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Südengland, 1866. Die junge Nell, von Muttermalen gezeichnet, wird von den anderen Dorfbewohnern gemieden - bis "Jasper Jupiters Zirkus der Wunder" im Ort kampiert. Nells skrupelloser Vater wittert ein Geschäft und verkauft sie als "Leopardenmädchen" an Jasper. Doch was als traumatische Erfahrung beginnt, scheint sich als Glücksfall zu erweisen: Erstmals findet Nell eine echte Heimat. Sie schließt Freundschaften, verliebt sich in den sensiblen Toby - und wird, als "achtes Weltwunder" gefeiert, zum Star des Zirkus. Doch mit dem Ruhm stellen sich neue Probleme ein.
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Seitenzahl: 522
Veröffentlichungsjahr: 2022
Südengland, 1866. Die junge Nell, von Muttermalen gezeichnet, wird von den anderen Dorfbewohnern gemieden – bis »Jasper Jupiters Zirkus der Wunder« im Ort kampiert. Nells skrupelloser Vater wittert ein Geschäft und verkauft sie als »Leopardenmädchen« an Jasper. Doch was als traumatische Erfahrung beginnt, scheint sich als Glücksfall zu erweisen: Erstmals findet Nell eine echte Heimat. Sie schließt Freundschaften, verliebt sich in den sensiblen Toby – und wird, als »achtes Weltwunder« gefeiert, zum Star des Zirkus. Doch mit dem Ruhm stellen sich neue Probleme ein.
Elizabeth Macneal stammt aus Schottland und lebt in London. Sie ist Autorin und Töpferin. THE DOLL FACTORY ist ihr erster Roman und sprang direkt nach Erscheinen auf Platz 1 der britischen Bestsellerliste. Die Übersetzungsrechte wurden in über 30 Länder verkauft.
EICHBORN
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Zitat Mary Shelley, Frankenstein. Übersetzt von Ursula Grawe und
Christian Grawe. Reclam Verlag 1995.
Mit freundlicher Genehmigung des Reclam Verlags.
Zitat Dorothea Lange aus Susan Sontag, Über Fotografie. Übersetzt von Mark W. Rien und Gertrud Baruch. © 2002 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München. Mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags.
Zitate William Shakespeare, Der Sturm. Übersetzt von Frank Günther.
Mit freundlicher Genehmigung des Hartmann & Stauffacher Verlags, Köln
Zitat John Keats, Hyperion. Ein Fragment. Übersetzt von Mirko Bonné.
Aus: Werke und Briefe. Reclam Verlag 1995. Mit freundlicher Genehmigung des Reclam Verlags.
Eichborn Verlag
Titel der englischen Originalausgabe:
»Circus of Wonders«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2021 by Elizabeth Macneal
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Lektorat: Eva Wagner, Dorfen
Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung eines Designs Katie Tooke, Picador Art DepartmentIllustrationen: © Shutterstock.com; Typografie © Novia
Einband-/Umschlagmotiv: Author photo © Mat Smith | Cover design: Katie Tooke, Picador Art Department | Illustration elements © Shutterstock
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7517-2894-2
www.eichborn.de
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Für Mum und Dad, mit all meiner Liebe.
Wer in denselben Fluss steigt,
dem fließt anderes
und wieder anderes Wasser zu.
Heraklit, Fragmente
Wir sind unvollkommene Geschöpfe, nur halb fertig.
Mary Shelley, Frankenstein, 1823
Es beginnt mit einer an eine Eiche genagelten Ankündigung.
»Jasper Jupiters Zirkus der Wunder!«, sagt jemand.
»Was ist das?«
»Die größte Show der Welt!«
Alle drängeln nach vorn, schnalzen mit der Zunge und rufen. Eine Frau kreischt: »Vorsicht mit den Ellenbogen!«
Durch eine Lücke zwischen den Schultern erkennt Nell einen Teil des Flugblatts. Die Farbe scheint zu singen – leuchtendes Rot mit Goldumrandung. Das Bild einer bärtigen Frau in einem roten Wams, an ihren Stiefeln goldene Flügel. »Stella, der Singvogel, behaart wie ein Bär!« Nell beugt sich vor und versucht, die komplette Anzeige zu sehen und die geschnörkelte Schrift zu lesen. »Minnie, das berühmte Ungetüm« – eine enorm große graue Kreatur mit langer Schnauze – »Brunette, die walisische Riesin. Das kleinste Kuriositätenkabinett der Welt« – die Skizze eines weißen Krokodils im Einmachglas, eine abgestreifte Schlangenhaut.
Ganz oben auf dem Blatt und dreimal so groß wie die anderen Abbildungen prangt das Gesicht eines Mannes. Er hat sich den Schnurrbart zu zwei akkuraten Halbmonden aufgezwirbelt und schwingt einen Stock, als wollte er Blitze schleudern. »Jasper Jupiter«, liest Nell, »Impresario, präsentiert seine schillernde Truppe lebender Kuriositäten … Was ist eine lebende Kuriosität?«, fragt sie ihren Bruder.
Er gibt keine Antwort.
Während sie dasteht, vergisst sie das endlose Schneiden und Zusammenbinden von Veilchen und Narzissen, die vielen Bienenstiche, die ihre Hände anschwellen lassen, die Frühlingssonne, die ihr die Haut verbrennt, bis sie aussieht wie blanchiert. In ihr glüht das Staunen. Der Zirkus kommt, hier in ihr kleines Dorf. Er wird sich auf die salzgebleichten Wiesen setzen, den Himmel mit bunter Farbe besprenkeln und Messerwerfer, exotische Tiere und Mädchen ausspucken, die durch die Straßen stolzieren werden, als gehörten sie ihnen. Nell drückt sich an ihren Bruder und lauscht auf die niederprasselnden Fragen, das Japsen und Rufen.
»Wie haben sie die Pudel zum Tanzen gebracht?«
»Ein Affe, verkleidet als kleiner Galan!«
»Hat die Frau wirklich einen Bart?«
»Das sind bestimmt Mäusefelle. Mit Leim angeklebte Mäusefelle.«
Nell starrt auf das Flugblatt – die gekräuselten Ränder, die strotzenden Farben, die schimmernde Schrift – und versucht, sich alles einzuprägen. Am liebsten würde sie es an sich nehmen. Am liebsten würde sie sich, sobald es dunkel ist, zurückschleichen, die Nägel herausziehen – ganz vorsichtig, damit das Papier nicht reißt – und es betrachten, wann immer sie möchte. Sie möchte diese eigenartigen Leute so gründlich studieren, wie sie die Holzschnitte in der Bibel studiert.
In den umliegenden Städten haben die Zirkusshows schon öfter Halt gemacht, aber noch nie in ihrem Dorf. Einmal war ihr Vater sogar bei Sanger, der sein Zelt in Hastings aufgeschlagen hatte. Hinterher erzählte er Geschichten von Jungs mit geschminkten Lippen und von Männern, die im Handstand ritten und dabei mit Pistolen auf Bierkrüge schossen. Wunder, die ihr nicht glauben würdet. Und die Dirnen erst – ja, die machen es einem so billig wie die Mädchen in Brighton. Auf den Feldern kursierten schadenfrohe Gerüchte von Zirkuskatastrophen. Dompteure wurden von Löwen gefressen, auf Zehenspitzen balancierende Tänzerinnen stürzten von hohen Drahtseilen in den Tod, Feuersbrünste vernichteten ganze Zelte, rösteten die Zuschauer und kochten die Wale im Becken.
Das Geschrei verebbt, und jemand ruft: »Gehörst du auch dazu?«
Es ist Lenny, der Kistenbauer. Die roten Haare fallen ihm in die Augen, und er grinst, als erwarte er, dass alle mit einstimmen. Die anderen verstummen, und ermutigt spricht er noch lauter weiter: »Zeig uns einen Handstand! Bevor die anderen Wunder hier ankommen.«
Weil ihr Bruder zusammenzuckt, glaubt Nell zunächst, Lenny habe ihn gemeint. Aber das kann nicht sein. Nichts an Charlie wäre ungewöhnlich – sie ist diejenige, die er ins Visier genommen hat. Sein Blick gleitet über ihre Hände, ihre Wangen.
Schweigen breitet sich aus, nur hier und da unterbrochen durch Geflüster.
»Was hat er gesagt?«
»Ich habe es nicht verstanden!«
Ein Schieben und Zappeln.
Nell spürt das vertraute Brennen fremder Blicke. Wenn sie den Kopf hebt, zucken die Leute zusammen, starren angestrengt auf ihre Fingernägel oder auf einen Stein am Boden. Sie wollen nur nett sein, das weiß sie, und ihr die Demütigung ersparen. Alte Erinnerungen kommen hoch. Vor zwei Jahren waren die Veilchen nach einem Sturm mit Salz überzogen und wurden welk, und ihr Vater zeigte mit einem zitternden Finger auf sie: Sie bringt uns Unglück, das habe ich schon am Tag ihrer Geburt gesagt. Mary, die Liebste ihres Bruders, achtet stets darauf, nicht aus Versehen ihre Hand zu berühren. Ist es ansteckend? Das ungenierte Starren der Durchreisenden, die Quacksalber, die ihr Pillen, Tinkturen und Puder andrehen wollen. Dieses Leben, in dem sie unübersehbar ist und zugleich ständig übersehen wird.
