Zu Gast in einer anderen Welt - Luzzi B. - E-Book

Zu Gast in einer anderen Welt E-Book

Luzzi B.

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Beschreibung

Es beginnt mit einer Legende von einer geheimnisvollen Welt unter dem See, die Henry Fairchild seiner 15-jährigen Tochter erzählt. Maggy faßt den Entschluß, diese Welt zu ergründen und nach der Luke im See zu suchen. Nur ihren Schulfreund Ben weiht sie in ihr Vorhaben ein. Nachdem Maggy die Luke gefunden hat, eröffnet sich ihr schließlich die unglaubliche fremde Welt mit ihren eigentümlichen Wesen und Gesetzmäßigkeiten sowie einer völlig anderen Sicht auf das Leben. Währenddessen sucht ihre Familie fieberhaft nach dem Mädchen und erlebt dabei sonderliche Dinge. Von Ben und seiner Großmutter erfahren die Eltern von Maggys Reise. Maggy und ihrer Familie stehen Herausforderungen und Abenteuer bevor, die manch einer von ihnen wohl nie vergessen wird ...

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EPUB

Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2013 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99026-942-8

ISBN e-book: 978-3-99026-943-5

Lektorat: C. Hoffmann

Umschlagfoto: Franz Schmid

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Franz Schmid (15)

www.novumverlag.com

1

***

Es waren graue, regnerische Wintertage, als die 15jährige Maggy in ihrem Zimmer saß und ihre Geschichte begann …

***

Wie die meisten anderen Kinder in ihrem Alter ging sie auf die weiterführende Schule der Kleinstadt, in der sie mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder in einem Vorort wohnte. Maggy war ein aufgeschlossenes, verspieltes Mädchen und ging gern mit ihren Freunden hinaus in den Wald oder zum See. Sie konnte aber auch sehr verschlossen und verträumt sein, und es gab Tage, an denen sie lieber allein auf ihrem Zimmer blieb und ihren Gedanken nachhing, die sie niemandem verriet. Dann fühlte sie sich wohl und geborgen, schrieb Gedichte, die auf einmal aus ihrem Stift flossen, malte Bilder, las oder lag einfach nur auf ihrem Bett. An solchen Tagen konnte sein, was wollte – Maggy zog die Ruhe und das Alleinsein allem anderen vor.

An einem dieser düsteren Tage saß Maggy an ihrem kleinen Holzschreibtisch und war erstaunt über das schöne Gedicht, das sie gerade zu Papier gebracht hatte, als es an der Zimmertür klopfte.

„Maggy, komm – wir gehen an den See!“ sagte ihr Vater, nachdem er eingetreten war.

„Wie, jetzt sofort? – Geht ohne mich“, antwortete Maggy erst. Doch irgendwie drängte sie ein inneres Gefühl, das sie zum Mitgehen veranlaßte. Schnell zog sie sich an und eilte wenig später die Holztreppe hinunter.

„Kommen Mom und Francis nicht mit?“ wandte sie sich an ihren Dad.

„Genüge ich Dir denn nicht?“ fragte dieser zurück. Beide lachten daraufhin und gingen aus dem Haus.

Es war ungewöhnlich für Maggy, daß sie allein mit ihrem Vater unterwegs war. Doch sie begann, Gefallen daran zu finden. Beide sprachen sie wenig miteinander – nicht nur jetzt, sondern generell.

Sie liefen einen Weg entlang, der direkt zum Wald führte und noch gefroren von den vergangen eiskalten Tagen war. Kurz vor dem Wald bogen sie nach links ab und nahmen den Pfad hinunter an den See, der nach nur wenigen Metern weiter unten vor ihnen gut zu erkennen war. Noch bevor sie das Ufer erreicht hatten, stolperte Maggy plötzlich über einen Stein und stürzte.

„Hast Du Dir weh getan?“ wollte ihr Vater sofort besorgt wissen und half ihr, sich aufzurichten.

„Nee, keine Sorge“, antwortete sie ihrem Dad. Neben Maggy lag ein Baumstamm – auf diesem ließ sich ihr Vater nieder und klopfte neben sich – als Aufforderung an seine Tochter, sich doch zu ihm zu setzen.

Als beide dort einige Minuten still gesessen hatten, fing ihr Vater an zu erzählen:

„Als ich klein war, hat mir mein Großvater erzählt, daß die Menschen früher immer wieder von einer Legende sprachen. Sie berichteten, daß es tief unten im Wasser des Sees eine Stadt geben würde, mit richtigen Häusern und Straßen – eine Welt wie hier oben, nur eben unter Wasser. Zu dieser Stadt würde man durch eine Luke am Seegrund gelangen – man müsse dreimal klopfen und je nachdem, welche Absicht man verfolgte, würde die Luke dann aufgehen oder nicht.“ Er lachte plötzlich. „Glaub’ den Schwachsinn bloß nicht! Wie ich dich kenne, würdest du glatt nachschauen gehen.“

„Hat denn schon mal jemand nachgesehen, ob es die Luke gibt?“ fragte Maggy und runzelte die Stirn.

„Nun, Onkel Sam und ich sind früher mal hinabgetaucht – zwar nicht den ganzen Seegrund entlang, aber doch ein ziemlich großes Stück – aber weit und breit war da keine Luke zu sehen!“

Maggy ließ sich nichts anmerken, doch sie ließ den Blick über den See streifen, als würde sie bereits die Stelle suchen, an der man wohl hinuntertauchen müßte, um die Luke zu finden.

