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Ein alter Kämpfer, mit Beinamen »der Dichter«, und ein junger Enthusiast reisen zufällig im selben Zugabteil nach Diyarbakir, trinken, rauchen Hasch, reden, bis »der Dichter« auf einmal dem jungen Mann ein Konvolut mit Manuskripten in die Hand drückt und sagt: »Los, lies!« Die lose miteinander verwobenen Erzählungen, Beschreibungen und Gespräche handeln, wie der junge Mann bald feststellt, von seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Gleichzeitig wird damit die Geschichte einer ganzen Generation erzählt, die die Hoffnung auf eine Revolution nie aufgegeben hat. Dieses Erstlingswerk ist eine literarische Sensation und sorgte bei seinem Erscheinen für Furore, weil der Roman auf hohem sprachlichen Niveau sämtliche Tabus bricht. Gleichzeitig hat der junge Autor mit Zorn die inoffizielle Geschichte der Türkei seit den Fünfzigerjahren bis heute geschrieben.
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2019
Murat Uyurkulak erzählt die Geschichte einer ganzen Generation, die die Hoffnung auf eine Revolution nie aufgegeben hat. Der Roman, der auf hohem sprachlichen Niveau sämtliche Tabus bricht, ist gleichzeitig die inoffizielle Geschichte der Türkei seit den Fünfzigerjahren bis heute.
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Murat Uyurkulak (*1972) ist Auslandsredakteur der Tageszeitung Bir Gün. Sein erster Roman wurde 2002 veröffentlicht und erregte sofort größtes Aufsehen, seither gilt er als eine wichtige literarische Stimme in der zeitgenössischen türkischen Literatur.
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Gerhard Meier (*1957) studierte Romanistik und Germanistik. Seit 1986 lebt er bei Lyon, wo er literarische Werke aus dem Französischen und aus dem Türkischen (Hasan Ali Toptas, Orhan Pamuk, Murat Uyurkulak) überträgt. 2014 wurde er mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.
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Murat Uyurkulak
Zorn
Roman
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier Mit einem Nachwort von Jens Peter Laut
Türkische Bibliothek
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel Tol bei Metis Yayμnlarμ Istanbul.
Türkische Bibliothek im Unionsverlag, Zürich, herausgegeben von Erika Glassen und Jens Peter Laut
Eine Initiative der Robert Bosch Stiftung
Originaltitel: Tol (2002)
© by Murat Uyurkulak 2002
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Erol Akyavaş, Frauenserie (1962–64)
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30564-9
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
ZORN
Die wichtigsten Personen im ÜberblickErster Teil1 – Die Revolution war einst eine Wahrscheinlichkeit, und sie …2 – Mich weckte ein Geruch nach Rakı auf …3 – Mein Vater war nicht da4 — Perlen5 – Am Rand des letzten gelblichen Blatts fiel mir …6 — Fliegen7 – Mein Bewusstsein ging aus wie ein Fernseher8 — Flaschen9 – Der Dichter blätterte die Zeitungen durch. Hin und …10 — Fische11 – Als ich am Bahnhof gerade eine Flasche Milch …12 — Regen13 – Das hieß also, mein Vater war ein Heimkind …14 — Zentimeter15 – Wie viele Stunden weinte ich, wie viele Tage …Zweiter Teil1 — Müll2 — Gewehre3 — Gespräche4 — Wörter5 — HundeDritter Teil1 – Ich nahm die Flasche, sie war lauwarm …2 — Vorhänge3 – Der Zug hielt. Wir stiegen aus4 — Spiegel5 – Plötzlich hörten wir einen Schrei: »Tor!«6 — Teller7 – Mit einem pensionierten Literaturlehrer und einem jungen Bügler …8 — Briefe9 – Der Dichter kam zurück. »Bist du fertig mit …NachwortWorterklärungenZur Aussprache des TürkischenUmschlagmotivNachwortMehr über dieses Buch
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Über Gerhard Meier
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Die Revolution war einst eine Wahrscheinlichkeit, und sie war sehr schön.
Ich erinnere mich an barfüßige Kinder, die alte Paläste beäugten. An sonnenverbrannte Männer, die breite Straßen auf und ab gingen, an finster blickende Frauen, die Brombeeren aßen, an Menschen mit eingefallenen Wangen, die harte Reden führten.
Meine Mutter hatte ein loses Maul.
Wenn sie es aufriss in ihrem narbenübersäten, einer zerknautschten Wunde gleichen Gesicht, das wohl nur ich furchtlos anschauen konnte, dann sagte sie immer wieder dasselbe: »Die haben uns gefickt. Und unsere Kinder werden sie auch ficken. Egal, was sie an Geschichte, Gebeten, Waffen und Ruhm auch haben, sie werden alles auf uns runterkotzen.«
Sie war ein bisschen verrückt, meine Mutter. Als ich in die Grundschule kam, brachte sie sich um.
Auch ein vaterloser Yusuf bin ich. An dem Morgen, als ich den Sicherheitsrat mit eigenen Augen sah, war ich ein braves, altkluges Kind. Ich hatte wieder ins Bett gemacht. Beschämende Kühle weckte mich auf. Ich schob den Vorhang zurück und sah auf den schmächtigen Soldaten hinab, der vor dem Tor des Kinderheims Wache schob.
Wie hätte ich ahnen sollen, dass sich in der Uniform dieses Soldaten schon damals ein kakifarbenes Messer zu wetzen begann, das mein ganzes Leben von oben bis unten aufschlitzen würde? Der Pinkelgeruch war angenehm und Kaki eine seltsame Farbe. Ich habe nie etwas ausgelebt, nie richtig meinen Hunger gestillt, nie richtig losgeschrien, nichts richtig berührt. Das Messer hat sich wie ein entsetzliches Flüstern in meine Seele geschraubt und mich genau in der Mitte gespalten. Ein Leben habe ich meiner Seele nie bieten können.
Und doch bin ich vor jenem Morgen noch ein Yusuf mit heiler Seele gewesen.
Jahre später war ich irgendwie immer noch Yusuf. Ich dachte viel nach, verlor mich völlig in meinen Gedanken. Man fragte mich andauernd, woran ich denn denke. An irgendjemanden, irgendwas, irgendeinen Ort, sagte ich dann, aber damit gaben sie sich nie zufrieden. Wie ausgehungerte Hunde fragten sie weiter: An wen, an was, an welchen Ort?
Wenn ich gesagt hätte, an meine Schulden, hätten sie mir nicht geglaubt. Meine Schulden befremdeten sie. Jahraus, jahrein trug ich die gleichen Schuhe, das gleiche Hemd, die gleiche Jacke. Kein einziges Mal bestellte ich mir irgendwo Tee, das Magenknurren am Mittag unterdrückte ich mit einem Sesamkringel, jede Strecke kannte mich nur als Fußgänger, nie ließ ich mich auf eine Geburtstagsparty ein.
Ich denke an Aynurs Brüste, hätte ich unmöglich sagen können. Aynur war die studierte Geliebte des Chefs. Ihre Brüste waren unerreichbar teuer.
So sagte ich, ich denke an IHN. Und wenn sie mich dann fragten, wer das denn sein soll, dann sagte ich, na ja, ER eben, den ihr nicht kennt und ich auch nicht, ein anderer ER, jedermanns ER. Da lachten sie natürlich. In ihren Augen war ich ein harmloser Spinner.
Dass meine Existenz auf dieser Welt so problematisch sein würde, davon hatte ich ja keine Ahnung! Mit zwanzig war mir ein Leben vorherbestimmt, dessen Form, Richtung und Name mir deutlich vor Augen standen. Mit dreißig dagegen war ich so verdattert wie ein von tausend Türen weggescheuchtes Huhn. Ich hatte keine Richtung, keine Form und keinen Namen mehr. Nichts von dem, was ich wusste, was ich gelernt hatte, erschien mir noch sicher. Wenn ich den Mund öffnete, klappten mir die Lippen schwerfällig auf und zu wie bei einem Fisch, und in meinem Gehirn schwappte eine dunkle, warme Flüssigkeit herum, die jeden meiner Gedanken lähmte. Dabei musste der Mensch doch, wenn er älter wurde, wenigstens irgendeine Gewissheit haben?
