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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Noch kannst du es dir überlegen«, brummte Uwe Klein. Er warf seiner Freundin einen raschen Seitenblick zu. »Wir lassen Cuxhaven links liegen und fahren direkt nach Hamburg.« »Da gibt es nichts zu überlegen. Ich will zu Erika, und das habe ich dir schon oft genug gesagt.« Melanie Dahl sah ihren Freund bei diesen Worten nicht an, aber ihr Gesicht verzog sich ärgerlich. »Ich finde, wir haben wirklich bereits genügend dar-über diskutiert.« »Meine Bedenken hast du damit aber nicht aus der Welt geräumt«, entgegnete Uwe genauso unwillig. »Erika Binder...« Er sprach diesen Namen verächtlich aus. »Sie ist doch kein Umgang für dich.« »Hast du eigentlich Angst, ich könnte mich dort verführen lassen?« Spöttisch wölbten sich Melanies Lippen. »Unsinn.« Der Zwanzigjährige errötete. »Ich finde es nur schade, daß wir die Ferien getrennt verleben sollen. Drei Monate sind eine lange Zeit. Ich kann nicht alle Augenblicke von Hamburg nach Cuxhaven fahren.«
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Noch kannst du es dir überlegen«, brummte Uwe Klein. Er warf seiner Freundin einen raschen Seitenblick zu. »Wir lassen Cuxhaven links liegen und fahren direkt nach Hamburg.«
»Da gibt es nichts zu überlegen. Ich will zu Erika, und das habe ich dir schon oft genug gesagt.« Melanie Dahl sah ihren Freund bei diesen Worten nicht an, aber ihr Gesicht verzog sich ärgerlich. »Ich finde, wir haben wirklich bereits genügend dar-über diskutiert.«
»Meine Bedenken hast du damit aber nicht aus der Welt geräumt«, entgegnete Uwe genauso unwillig. »Erika Binder...« Er sprach diesen Namen verächtlich aus. »Sie ist doch kein Umgang für dich.«
»Hast du eigentlich Angst, ich könnte mich dort verführen lassen?« Spöttisch wölbten sich Melanies Lippen.
»Unsinn.« Der Zwanzigjährige errötete. »Ich finde es nur schade, daß wir die Ferien getrennt verleben sollen. Drei Monate sind eine lange Zeit. Ich kann nicht alle Augenblicke von Hamburg nach Cuxhaven fahren.«
»Das erwarte ich auch nicht von dir. Drei Monate sind doch nicht so schlimm. Wir können miteinander telefonieren, wir können einander schreiben. Schließlich und endlich haben wir beschlossen, während der Ferien zu arbeiten. Wir brauchen das Geld, damit wir weiterstudieren können.«
»Okay.« Kurz nahm Uwe die rechte Hand vom Lenkrad. »Ich sehe nur nicht ein, warum du dazu ausgerechnet nach Cuxhaven gehen mußt. Ich verdiene doch gut bei meinem Job im Hamburger Hafen. Für dich hätten wir schon auch irgend etwas gefunden.«
»Ich will aber zu Erika nach Cuxhaven.« Melanie sah auf die Uhr. »Es geht schon auf Mittag zu. Wenn du nicht einen Zahn zulegst, kommen wir heute nicht mehr hin.«
»Das wäre schlecht«, brummte Uwe, der Jurastudent. »Du weißt, daß wir knapp bei Kasse sind. Wenn es irgendwie geht, wollten wir uns die Übernachtungskosten sparen.«
»Erika weiß, daß wir kommen. Wir können bei ihr schlafen.«
»Ich bin dieser Frau nicht gern verpflichtet«, knurrte Uwe.
»Und ich bin froh, daß ich sie habe«, entgegnete Melanie. Sie lehnte sich im Autositz zurück und dachte, wie gut, daß Uwe den wahren Grund nicht kennt. Er hätte mich dann auf keinen Fall zu Erika gehen lassen.
