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Vierzig Jahre im Fünfzig-Minuten-Takt: Loet Zimmerman ist aufgegangen in seinem Beruf an einer Schule, Stundenpläne zu koordinieren. Nun steht er vor dem Ruhestand und der schier unlösbaren Aufgabe, all die Zeit, die plötzlich ungeordnet vor ihm liegt, sinnvoll zu strukturieren. Doch bevor es so weit kommt, wird er auf offener Straße überfallen und der Uhr beraubt, die er von seinem Vater geerbt hat. Als wäre mit dem Messwerkzeug auch die klare Ordnung verschwunden, für die es stand, bricht Zimmermanns Leben ganz langsam auseinander. Schutzwälle geben nach, Furcht kriecht in Ritzen und Winkel – bis Zimmermann beschließt, ein für allemal aufzuräumen.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2018
Karolien Berkvens
Roman
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Vierzig Jahre im Fünfzig-Minuten-Takt: Loet Zimmerman ist aufgegangen in seinem Beruf an einer Schule, Stundenpläne zu koordinieren. Nun steht er vor dem Ruhestand und der schier unlösbaren Aufgabe, all die Zeit, die plötzlich ungeordnet vor ihm liegt, sinnvoll zu strukturieren. Doch bevor es so weit kommt, wird er auf offener Straße überfallen und der Uhr beraubt, die er von seinem Vater geerbt hat. Als wäre mit dem Messwerkzeug auch die klare Ordnung verschwunden, für die es stand, bricht Zimmermanns Leben ganz langsam auseinander. Schutzwälle geben nach, Furcht kriecht in Ritzen und Winkel – bis Zimmermann beschließt, ein für allemal aufzuräumen.
Widmung
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
Für Leon
Das Blitzlicht zuckt, als Zimmermann sich den Klecks Sahne aus dem Mundwinkel leckt. Er blickt auf, zückt sein Taschentuch und wischt sich den Mund ab. Die aufgeweichte Mandarinenspalte, die an seinem Gaumen klebt, schluckt er ohne zu kauen hinunter.
Die Fotografin, eine Göre aus der Mittelstufe, würdigt ihn keines Blickes. Sie betrachtet das Bild und langt dabei mit der freien Hand in eine Schale Nüsse. Zweifellos ist das Mädchen darauf aus, die Erwachsenen möglichst unvorteilhaft abzulichten. Sie drückt auf den Auslöser, wenn ein Lehrer von seinem Wein trinkt, damit es den Anschein hat, seine Wangen seien vom Alkohol gerötet. Dass die Luft im Lehrerzimmer heiß und stickig ist, kann man auf den Fotos ja nicht sehen.
Auf der Torte stand: DANKE LOET. Zimmermann hat das Stück mit dem Anfangsbuchstaben L bekommen, ganz so, als ginge es um seinen zehnten Geburtstag statt um seine Pensionierung. Den nächsten Bissen spült er mit Rotwein hinunter. Eine scheußliche Kombination.
Neben ihm sitzen zwei Kolleginnen, die Geschichte unterrichten, und tauschen sich über das Périgord aus.
»Man darf sie eigentlich nicht mehr kaufen«, sagt die eine leise, »Aber die Foie gras aus der Gegend ist einfach köstlich, die kann man sich nicht entgehen lassen.«
Die andere befeuchtet ihre Lippen, als würde sie gerade von der köstlichen Foie gras probieren. »Man weiß ja gar nicht, inwieweit die Tiere leiden, oder?«
Die beiden sehen Zimmermann an. Bisher war ihm noch nie aufgefallen, dass sie sich ähneln. Der gleiche Augenaufschlag hinter der gleichen Art von Brillengestell.
»Das weiß man tatsächlich nicht«, bestätigt er.
Sie nicken eifrig und setzen ihre Unterhaltung fort; jetzt geht es um die Qualität französischer Hotels im Allgemeinen und den schlechten Service der Franzosen im Besonderen.
Zimmermann lächelt die ganze Zeit verbindlich. Heute ist sein Abschied. Und Abschiede brauchen keine Dramen zu sein.