Ich hatte aber gar keine Zeit, um über die Gründe meiner Armseligkeit ausgiebig nachzudenken. Für Menschen um die dreißig war die Zeit genau das, von dem sie am wenigsten besaßen und dem sie am meisten nachtrauerten. Bei manchen Leuten war es zwar so, dass die Zeit mit angemessenen Aufgaben zusammentraf, die alle in einen Sack passten und sich erledigen ließen. Für Menschen von meinem Schlag galt hingegen, dass zwischen einem Leben, das sich nicht zu betten wusste, und einer Zeit, die über jegliche Freude hinwegging, nur eine reichlich quälende Begegnung zustande kam.
Auf der Anzeigetafel stand immer:
Zeit: 1 – Huhn: 0.
Hin und wieder hattest du aber Gelegenheit, die Tafel abzuwischen. Dann bist du eines Morgens aufgestanden, hast dem Rauchen, dem Saufen und anderen Gemeinheiten abgeschworen, hast einen Pinsel zur Hand genommen und die ganze Anzeigetafel von oben bis unten mit weißer Farbe überstrichen. Dann hast du dich glückselig lächelnd davor aufgebaut und deine letzte Zigarette geraucht. Aber dieses frische Glück, dieses Gefühl, in einem kraftstrotzenden Wagen ganz leicht aufs Gaspedal zu tippen, dahinzuschmelzen wie ein Himbeereis, begann sich schon beim ersten Zug abzunützen wie ein allzu treuer Bolzen. Da fingst du schon an, dich auf das Unvermeidliche einzustellen, das allzu Bekannte. Bist zur Arbeit gegangen, hast Überstunden gemacht, und als du am Abend deine Stammkneipe betreten hast, stand auf der Anzeigetafel, diesmal in schwarzen Ziffern, ein noch schlimmeres Ergebnis:
Leben: 5 – Fisch: 0
Es hat nicht jedes Lebensalter seinen besonderen Reiz. Überhaupt hat kein Alter, dessen du dir bewusst bist, irgendeinen Reiz. Alter würde etwas sein, das du gar nicht kennst. Wenn sie dich nach deinem Alter fragten, würdest du stutzen und erst mal zu rechnen anfangen. Überbringer von Geburtstagsgeschenken würdest du als Provokateure ansehen. »Ihr sollt meine Jahre nicht zu einem Paket verschnüren, lasst sie gefälligst auseinander!«
Und dennoch kam es einmal so weit mit mir, dass ich mein Leben fast im Minutentakt zählte, ja sekundengenaue Berechnungen anstellte. Wenn ich abends spät nach Hause kam, schlug ich mein kariertes Heft auf und schwärzte vierundzwanzig Kästchen meines auf zehn Jahre angelegten und dreihundert Seiten umfassenden Zeitrechnungsplans. War ich aber zu müde und schlief vorher ein, dann konnte ich am Abend darauf freudestrahlend und mit vor Aufregung zitternden Händen feierlich auf einen Schlag ganze achtundvierzig Kästchen erledigen. Vor lauter Genugtuung kamen mir fast die Tränen.
Richtig zufrieden war ich mit diesem Vierundzwanzigstundenrechner allerdings nicht. Ich träumte davon, einen Plan anzulegen, mit dem sich auch einzelne Minuten abziehen ließen und den ich am besten auch noch mit mir herumtragen könnte, um jederzeit die entsprechenden Kästchen zu schwärzen. Aber das war schwer, alles war immer schwer. Ich musste mich mit den vierundzwanzig Stunden begnügen und die Achtundvierzigstunden-Abende als Feste ansehen.
Über viele Jahre hinweg fand ich Trost im Alleinsein. Zum Alleinsein schienen sich nämlich gar nicht so viele Gelegenheiten zu bieten, wenn man daraus schließen durfte, dass jeder immer darüber klagte, er könne nicht allein sein, bis genug Klagende beisammen waren und sich gierig übereinander hermachten. Ich hingegen war nicht nur weit davon entfernt, mich zu beklagen, sondern kultivierte meine Einsamkeit geradezu. Die beiden Tische, die in meinem Leben einen wichtigen Platz einnahmen, hütete ich wie meinen Augapfel. So ließ ich weder an meinen Schreibtisch noch an meinen Tisch in der Kneipe irgendjemanden heran, und wer sich doch in meine Nähe wagte, den empfing ich mit einem derart erhabenen Schweigen, dass ich bald wieder in meine eigene Welt versinken durfte, ohne je mehr einstecken zu müssen als ein paar spitze oder spöttische Bemerkungen.
Es kamen durchaus auch Frauen an meinen Tisch. Die meisten davon waren betrunken, geprügelt, verhärmt und hielten mich für einen Endzeitpropheten oder für einen blassen, mit literarischen Wundern schwanger gehenden Dichter. Bis sie wieder abzogen, dauerte es immer nur Minuten. Dann ging ich zu mir nach Hause, legte meinen Lieblingsporno ein und verschwand berauscht in einem zähen Leibermeer.
Die Frauen hatten schon recht. Mit knapp zwanzig glaubte ich, wunderbare Gedichte zu schreiben. Was ich schrieb, war mein Schicksal und deshalb von zwingender Kraft. Ich war ein Auserwählter. Ich versorgte meine Umgebung mit Wörtern, die mir aus einer zerfallenden und wieder neu erstehenden Welt zuflossen, aus Gegenden, die nur mir allein bekannt und erreichbar waren. Es waren unfassbare, göttliche, verzaubernde Wörter. Ging das nicht schon daraus hervor, dass ich nicht eines dieser Wörter schreiben konnte, ohne zu weinen, vor Sterbensangst zu erzittern und wieder jemanden in meine geistige Todesliste aufzunehmen?
Es ging sehr wohl daraus hervor.
Eines Tages entflossen meinem Mund einige Straßennamen, Hausnummern und Personennamen, und die göttliche Stimme verstummte und wurde nie wieder vernommen. Sobald meine Knochen wieder zusammengewachsen und meine Wunden verheilt waren, hoffte ich, ER würde mir verzeihen oder mir wenigstens ermöglichen, das Geschehene zu erklären.
Es kamen aber aus zwei Wohnungen drei Leichen heraus, und so wurde nichts aus meinem Wunsch.
Ich ließ also die Stadt samt meinen Gedichten zurück und kam in diese Großstadt, in der ich niemanden kannte und niemand mich.
Wenn sie mich fragten, woran ich dachte, dann sagte ich, an IHN. Und am liebsten hätte ich hinzugefügt: Es ist ein so riesiger, unerschrockener, gewaltiger ER, dass ich glaube, ER war mir einst so nah, wie ich mir selbst bin.
An manchen Abenden ersoff ich fast im Alkohol, dann setzte ich mich vor den mit Hunderten kleiner Bilder, Artikel und Fotos bedeckten Tischspiegel und hob in ungelenken Worten zu einem aussichtslosen Flehen an: »Mein Gott, sag mir, was hätte ich denn noch machen sollen? Als alle vor lauter Schlägen zu eisesstarren Verrückten wurden, bin ich da nicht aufgestanden? Sind mir da nicht Flügel gewachsen, konnte ich da nicht die blutleere Revolution mit meinen langen, kühlenden Atemzügen in Schwingung versetzen? Habe ich da nicht eingestimmt in die Lieder meiner Brüder, die eine zerschmetterte Revolution wiederbeleben mussten? Und habe ich nicht von West nach Ost liebestrunkene Schmetterlinge fliegen lassen? Vergib mir, vergib mir, vergib mir …«
Zwischen den Fotos war eine kleine Stelle frei geblieben, auf die fiel immer wieder mein linkes Auge, und dann weinte ich nur mit diesem einen Auge. Ich wagte es nicht, die Stelle zu überkleben und den Spiegel ganz zu bedecken. Mein linkes Auge war mein lebender, sich erinnernder Teil. Mit diesen halben Erinnerungen gedachte ich ein gleichförmiges Leben zu Ende zu bringen. Während mein linkes Auge sich selbst noch ein letztes Mal in der frei gebliebenen Stelle im Spiegel betrachtete, würde ich wieder von der immer gleichen Wohnung ins immer gleiche Büro, vom immer gleichen Büro in die immer gleiche Kneipe und von dort wieder in die gleiche Wohnung gehen, den immer gleichen IHN anflehen und danach mit einem Revolver in der Hand die verbleibenden vierundzwanzig Kästchen schwärzen und mich in den Schatten zurückziehen.