»Was hast du da gesagt, Lenny?«, fragt ihr Bruder und baut sich auf wie ein Terrier vor der Ratte.
»Lass ihn«, flüstert Nell. »Bitte.«
Sie ist kein Kind mehr, kein Stück Fleisch, um das sich die Hunde balgen. Dies ist nicht deren Kampf, sondern ihrer. Sie spürt es wie einen Hieb in den Bauch und schlägt sich die Hände vors Gesicht, als wäre sie nackt.
Die Menge weicht zurück, Charlie stürzt sich auf Lenny. Sein Arm geht nieder wie der Hammer einer Maschine, und Lenny ist darunter eingeklemmt. Irgendjemand versucht, Charlie wegzuziehen, aber er ist ein Monster, er zappelt, strampelt und schlägt um sich.
»Bitte«, fleht sie ihn an und greift nach seinem Hemd. »Hör auf, Charlie.«
Sie blickt auf. Um sie herum ist plötzlich viel Platz. Ganz allein steht sie da und nestelt verlegen am Saum ihrer Haube. Im Staub ein Tropfen Blut, er funkelt wie ein Edelstein. Unter den Achseln ihres Kleides haben sich kreisrunde Schweißflecken gebildet. Über ihrer Schulter schwebt die Hand des Pfarrers, als wollte er sie tätscheln.
Die Bienenstiche pochen, der lila Pflanzensaft an ihren Händen sieht aus wie ein Bluterguss.
Nell bahnt sich einen Weg durch die Menge. Hinter sich hört sie das Grunzen der Kämpfer, das Reißen von Stoff. Sie läuft auf die Klippen zu. Sie sehnt sich nach einem Bad im Meer, nach dem unwiderstehlichen Sog der Strömung, dem dumpfen Schmerz, wenn die Glieder dagegen ankämpfen. Sie wird nicht rennen, das sagt sie sich, aber dann hämmern ihre Schritte doch auf den Boden, und der Atem brennt heiß in ihrer Kehle.
Toby sollte vor Einbruch der Dämmerung das Heckenlabyrinth durchquert haben und längst wieder im Lager sein. Aber er kann einfach nicht diesem Gefühl widerstehen, wenn er mit zwischen die Lippen geklemmten Nägeln die Flugblätter anschlägt und die Leute ihn dabei beobachten. Er stellt sich so umständlich an, als gehörte es zur Show. Sein Bruder hätte ihn dafür ausgelacht, wie er theatralisch den Hammer schwingt und dann beiseitetritt, als öffnete er einen Vorhang. Ta-daaa! Aber in den Augen der Dorfbewohner scheint er eine wichtige Persönlichkeit zu sein – hier ist er wer, und so nimmt er die Schultern zurück und rückt die selbst geflochtene Löwenzahnkrone auf dem Pferdekopf zurecht.
Sobald er wieder im Lager ist, muss er in den Hintergrund treten. Er ist nur der Erfüllungsgehilfe der anderen, und seine rohe Kraft seine einzige Möglichkeit, die Schuld abzutragen, in der er bei seinem Bruder steht. Er schleppt Heuballen, richtet Stützbalken auf und ölt Klinken. Er ist groß, aber nicht groß genug. Er ist breit, aber nicht dick genug. Seine Kraft ist nützlich, aber sie ist nichts im Vergleich zur Kraft jener, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen – beispielsweise Violante, der spanische Herkules, der mit dem Haarschopf eine hundertachtzig Kilo schwere Eisenkanone halten kann.
Mit schweißnassem Kragen steht er vor dem Gasthof. Alle beäugen die Flugblätter, die aus der Satteltasche ragen. Der Tag ist zu klar und zu warm, um wirklich zu sein. Er hängt reglos und still in der Schwebe wie eine makellose Glaskugel, die jeden Moment zerbrechen kann.
Toby sieht eine blonde junge Frau in Richtung Meer laufen, hinter ihr steigt der Staub auf wie Rauch. Ein sommersprossiger junger Mann kommt um die Ecke des Gasthofs gehumpelt, an Mund und Nase klebt Blut. Vor lauter Aufregung haben sie eine Schlägerei angefangen! Das wird er heute Abend seinem Bruder Jasper erzählen. Vielleicht kann die Nachricht von der ungestümen Vorfreude etwas zur Besänftigung von Jaspers schlechter Laune beitragen, die sich garantiert einstellen wird, sobald er einen Fuß in dieses … nun ja, Dorf wäre wohl zu viel gesagt. Holzhütten, die sich krümmen wie alte Witwen, spindeldürre Hunde. Er muss an Sewastopol denken, an die verbrannten Gerippe der Behausungen, und auf einmal nimmt er einen unangenehm süßlichen Blütenduft wahr. Seine Finger beginnen zu zittern, die Zügel klimpern. Das Möwengeschrei klingt wie Mörsergranaten. Es stinkt nach ungewaschenen Leibern, nach getrocknetem Dung. Toby reibt sich die Wange.
Er schwingt sich auf sein Pferd – Grimaldi, benannt nach dem Clown –, gibt ihm die Sporen und reitet zum derzeitigen Standort zurück, einen einstündigen Ritt entfernt. Heute Abend werden sie die Wagen packen, die Zebras anspannen und sich auf die langsame Prozession in dieses Dorf machen. Er hat ein Feld gefunden, auf dem sie das Zelt errichten dürfen, und beim Krämer Kohlköpfe und altes Gemüse für die Tiere bestellt.
Kurz hinter der Ortschaft beschließt Toby, einen Umweg über den Küstenpfad zu nehmen, wo er die junge Frau gesehen hat. Der Weg zu den Klippen führt an kleinen, ummauerten, von Veilchen bewachsenen Äckern vorbei, und da merkt er, dass es sich bei dem Dorf um eine Blumenfarm handelt. Auf einem Ast am Wegesrand hat sich ein Steinschmätzer niedergelassen, und Toby hört den ersten Kuckucksruf des Frühlings.
Das Meer ist glasklar, die Felsen sind spitz wie Bajonette. Am Horizont verschwimmen Meer und Himmel zu einem hellblauen Streifen. Toby hält inne und formt mit den Fingern ein schiefes Rechteck, als wollte er die Szene mit seinem fotografischen Apparat festhalten. Doch dann lässt er die Hände sinken. Seit dem Krimkrieg haben solche unberührten Ansichten ihren Reiz verloren. Stattdessen holt er eine Zigarre und eine Schachtel Streichhölzer heraus.
In dem Moment, als er eins anzündet und den frischen Duft nach Kampfer und Schwefel einatmet, entdeckt er die junge Frau. Sie steht auf einer Klippe, als wartete sie auf ihren Bühnenauftritt. Der Abstand zum Wasser darunter beträgt mehrere Meter. »Nein!«, schreit Toby, als sie sich mit gestreckten Zehen und flammengleich flatternden Haaren hinunterstürzt. Das Meer verschluckt sie mit einem Gurgeln. Ganz kurz taucht sie noch einmal auf und reißt die Arme in die Höhe, sie fuchtelt, dann verliert er sie aus den Augen. Die Wellen donnern.
Sie ist dabei zu ertrinken, davon ist er überzeugt. Sie war schon viel zu lange unter Wasser. Er springt aus dem Sattel und rennt los. Schon geht es den steilen Felsenpfad hinunter, unter seinen Sohlen Geröll, er knickt um, fängt sich wieder. Grimaldi trottet hinterher. Von der Frau keine Spur. Der Schmerz ist wie eine Messerklinge. Da taucht ihre Hand auf wie ein Gewächs aus dem Meer. Toby zerrt an seinem Hemd und wirft sich ins flache Wasser. Es ist kalt, aber das kümmert ihn nicht.
Und da taucht sie wieder auf. Ihre Arme durchpflügen die Wellen, sie schmiegt sich in die Strömung und bewegt sich so mühelos wie eine Robbe. Sie schlägt mit den Beinen, taucht kurz ab und durchbricht erneut die Oberfläche, die Haare kleben ihr im Gesicht. Irgendwie fühlt sich der Moment intim an, es ist, als hätte Toby hier nichts zu suchen. Aber er ist von der ruhigen Ekstase ihrer Bewegungen gefesselt. Sie gleitet durch das Wasser wie ein heißes Messer durch Butter, krault zu dem Felsen zurück, von dem sie gesprungen ist, wartet auf die nächste Welle und klammert sich an den Stein. Das Kleid klebt ihr eng am Leib. Fast erwartet er, dass statt ihrer Beine ein Schuppenschwanz zum Vorschein kommt.
Sie bemerkt ihn erst, als sie wieder oben auf dem Felsen steht, und plötzlich sieht er sich durch ihre Augen, in über die Schulter gerutschtem Kalbslederwams und triefnasser Hose. Sein Hemd steht offen und entblößt seinen weichen weißen Bauch. Ein tumber Bär von einem Mann. Er errötet, und die Scham kriecht ihm bis über den Hals.
»Ich … ich dachte, du ertrinkst«, sagt er.
»Nein.«
Sie stützt das Kinn in die Hände und mustert ihn, ihre Miene verfinstert sich. Doch er kann sehen, dass sich unter ihrem Ärger noch etwas anderes verbirgt: eine Sehnsucht, als wäre dieser Ort zu klein für sie, und als träumte sie von mehr. Er glaubt, in seiner Brust ein ähnliches Ziehen zu spüren.
