Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land - Erwin Berner - E-Book
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Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land E-Book

Erwin Berner

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Beschreibung

„Wer war ich zu jener Zeit, an jenem Ort?“

Mai 1975: Der junge Schauspieler Erwin Berner zieht in die Schreinerstraße in Friedrichshain. Hier wird er sein Leben verbringen, Erfolge feiern, sein Coming Out erleben, aber auch die Brüche der Wende und Nachwendezeit erfahren. Geht er dann durch die Straßen, tritt er in seine Wohnung, so erinnert ihn alles an das, was war und nicht mehr ist, verschwunden im Strudel einer neuen Zeit. Schreibend wird er zum literarischen Chronisten einer anderen Welt und erobert sich den Boden, der ihm nach der Wende in Berlin unter den Füßen weggezogen wurde, zurück. Es sind Bilder einer Stadt und eines Lebens, die in der Erinnerung Gestalt annehmen und sich wie ein Schattenspiel über die Oberfläche des Hier und Jetzt schieben.

Mit seiner Biografie schreibt sich Erwin Berner eindringlich in die Veränderungen einer Stadtlandschaft ein.

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über Erwin Berner

Erwin Berner wurde 1953 als ältester Sohn von Eva und Erwin Strittmatter geboren. Er war ein vielbeschäftigter Bühnen- und Fernsehschauspieler, u. a. in »Adel im Untergang«, »Sonjas Rapport«, »Die Verführbaren (Ein ernstes Leben)«, »Ein altes Herz geht auf die Reise« und »Zur See«. Er lebt in Berlin und schreibt Stücke, Gedichte, Liedtexte und Prosa.

Im Aufbau Verlag ist sein Buch »Erinnerungen an Schulzenhof« erschienen. Außerdem gab er (zus. mit Ingrid Kirschey-Feix) Erwin und Eva Strittmatter, »Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel« heraus.

Informationen zum Buch

»Wer war ich zu jener Zeit, an jenem Ort?«.

Mai 1975: Der junge Schauspieler Erwin Berner zieht in die Schreinerstraße in Friedrichshain. Hier wird er sein Leben verbringen, Erfolge feiern, sein Coming Out erleben, aber auch die Brüche der Wende und Nachwendezeit erfahren. Geht er heute durch die Straßen, tritt er in seine Wohnung, so erinnert ihn alles an das, was war und nicht mehr ist, verschwunden im Strudel einer neuen Zeit. Schreibend wird er zum literarischen Chronisten einer anderen Welt und erobert sich den Boden, der ihm nach der Wende in Berlin unter den Füßen weggezogen wurde, zurück.

Es sind Bilder einer Stadt und eines Lebens, die in der Erinnerung Gestalt annehmen und sich wie ein Schattenspiel über die Oberfläche des Hier und Jetzt schieben. Mit seiner Biografie schreibt sich Erwin Berner eindringlich in die Veränderungen einer Stadtlandschaft ein.

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Erwin Berner

Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Land

Inhaltsübersicht

Über Erwin Berner

Informationen zum Buch

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Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Einige Worte danach

Impressum

Laura: Tom! Tom, was tust du?

Tom: Ich such den Schlüssel.

Laura: Wo bist du denn so lange gewesen?

Tom: Im Kino war ich.

Laura: Bis jetzt?

Tom: Ein sehr reichhaltiges Programm! …

Tennessee Williams »Die Glasmenagerie«

(erster Teil, vierte Szene)

Die zählebigsten Ängste sind die diffusen.

Vorwort

Es kam alles ein wenig anders als gedacht.

An einem Januartag des Jahres 2005 blieb ich vor einem Haus in der Grünberger Straße stehen. Ich war auf dem Heimweg und verharrte plötzlich vor diesem Haus und erinnerte mich, wie ich hier in einer Sommernacht mit einem Freund gestanden und wir zu einem erleuchteten Fenster hinaufgeschaut hatten. In der Wohnung, die zu dem Fenster gehörte, lebte ein mir nicht unbekannter Mann, in den der Freund gerade unglücklich verliebt war. Er schmachtete zum Fenster hinauf und beteuerte, wie sehr er den Mann liebe.

Der Freund lebt längst in einer anderen Stadt, und der Angeschmachtete flüchtete kurz vor dem Mauerfall in den Westen. Daran erinnerte ich mich, als ich an jenem Wintertag vor dem Haus in der Grünberger Straße stand.

Ich lief weiter, und mir kam in den Sinn, wie viele Leute ich kannte, die im Stadtbezirk Friedrichshain gewohnt hatten. Es wäre gut, dachte ich, wenn ich über all diese Leute schriebe.

Noch am selben Tag fiel mir der erste Satz für den Text ein: Alle sind fort; und ich will schreiben.

Der Satz entzündete weitere Ideen. Ich sollte nicht nur über Bekannte schreiben, die einst hier gewohnt hatten, sondern auch über die ehemaligen Mieter im Haus Schreinerstraße 25, insbesondere über meine Zimmerwirtin Oma Schade. Und wenn ich über Oma Schade schriebe, wäre es ratsam, auch über meine Wohnung zu schreiben. Ebenso über die Straßen und ehemaligen Geschäfte im Kiez und meine Nächte im Stadtpark Friedrichshain. Die Ideen wuchsen sich zu einem großen Schreibprojekt aus, für das ich einen trefflichen Anfangssatz hatte. Am Ende aber drohte mir gewaltig viel Arbeit, und ich verschob sie auf später.

Im nächsten Jahr gerieten mir die Erinnerungen unversehens ins Tagebuch. Das mißfiel mir, aber ich schrieb. Ich beschrieb meine Tage im Jahr 2006 und mein früheres Leben im Stadtbezirk Friedrichshain. Unter der Hand entstand zuviel Text. Als das Jahr endete, war ich froh, die Tagebücher beiseite legen zu können.

