Zomihra - TinAndi - E-Book

Zomihra E-Book

TinAndi

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Beschreibung

Unsere kleine Heldin Kilaya muss schon früh lernen, dass das Leben alles andere als einfach ist. Vom Waisenkind, welches von fernen Ländern und Abenteuern träumt, entwickelt sie sich zu einem mutigen Mädchen, begleitet von ihrem Fuchsjungen auf eine Reise in gefährliche Welten und unbekannten Kräften. Auf ihrer Reise trifft sie nicht nur Freunde, sondern auch alte Bekannte, die sie an der Rettung ihrer Welt hindern wollen. An der Seite des Fuchses lernt sie Völker, Kulturen und magische Waffen kennen, die ihr helfen sollen, gegen das verschlingende Böse dieser Welt zu kämpfen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Zomihra

Geiz

Von

TinAndi

Inhaltsverzeichnis

Zomihra4

Shirien12

Der Wald von Zomihra34

Das Glück hat eine Farbe?50

Rochomy61

Poura76

Shichiro85

Ein neues Zuhause95

Schicksalhafte Begegnung101

Die Reise unter Tage122

Die Welt von Renmaku133

Dunkelheit und Prophezeiungen140

Harte Arbeit & Freunde in Shidare164

Kenne deinen Feind173

Geiz189

Kampf mit der Dunkelheit225

Zurück zu den Wurzeln?236

Das Buch:

Tauche ein in ein fantastisches Fantasy Abenteuer und erlebe spannende Momente mit Kilaya und ihren Freunden auf dem Weg in neue Welten. Zomihra ist eine fiktive Welt, mit mystischen Gegenständen und geheimnissvollen Kräften, die es zu erforschen und zu bekämpfen gilt. Erlebe das Abenteuer von einem kleinen Mädchen, welches das Schicksal der ganzen Welt auf den Schultern trägt.

Der Autor:

Viele Erzählungen schaffen es, Menschen zu verbinden, doch diese ist mehr als das. Aus einer fixen Idee (Herr T. aus N. eines Tages zu einer der Autoren: Frau .... „Sie sollten ein Buch schreiben“) wuchs etwas Einzigartiges, ein eigenständiges Werk, das nicht nur andere verzaubern soll, sondern auch die Autoren nach wie vor in seinen Bann zieht, denn die gemeinsame Reise hat erst begonnen.

„Die Autoren?“ Richtig! Dieses Buch entsprang zwei Federn, der von Mutter und Tochter. Aus dem zaghaften Versuch ein Märchen oder eine Kurzgeschichte zu schreiben, entwickelte sich in drei Jahren ein Schlagabtausch aus Kreativität, Offenheit, Ideenreichtum und Zuversicht, den beide nie für möglich gehalten haben und in der Vorstellung endete, auch andere zu begeistern und mitzunehmen auf eine fantastische und einmalige Reise. Wir wollen den Funken, der uns erfasst hat, zu einer Flamme werden lassen und euch mitnehmen, wohin der Weg auch führt.

Als Mutter und Tochter hat uns dieser Weg enger zusammengeschweißt, als wir es je für möglich gehalten haben. Er ist Motivation und Triebfeder und was auch kommt, diese gemeinsame Zeit kann uns niemand nehmen.

Wir laden euch ein, uns zu folgen, und wünschen euch viel Freude an unserem ersten Projekt.

Zomihra

„Granny, Granny, bitte erzähle uns eine Geschichte. Biiiiitttteeee.“ Mit großen Augen lagen Baolu und seine kleine Cousine Esuta auf dem weichen Bett und sahen voller Erwartung in Richtung der alten Dame. Diese hatte nachdenklich aus dem Fenster geschaut und dem ersten Schnee zugesehen, der ohne Eile und still ihren Garten und den nahen Wald in ein weißes Gewand kleidete. Die Stimmen der Kinder rissen sie aus ihren Gedanken.

„Natürlich meine kleinen Lieblinge, was möchtet ihr heute Abend hören?“

Schwerfällig schritt sie zu dem alten, gemütlichen Schaukelstuhl, der neben dem großen Bett stand. Dieser hatte dort seinen festen Platz, um ihren Urenkeln allabendlich eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen. Trotz ihres hohen Alters sprühten ihre Augen voll Lebenslust in dem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht und wenn sie eines ihrer aufregenden Märchen erzählte, klang ihre Stimme jung und voller Elan.

„Wir wollen die Legende vom König hören!“, rief Esuta ungeduldig.

„Schon wieder?“, lachte die alte Dame, „ich habe sie so oft erzählt, dass ihr sie auswendig kennt. Wie wäre es ausnahmsweise mit einer anderen Geschichte. Zum Beispiel über den Schnee. Seht hinaus, es angefangen hat zu schneien! Da fallen mir ganz viele dramatische Abenteuergeschichten ein.“

„Nein, Granny. Wir möchten das Märchen vom König hören, das ist sooooo spannend und diesmal passen wir ganz genau auf, denn du hast beim letzten Mal eine Reihe von wichtigen Stellen einfach ausgelassen. Mama sagt, das liegt am Alter, schließlich bist du schon ganz furchtbar alt, mindestens 40 Jahre oder so! Wir helfen dir, wenn du wieder etwas vergisst!“ Esuta zog sich die Bettdecke bis zur Kinnspitze und schaute gespannt auf ihre Urgroßmutter.

„Das ist ja ein tolles Kompliment“, schmunzelte diese. „Wisst ihr was? Wir ändern die Vorgehensweise! Ihr erzählt mir die Geschichte und ich werde versuchen, nicht so schnell einzuschlafen, wie es euch so oft passiert.“ Sie lächelte verschmitzt, sie feiert im nächsten Monat ihren 100. Geburtstag, aber 40 oder 100, für kleine Kinder war das kein Unterschied.

„Nein, nein, du kannst das viel besser. Wir sind auch ganz lieb und unterbrechen dich nicht, versprochen.“ Der sonst so stille Baolu war heute Abend unbekümmert und beinahe ausgelassen. Von Liebe erfüllt richtete sie ihren Blick auf den kleinen schmächtigen Knaben. Er war ein wunderbares Kind und besaß das sonnigste Gemüt, das man sich wünschen konnte. Seine jüngere Cousine war oft frech zu ihm, aber er blieb stets ruhig und gütig und wenn es ihm doch zu viel wurde, setze er sich an den Kamin zu seinen Holzfiguren und schnitzte hingebungsvoll eine Figur für seine umfangreiche Sammlung.