Doch da hatte ich mich getäuscht.
Mein Leben sollte sich plötzlich in eine Stadt verlagern, über deren Existenz ich mir nicht einmal gewiss war.
Endlich würde ich den Reißverschluss meiner Seele zuziehen.
Und mein Ehrgefühl ein wenig zurechtrücken.
Ich, Yusuf, arbeitete als Korrektor in einem Verlag, der Mainstream-Bücher herausgab. Ich korrigierte Bücher, die aus Lexikoneinträgen und Geschichtschroniken zusammengeschustert wurden. Jeden Tag sah ich zu, wie dunkelhaarige Männer und Frauen mit Stößen von feuchtem, schlechtem Papier unterm Arm zur Tür hereinkamen, aus ihren Bärten, Haaren und sämtlichen intimen Stellen vor Wut geradezu rauchten und hochkant wieder rausgeschmissen wurden.
Der Verleger, dem das Gewissen unter die Gürtellinie gerutscht war, konnte sich aufgrund seines Ansehens nur schwerlich vorstellen, dass er auf meiner Todesliste einen der fünf ersten Plätze einnahm. Bei dem Tod, den ich mir für ihn ausgedacht hatte, spielten nicht nur ein Scheiterhaufen aus seinen eigenen Büchern, sondern auch eine Guillotine und ein Katapult eine Rolle.
Als Korrektor ist man eine Art Triebtäter. Korrektoren sind Leute, die plötzlich von einer frisch gedruckten Seite aufblicken und in das Gewand eines Serienkillers schlüpfen können. Zumindest alle, die ich kannte – mich eingeschlossen –, waren so.
Gefunden hatte ich diese Arbeit durch einen seltsamen Zufall: Eines Tages hörte ich in einer Kneipe am Nebentisch jemanden lauthals lachend erzählen, wie in irgendeinem Verlag ein altgedienter Korrektor entlassen worden sei, weil er abends am Schreibtisch seinen Arbeitstag masturbierend ausklingen ließ. Ich wiederum masturbierte damals zwar oft, aber auf meinem Hotelbett und höchstens unter Zuhilfenahme einer schmutzig gelben Boulevardzeitung. So hatte ich genügend Zeit und Geduld, um einen Arbeitstag auf anständige Weise hinter mich zu bringen.
Am nächsten Tag wurde ich bei dem Verlag vorstellig, blickte der Frau, die mich empfing, treuherzig in die Augen und wurde genommen. Irgendwann hieß es dann, ich sei ein intelligenter Mensch. Ich arbeitete mich ein, ohne je einen Rüffel zu bekommen, schuftete wie ein Verrückter, sah nicht nach rechts und nicht nach links, und schließlich hatte ich den Bogen raus. Bei fünfhundert korrigierten Seiten entging mir kein einziges falsch gesetztes Komma. Alle Zeichen und Wörter hatten wie Ziegelsteine ihren bestimmten Platz; es genügte, sie dort einzupassen.
Daher war es wohl tatsächlich echtes Bedauern, was ich auf dem Gesicht meines Chefs las, als er eines Morgens heftig paffend in dem abgerissenen grünen Aktenbündel auf seinem Schreibtisch blätterte und mir schließlich bedeutete, ich sei entlassen. Ich war ein fleißiger, stiller, folgsamer Mitarbeiter. Seit Jahren arbeitete ich für ein Butterbrot, ohne je aufzumucken. Warum sollte der Mann mich entlassen? Es waren doch alle Verfahren gegen mich eingestellt worden, und ich dachte, dass die Polizei sich für mich nicht mehr interessierte.
Nun hatte aber mein Chef die grüne Akte vor sich liegen, deren Papiere ich damals, als sie noch nagelneu war, mit blutigen Unterschriften besudelt hatte. So stimmte also, was in manchen Zeitungen immer wieder angedeutet wurde: Sie ließen einen auch dann nicht los, wenn alles schon vorbei schien. Und die Akten, die sie in Händen hielten, hetzten sie wie einen Fluch hinter uns her. Sie merkten sich einen, vergaßen nichts und brachten so Tausende Menschen um ihre Arbeit.
Der Chef gab liebend gerne zum Besten, wie er einmal zwei Tage in Untersuchungshaft gesteckt wurde und dabei Prügel bekommen hatte, so als ob er der Einzige wäre, dem man übel mitgespielt hatte. Aber er war eben ein ausgemachter Feigling. Er hatte sich in eine gute Stellung hochgemogelt, es ging ihm prächtig, und daran sollte sich nach Möglichkeit nichts ändern.
Er fand bei meiner Entlassung recht deutliche Worte: Ich sei ein Separatist, ein Terrorist, ein Verdächtiger, und an eine weitere Zusammenarbeit sei unter diesen Umständen nicht zu denken. Ich fragte mich, ob er zwischendurch ein klitzekleines »tut mir leid« unterbringen würde. Tat er nicht. Er sah mir ins Gesicht wie ein blitzblanker weißer Nachttopf, wünschte mir noch »viel Erfolg« und versenkte sich wieder in die vor ihm liegenden Papiere.
Als ich aufstand, war mir speiübel. Ich sammelte meine Habseligkeiten zusammen, murmelte ein paar Leuten einen Abschiedsgruß zu, kaufte mir dann gleich an der nächsten Straßenecke eine kleine Flasche Cognac und begann zu trinken.
Ich versuchte den Heimweg so lange wie möglich hinauszuzögern und mir die Einzelheiten einer notgedrungen vorgezogenen Abschiedszeremonie zurechtzulegen. Ich durfte keine Spuren hinterlassen. Zuerst musste ich aus dem karierten Heft die Seiten mit den frei bleibenden Kästchen herausreißen und verbrennen. Den Spiegel musste ich von allem Aufgeklebten befreien und sich selbst überlassen. Dann musste ich die Pornokassetten in eine möglichst weit entfernte Mülltonne werfen. Und es mussten noch ein paar mit unsinnigen Sätzen vollgekritzelte Blätter vernichtet werden.
Ich durfte keine Spuren hinterlassen. Niemand sollte wissen, dass ich noch lebte. Ich wollte diesem Schlamassel entrinnen und schlimmstenfalls in irgendeiner Zeitung unter einer einzeiligen Überschrift in einer Schriftgröße von elf Punkt in einem so kleinen Artikel vorkommen, dass für ein Foto kein Platz mehr war.
Ich hatte aber mit der Zeremonie zu lange gewartet. Als Letztes kann ich mich noch erinnern, dass ich bei Tagesanbruch wieder eine Flasche Cognac kaufte und mich dann auf jenem ständig von Taxis belagerten Platz auf eine Bank legte, neben einen schmutzigen Köter, der fortwährend an mir herumleckte.
Ich glaube, bevor ich einschlief, sagte ich zu dem Hund noch etwa Folgendes: »Früher war ich mal eine Schlagzeile, heute bin ich gerade noch elf Punkt groß.«
Mich weckte ein Geruch nach Rakı auf. In mir rührten sich träge Tintenfische, die in ihrer Wut auf mich mit tausend Armen letzte Reste von Sinn in eine beklemmende Leere kippten.