Erst zwei Jahre später nahm ich sie mir wieder vor. Ich bearbeitete und kürzte Texte, änderte Namen und Biographien. Zudem beschränkte ich mich auf Geschichten, die auf die eine oder andere Weise mit meinem Leben in der Schreinerstraße zu tun haben. Doch ließ ich weg, was ich schon an anderer Stelle erzählt habe.

Bedauerlich ist, daß ich jetzt, da das Buch fertig ist, denke, ich hätte 2006 auch über den hageren Mann schreiben sollen, der, wann immer ich nachts vom Balkon schaue, vorbeieilt. Der Mann trägt im Rucksack und in Beuteln alte Zeitungen durch die Straße. Woher er kommt, wohin er läuft – ich weiß es nicht. Auch über den Kampf der Elstern und der Nebelkrähen in der Schreinerstraße, den jedes Frühjahr die Nebelkrähen gewinnen, hätte ich schreiben sollen. Und über meine Abendspaziergänge entlang den S-Bahngleisen zum Neubaugebiet am Fennpfuhl, zu dem es mich zieht, seit mir der Stadtpark Friedrichhain verdächtig ist.

Ich habe über all das nicht geschrieben und kann es verschmerzen. Nur schwer hingegen kann ich verschmerzen, daß der Satz, der mich zum Schreiben brachte, nicht mehr an den Textanfang paßt. Alle sind fort; und ich will schreiben. – Nein, ich habe auch über Leute geschrieben, die nicht fort sind. Die hier noch leben. Und sofern sie großzügig sind, mögen sie es mir verzeihen.

Berlin, im Herbst 2019

1

Es schneit, es schneit. – Nun, warum sollte es Anfang Februar nicht schneien?

Ich kontrolliere mein Postschließfach: Es ist leer. Ich will das »Plaza«-Gebäude, in dem sich das Schließfach befindet, durch die Drehtür verlassen. Sie dreht sich träge. Zeitweilig bleibt sie sogar stehen. – Ich hasse diese Drehtür.

Eine junge Frau betritt mit mir den Raum zwischen Glasscheiben, in den man sich begeben muß, wenn einen die Tür ins Freie befördern soll. Dreißig Zentimeter mag sie von meiner Schulter entfernt sein. Trotzdem redet sie laut ins Handy, bestellt sie dem und jenem heißeste Grüße.

Die Tür verharrt. Die Frau sagt ins Handy, wo sie gerade steckt. Ich rufe: He, nun ist’s gut!

Die Tür dreht sich weiter, schon gibt sie den Weg auf die Frankfurter Allee frei. Da sagt die Frau, über die Schulter gewandt: Mußt ja nicht zuhörn!

Solche Dreistigkeit ärgert mich, und mich empört, daß ich geduzt werde. Ich brülle:

Dann müssen Sie hier in diesem … Kabuff nicht so brüllen!

Ich bewege mich auf die Frau zu. Gerade noch kann ich verhindern, daß ich sie stoße. Blöde Kuh! höre ich mich sagen.

Damit hat die junge Frau nicht gerechnet. Erstaunt starrt sie mich an.

Ich wende mich ab und laufe zur Straßenkreuzung. Ich bin erschüttert. Was hat sich in mir angestaut? Was macht mich derart aggressiv? Ja, ich verabscheue es, wenn dicht an meinem Ohr telefoniert wird. Aber das ist es nicht allein.

Auf dem Weg zum Boxhagener Markt fällt es mir ein: Ich kann einen bestimmten Frauentyp nicht leiden. In ihm erkenne ich die Mütter aus dem Kinderladen und auch einige der Kinderbetreuerinnen wieder. Ich muß aufpassen, daß ich mich an der Geschichte mit dem Kinderladen nicht nervlich verschleiße. Diese Art Frau ist laut, anmaßend, rücksichtslos, unverschämt! murmle ich.

Ich umrunde den Boxhagener Markt und kaufe Sülze und Äpfel. In der schneeklaren Luft beruhige ich mich allmählich. Dann scheint sogar die Sonne.

Die Tüte mit Äpfeln und Sülze in der Hand, kehre ich heim.

Bald kann ich überhaupt nicht mehr außer Haus gehen, wenn ich mich so leicht errege.

Abends zeigt das Fernsehen den DDR-Film »Florentiner 73«, der nach Renate Holland-Moritz’ Erzählung »Das Durchgangszimmer« gedreht wurde. Am besten traf in dieser sozialistisch aufgeputzten Hausgemeinschaft die Schauspielerin Agnes Kraus als Zimmervermieterin Klukke den Berliner Ton. Indes das ist nebensächlich. Wichtiger ist das Mobiliar im Durchgangszimmer. Es erinnert mich an eigene Wohnverhältnisse. Als ich in der Schreinerstraße 25 zur Untermiete lebte und es im Erdgeschoß den Kinderladen noch nicht gab.

Anfangs stellte meine Wirtin Oma Schade für mich morgens in der Küche Kaffee und Brötchen bereit. Gerade so, wie es im Film »Florentiner 73« zu sehen ist. Ich aber wollte nicht umsorgt werden; ich wollte mein Leben leben. Ich bat Oma Schade, nicht mehr vom Bäcker Wiener für mich Brötchen zu holen und Kaffee zu kochen. Den Kachelofen im Untermietzimmer sollte sie auch nicht mehr heizen.

Im Zimmer stand zwischen den Fenstern eine Stellage aus Rohr, in der Blumentöpfe hingen. Die Blumenstellage und die Balkonblumen gaben den Vorwand her, daß Oma Schade mein Zimmer betreten durfte, daß sie es zum Durchgangszimmer machen konnte. Freilich klopfte sie an, bevor sie hereinkam. Auch ließ sich die Tür notfalls von innen verriegeln.

Ich hatte das Zimmer im Mai 1975 gemietet und war zurück nach Freiberg gefahren. Ich war noch am Freiberger Theater als Schauspieler engagiert und kam nur selten nach Berlin.

