest des Abends brachte ich damit zu, Bier zu trinken und die Schränke zu durchforsten, die bis zur hohen Decke hinaufreichten. Sie enthielten viel mehr, als ich gedacht hatte. Auf dem alten Victrola spielte ich laut alte griechische Schallplatten. Ich fand eine Schachtel mit meiner Babykleidung sowie drei weitere Gemälde von Nefeli, die wie Bücher in einem Regal standen. Diese Bilder hatte ich noch nie gesehen. Auch sie zeigten Frauen mit langen, schmalen Gesichtern, diesmal aber waren ihre Körper im Liebesspiel ineinander verschlungen. In einer kleinen Blechschachtel entdeckte ich einen Bund verwaister Schlüssel. Manches warf ich weg: eine Kiste voller alter Lumpen; angeschlagene Becher und Teller; ein paar Stücke weiches Leinen, die ein wenig modrig rochen; die Babykleidung.
Während ich diese Relikte aus der Vergangenheit ausgrub, empfand ich weder Nostalgie noch eine besondere Verbundenheit. Ich fühlte mich auf eine neue Weise leer, doch mein Versuch, den Grund für diese quälende Leere zu bestimmen, blieb erfolglos. Die Trauer war ein Teil von mir geworden, wie eine weitere Schicht Haut. Heute allerdings glaube ich, dass ich sowohl über das trauerte, was geschehen war, als auch über das, was nun kommen würde.
Eine der letzten Schachteln, die ich öffnete, enthielt eine Sammlung von Puppen, die in aufwändige griechische Tracht gekleidet waren. In meiner Kindheit hatten diese Puppen auf meiner Kommode gestanden, und nachts war mir gewesen, als bewegten sie die Arme und würden gleich losmarschieren. Sie machten mir Angst. Einmal hatte ich einige davon auf einen Bootsausflug mit Freunden meiner Eltern mitgenommen. Meine Eltern liebten zwar beide das Meer, fühlten sich aber auf Booten unwohl, und meine Mutter hatte sich Sorgen gemacht, ich könnte über Bord fallen, bis ihr schließlich so übel war, dass sie ihre Angst vergaß. Als niemand hinsah, griff ich in meinen Rucksack und zog die Puppen heraus, die ich mit Fallschirmen ausgestattet hatte: bestickte Taschentücher meines Vaters, die ich ihnen um den Hals band. Eine nach der anderen schleuderte ich ins Wasser. Ungefähr vier hatte ich schon geworfen, als mein Vater merkte, was ich da tat, und mir Einhalt gebot. Anschließend sahen wir beide zu, wie sie im Wasser tanzten. Die bestickten Taschentücher schwammen über ihnen oder breiteten sich hinter ihren Köpfen aus. Offenbar waren diese Puppen ein beliebtes Geschenk, und so hatten sich über die Jahre immer mehr angesammelt. Mindestens ein Dutzend lag durcheinander in der Schachtel. Ich stellte sie zurück in den Schrank. Etwas, das ein Gesicht hat, wegzuwerfen, brachte ich nicht übers Herz.
Meine Mutter war griechische Amerikanerin, und obgleich demnach wohl Englisch meine Muttersprache ist, so war ich doch in Athen geboren und fühlte und träumte auf Griechisch. Aber ich habe es nicht so mit Geographie. Ich hänge mein Herz nicht an Orte. Die raumlose Universalität des Meeres mit seinem ganz anderen Zeitverlauf liegt mir mehr.
Auch wenn es Jahre zurückliegt, vermisse ich immer noch die langen Fahrten über den Pazifik: die geborgene Abgeschiedenheit, den Morgen, der sich aus dem Wasser hebt, als öffnete sich ein Schatten, das leise Grauen angesichts des ersten Zipfels Lands, wie der Absturz nach einem Höhenflug. Wie anders die Welt vom Meer aus aussah. Der Anblick eines Hafens löst heute nicht mehr die gleiche Leere aus, aber das Meer gibt mir auch nicht mehr die gleiche unbändige Freude. Alles scheint gedämpft, meine Emotionen weniger extrem, als setzten sie sich irgendwo in der Tiefe an einem unzugänglichen Ort ab. Das wahre Kennzeichen des mittleren Lebensalters.