Vor einem halben Jahr hat Job Boerhaeve bei ihm angeklopft. Ohne auf sein »Herein« zu warten, steckte er den Kopf ins Zimmer und fragte mit hochgezogenen Brauen: »Störe ich?«
Zimmermann befürchtete schon, es gehe wieder um eine Raumänderung für die bevorstehende Prüfungswoche der Oberstufe. Boerhaeve war ein sympathischer Mensch, ließ aber keine Gelegenheit aus, sich in Dinge einzumischen.
»Kommen Sie nur herein«, sagte Zimmermann freundlich. Schließlich konnte er seinem Vorgesetzten nicht den Zugang zu seinem Zimmer verwehren.
»Sehr gern«, erwiderte Boerhaeve. Er ließ die Tür einen Spalt offen. Seit er statt einer Brille Kontaktlinsen trug, hatte sein Blick etwas Wehrloses.
»Wie geht’s Ihnen, Loet?«, fragte er und rieb sich die Hände. »Ein prachtvolles Arbeitszimmer haben Sie. Jedes Mal wenn ich hier reinkomme, staune ich über Ihre mustergültige Ordnung. Ich verlange von meinen Kindern, dass sie ihre Zimmer aufräumen, dabei bin ich selber mindestens so unordentlich wie sie. Ich sag’s offen und ehrlich, Loet: Ich bin ein unverbesserlicher Schlamper.«
Boerhaeve brauchte immer einen Anlauf. Er war ziemlich ineffizient.
Zimmermann lächelte. »Ach, bei mir geht das mit der Ordnung von selbst.«
»Ich glaube, es gibt zwei Typen Menschen. Einmal die pünktlichen, die rechtzeitig am richtigen Ort sind, ohne in den Kalender zu schauen und die nie einen Geburtstag vergessen. Und dann die Chaoten. Die atemlos von hier nach da hetzen und dabei ihre Geldbörse suchen. Zur letzteren Kategorie gehöre ich, leider Gottes. Meine Frau hat bei den Nachbarn links und rechts jeweils einen Hausschüssel hinterlegt.«
Der Bildschirmschoner sprang an, und Zimmermann betrachtete kurz die Bänder, die ständig die Farbe änderten. Boerhaeve fiel es ausgesprochen schwer, auf den Punkt zu kommen. Zimmermann selbst bereitete das nie Mühe. Mit anderen Worten als den unbedingt nötigen hätte er gar nichts anzufangen gewusst.
»Loet, ich bin eigentlich nicht zum Plaudern gekommen. Wir müssen über Ihren Abschied reden«, sagte Boerhaeve mit einem Seufzer. Er stützte sich mit beiden Händen auf Zimmermanns Schreibtisch und zog kurz die Lippen ein. Sein Gesicht war voller Sommersprossen.
Die Farbe der Bänder wechselte von Grün nach Lila. Zimmermann hoffte inständig, Boerhaeve würde nicht einen Abend im Bowlingcenter vorschlagen wie letztes Jahr bei der Verabschiedung seiner Sekretärin.
Boerhaeve richtete sich auf. »Ein wahnsinnig hektisches Schuljahr ist das. Stimmt doch, oder? Sie wissen das besser als jeder andere.« Er schüttelte den Kopf. »Wahnsinnig«, wiederholte er und hob die Mundwinkel wie zu einem Lächeln.
»Es ist mir wichtig, Mitarbeiter auf angemessene Weise zu verabschieden, das wissen Sie. Ich habe stundenlang überlegt, wie man es unter einen Hut bekommt, dass alle Zeit haben, aber ich sehe da keine Möglichkeit. Darum schlage ich Folgendes vor.«
Er schnaufte und hob dabei das Kinn.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Ihre Abschiedsfeier mit dem Umtrunk am letzten Tag vor den Sommerferien zusammenfällt?«
Boerhaeve schaute so ernst drein, als hätte er Zimmermann gebeten, auf einen Teil seines Gehalts zu verzichten.
Zimmermann musste sich zusammennehmen, um keinen Freudensprung zu machen. Nach fast vierzig Jahren sang- und klanglos zu verschwinden war natürlich nicht drin, aber dass man seinetwegen keine extra Feier plante, erleichterte ihn doch sehr.
