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Eine Reise in die Vergangenheit Innsbrucks - lebendig in persönlichen Erinnerungen!Jeder glaubt, sie in- und auswendig zu kennen: die Innsbrucker Altstadt mit ihrer glänzenden Mitte, dem Goldenen Dachl. Doch was ist mit den weniger sichtbaren Plätzen, den geheimen Hinterhöfen und versteckten Winkeln? Welche Geschichten können sie uns erzählen? Welche Persönlichkeiten und Ereignisse haben sie wohl gesehen im Laufe der Jahrhunderte, welche Dramen und Komödien miterlebt? In einem turbulenten literarischen Mix trägt der Autor Historisches, Fiktionales, Anekdotisches und Im-Vorbeigehen-Aufgeschnapptes zusammen, um dem üblichen Touri-Image seiner Wahlheimat Altstadt ein alternatives Bild gegenüberzustellen. Atmen Sie mit ihm das spezielle Altstadt-Flair, begegnen Sie Alteingesessenen und "Zuagroasten" und entdecken Sie Neues im Uralten.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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ERINNERUNGEN AN INNSBRUCK
Band 15:
Cenet Weisz
Zu die heiligen Schindln
Das Altstadt-Buch
Dieses Buch widme ich meiner Tochter Anna Cornelia, die in einer für mich sehr schweren Zeit so tapfer zu mir gestanden ist. Danke, Gutz.
In the dime stores and bus stations,
People talk of situations,
Read books, repeat quotations,
Draw conclusions on the wall.
Some speak of the future;
My love, she speaks softly,
She knows there’s no success like failure
And that failure’s no success at all
Song: Love Minus Zero/No Limit
Album: Bringing It All Back Home
Artist: Bob Dylan (1965)
Ich lebe seit 1964 – mit vielen Unterbrechungen zwar, aber immerhin – in Innsbruck. Oft bin ich innerhalb dieser Stadt umgezogen. Zuletzt in die Altstadt. Und ich merkte bald: Hier zu leben ist etwas Besonderes. So schnell möchte ich von hier nicht mehr wegziehen. Ich lebe in einer Mansardenwohnung. Mein Arbeitszimmer hat ein Dachfenster, durch das ich ab und an den Vollmond sehen kann. Und die letzte Abendmaschine aus Wien, wenn sie den Landepfad nicht ganz genau einhält. Ohne den Kopf wesentlich verrenken zu müssen, sehe ich vom Küchenfenster aus ein Bergpanorama, das von der Nockspitze über den Rosskopf, das Rangger Köpfl und die Sellrainer Berge bis zum Brandjoch reicht. Dazwischen natürlich Dächer und viele Kamine. Glück gehabt: Die drei klassischen Nachteile von Wohnungen in der Altstadt (dunkel, eng und laut) treffen auf meine Wohnung nicht zu. Wobei: Laut kann es bei offenem Fenster schon mal werden. Aber es sind menschliche Geräusche, die mich weiter nicht stören. Autolärm, Eisenbahngeratter, ständiges Flugzeugdröhnen würden mich stören. Vielleicht sogar krank machen. Aber wenn hie und da ein paar Betrunkene grölend und lachend durch die Gassen wanken, hör ich das kaum mehr. Schließlich war ich auch einmal jung und bin auch nicht immer brav, schweigsam und stocknüchtern durch die Altstadt geschlichen. Aber alles hat natürlich auch seine Grenzen: Eine Horde eiliger Reisender, die sommers am frühen Sonntagmorgen ihre klappernden Rollkoffer gnadenlos übers holprige Kopfsteinpflaster quälen, das geht gar nicht. Ja und die drei Streicher, die mit einem gefühlten Elftausend-Watt-Verstärker direkt unter meinem Atelierfenster schematisch Vivaldi anstimmen, die muss ich auch nicht jeden Nachmittag haben.
Gehe ich auf die Straße, fühle ich mich fast wie in Venedig. Gut, die Kanäle fehlen. Aber dafür stinkt es auch nicht. Ich sehe regelmäßig mehr Touristen als Einheimische und muss aufpassen, dass ich nicht schon gleich nach Verlassen des Hauses in eine zielstrebige Kolonne chinesischer Bustouristen gerate, die hier grade mal zwei, drei Stunden Zeit haben, inclusive Mittagessen im Lotos. Sie kommen aus Florenz und bald geht es weiter nach Neuschwanstein, dem Urbild aller Märchenschlösser, das sogar Walt Disney als Vorbild für die Schlösser seiner Comics und Zeichentrickfilme gedient hat. Aber ich schweife ab. Wo bin ich stehengeblieben? Ach ja: Ich fühle mich fast wie in Venedig. Überall wird Koreanisch, Englisch, Chinesisch oder Französisch gesprochen, und ich kann um mindestens drei Häuserecken gehen, ohne ab dem späten Vormittag auch nur einem Auto zu begegnen.