Katerina, meine Frau, arbeitet seit September in Brüssel für die EU und hat wegen meiner unregelmäßigen Arbeitszeiten auf See die Zwillinge mitgenommen. Zumindest war das der Grund, den wir ihnen für diese Übereinkunft nannten. Nikos und Ifigenia sind neun und wissen nicht, dass ich nicht mehr arbeite. Katerina und ich haben uns getrennt, müssen aber erst herausfinden, was das genau bedeutet. Es ist nicht so, dass wir die Anwesenheit des anderen nicht genießen würden. In jüngeren Jahren gab es Zeiten, in denen ich es eilig hatte, heimzukommen, weil das Getrenntsein unerträglich schien. Manchmal wartete sie sogar im Hafen. Mir hatten die langen Abwesenheiten in den vergangenen Jahren nicht mehr viel ausgemacht, ihr hingegen wohl manchmal schon.
Kurz nach Katerinas Umzug nach Brüssel im Herbst letzten Jahres wurde ihre Schwester arbeitslos und zog mit ihrer Tochter in unser Haus in Kifisia. Wir hatten es ihnen übergangsweise angeboten. Mir war es sowieso recht, im Stadtzentrum von Athen zu wohnen, in der Wohnung, in der ich mein ganzes Erwachsenenleben lang ein und aus gegangen bin. Vorstädte habe ich nie gemocht. Und in Kifisia – jedes Mal, wenn ich es ausspreche, höre ich den Hohn meines Vaters, zutiefst bourgeois – fühlte ich mich so weit ab vom Schuss wie ein Schiffbrüchiger. Wir hätten in Piräus wohnen können, in Glyfada oder Neo Faliro: irgendwo in Hafennähe eben. Aber Katerina wollte, dass die Kinder es nicht weit zur Schule hatten.
So blieb ich auch in der Athener Wohnung, nachdem Katerinas Schwester ausgezogen war, weil sie Arbeit in Thessaloniki gefunden hatte. Doch jetzt kamen Katerina und die Kinder übers Wochenende nach Hause – sie hatte den Zwillingen versprochen, dass sie beim Geburtstagsfest ihres besten Freundes dabei sein könnten –, und ich musste dort sein, in unserem ehemaligen Haus in Kifisia, so wie jedes Mal, wenn sie anreisten.
Obwohl ich mein Herz nicht an Orte hänge, habe ich die Athener Wohnung liebgewonnen. Aber diese Tage des Wartens auf Katerina und die Kinder verbrachte ich in einem seltsamen Schwebezustand. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren. Stattdessen irrte ich durch die Zimmer, stand auf dem hinteren Balkon, der zum Hof hinausging, oder auf dem vorderen zur Straße hin, die sich den Lykabettus hinaufschlängelte. Meine Ruhelosigkeit war überwältigend. Die schlimmsten Tage bei jeder Art von Übergang sind für mich die Tage davor. Das Warten.
Bewegung linderte meine Qual ein wenig, weil mein Körper dann Gelegenheit hatte, mit meinem rasenden Verstand mitzulaufen. Ich marschierte durch Stadtviertel, die ich selten aufsuchte, nach Kesariani, eigentlich ein eigenständiges Dorf, dessen Geschichte bis in die Zeit der Flüchtlinge aus Kleinasien zurückreicht. Ich schlenderte den breiten Fußweg entlang, der sich um die Akropolis zieht, beobachtete Puppenspieler und Musikanten und ältere Touristenpärchen, die sich an den Händen hielten, amerikanische Studentinnen und Studenten in spärlicher Kleidung. Ich streifte durch Psyrri, wo die Schwingung der überfüllten, quirligen Cafés mit dem Pochen meines Herzens eins zu werden schien.
Was diese Wohnung betraf, war ich jetzt so lange hier gewesen wie seit Jahren nicht, und abgesehen von der Frau mit den traurigen Augen, die ich während der Renovierung der Wohnung hatte ein und aus gehen sehen – die Frau, von der ich später erfuhr, dass sie Miras Mutter war –, wohnte ich allein auf dem Stockwerk. Schon bevor Katerina und ich übereingekommen waren, uns zu trennen, hatte ich alle paar Monate eine Nacht hier verbracht – jene Nächte zwischen einer Route und der nächsten, in denen ich nicht auf dem Schiff schlafen, aber auch nicht den weiten Weg nach Hause fahren wollte. Wenn ich für einen einzigen Tag heimkam, war das für Katerina und die Kinder manchmal zu verwirrend. Das jedenfalls redete ich mir ein. Katerina und ich wussten beide, dass es vor allem für mich verwirrend war.