Beide saßen noch eine ganze Weile auf dem Baumstamm und unterhielten sich. Sie sprachen über die Schule und über Maggys Pläne für die Zukunft. Bis auf ein paar Wunschgedanken hatte Maggy noch keine Ahnung. Sie wollte auf jeden Fall das College besuchen und einen guten Schulabschluß schaffen. Aber bis dahin war ja noch etwas Zeit, da sie momentan ja gerade erst die neunte Klasse besuchte. Dennoch … sie war sehr ehrgeizig, und das nicht nur in der Schule …

„So, nicht, daß uns noch die Füße einfrieren, junge Dame“, unterbrach ihr Vater ihre Gedanken. „Es wird Zeit, den Heimweg anzutreten.“ Sie standen auf. Als sie auf die Uhr schaute, traute Maggy ihren Augen nicht – eine geschlagene Stunde war sie bereits mit ihrem Vater unterwegs gewesen! Langsam schlenderten sie nach Hause und freuten sich beide auf die wohlige Wärme im Haus und auf einen schönen heißen Tee.

Als Maggy an diesem Abend in ihrem Bett lag, dachte sie noch lange über die Legende nach, die ihr Vater ihr erzählt hatte. Sie fragte sich, was da unten in dieser Welt wohl für Wesen leben mochten, wenn es denn wahr war. Menschen wie sie konnten das ihrer Ansicht nach ja nun nicht sein – oder etwa doch? Aber wie sollten sie atmen? Oder hatten sie so etwas wie Kiemen, wie die Fische? Seltsam – wer oder was konnte schon die ganze Zeit unter Wasser leben? Fische lebten doch auch nicht in einer Stadt! Maggy war erstaunt über diese Vorstellung und fasziniert zugleich. Sie war nicht sicher, ob sie diese Geschichte nun glauben sollte oder nicht. Aber irgend etwas an der Vorstellung, daß tief unten im See Wesen lebten, die vielleicht menschenähnlich waren, zog sie in ihren Bann.

In den nächsten Wochen und Monaten ging Maggy wie gewohnt zur Schule, traf sich in ihrer Freizeit mit Freunden, verbrachte Zeit allein und mit ihrer Familie. Ihre Gedanken an die Legende verblaßten immer mehr, bis sie sich gar nicht mehr damit befaßte. So verging der Winter und es kamen wärmere, sonnigere Tage … Der Frühling brach herein und Maggy hielt sich wieder häufiger draußen in der freien Natur auf. Da der See ihr in dieser Zeit zu langweilig war, blieb sie lieber mit Freunden im Wald oder fuhr mit ihren Eltern in die nahegelegene größere Stadt ins Hallenbad oder all die Dinge einkaufen, die sie bei sich in der Wohngegend nicht bekamen.

Maggy war eine gute Schwimmerin; sie konnte über lange Strecken tauchen und sprang mit einem Heidenspaß kopfüber ins Wasser. Schon früh hatten ihre Eltern ihr das Schwimmen beigebracht. Sie verstand nicht, warum ihr jüngerer Bruder sich so schwer damit tat. Er konnte zwar auch schwimmen, war aber immer wieder froh, wenn er aus dem Wasser hinaus konnte.

Es wurde Mai und wärmende Sonnenstrahlen durchfluteten das ganze Land. Maggy liebte es, ihrem Vater draußen im Garten zur Hand zu gehen. Da jetzt die Zeit war, wo er viel draußen arbeitete, verbrachte sie recht wenig Zeit mit ihren Freunden. Stattdessen zog sie es vor, daheimzubleiben und ihrem Vater zu helfen. An einem Samstag jedoch ging er nicht in den Garten, sondern wollte in die Stadt fahren, um neue Pflanzen, Dünger und andere Dinge zu besorgen, die er für die Gartenarbeit brauchte. Maggy war unentschlossen, einerseits wollte sie mitfahren, andererseits lieber etwas spazierengehen, ganz für sich alleine.

„Maggy, was ist jetzt?“ drängelte ihr Vater. „Ich muß los …“ Maggy traf eine Entscheidung.

„Nö, fahr heute mal alleine, ich geh lieber ein bißchen raus.“

„Wie Du meinst“, erwiderte er und machte sich auf den Weg. Maggy trank noch einen großen Schluck Wasser, sagte ihrer Mutter Bescheid, daß sie kurz in Richtung Wald gehen wollte, und ging los.

Als sie an die Biegung zum See kam, hielt sie plötzlich inne und erinnerte sich an die Legende, die ihr Vater ihr im Winter vom See erzählt hatte. „Warum eigentlich nicht?“ sagte sie zu sich selbst und bog kurzerhand ab zum See. Nach wenigen Minuten hatte sie ihn erreicht. Die Sonnenstrahlen glitzerten auf dem Wasser. Der See besaß heute für Maggy eine eigentümliche Schönheit, die sie so noch nie gesehen hatte. Irgend etwas faszinierte sie, doch sie konnte sich nicht erklären, was es war. Anders als im Winter setzte sie sich heute nicht auf den Baumstamm. Sie bog nach rechts ab und schlenderte den Weg rund um den See entlang. Immer wieder ging ihr durch den Sinn, was wohl wäre, wenn an der Legende doch etwas Wahres dran war. Sie spürte ein großes Verlangen, einfach hinabzutauchen und eine unbestimmte Zuversicht, die Luke finden zu können, wuchs von Minute zu Minute.

Maggy hatte den See um mehr als die Hälfte umlaufen, als ihr auf einmal eine besondere Stelle im Wasser auffiel. Wenn man an dieser vorbei gelaufen war und zurückblickte dann schimmerte sie farblich ganz anders und war nicht braunblau, wie das Wasser rundherum, sondern smaragdgrün. Wie gebannt blieb sie minutenlang dort stehen und erschrak plötzlich, als eine riesige Luftblase an der Wasseroberfläche mit einem lauten „Blub!“ zerplatzte. Sie zuckte förmlich zurück und ging weiter, immer schneller, bis sie fast rannte.

