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Eingeschneit in einem gemütlichen Bed & Breakfast Kurz vor Weihnachten weht der eisige Winterwind die unterschiedlichsten Gäste ins Evergreen Inn. Da sind zum Beispiel die Kinderbuchautorin Molly, die ihre Schreibblockade überwinden muss, Marcus, ein attraktiver Wittwer mit zwei zuckersüßen Töchtern und Hannah, die im Evergreen Inn ihren Freund heiraten will. Umgeben von Plätzchenduft und der Vorfreude auf die Hochzeit könnte es ein wunderschönes Weihnachten vor dem warmen Kamin werden, doch dann lässt Hannahs Freund die Verlobung in letzter Sekunde platzen. Die Karten werden neu gemischt, und so mancher Gast wird ein kleines Weihnachtswunder erleben … Machen Sie es sich gemütlich, diese Weihnachtslektüre wird Sie verzaubern! Colleen Wright erzählt in ihrem winterlichen Liebesroman die herzerwärmenden Geschichten der verschiedenen Gäste eines kleinen Bed & Breakfast-Hotels im verschneiten Vermont, die alle eine zweite Chance auf Liebe bekommen. Die perfekte Wohlfühllektüre für kuschelige Wintertage vor dem Kamin. Colleen Wright wuchs in Michigan auf, wo sie es sich zu Weihnachten gerne mit einem guten Buch am Feuer gemütlich machte. Heute lebt und arbeitet sie in Brooklyn.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
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© Colleen Wright 2018Titel der amerikanischen Originalausgabe:»The White Christmas Inn«, Howard Books, New York 2018© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2019Redaktion: Ulrike NikelCovergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: FinePic®, München
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Cover & Impressum
1 – Als ihr Ziel, ...
2 – »Na, na, na!«, ...
3 – Sobald Hannah Jeanne ...
4 – Bob saß auf ...
5 – »Jeanne!« Sie erkannte ...
6 – Molly legte den ...
7 – »Ich wusste es«, ...
8 – Luke hatte einen ...
9 – »Wie gefällt es ...
10 – »Hallo, Maddie.« Jeanne ...
11 – In den ersten ...
12 – Geoffrey Godwin polterte ...
13 – »Nein, Daddy, nein, ...
14 – »Ich kann es ...
15 – Allein in ihrem ...
16 – »Hallo, Liebes«, sagte ...
17 – »Entschuldige, Schatz«, sagte ...
18 – »Ich weiß, dass ...
19 – Molly seufzte wohlig. ...
20 – »Guten Morgen, kleiner ...
21 – »Du machst das ...
22 – Jeanne sah sich ...
23 – Molly hatte in ...
24 – »Hey Süße«, sagte ...
25 – »Sieht perfekt aus«, ...
26 – Als Molly mit ...
27 – »Zeit fürs Abendessen«, ...
28 – »Nein, Daddy!«, rief ...
29 – »Ein Hoch auf ...
30 – Egal, wie oft ...
31 – Iris trug ihre ...
32 – Jareds Augen weiteten ...
33 – »Psst!«, rief Addison ...
34 – Luke lief ziellos ...
35 – »Also, wenn du ...
36 – »Er hat was ...
37 – Unschlüssig betrachtete Molly ...
Als ihr Ziel, das ganz am Ende einer verschneiten Straße inmitten der sanft geschwungenen Hügellandschaft von Vermont lag, endlich in Sicht kam, lachte Molly Winslow laut auf.
Ihre Vorfreude war immer größer geworden, seit sie die Hauptstraße verlassen hatte und bald darauf das handbemalte Holzschild entdeckte, das beinahe so groß wie ihr Auto war. Es war ein viktorianisch anmutendes Gemälde eines für die Festtage prachtvoll geschmückten Hauses. Girlanden aus Kiefernzweigen zierten die Giebel, aus den Fenstern drang warmes Licht nach draußen, und in der Einfahrt drängten sich Menschen um einen hell erleuchteten Tannenbaum, der doppelt so groß wie das Gebäude selbst zu sein schien. Sogar eine Pferdekutsche gab es.
Molly hatte die Pension aufgrund dieser Detailverliebtheit aus all den Hotels ausgewählt, die mit einem verlockenden Ambiente auf den unzähligen Reisewebseiten um Festtagsgäste buhlten. Die Bewertungen für das Evergreen Inn waren hervorragend gewesen, doch vor allem hatten es ihr die Fotos angetan: eine rote Rose, liebevoll platziert neben Butterstückchen in Form von kleinen Hühnern oder Gänseblümchen, wunderschöne, handgemachte Patchworkdecken aus Samt, die in jedem Raum lagen, saphirblaues Glasgeschirr aus Großmutters Zeiten, das auf den Regalen der lichtdurchfluteten Küche funkelte.
Dank ihrer ausführlichen Internetrecherchen wusste Molly, dass das Schild, das die Gäste von der Hauptstraße zum Evergreen Inn führte, saisonbedingt ausgetauscht wurde: Im Frühling waren auf dem Schild rosa und weiße Apfelblüten zu sehen, im Sommer blühende Wiesen und sattgrüne Hügel und schließlich im Herbst die spektakulären Herbstfarben Vermonts.
Wer auch immer für die Details in dem kleinen Gästehaus verantwortlich war, musste eine künstlerische Ader haben. Da sie sich selbst als eine Art Künstlerin verstand, fühlte Molly sich von alldem angezogen. Ihre eigene Kunst lag darin, aus nichts als ein paar Bildern und Worten neue Welten zu erschaffen. Aber sie war sich zugleich des großen Abstands bewusst, der manchmal zwischen der Vision eines Künstlers und dem Endprodukt lag. Zwischen dem, was man versprach, und dem, was man tatsächlich abliefern konnte.
Dieses Wissen war für sie derzeit nicht nur reine Theorie. Schon seit Wochen hielt sie die Deadline für die Ablieferung ihres nächsten Buches nachts wach. Nur war leider während all dieser langen Nächte kein einziger Inspirationsfunke übergesprungen, der ihre wachsenden Sorgen hätte vertreiben können.