»Das macht mir überhaupt nichts aus«, sagte er. »Ich halte das sogar für eine hervorragende Idee.«
Boerhaeve ließ das Kinn sinken. Es hatte den Anschein, als würde er die Vor- und Nachteile des Plans noch einmal abwägen.
»Das Schuljahr ist wirklich sehr hektisch«, sagte Zimmermann. Er überlegte, was genau das Jahr hektischer machte als die vorherigen. »Es ist so viel zu tun«, ergänzte er schließlich.
»Sie gehören zu den Pünktlichen, wenn Sie also einen passenderen Vorschlag haben, dann ruhig raus damit.«
Zimmermann fand Boerhaeve zu jung für sein Amt. Ihm mangelte es nicht nur an natürlicher Autorität, sondern auch an Erfahrung, auf die er hätte zurückgreifen können.
»Ich wäre auf keine bessere Lösung gekommen.«
»Sie sollen auf keinen Fall das Gefühl haben, Ihr Abschied wäre mir nicht wichtig.«
»Nein, nein!« Zimmermann berührte die Tastatur. Die farbigen Bänder in Verbindung mit Boerhaeves Umstandskrämerei irritierten ihn allmählich.
»Es ist ein bedeutsamer Moment, Loet«, sagte Boerhaeve leise.
»Aber ja.«
»Sie müssen es als einen Neuanfang sehen.«
»Okay«, sagte Zimmermann.
»Pensionierung und Abschied, das sind so befrachtete Begriffe.«
»Ja.«
»Dabei eröffnet sich gleichzeitig eine neue Welt mit neuen Möglichkeiten und Chancen. Überlegen Sie nur, Loet, was Sie alles machen können! Denken Sie an die grenzenlosen Stunden, die vor Ihnen liegen.«
Zimmermann verspürte keinerlei Bedürfnis nach einer neuen Welt. Und grenzenlose Stunden, damit konnte er nichts anfangen. Eine Stunde dauert sechzig Minuten oder dreitausendsechshundert Sekunden, ganz egal womit man sie verbringt.
»Wir sind heutzutage viel zu sehr auf die Arbeit fixiert, das ist meine feste Überzeugung.«
Boerhaeve konzentrierte sich auf die Wand hinter Zimmermann, als probte er bereits seine Rede und wollte Zimmermanns Reaktion testen.
»Meine Frau befasst sich mit Yoga, und, Loet, ich versichere Ihnen, dieses Yoga ist gar nicht so verkehrt.«
»Nein?« Vor seinem inneren Auge sah Zimmermann Boerhaeve mit seiner um einen Kopf größeren Frau auf dem Wohnzimmerboden liegen, die Beine im Nacken verschränkt.
»Erst war ich auch skeptisch. Ich habe zu meiner Frau gesagt: Für mich ist das nichts, ich bin ein Mann der Wissenschaft, der Ratio. Sie hat darauf bestanden, dass ich einen Nachmittag lang mitmache, und voilà, jetzt stehe ich hier und schwärme Ihnen davon vor. Wir müssen uns immer wieder neu erfinden. In der Hinsicht können wir uns an den Schülern ein Beispiel nehmen.«
In etwa zehn Minuten würde es zur großen Pause läuten. Zehn weitere Minuten Boerhaeves Theorien über das Leben zu lauschen, würde Zimmermann schon noch aushalten. Schließlich war es ja nett, dass der Rektor sich Zeit nahm, mit ihm über seinen Abschied zu sprechen.
»Jetzt will ich Sie aber nicht länger aufhalten«, meinte Boerhaeve plötzlich. »Schön, dass wir uns einig sind.« Bevor er das Zimmer verließ, wandte er sich noch einmal um: »Es wird ein richtiges Fest, versprochen.«
Mit richtigen Festen kennt Zimmermann sich nicht aus, aber das wird wohl eines sein, denkt er.
Die Göre lehnt an einem Tisch. Die Hose schlabbert ihr um die Hüften, und das T-Shirt rutscht fortwährend über ihre Schulter.
Zimmermann schiebt seinen Teller mit dem halb gegessenen Tortenstück weg, zu den anderen halb leeren Tellern. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie Boerhaeve dem Hausmeister auf die Schulter klopft.