„Was war denn das bitte?“ keuchte sie. Sie war sich sicher, daß diese Luftblase ganz bestimmt etwas mit der verborgenen Luke zu tun hatte, die ihr Vater meinte, und faßte den Entschluß, an einem warmen Tag im See schwimmen zu gehen und an genau dieser Stelle hinabzutauchen. Schließlich drosselte sie ihre Geschwindigkeit und ging wieder in normalem Schrittempo. Nach einer Weile drehte sie sich nochmals um, in der Hoffnung, erneut einen Blick auf die Wasserstelle werfen zu können, doch war diese bereits zu weit weg. Noch bevor sie ihren Blick wieder zurückwandte, donnerte sie fast mit ihrem Bruder zusammen …

„Mensch, wo bleibst Du denn? Mom macht sich schon Sorgen und hat mich geschickt, um Dich zu suchen!“ fuhr er sie an.

Maggy erwiderte total erschrocken: „Ich hab ihr doch Bescheid gesagt, daß ich spazierengehe, was soll das denn?“

„Ja schon“, murmelte Francis, „aber hast Du mal auf die Uhr gesehen?“

Maggy tat das und erschrak, als sie sah, daß schon zweieinhalb Stunden vergangen waren. „Ups … wie kann das denn sein?“, nuschelte sie verlegen.

„Wer weiß, wo Du wieder mit Deinen Gedanken warst?“ seufzte Francis genervt. Schweigend gingen beide den Weg weiter um den See herum und bogen dann wieder rechts ab in Richtung ihres Hauses. Als sie zu Hause ankamen, war ihr Vater bereits eingetroffen.

„Na, Du warst ja lange unterwegs, Deine Mutter hat sich schon Sorgen gemacht. Nichts wie rein jetzt, gleich gibt’s Abendbrot!“

Maggy erzählte ihrer Familie nichts von ihrem Spaziergang und davon, was sie am See gesehen hatte. Sie befürchtete, daß sie sie sonst nur auslachen würden. Und ganz bestimmt würden sie ihr Vorhaben, dort hinabzutauchen, niemals erlauben oder auch nur dulden! Sie mußte es heimlich machen, wenn sie je erfahren wollte, was sich am Seegrund an dieser Stelle befand und ob an der Legende etwas Wahres dran war.

Im Laufe der nächsten Wochen verbrachte Maggy ihre Zeit wie eh und je, diesmal nur mit dem Unterschied, daß ihre Gedanken an den See und diese merkwürdige Stelle nicht verblaßten. Im Gegenteil, ihr Vorhaben hinabzutauchen, wurde von Woche zu Woche stärker. Es fiel ihr wahnsinnig schwer, niemandem außer einem guten Schulfreund davon zu erzählen. Je wärmer es wurde, desto mehr stieg ihre Aufregung. Hinzu kam, daß der See an dieser Stelle besonders tief sein sollte. Eigentlich hätte sie auch gern einen ihrer Freunde mitgenommen, doch ihr Gefühl sagte ihr, daß sie ganz allein hinabtauchen sollte, um der Sache im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund zu gehen. Fünf schier endlose Wochen vergingen, in denen Maggy auf eine gute Gelegenheit wartete.

***

Maggy sah unter sich etwas leuchten. Es war nicht klar zu erkennen, nur ein paar wenige Lichtstrahlen waren zusehen. Als sie noch etwas tiefer tauchte und den Grund unter sich abtastete, fand sie schließlich eine mit Algen bewachsene Luke, die aus Eisen zu sein schien. An der Verbindung zwischen Deckel und Grund schimmerten ein paar Lichtstrahlen hindurch.

Aufgeregt pochte sie mit der Faust gegen die Luke. Das Klopfen erzeugte zwar ein dumpfes Geräusch, war aber sehr leise.

„Wer soll das schon hören?“ fragte sie sich nach einem kurzen Moment des Wartens. Da sie kaum noch Luft hatte, entschloß sie sich, wieder an die Wasseroberfläche zu schwimmen.

Oben angekommen, holte sie erst einmal tief Luft. Schnaufend schaute sich um und entdeckte, daß sie noch ein ganzes Stück vom Ufer weg war. Entmutigt schwamm sie in diese Richtung, um sich gleich an Land ein wenig auszuruhen. Ihr Mut und der Eifer, die in den letzten Wochen immer mehr zugenommen hatten, waren von einem Schlag auf den anderen verblaßt und sie überlegte zweifelnd, wieder aus dem Wasser herauszuklettern und nach Hause zu gehen. Wie sollte sie diese Luke denn jemals öffnen können?

Plötzlich stieß eine Ente sie von der Seite mit ihrem Schnabel an. „Autsch!“ lachte sie, als sie das Tier neben sich im Wasser entdeckte, und war überrascht, daß die Ente so zutraulich war. Das Tierchen schwamm mehrmals um Maggy herum und gackerte dabei lautstark vor sich hin. Als Maggy die Ente aus dem Augenwinkel beobachtete, entdeckte sie auf einmal am Uferrand einen rötlichen Stein. Ihr kam ein Gedanke und sie schwamm dorthin, bis das Wasser nur noch knietief war. Dort nahm sie den Stein an sich und betrachtete ihn. Womöglich konnte sie ihn ja zum Klopfen benutzen! Er sah wunderschön aus, hatte kleine scheinbar geschliffene Stellen und funkelte im Sonnenlicht, als wäre er eben erst frisch poliert worden. Entgegen ihrer Zweifel entschied sie sich, es noch einmal zu versuchen. Entschlossen schaute sie sich um … wo war die Ente? Maggy drehte sich in Richtung Seemitte, aber weit und breit war das Tier nicht zu sehen. „Seltsam“, dachte sie, umschloß den Stein ganz fest mit einer Hand und schwamm erneut etwas vom Ufer weg, um schließlich nochmals hinunterzutauchen. An der Luke angekommen, klopfte Maggy mit dem Stein fest dagegen:tok, tok, tok. Sie hielt inne und horchte …, es tat sich nichts. Noch mal:tok, tok, tok … Das Klopfen war dumpf wie vorhin, aber nun viel lauter. Maggy lauschte gespannt. Da sich noch immer nichts regte, entschied sie sich, noch einmal kurz Luft zu holen und es dann ein letztes Mal zu versuchen. Sie wollte sich gerade mit den Füßen vom Boden abstoßen, als sie ein Knarren wahrnahm. Die Luke bewegte sich! Maggy zuckte im Wasser zurück. Erst ganz langsam, dann sprang die Luke mit einem Schwung in Maggys Richtung auf und eine Sekunde später wurde sie von irgend etwas durch die Öffnung gezogen. Es war fast magisch. Sie konnte nichts erkennen, bis auf den aufgewühlten Schlamm unter sich. Mit einem Mal streifte etwas ihren linken Arm, als würde sie jemand greifen wollen, und sie merkte, daß sie hineingezogen wurde, immer tiefer und tiefer. Fast schon unbewußt vernahm sie das leise Schließen der Luke, als das Wasser auch schon klarer wurde. Neben sich erkannte sie ein Wesen, das aussah wie eine Märchengestalt: halb Mensch und halb Fisch, wie eine Wassernixe.