Deshalb hatte sie sich eingeredet, dass ihr Weihnachtsausflug nach Vermont kein leichtsinniger Luxus, sondern eine gerechtfertigte Geschäftsinvestition sei. Die Reise bot ihr schließlich neben dem längst überfälligen Tapetenwechsel die Möglichkeit, ihre Sorgen zu Hause in Brooklyn zurückzulassen und sich in diesem verborgenen Winkel im Norden der Vereinigten Staaten ein wenig Inspiration abzuringen, bevor ihre Ängste sie vollends überwältigten.
Doch obwohl ein Teil von ihr sich danach sehnte, in eine andere Welt entführt zu werden, war sie als erfahrene Großstädterin realistisch genug, sich einen Hauch von Skepsis zu bewahren. Sie hatte gelernt, dass nicht gerade viele Dinge ihren Vorstellungen gerecht wurden, selbst wenn vielleicht am Ende noch eine gute Geschichte dabei herauskam.
Deshalb lachte sie ausgelassen, als sie der langen, holprigen Zufahrt einige Minuten lang gefolgt war und die Pension endlich hinter ein paar schneebedeckten Bäumen in Sicht kam.
Diesmal war ihre Skepsis unberechtigt gewesen. Dieser Ort war nicht allein so bezaubernd, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, er übertraf ihre Erwartungen sogar noch.
Sie hatte geglaubt, dass die riesige Tanne auf dem Werbeschild der Fantasie des Künstlers entsprungen war, doch da stand sie tatsächlich, voll funkelnder Lichter. Das grüne Dach des Hauses war mit Kiefernzweigen bedeckt, die wiederum liebevoll mit roten Samtbändern und silbernen Weinblättern verziert worden waren. Auf der breiten Veranda stand ein rot lackiertes Schaukelpferd mit einer schwarz-rot karierten Decke und einem Kindersattel.
Sobald Molly im Wendekreis am Fuße der Tanne angehalten und ihre Autotür geöffnet hatte, wehten ihr die unterschiedlichsten Düfte entgegen: der würzige Geruch der Kiefernzweige, ein Hauch von Holzfeuer, das sicher in dem riesigen Kamin brannte, den sie bereits von Fotos kannte, und ein verlockender Zimtduft, der zweifellos aus der Küche kam.
Der Schnee, der in großen, dichten Flocken fiel, komplettierte dieses Bild weihnachtlicher Idylle.
Zu Beginn ihrer Fahrt war er noch leicht herabgerieselt, dann immer stärker geworden, sobald sie die Landstraßen von Vermont erreicht hatte. Inzwischen lag er wie eine dicke Schicht Puderzucker auf den Hügeln und Tälern, den verstreuten Gehöften, auf den kahlen Ästen und Zweigen der Eichen und dem immergrünen Mantel der Tannen und Kiefern und breitete über alles eine weiche weiße Decke.
Molly nahm ihre Tasche aus dem Kofferraum und ging mit knirschenden Schritten durch den Schnee zur Eingangstür. Dabei fühlte sie sich, als wäre sie gerade in einer Schneekugel aufgewacht.
Das könnte eine Geschichte sein, dachte sie verträumt. Ein kleines Mädchen, das sich plötzlich in einer Schneekugelwelt wiederfand …
Als sie jedoch durch die Eingangstür trat, an der ein Wacholderkranz mit blauen und pinkfarbenen Beeren hing, wurde sie einmal mehr von der Schönheit der realen Welt abgelenkt.
Sie stand in einem großen Eingangsbereich. Auf einem kleinen Tisch neben der Tür verbreitete eine Sturmlaterne flackernd ihr Licht. Die Zinnschale daneben war gefüllt mit verlockenden, in goldenes Papier gewickelten Bonbons, deren elegant geschwungener Schriftzug verriet, dass es sich um Rosmarinkaramell handelte.
Dominiert wurde der große, mit samtenen Polstermöbeln und flauschigen Kissen ausgestattete Raum von einem riesigen Kamin, der eine wohlige Wärme verbreitete. Die üppige Weihnachtsdeko lief ihm dabei allerdings als Blickfang fast den Rang ab.
In der einen Ecke strahlte ein mit Vintagelametta und historischen Christbaumkugeln geschmückter Weihnachtsbaum, in einer anderen war eine riesige, handgeschnitzte Krippe aufgebaut. An der Decke funkelten Weihnachtslichter zwischen Kiefernästen, Wacholderzweigen und Rosengestecken, mit denen auch der Bereich neben der Tür geschmückt war.
Zu ihrer Rechten entdeckte Molly den stilvoll eingerichteten kleinen Speisesaal, auf dessen Tischen Gestecke aus Kiefernzweigen und Weihnachtssternen die Blicke auf sich zogen. In einem der Fenster stand ein Weihnachtsmann mit roter Nase und roten Wangen, als wäre er, genau wie sie, gerade erst aus der winterlichen Kälte hereingekommen.
Molly hatte die Frau an der Rezeption zu ihrer Linken völlig übersehen, bis sie ein lebhaftes Stimmchen hinter sich rufen hörte: »Sie müssen Molly sein.«
Erschrocken fuhr sie herum und sah eine zierliche, ältere Frau, die sie vergnügt anlächelte. Mit ihrem zu einem Dutt zurückgebundenen weißen Haar, den nach oben geschwungenen Brillengläsern und ihrem blau-grün karierten Pullover ähnelte sie der Frau vom Weihnachtsmann, wie man sie aus alten Bilderbüchern kannte. Ein weiteres perfektes Detail an diesem Ort, der voll davon zu sein schien.
»Ja, richtig, das bin ich.« Molly nickte und ging auf den Tresen zu, der aus rötlichem Zedernholz bestand und auf Hochglanz poliert war.
Sie stellte ihre Tasche ab und fragte sich, woher die Frau wohl ihren Namen kannte.
»Ich bin Iris«, stellte sie sich vor und begann sogleich, an ihrem PC herumuzuklicken.
»Molly Winslow, eingecheckt am dreiundzwanzigsten Dezember …«, murmelte sie und legte einen schweren Messingschlüssel auf den Tresen. »Sie sind im Rotkehlchennest«, erklärte sie und deutete in Richtung der Treppe. »Das heißt, Sie haben das gesamte Dachgeschoss für sich. Gehen Sie einfach immer nach oben, bis es nicht mehr weitergeht.«
»Okay.«
»Oh, und da Sie über die Weihnachtsfeiertage gebucht haben, sind alle Ihre Mahlzeiten im Zimmerpreis enthalten«, verkündete Iris. »Also, denken Sie daran, ordentlich zuzuschlagen. Und das ist auch schon alles.«
Molly konnte kaum glauben, dass ein Check-in so einfach war. Vergab man hier in Vermont einfach Schlüssel an alle, die zur Tür hereinspazierten? Iris hatte ja noch nicht einmal nach ihrem Ausweis gefragt.