Zimmermanns Glas wird nachgefüllt. Er überlässt sich dem fröhlichen Lärm um ihn herum. Sommerferien, das brauchen jetzt alle. Das Schuljahr ist gut gelaufen, die meisten Ziele wurden erreicht, die meisten Schüler versetzt. Die Aussicht auf den langen Sommer lässt die Lehrer vergessen, dass in sechs Wochen alles wieder von vorn anfängt.
Dann sagt Boerhaeve ein paar Worte zu der Göre, die jetzt die Kamera vor dem Bauch hängen hat, und deutet in den hinteren Bereich des Raums. Das Mädchen schlendert dorthin und reißt mit übertriebenem Kraftaufwand die kleinen Fenster auf.
Boerhaeve lächelt unentwegt. Gleich ist es Zeit für seine Sommeransprache. Zimmermann weiß, dass er diesmal ausführlich darin vorkommen wird. Er trinkt zwei große Schlucke Wein. Endlich ist er den faden Sahnegeschmack los. Auf der Torte steht noch DANK.
Boerhaeve hebt die Hand. Zimmermann nickt lächelnd. Boerhaeve wedelt munter mit einem Blatt Papier. Zimmermann trinkt sein Glas aus.
Einen Moment lang denkt er an Daniel. Hätte er ihn einladen sollen? Er stellt sich vor, Daniel stünde neben ihm, seine schwarze Jacke um die Schultern, die Haare hängen ihm in die dunkelbraunen Augen, und in der Hand hat er eine Schachtel Zigaretten, die er ungeduldig auf- und zumacht. Dass Daniel inzwischen gut doppelt so alt ist wie die Göre, würde man kaum merken. Er hätte die Torte verweigert und ungeniert nach einem Bier gefragt. Boerhaeves Wichtigtuerei hätte er verächtlich zur Kenntnis genommen und mit den zwei Geschichtslehrerinnen eine endlose Diskussion über Wohl und Wehe französischer Gänse geführt, auch wenn dieses Thema ihn noch nie sonderlich interessiert hat.
Daniel hält sich nicht an die Regeln, das ist sein Problem. So oft schon hat Zimmermann seinem Sohn erklärt, wie wichtig korrekte Umgangsformen sind. Aber dass ein freundliches Lächeln oder eine Höflichkeitsfrage manches im Leben erleichtert, hat Daniel bis heute nicht eingesehen.
Boerhaeve klopft mit der Kuchengabel an sein Glas. Er trinkt Cola, wie seine Schüler. Eine ungeduldige Stille breitet sich im Lehrerzimmer aus. Erst nach Boerhaeves Rede fangen die Sommerferien wirklich an.
Zimmermann stellt sich schräg hinter Gerard Tiddes, einen Mathematiklehrer, dem das Leben von Tieren mehr gilt als das von Menschen und der einem bei jeder Gelegenheit seine Überzeugung aufdrängt. Unzählige Male war Tiddes bei Zimmermann, um sich wegen der Stundenpläne zu beschweren, in denen die Tatsache, dass er drei Hunde hat, keine Berücksichtigung fand.
»Auf Kinder wird immer Rücksicht genommen, auf Hunde nie! Hunde zählen nicht!«, schrie Tiddes, und sein Adamsapfel sprang ihm dabei fast aus dem Hals. Er forderte Verständnis für seine Hunde ein, doch in Zimmermanns Planungen gab es keinen Raum für Verständnis.
Tiddes verlagert das Gewicht vom einen auf den anderen Fuß. Angeblich hat er sich Porträts seiner Hunde auf den Rücken tätowieren lassen.
An Tiddes’ Rücken vorbei sieht Zimmermann, wie der Rektor sich an den Haaren zupft und in die Runde lacht. Beim Lachen zieht Boerhaeve die Oberlippe so weit hoch, dass man unwillkürlich sein purpurrotes Zahnfleisch sieht. Schon seit der ersten Begegnung fragt Zimmermann sich, ob er vielleicht Gebissprobleme hat; eine gute Gelegenheit, ihn danach zu fragen, hat sich jedoch nie ergeben.
Boerhaeves Vorgänger, ein staubtrockener Philologe, trug immer einen Dreiteiler und war kein Freund von Reden. Und er lachte nie.