Sie wendet sich ab und blickt zum Horizont. Da ist etwas, das er nicht in Worte fassen kann. Anscheinend fällt der Schatten bei ihr auf die falsche Wange. Nein, er muss sich irren. Toby sieht genauer hin. Ein elektrisierendes Knistern ergreift ihn. Er geht einen Schritt vor, die Wellen schwappen gegen seine Knie.
Ihr Gesicht sieht aus, als hätte jemand einen Pinsel genommen, vom Wangenknochen bis ans Kinn gezogen und anschließend viele braune Farbkleckse auf Gesicht und Hals getupft. Er sollte den Blick abwenden, aber er kann nicht. Er kann nicht fassen, dass hier in diesem verschlafenen Dorf ein so außergewöhnliches Wesen lebt. Ausgerechnet hier, zwischen Brennnesseln, Dreck und verfallenen Hütten.
»Sieh ruhig genau hin«, sagt sie. Ihr Blick ist herausfordernd, als warte sie nur darauf, dass er vor ihr zurückweicht.
Ihre Worte durchbohren ihn. Er wird knallrot. »Ich …«, stammelt er. »Ich … ich wollte nicht …«
Er verstummt. Die Wellen spucken ihn an und werfen sich dann krachend auf die Felsen. Das Meer schiebt sich zwischen sie, als wollte es die Frau beschützen. Er sollte aufbrechen. Die Sonne geht schon unter, er wird eine ganze Stunde im Dunkeln reiten müssen und kennt sich in der Gegend nicht aus. Er tastet nach dem Messer an seinem Oberschenkel, das nur darauf wartet, sich in jeden Räuber zu versenken, der sich möglicherweise vom Baum schwingt.
Von den Klippen eine laute Männerstimme: »Nelliiiie!, Nelliiiiie!«
Sie duckt sich hinter den Felsen und ist außer Sicht.
Vielleicht ihr Ehemann? Sie wirkt alt genug, um verheiratet zu sein. Toby fragt sich, ob die beiden gestritten haben, ob sie sich deshalb hier unten versteckt.
»Tja dann, auf Wiedersehen«, sagt er, bekommt aber keine Antwort.
Er watet ans Ufer. In den Felsenbecken wiegen sich Seeanemonen. Toby steigt in den Sattel, und auf dem steilen Weg bergauf begegnet ihm der Mann, der ihren Namen gerufen hat. Er lüpft seine Mütze.
»War da unten ein Mädchen?«, fragt er.
Toby hält an, zu lügen fällt ihm leicht. »Nein.«
Sobald er oben angekommen ist, wirft er einen Blick zurück, aber sie ist verschwunden. Vielleicht ist sie ins Wasser gestiegen, oder sie kauert noch immer hinter dem Felsen. Vor dem kleinen Felsvorsprung steigt Gischt auf. Toby schüttelt den Kopf und treibt sein Pferd zum Galopp an.
Er jagt über den Weg, als würde er verfolgt. Er jagt, als wollte er sich selbst und seine Gedanken überholen, oder als wollte er den Abstand zu ihr vergrößern. Er verschluckt sich an winzigen Fliegen. Der Sattel knarzt. Toby will die Frau dort zurücklassen wie ein Junge, der einen Stein angehoben hat und schnell wieder hinlegt, ohne die Kellerassel darunter zu töten. Er will sie vergessen. Aber ihr Bild bleibt, als wäre es in Glas geätzt.
Sieh ruhig genau hin.
Er blinzelt, reitet schneller. Er vermisst seinen Bruder, fühlt einen unvermittelten Schmerz, das Bedürfnis, schnell zu ihm zurückzukehren und sich wieder bei ihm zu verkriechen, sich seines Schweigens und Schutzes zu vergewissern.
Scutari, Scutari, Scutari.
Die kalten Nächte, das schrille Pfeifen der Kugeln. Soldaten, die unter zerfetzten Planen zitterten.
Das ist alles Vergangenheit, sagt er sich. Außer Jasper weiß niemand, was er getan hat. Niemand. Doch sein Herz rast, und er drückt sich an den Pferdehals aus Angst, er könnte herunterfallen. Eine Möwe beäugt ihn und kreischt, wie um zu sagen: Ich weiß … Ich weiß … Ich weiß …
Er ist ein Feigling und ein Lügner. Seinetwegen ist ein Mensch gestorben, und tausend weitere hätten umkommen können, nur durch seine Hand.
Spatzen flattern aus tief hängenden Ästen. Eine Kutsche kommt ihm entgegen. Fast gerät ein Hase unter Grimaldis Hufe. Toby, sonst immer sehr vorsichtig, ist noch nie im Leben so schnell geritten.
Er wird seinem Bruder von der jungen Frau erzählen, und Jasper wird entzückt das Gesicht verziehen. Es wird seine Schuld abtragen, wenigstens ein kleines bisschen. Er wird zu Jasper gehen, sobald er wieder im Lager ist. Denn wenn er es nicht tut, wird sein Bruder es von sich aus erahnen. Manchmal kommt es Toby so vor, als bewahre Jasper seinen Verstand in einem Glas auf. Für ihn ist Toby ein Buch, das er nach Belieben lesen kann, eine simple Maschine, deren Teile sich leicht zusammensetzen lassen. Toby duckt sich unter einem niedrigen Ast durch, seine Oberschenkel brennen. In seiner Erinnerung sieht er, wie Jasper den toten Soldaten silberne Ringe von den Fingern zieht und einen Beutel voller russischer Kruzifixe an sich nimmt. Ich nehm mir, was ich kriegen kann! Das wird unser Zirkus!
Was wird geschehen, wenn er Jasper von dem Mädchen, von Nellie erzählt?
Sicher wüssten auch andere ihren Wert zu schätzen. Sie könnte viel mehr verdienen als dort in dem Dorf.
Doch als vor ihm ein aufgeschreckter Fasan aus dem Weg huscht, hat Toby plötzlich eine Vision von sich selbst als Bluthund, die Augen weit aufgerissen und im Maul einen toten Vogel für seinen Bruder.
»Nelliiiie, Nelliiiie!«
Ihr Bruder ruft ihren Namen, aber Nell antwortet nicht. Sie beobachtet, wie der Mann mit über die Pferdemähne gebeugtem Kopf am Rand der Klippen entlanggaloppiert. Sie verspürt den widersinnigen Wunsch, ihn zurückzurufen, damit er sie noch einmal so ansieht. Wie das Wasser gegen seine Knie schwappte, am Ufer das nervöse Pferd mit der Satteltasche voller Flugblätter … Ich dachte, du ertrinkst. Die Erinnerung ist so klar, dass sie sich, als sie zum Strand hinübersieht und dort niemand ist, ein bisschen wundert. Aber dann kneift sie sich in die Oberschenkel und denkt daran, wie er sie beim Herumtollen im Wasser beobachtet hat. Wahrscheinlich lacht er über sie, jetzt in dieser Sekunde, genau wie Lenny.
Zeig uns einen Handstand! Bevor die anderen Wunder hier ankommen.
Nur sie ist hier, sie und tausend Seepocken und ein Felsenbecken voll wuselnder Krabben, durchscheinend wie Fingernägel. Die Rufe ihres Bruders verhallen. Das Salzwasser kitzelt ihre Muttermale, und Nell hebt ihre durchnässten Röcke, betrachtet sie und verspürt den Impuls, sie mit den Nägeln zu bearbeiten. Einige sind klein wie Sommersprossen, andere so groß, dass sie sich kaum mit den Fingern umspannen lassen. Sie bedecken ihren Oberkörper, den Rücken und die Arme. Ihr Vater sagt Flecken oder Makel dazu, aber so hat sie sie nie betrachtet. Sie stellt sie sich als Felsen, Kiesel und winzige Sandkörner vor, als eine ganze Küstenlandschaft, die ihren Körper schmückt.
Sie erinnert sich an den Jahrmarkt in der Nachbarstadt, den sie als kleines Kind besuchte – an den mit Blumen beladenen Karren, das Klappern der großen Metallreifen und wie sie und Charlie bei jedem Schlagloch juchzten. Ihr Bruder war fünf, und sie muss fast schon vier gewesen sein. Als sie auf den Marktplatz rollten, nahm sie plötzlich das Gemurmel ringsum wahr, die starren Blicke, das Zurückweichen. Stadtbewohner, die sie nie gesehen hatten und die ihr fremd waren. Das fragende Gezischel und wie ihr Vater beiseitegezogen wurde. Was stimmt nicht mit ihr? Es ist wirklich zu tragisch – vielleicht musste sie sterben, und niemand hatte ihr etwas gesagt? Mit hoher, panischer Piepsstimme wandte sie sich an ihren Bruder, doch er schüttelte den Kopf. »Es liegt daran«, sagte er und tippte auf ihre Hände. »Nur daran. Aber ich sehe sie kaum.« Sie verstand noch immer nicht. Für sie waren die Muttermale kein Grund zur Traurigkeit, kein Problem, das gelöst werden musste. Eine kleine Menschenmenge versammelte sich und zeigte auf sie. Jemand streckte die Finger aus und kniff ihr in die Wange. Die Hand ihres Bruders um ihre, sein schneller Atem. »Hör nicht auf sie«, flüsterte er.