»Damit ist wirklich alles erledigt?«
»Alles erledigt«, bestätigte Iris. »Außer Sie treffen sich hier mit jemandem. Dann bräuchte ich die Namen der Personen, damit ich weiß, wohin ich sie schicken muss.«
»O nein, ich erwarte niemanden«, versicherte Molly und bemühte sich, ihre Stimme unbeschwert klingen zu lassen.
Iris sagte zwar nicht Allein? An Weihnachten?, aber ihr fassungsloser Gesichtsausdruck sprach Bände.
»Ich freue mich auf ein bisschen Ruhe und Frieden«, fühlte Molly sich zu erklären verpflichtet. »Ich will an einem neuen Buch schreiben, während ich hier bin.«
»Ein ganzes Buch?« Iris musterte sie verwirrt. »Ihre Buchung ist ja lediglich für …«
»… ein paar Tage«, beendete Molly den Satz. »Ich weiß, dass das nicht genug ist, um einen ganzen Roman zu schreiben, ich schreibe Kinderbücher, das geht schneller.«
»Oh!« Iris schien entzückt. »Ich habe selbst mal ein Kinderbuch geschrieben.«
Molly gab sich alle Mühe, ihre Schultern nicht nach unten sacken zu lassen. Mindestens fünfundsiebzig Prozent der Leute gaben ihr diese Antwort. Und dann sahen sie sie an, als verstünden sie nicht, wie Molly ihren Lebensunterhalt mit etwas verdienen konnte, das sie höchstens ein Wochenende gekostet hatte.
Und vielleicht hatten sie ja recht. Im Moment jedenfalls kamen ihr weniger Ideen als ihnen allen zusammen.
»Es geht darin um meinen Enkel Luke«, erzählte Iris weiter. »Als er ein Baby war, dachte er, dass Apfelkuchen an Apfelbäumen wächst. Deshalb spielt die Geschichte in einem Apfelkuchengarten …«
»Hört sich super an.« Molly nahm den Schlüssel und rang sich ihr, wie sie hoffte, strahlendstes Lächeln ab. »Vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte sie, während sie sich in Richtung Treppe wandte. »Ich kann es kaum erwarten, das Zimmer zu sehen.«
»Luke läuft hier irgendwo herum. Wenn Sie möchten, schicke ich ihn mit Ihrem Gepäck rauf.«
Doch Molly war bereits dabei, mit ihrer Reisetasche die Treppe hinaufzupoltern.
»Ist okay«, rief sie nach unten. »Ich habe alles im Griff. Danke!«
Zwei Treppen später führten ein paar Stufen von einem kleinen Treppenabsatz zu einer Tür. Ein Filzkranz mit Blättern aus Wolle und naturgetreu geformten kleinen Vögeln verkündete, dass sich dahinter das sogenannteRotkehlchennest befand.
Das Zimmer sah genau wie beschrieben aus: Es handelte sich um einen weitläufigen, hellen Dachboden mit mehreren Fenstern, in dem ein hohes Himmelbett mit Patchworkdecke stand sowie ein gemütliches Sofa mit mehreren Sesseln. Im Nebenzimmer gab es einen riesigen Schreibtisch mit Kapitänsstuhl und zwei Schlafsofas. Ebenso wie in den unteren Stockwerken war hier alles weihnachtlich geschmückt. Von einer Kerze mit rotem Samtband neben dem Bett ging ein buttriger Zimtduft aus, der sich mit dem frischen Kieferngeruch der Girlande aus Wacholder vermischte, die über dem Kopfende hing. Auf einem der Tische standen wunderschöne Zinnfiguren: der Weihnachtsmann mit seinen Rentieren, die durch einen feinen roten Faden miteinander verbunden waren.
Molly hievte ihre Reisetasche auf den Gepäckständer am Fußende des Bettes und begann auszupacken. Sie hängte ihre Kleidung in den geräumigen Holzschrank, der mit zwei Pfauen bemalt war, und stellte einen Stapel Bücher und ihren Computer auf den Schreibtisch.
Das Letzte, was sie aus der Tasche zog, war der große himmelblaue Kaschmirschal ihrer Mutter. Molly hatte sie bestimmt mindestens tausendmal damit gesehen, vor allem in den letzten Tagen ihres Lebens, als sie ständig gefroren hatte. Ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken, dass dies das erste Weihnachtsfest ohne ihre Mutter sein würde.
Die beiden hatten sich nach dem frühen Tod des Vaters ihre ganz eigenen Traditionen geschaffen, und Molly hatte nie darüber nachgedacht, was sie tun würde, wenn ihre Mutter ebenfalls von ihr gegangen sein würde. Wahrscheinlich weil sie immer geglaubt hatte, dass sie bis dahin eine eigene Familie hätte.
Schritte auf der Treppe rissen sie aus ihren Gedanken, gefolgt von undefinierbaren Geräuschen vor ihrer Tür.
»Hallo?«, rief sie.
»Hier ist Jeanne«, antwortete eine freundliche Stimme. »Ich wollte Ihnen ein paar Dinge hochbringen.«
Als Molly die Tür öffnete, sprang ein gigantischer Berner Sennenhund mit glänzend schwarzem Fell und creme- bis karamellfarbenen Flecken durch die Tür.
Er untersuchte rasch das ganze Zimmer, hob witternd die Nase in die Luft wie ein waschechter Jagdhund, um dann zu Molly zu trotten und mit aufgeregt wedelndem Schwanz seine Schnauze gegen ihre Schienbeine zu stupsen.
»Cassandra!«, schimpfte die Frau, die die Besitzerin der Pension zu sein schien.
Sie hatte Mühe, sich die roten Strähnen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten, mit einer Hand hinter die Ohren zu schieben, während sie mit der anderen einen großen, geflochtenen Holzkorb festhielt.
»Cassie! Weg da. Sitz!«
Der Hund setzte sich erst gehorsam, ließ sich dann auf den handgeflochtenen Teppich fallen, rollte sich auf den Rücken und wälzte sich wohlig hin und her.