Maggys Herz klopfte bis zum Hals. Das Wesen sah friedlich aus, lächelte sie an, streckte dann den Zeigefinger aus und Maggy folgte der Geste mit ihrem Blick. Währenddessen sausten sie durch eine Art Weg hindurch, der rechts und links von rot leuchtenden Gewächsen mit schimmernden Blättern umgeben war. Sie waren so riesig, daß Maggy gar nicht sehen konnte, wie lang sie eigentlich waren. Hunderte von Verästelungen gingen in sämtliche Richtungen und berührten das jeweils benachbarte Gewächs, so daß es fast wie eine Hecke wirkte.

Maggy war fasziniert und aufgeregt zugleich, doch seltsamerweise verspürte sie keine Angst. Sie blickte regelmäßig zu dem Wesen neben sich, das sie mit so liebevollen Augen ansah, daß sie wußte, ihr würde nichts Schlimmes geschehen.

Schließlich wurde das Wasser vor ihnen immer blauer und klarer und sie schwammen auf etwas zu, das wie eine Kuppel aussah. Maggy konnte es erst kaum erkennen. Diese Kuppel kam immer näher auf sie zu. Sie war riesig, größer noch als ein ganzes Fußballfeld oder ein Riesenschwimmbad, und wölbte sich in der Mitte zu einer Erhöhung. Sie steuerten unmittelbar auf diese Anhöhe zu, als Maggy plötzlich unsagbar müde wurde, so müde, daß sie in einen tiefen Schlaf fiel.

Als sie erwachte, war es hell und warm um sie herum. Wo war sie? Noch bevor sie sich an das Geschehene erinnern konnte, begrüßte sie eine angenehme Stimme: „Hallo Maggy, Du hast lange geschlafen!“

Maggy sah sich um. Sie lag auf einem ganz normalen Bett – so einem, wie sie es von zu Hause her kannte – in einem kleinen, hellen, warmen Raum. Vor ihr stand ein Mann und lächelte sie an.

„Schau Dich ruhig um … und sei herzlich in meiner Familie willkommen.“

Noch bevor sie sich versah, traten drei kleine Jungen sowie ein Mädel ein und eine Frau blieb ihm Türrahmen stehen. Das mußte die Mutter sein!

„Wo … wo bin ich hier?“ stotterte Maggy.

„Du bist in einer Welt tief unter dem Meeresspiegel, wir nennen es die andere Menschenwelt. Sie ähnelt Deiner Welt oberhalb des Wassers sehr, … hm …, bis auf ein paar doch recht wesentliche Unterschiede. Aber um Dir diese zu erklären, bedarf es ein wenig Zeit. Aber all das werde ich Dir nach und nach berichten. Und vieles wirst Du mit Sicherheit von ganz allein erkennen“, erwiderte der Mann und lächelte.

„Habe ich die Luke gefunden? Wie bin ich hierhergekommen? Wo ist meine Familie und … wie komme ich wieder … zu ihnen?“ Maggy war auf einmal verwirrt und traurig. Sie konnte sich teilweise an Vergangenes nicht mehr erinnern, und das verunsicherte sie völlig.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, beruhigte sie die Frau daraufhin. „Es ist ganz normal, daß Menschen, die von oberhalb des Wassers zu uns kommen, die Dinge vergessen, die hinter ihnen liegen. Das hat einen Sinn, den Du mehr und mehr begreifen wirst. Überfordere Dich nicht und versuche nicht, all das festzuhalten. Nimm Dir die Zeit, alles kennenzulernen. Sobald Du aber keine Lust mehr hast und lieber nach Hause willst, werden wir dich nicht aufhalten und dich zurückbringen. Du gehörst zu den ganz wenigen Menschen, die hier herunterkommen … Das wird dein Leben verändern. Wenn Du magst, kannst Du unsere Welt kennenlernen, aber Du mußt es nicht … es ist Deine Entscheidung! – Magst Du?“

Maggy nickte zurückhaltend, aber ihr fehlten die Worte. Sie war noch immer sprachlos, und das hatte bei ihr schon etwas zu bedeuten. Die Frau setzte sich zu ihr auf die Bettkante und stellte sich vor: „Ich bin Viola, hallo Maggy. Herzlich Willkommen bei uns!“

So nahm das Gespräch zwischen der Familie und Maggy seinen Lauf. Zuerst stellten sich alle vor, und danach gingen sie zusammen durch das Haus, um es dem Neuankömmling zu zeigen. Maggy war überrascht, daß ihr so wenig hier fremd vorkam. In der Wohnung gab es die gleichen Möbel und Gegenstände, wie sie sie auch von zu Hause her kannte. Obwohl … bei genauerer Betrachtung fiel ihr auf, daß diese Möbel einfacher gebaut waren und allesamt aus echtem Holz zu sein schienen. Sie waren ohne viele Schnörkel, aber dennoch schön gearbeitet. Erst besichtigten sie die Kinderzimmer, dann den Raum der Eltern, das Bad und die Toilette, bevor sie über den Flur die Treppe nach unten gingen, wo die Wohnküche und das Wohnzimmer waren.