Eines Abends ging ich durch das Zentrum von Neapoli, wo sich große Beton-Wohnblöcke, die während der Junta-Zeit entstanden waren, mit alten, neoklassizistischen Häusern mischten – einige hell und gut gepflegt, andere verwahrlost, viele mit Graffiti beschmiert. Dann nahm ich die zahllosen Stufen von der Isavron-Straße hinunter durch Exarchia zur Kallidromiou-Straße, wo eine frische Brise wehte. Hier herrschte reges Treiben, die Nacht war angenehm, und unter Wärmelampen saßen Menschen, die bei einem abendlichen Kaffee oder Drink in vertrauliche Gespräche vertieft waren. Ich trug eine Jogginghose und ein altes Sweatshirt mit Kapuze, lief also herum wie in der Wohnung, bloß mit dem Unterschied, dass in der Reißverschlusstasche mein Schlüsselbund, das Handy und zwanzig Euro steckten.
Nachdem ich eine Weile herumspaziert war, stieg ich die Stufen wieder hinauf und ging zum Dexameni-Platz. Zwar war es noch zu früh im Jahr für das Open-Air-Kino, aber das Open-Air-Café war trotzdem proppenvoll: Kinder vergnügten sich auf Fahrrädern und mit Hüpfstangen, Erwachsene jeden Alters saßen in großen oder kleinen Gruppen zusammen, tranken Cocktails und aßen mezedes. Ein Paar, das so alt sein mochte wie mein Vater – Ende siebzig –, saß nebeneinander an einem Tisch, auf dem Gläser mit Weißwein standen. Die beiden hielten Händchen und ließen den Blick schweifen, als gehörte alles, was sie hier sahen, ihnen. Der Mann trug einen dunklen Anzug mit roter Krawatte, und das dunkle Haar der Frau war perfekt frisiert, ihr Kleid marineblau mit weißen Paspeln, und über die Schultern hatte sie einen Trenchcoat drapiert. Sie strahlten eine Ruhe aus, die mich verunsicherte, und ich entschied mich dagegen, mich allein hinzusetzen. Stattdessen ging ich weiter bis zu einer meiner Reservebars am Mavili-Platz, wo ich beide Barkeeper kannte – einen stark tätowierten Typen und eine junge Frau mit ernstem Gesicht, deren Pferdeschwanz beim Arbeiten herumhüpfte. Ich trank ein großes Bier und machte mich dann auf den Heimweg.
Unterwegs fühlte ich mich, als spazierte ich durch ein kleines Dorf, in dem ich falsch abgebogen war, oder durch eine strandnahe Gegend auf einer weniger stark besuchten Insel. In jeder beliebigen Parallelstraße wäre ich an makellosen Villen mit bestens gepflegten Gärten, Yogastudios, Anwaltsbüros und schicken Cafés vorbeigekommen. Auf dieser Route hingegen hüpften Hühner herum, mitten auf einem Grundstück parkte ein alter Wohnwagen, und ein eingezäunter Bereich beherbergte einen kleinen Schrottplatz: ein paar alte Autos, Metallrohre, alte Möbel. Es gab nur ein einziges neueres Haus, und das gefiel mir sehr gut. Hell und fröhlich stand es hinter einem klapprigen, provisorischen Zaun, als sei der Beton der Stadt darum herumgebaut worden, oder als wäre ich in einem Märchen gelandet. Es hatte den Anschein, als sei das Haus vor kurzem restauriert worden: ein Anstrich in hellem Cremegelb, ein rotes Ziegeldach und ein Garten mit Bougainvilleen, Oleander und Zitronenbäumen. Daneben stand ein alter Schuppen, der vor einiger Zeit noch einen tristen Eindruck gemacht hatte. Jetzt war er mit Blumen und Zitronenbäumen bemalt, ein Spiegel der Umgebung.