Molly kniete sich hin, um Cassies Bauch zu kraulen. »Ist schon okay, ich liebe Hunde.«
»Wir werden Sie nicht lange stören«, entschuldigte sich Jeanne und stellte den abgedeckten Korb auf einem kleinen Tisch neben der Tür ab. »Hier sind ein paar Nachmittagsleckereien als Willkommensgruß für Sie. Maisbrot mit Zimt, ein gegrilltes Käsesandwich und eine Thermoskanne mit heißem Apfelmost«, sagte sie mit einem Lächeln und fügte rasch hinzu: »Wenn Sie heiße Schokolade lieber mögen, kann ich Ihnen gleich eine raufbringen.«
Molly stand auf, sehr zum Verdruss von Cassie, die sich anscheinend keinen besseren Zeitvertreib für ihre neue Freundin vorzustellen vermochte, als ihr den Bauch zu kraulen.
»Apfelmost hört sich wunderbar an. Dieser ganze Ort ist wunderbar. Alles. Von dem Schild an der Einfahrt angefangen über den Kranz in der Lobby …«
»Na ja, das ist nicht nur, weil Weihnachten ist, sondern auch wegen der Hochzeit. Normalerweise leisten wir uns um diese Jahreszeit keine frischen Rosen. Immerhin habe ich den Kranz selbst gemacht.«
»Eine Hochzeit?«
Jeanne nickte. »Eine Weihnachtshochzeit. Die Familie ist bezaubernd. Sie kommen seit Jahren hierher. Seit wir aufgemacht haben.«
Ein Schatten huschte über Mollys Gesicht, als sie ein Anflug von Neid überkam.
Machte es ihr etwa wirklich etwas aus, dass hier eine Hochzeit stattfand? Es sah ganz danach aus. Eine Hochzeit bedeutete, dass es Gäste geben würde und eine Party, von der sie ausgeschlossen sein würde. Lauter Dinge, die sie daran erinnern würden, dass sie dieses Weihnachtsfest allein verbrachte.
Gedankenverloren öffnete sie den Holzdeckel des Flechtkorbs. Darin dampfte das frisch gebackene Maisbrot, und auf dem sorgsam in Wachspapier eingewickelten Käsesandwich lagen zwei kleine Butterstücke in Form von Weihnachtsbäumen.
»Das ist wundervoll. Vielen Dank.«
»Gern geschehen«, antwortete Jeanne. »Cassie.«
Mit augenscheinlich größter Mühe hievte sich die riesige Hündin vom Boden hoch, um sich dann mit überraschender Behändigkeit an den Abstieg zu machen.
»Wir sind unten, wenn Sie noch etwas brauchen«, verabschiedete sich Jeanne. »Zum Beispiel, wenn Sie Lust verspüren, sich von einem gigantischen Fellknäuel zu Tode lecken zu lassen.«
Molly lachte, aber nachdem Jeanne gegangen war, blieb in dem Zimmer ein nicht abzuschüttelndes Gefühl von Einsamkeit zurück. Um es loszuwerden, nahm sie das Maisbrot aus dem Korb, brach es in zwei Hälften und legte eins der hauchdünnen Butterstücke dazwischen.
Dann setzte sie sich auf ihr Bett, wickelte den Schal um ihre Schultern und betrachtete die wunderschönen Muster der Patchworkdecke.
Ihre Mutter wäre entzückt, sie so zu sehen, dachte Molly traurig. Sie würde die Pension und alles an diesem Zimmer lieben und sich freuen, dass ihr Lieblingsschal weiterhin getragen wurde. Sie folgte der Familientradition, neue Traditionen zu schaffen.
Sie biss in das Maisbrot. Es war perfekt: buttrig und warm mit genau der richtigen Gewürzmischung.
Was, fragte Molly sich, könnte wohl besser sein?
»Na, na, na!«, warnte Jeanne ihren Ehemann Tim, der über die breite Kücheninsel griff und mit seiner großen, schwieligen Hand einem ihrer Rosenplätzchen gefährlich nahe kam. Es handelte sich um köstliches Shortbread, für dessen Glasur sie das alte Familienrezept ihrer Großmutter verwendete. In sorgfältiger Kleinarbeit hatte sie ein Teigstück nach dem anderen in perfekt glasierte Rosen verwandelt und war gerade erst damit fertig geworden.
»Ich sag’s ja, du bist noch schlimmer als Cassie.«
An ihrem Platz auf dem gewebten Teppich vor dem Küchenherd hob die Hündin hoffnungsvoll den Kopf und ließ ihn beleidigt wieder sinken, als ihr klar wurde, dass jemand ihren Namen genannt hatte, ohne den Anstand zu besitzen, ihr etwas zum Essen anzubieten.
»Komm schon«, beschwerte Tim sich grinsend. »Werden sie wirklich einen einzigen kleinen Keks vermissen?«
»Brautmüttern fällt alles auf.«
»Ich sage ihr einfach, dass der Hund ihn gefressen hat«, verkündete er und griff erneut nach dem Plätzchen.
»Tim«, wies Jeanne ihn scharf zurecht. »Ich meine es ernst.«
Hinter ihr konnte sie Cassies Hundemarken klirren hören, als die Hündin sich anhand der Veränderung in ihrem Ton alarmiert aufsetzte.
Ihr Mann hob zum Zeichen der Ergebung die Hände, sein Grinsen war verschwunden, und er sah weg, als hätte er Angst, dass jeder noch so kleine weitere Kommentar sie zum Explodieren bringen könnte.
Gleichzeitig spürte Jeanne, wie sich Frust in ihr aufstaute. Sie hatte versucht, das Ganze mit einem Witz abzutun – mit dem Erfolg, dass er gekränkt war und so tat, als wäre sie es, mit der schwer auszukommen war.
Sie fühlte sich nach wie vor stark von ihm angezogen. Seine hochgewachsene Statur, sein lockiges, langsam ergrauendes Haar und sein ebenfalls ergrauender Bart lösten immer noch etwas in ihrem Herzen aus.
»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich. »Ich habe heute Morgen einen Blick auf unsere Ausgaben geworfen, und diese Kekse sind nicht gerade billig. Sie bestehen praktisch ausschließlich aus Butter.«
»Bloß das Allerbeste«, spottete Tim.
Jeanne warf ihm einen argwöhnischen Blick zu, da sie sich nicht sicher war, ob seine Äußerung ein harmloser Kommentar oder ein Seitenhieb gewesen war.