Während es Boerhaeve ein Bedürfnis ist, mit seinen Leuten freundschaftlich umzugehen, wahrte Rektor Stroman stets Distanz. Er klopfte keinem auf die Schulter, er besprach mit niemandem dessen Abschied, und nie im Leben hätte er ein Schuljahr als »grandios« bezeichnet wie jetzt Boerhaeve.
Ich hätte schon vor fünf Jahren gehen sollen, denkt Zimmermann. Stroman hätte ihn mit einer teuren Flasche Wein und einem Händedruck verabschiedet.
Boerhaeves Aufzählung der Höhepunkte des Schuljahrs endet mit dem Sporttag. »Die Begeisterung unserer Schüler in Kombination mit Ihrem enormen Engagement«, sagt er und schließt kurz die Augen, »war einfach überwältigend.«
Beifall erklingt, aber Boerhaeve hebt die Hand zum Zeichen, dass er noch nicht fertig ist.
»Bevor wir auf das Ende des Schuljahrs anstoßen, möchte ich das Wort an unseren Loet Zimmermann richten. Wo stecken Sie, Loet?«
Zimmermann kommt hinter Tiddes hervor, der einen für seine Verhältnisse respektvollen Schritt zur Seite macht.
Er meint, einen leichten Geruch nach Hund wahrzunehmen.
»Wie wir alle wissen, wird Loet uns verlassen«, fährt Boerhaeve fort und nickt bedauernd.
Zimmermann nickt ebenfalls und hebt kurz die Schultern.
»Sie waren ein Kompass für uns, Loet. Ich habe versucht auszurechnen, wie viele Stunden Sie für uns und unsere Schüler geplant haben, wie vielen Tagen Sie Struktur gegeben haben, und dabei bin ich auf so hohe Zahlen gekommen, dass ich sie gar nicht aussprechen kann.«
Boerhaeve lacht sein Zahnfleischlachen.
»Ob es um die Erweiterung der Schule ging, um die komplette Digitalisierung Ihres Aufgabenbereichs oder um das Kommen und Gehen von Kollegen – Sie haben sich in all den Jahren mühelos jeder Veränderung angepasst. Nicht umsonst nennt man sie die stille Kraft des Roggeveen-Gymnasiums. Egal wie viele Konferenzen, Jubiläen oder Ausflüge zu planen waren, nie war ein Wort des Unmuts aus Ihrem Munde zu hören: Die stille Kraft beklagt sich nicht, die stille Kraft tut ihre Arbeit.«
Zimmermann hat Boerhaeve im Verdacht, seine Rede zuvor ausgiebig vor dem Spiegel geprobt zu haben. Er sieht den Rektor mit nacktem Oberkörper in seinem Badezimmer ausladende Gebärden machen, wobei er »die stille Kraft« intoniert, erst laut, dann leise und anschließend mit vollem Stimmvolumen.
Die stille Kraft zu sein, das behagt ihm, auch wenn er nicht glaubt, dass jemand im Roggeveen-Gymnasium diesen Ausdruck je für ihn gebraucht hat.
»Auch nach dem tragischen Unfall Ihrer Frau haben Sie unermüdlich weitergemacht.«
Boerhaeve senkt teilnahmsvoll den Blick.
Tragischer Unfall … Zimmermann hat den Eindruck, diese Wendung habe mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun, so oft hat er sie gehört oder gelesen. Der tragische Unfall führt längst ein Eigenleben, losgelöst von dem Lucys.
»Mehrere Kollegen haben mir gesagt, wie sehr sie Sie dafür bewundern. Von ihnen weiß ich auch, dass Sie die Erziehung Ihres Sohns anscheinend mühelos mit der Arbeit kombiniert haben. Und das ist eine Leistung. Loet, eine Leistung, vor der wir alle hier großen Respekt haben.«
Seit wann verdient ein Mensch Respekt, weil er seiner Arbeit nachgeht und sich um sein Kind kümmert? Damals jedenfalls hat keiner von Respekt gesprochen. Auf den Fluren flüsterten die Kollegen ihm zu, sie wüssten gar nicht, was sie sagen sollten, es fehlten einem schlicht die Worte. Zimmermann schwieg dazu, denn ihm ging es ja ebenso.