„Wenn das so ist, darf ich natürlich nicht nein sagen.“ Sie beugte sich leicht vor, legte die Hände in den Schoß und begann mit ihrer ruhigen und klangvollen Stimme die Legende von dem Land Zomihra und seinem König Zankotei zu erzählen.

„Vor langer, langer Zeit regierte ein mächtiger König über ein gewaltiges Reich. Er war wagemutig, stark und seine Klugheit über die Landesgrenzen hinaus geschätzt. Bereits in seiner Jugend fragte ihn sein Volk oft um Rat und es herrschte Wohlstand und Frieden unter der breiten Bevölkerung. Der Name dieses Königs lautete Zankotei und er lebte in einer großen Burg.“ Die alte Dame schaute den Kindern tief in die Augen.

„Ihr wisst, wie groß eine Burg ist, denkt nur an die verlassene Ruine in unserem schönen Wald.“ Die beiden nickten eifrig.

„Auf dieser Burg lebte er gemeinsam mit seiner wunderschönen Ehefrau, die mit Sanftmut und Güte sein überschäumendes Temperament zügelte. Er liebte sie so sehr, dass er einen Ballsaal bauen ließ, in dem sie häufig ausgelassen tanzten. Die herrlichen Feste waren über die Landesgrenzen hinaus berühmt und die befreundeten Fürstenhäuser kamen zu Besuch, um gemeinsam mit dem Königspaar zu feiern.“ Sie hielt inne, um die Dramatik ihre Worte zu unterstreichen.

„Doch eines Tages geschah ein großes Unglück. Die Königin stürzte im Ballsaal so schwer, dass sie sich nicht wieder erholte und, zu diesem Zeitpunkt schwanger, zusammen mit ihrem ungeborenen Kind verstarb. Der König Zankotei war untröstlich und vergrub sich in seinen Gemächern. Nur einem treuen Diener war es in dieser Zeit gestattet, seine Räume zu betreten. Seine Freunde und das Volk waren besorgt, aber es drang nicht eine Nachricht über seinen Gesundheitszustand nach draußen.“

Mit vor Spannung weit aufgerissenen Augen lagen die Kinder still unter der warmen Decke. Die alte Dame lächelte zärtlich. Seltsam, sie hatten das Märchen so oft gehört, doch schienen sie jedes Mal aufs Neue fasziniert.

„Eines Tages öffnete sich die schmale, hinter einem Vorhang verborgene Tür zum Thronsaal und König Zankotei trat herein. Freudig begrüßten ihn seine Bediensteten, doch schnell wandelte sich ihr Überschwang in blankes Entsetzen. Ihr Herrscher war nicht wiederzuerkennen. Sein einst selbstbewusster und aufrechter Gang war nun vor Gram gebeugt und seine Gesichtszüge von Wut und unbändigem Zorn bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Das vormals schwarze Haar und der imposante Bart schneeweiß und in seinen Augen loderte das Feuer des Wahnsinns.“ Er sprach.

„Elende Narren, was steht ihr faul herum und starrt mich an?! Habt ihr gehofft, dass ich tot bin? Ich muss euch enttäuschen. Ich habe die Zeit genutzt und endlich begriffen, dass Güte und Nachsicht trügerische Ratgeber sind!“

Er winkte seinen treuen Kammerdiener zu sich und befahl: „Bringe sofort meine Offiziere zu mir. Ich habe Wichtiges zu besprechen.“

Gehorsam beugte sich der Diener dem Willen seines Königs und eilte hinaus, um den Auftrag auszuführen.

Die alte Dame atmete schwer und ihre Arme wuselten aufgeregt auf und ab. Obwohl die Legende seit Generationen in ihrer Familie erzählt wurde, waren die Figuren vor ihrem inneren Auge lebendig und sie tauchte wie so oft tief in die Ereignisse ein. Mit zittriger Stimme fuhr sie fort.

„So kam es, dass König Zankotei, zerfressen von grenzenlosem Hass, gegen seine Nachbarn in den Krieg zog, um sich deren Reichtümer anzueignen. Tausende unschuldige Menschen verloren in dieser Zeit Land und Leben. Alle Versuche, ihn mit Freundschaft und Diplomatie von seinem Vorhaben abzubringen und das Morden zu beenden, scheiterten kläglich.

Nach jahrelangem Krieg kapitulierten die angrenzenden Länder und König Zankotei ließ seinen Triumph von einem Künstler auf Leinwand bannen.“

„Jahre der Unterdrückung und bitteren Armut folgten auf seine Herrschaft.“ Ihre Augen weiteten sich und in ihnen spiegelte sich das Flackern der Kerze auf dem Tischchen.

„Von der Bewunderung und Liebe zu ihrem Herrscher war nichts übrig und Widerstand formierte sich im Verborgenen. Die Fürstenhäuser bildeten eine Allianz, um den König zu stürzen. Wenige waren überzeugt, dass Frieden ausschließlich mit Diplomatie zu erreichen sei und nach heftig geführten Debatten wählten sie dennoch zwei Vertreter und schickten sie, getragen von hohen Erwartungen, auf den langen Weg der Hoffnung.“

„Hallo, ihr zwei, seid ihr noch wach? Ich brauche etwas Wasser, dann geht es gleich weiter.“ Sie griff nach dem Becher, der auf dem Tisch neben der Kerze stand und trank gierig einige Schlucke, das lange Sprechen strengte sichtlich an.

„Die Unterhändler trafen nach gefährlicher und mühevoller Reise endlich vor dem Schloss ein und baten um eine Audienz, als das Schicksal erbarmungslos zuschlug. Bevor sie mit dem König reden konnten, erschütterte ein gewaltiges Erdbeben das Land. Die auf dem großen Kontinent verstreut liegenden Vulkane brachen in einer Art Kettenreaktion, fast zeitgleich aus. Ein entsetzlicher Sturm aus Asche und Feuer fegte über die Länder und brachte noch mehr Leid, Tod und Zerstörung. Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes veränderte unwiderruflich alles Leben.“ Ihre Hände krallten sich um den Stoff der Armlehne, so dass die Adern hervortraten.