Er hatte das Motto zitiert, das sie gewählt hatten, als sie nach Vermont gezogen waren, um eine Pension zu eröffnen und den Alltagstrott der Unternehmenswelt hinter sich zu lassen. Zu Beginn hatten sie sich diesen Satz stets gegenseitig in Erinnerung gerufen, wenn es hinsichtlich der Umwandlung des alten Gutshofs in ein erstklassiges Gästehaus Entscheidungen zu treffen galt.
Sollten sie die mit Petroleum hergestellten Dachziegel nehmen oder lieber die echten Holzschindeln?
Sollten sie die Bettlaken mit tausend gewebten Fäden pro Quadratzentimeter oder lieber die feineren mit tausendfünfhundert Fäden wählen?
Bloß das Allerbeste.
Natürlich waren sie dabei schlau vorgegangen.
Tim hatte ein paar Jugendliche auf den Bauernhöfen in der Umgebung aufgetrieben, die Holz von ihrem Grundstück zu Schindeln zurechtgeschnitten hatten, was bedeutend billiger war, als sie im Handel zu kaufen. Und Jeanne hatte sich im New Yorker Stoffviertel mit einer ägyptischen Großmutter angefreundet, die ihr dabei half, hochwertige Bettlaken zu Großhandelspreisen aufzustöbern. So hatten sie weniger bezahlt als in den meisten Kaufhäusern selbst für reduzierte Ware.
Dann war etwa fünf Jahre nach der Eröffnung, gerade als sie die ersten mageren Gewinne zu verzeichnen begannen, nicht allzu weit entfernt die Starlight Lodge eröffnet worden: zweihundert Luxuszimmer mit Privatzugang zum Skifahren auf dem hoteleigenen Berg, einem Ballsaal, zwei Schwimmbädern und einem Wasserpark für Kinder.
Zunächst hatten sie sich keine allzu großen Sorgen gemacht, sondern hauptsächlich Witze darüber gerissen, wer bitte einen Privatberg brauchte. Schließlich hatten sie auch ein kleines Skigebiet vor der Haustür. Und so waren sie sich sicher gewesen, dass der liebevoll gestaltete, maßgeschneiderte Erlebnisurlaub, den sie im Evergreen Inn anboten, sich so sehr von dem Ungetüm am anderen Ende der Straße unterschied, dass es keinen Kampf um die Gäste geben würde.
Doch im Laufe der folgenden Jahre nahm der Strom der Gäste stetig ab und verflüchtigte sich zu einem Rinnsal. Seitdem hatte Tim begonnen, die Entscheidungen, die Jeanne hinsichtlich der Pension traf, immer wieder infrage zu stellen.
»Muss wirklich alles, was wir unseren Gästen servieren, vom Biobauernhof kommen?«, pflegte er sich zu beschweren.
»Wie wäre es, wenn wir einfach mal LED-Kerzen kaufen, anstatt immer so viele echte anzuzünden?«
Jedes kleinste Detail schien mittlerweile Anlass für einen Streit geworden zu sein. An manchen Tagen glaubte Jeanne wirklich, dass sie allein die Schuld an all ihren Problemen trug. Alles wegen ihrer verschwenderischen Ausgaben, dabei sparte sie, wo sie eben konnte, und nachts blieb sie auf, um immer neue Wege zu ersinnen, noch mehr Geld einzusparen.
Sie sah dann einfach rot, fühlte sich verlassen und allein, und es schien ihr, als wäre Tim auf dem besten Weg, ihren gemeinsamen Traum aufzugeben.
Leider war es eine Tatsache, dass nichts den langsamen wirtschaftlichen Abstieg aufhalten konnte. Vor zwei Jahren hatten sie einen Kredit aufgenommen in der Hoffnung, dass ein paar Renovierungen und einige ausgeklügelte Werbemaßnahmen das Blatt wenden würden. Aber obwohl sie ihr Bestes gaben, kamen immer weniger Gäste. Es zog alle zur Starlight Lodge am anderen Ende der Straße.
Dieses Jahr hatten sie die ganze Saison über Mühe gehabt, die laufenden Rechnungen zu bezahlen, und es gerade so geschafft, die anfallenden Kreditkosten zu tilgen.
Inzwischen waren sie so weit einzusehen, dass sie eine schmerzliche Entscheidung treffen mussten: Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Pension nach Weihnachten zu schließen. Es wäre töricht, sich länger an unrealistische Hoffnungen zu klammern. Außer an die, Haus und Grundstück wenigstens einigermaßen gewinnbringend zu verkaufen, damit sie ihre Schulden abbezahlen konnten. Dann würden sie zurück in die Stadt ziehen und nach Jobs suchen, von denen sie geglaubt hatten, sie für immer hinter sich gelassen zu haben.
Der Schritt fiel beiden unendlich schwer.
Als Jeanne an diesem Morgen ihren Kontostand überprüft und Überweisungen getätigt hatte, war ein Gefühl der Leere über sie gekommen. Und es schien ihr, als wäre jeder einzelne Cent, den sie fortgab, ein Teil von ihr selbst.
Warum musste Tim, der genau wusste, was Sache war, immer so tun, als ginge ihn das weniger an als sie?
Mit dem Spritzbeutel in der Hand starrte Jeanne ihn an und versuchte in seinem Gesicht zu lesen, doch er ging scheinbar völlig unbeteiligt um die Kücheninsel herum, um Cassie zu kraulen.
»Übrigens«, sagte er über seine Schulter hinweg, während der Hund sich begeistert unter seiner Berührung wälzte, »habe ich heute Morgen die kaputte Tür der Gartenhütte repariert.«
»Wieso das denn?«
»Ich dachte eigentlich, dass sie nur auf der Türschwelle aufsitzt und dadurch nicht richtig schließt. Aber dann ist mir aufgefallen, dass das ganze Ding schief in den Angeln hing. Zum Glück habe ich es bemerkt, ich hatte nämlich schon fast angefangen, die Tür glatt zu hobeln. Und wenn ich das getan hätte, wäre eine zollbreite Lücke unter der Tür entstanden.«
Er sah zu ihr auf, kraulte weiter Cassies dicke Mähne. Wie immer dachte Tim einzig an die Aufgabe, die er sich gerade vorgenommen hatte, und an nichts anderes.