Aber danach fiel es ihr immer öfter auf. Sie bildete sich ein, dass ihre Freundinnen sie mitleidig oder verstört ansahen, und irgendwann begann sie, sich von den anderen Kindern zurückzuziehen und lieber allein zu sein.
Als sie etwas älter waren und der Pfarrer ihnen das Lesen beigebracht hatte, entdeckten sie auf einem Regal im Gasthof eine zerfledderte Ausgabe von Märchen, Fabeln und andere Geschichten. Sie und Charlie lasen das Buch von Anfang bis Ende. Die Märchen von den Gebrüdern Grimm und Hans Christian Andersen. Sie lasen von Hans, dem Igel, der halb Junge und halb Tier war, von einem Mädchen ohne Hände und von einem Biest mit Elefantenrüssel und einem glitzernden, von Schuppen bedeckten Körper. Das Ende der Geschichten ließ Nell jedes Mal verstummen, und sie zog sich den Rock über die Finger. Die Liebe verwandelte die Figuren – Hans warf die Igelstacheln ab wie einen Anzug, dem Mädchen wuchsen Hände, das Biest wurde zu einem Mann –, und Nell saß über die Holzschnitte gebeugt und studierte aufmerksam die glatten, geheilten Leiber. Würden die Muttermale verblassen, wenn jemand sich in sie verliebte? Und jedes Mal schmiegte Charlie sich enger an sie und hob die Hände, wie um sie mit einem Zauberspruch davon zu befreien, und sie spürte eine Traurigkeit, die sie weder verstehen noch erklären konnte.
Sie lässt sich ins Wasser gleiten. Die Kälte ist so beißend, dass es auf der Haut brennt, aber wenigstens lindert sie den Juckreiz. Nell keucht und bewegt Arme und Beine schneller. Sie schwimmt hinter die sich brechenden Wellen, wo es tief ist und wo unter der Oberfläche gefährliche Strömungen lauern. Der Trick besteht darin, hindurchzuschwimmen und niemals zu kämpfen. Aber wann immer sie den Sog spürt, genießt sie den Tanz sehr. Sie dreht sich und lässt sich abwärtsziehen, während kleine Kieselsteine sie umwirbeln. Der Horizont schimmert. Diese vertraute Sehnsucht danach, sich auslöschen zu lassen. Als sie kleiner war, wollte sie den ganzen Tag lang schwimmen, so dass ihre Finger und Zehen oft so verschrumpelt waren wie alte Äpfel. Bis heute erinnert sie der kalte Sog des Meeres an die kindischen Geschichten, die sie sich damals selbst erzählte. Vielleicht würde sie in ein Unterwasserkönigreich mit Palästen aus Muscheln und winzigen Perlen hinabgezogen, an einen geheimen Ort, den nur sie und Charlie erreichen konnten. Wie damals hat sie die Szene deutlich vor Augen: Teller voller Makrelen, die nur darauf warten, gegessen zu werden, glockenhelles Lachen, eine sanfte Berührung an ihrem Arm – sie verschluckt sich am Meerwasser und muss husten. Als sie sich umsieht, merkt sie, dass sie viel weiter hinausgeschwommen ist als gedacht. Die Klippen sind so klein wie Weizengarben.
»Nelliiie! Nelliiiie!«
In einer Senke zwischen zwei Wellen erkennt sie ihren Bruder, der winkend auf den Klippen steht. Seine Angst ist ansteckend. Die Kälte kribbelt auf der Haut. Auf einmal fühlt sie sich müde, ausgelaugt. Ihre Arme schmerzen, das Kleid ist vollgesogen und zieht sie nach unten, ihre Handgelenke sind steif und verdreht wie Hühnerknochen. Auf einmal der schreckliche Gedanke, sie könnte Charlie nie wiedersehen. Sie stellt sich vor, wie ihr aufgeschwemmter Körper in einer Woche mit von den Fischen leergezupften Augenhöhlen an Land gespült wird und wie ihr Bruder um sie weint. Sie strampelt mit den Beinen, rudert mit zu Paddeln geformten Händen gegen die Strömung an. Das Meer saugt an ihr. Jeder Schwimmzug ist ein kleiner Sieg. Der Strand kommt näher, sie stößt mit dem Knöchel gegen einen Felsen, fühlt das Blut in die Wunde schießen. Der Fels ist zum Greifen nah, die Wellen machen ein Schlürfgeräusch, die Flut wälzt sie über die Kiesel.
»Was tust du da?«, schimpft Charlie und packt sie beim Arm. Seine Hose ist nass bis an die Knie. »Du hast mir Angst gemacht.«
Sie dreht sich weg, damit er nicht merkt, wie atemlos sie ist, und auch, um ihre Freude darüber zu verbergen, dass er sich Sorgen um sie gemacht hat.
»Das ist nicht lustig«, sagt er und reibt sich die wunden Handgelenke. »Das ist überhaupt nicht lustig.«
Sie lässt sich wieder ins Wasser sinken, taucht nach seinem Knöchel und knurrt wie ein Monster. »Ich werde dich fressen!«
»Lass das«, sagt er und schüttelt sie ab.
Aber sie kann sehen, wie ein Grinsen seine Mundwinkel verzieht, und dann muss er doch lachen. Fast kann sie die bösen Worte von Lenny und die Blicke der anderen vergessen. Sie vergisst sogar, dass Charlie bald Vater und verheiratet sein wird und dass sie wahrscheinlich niemand will. In diesem Moment gibt es nur sie und ihren Bruder. Sie tollen durchs Wasser und sammeln Steine auf. Die Kiesel passen perfekt in ihre Hand, es ist, als wären dieser Strand, dieses Dorf und dieses Leben wie für sie gemacht. Charlie holt ihre Schuhe, während sie vor Kälte zitternd in der Abenddämmerung steht.
»Wir könnten einen Tintenfisch fangen«, schlägt sie vor.
Hinter einem der Felsen haben sie ein Netz und eine alte, rostige Laterne versteckt. Charlie holt sie heraus und zündet das Petroleum an.
»Ich will da gar nicht hin«, sagt er so leise, dass sie ihn fast nicht versteht.
»Warum nicht?«
»Ich habe nachgedacht«, sagt er, »und ich … es gefällt mir einfach nicht.«
Sie ist selbst überrascht über ihre Erleichterung. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter. »Mir auch nicht.«
Sie beobachten eine Weile das Meer, die Sonne geht unter und scheint in den Wellen gekocht zu werden.
»Da!«, ruft sie schließlich. Im flachen Wasser zuckt der Schatten eines Tintenfischs. Charlie fischt ihn mit dem Netz heraus. Das Tier zappelt, die Tentakel verheddern sich in den Schnüren.
Nell packt den glatten Körper, und er ist so weich wie Innereien. So vollendet und so hilflos. Sie muss an die versteinerten Plesiosaurier denken, die vor vierzig Jahren von Wissenschaftlern ausgegraben wurden, geflügelte, geschuppte Kreaturen von drei Metern Länge. Sie stellt sich vor, wie ihr ein solches Wesen in die Hände schwimmt, und wie viel Geld die Männer ihr zahlen würden, damit sie es ausstellen dürfen. Sie hat Gerüchte über Meerjungfrauen aus Fischhäuten und Affenfell gehört, die zusammen mit zwei an der Taille zusammengewachsenen Männern im Museum gezeigt wurden.
Es ist eben das Zeitalter der Wunder, sagte jemand, und Charlie fügte hinzu: Und das Zeitalter der Tricks und Täuschungen.
Jasper Jupiters Zirkus der Wunder.
Der Tintenfisch zuckt, die Tentakel saugen an Nells Hand.
»Wir könnten ihn über Kohlen grillen«, sagt Charlie.
Nells Magen knurrt. Sie hat Mühe, sich nicht sofort auf das rohe Ding zu stürzen, um endlich irgendwas im Magen zu haben. Die Woche war schlecht, die Löhne wurden zu spät ausgezahlt, und sie haben sich nur von Gemüse und Erbsenbrei ernährt.
Aber dann drückt Nell den Rücken durch und wirft den Tintenfisch zurück ins Wasser, so weit weg von den Netzen, wie sie nur kann.
»Warum hast du das getan?«, fragt Charlie, runzelt die Stirn und schleudert das Netz über die Steine.
Jasper Jupiters Hemd ist schweißnass, der Peitschengriff rutschig in seiner Hand. Er fühlt sich an die heißen Tage in Balaklawa erinnert, wo sie die Deserteure verprügelt haben, an das Quietschen und Knacken von Leder auf nackter Haut. Der Mann stöhnt, jeder Peitschenhieb spaltet das Fleisch an seinem Rücken. Jasper bleibt stehen und trocknet sich die Stirn. Es macht ihm keinen Spaß, aber er muss seine Truppe unter Kontrolle haben. Seine Angestellten rekrutiert er in Slums und Garküchen, sie sind Abschaum, wie ihn die Tore des Old Bailey ausstoßen, arme Schlucker, die für jede Arbeit und jeden Familienanschluss dankbar sind. Kein Wunder, dass er sie von Zeit zu Zeit disziplinieren muss.