Esuta und Baolu starrten gebannt auf ihre Urgroßmutter. Kein Mucks drang aus ihren Mündern, doch Esuta kämpfte sichtlich mit der aufkommenden Müdigkeit.

„Über einen Zeitraum von Monaten verdunkelte sich der Himmel, gigantische Stürme entluden sich, das Meer und die Flüsse traten über die Ufer und die Erde bebte fast ohne Unterlass. Die Menschen, denen es gelungen war, sich zu retten, versteckten sich in den Wäldern oder wanderten tief in die Berge hinein.“ Trauer und Schmerz lag jetzt in ihrer Stimme. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt und kullerten ihre runzlige Wange entlang.

Eine warme Kinderhand legte sich tröstend auf ihre zitternden Hände.

„Erzähle morgen weiter, wenn es dich so traurig macht. Außerdem ist Esuta eingeschlafen und hört nicht mehr zu“, flüsterte Baolu. Doch seine Urgroßmutter schüttelte aufmunternd ihren Kopf.

„Alles gut mein Junge, ich bin doch fast fertig. Siehst du, meine Hände zittern nicht mehr. Mach dir bitte keine Sorgen und jetzt schnell zurück unter die Decke. Esuta lassen wir weiterschlafen, ich werde euch die Geschichte noch sehr oft erzählen.“ Ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Antlitz, sie atmete tief durch und sprach gefasst weiter.

„Als die Naturgewalten zur Ruhe kamen, hatte sich das Land dramatisch verändert. Das Schloss des Königs lag in Trümmern, die Städte und Dörfer waren fast vollständig zerstört und viele hatten Heimat und Leben verloren. Es herrschte Hunger und Not und das Entsetzen steigerte sich noch durch die Erkenntnis, dass die Natur ihr geliebtes Zomihra willkürlich auseinandergerissen hatte. Die Bruchstellen drifteten auseinander und aus dem Kontinent Zomihra entstanden zahlreiche Inseln.

Ein seltsamer Dunst bildete sich im Laufe der Jahre auf dem Meer und legte sich wie eine Wand zwischen die Länder! Anfangs herrschte noch reger Schiffsverkehr, da jedoch der Nebel eine sichere Rückkehr zusehend erschwerte, unterließen die Bewohner die gefährliche Überfahrt eines Tages.“ Erschöpft hielt sie inne und trank gierig einen weiteren Schluck Wasser aus dem Becher.

„König Zankotei und die Unterhändler hatten wie durch ein Wunder überlebt. Seine einst mächtige Burg lag in Trümmern. Doch anstatt sie wieder aufzubauen, entschied er, die Ruine als Mahnmal für seine Unvernunft und Überheblichkeit der Nachwelt zu erhalten. Er fand zurück zu seinen alten Tugenden und herrschte fortan mit Güte und Verständnis. Er heiratete erneut und gemeinsam mit seinen Beratern baute und plante er die Hauptstadt, Dörfer und Gemeinden und ermöglichte seinen Untertanen Arbeit und ein zufriedenes Leben.“

Esuta schnarchte leise und lächelte im Schlaf. Baolu sah seine Granny mit sanften Augen an.

„Erzählst du morgen, wie es weiterging?“, raunte er, um seine Cousine nicht zu wecken.

„Aber die Geschichte vom König Zankotei ist doch zu Ende, mein lieber Schatz“, flüstere die greise Dame.

„Du weißt genau, was ich meine!“ Baolu zwinkert ihr zu.

„Dort wo die Saga von König Zankotei endet, beginnen die Abenteuer von Kilaya und ihren Freuden.“

„Mein lieber kleiner Junge, auch diese Geschichte habe ich euch tausendmal erzählt. Nimm dir einen Moment Zeit und sieh aus dem Fenster. Morgen sind wir eingeschneit und ich kenne viele Wintermärchen, die ihr sicherlich nicht alle kennt. Kilayas Abenteuer stehen in dem alten Buch auf dem Regal und du hast selbst gesagt, dass mein Gedächtnis nicht mehr richtig funktioniert. Meine Sehkraft lässt immer mehr nach und es ist zu anstrengend für mich euch vorzulesen. Ich kann jedoch eure Mutter fragen, ob sie das für mich übernimmt, und setze mich dazu.“

„Bitte, bitte liebste Granny“, bettelte Baolu schläfrig. „Mama ist abends oft müde und ihre Geschichten kurz. Du brauchst kein Buch vorlesen, wir sind zufrieden, wenn du uns von Kilaya erzählst, und, falls du mal nicht weiter weißt, helfen wir dir.“

„Wie kann ich da nein sagen“, kicherte sie, „aber erst morgen. Einverstanden?“

„Natürlich. Danke und gute Nacht, meine liebste Granny.“ Baolu zog die alte Wolldecke über die Ohren und schloss zufrieden seine Augen.

Die alte Dame lauschte eine Weile dem ruhigen Atem der Kinder. Dann stand sie leise auf und griff gezielt ein dickes, vergilbtes Buch aus dem Regal. Voller Hingabe strich ihre Hand über den alten Einband und sie setzte sich erneut in den Schaukelstuhl.

Das Buch war schwer, sie ließ die Seiten durch die Finger gleiten, öffnete es an einer beliebigen Stelle und legte es auf ihren Schoß. Ihr Blick wanderte nachdenklich über die verblasste Schrift und schließlich durch das Fenster in die Nacht hinaus. Der Schneefall war dicht wie eine Wand und ab morgen waren sie sicherlich von der Außenwelt abgeschnitten.

Ein breites Lächeln erhellte ihr Gesicht, sie hatte schon als Kind den Winter mit seinem glitzernden Schnee geliebt und eingeschneit zu sein, hatte auch seine angenehmen Seiten.

Sie kuschelte sich in den warmen Stoff der Rückenlehne, strich liebevoll über die feinen Buchseiten und schloss müde ihre Lider. Vor ihrem inneren Auge erschienen Bilder von einem jungen Mädchen namens Kilaya und ihren zahlreichen Abenteuern.

Sie brauchte die Unterstützung ihrer Urenkel nicht, sie erinnerte sich ...