Maggy hakte nach: „Wie kann es sein, daß ihr fast die gleichen Möbel und Gegenstände habt wie wir? Warum kann ich atmen, wenn wir hier unter Wasser sind und wieso wissen die anderen nichts von euch?“

Fragen über Fragen sprudelten nur so aus ihr heraus.

„Hab Geduld, liebe Maggy, erst einmal werden wir uns jetzt stärken und ein Essen zu uns nehmen. Alles zu seiner Zeit“, bekam sie zur Antwort.

Sie gingen in die Küche, wo bereits der Tisch für sieben Personen gedeckt war und es herrlich nach Essen duftete. Maggy hatte nach den Aufregungen der letzten Stunden einen Bärenhunger. Bevor sie sich jedoch an den Tisch setzte, wollte sie sich unbedingt noch den Garten anschauen, den sie durch die Fenster hatte sehen können, und trat durch die hintere Terrassentür hinaus. Kaum zu glauben, dachte sie bei sich. Wie die Gärten bei uns über Wasser! Nur war dieser hier besonders schön und riesengroß. Wunderschöne große Bäume, deren Äste nicht so geordnet wuchsen, wie sie es kannte, ragten in alle Himmelsrichtungen. Sie waren alle unterschiedlich groß und die Blätter unterschieden sich alle voneinander. An einem Baum gab es große, kleine, hellere und dunklere Blätter. Manche der Bäume trugen herrliches Obst in einer Fülle, wie sie Maggy so allerdings nicht kannte. Durch den Garten führte links ein mit Steinen gepflasterter Weg über eine Wiese mit Sträuchern. Ihr Blick streifte in alle Richtungen, sie konnte gar nicht genug von diesem Anblick bekommen. Wenn da nur nicht ihr großer Hunger wäre! Sie nahm sich fest vor, sich den Garten nach dem Essen noch genauer anzusehen.

Sie gingen wieder ins Haus, setzten sich an den gedeckten Tisch und Viola trug das Essen auf. Sie füllte alles in große Schüsseln, die sie auf den Tisch stellte, damit sich jeder etwas nehmen konnte. Maggy ließ sich nicht zweimal auffordern, ihren Teller zu füllen. Sie nahm sich etwas von allem, es gab Kartoffeln, Möhren, Brokkoli, Hähnchen in Streifen und dazu eine richtig lecker aussehende Soße. Da sie gute Tischmanieren hatte, wartete sie, bis alle sich genommen hatten und gemeinsam anfangen konnten zu essen.

„Kommt kein Tischgebet?“ fragte sie verwirrt, als alle zu ihrem Besteck griffen. Die Familie lachte, wobei die kleinen Jungs eher fragend zu ihren Eltern schauten, weil sie wohl nichts mit Maggys Frage anzufangen wußten.

„Nein“, grinste Viola, „das machen wir nicht. Laßt uns anfangen!“

Nach den ersten begierigen Bissen fingen alle an, sich zu unterhalten. Man fragte Maggy nach ihrem Leben dort oben über dem Wasser aus, und sie erzählte bereitwillig von ihrer Familie, der Schule und vielem mehr. Die Familie hörte ihr aufmerksam zu. Als Maggy eine Pause machte, ergriff Martin, der Familienvater, das Wort.

„Nun kommen wir aber zu Deinen ganzen Fragen, wobei wir sie Dir sicherlich nicht alle heute beantworten können, aber vielleicht ja zumindest schon die ersten.“ Maggy nickte und schaute ihn erwartungsvoll an, als er fortfuhr: „Die zwei Welten gibt es schon sehr lange, sie existieren parallel. Das war nicht von Anfang an so, aber schon seit vielen hundert Jahren. Fast alle unter uns wissen von eurer Welt, doch nur wenige bei Euch von der unseren. Es besteht die Möglichkeit, daß Menschen die jeweils andere Welt besuchen, nur dafür gibt es Regeln, die Du vielleicht in ein paar Tagen besser verstehen wirst. Ich kann Dir sagen, daß nur Menschen oberhalb des Wassers zu uns hinunter können, die ein reines Herz haben und mit guten Absichten kommen, ansonsten finden sie nicht den Weg zu uns. Auch Du hättest nicht zu uns kommen können, wenn Du kein gutes Herz hättest. Die Welten ähneln sich zwar einerseits, andererseits sind sie aber völlig verschieden. Du bist zu uns gekommen, weil Du dadurch einmal anderen Menschen oberhalb von uns erzählen kannst – davon, wie es hier unten ist … Es ist Deine Aufgabe, diese Welt hier kennenzulernen, liebe Maggy, was Du jetzt vielleicht noch nicht verstehen kannst, aber auch das wird Dir mit der Zeit klarer werden.“

Maggy hörte aufmerksam zu und merkte dabei gar nicht, daß die Erinnerungen an ihr anderes Leben mehr und mehr in den Hintergrund traten. Sie fühlte sich wirklich wohl in dieser Familie, vermißte nichts und spürte in sich einen nie gekannten Wissensdurst. Sie wollte unbedingt erfahren, was es mit dieser Welt und den hier lebenden Menschen wohl auf sich hatte.