Ich kannte dieses ständig anwachsende Knäuel nur zu gut: Es bedeutete endgültigen Abschied.
In diesem Moment begriff ich, dass ich wieder einmal eine Stadt hinter mir gelassen hatte, und fragte mich auch gar nicht, wie viel Zeit seither vergangen war. Ich wollte einzig und allein herausfinden, woher dieser Rakıgeruch kam, um dann an diese Stelle so lange meinen Mund anzusetzen, bis ich wieder weggetreten wäre.
Mich fröstelte bei diesem Gedanken. Wo war ich eigentlich? Konnte ich hier an die Rakıflasche gelangen, deren Geruch mich in der Nase kitzelte? Diese Fragen wollte ich in ein Augenzwinkern quetschen und über sie hinwegtrampeln, aber das gelang mir nicht. Zu viel Licht um mich herum. Die Helligkeit schlug wie eine gelbe, trübe Masse an die Tränensäcke unter meinen Augen.
Ich bekam die Augen nicht auf. Bei endgültigen Abschieden fällt einem das schwer. Du kriegst kein Auge auf, kannst keinen Schritt tun, nicht die Hand ausstrecken, nicht den Mund aufmachen. Wenn du keine Geduld aufbringst, verstrickst du dich in den letzten Resten von Sinn und fällst rücklings wieder ins Leben zurück. Am besten kippt man einen Rakı nach und schläft wieder ein. Das wusste ich noch vom vorherigen Abschied.
Ich, Yusuf, konnte keinen Rakı kippen und in keinen Schlaf fallen. Ich war nämlich nicht allein.
Als plötzlich ein Streichholz angerissen wurde, erzitterte die gelbe massige Helligkeit, und unter meinen Augendeckeln prickelte es. Dann hörte ich das Ratschen einer Gardinenleiste, und der Lichtstaub auf meinen Wimpern schwebte zu Boden.
Ich wollte meine Furcht überwinden, denn ich musste ihn sehen.
Mühsam brachte ich die Lider einen Spalt weit auf. Ohne meinen Blick in eine bestimmte Richtung zu lenken, setzte ich die von links und rechts herandrängenden Bildfetzen zusammen und erkannte, dass ich mich in einem engen Raum befand.
Ein paar Sekunden später konnte ich diesen benennen: Es war ein Zugabteil.
Nun sah ich mich nach beiden Seiten um. An der Tür war es dunkel, auf der Fensterseite dagegen war ein Leuchtschild hell genug, dass sich durch den dicken Vorhang hindurch die Buchstaben »d« und »a« abzeichneten. Vermutlich war es ein Bahnhofsschild.
Dann wandten sich meine Augen dem Wesen zu, das ein Streichholz angezündet hatte. Mir gegenüber saß ein schwarz gekleideter riesiger Mann, als sei er der entschlossenste und zugleich fernste Teil in diesem süßlich verschwommenen Halbdunkel. Ich sah noch einmal nach links und nach rechts, doch in dem Abteil war niemand außer uns beiden.
Er war alt. In der Hand hielt er, was ich schon vermutet hatte: eine aufregende, beruhigende, trübweiße Flasche. Auf dem winzigen Tisch des Abteils, der sich keck jeder Art von Vergnügen anbot, häuften sich Haselnussschalen.
Da erkannte ich mein Gegenüber. Es war ein Mann, der seit Jahren in derselben Kneipe herumhing wie ich. Er saß immer an dem Tisch gleich neben der Tür, empfing dort einen Bekannten nach dem anderen, jedes Mal unter großem Hallo, ließ sich manchmal scherzend mit den Kellnern zwischen den Tischen auf einen Ringkampf ein, brach oft in überdreht schallendes Gelächter aus und wurde von allen nur »der Dichter« genannt. Unzählige Male hatte ich mit angesehen, wie er von jungen Frauen geohrfeigt, später aber von denselben Frauen in halb bewusstlosem Zustand abgeschleppt wurde. Er war also ein genauso kaputter Typ wie ich.
Außer den Nüssen lag noch etwas anderes auf dem Tisch: eine Scheibe Käse, die ich mir augenblicklich in den Mund schob. Während ich malmend daran herumkaute, setzte der Mann ein breites Lächeln auf.
Es war ein freundschaftliches Lächeln, ein schelmisches. Die Augen des Mannes blitzten hellwach, während der verschmitzte Zug um die fleischigen, selbst durch den kräftigen Schnurrbart durchscheinenden Lippen verriet, dass er Vergnügungen aller Art nicht abhold war. Genau der Typ, den ich am wenigsten leiden kann, den ich am meisten beneide, der mich am ehesten ankotzt.
In der Kneipe hatte ich ihn immer angestarrt und mich davor geekelt, wie einer auf so dreist-fröhliche Art derart fertig sein konnte, mich vor dem dröhnenden Gelächter geekelt, das immer wieder an mein Ohr schallte, und vor dem unverschämten Grinsen, mit dem er seine scharfzüngigen Bemerkungen ausklingen ließ. Und wenn er dann, mit seiner rauchigen, tiefen Stimme unverständliches Zeug grölend, aus der Kneipe wankte, sah ich ihm liebevoll nach.
Er sah ein wenig aus wie der spätere Anthony Quinn oder wie eine schlankere Ausgabe von Kadir Savun. Er hatte einen kummervollen Gesichtsausdruck, einen ungestutzten grauen Bart, der ihn müde wirken ließ, und große, irritierende Augen, die aus trüben Brunnen herauszuquellen schienen. Seine fettig glänzenden, glatten Haare kräuselten sich erst an den Spitzen und hingen ihm in die Stirn und über die Ohren.
Ich fühlte, dass ich kein einziges Wort herausgebracht hätte, ohne mich sofort übergeben zu müssen. Zuerst sollte er reden, und am besten, ich überließ ihm das Reden ganz. Dabei machte er eher den Eindruck, als würde er ewig weiter so dümmlich vor sich hin grinsen.
Unwillkürlich fing ich doch zu sprechen an. Ich fragte ihn, wo der Zug hinfahre.
Statt zu antworten, tat er einen heftigen Schluck aus der Flasche. Und was ihm dabei das Kinn hinunterlief, wischte er mit dem Handrücken ab, dann rülpste er röhrend. Seine Zähne hatten sich vom vielen Rauchen schimmlig grün verfärbt. Und aus seiner Kehle erklang es wie gerüttelte Kiesel: »Rat mal.«
Ich nannte die Stadt, die für mich überhaupt nicht infrage kam, ja, die es einfach nicht sein durfte: »Nach Diyarbakır?«
Er hielt mir die Rakıflasche hin.
»Genau.«
Ich nahm die Flasche und trank einen tüchtigen Schluck. Durch das Feuer, das durch meinen Schlund züngelte, war ich auf einen Schlag wieder beduselt. Ich schob den Vorhang ein wenig zurück und spähte hinaus. An einem alten, eigentümlichen Bahnhofsgebäude mit einem übergroßen Schild gingen verdrossene Menschen vorbei.
Ich drehte mich wieder um und wollte den Rakı zurückgeben, da sah ich den Mann eine Flasche Wein öffnen. Im Vergleich zu dem, was ich sonst so trank, war es eine recht teure Marke.
Das Geräusch des Korkens, wie er aus dem Flaschenhals glitt, löste auf meinem Gaumen einen leicht metallischen Geschmack aus. Überhaupt gehört dieses Geräusch zu den wenigen, die sich in einen Geschmack verwandeln können. Ferner zählen dazu ein von hoch oben ins Wasser fallender Tropfen, das vergebliche Drehen einer rostigen Schraube in einem ausgeleierten Gewinde, der Rand einer zu fest gespannten Darbuka-Trommel, der Steg einer Bağlama, die ersten Schläge auf einen durch langes Kneten kompakt gewordenen und dann mit Wasser beträufelten Teig, ein unvermittelt durch einen Fußtritt gebrochener Knochen …
Ich versuchte mir die einzelnen Geräusche in Erinnerung zu rufen und sie in meinem inneren Ohr zu hören.