Er denkt an die zwei jungen Frauen aus der Verwaltung, die ihm einen Monat lang täglich zwei komplette Mahlzeiten in Plastikdosen auf den Schreibtisch stellten. Und er denkt an Daniel, der sich anfangs weigerte, von Essen, das nicht seine Mutter zubereitet hatte, auch nur einen einzigen Bissen zu nehmen.
Boerhaeve rüstet sich zum großen Finale. »Sie werden uns fehlen, Loet. Auch wenn wir Ihnen den wohlverdienten Ruhestand von Herzen gönnen, werden Sie uns fehlen«, sagt er. »Als Koordinator sind Sie einfach unübertroffen!«
Ein paar Lehrer klatschen, die übrigen schließen sich gehorsam an. Boerhaeve gibt dem Hausmeister ein Zeichen, der daraufhin mit einem in Goldpapier eingeschlagenen Paket herbeieilt.
Neben sich hört Zimmermann Tiddes leise aufseufzen.
»Im Namen des gesamten Kollegiums möchte ich Ihnen hiermit ein Geschenk überreichen, Loet«, verkündet Boerhaeve. »Sie haben Ihre Arbeit manchmal mit einem komplizierten Puzzle verglichen. Und da uns allen bekannt ist, dass Sie ein Workaholic sind, wollen wir Sie beim Entzug unterstützen.«
Eine junge Sportlehrerin lacht wiehernd los. Tiddes verschränkt die Arme vor der Brust. Von der Göre ist weit und breit nichts zu sehen.
Zimmermann packt das Geschenk aus. Er sieht ein großformatiges Bild, darauf sämtliche Lehrer und sonstigen Mitarbeiter des Roggeveen-Gymnasiums.
»Es ist ein Puzzle«, beeilt Boerhaeve sich zu sagen.
»Das sehe ich«, sagt Zimmermann.
»Zweitausend Teile«, erklärt Boerhaeve.
»Unglaublich«, sagt Zimmermann.
Er schüttelt dem Rektor die Hand.
»So schnell werden Sie uns also nicht los.«
»Danke für die freundlichen Worte«, sagt Zimmermann.
Hier und da steigt Gemurmel auf, aber noch traut sich keiner, sein Glas neu zu füllen oder ein abgebrochenes Privatgespräch wiederaufzunehmen.
»Auf Loet!«, ruft Boerhaeve.
Wieder erklingt Beifall. Mit gesenktem Kopf hält Zimmermann sein Glas hoch.
Ein dezentes Räuspern verrät, dass mehr von ihm erwartet wird. Er zieht die Wangen ein und schluckt den sich bildenden Speichel hinunter.
»Vielen herzlichen Dank an alle«, sagt er. Das hat, Gott sei Dank, einen abschließenden Klang. Zimmermann betrachtet die Gesichter auf dem Foto. Mit manchen der Abgebildeten hat er nie ein Wort gewechselt, aber besser als ein Abend im Bowlingcenter ist es allemal.
Ein warmer Windhauch streift ihn, als er die Glastür des Gymnasiums öffnet. Draußen ist es kaum kühler als im Lehrerzimmer. Er geht die Treppe hinab. Um diese Tageszeit findet er die Schule am schönsten. Die Stille, wenn alle Schüler weg sind, ist wohltuend, und der Altbau mit seinen dunklen Fenstern wirkt immer wieder Ehrfurcht gebietend.
Als er die Schule zum ersten Mal betrat, stand der hässliche Neubau links vom Haupteingang noch nicht. Durch die Erweiterung um sieben Klassenräume büßte die Schule einen Teil ihrer würdigen Ausstrahlung ein. Eine Todsünde in Zimmermanns Augen, doch der Rektor wollte möglichst viele Schüler unterbringen. Je mehr, desto besser, das wurde allmählich zur Devise.
Zimmermann hat das Puzzle unter den Arm geklemmt, und in der Hand trägt er eine Plastiktüte mit Karten von Kollegen, die ihm ein paar persönliche Worte geschrieben haben.
Von seinem Leben als Pensionär hat er keine Vorstellung. Auf Prospekten, die er mit der Post bekam, waren Ehepaare mit weißem Haar und noch weißeren Zähnen auf dem Golfplatz oder im Schwimmbad abgebildet. Was von Zimmermanns Haaren noch übrig ist, ist grau.