Susann, Jonathan, Viktor und Chris – die Kinder der Eheleute – sowie auch Maggy gingen nach dem Essen wieder hinaus in den Garten. Es dämmerte langsam und Maggy wurde etwas müde. Doch sie wollte sich hier draußen noch alles genau anschauen, bevor sie ins Bett ging. Sie war verzaubert von den vielen Bäumen, Büschen und all den Sträuchern in satten Grüntönen, die in reicher Blütenpracht standen. Vieles ähnelte der Natur in ihrer Heimat, aber es kam Maggy viel üppiger und voller vor. Ganz hinten im Garten war an zwei Bäumen je eine Schaukel befestigt. Die Kinder schaukelten und turnten im Garten herum, spielten Fangen und es war, als würde Maggy die Familie schon ewig kennen. Hinter dem Garten, der nicht durch einen Zaun begrenzt war, lag ein weites Feld, hinter dem Maggy einen großen Wald erblickte.

„Oh, schaut mal – Hasen!“ rief sie, erstaunt darüber, daß die kleinen Tierchen so nah an dem bewohnten Grundstück vorbeiliefen und so gar nicht erschrocken schienen, als Maggy auf sie zuging. Viola, die inzwischen neben Maggy stand, strich ihr sanft über den Kopf und erklärte: „Die Tiere haben hier keine Angst vor uns, da wir friedvoll miteinander leben; wir respektieren sie und sie uns genauso.“

„Verstehe“, erwiderte Maggy und freute sich über den Anblick der Tiere.

So ging der erste Tag zur Neige und nach einer Weile verabschiedete sich Maggy in die Nachtruhe und begab sich hinauf in das ihr überlassene Zimmer. Nach einer Katzenwäsche im Bad legte sie sich ins Bett. Obwohl heute so viel passiert war, konnte sie vor lauter Müdigkeit keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen und schlief sofort ein.

Am nächsten Tag erwachte Maggy ausgeschlafen in dem hellen, kleinen Raum. Sie hörte gedämpfte Geräusche und es roch, als wenn jemand gerade ein leckeres Frühstück zubereitete. Schnell zog sie sich den Bademantel über, der neben dem Bett über einem Stuhl hing, und eilte die Treppe hinunter in die Küche. Die ganze Familie war dort bereits versammelt.

„Hast Du gut geschlafen?“ begrüßte Viola sie und forderte sie mit einer lieben Geste auf, am Tisch Platz zu nehmen.

„Geht Ihr denn gar nicht arbeiten?“ wollte Maggy wissen, denn ein Blick auf die Küchenuhr verriet, daß es bereits halb zehn war. Doch weder Viola noch Martin sahen aus, als ob sie gleich fortmüßten.

„Erst einmal ist heute Sonntag, und soweit ich weiß, gehen an diesem Wochentag auch bei euch die wenigsten arbeiten“, erwiderte Martin.

Maggy schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Stimmt ja, wie blöd von mir! Irgendwie bin ich mit den Wochentagen ganz durcheinandergekommen.“

„Außerdem ist es hier mit dem Arbeiten anders eingerichtet als bei Euch“, fuhr Martin fort. „Wir gehen hier unten nicht täglich von montags bis freitags und auch nicht immer gleich lang arbeiten, was aber nicht heißt, daß wir nicht auch eine Menge zu tun haben. Jeder, der hier lebt, hat eine Aufgabe. Diese richtet sich danach, was er gut kann, gelernt hat oder vielleicht gern lernen möchte. Die Arbeit ist für die Allgemeinheit und ist den Jahreszeiten angepaßt, da wir viel in Abhängigkeit von der Natur machen.“

„Das verstehe ich nicht, wie könnt Ihr denn dann so leben, fast wie wir?“

„Nun, ganz einfach“, gab Martin zurück. „Jede Familie erhält ein Einkommen, das sich nach der Anzahl ihrer Mitglieder richtet. Es ist so angelegt, daß alle gut davon leben können und auch noch etwas zusätzlich zur Verfügung haben, damit jeder für sich auch etwas damit anfangen kann. Davon kaufen wir uns beispielsweise die Dinge, die wir nicht selbst herstellen können, und Lebensmittel, die wir brauchen. Wir Erwachsenen müssen für das Einkommen aber auch etwas tun: Es werden ganz viele Dinge produziert, ähnlich wie bei Euch, und jeder von uns, bis auf die Kinder, übernimmt eine spezielle Aufgabe. Der Unterschied besteht darin, daß z. B. unsere Möbel nicht in einer Fabrik hergestellt werden, sondern per Handarbeit in einer großen Werkstatt. Dort arbeiten viele von uns, nur eben nicht fünf Tage in der Woche und vier Wochen im Monat und so weiter. Wir arbeiten so, wie die Dinge benötigt werden, und wenn ein Schwung Möbel hergestellt wurde, dann ist eben auch schon mal eine Weile in einer solchen Werkstatt nichts zu tun … und dann wird auch nicht gearbeitet.“

Maggy hörte gut zu, doch man sah ihr an, daß sie schon etwas irritiert war und sie sich diese Art zu leben nur schwer vorstellen konnte.

Martin, der ihre Zweifel bemerkte, fuhr fort: „Liebe Maggy, versuche, unsere Welt so wenig wie möglich mit deiner zu vergleichen oder Dir das, was Du hörst, zu erklären. Nimm es einfach, wie es ist. Du wirst merken, daß Du dann im Laufe der Zeit ohne Vorbehalte alles hier auch viel besser verstehst; daß sich ein Bild zusammenfügen wird, was Du jetzt noch nicht sehen kannst und …“ Noch bevor Martin den Satz zu Ende gesprochen hatte, klopfte es an der Tür. Viola öffnete.