Shirien

Dunkelheit und wabernder Nebel lagen über der Stadt Shirien. Kurz nach Mitternacht war es einsam und ein wenig furchteinflößend auf dem alten Glockenturm. Wie so oft hatte sich Kilaya heimlich bis ganz nach oben geschlichen, wohl wissend, dass die Stufen morsch und gefährlich waren. Der Glockenturm wurde bereits vor Jahrzehnten für Besucher gesperrt, um zu verhindern, dass man hinabstürzte, aber sie genoss das Alleinsein, die Stille und von hier oben hatte sie in klaren Nächten einen fantastischen Ausblick.

Es war viel zu kalt für Anfang April und sie fror in ihren geflickten alten Kleidern und dem schäbigen Cape. Ihre Schuhe waren dünn und die Sohle abgelaufen, doch im Waisenhaus, in dem sie lebte, nahm man das, was anderen nicht gefiel oder spendeten.

Sie ließ ihren Blick über die noch schlafende Stadt gleiten. Der Nebel war ungewöhnlich dicht, Häuser und Gebäude nur schemenhaft zu erahnen, und es roch modrig und feucht hier oben. Die Kuppel über ihr, an der früher die gewaltige Glocke hing, war brüchig und trug schon lange das Gewicht einer solchen nicht mehr. Der Bürgermeister hatte vor dem Rathaus ein Gerüst mit einer kleinen Glocke aufstellen lassen, um die Bürger vor aufkommenden Gefahren zu warnen, doch Kilaya erinnerte sich nicht, diese jemals gehört zu haben.

Der Glockenturm war der höchste Aussichtspunkt und von hier aus war es möglich, bis zum nahen Wald zu sehen. Der imposante Mischwald umschloss mit seinem satten Grün die Stadt und es dauerte gewiss Wochen, ihn zu Fuß zu durchqueren. Weit verstreut im Land gab es kleine Dörfer und Gehöfte und am jeweiligen Ende des Waldes kam man zu einem breiten Sandstrand und dem endlos scheinenden Meer, denn Zomihra war eine Insel.

Es war zu dieser frühen Stunde, wie so oft, feucht von der kühlen Nachtluft, aber wenn der Wind landeinwärts wehte, roch es nach Salz und Meer.

„Wie es dort wohl aussieht?“ In ihrer Fantasie gab es andere Länder und Städte, wunderschön und farbenprächtig erstrahlten sie in den fantastischsten Farben. Eine warme Sonne schien vom Himmel auf die Bürgerinnen und Bürger, die gütig und freundlich miteinander umgingen. Die Tiere in den Wäldern waren so zutraulich, dass die Menschen mit ihnen spielten, und es gab für jeden ausreichend zu essen. Ein Lächeln huschte über ihr schmutziges Gesicht und ihre grünen Augen leuchteten auf.

Ein einsames Licht flackerte in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes. Wahrscheinlich war es der Händler, der so früh aufstand, um seine Waren vorzubereiten, aber sie bemerkte durch den Nebel nur eine schwache Silhouette. Die Zeit war wie im Flug vergangen und in einer Stunde würde es allmählich hell. Die Zeit für Träume war vorbei und sie musste sich beeilen, um nicht gesehen zu werden. Ein Tag mit harter Arbeit lag vor ihr.

Sie huschte die Wendeltreppe hinab und bewegte sich dabei geschickt wie ein Tier von Stufe zu Stufe. Sie kannte die gefährlichen Stellen und brauchte kein Licht, um sicher anzukommen. Dennoch knarrten einzelne der morschen Holzstufen leise, wenn sie unter dem zarten Gewicht von ihr nachgaben.

Am Boden hielt sie kurz inne, um zu lauschen, ob sie bemerkt worden war. Hinter der Tür des Glockenturms lag eine einfach ausgestattete Kirche mit einem daran angeschlossenen Kloster. Der Priester war ein hochaufgeschossener, dünner Kerl mit einer fisteligen Stimme. Es fanden nur wenige Gläubige an den Sonntagen ihren Weg in die Kapelle und die meisten schlummerten sanft während der Predigt. Auch sie nutzte den Gottesdienst zum Aufwärmen an kalten Tagen und der Priester hatte oft ein offenes und verschwiegenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte, auch wenn er diese nicht lindern konnte. Er war ein warmherziger Mann und seine tröstenden Worte hatten ihr bisweilen ein Stückchen Hoffnung gegeben.

In dem Kloster lebten einige Mönche, die tagsüber ihre Zeit im Gebet oder dem hauseigenen Garten verbrachten, der zwischen Kapelle und Friedhof lag und somit von der Straße nicht einsehbar war. Aus der Kapelle drangen leise Stimmen und Gesang, die Ordensbrüder waren Frühaufsteher und bei der Morgenandacht.

Schemenhaft erkannte sie im diffusen Licht des verblassenden Mondes die Umrisse von einzelnen Gebäuden. Es sah heute jedoch nicht danach aus, als würde die Sonne den dichten Nebel gänzlich vertreiben. Ihr war das nur recht, so hatte sie noch einen Augenblick mehr Zeit unentdeckt durch Shirien zu laufen. Auf dem Weg zum Marktplatz kam sie an dem alten Rathaus aus rotem Backstein vorbei. Neben dem Glockenturm gab es nur dieses Gebäude, welches verschiedene Stockwerke hatte und einen ungestörten Blick über die Stadt erlaubte. An Tagen, an denen sie für die Ehefrau des Bürgermeisters arbeitete, beobachtete sie von einem der großen Fenster aus das bunte Treiben in den Gassen. Niemand entdeckte sie dabei und es gab so manches Ereignis, das sicher nicht für ihre Augen bestimmt war.

Sie warf einen raschen Blick durch das kleine Fenster des Barbiers mit seinen filigranen Kämmen und Spangen in der Auslage, bevor sie weiter zu dem Marktstand des Händlers huschte. Vielleicht war dieser so beschäftigt, dass es ihr gelang, einen Apfel zu stehlen. Sie war so hungrig!

Kilaya stand am Hintereingang der Markthalle und lauschte. Das Licht einer Laterne wanderte unruhig hin und her, vielleicht suchte dort jemand etwas. Sie hielt den Atem an, denn falls man sie entdeckte, war es vorbei mit kostenlosem Frühstück. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen bei der Vorstellung in einen köstlichen, frischen Apfel zu beißen und sie seufzte.