Lucy war der Meinung, ab dem siebzigsten Lebensjahr sollten sie sich stilvoll zugrunde richten, indem sie den lieben langen Tag Drinks nahmen und Pralinen futterten. Und wenn es irgendwann nicht mehr ging, würden sie Hand in Hand von einem Hochhaus springen. Nachdem sie Daniel ihren Entschluss mitgeteilt hatten, versteht sich.
In den Gärten, an denen Zimmermann vorbeikommt, sitzen Leute bei Kerzenlicht und trinken Wein. Er muss an ein Jahr denken, in dem es bereits im Mai brütend heiß war. Stroman hatte ihn gebeten, beim Ausflug einer neunten Klasse als Betreuer einzuspringen. Noch Jahre später hatte ihn dieses fürchterliche Erlebnis in seinen Träumen verfolgt.
»Zwei Damen sind im Mutterschaftsurlaub, eine dritte ist aus mir unbekannten Gründen krankgeschrieben, und Nummer vier muss zu einem Begräbnis«, zählte Stroman auf. »Sie brauchen lediglich auf die Kinder achtzugeben.«
Tags darauf bestieg Zimmermann völlig unvorbereitet den Bus, der die aufgedrehten Jugendlichen in ein neu eröffnetes Schwimmparadies bringen sollte. Er trug ein kurzärmliges Hemd, die Krawatte hatte er weggelassen. Er nahm ganz vorn im Bus Platz, neben dem Englisch-referendar, der in einem fort rief: »Quiet please, boys and girls!«
Die Schüler wussten nicht, wer Zimmermann war, und fragten ihn als Erstes nach seinem Sexualleben. Welches seine Lieblingsstellung sei, wollte ein Mädchen mit weißblondem Haar und rosa angemalten Lippen wissen. Und als er die Antwort verweigerte, fragte sie doch glatt, ob er noch Jungfrau sei.
Bis heute sieht er ihr Gesicht klar und deutlich vor sich. Ein spotttriefender Blick aus weit auseinanderstehenden, stark geschminkten Augen, die Wangen kindlich rund und an den Ohren orangefarbene Hänger in Form von Papageien.
»Sie brauchen sich nicht zu genieren, bei uns ist fast jeder noch Jungfrau.« Sie grinste. Die Art und Weise, wie sie das Wort »Jungfrau« aussprach und ihn dabei musterte, ließ Zimmermann schaudern.
Im Schwimmparadies herrschte Hochbetrieb, schon das machte ihn fast krank.
»Wollen Sie auch unsere Schwimmangebote nutzen?«, fragte die Frau am Zugang zu den Becken. Sie saß in einem Glaskasten, und Zimmermann hatte Mühe, sie zu verstehen.
»Nein, nein, bitte nicht«, antwortete er.
»Das Verzehren mitgebrachter Speisen ist nicht gestattet.« Sie deutete auf den Apfel in seiner Hand.
»Ach, wie schade.«
»Sie können ihn in einem Schließfach deponieren.«
»Meinen Apfel?«
Die Frau nickte. »Die Schließfächer befinden sich links von den Schwingtüren.« Sie reichte Zimmermann zwei blaue Plastiküberzieher durchs Fenster. »Die müssen im Schwimmbereich über den Schuhen getragen werden. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«
Das Paradies bestand aus fünf riesigen Wasserrutschen, die in fünf verschiedene Becken mündeten. Zimmermann verlor sofort den Überblick und schlurfte mit den zu großen Plastikschützern von einem Becken zum anderen. Das Wasserrauschen und das Geschrei der Kinder vermischten sich, von den Fliesen verstärkt, zu einem Geräuschbrei, der ihm die Ohren verstopfte. Nach zehn Minuten begannen seine Augen vom ätzenden Chlordunst zu brennen, und die Wärme schlauchte ihn.
»Die haben ihr Vergnügen«, meinte der Referendar.
Sie standen neben einer rosafarbenen Rutsche. Direkt vor ihnen drückten zwei Mädchen einen Jungen unter Wasser. Ein Stück weiter saß ein Pärchen am Beckenrand und fummelte. Weil Zimmermann die Schüler des Roggeveen-Gymnasiums nicht von den anderen Kindern unterscheiden konnte, sah er sich genötigt, auf alles und jeden zu achten.