Das ergab wohl in etwa Folgendes: »Tschipik, tschipik, tschipik«, »tschiwiik, tschiwiik, tschiwiik«, »tleklökke, tleklökke, tleklökke«, »tiritschlinschk, tiritschlinschk, tiritschlinschk«, »witschtschlikki, witschtschlikki, witschtschlikki« und »knochch, knochch, knochch.«
Als ich merkte, dass ich den Knochen laut zu brechen versuchte, war der Zug schon losgefahren, und der Mann hatte die Weinflasche zur Hälfte geleert. Er ließ immer gleich eine erhebliche Menge hinuntergluckern und warf sich zwischendurch zwei, drei geröstete Kichererbsen in den Mund, die er zuvor aus der Jackentasche geklaubt hatte.
Gleichsam bettelnd streckte ich meine Hand nach den Kichererbsen aus. Er gab mir welche, feucht von seinen erstaunlich kleinen Händen. Ein paar davon glitten mir durch die Finger und kullerten zu Boden; sofort hörte man unter den Sitzen kleine Füßchen trippeln und scharfe kleine Zähne an den Kichererbsen knabbern.
Während ich dem Knabbern so lauschte, fiel mir ein, dass es ebenfalls zu den geschmacksanregenden Geräuschen zählte.
Plötzlich fragte der Mann: »Wann werden die Ratten den Zug verlassen?«
Die Frage schien keinen Sinn zu haben, doch komischerweise wollte ich dennoch die Antwort darauf wissen. »Wann?«
»Wenn du ihnen weismachst, dass das hier ein sinkendes Schiff ist.« Er lachte dröhnend.
Das war so etwa der miserabelste Witz, den ich je gehört hatte. Trotzdem lachte ich innerlich los. Gut, dachte ich bei mir, bravo, du bist also immer noch nicht nüchtern.
Der Mann hörte schlagartig auf zu lachen, zündete sich eine Zigarette an, tat einen tiefen Zug und hustete dann. Er versuchte wieder ernst zu werden, was ihm aber nicht zu gelingen schien. Er sah mich eindringlich an. Ich hatte mich wohl getäuscht, sein Blick hatte nun etwas sehr Starres.
»Ich kenne dich auch«, sagte er.
Nun gut, das »ich« und das »kenne« verstand ich, aber was sollte das »auch«?
Ich sah mich um, als suchte ich jemanden. Am liebsten hätte ich losgeflucht, tat es aber nicht.
»Gut«, sagte ich und setzte dabei ein Grinsen auf, das unerträglich sein musste.
»Ich habe neulich mit deinem Mathematikprofessor geredet«, sprach er weiter. »Über dich hat er gesagt, ach, das war der einzige Student, bei dem es mir leid getan hat, dass er sein Studium abgebrochen hat.«
Es war doch immer wieder das Gleiche: In der Nase begann es salzig zu jucken, und an den Augenrändern trippelten Ameisen auf Feuerfüßchen los. Ich wollte ausfällig werden, dann aufspringen und mich aus dieser unliebsamen Geschichte davonmachen. Schon füllte sich mein Mund mit Wörtern, da merkte ich, dass mir der Dichter irgendwie gefiel.
»Da muss der Professor aber schon ganz schön alt sein. Wenn die Leute altersschwach werden, erinnern sie sich an allen möglichen Blödsinn.«
Seine Miene verfinsterte sich. Eine Weile sah er mich mitleidig an. Er versuchte ruhig zu bleiben, konnte sich dann aber wohl doch nicht beherrschen und fuhr mich an: »Ich habe keine Lust, mir hier anzuhören, was du in billigen Filmen oder idiotischen Büchern aufgeschnappt hast. Ich gebe lediglich wieder, was der Mann gesagt hat. Angeblich konntest du zwei vierstellige Zahlen in zwei Sekunden multiplizieren. Und dann sollst du auch noch ein Theorem oder eine Gleichung oder irgend so was gefunden haben, die hat dir dann ein Dozent geklaut und ist damit berühmt geworden. Stimmts etwa nicht?«
Er meinte damit die schwierige Mathematikaufgabe, die ich mit siebzehn im ersten (und zugleich auch letzten) Semester zur Überraschung meiner Dozenten gelöst hatte. Mit einem Theorem oder so hatte das nichts zu tun. So wurden also Geschichten mit der Zeit verzerrt. Ich ging nicht näher darauf ein, sondern nickte nur brav.
Er zog aus seiner anderen Tasche eine Schokoladenwaffel, riss die Packung auf, teilte die Waffel und hielt mir die Hälfte hin. Mit einem Lächeln auf den Lippen, dem jedes Kind verfallen wäre, sagte er dann grob: »Du hast dich aus dem Staub gemacht, und jetzt schämst du dich zu Tode dafür. Du meinst, dein Name könne erst wieder reingewaschen werden, wenn die halbe Welt in die Luft fliegt. Was anderes hast du sowieso nicht im Sinn. Du schmiedest fortwährend vergebliche Rachepläne. Hast ja auch nichts anderes zu tun, bis du dir mal eine Kugel in den Kopf jagst. Es sei denn, der Schießprügel, den du dir letztes Jahr gekauft hast, hat Ladehemmung.«
Ich ertrug es nicht, dass er die Pistole schlechtmachte, für deren Säuberung ich einen ganzen Tag geopfert hatte und auf die ich kein Stäubchen mehr kommen ließ. Sie hatte sieben Kerben am Lauf.
»Ich bin zufrieden mit meiner Waffe«, sagte ich und wunderte mich selbst über so eine verlegene Antwort.
Ihn scherte das gar nicht, denn er war mittlerweile nicht mehr zu bremsen. Mit seinem ständigen unmotivierten »auch« wollte er in zwei Minuten mein ganzes Leben auseinandernehmen.
»Früher hast du mal beinharte Gedichte geschrieben. Und die Erzählungen, die du unter einem beschissen hochtrabenden Pseudonym heimlich an Zeitschriften geschickt hast, sind auch samt und sonders abgelehnt worden. Weil sich keiner getraut hat, sie zu veröffentlichen.«
Das war wie ein Schlag in die Magengrube.
Dass ich Erzählungen geschrieben und gar an Zeitschriften geschickt hätte, hörte ich zum ersten Mal. Ich schüttelte den Kopf, und dabei sah ich mich, wie ich einem blonden, schmächtigen Bürodiener mittelgroße Umschläge in die Hand drückte. Ich war ertappt worden, ertappt bei dem Versuch, mein Leben zu gestalten. Jetzt kam ich vor Scham beinahe um. Aber der Dichter kannte kein Mitleid.
»Ich weiß, dass du keinen Anstand hast, du bist ein Feigling, lebst dahin wie ein räudiger Hund. Du meinst wohl, wenn du einsam bist und schweigst und dir zweimal pro Tag einen runterholst, dann wird dadurch irgendetwas gutgemacht, aber wen soll das kümmern? Geschieht dir ganz recht, dass dir vor dir selber graut und du deine verpfuschten Jahre bejammerst. Du bist bedauernswert, aber wenn es nach mir ginge, hättest du auch noch eine Tracht Prügel verdient.«
Mich regte zwar auf, wie gleichgültig er das alles dahinsagte, aber zugleich genoss ich seine Worte auch irgendwie. Und doch musste ich mich zur Wehr setzen.
»Das ist immer noch besser, als so wie du in Genuss und Schweiß und Scheiße zu schwimmen. Und es ist besser, als jeden Anflug von Erinnerung immer gleich totzuschwätzen und vor irgendwelchen Dummköpfen zu prahlen. Mir wurde immer ganz schlecht, wenn ich dir zusah. Geschwätziger, alter Lüstling, der keinen mehr hochkriegt.«
Ich verstand mich selber nicht. Wenn ich vor Wut zitterte, gab ich Butterweiches von mir, und wenn ich relativ ruhig war und eigentlich süffisant lächeln wollte, brach es aus mir heraus.