Schritte waren zu hören, rastlos, ungleichmäßig, irgendwie hektisch. Das umherwandernde Licht kam dicht an ihrem Versteck vorbei und ihr Herz schlug schneller. Ihre Knie fingen an zu zittern und sie hielt die Luft an, um sich nicht zu verraten.

Unmittelbar vor ihr blieb jemand einige Sekunden stehen, drehte sich unverrichteter Dinge um und entfernte sich erneut. Erleichtert atmete sie aus, wartete noch einen kurzen Moment und schlich eilig in die gigantische Lagerhalle mit den hölzernen Verschlägen. Sie hatte schon oft hier gearbeitet und wusste genau, wo die einzelnen Waren lagerten.

In den verschieden großen Unterständen im hinteren Teil gab es Stoffe für Kleidung, Hüte, Bettwaren und Gardinen, Leder für Schuhe und Beutel, allerlei Küchenbedarf, Töpfe und Geschirr, unterschiedliche Metalle und Erze für den Schmied und Baumaterial zum Bauen und Reparieren von Gebäuden. Ebenfalls hing an den langen Wänden eine zahlreiche Auswahl an Werkzeugen für den Verkauf bereit. Alles, was in einer so großen Stadt zum täglichen Bedarf gebraucht wurde, hatte hier seinen Platz.

In einem zusätzlichen Raum beim Ausgang gab es einen massiven Schank aus Eiche. In diesem verwahrte der Händler unbearbeitete Edelsteine, Gold und Silber, aber auch getrocknete Gewürze und seltene Heilkräuter zur Herstellung von Medizin. Dieser Schrank war immer verschlossen und der Händler trug den Schlüssel an einer langen Kette um den Hals, welchen er unter seinem Hemd verbarg. Sie fragte sich, ob ihre Freundin Poura geschickt genug wäre, diesen zu stehlen. Sie war spindeldürr und wieselflink, ihr gelang es sogar am helllichten Tag, dem Bauer die Kartoffeln vor seinen Augen zu stibitzen, ein kleiner Schlüssel sollte kein Problem für sie darstellen. Schwieriger war es wahrscheinlich, diesen unbemerkt wieder zurückzubringen.

Neugierig warf sie einen Blick durch ein winziges Loch im Schrank, aber es war im Inneren zu dunkel, um etwas zu erkennen.

„Dann eben ein anderes Mal“, dachte Kilaya, „es gibt viel Wichtigeres.“

Die frischen Lebensmittel verdarben schnell und lagerten in Nähe des Verkaufsstandes. Zielsicher schlich sie zum Korb mit den Äpfeln, einer musste reichen, damit der Verlust nicht auffiel. Der Händler war nicht für seine Großherzigkeit bekannt und die Strafe für Diebstahl war der Kerker oder Schlimmeres. Sie zögerte und ein leichter Schauer lief über ihren Rücken, doch der Hunger war stärker, als die Angst vor Bestrafung.

Sie ließ ihre Finger über die Äpfel gleiten. Ganz bewusst griff sie einen Kleinen, nicht so Wohlgeformten und steckte diesen eilig unter ihr Gewand. Jetzt war es höchste Zeit zu verschwinden, bald war es draußen hell und die Gefahr der Entdeckung stieg. Falls sie später für den Händler arbeiten sollte, hatte sie die Gelegenheit anhand seiner Laune feststellen, ob ihr Diebstahl unentdeckt geblieben war.

Bei ihrem Versuch, hinaus zu schleichen, wäre sie fast mit einer Person zusammengeprallt, die unvermittelt vor der Tür stand. Sie konnte den Zusammenstoß gerade noch verhindern und erstarrte zur Salzsäule.

„Jetzt bin ich dran“, dachte sie panisch, doch der Mann hatte ihr zum Glück den Rücken zugewandt. Sein massiger Körper verdeckte die flackernde Kerze in der schmutzigen Lampe, so hatte sie der Lichtschein nicht rechtzeitig gewarnt. Es handelte sich offenkundig um den Inhaber des Lagerhauses.

Diro war groß und fett und sein von der Sonne gebräuntes Gesicht bedeckt mit hässlichen Narben. Eine extrem breite Nase, schmale, kleine Augen und der verkniffene Mund machten ihn unverkennbar und wenn Geiz ein Erscheinungsbild hätte, würde es so unsympathisch aussehen wie dieser Händler.

Er hatte diesen übertrieben höflichen Gesichtsausdruck, der ausschließlich für die Kundschaft bestimmt war. Die zur Schau getragene Freundlichkeit spiegelte sich jedoch nie in seinen Augen und das Lächeln und seine Stimme wirkten aufgesetzt.

Dennoch, die Kunden wertschätzen ihn für seine zuvorkommende Art, sie tätigten ihre Einkäufe, tratschten ausgiebig über dies und das und zudem war er leider der einzige Warenhändler weit und breit.

Sein schütteres Haar bedeckte er mit einer dunkelblauen Filzkappe, die ungefähr die gleiche Farbe wie seine Tunika hatte. Die verschmierte schwarze Hose sah nicht so aus, als ob er sie oft wechselte, auch sprach sein unangenehmer Geruch gegen die regelmäßige Verwendung von Wasser und Seife. Allerdings war dies auch von Vorteil, denn sein Gestank eilte ihm als zuverlässiges Frühwarnsystem voraus.

Unbeweglich verharrte Kilaya in der Hoffnung, dass er schnell weiterging, aber irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, denn er starrte leise brummelnd auf die schmutzige Straße. Sie duckte sich vorsichtig und da er ziemlich breitbeinig stand, versuchte sie durch seine Beine hindurch zu erkennen, was sein Interesse geweckt hatte. Ein Gegenstand lag dort, fast vollständig bedeckt mit schlammiger Erde.

Stöhnend beugte Diro seinen schwerfälligen Körper, um seine Entdeckung zu begutachten. Dabei erhellte seine Lampe für einen Augenblick den Boden und sie erhaschte einen kurzen Blick auf den Gegenstand. Es handelte sich augenscheinlich um eine filigrane Kette mit einem Anhänger oder Amulett.