Im Sommer kaufte ich im An- und Verkauf am Rosenthaler Platz einen Kleiderschrank, den ein geschickter Mensch aus Kistenholz gezimmert hatte, einen Zwitterschrank, dessen Oberteil ein Bücherregal und dessen Unterteil ein Schrank war, und einen Tisch mitsamt vier Stühlen. Während ich in Freiberg war, ließ Oma Schade die Sitzpolster der Stühle vom Polsterer neu, sie ließ sie mausgrau beziehen. Ich zahlte zähneknirschend den Macherlohn. Dafür weißte ich ohne Oma Schades Erlaubnis die Wände im Untermietzimmer. Ich überstrich die Tapete. Die Tür war verriegelt. Oma Schade klopfte an, sie wollte eingelassen werden. Als ich öffnete, war das Zimmer zur Hälfte gemalert.

Die Hände in die Hüften gestemmt, betrachtete Oma Schade eine geweißte Wand. So geht’s auch! sagte sie. Obwohl die Tapete noch neu war.

Ja, aber ich wollte in meinem Zimmer nicht auf eine silberstreifenverzierte Tapete schauen.

Ich hatte eine dreiteilige Matratze gekauft. Oma Schade überließ mir ein altes Bettgestell, das quietschte und knarrte, sobald ich jemanden im Bett zu Besuch hatte. Als mich die Filmschauspielerin Ricky, die blonde Ricky, besuchen kam, besaß ich bereits die beiden Liegen, die ich noch heute besitze – das Bettgestell hatte ich nach dem Liegenkauf wieder in Oma Schades Keller geschafft. Solange es jedoch im Zimmer stand, gab’s Ärger mit der Nachbarin. Sie hämmerte nachts gegen die Wand, wenn das Bett quietschte und knarrte.

Oma Schade hatte mich vor der Nachbarin gewarnt. Als ich das Zimmer besichtigte, sagte sie: Mit der reden wir nicht! Sie deutete auf die Wand, hinter der in einer Einraumwohnung, zu der auch der halbe Balkon gehörte, die Nachbarin lebte. Die wirft uns tote Ratten auf den Balkon! Und die über uns hackt nachts Holz. Mit der reden wir auch nicht!

Das heißt nicht, Oma Schade sei mit allen verzankt gewesen. Nein, sie redete im Haus, auf der Straße und in den umliegenden Geschäften mit dem und jenem, doch sprach sie nicht mit der mißgünstigen Nachbarin und der alten Mieterin aus der oberen Wohnung.

Die Schauspielerin Ricky verstand sich prächtig mit meiner Zimmerwirtin.

Na, Oma Schade, wie geht’s uns denn?! schrie sie der kleinen, schwerhörigen Frau ins Ohr.

Wie soll’s mir schon gehn? fragte Oma Schade zurück. Der liebe Gott will mich anscheinend nicht haben. Alle sind tot, nur mich will er nicht haben.

So redete Oma Schade, wenn sie betrübt war, wenn sie sich einsam und verlassen fühlte. Für gewöhnlich war Erna Schade, die Umsiedlerin, jedoch guter Dinge und meinte: Es muß. Es muß gehn, junge Frau. Und Ihnen?

Geht auch gut, Oma Schade! rief Ricky lachend und lief in mein Zimmer.

Damenbesuch war im Untermietzimmer unerwünscht. So hatte es Oma Schade gesagt, als ich das Zimmer begutachtet und für monatlich fünfzig Mark gemietet hatte. Dann aber nahm sie den Damenbesuch ebenso hin wie die geweißten Wände.

Oma Schade kam aus Schlesien. Ich hatte keine Ahnung, wo genau Schlesien lag. Im heutigen Polen. Ja. Gerhart Hauptmann stammte aus Schlesien. Sein Theaterstück »Und Pippa tanzt!« spielt in Schlesien. Ich hatte mich vier Jahre zuvor mit der Rolle des Hellriegels aus »Und Pippa tanzt!« an der Rostocker Schauspielschule beworben. Auf Anraten einer älteren Schauspielerin hatte ich den Hellriegel vorgesprochen. »Die Weber« spielten ebenfalls in Schlesien. Doch mehr wußte ich nicht. Ich wollte auch nicht mehr wissen. Alles weitere Interesse an Schlesien hätte ich für revanchistisch gehalten. Darum fragte ich nicht nach. Ich wußte aber, Oma Schade war bei Kriegsende mit einem Lastwagen nach Berlin gekommen. Sie hatte während der Fahrt auf der unbeplanten Ladefläche auf einem Holzklotz gesessen. Das beeindruckte mich. Oma Schade hatte durch den Krieg alles verloren: Heimat und Habe.

Eines Tages, als ich von Freiberg nach Berlin kam, lag im leeren Untermietzimmer eine Matratze.

Einer muß dem andern helfen! kommentierte Oma Schade die Matratze, auf der ich dann schlief, bis ich die dreiteilige Matratze und die Möbel kaufte und mir Oma Schade das Bettgestell lieh.

Einer muß demandern helfen. – Über Jahre zitierte ich den Satz als die Lebenshaltung eines Menschen, der einmal alles verloren hatte, der auf Hilfe angewiesen gewesen war. Jetzt war es Oma Schade, die half. Und sie half gern. Vor allem half sie im Haus.