Der Dichter stimmte wieder sein irres Gelächter an. »Du bist mir ja einer! Dein Vater war schon ein Esel, und du bist anscheinend noch ein viel größerer. Du Hornochse!«
Das ging zu weit. Mir wurde schwarz vor Augen, und mein Kopf begann sich zu drehen wie ein Propeller. Das Gefühl der Neugierde, das ich in weiter Ferne gewähnt hatte, durchströmte heiß meinen ganzen Körper und brachte meine Wangen zum Glühen. Konnte es wirklich sein, dass dieser Strolch da meinen Vater kannte?
In meiner Hilflosigkeit griff ich zum Rakı.
Vielleicht war ich ja tot, und in der Hölle gab es Rakı, vielen Dank auch, aber nach alldem, was ich in meinem irdischen Dasein mitgemacht hatte, durfte doch in meinem jenseitigen Leben nicht so ein Mensch eine Rolle spielen, wenigstens einmal musste der Teufel sich doch von mir fernhalten, oder hörte die Quälerei denn nie auf?
Mein Vater war nicht da.
Meine Mutter hatte den Verstand verloren.
Ich kannte meinen Vater nur aus den bruchstückhaften Geschichten, die meine Mutter mir erzählte, wenn sie um Mitternacht wie gerädert von ihrer Arbeit nach Hause kam. Es war jedes Mal, als würde sie eine angefangene Geschichte weitererzählen, aber sie begann immer irgendwo mittendrin, und was sie berichtete, war nie die Fortsetzung von dem, was sie vorher erzählt hatte. Hinter alldem musste eine furchtbare Geschichte stecken, die sich nach dem Willen meiner Mutter in meinem Kinderkopf nie ganz vervollständigen sollte.
Hin und wieder kamen bestimmte Namen vor, aber die wurden erst dann wieder erwähnt, wenn ich sie inzwischen vergessen hatte oder nicht mehr nach ihnen fragte.
Mein Vater hinkte, und sein Name war Oğuz. Noch vor meiner Geburt war er abgehauen, und ein Jahr lang hatte man nichts von ihm erfahren, dann hieß es plötzlich, er stehe in einer fernen Stadt vor Gericht. Er verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis, aber auch danach ließ er nichts von sich hören. Als ich klein war, schien meine Neugierde auf meinen Vater unbezähmbar zu sein, doch meine Mutter schaffte es mit viel Geduld, sie im Laufe der Zeit hinwegschmelzen zu lassen. Sie tat dies in all ihrer scharfsinnigen Verrücktheit.
Abgesehen von der Kneipe, in der sie Tag für Tag zwölf Stunden lang das Geschirr wusch, hatte sie mit der Außenwelt nicht den geringsten Kontakt. Sie besaß nicht einmal einen Ausweis. Als Kinder auf einem Hügel am anderen Ende der Stadt in einem verrosteten Auto ihre Leiche fanden, dauerte es deshalb Tage, bis sie identifiziert werden konnte.
Ich war inzwischen vor lauter Hunger und Tränen völlig geschwächt, und die Leute aus dem Kinderheim, die mich abholten, berichteten später, ich hätte sie angestarrt wie ein wildes Tier und sie hätten sich vor meinen Blicken gefürchtet. Ich habe damals wohl zum zweiten Mal in meinem Leben so geschaut.
Der Dichter fuhr zusammen, verzog die Mundwinkel und zwinkerte nervös mit den Augen, doch dann fasste er sich wieder. Er gähnte und ließ dabei seine Halswirbel knacken.
Jetzt fragte ich ihn, was ich von Anfang an hätte fragen sollen. »Was hat das alles zu bedeuten, und was willst du von mir?«
Er nahm einen langen Schluck Wein, dann hielt er mir die Flasche hin und fragte: »Aus welchem Film ist das?«
Schnell ließ ich mir meinen Satz noch einmal durch den Kopf gehen. Er hatte recht. Das Einzige, was ich außer onanieren in den letzten Jahren regelmäßig tat, war, ins Kino zu gehen. Ich hatte Tausende amerikanische Filme gesehen, und in Hunderten davon kam dieser Satz vor.
»Das weißt du doch selbst«, sagte ich.
Er lächelte leise. »Klar. Noch einen?«
Ich stellte die Rakıflasche auf den Boden. Dann legte ich nach Art der Japaner die Handflächen gegeneinander, machte kleine Verbeugungen und rief: »Kann mir jemand erklären, was hier eigentlich los ist?«
Er lachte hell auf. »Weiter, los, weiter«, sagte er dann.
Ich kicherte. Übertrieben fröhlich rief ich aus: »Hey, ich bin Yusuf, und du musst der Dichter sein!«
Dann breitete ich die Arme aus, zuckte mit den Schultern und flüsterte: »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen.«
Vor lauter Lachen brachte er keinen Ton heraus.
Ich wurde plötzlich ernst, schwieg eine Weile, und als sein Lachen allmählich abebbte, beugte ich mich vor und sagte mit wölfisch heiserer Stimme: »Hey, versuch ja nicht, irgendein mieses Spiel mit mir zu treiben!«
Dann zog ich ein zerknülltes Papier aus der Tasche, einen Kassenzettel, faltete ihn auseinander und hielt ihn ihm vor die Augen. »Haben Sie diesen Mann schon mal gesehen?«
Sein brüllendes Gelächter klang, als ob er kotzen würde, und zwischendurch kreischte er geradezu.
Da beschloss ich, ihn geradewegs umzubringen, und holte zum letzten Schlag aus. Ich kramte ein paar Münzen aus der Hosentasche und legte sie verschwörerisch auf das Abteiltischchen. Zufällig drehte sich eine davon sirrend auf der Stelle und fiel dann zu Boden, was die Szene erst richtig perfekt machte.
»Vielleicht hilft das Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge.«
Er erstickte fast vor Lachen, aber direkt sterben tat er nicht. Er wischte sich mit einem schmutzigen Taschentuch die Tränen ab. Nachdem er seine letzten Lachballons zum Platzen gebracht hatte, beruhigte er sich.
Er hustete ein wenig, trank aus der Weinflasche und fragte mich dann: »Warum warst du in Diyarbakır?«
Man wusste doch wirklich nicht, woran man mit ihm war. Dass er nach dem ganzen Rumalbern nun plötzlich eine so ernste Frage stellte, nahm ich ihm übel.
Eine eisige Furcht machte sich in mir breit. Ihren besänftigenden Armen hätte ich mich gerne überlassen, aber ich konnte nicht. Jetzt musst du aufpassen, sagte ich mir, ganz gewaltig aufpassen.
Ich gab ihm keine Antwort.
Er ließ aber nicht locker. »Mit wem wolltest du dich in Diyarbakır treffen?«
»Ich hatte einen Auftrag«, sagte ich nur.
Er bohrte weiter. »Wenn du dich mit Baran getroffen hättest, wäre dann deiner Meinung nach irgendetwas anders geworden?« Er wusste doch ohnehin alles, warum fragte er dann.
Ich versuchte ruhig zu bleiben. »Ich glaub nicht. Die waren fest entschlossen. Eine Zusammenarbeit hatten sie eh schon abgelehnt.«
»Ha!«, rief er spöttisch aus. Was er danach noch sagte, wiederholte ich innerlich: »Als ob ihr gekämpft hättet, wenn sie angenommen hätten.«
Plötzlich blitzte vor meinen Augen das Bild der Spezialeinheiten auf, die den Teegarten gestürmt hatten, die Patronengurte und die mit Halbmond, Nacht und Blut verzierten Schäfte ihrer glänzenden Gewehre, die sie fest in Händen hielten. Zwei Minuten, nur zwei Minuten später hätten wir uns treffen sollen. Während die Spezialkräfte um mich herum brüllten, sah ich, wie sich unweit von mir ein kleiner, dunkelhäutiger Mann langsam umdrehte und ganz ohne Eile davonging. Vielleicht war das der legendäre Baran? Es hieß mittlerweile, vor vier Jahren habe er ganz allein sieben Soldaten getötet und sich die letzte Kugel selbst in den Kopf gejagt.