»Du wirst doch nicht wieder abhauen, oder?«, fragt Jasper und lässt seine Fingerknöchel knacken. »Nicht vor Ende der Saison. Guter Junge.«
Leise fluchend humpelt der Mann zu den anderen zurück.
Jasper sieht zu Tobys Wagen hinüber. Immer noch dunkel. Sein Bruder hat sich verspätet. Er sollte längst zurück sein, um beim Abbau des großen Zeltgestänges zu helfen und die Wagen für die Abfahrt vorzubereiten. Jasper seufzt, überquert die Wiese und brüllt Anweisungen. Alle sind auf den Beinen, und wenn er an ihnen vorbeigeht, arbeiten sie noch fleißiger. Von einem Dutzend Tafeln lächelt ihm sein eigenes Gesicht entgegen, und auch von Sonnenschirmen, die zum Verkauf stehen, und einem zertrampelten Flugblatt am Boden. Er hebt es auf und wischt sich einen Stiefelabdruck von der Wange. Jasper Jupiters Zirkus der Wunder. Die Affen kreischen noch lauter. Huffen Black, Clown und einarmiges Wunder, verteilt Brot und Kohlköpfe in den Käfigen. Die Drillinge rupfen gestohlene Hühner – weiße Flaumwölkchen schweben in der Luft, und Eingeweide klatschen in einen Eimer, den später der Wolf bekommen wird. Ohne die Stangen, die die Plane an Ort und Stelle halten, bläht sich das Zelt wie ein riesiger Bauch.
»Festhalten!«, schreit er, und die Männer werfen sich auf die Stoffbahnen und beginnen, sie zusammenzufalten, Weiß auf Blau, Weiß auf Blau.
Vierzig Wagen, zehn Artisten, eine wachsende Menagerie und achtzehn Arbeiter und Stallknechte, den Nachwuchs nicht miteingerechnet. Alles seins. Sie sind ein mobiles Dorf, eine kleine Gemeinde unter seinem Kommando.
Er sieht Toby über die Wiese traben und eilt ihm entgegen. Das Haar seines Bruders ist zerzaust, sein Gesicht gerötet. Jasper beschließt, sich seine Sorge nicht anmerken zu lassen. »Ich dachte schon, du bist verschollen. Du musst vorsichtig sein, wenn du so spät noch draußen unterwegs bist. Wenn dich die fahrenden Hausierer sehen, reißen sie dir Fingernägel und Zähne raus und verkaufen dich als Tanzbär.«
Toby lächelt nicht. Sein Blick ist unstet, er knetet seine Mütze. Mit dem langen Abendschatten wirkt er noch größer als sonst. Ihr Vater hat immer gesagt, es sei Gottes größter Scherz gewesen, ein so schüchternes Geschöpf in einen so bulligen Körper zu stecken.
»Komm«, sagt Jasper ein wenig sanfter. »Wie wäre es mit einem Grog? Um das Zelt können die Arbeiter sich kümmern.«
Toby nickt und folgt Jasper in dessen Wagen, so komfortabel eingerichtet wie ein Hotelzimmer. Es gibt eine Gänsedaunenmatratze, einen Sekretär aus Ebenholz und Bücherregale. Alles ist mit Flugblättern tapeziert, als wollten sogar die Wände seinen Namen verkünden.
Jasper Jupiters Zirkus der Wunder!
Jasper Jupiters Zirkus der Wunder!
Jasper Jupiters Zirkus der Wunder!
Mit dem Daumen drückt der lächelnde Jasper die Ecke eines Zettels fest, der sich abzulösen beginnt. Toby schenkt sich ein Glas ein, die Karaffe klirrt leise.
»Wie war das Dorf?«
»Klein«, sagt Toby. »Und arm. Ich glaube nicht, dass wir das Zelt voll kriegen.«
Jasper kratzt sich am Kinn. Eines Tages, denkt er, wird er London erobern.
Das Glas in Tobys Hand zittert.
»Stimmt irgendwas nicht?« Vielleicht hat sich wieder einmal das schlechte Gewissen gemeldet und seinem Bruder die Laune verdorben. Er streckt eine Hand aus und drückt Tobys Arm. »Wenn es wegen Dash ist …«
»Ist es nicht«, sagt Toby hastig. »Es ist nur … ich habe jemanden gesehen …«
»Und?«
Toby wendet das Gesicht ab.
»Wen hast du gesehen?« Jasper schlägt die Faust auf seinen Ebenholzsekretär. »Winston? Verdammt. Ich wusste es. Er will uns wieder mal zuvorkommen. Aber wir können ihn schlagen. Hol die Arbeiter her!«
»Nein«, sagt Toby und zupft an seinen Nagelbetten. »Da war nichts. Da war niemand …« Er macht eine Handbewegung. Seine Stimme ist hoch, wie immer, wenn er aufgeregt ist. »Niemand.«
»Niemand, hm?«, sagt Jasper. »Du kannst es mir ruhig sagen. Wir sind Brüder, nicht wahr? Wir sind unzertrennlich.«
Tobys Hals ist von Schweiß bedeckt, sein Bein wippt.
Jasper grinst. »Ein Mädchen, oder?«
Toby sieht in sein Glas.
»Aha! Und, wer war es? Hast du dich ihr aufgedrängt? Habt ihr euch im Heu gewälzt?«, lacht Jasper.
»So war das nicht«, sagt Toby gereizt. »Sie war nicht … ich … ich will nicht darüber reden.«
Jasper runzelt die Stirn. Die Vorstellung, Toby könnte getrennt von ihm existieren und eigene Gedanken und Geheimnisse haben, irritiert ihn. Er erinnert sich, wie er als Junge eine Zeichnung der siamesischen Zwillinge Chang und Eng Bunker sah und ihm prompt der Atem stockte. Auf dem Papier hatte sich manifestiert, wie seine Gefühle zu Toby waren. Ihre Verbindung war so eng, dass er sie fast körperlich spüren konnte. Sie hätten sich genauso gut ein Gehirn, eine Leber und eine Lunge teilen können. Die Verletzungen des einen waren die Verletzungen des anderen.
»Gut«, sagt er schließlich. »Behalt dein schmutziges kleines Geheimnis für dich.«
»Ich … ich muss beim Zelt helfen.«
»Wie du willst«, sagt Jasper.
Er sieht Toby nach. Anscheinend hat sein Bruder es eilig, von ihm wegzukommen. Sein Bruder, seine andere Hälfte, verschlossen wie eine Auster. Tobys Drink steht unangetastet auf dem Tisch. Was hat er zu verbergen? Das mit dem Mädchen kann nichts Besonderes gewesen sein, er war keine drei Stunden weg. Doch Jasper wird ihn enträtseln. Wie immer.
Er atmet tief ein und verzieht das Gesicht. Der Wind riecht schwach nach verrottenden Krebsen und fauligem Seetang. Der Abdecker ist gekommen, um die Löwin zu füttern, Jasper kann das Summen der Wespen bis in seinen Wagen hören. Er tastet nach dem Ring in seiner Tasche, fährt mit dem Daumennagel über die eingravierten Initialen. E. W. D. Der Ring erinnert ihn daran, wozu Toby fähig ist.
»Stella!«, ruft er, weil er das Alleinsein nicht erträgt. Er wirft einen Blick aus dem kleinen Fenster und sieht sie innehalten. Sie war gerade dabei, seinen Elefanten zu waschen. Er hat das »berühmte Ungetüm« Minnie getauft und führt es zusammen mit einer Maus namens Max vor. Die größten und die kleinsten Geschöpfe dieser Welt! Letzte Woche, an seinem dreiunddreißigsten Geburtstag, hat er Minnie für dreihundert Pfund einem Händler abgekauft, der ihren Ohren böse Verletzungen zugefügt hatte. Wie seltsam, denkt er, dass tierisches Leid ihm nahegeht und menschliches nicht. Im Krimkrieg waren es die verwundeten Pferde, die ihn am meisten verstörten, während er die Soldaten für ihre Schreie verachtete. »Was soll der Lärm?«, sagte er zu seinem Freund Dash. »Als würde ihnen das traurige Wehklagen die verlorenen Glieder zurückbringen.«
»Komm, wir trinken was«, ruft er, und Stella setzt den Eimer ab. Er will sich in ihr vergraben, er will sie besitzen, in sie eindringen und sich befriedigen. Dann wird er vielleicht spüren, dass Dash ihm vergeben hat. Aber als er sich das Glas an die Lippen hebt, ist er selbst überrascht, wie sehr es zittert.
Nell sitzt daheim in der Hütte und kandiert Veilchen. Während sie die Blüten in Eiweiß taucht und dann in Zucker wälzt, schaut ihr die Katze träge und mit gespitzten Ohren zu. Den ganzen Tag über hatte sie das Gefühl, dass jemand sie beobachtet. In den ummauerten Beeten, wo sie unter Rückenschmerzen Hunderte von Sträußen pflückte, spürte sie die brennenden Blicke der anderen. Als sie mit Charlie nach Hause ging, schienen in den Hecken tausend Augen zu glühen – Fasane, Feldmäuse und eine einsame Spinne in ihrem Netz.
Ihre Finger halten inne, sie glitzern vor Zucker. Sie hört ein sachtes Geräusch, als würde die Luft aus einem Blasebalg gedrückt.
Umpah, umpah.