Nach dem Krieg hatte ihr Mann, der gelernte Maurer, mitgeholfen. Er war aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Das Haus gegenüber war zerbombt worden; die Druckluft der Explosion hatte auf dem Wohnungsflur eine Wand einstürzen lassen. Oma Schades Mann mauerte sie neu. Noch heute handelt es sich um die vom alten Schade hochgezogene Wand – ein Stein quergelegt. In diese Wand stemmte ich 1980, als die elektrischen Leitungen neu verlegt werden mußten, Vertiefungen. Der Elektriker hatte mit einem Kohlestift markiert, wo entlang gestemmt werden sollte. Einen Tag lang hatte ein Bühnenarbeiter vom Berliner Ensemble die Wände aufgestemmt, dann war ihm die Arbeit zu anstrengend gewesen. Also mußte ich stemmen. Auf dem Flur, rechter Hand der Eingangstür, tat ich es mit Bedacht. Das war dem alten Schade seine Nachkriegswand. Im Jahr zuvor war auch Oma Schade gestorben, und das Wohnungsamt hatte die Wohnung mir zugesprochen, und ich machte sie nach meinen Vorstellungen wohnlich.

Ja, der Film »Florentiner 73« stimmt mich sentimental. – Sentimental gestimmt, gehe ich zu Bett.

2

Alles gestrige Erinnern zielt letztendlich auf ein verlorenes Lebensgefühl. Sehe ich in Oma Schades Küche den Abwaschtisch, den Kohlenkasten und die Kaffeekanne auf dem Küchentisch, habe ich das Bild so recht vorm inneren Auge, dann spüre ich sekundenweise die eigene Jugend. Ich weiß, der Tag beginnt und alles ist möglich. – Doch nichts ist möglich außer Schreiben.

Meine Lebensfreundin Johanna holt mich zu einer Autofahrt nach Reinickendorf ab.

Wir umlaufen den zugefrorenen und zugeschneiten Schäfersee. Die Polizei warnt seit Tagen, man solle die Berliner Gewässer nicht betreten. Trotzdem gehen Leute übers Eis. Selbst Kinder nehmen die uneinsichtigen Erwachsenen mit. – Johanna ist empört.

Ich erzähle, daß ich Carola Braunbock im Film »Florentiner 73« habe spielen sehen. Vorm Fernseher hatte ich überlegt, wie alt sie während der Dreharbeiten gewesen sein mochte. Ich schätzte sie auf fünfundfünfzig und schaute im »Lexikon der DDR-Filmschauspieler« nach: Braunbock war 1971 erst siebenundvierzig Jahre alt.

Sie war jünger, als ich es heute bin, sage ich. Und dabei habe ich Carola Braunbock gestern nicht mehr mit den Augen der Jugend, die Alter sieht, wo es noch gar nicht sichtbar ist, taxiert. Ich habe versucht, sie mit meinem jetzigen Gefühl fürs Alter zu sehen. Dennoch habe ich mich so verschätzt.

Ich erzähle, daß ich in der Erinnerung an meine Freiberger Theaterzeit die Schauspielerin Grete Maurer zur Seniorin gemacht habe. Tatsächlich war Grete damals erst fünfzig Jahre alt. Ja, grausam ist die Jugend, was ihr Urteil übers Alter anlangt. Auch Johanna entsinnt sich, in der Jugend hart geurteilt und Kollegen für alt erklärt zu haben.

Wir spazieren durch Seitenstraßen zum Franz-Neumann-Platz und halten nach jener Parterrewohnung Ausschau, in deren Fenster letztes Jahr ein Schild fragte: Wer mietetmich? Ich war letztes Jahr gewillt umzuziehen. Nur fort aus dem Stadtbezirk Friedrichshain, fort aus der Schreinerstraße, fort vom Kinderladen. Reinickendorf erschien mir ideal. Hier war alles so still-beschaulich, als lebte der gesamte Stadtbezirk im Ruhestand. Dazu das Schild im Fenster. Bei unserem nächsten Spaziergang entdeckten wir, daß die Wohnung unter der Einflugschneise zum Flughafen Tegel liegt. Heute sehen wir, ihr Eigentümer hat es aufgegeben, sie vermieten zu wollen, und das Schild entfernt.

Während wir zum Auto zurückkehren, schildere ich, was mir gestern in der Drehtür vom »Plaza«-Gebäude widerfahren ist. Daß mich meine Gereiztheit ängstigt. Und gewiß hat sie mit dem Kinderladen und mit meinem Alter zu tun.

Im Postschließfach finde ich die Telefonrechnung. Obwohl ich in letzter Zeit viel telefoniert habe, weicht sie von der üblichen Monatsrechnung nicht ab. Ich habe dank einer Billigvorwahlnummer kostengünstig telefoniert.

Wie sehr ich mich ans eigene Telefon gewöhnt habe. Heutzutage heftet niemand mehr einen Zettel an die Wohnungstür: Habe dich leider nicht angetroffen. Wie traurig! Oder: War hier!– Wo bist du? Oder: Komme in einer Stunde wieder. Gruß …

Zu Oma Schades Zeiten hinterließ bei ihr, wer laut genug sprechen konnte, eine Nachricht für mich.

Da war wieder die junge Frau dagewesen, die schon öfters da war.

Welche, Oma Schade?! Die blonde?!

Nein, die andre. Die kleine.

Ich rätselte: Die kleine Frau – meinte Oma Schade Frau Taube? Wir waren uns zufällig in einem Berliner Theater wiederbegegnet. Seitdem besuchte mich die ehemalige Freiberger Theaterdramaturgin zuweilen abends überfallartig. Sie setzte sich in meinem Untermietzimmer fest und berichtete von ihrem verworrenen Leben. Oder Frau Taubes Leben war gar nicht verworren und sie schilderte es nur so.

Oma Schade konnte auch sagen: Da war jetzt eine Frau da, die war noch nie da.

Es stellte sich heraus, meine Mutter hatte mich besuchen wollen. Ich schrie: Doch, Oma Schade, die Frau war schon mal hier: meine Mutter!

Wer?

Meine Mutter wollte mich besuchen!

Na kann sie doch.