Zu Hause auf meinem Balkon rauchte ich eine Zigarette. Im Hof herrschte unheimliche Stille, und nur eine schmale Mondsichel erhellte das Dunkel der Nacht. Außer einem gelegentlichen Motorrad und vielleicht einem Autoradio war nichts zu hören. Ich schlief lange und traumlos bis zum Sonnenaufgang.
*
Am nächsten Abend stemmte Mira ihre Füße, die in Lammfellschuhen steckten, gegen die Balkonbrüstung. Beim richtigen Licht konnte man den Schatten sehen, wenn jemand sich hinter der Milchglasabtrennung befand, und wenn wir uns beide über die Brüstung gelehnt hätten, hätten wir uns von Angesicht zu Angesicht unterhalten können. Taten wir aber nicht.
Ich hatte von Sophia ein bisschen über Mira erfahren: Sie kam aus Chicago. Professorin oder so was, da war sich Sophia nicht ganz sicher. Vor kurzem waren ihre Eltern gestorben. Nefeli war ihre Tante gewesen. Ich überlegte, was ich sagen konnte, wenn auch nur zum Gruß. Dann das Klicken eines Feuerzeugs, der Zug an einer Zigarette, das Ausstoßen von Rauch. Die Worte purzelten aus mir heraus, bevor ich darüber nachdenken konnte. »Ich wusste nicht, dass Sie rauchen«, sagte ich – und hatte damit nicht nur ein ungeschriebenes Gesetz des Nachbarschaftslebens gebrochen, sondern eine Geschichte vorausgesetzt. Doch falls sie es seltsam fand, ließ sie sich es jedenfalls nicht anmerken.
»Ab und zu. Offiziell habe ich vor Jahren aufgehört, nach der Uni.«
»Ich versuche, aufzuhören«, sagte ich, obwohl ich die Versuche vor ein paar Jahren schon aufgegeben hatte. Das Paar, das auf der anderen Seite des Hofs wohnte, kam nach Hause und begann wie immer zu kochen. Unter ihnen führte jemand ein Video-Telefonat auf Französisch. Das war jeden zweiten Abend der Fall. Abends wurde es in der Nachbarschaft lebendig.
Ich fragte, ob sie in der Wohnung und mit dem Heizgerät zurechtkäme.
Sie schwieg zunächst, aber ihre Füße bewegten sich. »Irgendwie habe ich den Hausschlüssel verloren«, sagte sie schließlich.
Es gibt drei Dinge, die man über griechische Etagenhäuser wissen müsse, erklärte ich ihr. Erstens gibt es immer Differenzen darüber, ob die Eingangstür von innen mit dem Schlüssel abgesperrt werden soll. So dass man nach Mitternacht auch zum Hinausgehen einen Schlüssel benötigt. Sie sagte, das klinge gefährlich. Ich erwiderte, ich käme gleich zurück, und holte meinen Ersatzschlüssel, den ich ihr über die Balkonbrüstung reichte. Unsere Blicke trafen sich, wir lächelten uns an. Sie dankte mir und sagte, sie werde sich einen Schlüssel nachmachen lassen. In der Dunkelheit wirkten ihre Augen hell und grau wie in einem Schwarzweißfilm, und ich brauchte einen Moment, um den Rest wahrzunehmen, die Konturen ihres Körpers unter einem weiten, dunklen Pullover, ein dünnes Goldarmband um ihr Handgelenk und mehrere gewebte Bändchen. Ihr dunkles Haar war zerzaust und fiel ihr wellig ins Gesicht.
Plötzlich kam es mir komisch vor, sie anzusehen. Also zog ich mich zurück und setzte mich wieder auf meinen Stuhl. »Zweitens gibt es Streit wegen des Aufzugs. Die Leute im ersten Stock wollen nicht dafür zahlen. Die Leute im zweiten Stock behaupten, sie würden ihn nicht benutzen. Aber am meisten Hickhack gibt es über die Frage, wie das Gebäude geheizt werden soll.«
Sie lachte. »Gut zu wissen.« Ihr Telefon klingelte, und sie entschuldigte sich für einen Moment. »Hi, Dimitra«, hörte ich sie sagen, während sie nach drinnen verschwand. Wenig später kam sie zurück und erzählte mir von einem Jungen, der bei ihren Freunden Dimitra und Fady und deren Tochter Leila lebte. Sie erwähnte eine nahe gelegene Flüchtlingsunterkunft in einer alten, aufgegebenen Schule und fragte, ob ich davon wisse.