»Ich habe dir schon im Sommer von der kaputten Tür erzählt«, erwiderte Jeanne und bemühte sich, nicht an die Decke zu gehen.
Es hatte sie zwar genervt, dass die Tür sich weder problemlos öffnen noch richtig schließen ließ, aber am meisten hatte sie gefuchst, dass ihr lieber Mann sich der Sache nicht angenommen hatte.
»Ich weiß«, sagte Tim mit genervtem Unterton. »Ich hab’s ja nicht vergessen.«
Jeanne war kurz davor zu explodieren.
Tims handwerkliches Geschick war immerhin einer der Gründe gewesen, warum sie die Pension überhaupt eröffnet hatten, denn zu viel Fremdarbeit hätte ihre finanziellen Möglichkeiten gesprengt. In letzter Zeit allerdings schien er immer, wenn sie ihn brauchte, irgendwo draußen im Stall oder auf dem Hof zu sein, wo er irgendeins ihrer Tiere fütterte oder an irgendetwas herumwerkelte, das ihm gerade in den Sinn gekommen war. Und das, obwohl sie die Pension sowieso aufgeben mussten.
»Und warum kümmerst du dich ausgerechnet heute darum?«, erkundigte sich Jeanne. »Zwei Tage vor Weihnachten?«
»Diesen Sommer habe ich versucht, andere Dinge zu erledigen.« Nun war die Verärgerung in seiner Stimme nicht mehr zu überhören. »Zum Beispiel habe ich diese mit Weinreben bewachsene Laube gebaut, ohne die angeblich keiner unserer Gäste leben konnte.«
»Das war ein Sonderwunsch, für eine Hochzeit.«
»Wäre es dir lieber gewesen, wenn ich es gar nicht gemacht hätte?«
»Na ja, es kommt mir eben wie reine Zeitverschwendung vor, die Gartenhütte zu reparieren, wenn wir im Sommer gar nicht mehr hier sein werden.«
Tränen traten ihr bei diesen Worten in die Augen, und sie erinnerte sich an eine Zeit, als Tim es nicht ertragen hatte, sie weinen zu sehen.
Jetzt hingegen verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck lediglich. Er stapfte zur Tür, die von der Küche in den Hof führte, und pfiff nach Cassie. Die Hündin erhob sich und warf Jeanne einen fragenden Blick zu, bevor sie brav hinter ihm her trottete.
Jeanne wischte die Tränen fort und schmierte sich dabei aus Versehen Glasur ins Gesicht.
Vielleicht war es ja ganz egal, wenn sie diesen Ort nicht retten konnten, dachte sie. In ihrem Traum war es nie um hochwertige Bettlaken oder Fleisch vom Biobauernhof gegangen. Es war immer um sie und Tim gegangen. Doch obwohl sie das kleine Hotel angeblich gemeinsam betrieben, fühlte sie sich einsamer als je zuvor. Lange hatte sie ihre Probleme auf den finanziellen Stress geschoben. Inzwischen wusste sie es besser. Selbst wenn Tim eine Million irgendwo in einer vergessenen Ecke im Stall fände, würde das vermutlich nicht ihre Probleme lösen.
Es war so lange her, dass sie sich ihm verbunden gefühlt hatte. Und sie wollte gar nicht darüber nachdenken, wie es sein würde, wenn sie nichts mehr hätten, woran sie gemeinsam arbeiteten – wenn sie zurück in der Stadt wären und beide einer Arbeit nachgingen, die sie nicht wirklich machen wollten.
Jeanne warf das Papiertuch, mit dem sie sich das Gesicht abgewischt hatte, in den Müll und atmete einmal tief durch. Dann griff sie wieder nach dem Spritzbeutel, um sich dem nächsten Keks zu widmen.
In diesem Moment begann ein kleines Windspiel zu läuten. Es war ein schlaues Warnsystem, das Tim sich vor Jahren ausgedacht hatte, damit sie in der Küche hörten, wenn Gäste zur Eingangstür hereinkamen. Es ersparte ihnen eine unpersönliche Tischklingel an der Rezeption.
Vermutlich handelte es sich um die Hochzeitsgäste, überlegte Jeanne, die etwa um diese Zeit eintreffen sollten. Und wenn dem so war, sollte sie Iris unter die Arme greifen.
Sie hatten ihr den Gutshof vor Jahren abgekauft, und die alte Dame war dankbar, dass sie trotzdem noch ein Teil davon sein durfte. Jeanne und Tim liebten es, sie bei sich zu haben, aber selbst unter den besten Umständen war sie keine perfekte Empfangsdame. Um je mehr Gäste sie sich kümmern musste, desto wahrscheinlicher war es, dass etwas schiefging.
So hatte sie einmal alle Willkommensgeschenke, die eigentlich für eine Hochzeitsgesellschaft gedacht waren, der ersten Familie übergeben, die zu ihr an die Rezeption gekommen war, ohne nach dem Namen zu fragen. Deren Kinder waren sogleich begeistert über die für jeden Gast einzeln verpackten Bonbons hergefallen, und Jeanne hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft, mehrere Ofenladungen Brownies für die übrigen Gäste zu backen. Diese waren wiederum ganz aus dem Häuschen darüber gewesen, dass die kleinen Willkommensgeschenke bei ihrer Ankunft noch warm gewesen waren.
Nichtsdestotrotz wollte Jeanne diesmal allen Überraschungen vorbeugen. Diese Hochzeitsgäste waren nicht allein deshalb besonders, weil es wohl die letzte Hochzeit war, die je im Evergreen Inn gefeiert würde – sie waren vor allem besonders, weil sie die Entwicklung ihrer kleinen Hotelpension von Anfang an begleitet hatten.
Jeanne atmete einmal tief durch, zog ihre Schürze aus und hängte sie über einen Haken, bevor sie durch die Tür trat und für die beiden Frauen vor dem Tresen ihr fröhlichstes Lächeln aufsetzte.
»Willkommen im Evergreen Inn«, sagte sie.
Sobald Hannah Jeanne sah, löste sich die Anspannung, die sich seit der Abreise aus Boston in ihr aufgestaut hatte. Die beiden Frauen eilten aufeinander zu und umarmten sich herzlich.