Erika Binder war im Moment Melanies einzige Hoffnung – aus gutem Grund. Melanie vergaß das keinen Augenblick. Sie schloß die Augen, doch Uwes Stimme holte sie in die Gegenwart zurück.
»Wir haben viele Bekannte. Warum klammerst du dich ausgerechnet an diese Erika Binder? Sie ist über zehn Jahre älter als du.«
»Sie ist genau fünfzehn Jahre älter«, entgegnete Melanie ruhig. »Sie hat Erfahrung, sie kann sich behaupten.«
»Weil sie ein Nachtlokal führt«, hielt Uwe ihr hitzig entgegen.
»Du bist ein Spießer!« Melanie sagte das nicht zum erstenmal.
Uwe preßte die Lippen zusammen. Verbittert schwieg er, aber sein Fuß trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Das Auto schoß vorwärts. Uwe wechselte auf die Überholspur über. Die Geschwindigkeitsanzeige kletterte auf hundertdreißig Stundenkilometer.
»Bist du verrückt?« rief Melanie. »Das hält unser alter Charly nicht aus.«
Uwe dachte gar nicht daran, sich wieder rechts einzuordnen. Melanie hielt ihn für einen Spießer. Also würde er ihr beweisen, daß er das nicht war.
Hinter ihnen hupte ein Auto. Uwe warf einen Blick in den Rückspiegel, sah, daß ein Sportwagen überholen wollte. Doch er nahm den Fuß nicht vom Gaspedal. Er dachte auch nicht daran, dem nachfolgenden Wagen Platz zu machen.
Melanie wandte ihren Kopf. Spöttisch sagte sie: »Du sitzt am kürzeren Hebel, mein Lieber.«
Die Entscheidung wurde Uwe abgenommen. Der Motor begann plötzlich zu husten, dann setzte er aus. Die Autohupe erklang wieder. Der alte Charly, so hatte Melanie Uwes Auto getauft, wollte nicht mehr. So sehr Uwe sich auch bemühte, er verlor immer mehr an Geschwindigkeit. Jetzt krachte und ächzte der Wagen bereits in allen Fugen.
Uwe betätigte den Blinker und ließ Charly auf die rechte Fahrbahn hin-überrollen. Er schaffte es gerade bis zur rechten Standspur, dann erstarb der Motor ganz.
»Und jetzt?« fragte Melanie. Der Spott war jedoch aus ihrem Gesicht gewichen. Ratlos sah sie ihren Freund an.
»Das haben wir gleich wieder«, sagte Uwe und versuchte zu starten. Der Motor orgelte auf, aber er sprang nicht an.
»Der ist im Eimer.« Gleich darauf preßte Melanie ihre Hände auf ihren Unterleib. Ein heftiger Schmerz hatte ihren Körper durchzuckt. Sie wandte ihr Gesicht zur Seite. Um nichts in der Welt hätte sie ihrem Freund verraten, welche Schmerzen sie hatte.
Uwe hatte aber gar nichts bemerkt. Erregt beugte er sich etwas vor und versuchte das Auto erneut in Gang zu setzen.
»Irgend etwas ist mit dem Motor. Vielleicht ist er nur zu heiß geworden«, murmelte er. »Du mußt dich einen Moment gedulden. Ich werde nachsehen.«
»Verstehst du überhaupt etwas von Autos?« fragte Melanie gepreßt.
Uwe zuckte die Achseln. »Viel kann ja nicht fehlen. Er lief doch bisher ganz gut.« Er stieg aus und öffnete die Motorhaube.
Melanie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und atmete tief durch. Langsam flaute ihre Übelkeit wieder ab. Durch das Autofenster beobachtee sie, daß das Gesicht ihres Freundes immer ratloser wurde.
Melanie stieg aus und stellte sich an seine Seite.