Ich verneinte.
In dem Raum zwischen uns hing Stille. Heute glaube ich, dass sie meine Zurückhaltung damals wohl falsch interpretierte und mich vielleicht für einen nationalistischen, xenophoben Faschisten hielt. »Sie haben mich an einen Vorfall aus der Zeit erinnert, als ich noch gearbeitet habe, und an die Gründe, warum ich das jetzt nicht mehr tue.« Das war meine Chance, und ich merkte an ihrem Schweigen, dass sie auf die Fortsetzung wartete. Doch die Worte wollten nicht kommen.
»Ich verstehe«, sagte sie schließlich. Obwohl das unmöglich war. Ich entschuldigte mich und wünschte ihr eine gute Nacht.
*
Am nächsten Morgen holte ich Katerina und die Kinder am Flughafen ab. Die Zwillinge drängten sich so selbstverständlich auf die Rücksitze, als hätten wir uns gerade gestern gesehen, und redeten über ihre Pläne für das Geburtstagsfest am Wochenende. Katerina berichtete über die geschäftigen Wochen, die hinter ihr lagen, und erzählte etwas von einer bevorstehenden Förderfrist. Als wir in unsere Straße einbogen, die zu den bescheideneren des Viertels zählte, kam mir alles weiter und offener vor, als ich es in Erinnerung hatte. Die Bäume erschienen mir grüner, die Luft frischer.
Zwischen dem Auto und der Eingangstür wurden Katerina und die Zwillinge von einem eifrigen Nachbarn aufgehalten. Ich manövrierte mit dem Gepäck um sie herum, stellte die Koffer ab und zog meinen Schlüsselbund hervor. Als ich die Haustür öffnete, wurde es mir eng in der Brust. Ich fühlte mich um ein Jahr zurückversetzt – in die Zeit, bevor ich meinen Job verloren, bevor ich ganzjährig in der Athener Wohnung gewohnt hatte –, aber anstatt ein vertrautes Gefühl zu empfinden, war es mir, als beträte ich eine andere Realität, eine andere Version meines Lebens. Wie sagte Rimbaud so treffend: Ich ist ein anderer.
Die Kinder rannten, kaum hatten sie dieses Haus, das einst ihres gewesen war, betreten, in ihre Zimmer, um ihre Smartphones aufzuladen. Katerina stellte die Lebensmittel, die wir unterwegs gekauft hatten, auf die Theke. Ich begann, sie wie gewohnt auszupacken, und sie fragte, ob ich bei meinem Plan blieb, sie über den Sommer, wo sie sich einige Wochen Urlaub genommen hatte, auf die Insel zu begleiten. Sie erinnerte mich daran, dass die Kinder immer noch davon ausgingen, wir lebten nur wegen der Arbeit getrennt. Ich glaube, Katerina und ich haben uns selbst oft genauso belogen. Dinge, die unausgesprochen bleiben, können irgendwie tröstlich wirken.
Ich versicherte ihr, dass ich plante, auf die Insel zu kommen, und Katerina verschwand im Schlafzimmer, um ein Nickerchen zu halten. Ifigenia kam in die Küche, als ich gerade die Lebensmittel fertig verstaute, setzte sich auf einen der Barhocker, spielte ein Videospiel, das ich nicht verstand, und beklagte sich über ihren Bruder. Sie brauchte Mitgefühl und eine Limonade. Mit ihrer Mutter kamen die beiden zwar zurecht, aber wenn ich da war, wendeten sie sich mit ihren Anliegen an mich. Krieg ich ein bisschen Milch machst du mir ein Müsli bestellst du bitte Souvlaki.
Ich blieb in der Küche und las am Tresen. Irgendwann schliefen die Zwillinge wohl auch ein, denn es wurde ganz still im Haus. Die Mittagsstille. Ich überlegte, ob ich rausgehen und eine Zigarette rauchen sollte. Auf Katerinas Wunsch hatten wir immer nur draußen geraucht, und dabei war es geblieben. Nach all den Jahren ist es mir heute sogar lieber so. Ich mag das Ritual, aus meinem Raum heraus- und in einen anderen einzutreten, und mein Balkon ist eine Art städtische Aussichtsplattform. Sogar auf dem Schiff rauchte ich draußen, nie in meiner Kabine, nie im geschlossenen Raum.