»Amazing«, sagte der Referendar mit vollem Mund. »So was gab’s zu meiner Zeit nicht, wir sind in den Streichelzoo gegangen.« Seine Brillengläser waren beschlagen, und er tat sich an schlappen Pommes gütlich, die mit Mayonnaise zugekleistert waren.
Zimmermann dachte an seinen Apfel in dem Schließfach.
»Macht das eigentlich Spaß, das Rumbasteln an den Stundenplänen?«, fragte der Referendar.
Die Frage irritierte Zimmermann wegen des unterstellten Zusammenhangs zwischen Stundenplänen und Rumbasteln.
»Ich habe Freude an meiner Arbeit.«
»Echt wahr? Ich mein’s nicht böse, aber mir kommt das ziemlich einschläfernd vor.«
Die Pommes waren alle, der Referendar tunkte den kleinen Finger in die restliche Mayonnaise.
»Einschläfernd? Nein, das ist es ganz und gar nicht«, erwiderte Zimmermann.
Das Hochgefühl, wenn seine Bemühungen von Erfolg gekrönt waren, ließ sich nicht so einfach in Worte fassen, dennoch empfand er jeden fertigen Plan als einen Sieg. Er dachte in acht Blöcken zu je fünfzig Minuten.
»Unterrichten ist übrigens auch nicht das Gelbe vom Ei«, sagte der Referendar.
Es ist die Hölle, dachte Zimmermann. Ursprünglich hatte er als Lehrer arbeiten wollen, aber zum Glück rechtzeitig erkannt, dass er dafür nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt war. Ein Dasein als Lehrer wäre für ihn eine regelrechte Katastrophe gewesen. Nie und nimmer hätte er es ausgehalten, jeden Tag vor einer Klasse zu stehen.
»Wenn ich nach Hause komme, bin ich fix und fertig. Aber that’s life, ain’t it?«
Zimmermanns Hose wurde vom hochspritzenden Wasser immer nasser.
»That’s life«, wiederholte er.
»Ich geh mal eine rauchen«, sagte der Referendar.
Zimmermann folgte ihm in Richtung Cafeteria. Dort setzte er sich auf einen Plastikstuhl und rollte die Hosenbeine auf. Einen Moment lang schloss er die Augen, und als er sie wieder öffnete, sah er das Mädchen mit den Papageienohrhängern. Sie winkte ihm aus dem nächstgelegenen Becken.
Er nickte ihr zu.
Ohne den Blick abzuwenden, redete sie mit ihren Freundinnen, ganz offensichtlich über ihn.
Zimmermann gelang es, sie zu ignorieren. Bis sie sich am Beckenrand hochzog und hüftschwingend auf ihn zukam.
»Hi«, sagte sie.
»Tag«, sagte Zimmermann.
»Haben Sie mich beobachtet?«
»Ich beobachte alle. Schließlich muss ich auf euch aufpassen.«
»Ich zeig Ihnen mal was.« Das Mädchen grinste und löste mit einem schnellen Griff ihr Bikinioberteil.
Zimmermann war zu verblüfft, um sofort zu reagieren. Sekundenlang starrte er ihre Brüste an, die im Vergleich zum übrigen Körper groß waren. Es waren Mutterbrüste, sie passten nicht zu einem so jungen Mädchen.
»Gut, was?«, fragte sie.
Das Gebaumel vor ihm, der herausfordernde Blick des Mädchens und der umgebende Lärm bewirkten, dass es Zimmermann die Sprache verschlug.
»Zieh das sofort wieder an«, presste er schließlich hervor.
»Gefällt Ihnen mein Busen nicht?«
Ihre Freundinnen fingen an zu kichern. Jemand pfiff auf den Fingern.
»Zieh das an!«, rief Zimmermann.
»Okay, okay, ganz ruhig.« Während sie langsam das Oberteil wieder umlegte, ließ sie ihn nicht aus den Augen.
Zimmermann drückt das Puzzle fester an sich. Lucy war der Meinung gewesen, er hätte besser über den Vorfall gelacht, ihm ist jedoch bis heute nicht einsichtig, was daran lustig sein sollte.