»Der Motor ist ganz voll Öl. Vielleicht ein Riß? Ich probiere es aber nochmals.« Uwe ließ Melanie stehen, stieg wieder in den Wagen ein. Er drehte den Schlüssel herum, aber es kam keine Reaktion.
Diesmal fluchte Uwe. Langsam begann er zu ahnen, was das bedeute-te.
Hinter seinem Wagen hielt ein Auto, und als Uwe sich umwandte, sah er, daß es sich um die Autobahnpolizei handelte. Er ergab sich in sein Schicksal und stieg aus.
»Hier können Sie nicht parken«, sagte einer der Polizisten, der ebenfalls ausgestiegen war.
»Wir hatten auch nicht die Absicht. Offensichtlich will er nicht mehr.« Uwe versuchte ein Lächeln. Dabei hätte er dem alten Charly am liebsten einen Tritt gegeben. Ausgerechnet jetzt mußte er ihn im Stich lassen.
Uwe folgte dem Polizisten, der nach vorn gegangen war und nun den Motor betrachtete.
»Da wird nicht mehr viel zu machen sein«, meinte der Polizist. »Am besten, wir schicken Ihnen einen Abschleppwagen.«
»Ist das wirklich nötig?« fragte Melanie. Erschrocken sah sie von dem Polizisten auf ihren Freund.
Der Polizist wandte sich ihr zu. »Von selbst kommen Sie hier nicht mehr weg. Die Frage ist nur, ob sich eine Reparatur noch rentiert. Es scheint nicht gerade das neueste Modell zu sein.
»Beleidigen Sie unseren Charly nicht«, sagte Melanie angriffslustig. Sie blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn.
Die Miene des Polizisten verschloß sich. »Nicht meine Absicht.« Seine Stimme wurde dienstlich. »Bleiben Sie hier. Wir veranlassen, daß der Pannenhilfsdienst kommt.« Er drehte sich um und stapfte zu dem Polizeiwagen zurück.«
»Sag, daß das nicht wahr ist«, bat Melanie. »Wir müssen doch weiterfahren!«
»Ich kann es ja noch einmal probieren. Ich glaube aber kaum, daß ich damit Erfolg haben werde. Du siehst ja selbst, wie ölig der Motor ist. Er ist im Eimer.«
»Was dann? Wir haben kaum ein Viertel unserer Fahrt zurückgelegt. Wir brauchen das Auto. Charly darf uns nicht im Stich lassen.«
»Sag es ihm doch.« Uwe sah mit finsterem Blick auf sein Auto. Er war ratlos.
»Du mußt etwas tun«, drängte Melanie.
»Kannst du mir auch sagen, was? Wenn der Motor kaputt ist, dann muß ein neuer her.«
Melanie riß die Augen auf. »Können wir uns das überhaupt leisten?«
»Wenn du es genau wissen willst, in meinem Geldbeutel befinden sich ungefähr zweihundert Euro. Dies ist meine ganze Barschaft.«
»Viel mehr habe ich auch nicht«, bekannte Melanie.
Uwe seufzte. »Bereits während des Semesters litten wir an chronischem Geldmangel.«
»Ich jedenfalls brauche in Cuxhaven kein Bargeld«, versicherte Melanie.
»Ich kann auch jederzeit mit der Arbeit beginnen. Im Hafen wird dierekt bezahlt«, konterte Uwe. Dann schwieg er betroffen, denn der Abschleppwagen kam und hielt vor ihnen.
»Oje«, sagte der Mann, nachdem er sich über den Motor gebeugt hatte. »Da ist nichts mehr zu machen.«
»Was schlagen Sie vor?« fragte Uwe zaghaft.