Doch ich entschied mich, auf die Zigarette zu verzichten, und ging hinunter ins Arbeitszimmer, das im Parterre lag und auf einen kleinen Garten hinausging. Ich setzte mich an den Schreibtisch und öffnete die Schubladen, durchforstete meine Dinge. Was ich suchte, weiß ich nicht. Häusliche Tätigkeiten machten mich immer unruhig, so als wartete ich darauf, dass etwas passierte. Als man mich bat, das Schiff zu verlassen, räumte ich meine Kabine aus. Eine Schachtel war voller kleiner Papiere, die ich überall hingepinnt hatte. Katerina fand die Zettel und Post-its und warf sie weg. Ich war wütend und ging im Bademantel zum Abfallcontainer, um sie zu retten. »Das war Müll!«, behauptete Katerina, die mir nach draußen folgte. »Papierschnipsel. Sonst war da nichts drin.« Aber ihr Gesicht hatte Angst gezeigt.
Es war seltsam, denn Katerina hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, meine Sachen auszusortieren. Es gab Dinge, die ich während meiner Ehe losgelassen hatte, aber an anderen hielt ich fest, und diese Dinge standen jetzt mehr denn je für mein früheres Selbst. Beweise dafür, dass es existiert hatte.
Ein paar Tage nach diesem Vorfall hatte ich auf dem Bett mehrere in Geschenkpapier verpackte Schachteln vorgefunden. Katerina folgte mir ins Zimmer und bat mich lächelnd, sie zu öffnen. »Happy Birthday«, sagte sie fast schüchtern.
In der ersten Schachtel befanden sich zwei Sport-T-Shirts aus Funktionsmaterial sowie ein Paar Basketball-Shorts. In der zweiten ein Paar teure Jeans, das sie mich in einer überteuerten Boutique hatte beäugen sehen. Die dritte Schachtel aber enthielt ein ledergebundenes Tagebuch und einen wunderschönen Stift. »Das werde ich nicht versehentlich in den Müll werfen«, sagte sie, während ich sie fest umarmte.
*
Zum Abendessen gab es Carbonara, meine Leibspeise. Die Kinder wurden, vielleicht wegen der Reise, bald darauf müde und gingen früh schlafen. Katerina und ich sahen auf der Couch zusammen fern – ich hatte ganz vergessen, wie ich diese stille Nähe geliebt hatte. Irgendwann verkündete sie, sie sei erschöpft, und ging zu Bett.
»Ich müsste meinen Vater anrufen«, sagte ich. Katerina nickte. Mein Vater erwartete immer von mir, dass ich die Initiative ergriff. Ich sollte ihn anrufen, ich sollte ihn besuchen, ich sollte mir Mühe geben. So war es die ganze Zeit gewesen, seit ich wegen der Uni in die Staaten zurückgekehrt war. Wie der Kopf einer kriminellen Vereinigung war er es gewohnt, dass Menschen sich an ihn wandten: wegen eines politischen Gefallens, um ihm ihre Ehrerbietung zu erweisen, um zu diskutieren und sich Ratschläge zu holen.
Ich ließ das Telefon lange klingeln, aber niemand nahm ab. Schließlich legte ich auf, da ich ihn nicht wecken wollte, falls er schon schlief. Ich würde es am Morgen wieder probieren.
Ich hörte, wie Katerina sich im Bad bettfertig machte, ihr Gesicht wusch, Zähne putzte, stellte mir vor, wie sie ihre Kontaktlinsen herausnahm und ihr Haar bürstete. All die kleinen Rituale, die ich so gut kannte. Ich wartete, bis ich den Lichtschalter klicken hörte, und ging dann selbst hinein.
Doch in der Tür zu unserem Schlafzimmer blieb ich stehen. Ich zögerte, mich in das Bett zu legen, das wir so viele Jahre geteilt hatten.
»Was ist los?«, fragte Katerina, die es spürte.
»Nichts«, sagte ich und fragte dann: »Soll ich hier schlafen?«
»Na klar«, sagte sie.