„Sicher hat es jemand dort verloren“, mutmaßte sie. Diro gab ein zufriedenes Grunzen von sich, nahm den Anhänger zwischen die feisten Finger, wischte den groben Dreck an seinem schmutzigen Hemd ab und betrachtete seinen Fund von allen Seiten. Dann ertönte ein hartes, boshaftes Lachen, dass nichts Gutes bedeutete. Er hatte Gegenstand und Besitzer offensichtlich erkannt!

Gehässig murmelnd ließ er die Kette in seinen Beutel gleiten und begab sich Richtung Marktstand. Kilaya atmete erleichtert aus. Die Morgendämmerung war am Horizont zu erahnen und der Nebel lichtete sich leicht, es wurde höchste Zeit für sie zu verschwinden.

Auf dem Weg zum Waisenhaus biss sie herzhaft in ihren Apfel, der zwar klein, aber einfach nur köstlich war. Sie grübelte, wem die Kette mit dem Anhänger gehörte und warum Diro so gemein und selbstzufrieden gelacht hatte.

„Ob er sie behält?“, rätselte sie, „er schließt sie sicherlich in seinen Eichenschrank ein und falls nicht, schlägt er gewiss ordentlich Profit aus seinem Fund. Ich werde in nächster Zeit Augen und Ohren offen halten. Wenn ich den Eigentümer vor ihm finde, kann ich ihm verraten, wer die Kette gefunden hat. Wenn es sich um ein Erbstück handelt, bekomme ich vielleicht eine kleine Belohnung für meine Information.“

Im Waisenhaus angekommen, kletterte sie durch das Kellerfenster, welches sie vorsorglich offengelassen hatte, um über die hölzernen Stufen in den ersten Stock zu huschen, dort lag der große Schlafsaal und gleich würde die Aufseherin kommen, um sie zu wecken. Es war bitterlich kalt in dem kahlen schmucklosen Raum, aber der Rest des Heims war gleichfalls kaum beheizt. Nur in der Küche und den Schlafräumen des Direktors und seines Personals brannte regelmäßig ein wärmendes Feuer im Kamin.

Es gab fünf Betten in dem Mädchen-Schlafsaal, aber einen Ofen suchte man vergebens. Aus den beiden Fenstern hatte man einen guten Blick auf die ehemalige Stadtmauer, denn das Waisenhaus befand sich etwas außerhalb. Die Einwohner von Shirien erfreuten sich an der Arbeitskraft der Waisen, aber vermieden den direkten Sichtkontakt auf das brüchige Gebäude und das dortige Elend.

In klaren Nächten schauten die Mädchen hinauf zum Mond und den unzähligen Sternen. Die Jüngeren gedachten ihrer verstorbenen Eltern und schickten ein sehnsüchtiges Gebet in die Dunkelheit. Sie wünschten sich ein neues, liebevolles Zuhause und die Geborgenheit einer eigenen Familie. In den schmalen Betten lagen sie zu zweit und es war entsprechend eng. Jedoch war das die einzige menschliche Wärme in ihrem Leben und so manche Träne trocknete bei einer stummen Umarmung. Die Decken bestanden aus Tierhaaren, von den größeren Kindern mühsam eingesammelt und verarbeitet. Diese kratzten schrecklich und sehr warm hielten sie auch nicht, aber es war alles, was sie hatten.

Im zunehmenden Licht des Morgens fand Kilaya zielsicher ihr Bett, das sie mit ihrer Freundin teilte und kuschelte sich eng an diese.

„Wo warst du?“, zischte Poura erbost.

„Wieder auf dem blöden Turm? Und natürlich auch diesmal ohne mich!“ Schmollend zog sie sich zurück.

„Wenn du mich bei deinen nächtlichen Ausflügen nicht bei dir haben möchtest, spende ich dir auch keine Bettwärme!“ Sie kräuselte ihre feine Nase.

„Es riecht ganz köstlich nach frischem Obst, hast du mir etwas mitgebracht?“ Hoffnungsvoll stupste sie ihre Freundin und der wütende Unterton war verschwunden.

Bei dem Wort Obst lugte eine winzige, zitternde Nasenspitze aus dem Nachthemd von Poura hervor. Jangmi, ihre zahme, grau-gestreifte Ratte hatte mit ihrer feinen Nase ebenfalls den Obstgeruch wahrgenommen. Kilaya senkte beschämt die Augenlider. Wie sollte sie jetzt erklären, dass sie den stibitzten Apfel regelrecht verschlungen hatte. Schuldbewusst hob sie ihren Blick und schaute in die hoffnungsvoll aufgerissenen blauen Augen ihrer Gefährtin, die sich schlagartig entrüstet verdunkelten.

„Typisch, immer zuerst an sich selbst denken. Nächstes Mal bringe ich dir vom Bauern auch nichts mehr mit. Hast du wenigstens eine Kleinigkeit für mein Rattenmädchen? Ich brauche doch etwas zur Belohnung, damit sie noch mehr Kunststücke lernt.“ Sie hatte sich aufgesetzt und ihre Arme verschränkt, so dass Jangmi durch die abrupte Bewegung unvermittelt auf die Decke plumpste. Zum Beweis ihrer erlernten Tricks legte sie sich reglos auf den Rücken und spielte „tote Ratte“, aber nur um Augenblicke später geschickt den Bettpfosten hochzuklettern. Oben richtete sie sich auf und hob artig ihre Vorderpfoten. Kilaya fand, dass sie unglaublich putzig aussah, bereits sehr viele Tricks auf Lager hatte und lachen leise.

„Ja, du hast natürlich recht“, nickte sie schuldbewusst, „unser kleines Rattenmädchen hat uns mit ihren Ablenkungsmanövern so manche Gelegenheit verschafft, die ein oder andere Leckerei vom Marktstand oder beim Bauern zu ergattern und du musst ihr auf jeden Fall noch mehr solche nützlichen Kniffe beibringen.“ Es war eine geniale Idee, eine von den zahlreich vorhandenen Ratten zu zähmen. Ein unauffälligeres Haustier gab es nicht. In einer Welt voller Ratten rechnete keiner damit, dass eine darunter zahm war und auf Kommandos hörte.