„Hallo, Cedric“, hörte man sie sagen. Es war Violas Bruder, wie Maggy wenig später erfuhr, der überraschend zu Besuch gekommen war. „Guten Morgen zusammen“, sagte er und blickte fragend in Maggys Richtung, nachdem er eingetreten war. „Habt Ihr einen unbekannten Gast?“

„Sie ist von drüben und es wurde entschieden, daß sie zu uns kommt“, sagte Martin und bot Cedric eine Tasse heißen Tee an, die er gern annahm. Bevor er sich setzte, ging er zu Maggy, um ihr die Hand zu geben, stellte sich ihr vor und setzte sich dann. „Das ist vielleicht warm draußen“, sagte er, „aber es weht ein angenehmer Wind – eigentlich genau richtig, um mit den Kindern einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Was meint Ihr?“

Die anderen schauten sich an und nach einer halben Minute waren sich alle einig, daß sie alle, bis auf Viola, einen gemeinsamen Spaziergang machen wollten. Sie frühstückten zu Ende und machten sich auf den Weg, als sie wenig später angezogen waren. Maggy hatte Kleidung von Viola aufs Bett gelegt bekommen.

„Die Sachen sind von Susann und werden Dir mit Sicherheit passen. Ihr habt eine ähnliche Größe“, sagte sie zu Maggy, die auch gleich in die frischen Sachen schlüpfte. Tatsächlich … sie paßten wie angegossen, und obwohl es nur ein schlichtes T-Shirt, eine Sweatjacke und eine Baumwollhose waren, gefiel sie sich darin besonders gut. Noch dazu waren die Sachen angenehm kühl.

Als sie aus der Haustür traten, konnte Maggy kaum ihre Augen öffnen. Diese fingen sofort an zu tränen, so daß sie nur blinzeln und kaum etwas sehen konnte.

„Ach so“, hörte sie Martin sagen. Der ging zurück ins Haus, kam mit einer Art Sonnenbrille zurück und gab sie Maggy.

„Deine Augen müssen sich erst noch an unser Licht gewöhnen“, erklärte er. „Bei uns ist es viel heller als bei Euch, das sind Deine Augen nicht gewohnt. Vor allem, wenn es ein so sonniger Tag ist wie heute.“

Sie gingen los. Maggys Blick schweifte umher. Als sie den Weg vor dem Haus verließen, bogen sie ab auf eine Art Straße. Diese war aber nicht geteert, wie Maggy es kannte, sondern eher gepflastert und auch ziemlich schmal, fast wie eine Gasse. Es war sehr grün in dieser Gegend mit den vielen Wiesen, und man sah nur vereinzelte Häuser, die auch ziemlich weit voneinander entfernt standen. Am Rande der Straße standen eng aneinandergereiht die herrlichsten Büsche und der Weg war sehr kurvenreich, so daß man gar nicht genau erkennen konnte, wo man eigentlich hinging. Hier und da kamen sie an einzelnen Häusern vorbei, die dem ihrer Gastfamilie zwar ähnelten, aber doch ganz anders gebaut waren. Das eine war braun angestrichen, das andere aus rötlichem Backstein – sie alle waren auch unterschiedlich groß und breit, keines ähnelte dem anderen.

Während die anderen bereits einige Schritte vorausgegangen waren, ging Maggy sehr langsam, um sich alles anzuschauen. Die warme Luft war sehr angenehm, aber hätte man Maggy nach der Gradzahl gefragt, so hätte sie keine Schätzung abgeben können. Es fühlte sich einfach anders an als daheim. Die Sonne wärmte die Haut, ohne zu brennen, und man fühlte den Wind über die Wangen streicheln. Beeindruckt von all diesen Eindrücken und abgelenkt von ihren eigenen Gedanken, bemerkte Maggy gar nicht, daß bereits seit einer Weile ein kleiner Junge neben ihr herlief, der sie anlächelte. Auf einmal fragte er sie: „Du, wie ist denn Dein Name?“

Maggy zuckte zusammen und schaute den Jungen erschrocken an.

„’Tschuldige, ich wollte Dich nicht erschrecken!“ grinste der Kleine. „Ich wohne in dem letzten Haus, an dem Du vor ein paar Minuten vorbeigegangen bist, und da ich im Garten war und Dich von dort aus gesehen habe, bin ich Dir nachgegangen. Du bist nicht von hier, Du kommst von drüben, richtig?“

„Woher weißt Du das?“ fragte Maggy.

„Das sehe ich“, erwiderte der Junge. „Komm, ich zeige es Dir.“ Der Junge ging voraus und Maggy folgte ihm. Nach ein paar Metern bogen sie rechts einen kleinen Pfad ab und etwa fünfzig Meter weiter standen sie plötzlich an einem Weiher.

„Wow“, staunte Maggy, „der ist aber schön!“ Sie blieb wie angewurzelt stehen. Es war ein kleiner Weiher, der von großen prächtigen Bäumen umringt war und in dem smaragdgrünes Wasser schimmerte. Mittig befand sich eine kleine Insel, auf der mehrere Gänse zu sehen waren, die sich aber augenscheinlich von den beiden Kindern nicht aus der Ruhe bringen ließen.

Der Junge trat näher ans Wasser und forderte Maggy auf, es ihm gleichzutun. Er beugte sich über das Wasser, so daß er sein eigenes Spiegelbild darin erkennen konnte. Als Maggy neben ihm stand, sah sie, daß das Wasser völlig klar war. Weiter unten konnte sie moosartige Gewächse und kleine Sträucher erkennen. Plötzlich zuckte sie zusammen.

„Was ist das? Du siehst ja auf einmal ganz anders aus!“ rief sie.