Nachdem Oma Schade gestorben war, hefteten Freunde, die mich daheim nicht antrafen, Zettel an die Wohnungstür. Oder sie steckten die Zettel zusammengefaltet ins Schlüsselloch. Das ging so, bis ich ein eigenes Telefon bekam. Seitdem besucht mich kaum jemand unangemeldet. Bleibt die Frage: Bin ich, von mir unbemerkt, zum Westler geworden, der nur nach Ankündigung besucht werden möchte? Oder liegt’s am Alter, daß mich heute unangemeldeter Besuch stört?

Oma Schade redete oft vom Krieg. Sobald sie eine Weile erzählt hatte, wußte sie nicht mehr, von welchem Krieg sie sprach.

Welchen meinen Sie jetzt, Weltkrieg eins oder Weltkrieg zwei?!

Hm. Oma Schade stand in der Kittelschürze vor mir, ihre Arme ruderten. Meine Frage hatte sie aus ihren Gedanken gerissen. Welcher wird’s wohl gewesen sein? überlegte sie mir zuliebe. Wahrscheinlich der erste. Sicher war sie sich dessen nicht. Es war auch egal: Krieg war Krieg, und jeder war an viel Unglück schuld.

Der alte Schade war schon Mitte der 50er Jahre gestorben. Auch daran war der Krieg schuld. Und wenn nicht der Krieg, so die russische Kriegsgefangenschaft.

Seit ihr Mann tot war, vermietete Oma Schade das kleinere Zimmer ihrer Zweizimmerwohnung an Studenten, die ihr über die Bäckerei Wiener aus der Samariterstraße vermittelt wurden. Klara, die Tochter vom Bäckermeister Wiener, studierte Medizin. Sie machte Oma Schade mit zimmersuchenden Studenten bekannt. Auch mich machte sie mit ihr bekannt. Durch Klara wurde ich Oma Schades erster Nichtstudent-Untermieter.

Zeitweise hatten sogar zwei Studenten im vorderen Zimmer gewohnt, hatten sie sich in die Miete dreingeteilt. Herrenabende wurden veranstaltet, erzählte Oma Schade. Es wurde Bier getrunken und Skat gespielt. Aber legt mir ja ’ne Decke drunter, wenn ihr Skat kloppt, hab ich ihnen gesagt. Ich will keinen Ärger haben mit der von oben oder der von nebenan. Die Studenten hielten sich an die Anweisung.

Eines Abends brachte mir Oma Schade einen Schnellhefter.

Ich weiß ja nicht … Vielleicht intressiert Sie’s. Oma Schade lächelte. Ist dem seine Gerichtsakte – der Medizinstudent, von dem ich erzählt hab. Der verheiratete.

Ach der …!

Oma Schade zog sich in ihr Zimmer zurück, wo sie im Sessel saß und laut fernsah.

Ich las die Akte: Der Student hatte nach dem Studium die Scheidung beantragt. Er, der Mediziner, wollte nun eine standesgemäße Frau und nicht mehr die Bauerntochter, die er geschwängert und, weil es ihre Eltern verlangten, geheiratet hatte. Er behauptete vor Gericht, seine Frau hätte sich mit ihm geistig nicht mitentwickelt. Außerdem wäre sie als Hausfrau eine Versagerin. Die verklagte Partei verabsäumte es, auf den Möbeln der klagenden Partei Staub zuwischen, las ich. Die Ehe wurde tatsächlich geschieden. Der Mediziner setzte sich später nach Westberlin ab. Oma Schade fand die Akte, als das Zimmer von der Kriminalpolizei geräumt worden war.

Na, wie gefällt Ihnen das? fragte sie am nächsten Morgen. Hat ich ’nen feinen Untermieter, was? Aber die Frau war wirklich sehr vom Lande, paßte von Anfang an nicht zu ihm.

Oma Schade vermietete nicht nur des Geldes wegen. Sie wollte Gesellschaft und beklagte sich, wenn ich längere Zeit auswärts arbeitete. Manchmal schwieg sie auch trotzig, wenn ich erst am Wochenende heimkehrte.

Dachte schon, Sie kommen gar nicht wieder … Da! Der Nagel muß in die Wand geschlagen werden.

Oma Schade hielt mir Hammer und Nagel hin. Strafarbeit! Als ich nach ihrem Tod die Wohnung renovierte, fand ich an den seltsamsten Stellen eingeschlagene Nägel. Und warum hat Oma Schade hier einen Nagel eingeschlagen? überlegte ich. Ich entdeckte noch jahrelang Nägel in den Wänden. Und einige beließ ich als Zeugen meiner Untermieterzeit an ihrem Platz.

Oma Schade konnte auch gut erst mal ein wenig barmen und jammern, daß niemand ihr, der alten Frau, helfe, bevor sie mir sagte, was handwerklich zu erledigen sei. Ehe sie mir Hammer und Nagel in die Hand drückte.

Am Ende des fast zehn Meter langen Flurs befand sich hinter einem geblümten Vorhang der Hängeboden. Ebenso, wie sich in meiner Kindheit in Neuruppin am Ende von Großmutters Wohnungsflur hinter einem Vorhang ein Hängeboden befunden hatte. Doch war der Neuruppiner Flur nicht so lang und dunkel wie Oma Schades Flur, auf dem in einer verstaubten Mattglaskugel eine Vierzig-Watt-Glühbirne brannte.

Ein schwarzes Ofenrohr kreuzte vom Bad aus den Flur und führte durch die Wand in den Schornstein der Nachbarwohnung. Das Rohr gehörte zum Badeofen, den Oma Schade selten heizte. Wir wuschen uns kalt. Auch wer bei mir übernachtete, wusch sich am nächsten Morgen kalt. Das Bad war eine kalte Angelegenheit.

Im Bad waren Wäscheleinen gespannt, auf denen Oma Schades Schürzen und ihre rosa Altfrauenunterwäsche trockneten. Flur und Bad rochen nach Gas und Urin – ein leicht bitterer Geruch. Erst Jahre nach ihrem Tod gelang es mir, ihn aus der Wohnung zu vertreiben. Heute sehne ich mich manchmal nach ihm, denn auch der leicht bittere Geruch hat mit meiner Jugend zu tun.