»Autofriedhof oder Werkstatt«, meinte der Mann ungerührt. »Beides ist nicht allzuweit von hier entfernt. Wenn Sie Glück haben, hat die Werkstatt einen Austauschmotor auf Lager. Dann könnten Sie Ihre Reise morgen oder übermorgen fortsetzen.«
»Und was sollen wir bis dahin tun?«
»Die Werkstatt ist nahe bei dem Ort Wildmoos. In Wildmoos wiederum gibt es den Gasthof ›Zum grünen Krug‹, der sehr preiswert ist. Ich kann ihn nur empfehlen.«Der Mann nickte Uwe zu, dann schloß er mit einem lauten Knall die Motorhaube. Sein Begleiter half ihm, den alten Charly mit einem Seil an den Abschleppwagen anzuhängen.
»So«, wandte sich der Mann in der blauen Montur wieder an Uwe und Melanie. »Sie können Platz nehmen. Wohin soll es nun gehen?«
»Zur Werkstatt«, antwortete Uwe, ohne lange zu überlegen.
Erst als sie in ihrem Auto saßen und das Seil sich zwischen ihnen und dem Abschleppwagen spannte, sagte Melanie empört: »Was soll das? Wie willst du die Reparatur bezahlen?«
Uwe nagte an seiner Unterlippe. Er sah seine Freundin nicht an.
»Ich habe dich etwas gefragt«, sagte Melanie nicht gerade freundlich.
»Es wird sich eine Möglichkeit finden. Vielleicht kann ich die Kosten abarbeiten.«
Ruckartig setzte sich Melanie kerzengerade auf. »Willst du etwa hierbleiben? Ausgeschlossen! Ich muß nach Cuxhaven.«
Kurz wandte sich Uwe ihr zu. »Du hast doch von mir nicht erwartet, daß ich Charly im Stich lasse? Ich kann ihn doch nicht einfach hier auf einem Autofriedhof zurücklassen. Ein neuer Motor – und wir haben noch lange Freude an ihm.«
»Alles schön und gut, aber dazu braucht man Geld.«
»Vielleicht läßt der Mechaniker ja mit sich reden«, sagte Uwe matt. »Ich kann ihm das Geld ja von Hamburg aus dann überweisen. In Raten. Ich mache eben einige Überstunden. Dann fehlt das Geld zum Semesteranfang nicht.«
Laut atmete Melanie durch.
»Irgendeine Möglichkeit wird es schon geben«, versuchte Uwe sich selbst Mut zuzusprechen.
Der Chef der Werkstatt hatte dann auch einen Vorschlag. »Nicht weit von hier befindet sich das Gut Schoen-eich, ein alte Familienbesitz. Herr von Schoenecker kann sicher noch einen Arbeiter brauchen. Er zahlt gut, und wohnen können Sie dort auch. In der Nähe ist das Kinderheim Sophienlust. Es wird von Frau von Schoenecker verwaltet. Ich nehme an, daß sich für Sie dort auch eine Arbeit findet.« Bei dem letzten Satz sah der Meister Melanie an.
Melanie war bleich geworden. »Ich muß nach Cuxhaven«, sagte sie.
Uwe war jedoch von dem Vorschlag des Meisters begeistert. »In den Norden können wir immer noch. Der läuft uns nicht davon«, meinte er. Ohne Melanies Abwehr zu beachten, legte er ihr seinen Arm um die Schulter. »Die Gegend hier scheint idyllisch zu sein. Hoffentlich haben wir Glück und bekommen wirklich Arbeit.«
Mit einem heftigen Ruck befreite sich Melanie von Uwes Arm.
»Nein! So war es nicht ausgemacht.« Ihre großen Augen blitzten. Beinahe hätte sie mit dem Fuß aufgestampft. »Ich habe dir bereits im Frühjahr gesagt, daß ich im Sommer in Cuxhaven sein will.«
Verwirrt sah Uwe seine Freundin an. So zornig hatte er sie noch nie gesehen. »Ich verstehe nicht! Du bist doch sonst nicht so engstirnig. Wie oft haben wir unsere Pläne schon geändert?«
Melanie senkte ihren Blick. »Diesmal geht es nicht.«
»Wir haben drei Monate Zeit«, brauste Uwe auf. »Davon wirst du wohl einen Monat für mich übrig haben.« Dann wurde er ruhiger. Er sah, wie blaß Melanie war.