„Siehst Du?“ nickte der Junge, „ich hab es Dir ja gesagt.“

„Was soll das?“ Maggy blickte verwirrt vom Wasser zum Jungen und anschließend wieder zurück. „Du siehst ja im Wasser ganz anders aus! Du hast einen kleineren Kopf und einen viel breiteren Oberkörper als ich. Deine Haare –schau! –, sie sehen viel voller aus als meine und Du hast auf einmal viel größere Augen als ich. Das Wasser verzerrt Dein Aussehen! Du siehst ganz anders aus als vorher!“

Der Junge lachte und erwiderte: „Nein, das meinst Du nur. Es sindDeineAugen!“

„Was ist mit meinen Augen? Was ist mit ihnen nicht in Ordnung?!“

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, sprang der Junge singend davon. Maggy jedoch begann zu weinen und setzte sich an den Rand des Weihers. In der Ferne hörte sie die anderen nach ihr rufen, die sie suchten.

„Hier bin ich, am Weiher“, rief sie schluchzend. Einen Augenblick später kam Martin auf Maggy zugerannt und ließ sich neben ihr nieder. Sie erzählte ihm, was passiert war, während ihre Tränen liefen und liefen. Martin beruhigte sie, nahm sie in die Arme und versuchte, sie zu trösten.

„Weißt Du, liebe Maggy“, meinte er, „das, was der kleine Junge zu Dir sagte, ist wahr. Er hätte es Dir vielleicht besser erklären sollen, anstatt wegzugehen. Deine Augen sind von Deinem bisherigen Leben in Eurer Welt geprägt und deshalb sehen sie noch anders. In dem Wasser des Weihers konntest Du den Unterschied erkennen. Den gibt es wirklich, nur müssen sich Deine Augen – und vor allem Dein Verstand – erst noch an all das gewöhnen, was in unserer Welt anders ist. Aber das kommt mit der Zeit. Dein Sehen wird sich mit jeder Stunde verändern, die Du hier bist. Sei nicht traurig.“

Martin stand auf und streckte Maggy eine Hand entgegen. Sie ergriff sie, er zog sie hinauf und beide liefen den kleinen Weg zur Straße zurück, wo die anderen bereits auf sie warteten.

Maggy war durch die Situation mit dem kleinen Jungen sehr verunsichert und sagte zunächst kein Wort mehr. Die anderen ließen sie wohlweislich in Ruhe. Sie wußten, daß ihre Besucherin eine ganze Menge neuer Eindrücke zu verarbeiten hatte. Maggy lauschte unbeteiligt ihren Gesprächen, bis sie auf eine Anhöhe zugingen und sie nicht mehr sehen konnte, was wohl dahinter sein würde. Nachdem es eine ganze Weile bergauf ging, kamen sie an eine Art Aussichtsplatz mit einer abgezäunten Brüstung, vor der ein paar Holzbänke standen. Maggy trat an den Zaun heran und konnte kaum glauben, was sie dort sah. Vor ihr lag eine unendliche Weite.

„Was für ein Anblick!“ platzte es aus ihr heraus. Sie schaute auf ein großes Tal, in dem eine große Stadt mit alten, aber in traumhaften Farben schillernden Häuserfassaden lag. In den verwinkelten Gäßchen beobachtete sie von oben herab ein reges Treiben. Aber auch dieses schien anders zu sein, als sie es kannte. Menschen standen beieinander und redeten, kaum einer ging allein seiner Wege. Das hier war nicht so, wie Maggy es von zu Hause her kannte, wo fast alle immer einzeln durch die Gegend hetzten, um ihre Angelegenheiten zu erledigen.

Links von der Stadt erstreckten sich große Felder und Wiesen, überall huschten Tiere umher. Verwunderlich, dachte sich Maggy, daß die hier so nah an der großen Stadt leben! Es waren größere und kleinere Tiere, doch nur manche ähnelten den ihr bekannten. Einige Pferde waren kleiner und stämmiger als die daheim, und manche viel größer und schmaler. Maggy war gebannt von dem Anblick, der sich ihr bot. Vor allem davon, daß sich hinter diesem Tal eine Bergkette erhob, welche dieses wie in einem Halbkreis umschloß. Wie ein Schoß, in den das Tal eingebettet war.

„Und?“ hörte sie Susann sagen, „wie gefällt es Dir hier bei uns?“

„Es ist wunderschön“, murmelte Maggy. „Kaum zu glauben, daß Ihr das Glück habt, in der Nähe einer so schönen Umgebung zu leben!“

„Es ist überall so schön – nicht nur hier, sondern auch weiter weg“, erwiderte Susann.

„Aber habt Ihr denn keine Fabriken oder Industriegebäude mit großen Schornsteinen, wo Qualm aufsteigt?“ Maggy fragte nicht weiter, als sie in Susanns fragendes Gesicht blickte. Irgendwie war es ihr unangenehm. Stellte sie sich selbst so blöd an, oder waren diese beiden Welten wirklich so gleich und doch so unterschiedlich? Auf einmal stellte Maggy fest, daß etwas sich veränderte.

„Es wird plötzlich so dunkel“ rief sie. Martin, der ihre Äußerung mitbekommen hatte, forderte sie auf, ihre Brille abzusetzen. „Es kann gut sein, daß sich Deine Augen bereits an unser Licht gewöhnt haben.“

Gesagt, getan. Maggy nahm die Brille ab und wurde nicht mehr so von dem Licht geblendet wie zu Beginn des Spaziergangs. Sie trat zu Martin, um ihm die Brille wiederzugeben.

„Martin? Ich versteh das alles nicht. Warum sieht eure Welt so anders aus als unsere und wieso gleichzeitig auch wieder nicht? Weshalb lebt Ihr hier und wir anderen oberhalb des Wassers?“ Maggy wurde traurig. Martin nahm mit ihr auf einer Bank an der Brüstung Platz.

„Sei nicht traurig, kleine Maggy. Du hast allen Grund, Dich zu freuen. Nicht viele Menschen erhalten die Gelegenheit, dies alles hier zu sehen, und daß Du dies sehen kannst, ist ein großes Geschenk an Dich!“

„Aber was ist mit Mom und Dad und Francis, haben sie das auch alles schon einmal sehen dürfen?“