Oma Schade klagte über Einsamkeit. Sie war jedoch nicht einsam. Ihre Tochter, die in Berlin-Schöneweide lebte, und auch die Enkeltochter besuchten sie und schauten in ihrer Wohnung nach dem Rechten. Und selbst der Urenkel, ein Junge in kurzen Hosen, besuchte seine Urgroßmutter.

Oma Schade hätte bei ihren Verwandten leben können; doch wollte sie unabhängig sein.

Ich bin ganz froh, wenn sie kommen, meinte sie, aber froher bin ich, wenn sie wieder gehn. Und nee! ich koche mir lieber selber.

Überall in der Wohnung hingen geblümte Vorhänge: an den Fenstern, vorm Gaszähler, vorm Hängeboden, in der Speisekammer und im Bad. Gegen die Vorhänge ging ich nach Oma Schades Tod erbarmungsloser vor als gegen die eingeschlagenen Nägel. Die Wohnung sollte meinem Geschmack entsprechen. Heute muß ich lächeln, wenn ich an all die geblümten Vorhänge denke.

3

Ein Türkentäuber balzt in der Traueresche. Meisen singen. Vereinzelt fallen Schneeflocken.

Ich putze das Fenster vom hinteren Zimmer. All die Male, die ich Fenster geputzt habe in dieser Wohnung. All die Male. Willig tat ich’s. Viele Jahre lang. Inzwischen tue ich es weniger willig. Andererseits sehe ich hinterher, was ich getan habe, schaue ich klarer durchs Fenster.

Ich reinige die Glaskugeln der Deckenlampe, die Glasscheiben der Bilderrahmen und die großen Wandspiegel.

Die letzte Neuanschaffung fürs hintere Zimmer war die kleine Stehlampe im Bücherregal. Ihr Sockel ist grün, Schirm und Schaft sind rot. Ich hatte die rot-grüne Lampe über die vierspurige Fahrbahn der Frankfurter Allee hinweg im Schaufenster vom Lampenladen entdeckt. Das war 1994 – noch zu Werners Zeit. Seitdem hat sich hier nichts verändert, abgesehen von einigen Gegenständen auf dem Klavier und in den weißen Hängeregalen, die aus Werners Nachlaß stammen und mich an meinen verstorbenen Freund erinnern sollen. – Nein, dafür bedarf es keiner Gegenstände. Werner ist mir nahe. Jederzeit.

Oma Schade stand gern auf der Haustürschwelle. Mir fällt ein, sie trug Kämme im grauen Haar, die in Ohrhöhe an ihrem Hinterkopf klemmten. Und Ohrringe trug sie – an Kettchen schaukelnde kleine blaßrosa Steine. Die Hände in die Hüften gestemmt und den Bauch ein wenig vorgestreckt, spähte sie zu beiden Seiten die Schreinerstraße hinauf. Kam jemand des Wegs, den sie kannte, mit dem sie reden konnte, dem sie erzählen konnte, daß der liebe Gott sie nicht holen wollte?

Oma Schade hatte früher die Hauswartstelle innegehabt. Es hieß, sie habe viel Gutes für die Mieter getan und mit der kommunalen Wohnungsverwaltung für deren Rechte gefochten. Aus dieser Zeit war unterm Fenster vom hinteren Zimmer ein Stück Telefonkabel übriggeblieben. Es steckte in der Wand und lief an der Hauswand entlang zum Keller hinab. Den Telefonanschluß – all die DDR-Jahre gab es im Haus nur einen einzigen – besaß längst der derzeitige Hauswart, oder vielmehr das Ehepaar Ziesche besaß ihn.

Herr Ziesche war Polizist und stand kurz vor der Pensionierung. Frau Ziesche war Hausfrau. Ziesches wohnten drei Treppen Vorderhaus. Sie verwahrten das »Hausbuch«, in das ich mich als Oma Schades Untermieter eintragen mußte.

Eines Tages saßen wir zufällig im selben Zugabteil. Ich fuhr zur Theatervorstellung nach Weimar; Ziesches reisten nach Bad Berka zur Kur. Während der Fahrt erfuhr ich soviel über die Mieter der Schreinerstraße 25, wie ich danach nie wieder auf einen Schlag hören sollte. Was er nicht wußte, vermochte sie zu berichten. Ziesches erwähnten allerdings nicht, daß das Haus einst jüdischer Besitz gewesen war. Die Hausbesitzer hatten im Vorderhaus gewohnt. Sie und ihre Kinder waren im Konzentrationslager ermordet worden, vermeldete in der Wendezeit ein Aushang am »Schwarzen Brett«, an dem sonst die Schneereinigungspläne und Hinweise auf Hausversammlungen oder Hoffeste hingen.

Herr Krist, der jetzige Eigentümer, erwarb das Haus von der jüdischen Erbengemeinschaft. Es hatte sich nach der Wende lange kein Käufer gefunden, weil das Haus stark sanierungsbedürftig war. Auf der Hofseite war vom Haupt- und von den Seitengebäuden der Putz abgefallen – man sah die gelben Ziegelsteine. Das Dach war undicht, die Kellerräume waren feucht. Auch waren die Schreinerstraße und die umliegenden Straßen zum Sanierungsgebiet ernannt worden, was die Hausbesitzer dazu verpflichtete, »bauliche Auflagen« zu erfüllen. Wer wollte sich darauf einlassen? – Herr Krist aus Hessen.

Krist ließ nicht nur die Witterungsschäden beseitigen, er ließ auch den Hofgarten schleifen. Die beiden halbwüchsigen Ebereschen, links und rechts auf dem Gartenareal, ließ er ebenso abholzen wie den lila- und den weißblühenden Fliederbaum. Schon wollte er auch an die Traueresche Hand anlegen lassen. Da schritt ich, einer der wenigen noch im Haus lebenden Altmieter, ein und bat, die Esche zu schonen.