»Komm!« Uwe führte seine Freundin etwas abseits. »Du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen. Wenn wir beide arbeiten, dann dauert es keinen Monat, bis wir das Geld beisammen haben. Ich finde das sogar ideal. Wir müssen uns nicht gleich trennen, können sogar noch beisammen sein.«
Uwe sprach und sprach, und Melanie wurde immer stiller. Im Grunde ihres Herzens sah sie ein, daß ihr Freund recht hatte.
*
»Ist es nicht schön hier?« Trotz seines Mißgeschicks mit Charly war Uwe Klein bester Laune. Von Melanie Dahl konnte man dies jedoch nicht behaupten. Mit gesenktem Kopf ging sie neben ihrem Freund her.
»Weit kann es nicht mehr sein«, versuchte Uwe es nochmals. »Der Wirt hat uns ja den Weg genau beschrieben.«
Die beiden hatten im Gasthof »Zum grünen Krug« übernachtet. Ihr Gepäck hatten sie noch dortgelassen, während sie jetzt zu Fuß unterwegs zum Gut Schoeneich waren.
Uwe blieb stehen. »Du hast wirklich keinen Grund, so ein Gesicht zu machen«, meinte er. »Wir haben nur Gutes über das Ehepaar von Schoenecker gehört. Vor allem die Frau scheint sehr verständnisvoll zu sein. Wenn es jetzt auch noch mit einer Arbeit klappt, dann können wir sehr zufrieden sein.«
Melanies Kopf sank noch weiter auf ihre Brust herab. Sie zog es vor, darauf nicht zu antworten. Uwe konnte ja nur deshalb so sprechen, weil er ahnungslos war. Sie hatte auch nicht die Absicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Irgendwie mußte sie diese Zeit überstehen.
Uwe, der Melanie von der Seite her gemustert hatte, fragte: »Bist du müde?« Zum erstenmal stellte er fest, wie bleich seine Freundin aussah. »Du mußt dir keine Sorgen machen«, fügte er hinzu. »Wir werden es schon schaffen. Bei so einem herrlichen Wetter läßt man den Kopf doch nicht hängen. Hier kann man wirklich Urlaub mit Arbeit verbinden. Auf Gut Schoeneich soll es Pferde geben. Vielleicht können wir auch reiten.«
»Ich nicht«, sagte Melanie rasch.
»Ich dachte, du magst Pferde? Hast du nicht erzählt, daß du als Kind geritten bist?«
»Das ist lange her«, wich Melanie aus.
»So lange doch nicht!« Uwe lachte. Melanie war ein Jahr jünger als er und daher gerade neunzehn Jahre alt geworden. Er griff nach ihrer Hand und zog sie mit sich. »Ich bin neugierig auf das Gut. Es soll sehr schön dort sein.«
Gleich darauf hielt er wieder an. Diesmal hatten die hölzernen Wegweiser sein Interesse geweckt.
»Sieh nur!« Er ließ Melanies Hand los und deutete auf die geschnitzten Figuren von Kindern und Tieren. »Würden wir diesen Wegweisern folgen, kämen wir zu dem Kinderheim.«
Melanie sah nur kurz hin, dann ging ihr Blick wieder nach vorn. »Der Weg teilt sich«, meinte sie und schritt schneller aus.
Melanie hatte recht. Die geschnitzten Wegweiser zeigten nun nach links, während es zum Gut Schoeneich nach rechts ging. »Dann wollen wir«, sagte sie und hoffte, daß es für Uwe keine Arbeit auf dem Gut geben würde. Noch immer wollte sie so schnell wie möglich nach Cuxhaven.