In der Früh gleich in die Bar gegenüber zu fallen, wäre zu billig. Ich geh dann schon die paar Schritte durch die Maria-Theresien-Straße zum Sparkassenplatz. Im „La Cantina“ gibt es meiner Meinung nach den besten Espresso und das beste Cornetto con Crema. Das Personal ist flink, freundlich und schon am Morgen zu Späßen aufgelegt. Bestes Leitungswasser gibt es gratis und gekühlt in großen Karaffen. Schon rein aus medizinischer Sicht sollte man ja morgens mehr als ein schlampig eingeschenktes Achterl Wasser zum Kaffee trinken. Im „La Cantina“ trifft sich am Morgen alles. Direktoren stehen neben Lieferanten, Rechtsanwälte neben übernächtigen potentiellen Klienten, übel gelaunte Poeten neben tatendurstigen Zahnärztinnen. Ich weiß nicht, wie die das dort machen, aber die Stimmung ist immer gelöst. Wie schafft man diese gewinnende Atmosphäre? Vielleicht mit Freundlichkeit, einem Klima von Toleranz und Großzügigkeit?
Mein erstes Mal im „La Cantina“? Also die Geschichte ging so: Ziemlich übernächtig und etwas gereizt tauchte ich eines morgens dort auf. Ich bestellte einen Espresso und wollte mir aus einer der Karaffen Wasser einschenken. Allein, das Glas kam zufällig grad aus dem Spüler und war dementsprechend bacherlwarm. So ungefähr auch die Diktion meiner unmittelbaren Beschwerde an das Personal. Meinem Wunsch nach einem besser temperierten Glas wurde sofort und kommentarlos entsprochen. Das zeugte von Größe. Dieser Größe konnte ich mich nicht entziehen und ich entschuldigte mich etwas kleinlaut damit, dass ich übernächtig sei. Die Entschuldigung wurde stillschweigend angenommen. Julian, der Pustertaler Barrista vom Dienst, schaute etwas skeptisch. Beim Hinausgehen trafen sich Julians und meine Blicke zufällig wieder und mich packte der Übermut: „Und du, du tu dich bessern!“, rief ich laut, aber nicht ganz ernsthaft und deutete mit meinem Zeigefinger in seine Richtung. In der Sekunde kam es schlagfertig zurück: „Und du, du schlaf dich aus!“ Seitdem werde ich in der Früh beim Betreten des Lokals ab und an prophylaktisch gefragt, ob ich denn gut geschlafen habe.
An belebten Sommerabenden in einem der vielen Straßencafés zwischen Ottoburg und dem Einwaller-Stammhaus zu sitzen und die Passanten zu beobachten, ist besser als Fernsehen. Da stolpern unkonzentrierte Kinder über ihren eigenen Familiendackel, der darüber seinerseits wenig erfreut ist. Da will einer im dichten Gedränge seiner Freundin den Arm zärtlich um die Taille legen, erwischt aber aus Versehen den Po einer Japanerin, die zu quieken beginnt und sich durch einen gewagten Sprung auf die Seite rettet. Da sind die berüchtigten Innsbrucker Rambo-Radler, die sich in halsbrecherischem Tempo zwischen den Menschen hindurchschlängeln und es auf wundersame Weise immer wieder schaffen, dass es keine Toten gibt.
Abgesehen von den Touristen (über die ich in diesem Buch nicht schimpfen werde) begegnen mir vielfach dieselben Leute. Hauptsächlich die, die hier arbeiten. Selten solche, die hier wohnen. Unglaublich, was mir der Stammgast eines Altstadtlokals einmal sagte: „Also ich habe hier über dreißig Jahre gearbeitet, und ich gehe auch in meiner Pension noch gerne hierher. Aber du bist die erste Person, die ich in der Altstadt kennenlerne, die hier auch wohnt.“ Ja, wir Altstadtbewohner sind rar. Oder geben uns nicht zu erkennen. Je nachdem.