Nur mühsam brachte ich eine Frage heraus. »Woher weißt du von der Geschichte in Diyarbakır?«
Er antwortete nicht.
»Warum bringst du mich nach Diyarbakır?«
Keine Reaktion.
»Sag wenigstens, woher du meinen Vater kennst.«
Er lachte nur und trank wieder Wein.
»Kümmere dich jetzt nicht darum«, sagte er schließlich. »Das erfährst du schon noch rechtzeitig.«
Das durfte doch nicht wahr sein, wo nahm er nur die Frechheit her, mich dermaßen abzufertigen? Er spielte mit mir Katz und Maus. Ich wollte ihn mit gezielten Worten treffen oder eine Schimpfkanonade loslassen, brachte aber rein gar nichts heraus. Ich war müde, sehr, sehr müde. Ich schaffte nur noch eine Handbewegung, die bedeuten sollte: »Scheiß auf dein Geschwätz.« Dann lehnte ich mich zurück und schlief ein.
Als ich erwachte, verlangsamte der Zug gerade seine Fahrt. Ich fragte, wo wir halten würden.
Er sagte einen Namen, den ich nicht verstand. »Hast du Hunger?«, fragte er dann.
Das war die einzige Frage, auf die ich eine Antwort wusste. »Und wie.«
»Gut. Ich weiß, wo man hier Suppen bekommt. Die Kuttelsuppe dort schmeckt grauenhaft, aber die Linsensuppe ist ein Gedicht.«
Der Zug hielt. Wir stiegen aus. Es war kühl. Der Dichter schwankte wie ein nervöser Fächer, ich wiederum fühlte mich, als würde mir das Gehirn zu den Ohren herausfließen, so verdammt weh tat mir der Kopf.
Wir gingen in das Lokal. Ich sah auf die Uhr. Eigentlich keine günstige Zeit. Der dicke Mann hinter der Theke kam viel zu beflissen auf uns zugewedelt. Er bettelte schier darum, von uns geschlagen zu werden. Ich kotzte erst mal mitten auf den Boden.
Das war gut so, ich fühlte mich augenblicklich besser, mein Kopfweh war offenbar mit rausgekotzt worden. Der Dichter verzog keine Miene. Er war jetzt ganz auf seine Suppe fixiert. Während ein Kellnergehilfe, der dünner war als mein Oberarm, leise vor sich hin fluchend das Erbrochene aufwischte und dabei links und rechts Spuren hinterließ, gab der Dichter unsere Bestellung auf.
»Zweimal Kuttelsuppe mit Essig und viel Knoblauch.«
In Anbetracht dessen, wie seltsam unsere ganze Geschichte verlief, wäre mir die Frage, warum er nun doch die Kuttel- und nicht die Linsensuppe bestellte, irgendwie deplatziert vorgekommen.
Daher hielt ich besser den Mund.
Als ich die Kuttelsuppe probierte, stellte sich heraus, dass sie mindestens vom Vortag, wenn nicht gar schon zehn Tage alt war. Die Kutteln waren zerfallen und zerfasert und schwammen wie Quallen in einer dicken, grauen Flüssigkeit. Wenn ich kaute, verfingen sich die Fasern wie weiche Fäden zwischen meinen Zähnen und konnten nur mit lustvollen Zungenbewegungen wieder entfernt werden.
Dem Dichter erging es nicht besser. Bloß dass er statt der Zunge die Finger benutzte. Er kratzte die gallertartigen Fasern mit dem Fingernagel heraus, hielt sie dann prüfend vor sich hin und legte sie schließlich ordentlich nebeneinander auf einer Serviette ab. Die wie von weißen Würmern befallene Serviette sah danach aus wie ein Miniraumschiff, das einem jederzeit ins Gesicht fliegen konnte.
Als wir mit unseren Kutteln etwa zur Hälfte fertig waren, nahm sich der Dichter aus dem Plastikbecher auf dem Tisch noch ein paar rosa Servietten und wischte sich die Suppentropfen aus dem Schnurrbart. Dann knüllte er die Servietten geräuschvoll zusammen und schob sie mit einer heftigen Bewegung an den Tischrand. Mir warf er einen neugierig-stolzen Blick zu.
Seit wir am Tisch saßen, machte er einen so unruhigen Eindruck, dass ich schon lange auf eine Frage gefasst war. Er musste aber erst Anlauf nehmen, offenbar nahm er bestimmte Dinge doch ernst, seine Intelligenz hatte also auch ihre Grenzen.
Wieder griff er sich einen Packen rosa Servietten und schneuzte hinein.
Ich konnte nicht mehr an mich halten. »Jetzt schieß endlich los!«
Eigentlich wollte ich gar nicht so herrisch wirken, aber jetzt war es nun mal geschehen.
»Nun gut«, sagte er leicht beleidigt. »Da gibt es einiges, was du lesen musst.«
»Was? Gedichte oder so was?«
Staubtrocken entfuhr ihm ein sprödes: »Nein«.
»Was denn dann?«
Er antwortete nicht, sondern aß in aller Ruhe seine Suppe weiter und kratzte sich die Fasern zwischen den Zähnen heraus. Als sein Schüsselchen leer war, schob er es zu den Servietten an den Tischrand.
»Es handelt sich um mehrere, zu verschiedenen Zeiten verfasste Geschichten.«
Hastig fragte ich: »Wer hat die geschrieben?«
Er sah mich durchdringend an. »Was spielt das für eine Rolle?«
»Von selbst werden sie sich ja nicht geschrieben haben.« Diese Klugscheißerei hätte ich mir sparen können.
Er ging aber gar nicht darauf ein. »Verschiedene Leute«, sagte er bloß.
Ich hatte noch einen kleinen Rest Kuttelsuppe in meiner Schüssel und streute nun etwas Kümmel, schwarzen Pfeffer und Cayennepfeffer darauf. Dann rührte ich um, brachte alles auf einen Löffel und steckte ihn in den Mund.
Als das Zeug brennend in meinen Magen hinunterrutschte, konnte ich das Gesicht genau so verziehen, wie ich es vorhatte, um zu fragen: »Wir haben also verschiedene Geschichten von verschiedenen Leuten, und daraus machen wir gemeinsam ein Buch, oder was?«
Er begriff nicht. »Wieso? Was für ein Buch?«
Es war ein übles Lokal, aber die Zahnstocher waren erstaunlicherweise einzeln verpackt. Ich machte einen auf und begann in den Zähnen herumzupulen. Für mich hatte dieses Spielchen ein Ende gefunden, denn nun, da ich satt war, war bei mir auch der letzte Funken Neugierde zerstoben. Auf wunderbare Weise hatte es mich aus den Strudeln der Wissbegier in die Wüsteneien der Sorglosigkeit getrieben. Möge Gott uns beistehen (was er aber nicht tat). Ich zog eine Samsun-Zigarette aus der Tasche, die ich zu Hause sorgfältig über dem Ofen getrocknet hatte, und steckte sie an.
»Ich werde mir das alles unterwegs zu Gemüte führen. Und dann wird ein Buch draus, oder täusche ich mich da?«
Er war verblüfft.
»Solche Bücher hab ich haufenweise korrigiert«, sagte ich.
Darauf lächelte er anzüglich. »Und? Sind sie dadurch besser geworden?«
Hieß das, dass er mir auf die Schliche gekommen war? Nun war ich der Verblüffte. Im Wettstreit um die frechere Antwort kam ich einfach nicht an gegen ihn.