Gleich darauf kamen die beiden zu einem großen Park, in dessen Mitte das Gutshaus lag. Es war ein schloßartiger Bau mit einem Turm. An den dunklen Mauern rankte sich wilder Wein empor.
Selbst Melanie war diesmal beeindruckt. »Wie ein Märchenschloß«, sagte sie.
Unwillkürlich hatten sich die zwei jungen Leute an den Händen gefaßt. Aber da kam schon ein hochaufgeschossener Junge aus dem Haus. Unbefangen kam er auf das junge Liebespaar zu.
»Sie sind sicher Fräulein Dahl und Herr Klein.« Nick streckte zuerst Melanie seine Hand hin. Als er das Erstaunen auf ihrem Gesicht sah, verstärkte sich sein Lächeln. »Keine Hexerei«, meinte er grinsend. »Der Wirt hat uns angerufen und Sie angekündigt.«
»Und?« fragte Uwe. Der Junge gefiel ihm so, wie ihm alles hier gefiel.
»Mein Vater erwartet Sie. Zu tun gibt es bei uns genug. Zum Gut gehört ein großes Gestüt. Vater mußte auf die Koppel. Wenn Sie wollen, bringe ich Sie hin.«
»Das wäre nett. Ich möchte als erstes alles mit Ihrem Vater wegen einer Arbeit klären. Meine Freundin und ich, wir sitzen in der Klemme. Unser Auto streikt. In Hamburg habe ich einen Job.« Uwe zuckte resignierend die Achseln.
Nick drückte nun auch ihm die Hand. »Wir haben von Ihrem Pech gehört. Das wird schon wieder. Ich heiße Dominik, werde aber nur Nick genannt und bin der Sohn des Hauses. Sie können aber ruhig du zu mir sagen. Ich bin erst sechzehn.«
»Dann auf gute Freundschaft. Mir gefällt es hier ausgezeichnet. Im übrigen bin ich nicht viel älter als du. Ich habe mein Studium erst begonnen. Ich heiße Uwe – und das ist Melanie. Ich bin sicher, sie schließt sich unserem Du an.«
Melanie nickte. Der Junge gefiel auch ihr. Beinahe hätte sie geseufzt. Es wäre so schön hier, wenn... Aber gerade über dieses Wenn hatte sie mit ihrem Freund nicht gesprochen. Sie hatte ihn in dem Glauben gelassen, daß es ihr nur um einen Besuch bei Erika Binder gehe.
Uwe unterbrach Melanie in ihrem Gedankengang. Er legte seine beiden Hände auf ihre Schultern. »Was sagst du nun? Wir haben, wie immer, Glück.«
Melanie quälte sich ein Lächeln ab. »Laß uns erst einmal mit Herrn von Schoenecker sprechen. Schließlich müssen wir auch irgendwo schlafen.«
»Wir haben genügend Gästezimmer«, sagte Nick, »aber dies wird euch mein Vater sicher selbst sagen. Kommt, ich bringe euch zu den Pferdekoppeln. Dabei kommen wir an den Wirtschaftsgebäuden vorbei. Und vom Park bekommt ihr auch etwas zu sehen.« Stolz schwang in Nicks Stimme mit. Aber er war nicht nur auf den Stammsitz der Familie von Schoenecker stolz, den vermutlich einmal sein jüngerer Bruder Henrik übernehmen würde, sondern auch auf das Kinderheim Sophienlust, das seine Mutter bis zu seiner Volljährigkeit für ihn verwaltete. Deshalb begann er, während er neben dem jungen Paar herschritt, sogleich auch von Sophienlust zu sprechen.
»Ihr seid genau im richtigen Moment gekommen«, meinte er. »Da Schwester Regine verreist ist, hat meine Mutti mit dem Kinderheim alle Hände voll zu tun. Sie ist sicher froh, wenn du ihr hilfst.« Nick sah Melanie dabei von der Seite an.