»Was war das?« Ihr Vater in der Zimmerecke schreckt aus seinem Nickerchen auf.
»Wahrscheinlich die Zirkustrompeten«, sagt sie und riskiert einen Blick aus dem Fenster. Sie kann nur das blau-weiß gestreifte Zeltdach sehen. Sie wünscht sich, Charlie wäre jetzt hier bei ihr, doch er hat beschlossen, den Abend auf dem Feld zu verbringen.
»Wenn er wieder die ganze Nacht brüllt, werde ich diesem verdammten Löwen die Kehle durchschneiden.« Ihr Vater setzt sich auf. »Einmal habe ich einen Hummer mit drei Scheren gefangen. Ich hätte das Vieh einlegen und für ein hübsches Sümmchen verkaufen sollen.«
Nell runzelt die Stirn. Das ganze Dorf ist im »Zirkusfieber«, wie Charlie es nennt. Die Leute können über nichts anderes mehr reden als über Riesen und Zwerge, Jungen mit Schweinekopf und Bärenmädchen. Piggott, der Aufseher, zeigte ihnen sogar die kleinen cartes de visite und Porzellanfiguren der einzelnen Attraktionen, die er sich gekauft hatte: Kraftprotz, Schmetterlingsmann, Stella, der Singvogel. »Ein Schilling pro Stück«, verkündete er stolz und klopfte sich auf die silberne Taschenuhr. Doch als er am nächsten Morgen feststellte, dass alle Hühner aus dem Stall verschwunden waren, verging ihm das Lächeln. Jemandem wurde die Wäsche von der Leine geklaut. Es gab Gerüchte über Reisende, die auf der Straße ausgeraubt wurden, und eine junge Frau, die überfallen worden war. Wenn Nell zu Bett ging, hörte sie Schreie, Lachen und das Jaulen einer Fiedel. Dann schlug ihr Herz vor Angst und Aufregung schneller.
Umpah, umpah.
Ihre Finger tunken, sieben, wälzen die Blüten und pressen sie in Pappschachteln. Bessies kandierte Veilchen. An der Tür steht eine Lattenkiste mit dem dicken schwarzen Schriftzug London – Paddington. Gelegentlich streicht Nell mit dem Daumen darüber und stellt sich die Veilchen als Schauspielerinnen in bauschigen lila Röcken vor, die sich danach sehnen, woanders zu sein. Ihre Freude, wenn sie nach der rumpeligen Reise an einem anderen Ort aufwachen. Sie reißen die Augen auf und verteilen sich überall in der großen Stadt. Sie strampeln mit den Beinchen, werden in ihren lila Röcken auf riesige weiße Torten gesetzt. Vielleicht werden sie sogar von den Fingern der Queen persönlich berührt. Und unterdessen muss Nell, die das alles gesät, gepflegt, geerntet und verpackt hat, für immer in der kleinen, ummauerten Zelle schuften, wo die Sprösslinge aus der Erde gekommen sind, und ihre Hände werden für immer nach dem künstlichen Parfüm riechen, mit dem sie die Blütenblätter besprüht, damit sie noch verlockender duften.
Ihr Vater beginnt zu schnarchen, vom Kinn tropft ihm ein Speichelfaden in den Kragen. Die Strandglas-Scherben, die er eben noch sortiert hat, fallen zu Boden. Die ganze Hütte ist vollgestopft mit wertlosem Plunder, für den irgendein vorbeikommender Kesselflicker ihnen hoffentlich einen Penny gibt. Alte, rostige Gartengeräte, Steine mit Loch, ein Spatzenschädel, auf Schnüre aufgefädelte Muscheln.
Umpah, umpah.
Wahrscheinlich bekommen die Dorfbewohner gerade Kunststücke zu sehen, die Nell sich nicht einmal vorstellen kann. Magie, Zauberei, Tricks. So erstaunlich wie echte Wunder. Nell spürt einen Anflug von Panik, als wäre sie erstarrt, während alles andere sich verwandelt.
Früher an dem Tag hat sie den Impresario durch eine sprechende Trompete brüllen hören.
Treten Sie ein, treten Sie ein! Immer neue Tricks, immer bezaubernd! Treten Sie ein und bestaunen Sie die größten Wunder, die je in einer Ausstellung versammelt wurden …
Sie wirft einen Blick zu ihrem Vater hinüber und wischt sich die Hände am Tuch ab. Bis zur Tür sind es nur drei Schritte.
Als sie nach draußen tritt, fröstelt sie ein wenig. Für Ende Mai ist der Abend überraschend kühl. Der Lavendel erzittert, die Brennnesseln werden von einer plötzlichen Brise niedergedrückt. Nell zieht sich ihre Haube fester ums Gesicht.
Der große Mann mit dem Lederwams wird auch dort sein. Sie fragt sich, ob er ein Artist ist. Auf dem Flugblatt konnte sie ihn nicht entdecken. Vielleicht ein Jongleur oder ein Feuerschlucker.
Umpah, umpah.
Es schadet nicht, sich die Sache aus der Nähe anzusehen. Niemand wird sie bemerken. Und bevor sie es sich anders überlegen kann, klettert sie über die Steinmauer und läuft zum Feld.
Die Wohnwagen stehen verstreut herum wie verlassenes Spielzeug. Es riecht nach verbranntem Zucker und Orangenschalen, nach Tieren und säuerlichem Schweiß. Die Musik wird lauter. Draußen vor dem Zelt ist niemand zu sehen, nur ein paar Männer, die sich eine Zigarre teilen, und ein dreibeiniger Hund, der gegen ein Wagenrad pinkelt. Im Gras sieht sie Kochtöpfe, Pfeifenstiele, rußschwarze Stellen, an denen ein Feuer gebrannt hat, und abgestandenes Wasser in der Farbe von Bratensauce. Das Herz schlägt Nell bis an die Ohren.
Jeder Wagen ist in einer anderen Farbe gestrichen und mit einem geschwungenen Namenszug versehen.
Brunette, die walisische Riesin
Stella, der Singvogel
Tobias Brown, Photograph von der Krim
Das weltkleinste Museum der Kuriositäten
Auf diesen Wagen steuert sie zu. Sie wartet, bis die Männer in eine andere Richtung sehen, und huscht dann schnell hinein.
An den Wänden hohe Regale. Es gibt Einmachgläser, glänzende Fossilien und ein Aquarium mit einem schimmernden Fisch. Ein weißer Krokodilkopf dümpelt in einer trüben Flüssigkeit, das Auge scheint sie durch den Raum zu verfolgen. Sie berührt eine weite Hose und liest das Schild darunter: Aus dem Besitz des berühmten Daniel Lambert, dickster Mann der Welt. Daneben steht eine winzige Teekanne, »benutzt von Charles Stratton, General Tom Thumb genannt«. Ganz kurz spielt Nell mit dem Gedanken, sie einzustecken.
Sie stupst mit dem Kopf an ein winziges Skelett – eine Maus? Eine Ratte? –, zuckt zusammen und hält sich an einem der Regale fest. Das Wesen baumelt in der Luft wie eine verdammte Seele. Sie kann nichts hören als ihren eigenen Atem und ein feuchtes Knacken, wenn sie schluckt. Eine Sekunde lang glaubt sie, dass das Krokodil nicht tot ist, sondern jeden Moment aus dem Glas springen und ihr an die Kehle gehen wird. Sie legt sich die Hände an den Hals, weicht zurück und stolpert die Treppe wieder hinunter. Die Männer sind verschwunden.
Sie sollte nach Hause gehen und Veilchen kandieren. In der Zeit, die sie schon hier ist, hätte sie einen Viertelpenny verdienen können. Aber dann sieht sie die halb geöffnete Plane an der Rückseite des Zelts. Niemand würde etwas bemerken, wenn sie einen kurzen Blick hineinwirft. Es würde keinen Menschen interessieren.
Der Stoff ist schwer und wächsern, sie zieht ihn zur Seite.
In einem gleißenden Lichtkegel sieht sie einen hochgewachsenen Mann in Militäruniform. Er trägt einen goldenen Umhang um die Schultern und auf dem Kopf einen sehr hohen Zylinder. Es ist der Impresario vom Flugblatt, sein Mund ist zu einem breiten Lächeln verzogen. Er sitzt auf einem dieser grauen Tiere – ein Elefant. Ein größeres Lebewesen hat Nell nie gesehen. Seine Haut ist mit Blumen bemalt. Nell beißt sich auf die Lippe. Der Mann rudert mit den Armen, als rührte er in einem riesigen Topf, und peitscht die hysterische Menge auf.
»Wir präsentieren Ihnen heute einen Anblick, den Sie nie zuvor gesehen haben, der Sie zur Brille greifen lässt und der alles infrage stellen wird, was Sie bislang erlebt, gelernt oder gehört haben. Sie werden Ihren Augen nicht trauen …«
Die Dimensionen des Ganzen, die Geräusche, das Licht. Lauter als ein Gewitter oder eine Dampflokomotive, heller als die Sonne auf dem Wasser. Um die Manege herum sind Hunderte von Lampen angebracht, die ihr rotes, blaues und grünes Licht aussenden. Auf Reifen und Kronleuchtern unter der Decke brennen Talgkerzen, Kiefernzapfen lodern in eisernen Halterungen. Niemals hätte Nell so etwas für möglich gehalten. Es ist ebenso erschreckend wie hinreißend.