Was wollen Sie mit dem ollen Baum? fragte Krist. Ich sagte: Wen stört er im Hintergrund des Hofes? Und wenn er belaubt ist, verdecken seine Blätter die trostlose Rückwand vom Gewerbehofschuppen aus der Rigaer Straße.

Die Traueresche wurde nicht gefällt, doch verlor sie ihren längsten Ast, der es gewagt hatte, sich einem der Seitengebäude zu nähern. Vier Männer warfen Seile um ihn und zogen an ihnen, bis sich der Ast bog. Es sah aus, als sollte ein Wildpferd gezähmt werden. Ich beobachtete es durchs Küchenfenster. Als der dicke Ast nachgab und brach, klatschten die Männer Beifall, und ich wandte mich vom Fenster ab.

Herr Krist ließ den Hofgarten in vier Teile parzellieren. Ein gepflasterter Weg, den kaum jemand benutzt, führt nun von Seitengebäude zu Seitengebäude. Ein anderer führt vom Vorderhaus zu den Mülltonnen. Früher umliefen die Mieter den Garten, wenn sie ihren Mülleimer entleeren wollten. Das war ein etwas weiterer Weg. Man ging ihn aber gern, weil der Garten schön war. Fräulein Förster pflegte ihn. Jahr für Jahr.

Fräulein Förster trug wie alle alten Frauen im Haus eine Kittelschürze. Wenn sie im Garten arbeitete, trug sie zur Schürze ein graues Wollkopftuch und Pantinen. So pflanzte sie Blumen, jätete Unkraut und grub im Herbst und Frühjahr die Erde um. Auch wenn ich mich zu DDR-Zeiten vom Leben in der Schreinerstraße 25 fernhielt – den Hofgarten bewunderte ich.

Zumeist war es im Haus laut, störte mich der Lärm aus den Seitengebäuden. Hin und wieder gab es jedoch, besonders zur Mittagszeit, stille Stunden. Dann hörte ich sommers nur einen Topfdeckel klappern. Gleich war es wieder still, hüpften Amseln zwischen den Pfingstrosenbüschen, dem Vergißmeinnicht und den gelben und blauen Schwertlilien. Sobald jemand den Hof betrat, huschten die Amseln unter die Forsythiensträucher. Oder sie flogen in die Fliederbäume oder die Traueresche. Ich schaute gern durchs Küchenfenster auf den Garten. Im September erfreute ich mich an den roten Ebereschenbeeren. – Alles geschleift.

Herr Krist ließ auf den vier Gartenstücken Koniferen und Schmetterlingsweiden pflanzen. In dem einen Winter erfroren die Schmetterlingsweiden, in dem anderen Sommer verdorrten die Koniferen, standen sie als braune Gerippe in den Parzellen. Die einzigen Blumen, die ich in Fräulein Försters Garten nicht gemocht hatte, die Hortensien, die Friedhofsblumen, sie haben seine Umgestaltung überlebt.

4

Ich grüble nachts im Bett, wie die Frau hieß, die in der Schreinerstraße die herrenlosen Katzen fütterte. Ihr Name liegt mir auf der Zunge. Ich ahne, er beginnt mit einem G – da dämmere ich weg. Mein letzter Gedanke ist: Und morgen früh fällt dir der Name zu deiner eigenen Freude ein … Siehe da! ich erwache, weil die Jalousien vom Kinderladen hochgezogen werden, und weiß den Namen: Glöckner. Richtig, Frau Glöckner! Auch sie wohnte all die Jahre im Vorderhaus. Auch sie trug eine Kittelschürze und war alt, seit ich sie kannte.

Frau Glöckner trank gern Alkohol. Meine ehemalige Freundin Conny, die Berlinerin, nannte sie die Kümmelmiene. Das Alter und der Alkohol hatten Frau Glöckner vermännlicht. Das Haar kurzgeschnitten und straff nach hinten gekämmt, marschierte sie von unserem Haus über die Straße zu jenem kriegszerbombten Gelände, auf dem in der Tiefe rot die Ruine eines Hinterhauses in die Höhe ragte. Das restliche Grundstück war ein schöner Garten hinter einem Scherengitterzaun, zu dem Frau Glöckner einen Schlüssel besaß, weil sie in ihm die herrenlosen Katzen fütterte. Kurz vor der Wende wurde die Ruine abgetragen, wurde der schöne Garten, nicht anders als unser Hofgarten, geschleift, und die Katzen verloren ihre Bleibe.

Heute befindet sich auf der ehemaligen Brache ein hocheingezäunter rostroter Basketballplatz.

Damals aber marschierte oder wankte Frau Glöckner alkoholumnebelt über die Straße. Mit scharfer Stimme rief sie die Katzen herbei.

Mit scharfer Stimme redete Frau Glöckner auch im Treppenhaus. Oft tat sie’s vor meiner Wohnungstür. Ich ärgerte mich, wenn ich’s in der Küche hörte. Warum muß die alte Glöckner immer vor meiner Tür tratschen, dachte ich, wo sie doch zwei Stockwerke höher wohnt!

Als kurz vor der Wende im Haus ruchbar wurde, daß ich schwul bin, und es auf dem Hof zwischen mir und dem Alkoholiker Quade zu einem großen Wortgefecht kam, bei dem Quade mit krächzender Stimme rief:

Herr Berner-Strittmacher, verkrachter Schauspieler, ist schwul!, sagte Frau Glöckner:

Ich hab auch mein Leben lang gemacht, was ich wollte und mich nie nach den Leuten gerichtet. Habe immer autark gelebt!

Es war einer der Momente, in denen Frau Glöckner Bildung durchblicken ließ und Fremdworte gebrauchte, und ihre Mitbewohner ahnten, sie mußte früher in gehobenerStellung beschäftigt gewesen sein.