Nun setzte er den Schlusspunkt. »Ich kann mich jetzt mit deinen seltsamen Anwandlungen nicht länger beschäftigen. Es sind keine Geschichten, die irgendwelchen alten Kram wieder aufwühlen. Wenn wir zurück im Abteil sind, gebe ich dir die erste. Du sollst sie einfach nur lesen. Was du dann damit anfängst, interessiert mich nicht.«
Ich kapitulierte. »Na gut.«
Wir standen auf. Er zog Geldscheine aus der Tasche, die nicht minder heruntergekommen aussahen als er selbst, und zahlte die Rechnung. Der Wirt legte an der Tür noch eine filmreife Verbeugung hin.
Es wurde hell. Am Bahnhofseingang fuhr gerade ein Zeitungslieferwagen vor.
»Ich frag mal, wann der Zug wieder abfährt, und hol uns eine Zeitung«, sagte ich und ging in Richtung Tür.
»Er fährt in einer halben Stunde. Kauf nur die Zeitung.«
Ein eiskalter Wind blies mir Nieselregen ins Gesicht.
»Okay, dann gehen wir in den Warteraum und trinken was Heißes.«
Er nickte. »Ich warte hier auf dich.«
Ich ging zum Bahnhofskiosk. Zuerst sah ich zu, wie die Zeitungspacken abgeladen und vom Kioskinhaber mit einem riesigen Messer aufgeschnitten wurden. Dann verlangte ich wie immer ein paar links angehauchte Zeitungen. Etwas anderes las ich gar nicht mehr. Ich betrieb mit diesen Zeitungen einen fairen Austausch: Sie boten mir intelligent aufgemachte, auf ein legales Maß zurechtgestutzte Protestartikel und feinsinnig geschriebene Filmkritiken, und ich wusste somit wenigstens, worüber ich mich hätte aufregen sollen. Zudem wurde ich regelmäßig über die neuesten amerikanischen Filme informiert.
Der Kioskmensch hielt mir die zwei Zeitungen hin. Beim Bezahlen verspürte ich plötzlich in der Leiste ein leichtes Kribbeln. Ich deutete auf ein Blatt, auf dessen Titelseite eine dralle Frau aus ihrem roten Seidenkleid eine ihrer Titten heraushängen ließ und auf ordinärste Weise die Lippen schürzte. »Geben Sie mir davon auch noch eine«, sagte ich und kehrte daraufhin beschwingt zum Dichter zurück.
Wir betraten den Wartesaal. Dort war es warm, und wir setzten uns auf zwei aneinandergereihte Sitze. Nun zog er eine kleine Cognacflasche aus der Tasche, die dem abgewetzten Etikett nach zu schließen dort ihren festen Platz hatte. Unglaublich, wie viel Zeugs er in dieser Jacke unterbrachte!
Während der Dichter den ersten Schluck tat, schlug ich eine der Zeitungen auf. Augenblicklich erstarrte ich, wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus, als sei meine Kehle der Stimme zuvorgekommen. Auf der ersten Seite stand links oben in blutroten, riesigen Lettern das Wort SCHOCK, und darunter war auf einem fast halbseitigen Foto zu sehen, wie ein Gebäude, das mir nur allzu bekannt vorkam, ja an dem ich so gut wie jeden Tag vorbeigekommen war, lichterloh brannte, sodass das Nachtdunkel wie von Zorros Degen flammend durchzuckt wurde. Ein Teil des Gebäudes war sogar schon eingestürzt.
»Was … was ist denn das?«, flüsterte ich.
Ich sah mich um und suchte jemanden, der den in ziemlicher Höhe angebrachten Fernseher einschalten konnte.
Der Dichter warf einen Blick auf die Zeitung, verstand zuerst gar nichts, doch als er schließlich kapierte, erstarrte er ungläubig und packte mich dann hastig am Arm. »Bleib ruhig. Wir dürfen die Bullen nicht anlocken.«
Ich riss meinen Arm los. Mir war, als ginge ein Spalt mitten durch mein Gehirn, Wut und Freude vermischten sich, am liebsten hätte ich wie verrückt losgeschrien, und meine Augen schienen zu bersten.
»He, wie kommst du dir eigentlich vor?«, rief ich. »Wo willst du mich denn hinbringen, du …«
Bevor ich den Rest herausbrachte, stand der Dichter schon vor mir, sah mich ganz ruhig an und holte zu einem Faustschlag aus. Als Letztes nahm ich gerade noch wahr, dass seine eher zarte Faust gleichsam lachend auf mein Gesicht niederging.
Perlen
İsmail war zwei Personen.
Für jene Kriegsjahre, die jeder in einer Art allgemeinem Kindheitszustand durchlebte, hatte er eine viel zu vielschichtige Seele.
Nach Ansicht der armen Repatriierten, die in den Kaffeehäusern von Tilkilik genüsslich an ihren Opiumpfeifen sogen, gehörte einer der beiden İsmail zu seinem verstorbenen Vater, den sie als einen »geschätzten, aber arbeitsscheuen« Mann in Erinnerung hatten. Dieser İsmail war ein herausragender junger Beamter der Republik, der mit Brillantine in den Haaren, gefeilten Fingernägeln und gebügeltem Hemd würdevoll in einem der hellsten Büros der Monopolverwaltung saß.
Er ging mit seiner Verlobten, der wunderschönen Leylâ, ins Theater, hatte stets seriöse Zeitschriften auf dem Tisch liegen, um in der Konversation über die Geschicke des Landes und der Welt solides Wissen einflechten zu können, und machte an staatlichen Feiertagen vor den zivilen Würdenträgern den eifrigsten Diener. Wer ihn kannte, hatte nicht den leisesten Zweifel daran, dass seine Zukunft glänzend sein würde.
Der andere İsmail, so sagten es die Müßiggänger von Tilkilik, komme mehr nach seiner Mutter. Die war wie eine füllige Fee, die zur Lautenbegleitung ein halbwegs anständiges Musikrepertoire darzubieten vermochte, die schmackhaftesten Pasteten der Welt buk, im jeweils richtigen Moment zu schweigen oder zu sprechen wusste, kurz: mit der Natur der Männerwelt bestens vertraut war. Ihr Gatte, der sehr zu Eifersuchtsanfällen neigte und sich und seiner Frau das Leben verleidete, indem er fortwährend wegen Nichtigkeiten Streit vom Zaun brach, erregte sich eines Tages derart über einen vermeintlich zu teuer erstandenen Sack Bohnen, dass er einen Herzschlag erlitt und İsmails Mutter als junge Witwe zurückließ.
Diese aber gehörte nicht zu den Frauen, die brav zu Hause gesessen und darauf gewartet hätten, dereinst an der Seite ihres Gatten begraben zu werden. Sie war lebenslustig und voller Tatendrang, und wenn sie das ganze Haus von oben bis unten geputzt und ein wahres Festessen gezaubert hatte, dann saß sie abends mit ihren zwei Söhnen beisammen, die mit ihrer Anwesenheit nicht wirklich den Tisch füllen konnten, mit ihrem Lachen nicht den Raum und mit ihrem Lob nicht das Herz der Frau, die daher mal in kummervolle Gedanken, mal in süße Tagträume versank.
Als in İsmails Gesicht die Pickel sprossen und er im Stimmbruch war, scheute seine Mutter sich nicht mehr, ihre Tür Männern zu öffnen, erst nur einen Spalt, dann aber sperrangelweit. In Tilkilik ging das Gerücht um, ein Teil ihrer Familie entstamme dem Osmanenhof, weshalb man sich über ihren losen Lebenswandel gar nicht zu wundern brauche.
İsmail verbrachte so die schwierigen Kriegsjahre in Gegenwart von zahlreichen Männern, kleinen und großen, stillen und übergeschnappten, die jeweils mit dem Arm voller Geschenke zur Tür hereinschlüpften. Und während seine Mutter kapriziös ihre Gelüste und Launen auslebte, reicherte sich İsmails Seele mit Schichten aus Wut, Wahn und Genuss an.