Wie zum Beweis pfiff Poura leise durch ihre Zähne. Jangmi kam wieselflink auf ihren winzigen Pfoten angelaufen, sprang hoch und schlüpfte erneut in das weite, dünne Nachthemd.

Die klobige Tür zum Schlafsaal öffnete sich laut polternd. Im Rahmen stand die Aufseherin, eine kleine, untersetzte Frau in den mittleren Jahren. Ihre langen, bereits grau werdenden Haare trug sie unter einer hellen Haube und das grüne Kleid reichte bis zum Boden. In der gleichen Farbe wie die Kopfbedeckung hatte sie eine Schürze umgebunden. Ihre Stimme hatte Ähnlichkeit mit dem lauten und schrillen Kreischen von wilden Vögeln und spiegelte ihr fehlendes Mitleid, Wärme oder Trost suchten die Kinder bei ihr vergebens.

„Aufstehen, ihr Plagen! Und trödelt gefälligst nicht herum, ich habe Dringenderes zu erledigen, als mich jeden Tag um euch Schmarotzer zu kümmern.“

Still und diszipliniert standen die Mädchen auf, um sich mit kaltem Wasser zu waschen und anzuziehen. Auf dem Weg zum Speisesaal kamen sie an auch dem Schlafsaal der Jungen vorbei, auch hier redete oder lachte niemand. Die Kinder sammelten sich auf dem länglichen Flur, traten gemeinsam hinein und nach dem Morgen-Gebet setzten sie sich schweigend an die schmucklosen Holztische. Es gab ein karges Frühstück, das aus trockenem Brot, Schweineschmalz und lauwarmen dünnen Tee bestand. Wenn, was nicht sehr oft vorkam, ein Kind Adoptiveltern fand, spendeten diese manchmal etwas Milch, Fleisch oder Käse, aber davon aßen sich ausschließlich der Heimleiter und sein Personal satt.

Ab dem Alter von vier Jahren waren die Kinder gezwungen, ihr Essen und die Unterkunft mit harter Arbeit zu verdienen, oftmals auch mit betteln. Zum Glück war Kilaya geschickt und fleißig und die Bewohner von Zomihra schätzten ihre Zuverlässigkeit, so dass ihr diese Demütigung oft erspart blieb.

Sie schrubbte Böden, wusch Berge von Wäsche, sammelte Holz, Pilze und Beeren und führte Botengänge aus. Es kam sogar vor, dass die Auftraggeber großzügig waren und ihr zusätzlich etwas zu essen, oder getragene Kleidung schenkten, aber oft genug waren auch nur Schläge und Beschimpfungen nach getaner Arbeit ihr Dank. Höchst widerwillig arbeitete sie für den Händler Diro, der im Überfluss lebte, aber für seinen großen Geiz und seine Hinterlistigkeit bekannt war.

„Soll dir dein Geiz im Hals stecken bleiben“, schimpfte sie leise, „mein gerechter Lohn ist ab und zu einer deiner Äpfel. Dir fehlt er nicht und mich macht er satt!“

In Shirien erwachte langsam das Leben. Auf dem zentral gelegenen Marktplatz gab es einen eleganten Brunnen mit kunstvollen Ornamenten und Bildern aus Mosaiksteinen verziert. An warmen Tagen trafen sich die Bürger dort, um zu tratschen und Kontakte zu pflegen. Die Kaufleute hatten ihre Geschäfte im Umkreis, denn wer Zeit zum gemütlichen Plaudern hatte, erledigte bei dieser Gelegenheit auch seine täglichen Einkäufe bei Diro oder hatte einen Termin beim Schneider oder Barbier.

In dem großen Gebäude aus grob geschlagenen dicken schwarzen Steinen befand sich eine Bank und in den seitlichen Gassen lebten und arbeiteten Bäcker und ein Schmied.

Das prächtigste und größte Haus in der Stadt war jedoch das Rathaus. Es hatte kleine verspielte Giebel und bunte Türmchen auf dem Dach. Die Fenster waren groß und die Rahmen aufwendig bemalt. An wolkenlosen Tagen fielen die Sonnenstrahlen direkt in die großzügigen Zimmer und spiegelten sich auf den polierten Holzfußböden, so dass man Lust hatte zu tanzen, natürlich nur wenn keiner zusah.

In unmittelbarer Nachbarschaft stand die kleine Kirche mit dem hohen, verfallenen Glockenturm, dem Kloster und seinem Friedhof. Weit außerhalb der Stadtmauern wohnte einer von den zahlreichen Bauern mit seiner Familie und den Knechten. Sie produzierten auf ihren Feldern Obst, Gemüse und Getreide und in ihren Stallungen züchteten sie Pferde, Kühe, Schweine und Hühner. Auch ein Wanderhirte deckte mit seiner Schafherde den Bedarf an Wolle, aus der die Schneider emsig neue Kleider und Schuhe nähten. Zum Tausch belieferte Diro die Bauern mit fester Kleidung, Baumaterial und Werkzeug.

Der Morgen war kalt und die Bewohner von Shirien sehnten das Ende des langen Winters herbei. Übertrieben freundlich näherte sich Diro dem Barbier, der in einem intensiven Gespräch mit dem Schneider wild gestikulierend am Brunnen stand.

„Diese Schwätzer, Verschwenden ihre Zeit mit überflüssigem Geplapper über Frisuren, neue Kleider und anderen unnützen Schnickschnack!“, grübelte er, „aber Kunde ist Kunde und Geschäft ist Geschäft. So lange sie mich bezahlen, soll es mir gleich sein, über wen oder was sie sich ihr Maul zerreißen.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem noch breiteren Lächeln.

„Guten Morgen, die Herren“, säuselte er zuvorkommend, „es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, meine werten Geschäftspartner bereits so früh hier anzutreffen. Ich hoffe, ihre Familien erfreuen sich bester Gesundheit.“ Er deutete eine leichte Verbeugung an, die höflich erwidert wurde.

„Gibt es wichtige Neuigkeiten, oder worüber regt ihr euch derart auf, wenn ich fragen darf?“ Die beiden Geschäftsleute waren vorzügliche Informationsquellen für jeglichen Klatsch und Tratsch. Aufgeregt und wild gestikulierend antworteten sie fast zeitgleich, so dass Diro kein Wort bei dem Durcheinander verstand.