Daß sie mir beim großen Wortgefecht auf dem Hof beigestanden hatte, war freilich eine fragwürdige Hilfe. Frau Glöckner war mit Herrn Quade per du und trank ab und an mit ihm und seinen Kumpanen Schnaps.

Ich denke im Bett an Frau Glöckner, und mein Blick fällt auf die Türklinke vom hinteren Zimmer. Messingklinken wurden zu DDR-Zeiten als Liebhaberstücke gehandelt. Sie wurden nachts in Berliner Altbauten heimlich von Wohnungstüren abgeschraubt und fanden sich an den Türen von Neubauwohnungen oder neugebauten Einfamilienhäusern wieder.

Die Tänzerin Karina Heidpfuhl kaufte im staatlichen Kunsthandel Messingtürklinken für ihre künftige Wohnung und brachte sie mit in mein Untermietzimmer. Stolz zog sie sie aus der Handtasche. Später flüchteten Karina und ihr Mann in den Westen. Und was, bitte, ist aus den teuren Türklinken geworden?

Man schraubte nachts in Altbauten nicht nur Messingklinken ab. Man sägte in der Dunkelheit auch die gedrechselten Stäbe aus den Treppengeländern. Plötzlich war es Mode, aus Geländerstäben Kerzenständer zu basteln, wurden selbstgebastelte Kerzenständer zum Geburtstag verschenkt. Oder sie waren ein Partygeschenk. In der Schreinerstraße 25 fehlten zur Wende fast sämtliche Stäbe des unteren Treppengeländers, und soeben waren die Diebe dabei, in die erste Etage vorzudringen. Auch die Messingklinken fehlten in den unteren Etagen. Darüber denke ich morgens im Bett nach, während ich die glänzende Messingtürklinke betrachte.

Dann erinnere ich mich an Oma Schades kleine Kochtöpfe, an ihren Einpersonenhaushalt.

Es rührte mich, wenn ich vormittags auf dem alten Herd ein Töpfchen mit einem in Scheiben geschnittenen Kohlrabi stehen sah. Oma Schade war außer Haus gegangen. Sie redete irgendwo mit jemandem – vielleicht in der Bäckerei Wiener –, und hier, in der stillen, reinlichen Küche, stand schon der kochfertige Kohlrabi. Oma Schade lebte in einer überschaubaren Welt, schien mir. Eine Welt, ganz anders als meine Welt.

Nach ihrem Tod nutzten die alten Frauen, die mit Oma Schade befreundet gewesen waren und einen Schlüssel zu ihrer Wohnung besaßen, meine Abwesenheit und brachten die kleinen Töpfe und auch Geschirr an sich. Oma Schades Tochter hatte die Küchenutensilien mir zugesprochen. Sofern ich bereit sei, das alte Mobiliar – Sofa, Sessel und Bettgestell – zu entsorgen, sollten sie mir gehören. Frau Glöckner und Fräulein Förster dachten anders. Als ich den Raub beanstandete, sagte das rotwangige Fräulein Förster:

Ach, wir dachten, Sie sind ein junger Mann, Sie schaffen sich alles neu an.

Das trübte auf Jahre mein Bild von Fräulein Förster. Es machte sie mir als Gelegenheitsdiebin verdächtig. Und augenblicklich forderte ich ihr die Schlüssel zur Schade-Wohnung ab.

Da stand ich da mit Oma Schades Möbeln! – Zum Glück gab’s zu jener Zeit schon Lisa Rettich in meinem Leben. Lisa betrachtete meine renovierungsbedürftige Wohnung als sportliche Herausforderung. Sie ließ die Möbel abtransportieren, und sie organisierte sogar über die staatliche Baustoffversorgung eine neue Badewanne. Mir blieben die erniedrigenden Gänge zur kommunalen Wohnungsverwaltung.

Es war bekannt, daß die Mitarbeiterinnen der Wohnungsverwaltung bestechlich waren. Ich aber war zu ungeschickt, um sie zu bestechen: Ich wußte nicht, wie ich ihnen das Geld hätte überreichen sollen.

Zuständig für meine Wohnung war Frau Frettwurst, die kurz davor war, ihren weiblichen Schmelz zu verlieren und hart zu werden. Doch noch war sie die begehrenswerte, machtvolle, mit Geld zu umwerbende Mitarbeiterin der Wohnungsverwaltung. Sie konnte freundlich, sie konnte dreist antworten. Für mich hieß es zu guter Letzt immer:

Haben wir nicht! können wir nicht helfen! unmöglich!

Frau Frettwurst bewilligte nicht einmal den »Kostenzuschuß« für die Renovierung, den ich anhand von Quittungen und Rechnungen beantragt hatte. Meine Belege waren angeblich abhanden gekommen. Nein, von der Wohnungsverwaltung bekam ich keine Hilfe. Hilfe kam von Lisa und von einem Handwerker des Berliner Ensembles, den die Schauspielerin für Spezialarbeiten in meine Wohnung brachte.

Einigen Hausrat, den die Umsiedlerin Schade im Laufe der Jahre angesammelt hatte, konnten die alten Frauen aus dem Haus nicht brauchen. So ist mir ein bißchen Erinnerung an Oma Schade geblieben: Teller verschiedener Größe und Form, darunter zwei aus der »Königliche Porzellan-Manufaktur«, Schüsseln, ein Fleischklopfer ohne Stiel, Teesiebe, die ich noch immer benutze, eine Raspel und rostige Rouladenspieße.

Und geblieben ist mir Oma Schades Küchenschrank. Erst strich ich ihn hellblau, später karminrot. So rot ist er noch heute. Ebenso rot sind die Speisekammertür und die Türen vom Einbauschrank unterm Küchenfenster, der in Berliner Altbauwohnungen der Vorläufer eines