»Das Neueste, das Beste, das Fremdartigste.« Der Mann betont jedes Wort, die Menge johlt noch lauter und giert nach mehr. Nell versucht, Lenny mit den roten Haaren im Publikum zu erkennen, aber alle Gesichter verschwimmen miteinander. Jemand schleudert einen Krug mit Flüssigkeit in die Manege, ein anderer wirft einen verfaulten Kohlkopf hinterher, der aufplatzt wie eine Wunde. Sie kennt diese Menschen seit ihrer Geburt – Hector und Mary und Mrs Pawley, aber jetzt bewegen sie sich wie eine Einheit, wie eine große, lachende, grunzende Körpermasse.
Das Krachen der Becken, ein Trommelwirbel und dann ein lautes Klatschen, als eine Frau durch das Zelt schwebt und eine Strebe an zwei Seilen ergreift. »Stella, der Singvogel!« Ihre Knie sind milchweiß und haben Grübchen, ihr schmales Wams leuchtet purpurrot. Weil sie eine Halskrause trägt, sieht es aus, als präsentiere sie ihren Kopf auf einem Tablett. Und die ganze Zeit über singt sie. Sie krächzt wie eine Möwe und zwitschert wie eine Amsel, mit jeder Umdrehung schraubt sie sich höher hinauf, immer schneller, ihr Körper bewegt sich wendig wie ein Fisch, und sie wird zu einem roten Blitz. Wie sich das wohl anfühlt – das Rauschen der Luft, die Hand an der dünnen Strebe, als wären die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben? Und da kann Nell es sehen – über den Rand der Halskrause ragt ein Bart, blond und üppig.
Nell glotzt mit offenem Mund. Tief in ihrem Bauch spürt sie eine Art Rückstoß. Es ist, als hätte sie etwas Unerwartetes, aber Fesselndes gesehen, wie einen toten Eisvogel im Schilf. Und da ahnt sie, wie die anderen sich fühlen, wenn sie sie anstarren.
Zeig uns einen Handstand! Bevor die anderen Wunder hier ankommen.
Nell kann nicht aufhören zu stieren, kann sich nicht losreißen. Sie wünscht sich, ihr Bruder wäre hier, irgendwer, und sei es ihr Vater. Sie schaut zu, wie eine winzige Frau in einer offenen Kutsche von vier Pudeln durch die Manege gezogen wird, in ihrem Arm ein Baby. Ein Mann beginnt zu jonglieren, die lose Haut hängt ihm von den Schultern wie Flügel, und sein Rücken ist bemalt wie ein Admiralfalter. Ein Affe in Soldatenuniform reitet auf einem Pferd, eine bucklige Frau gart in ihrem Mund eine Auster auf glühenden Kohlen, eine Riesin beschmiert eine Stange mit Rinderfett und spießt ein Stück Fleisch oben auf. Der Impresario ruft vom Elefanten herunter: »Wer schafft es, hinaufzuklettern und den Preis zu gewinnen?«, und dann sieht Nell, wie die Dorfbewohner sich abmühen und an der fettigen Stange abwärtsrutschen.
Mary ist im Profil zu sehen, sie lacht und versetzt einem Jungen einen Stoß. Sicher einer von Marys Brüdern. Doch dann stecken sie die Köpfe zusammen, und Nells Herz macht einen Satz. Es ist Charlie. Nell weicht zurück.
Als sie über das Feld und die Mauer zurück zur Hütte eilt, wo die kandierten Blüten vor dem Herd ausgebreitet liegen, spürt sie eine so heftige Scham, als drückte ihr jemand auf den Brustkorb.
Ihr Bruder will sie also nicht bei sich haben. Er hat so getan, als wollte er nicht zu der Vorstellung gehen, aber das war gelogen, vorgeschoben. Er wollte mit Mary dorthin. Er hat jetzt schon damit angefangen, sein Leben ohne sie zu leben.
Sie sieht die Veilchen auf dem Tisch, die vielen während des langen Nachmittags produzierten Süßigkeiten. Sie nimmt das Tablett und auch die flachen Schachteln. Eine stechende Wut durchzuckt sie. Sie wirft alles in den Ofen und sieht zu, wie Bessies Engelsgesicht Feuer fängt und zu Asche verbrennt.
Eine Stunde später ist Charlie zurück, nach Rinderfett stinkend und mit leuchtenden Augen.
Nell sagt nichts. Sie schabt den Dreck von den Karotten und schnippelt sie über dem kochenden Wasser. Sie ist jetzt neunzehn, das sagt sie sich, und ihr Bruder ist zwanzig. Es gibt keinen Grund, warum er nicht auch einmal ohne sie das Haus verlassen sollte. Sie wird sich daran gewöhnen müssen.
»Wie war es?«, fragt sie schließlich.
»Ich war ganz allein auf dem Feld. Alle anderen waren in der Vorstellung.«
»Oh«, sagt sie.
»Ich glaube nicht, dass wir was verpasst haben. Ich habe sie quieken hören wie Schweine bei einer stümperhaften Schlachtung.« Er sieht sich um. »Wo ist Pa?«
»Er versucht, altes Glas und das kaputte Rad zu verkaufen.«
»Was ist mit dir?«
»Nichts.« Sie zwingt sich zu einem Lächeln.
Doch während des Essens kann sie ihm nicht in die Augen sehen. Weil ihr Vater nicht zurückkommt, stellt sie ihm eine Portion beiseite. Das Essen wird schnell kalt, an der Oberfläche sammelt sich weißes Fett. Die Karotten sind so weich, dass sie im Mund zerfallen. Die Brühe ist sandig und schmeckt nach Erde. Charlie zupft an seinem Ärmel herum, sein Knie hüpft wie bei der Erinnerung an eine Zirkusmelodie.
»Was ist denn?«, fragt er schließlich. »Sag es mir.«
Sie legt den Löffel hin. »Es macht mir nichts aus, weißt du.«
»Was macht dir nichts aus?«
»Wenn du ohne mich rausgehen willst …« Ihre stockende Stimme klingt viel zu hoch. »Nur … lüg mich bitte nicht an.«
Charlie lässt den Kopf in die Hände sinken. »Ich war auf dem Weg zur Arbeit, aber da habe ich das Zelt gesehen, und Mary hat gesagt, ich soll mitkommen und … ich konnte nicht anders.«
»Warum hast du mich nicht mitgenommen?«
»Ich … ich dachte, du regst dich zu sehr auf.«
Da kommt ihr ein Gedanke, und sie senkt den Kopf, als hätte er sie geschlagen.
»Weil du glaubst, dass ich bin wie die. Du glaubst, ich bin eine … eine lebende Kuriosität. Ein Wunder.«
Er schweigt, aber sie redet weiter, lauter und immer lauter. »Du findest, Lenny hat recht, nicht wahr? Deswegen hast du dich mit ihm geprügelt. Weil er die Wahrheit gesagt hat.«
»Was?«, ruft er und schlägt sich eine Hand vor den Mund. »Wie kannst du so was denken? Für mich bist du wie wir anderen auch, das weißt du.«
»Wir anderen«, wiederholt sie.
Charlie hebt beide Hände. »Ich habe nur versucht, dich zu verteidigen …«
»Mich verteidigen? Ich könnte inzwischen einen Mann und Kinder haben.«
Die Wahrheit bleibt unausgesprochen in der Luft hängen. Nell kann sie sehen wie ein schimmerndes Licht. Aber keiner würde dich nehmen.
»Du hast Angst, andere Leute könnten mich so sehen wie du, oder? Als eine … eine … eine …« Sie kann es kaum aussprechen. »Eine Laune der Natur. Ein Monstrum.«
Die Worte treffen sie wie Schläge. Sie möchte sie an sich reißen und sich in den Hals zurückstopfen. Sie wünscht sich, dass er sagt: Nein. Du irrst dich, Nellie. Aber nun hat sie den Gedanken in die Wirklichkeit geholt, und als Charlie nach ihrem Arm greift, weicht sie zurück wie vor einer Flamme.
»Nellie«, sagt er schwach.
Sie kann es nicht ertragen. Sie möchte die Hände zu Fäusten ballen und heulen, sie möchte den Tisch umwerfen und die Schüsseln an die Wand schmeißen. Aber sie kann nicht, konnte es noch nie. Bislang hat sie nur ein einziges Mal die Beherrschung verloren. Nur ein einziges Mal hat sie der Wut, die für alle anderen so selbstverständlich ist, freien Lauf gelassen. Wegen einer Kleinigkeit. Ein Mädchen hatte glatte, von Nell gesammelte Steine gestohlen und behauptet, sie gehörten ihr. Nell erinnert sich an den kühlen Ton des Pfarrers, an seine ruhige Frage: Warum sollte sie etwas genommen haben, was dir gehört? Er hatte das Wort betont, als könnte sie unmöglich etwas Wertvolles besitzen. Und da kochte alles über, all die tatsächlichen und eingebildeten Kränkungen, und sie nahm die Steine und schmiss sie brüllend ins Feld, bis ihre Arme schmerzten – und als sie sich wieder umdrehte, standen alle wie erstarrt da und sahen sie entsetzt wie noch nie an. Ein Kind fing zu weinen an. Das andere Mädchen war sprachlos, ebenso der Pfarrer, als könnten sie nicht begreifen, was sie dazu getrieben hatte. Sie merkte, dass sie ihnen Angst machte, denn ihre monströse Wut entsprach genau der Person, für die sie gehalten wurde. Seither hat sie immer versucht, nett zu sein, gemocht zu werden, nachzugeben und die Erwartungen der anderen Lügen zu strafen.