»O mein Gott«, sagte Hannah. »Ich freue mich so, dich zu sehen.« Dann trat sie einen Schritt zurück und sah sich um. »Ich hätte nicht gedacht, dass es hier noch schöner sein könnte als im Sommer, aber ich hab mich offenbar getäuscht. Unglaublich, was du an Weihnachten auf die Beine stellst! Es ist bezaubernd.«
Ihre Aufmerksamkeit wurde von einer kleinen Krippe angezogen, die seitlich auf dem Rezeptionstresen stand und komplett aus Kristall gefertigt war: der Stall, die Tiere und Hirten ebenso wie die Weisen aus dem Morgenland, Maria und Joseph und das Christuskind.
»Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen«, staunte Hannah.
»Oh, ja, sie ist wunderschön, gehört aber nicht mir«, erklärte Jeanne.
»Sie gehörte meiner Großmutter«, meldete Iris sich zu Wort. »Sie brachte sie aus New York mit, als die Familie aus der Großstadt nach Vermont zog. Sie hat die Figuren in Mehlsäcken verstaut, um sie für den Transport zu schützen, und saß den ganzen Weg über darauf, damit niemand auf die Idee kommen konnte, den Sack womöglich wegzuwerfen.«
»Die Figuren sind wunderschön, so detailliert gearbeitet.« Hannah kam aus dem Staunen nicht heraus, als sie all die anderen Weihnachtsdetails in sich aufnahm: die schimmernden Lichter, die hoch oben an der Decke hingen, die frischen Wacholderbüschel, die samtenen Bänder, mit denen die Treppe, die zu den Gästezimmern führte, geschmückt war.
»Das alles ist nicht allein wegen Weihnachten.« Jeanne schlang einen Arm um Hannahs Taille. »Ich weiß ja nicht, ob du es gehört hast – dieses Wochenende findet hier eine wichtige Hochzeit statt. Eine unserer liebsten Gäste heiratet«, scherzte sie.
Hannah zog Jeanne in eine weitere Umarmung. »Wie soll ich dir für all das danken?«
Iris unterbrach ihre Unterhaltung. »Hast du einen bestimmten Plan, wer von den Familien Green und Armstrong wo unterkommen soll?«
»Habe ich.« Jeanne schob sich hinter den Tresen, um einen Blick in das Buch zu werfen, in dem alle Buchungen notiert waren.
»Ich bin übrigens Audrey«, stellte sich die junge Frau vor, die neben Hannah stand, und schenkte Iris und Jeanne ein unwiderstehliches Lächeln. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Meine Trauzeugin«, schob Hannah nach. »Und meine beste Freundin.«
Audrey grinste spöttisch. »Nett, dass du mich wenigstens ein bisschen vorstellst, wo du doch im Moment mit ganz anderen Dingen beschäftigt bist.«
»Bist du denn bereit für den großen Tag, Liebes?«, wandte Iris sich an Hannah.
»Absolut«, antwortete Audrey an ihrer Stelle. »Das wird die beste Hochzeit aller Zeiten. Wir haben jede Einzelheit mit militärischer Präzision durchgeplant.«
»Ich habe noch nie von einer Hochzeit gehört, die wirklich so abgelaufen ist, wie sie geplant war«, scherzte Iris und hob spöttisch eine Augenbraue.
»Eigentlich war ich der Meinung, dass eine kleine Hochzeit wie meine nicht zu kompliziert werden würde«, seufzte Hannah.
»Keine Hochzeit ist unkompliziert«, widersprach Audrey streng. »Das ist die erste Hochzeitsregel, die du dir merken musst.«
Iris nickte zur Bestätigung energisch.
»Und was ist die zweite Regel?«, wollte Jeanne sichtlich amüsiert wissen.
Die Trauzeugin und selbst ernannte Hochzeitsplanerin setzte gerade zu einer weiteren Erklärung an, als sie unvermittelt innehielt. Sie schien eine Art Signal aufgefangen zu haben, das außer ihr niemand gehört hatte. Es war das leise, beharrliche Klingeln eines Handys.
Hektisch begann Audrey, ihre Taschen zu durchwühlen, während sie zur Eingangstür zurückwich, durch die sie gerade erst hereingekommen waren. »Entschuldigt mich bitte einen Moment, ich muss da unbedingt rangehen.«
»Ihr Mann ist bei der Army, bei den Marines«, sagte Hannah, als die Tür hinter Audrey ins Schloss fiel. »Er hat über die Feiertage freibekommen.«
Iris schaute verwundert in die Runde. »Und sie ist ohne ihn gekommen?«
»Nein, er ist vermutlich inzwischen auf dem Weg hierher«, erklärte Hannah. »Ich hätte nie gedacht, dass er es zu unserer Hochzeit schafft. Wir hatten vor, ihn als Livestream aus Afghanistan zuzuschalten. Audrey hat ihn noch versprechen lassen, dass er bei jedem Tanz mit ihr facetimet.«
»Und jetzt erscheint er höchstpersönlich, wie romantisch«, hauchte Iris so ergriffen, dass man meinen könnte, es handele sich um ihren eigenen Mann.
Hannah strahlte zurück. Inmitten all der unvorhergesehenen Probleme und Aufregungen, die mit der Planung einer Hochzeit einhergingen, tat es gut zu sehen, wie andere Leute sich mit einem über gute Neuigkeiten freuten. Und dass Jared tatsächlich von der anderen Seite der Welt kommen konnte, gehörte eindeutig in die Kategorie gute Nachrichten.
Vielleicht sollte sie mehr Zeit damit verbringen, sich darüber zu freuen, wenn etwas klappte, anstatt darüber nachzugrübeln, ob die Blumen blau oder weiß sein sollten oder was immer sie in letzter Zeit so beschäftigt hatte. Wenn sie nicht aufpasste, wurde sie noch zu einem reinen Nervenbündel, bevor sie den Gang zum Traualtar überhaupt angetreten hatte.
»Der Kranz über der Tür ist einfach traumhaft«, lobte sie Jeanne, um die neuen Vorsätze sogleich umzusetzen. »Du hast noch nie einen schöneren gemacht.«
»Und dabei hast du im Laufe der Zeit sehr viele von meinen Kränzen gesehen.«
»Das habe ich wirklich.«
Hannah und ihre Familie waren unter den allerersten Gästen gewesen, die nach der Eröffnung des Evergreen Inn den Weg zu ihnen gefunden hatten. Damals war Hannah zwölf gewesen. In den darauffolgenden Jahren war es bei den Greens Tradition geworden, die Pension regelmäßig zu besuchen. Im Sommer zum Wandern, gelegentlich im Winter zum Skilaufen oder zwischendurch zu kurzen Wochenendtrips. Als dann die Hochzeit anstand, hatte Hannah ganz genau gewusst, wo sie stattfinden sollte.