Die Arbeit an diesem Buch hat mir viel Freude bereitet. Es machte Spaß, die Gegend, in der ich lebe und die ich liebe, besser und besser kennenlernen zu dürfen. Die vielen Menschen, die mir dabei geholfen haben, sind – soweit sie es wollten – in eigenen Kapiteln angeführt. Danken möchte ich ihnen schon jetzt.
Noch immer spricht man von Tirol als dem Heiligen Land. Nun, auch hier hat der Einfluss der Kirche merklich nachgelassen. Aber trotzdem ist in Tirol und seiner Landeshauptstadt vieles heilig geblieben. Sowohl Personen als auch Dinge. Erstere beginnen spätestens bei Kaiser Maximilian (samt seinem leeren Prunkgrab in der Hofkirche), gehen über den wortkargen Andreas Hofer („G’sagt hob is enk. G’segn hobt’s mi. Pfiet enk.“ – dieser Spruch steht irgendwo in der Altstadt in Stein gemeißelt, die Frage ist wo) bis zu Julia Gschnitzer, Felix Mitterer, Tobias Moretti und Marlies und Benni Raich. Und auch Bernhard Aichner stellt sich schon an. An heiligen Dingen fallen mir spontan ein: das Tiroler Schützenwesen, die Speckknödel und die Schindeln des Goldenen Dachls. Es sind genau 2.738, wie eine denkmalamtliche Zählung in den 1970er Jahren ergab. Sage und schreibe sieben davon wurden in der Nacht vom 11. auf den 12. April 2012 gestohlen. Das Baugerüst, das zu Restaurationszwecken aufgestellt worden war, machte es den Dieben leicht. Ein Aufschrei ging durch die Presse. Der Standard meldete die ganze Sache am 13. April noch relativ nüchtern: „Sowohl von den Schindeln als auch den Dieben fehlt vorerst jede Spur; Baugerüste laden zum Diebstahl ein.“ Nicht so die Tiroler Tageszeitung: „Der materielle Schaden ist zwar begrenzt, insgesamt handelt es sich um weniger als ein Gramm Gold. Der symbolische Wert der Schindeln ist aber unbezahlbar!“ Sofort wurde ein flächendeckendes Alarmsystem mit Bewegungsmeldern angebracht. Ein Sachverständiger gab zu bedenken: „Das Goldene Dachl ist eine der wertvollsten Substanzen im ganzen Land. Ideell gesehen sind die Schindeln von unermesslichem Wert. Die Tat ist ein Frevel.“ Der Leiter des Stadtarchivs, Lukas Morscher, sah das alles weniger dramatisch und wies auf einen einfachen Weg der Wiedergutmachung hin, indem er den Tätern empfahl, die Schindeln einfach in ein Kuvert zu stecken und zurückzuschicken. Denn so war es schon einmal, 1998, geschehen. Damals hatte sich zum ersten Mal ein frecher Dieb an den Schindeln vergriffen. Auch damals war die mediale Empörung groß. Tage später wurde ein Paket an das Funkhaus des ORF Tirol gesendet, darin die so schmerzlich vermissten Schindeln samt Begleitschreiben: „Habt’s scho g’schwitzt? Passts halt bessa auf, auf’s Goldene Dachl! Aber i bin ja nit so.“ Gefunden wurde der Täter nie. Aber es kommt noch krasser: Im Oktober 2007 wurde anlässlich eines Kulturprojektes eine einzige goldene Schindel gegen eine Lärchenschindel ausgetauscht. Diese stammte von einem Stadel im hinteren Valser Tal. Die Lärchenschindel kam also aufs Goldene Dachl, wo sie nicht weiter auffiel. Die goldene Schindel aber wurde auf dem Heustadel montiert, wo sie sehr wohl auffiel. Und prompt gestohlen wurde. Nur damit wir wissen, wovon wir hier reden: Eine einzige heilige Schindel von 2.738 heiligen Schindeln wurde gestohlen. Es handelte sich also um exakt ein Zweitausendsiebenhundertachtunddreißigstel oder um 0,036523 Prozent des Goldenen Dachls. Das Verbrechen wurde auch noch gut 30 Kilometer Luftlinie entfernt vom Ursprungsort begangen. Egal, auch diese Geschichte fand breite Erwähnung in den Medien. Auch diesmal konnten die Diebe nicht gefasst werden. Aber auch diesmal zeigten sie – spät, aber doch – Reue: Die vermisste Schindel tauchte zwei Jahre später auf einem anderen Stadel plötzlich wieder auf. Und für einen kurzen Moment – ja, so kann man das sagen, wenn man die Berichte und Kommentare liest –, ja, für einen kurzen, kostbaren, seligen Moment war die Welt der Innsbrucker wieder in Ordnung. Mittlerweile ist die Lage etwas entspannter: In der kleinen, aber liebevoll nach Feng-Shui-Kriterien eingerichteten Café-Bar Konditorei „Zimt & Zucker“ gibt es – orographisch gesehen – ein wenig links unter dem Goldenen Dachl in goldenes Stanniol verpackte Schindeln aus Schokolade und Lebkuchen. Sie finden reißend Absatz. Kein Wunder, sind sie doch Innsbrucks süßestes Souvenir.