Als sie so ruhig und langsam wie möglich aufsteht, versucht Charlie nicht, sie zurückzuhalten. Sie öffnet die Tür, und er bleibt sitzen, die Hände vor dem Gesicht.
Draußen ist sie allein. Auf flinken Füßen eilt sie durch die Dorfstraße und den Küstenweg hinunter. Ihre Tränen lassen die Hecken verschwimmen. Die Butterblumen blühen, die letzten Sonnenstrahlen des Tages lassen die gelben Knospen leuchten wie Kerzen. In einer tiefen, schimmernden Pfütze ertrinkt das Spiegelbild des Mondes. Nell rafft ihre Röcke und springt darauf, so dass es in tausend Scherben zerspringt und das Wasser gegen ihre Beine spritzt. Sie stößt sich den Zeh und unterdrückt einen kleinen Wutschrei.
Sie läuft bis zu den Klippen, ihr Atem geht schnell und flach. Draußen auf dem Meer dümpelt ein Licht. Ein Raddampfer auf dem Weg nach Westen. Darauf drängen sich Hunderte von Menschen, sie fahren dem Neuanfang entgegen, einem anderen Leben. Nell zupft an der Schnittwunde an ihrem Knöchel, wo der Stein die Haut aufgerissen hat, und genießt den stechenden Schmerz. In ihrem Kopf hallen Worte wider – wir anderen … dich zu verteidigen –, über ihren Fuß rinnt Blut.
Auf einmal hört sie Schritte hinter sich. Sie erschrickt und macht sich ganz klein, aber es ist nur ihr Bruder.
»Wieder ein Dampfer«, sagt er. »Nach Boston? Oder nach New York?«
Er sieht so traurig aus, dass ihr Ärger verfliegt. »New York, würde ich sagen.«
Es ist ihre Art, sich wieder zu vertragen. Sie schwelgen gemeinsam in seinem Traum, und Nell tut so, als wäre es auch der ihre. Amerika. Charlie redet ständig davon. Von der Farm, die sie besitzen werden, von den fetten Ernten, die nur darauf warten, von ihnen eingebracht zu werden. Die Fantasie ist harmlos, denn Nell weiß, dass es nie so weit kommen wird, dass sie niemals genug Geld haben werden. In diesem Dorf ist sie sicher, sie ist hier unter Menschen, die sie kennen.
Er stützt sein Kinn auf ihre Schulter. »Es tut mir leid.«
»Schon gut«, sagt sie, und da zieht er sie so plötzlich an sich, dass sie fast das Gleichgewicht verliert. Es ist so tröstlich wie damals, als sie Kinder waren und wie zwei Kätzchen aneinandergekuschelt schliefen. Inzwischen haben sie getrennte Matratzen, aber manchmal wacht Nell nachts auf und kann nicht anders, als seine Wange zu berühren.
»Die Schaukel ist immer noch da«, sagt er und zeigt auf die alte Eiche, die ein paar Schritte weiter landeinwärts wächst. Sogar in der Dunkelheit kann Nell das zerfranste Seil in den Ästen sehen.
»Ich weiß.«
Charlie läuft hin und packt das Seil. »Ich zuerst«, sagt er.
Früher war es ihr Lieblingsspiel, aber nun sind sie älter und haben es fast vergessen.
»Ich bin Stella, der Singvogel!«, ruft Charlie, klammert sich an und sieht an dem Seil ganz schön unbeholfen aus, viel zu groß. Mit einem Jauchzer schwingt er sich über den Abgrund.
»Jetzt ich«, sagt Nell. Sie nimmt Charlie das Seil aus der Hand und schaukelt weiter als er, vor und zurück, und spürt dabei den Wind an Wangen und Haaren. Ihr Herz rast. Ein vertrautes Gefühl macht sich in ihr breit, diese unaussprechliche Sehnsucht, jemand anderes zu sein.
»Ich lebe!«, ruft sie. »Ich lebe!«
»Nicht so hoch«, sagt Charlie, aber das ist ihr egal. Sie will den Kitzel der Angst, der sie berauscht wie Gin. Sie stellt sich vor, Lenny könnte sie jetzt sehen und darüber staunen, wie hoch sie schaukelt, viel höher, als er es je wagen würde.
Auf dem Nachhauseweg hakt sie sich bei Charlie unter, und er redet über Amerika. »Wenn wir jeden Abend arbeiten, haben wir in fünf Jahren genug gespart, und dann … stell es dir nur vor … dann lehnen wir an der Reling des Dampfers, und die amerikanische Küste kommt in Sicht …« Sie will den Moment konservieren, als wäre er bereits Vergangenheit. Nur sie beide, wie sie lachend und Steine kickend die Straße hinuntergehen.
Bald hat er ein Kind und eine Frau, denkt Nell. Bald sind alle im Dorf unter der Haube.
Ein paar Nachbarn kommen aus dem Gasthof. Jemand steht auf einem Stuhl und schmettert eine Ballade. »Lass uns reingehen«, sagt Charlie. »Da ist Mary.«
»Kommt her!«, ruft Lenny und winkt. »Piggott sagt, morgen gibt es einen Tanz.«
Nell bleibt mit klopfendem Herzen stehen. Sie berührt ihren Arm genau dort, wo Lennys Hand lag. Dann bemerkt sie einen Mann, der gebeugt neben einer Eiche steht. Sie erkennt ihn an den wackeligen Beinen wieder.
»Was macht Pa da?«, fragt sie.
»Sieht sich das Flugblatt an.«
Ihr Vater steht leicht vorgeneigt und streichelt die Ankündigung, als wäre sie ein kleines Hündchen.
»Der Zirkus ist vorbei, du Dummkopf«, sagt Nell und versucht, ihn wegzuziehen. Er hat getrunken, die Schmuckkiste ist nirgends zu sehen.
»Fass mich nicht an«, knurrt er und macht sich los.
»Er meint es nicht so«, sagt Charlie schnell.
Aber er meint es so, das weiß Nell genau.
Ihr Vater kann den Blick nicht von den bunten Illustrationen losreißen. Die Zwergin in der Kutsche. Das Krokodil im Einmachglas. Der Schmetterlingsmann und der Muskelprotz, die Drillinge und Stella, der fliegende Singvogel.
»Ich hatte einen Hummer«, murmelt er.
»Komm, Pa«, sagt Charlie und streckt eine Hand aus.
Sein Vater schlägt nach ihm, dann dreht er sich um und torkelt auf den Zirkus zu. Laternen hängen von den Bäumen wie tote Maulwürfe an einem Zaun.
»Lass ihn«, sagt Charlie. »Er ist ein Narr.«
Jasper Jupiters Zirkus der Wunder, liest sie. Charlie legt ihr einen Arm um die Schultern und zieht sie weiter.
Durch die Gitterstäbe des Käfigs füttert Jasper seine Wölfin mit rohen Fleischresten. Sie schnappt die Brocken mit ihren stumpfen, gelblichen Zähnen von der silbernen Zange. Zu ihren Pfoten liegt ein zusammengerollter Hase und kratzt sich am Ohr. Die beiden sind Jaspers Lieblinge. Manchmal, wie auch heute, lässt er sich den Käfig von den Arbeitern aus der Menagerie in seinen Wagen schleppen.
»Braves Mädchen«, sagt er und zerdrückt eine Farbblase auf dem Schild mit der Aufschrift Die glückliche Familie.
Er hat die Tiere selbst dressiert, durch eine List, die er sich bei einem Straßenhändler abgeschaut hatte. Das Beste daran ist, dass es gar keine List ist. Man nimmt ein Raubtier und seine Beute und führt sie zusammen, wenn sie noch ganz klein und kaum entwöhnt sind. Er muss immer wieder darüber staunen, dass sich Natur und Instinkt auf diese Weise unterdrücken lassen. Nur selten nutzt die Eule ihre Macht und frisst die Maus. Die Wölfin und der Hase stehen sich so nahe, als wären sie von derselben Art.
Er sieht zu seinem Bruder hinüber, der auf dem Samtsessel kauert. Sie waren immer so verschieden, aber hier sind sie nun, Seite an Seite. Unzertrennlich.
»Wer ist der Wolf, und wer ist der Hase?«, fragt er und stößt ein Lachen aus.
»Wie bitte?«
»Ich und du.«
»Du kannst gern der Wolf sein. Du bist der Ältere.«
»Das kannst du laut sagen.« Jasper spreizt die Finger wie Krallen, dann kichert er. »Weißt du noch, wie wir einen Sack mit Schafwolle gefunden und uns Schnurrbärte gemacht haben? Da war ich ungefähr zehn.«
Und damit taucht er in Kindheitserinnerungen ab. Wie er ein Mikroskop geschenkt bekam und Toby einen Fotoapparat. Wie sie zum ersten Mal einen Leoparden sahen. Wie ihr Vater sie zu Tom Thumbs Auftritt in Hop o’ My Thumb im Lyceum Theatre mitnahm.