„Heute in der Früh kam die Magd des Bürgermeisters zu uns und erzählte, dass dieser anlässlich des tausendjährigen Bestehens unserer Stadt ein Fest plant. Was für eine große Freude und stell dir vor, alle wollen bestimmt neue Kleider und aufwendige Frisuren. Das muss gut vorbereitet werden und da haben wir ein gehöriges Wörtchen mitzureden, sollte man meinen.“ Beide tänzelten euphorisch von einem Bein auf das andere und blickten gespannt auf Diro.

Dieser schaute in die vor Aufregung und Begeisterung rötlich gefärbten Gesichter und überlegte angestrengt, was er jetzt sagen sollte, ohne seine wahren Gedanken zu offenbaren.

Um etwas Zeit zu gewinnen, strich er sich betont nachdenklich sein breites Kinn.

„Sieh an, sieh an“, frohlockte er in sich gekehrt, „es ist also ein Fest geplant. Sehr interessant. Das bedeutet reichlich Kundschaft und opulenten Umsatz!“ Innerlich rieb er sich die Hände, rechnete seinen möglichen Profit hoch und überlegte, wie er die Feierstimmung für seine Zwecke ausnutzen konnte. Schließlich war es seine Aufgabe überteuerte Waren zu Phantasiepreisen zu veräußern.

„Trinken, Fressen, Tanzen, das volle Programm. Im Suff achtet keiner auf meine kleinen Preisanpassungen.“ Solche Gelegenheiten gab es viel zu selten für seinen Geschmack.

Jetzt musste er jedoch zuerst diese Tölpel weiter ausquetschen, er brauchte viel mehr Informationen für seine Planung und wandte sich gut gelaunt den beiden zu.

"Das sind die tollsten Nachrichten seit Jahren. Dieses Jubiläum bietet eine hervorragende Gelegenheit für unsere Stadt sich zu schmücken und von der besten Seite zu zeigen. Wir hatten viel zu lange keinen Anlass mehr, ausgiebig zu feiern und hoffentlich kommen viele der entfernt lebenden Einwohner von Zomihra, um der Hauptstadt mal wieder einen Besuch abzustatten. Hat die Magd gesagt, wann das Fest stattfindet, schließlich gibt es für uns Geschäftsleute viel vorzubereiten und das braucht ausreichend Zeit, oder etwa nicht?", fragte Diro lauernd.

Fassungslos sahen sich seine beiden Geschäftspartner an und ein Anflug von aufkommender Panik erschien in den Augen des Barbiers.

„Oh Gott, ich habe ganz verdrängt zu fragen. Ich war so aufgeregt neue Frisuren-Kreationen im Geiste zu entwerfen, dass ich diese wichtige Frage total vergessen habe. Für so eine Gelegenheit darf ich nichts dem Zufall überlassen. Aber unser Bürgermeister ist ein kluger Mann, er hat das bestimmt bedacht und gibt uns ausreichend Zeit für die Organisation. Trotzdem, ich für meinen Teil werde so früh wie möglich mit den Vorbereitungen beginnen“, säuselte er.

Theatralisch warf er seinen Kopf in den Nacken und auch der Schneider klatschte zustimmend in die Hände und tupfte sich die winzigen Schweißperlen von der Stirn, die sich dort trotz der morgendlichen Kälte gebildet hatten. Mit seinem sichtlich feuchten Spitzentuch wedelte er vor Diros Gesicht herum, so dass dieser angewidert einen Schritt zurücktrat.

„Da du zufällig hier bist, wie ist denn dein Lagerbestand an Kämmen, Schmuckspangen und Pomade?“, wollte der Barbier wissen.

„Richtig, und wie sieht dein Vorrat an bunten Tüchern, exquisiten Stoffen für festliche Garderobe, Leder für Stiefel und neue Damenschuhe aus?“, fragte auch der Schneider aufgewühlt.

Diro strahlte und seine Augen leuchteten gierig.

„Was für Aussichten und diese Deppen zahlen jeden Preis, den ich ihnen nenne.“ Sein Gesicht verzog sich ungewollt zu einem verschlagenen Grinsen und er beeilte sich, sein geschäftsmäßiges Lächeln aufzusetzen, bevor seine Kunden misstrauisch wurden.

„Ich fahre in den nächsten Tagen wahrscheinlich auf eine längere Handelstour durch unser Land. Ihr müsst mir nur auftragen, was ihr benötigt. Sollte ich es nicht bereits auf Lager haben, werde ich es selbstverständlich organisieren. Kommt doch vorher vorbei und seht euch in meiner Lagerhalle um. Bedenkt jedoch, dass Spezial- und Sonderbestellungen längere Lieferzeiten haben und ihr entsprechend vorsorgen solltet. Ihr wisst ja, gute Planung ist alles.“

Nach diesen Worten griff sich der Barbier mit einer großen theatralischen Geste an seine Stirn und seufzte herzzerreißend.

„Ob ich das schaffe? So schrecklich wenig Zeit. Schnell, schnell, schnell nach Hause und ich muss dringend diese Magd finden und fragen, wann die Feier stattfindet. Wie kann ein Künstler wie ich unter diesem Druck vernünftig arbeiten. Hinterher heißt es noch, wer hat diese scheußlichen Frisuren der hochwohlgeborenen Damen zu verantworten und auch die Bärte der werten Herren brauchen ausreichend Zuspruch, ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren.“

„Was denn für einen Ruf?“, fragte der Schneider mit spitzer Zunge, „in meiner Werkstatt gilt es kurzfristig aufwendige Kleider zu entwerfen, Stoffe auszusuchen und zuzuschneiden und im Gegensatz zu dir, benötige ich viel Personal, die ihr Handwerk verstehen und die Garderobe sorgfältig vernähen und dekorieren. Du hingegen schmierst Pomade auf irgendwelche Haare oder setzt dem kahlköpfigen Bürgermeister seine Perücke gerade auf die großen Ohren. Das kann jedes dahergelaufene Kind!“ Er blickte zum Himmel und rollte mit den Augen bei der Vorstellung der zusätzlichen Arbeit, die auf ihn wartete. Den beleidigten Blick des Barbiers ignorierte er geflissentlich, doch dieser konterte sarkastisch.