Das Goldene Dachl wurde an einem genialen Platz errichtet. Seit seiner Erbauung um 1500 bis zur Eröffnung der Eisenbahnlinie 1867, also über dreihundertfünfzig Jahre lang, musste fast jeder, der vom Norden über den Brenner nach dem Süden wollte, daran vorbei. Und beim Rückweg natürlich auch wieder. Generationen von Künstlern, Kaufleuten, Soldaten, Reisenden und Pilgern zogen an ihm vorüber. Kein Wunder, dass es gern besungen wurde:
„Das guldin dach gar wol bekanndt,
sein ruemb erschallen in weytte lanndt“
(Gerold Rösch von Geroldshausen, 1558)
Jo, es isch a nobls Sachl
Ünser goldenes Schindldachl
(Anni Kraus, 1975)
das essen ist selten gut. der kaffee scharfes waschwasser.
guelden ist ein dach & ueber nacht
werden die gartenstühle an die kette gelegt.
(Norbert C. Kaser, 1979)
Vor zwei oder drei Jahren wollte es der Zufall, dass ich bei strahlendem Sonnenschein am Tag der Wintersonnenwende zu Mittag durch die Herzog-Friedrich-Straße Richtung Annasäule ging. Die Sonne stand tief und blendete mitten über der nach Süden ausgerichteten Straße. Ich drehte mich um: Nie sah ich das Dachl goldener. Das war nicht immer so: „Goldenes Dachl bleibt schwarzbraun“ titelte 1970 die Arbeiterzeitung. Die Stadt wollte die Schindeln neu vergolden lassen, aber skurrilerweise erhob gerade das Landesdenkmalamt dagegen Einspruch: „Gegen Abgase ist kein Kraut gewachsen“, verkündete ein pessimistischer Landeskonservator. „Eine Neuvergoldung“, so das wörtliche Zitat, „wäre für die Katz’, spätestens nach einem halben Jahr wäre der jetzige, düstere Zustand wieder erreicht.“ Gut. Nach offensichtlich langem, zähem Kampf konnte sich die Stadt doch noch durchsetzen. Aber es dauerte noch bis zum 12. Juli 1975, bis ein frisch renoviertes Dachl mit golden glänzenden Schindeln präsentiert werden konnte. Und siehe da, nach einem halben Jahr glänzten die Schindeln noch immer. Ja sie glänzen bis heute.
Das Goldene Dachl: ein Fürstenerker. Ein Prunkbalkon. Weltberühmtes Wahrzeichen von Innsbruck. Und: der Balkon einer Kleinstwohnung. Von 1930 bis zu ihrem Tode wohnte dort die Witwe Maria Krüger. Ihre Wohnung bestand nur aus Zimmer, Küche und Abstellraum. Toilette und Wasserbecken waren im Hausflur. An der Südseite der Küche führten sieben breite, hölzerne Stufen hinauf zu einer Glastüre, die im schmalen Marmorbalkon mündete. „Ich darf keine Kisten, Kübel oder Liegestühle dort lagern. Aber zum Sonnen und zum Hinunterschauen benütz ich den Balkon schon manchmal“, sagte Frau Krüger in einem Zeitungsinterview 1964. „Und natürlich halte ich ihn immer sauber.“ Aber, ich fürchte, die ganze Wahrheit hat Frau Krüger uns nicht gesagt: Lukas Morscher schwört, er hätte ein Bild gesehen, auf dem im Balkon des Goldenen Dachls Leinen gespannt waren, mit Unterwäsche der Frau Krüger behängt. Wie auch immer: Ausnahmslos jeder, der zu dieser Zeit von da oben wie einst Maximilian auf das gewöhnliche Volk herabschauen wollte und durfte, ist zuerst durch Frau Krügers Küche gegangen.