»Ich bin einfach so froh, dass ihr uns noch kurzfristig einplanen konntet.«
Es war eine große Überraschung gewesen, als ihr Freund Trevor diesen Sommer um ihre Hand angehalten hatte, und eine noch größere, als er mit seiner üblichen unwiderstehlichen Art darauf bestanden hatte, noch vor dem neuen Jahr zu heiraten.
Die beiden waren seit ihrer Ausbildung zur Krankenschwester zusammen. Hannah hatte Trevor während einer ihrer ersten Schichten als Patienten kennengelernt. Er hatte ein besonderes Interesse an ihrem Leben gezeigt und sich immer mit ihr unterhalten, wenn sie ihre Runden drehte. Zuerst dachte sie, es läge daran, dass Trevor und sie im selben Alter waren, denn die anderen Schwestern und die meisten Patienten auf der Station waren deutlich älter.
Deshalb war sie überrascht gewesen, als Trevor, der unter Diabetes litt, sie am Tag seiner Entlassung nach ihrer Handynummer gefragt hatte, und noch überraschter, als er sie einen Tag später angerufen hatte.
Inzwischen war das sechs Jahre her. Sie hatte nicht wirklich die ganze Zeit über darauf gewartet, dass er ihr einen Antrag machte – dazu waren sie viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, erwachsen zu werden, sich Jobs zu suchen, Abenteuer zu erleben. Und wenn es eins gab, was Trevor liebte, dann war es, spontan zu sein und Abenteuer zu erleben.
Hannah konnte das verstehen. Er hatte seit seiner Kindheit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen gehabt. Deshalb war es nur natürlich, dass er jede Minute seines Lebens voll und ganz auskosten wollte. Und da er aus einer sehr wohlhabenden Familie stammte, konnte er sich das leisten.
Obwohl seine Sprunghaftigkeit und seine sonderbaren Ideen sie manchmal verrückt machten, hatte sie die Kameradschaft zwischen ihnen beiden und das aufregende Gefühl lieben gelernt, dass man nie wirklich wusste, was als Nächstes kam.
Genauso hatte er auch vor ein paar Monaten um ihre Hand angehalten. Auf einer Reise zur Hochzeit eines Freundes in Portland. Er hatte an der Uferpromenade im Schaufenster eines Juweliers einen Ring gesehen, der ihm gefiel, ihn gekauft und sie noch am selben Tag gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. Dass sie dabei gerade auf einem Hummerbrötchen herumgekaut hatte, mochte nach normalen Maßstäben nicht gerade sehr romantisch sein, was ihm aber egal gewesen war.
Das ganze Erlebnis war eine einzige romantische Achterbahnfahrt gewesen.
»Als ich euch wegen des Weihnachtstermins angerufen habe, war ich mir sicher, dass ihr ausgebucht sein würdet«, kam Hannah auf ihr Thema zurück. »Zum Glück habe ich mich geirrt. Ich konnte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, irgendwo anders zu heiraten.«
»Und ich freue mich, dass wir Platz für euch hatten«, sagte Jeanne, doch etwas an ihrem Tonfall und Lächeln kam Hannah merkwürdig vor. Noch während sie sich fragte, ob sie etwas Falsches gesagt hatte, öffnete sich die Eingangstür.
Irgendwie hatte sie damit gerechnet, Audrey zu sehen, wie sie fest mit den Füßen auf den Boden stampfte, um sich aufzuwärmen. Stattdessen stand dort ein hochgewachsener Mann etwa in ihrem Alter und schüttelte sich den Schnee aus den blonden Haaren. Er trug eine schwarz-rot karierte Jacke und sah aus, als wäre er einem Werbespot für luxuriöse Outdoor-Bekleidung entsprungen. Aber er kam ihr auch seltsam bekannt vor.
»Luke!«, rief Iris. »Habe ich dir nicht gesagt, du sollst einen Schal tragen?«
Lachend schüttelte der junge Mann den Kopf. »Ich werde es überleben, Granny.«
»Luke?«, fragte Hannah verblüfft. Ein Wirrwarr aus Erinnerungen an einen schlaksigen Jungen, mit dem sie als Jugendliche Stunden verbracht hatte, stürmten auf sie ein. Sie waren durch den sonnendurchfluteten Wald gewandert oder durch den Schnee gestapft, um nach Feuerholz und Stechpalmenzweigen Ausschau zu halten. Diese Erinnerungen kollidierten nun mit dem Bild des erwachsenen Mannes direkt vor ihr.
»Du erinnerst dich sicher an Luke«, sagte Iris im Tonfall einer Großmutter, der nie in den Sinn kommen würde, dass nicht jeder auf der Welt ihren Enkel so unvergesslich fand wie sie selbst.
Hannah musterte den jungen Mann. Einige Jahre waren seit ihrer letzten Begegnung vergangen, und dennoch war die Ähnlichkeit so groß, dass sie den Teenager von einst in dem Mann von heute wiedererkannte. Besonders wenn er lächelte, wie er es jetzt tat, und eine Augenbraue dabei spöttisch hochzog.
»Kennen wir uns?«, fragte er in amüsiertem und unverkennbar flirtendem Tonfall.
»Du erinnerst dich bestimmt noch an Hannah, oder?«, warf Iris ein. »An die kleine Hannah, mit der du immer gespielt hast.«
Diesmal war es an Luke, zweimal hinzuschauen. Sein unverbindliches Lächeln wurde schnell von einem Ausdruck dämmernder Erkenntnis abgelöst.
»Moment mal«, sagte er. »Hannah … Green?«
Hannah nickte und fand sich plötzlich in den Pranken eines gigantischen Bären wieder, der sie von den Füßen hob und sie dann, nach einer kurzen Drehung, wieder absetzte.
»Hannah Green!«, rief er. »Was zum Teufel? Und ich dachte, ich würde bei diesem Besuch bloß meine Großmutter wiedersehen. Niemand hat mir gesagt, dass du in Vermont sein würdest.«
»Und du wirst Weihnachten hier feiern?«
