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Der junge Konditorgeselle möchte aber lieber Düsenjägerpilot werden. Alle Hürden überwindend erfüllt er sich seinen Traum. In aufregenden, spannenden und humorvollen Fliegergeschichten erzählt der Autor nicht nur vom Schweben über den Wolken, weitere Abenteuer sei es zu Land und zu Wasser halten den Leser in Atem. Wer das Fliegen selbst erlernt hat, wird verstehen, warum die Vögel singen.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Eberhard Friedt geb. 1941 in Oberschlesien muss mit der Familie 1945 fliehen- endet im Ruhrgebiet, nachdem er 7 Mal die Schule gewechselt hatte. Wird ungern Konditor – meldet sich nach erfolgreicher Gesellenprüfung zum Militär, will Pilot werden. Er überwindet alle Hürden, wird 1969 zum besten Piloten der Luftwaffe ernannt – Als Fluglehrer beendet er seine fliegerische Laufbahn in Sardinien. Die letzten Jahre verbringt Hauptmann Friedt im Flugunfallteam in Köln. Nach 25 Jahren Militärzeit kehrt er schnell nach Sardinien zurück baut Boote und betreibt eine Segelschule.
Jahre später setzt er nach Spanien über, kehrt zurück zu seiner Passion der Fliegerei- baut Sportflugzeuge wird Testpilot der Gruppe Konstruktion für Amateur-Flugzeugbauer.
Nebenbei verkauft er als Flugzeughändler Sportflugzeuge und gerät in die Drogenmafia.– Leute, welche mit ihm im spanischen Gefängnis enden.
Aus seiner Haft entflohen begibt sich der unbeugsame Eberhard Friedt mit seiner 4 Ehefrau auf eine geheime Mission- meldet sich nach Rückkehr freiwillig im Gefängnis zurück.
Dort schreibt er sein erstes Buch – Hinter spanischen Gardinen – eben die Erlebnisse, wie man sehr schnell in einen Knast geraten kann.
Sein zweites Buch – Zu Land zu Wasser und in der Luft – erscheint 2016 und berichtet von seinen Flieger- und Seeabenteuern. Jetzt, weiter in Spanien lebend, mit 75 Jahren versucht er sein aufregendes Leben in ruhigere Bahnen zu lenken. Am privaten Fischteich pflegt er seine Schildkröten, die Fische und spielt gelegentlich auf der Orgel heimatliche Lieder.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Sportlich zwei Stufen auf einmal nehmend, hetzte der junge Mann die Treppe hinauf. Sein blondes Haar wirbelte um seinen Kopf, doch darauf konnte er keine Rücksicht nehmen, denn um lange auf den Lift zu warten, fehlte ihm im Moment der Nerv. Keuchend kam er im dritten Stock des schmucklosen Bürogebäudes an, verharrte einen Augenblick und suchte und fand ein Hinweisschild »Kreiswehrersatzamt«, darunter stand etwas kleingedruckter: »Bundeswehrannahmestelle«. Zufrieden marschierte er den halbdunklen Gang entlang und sinnierte darüber, wer sich diesen komischen Namen mal wieder ausgedacht haben könnte? Unglaublich so was, aber egal, entscheidend war nur, dass er sich aufgrund seiner Anfrage hier melden sollte. Die Bundeswehr schien tatsächlich junge Nachwuchstalente zu suchen - und so war es auch!
Die Tragödie des 2. Weltkrieges war noch lange nicht vergessen und würde es vermutlich auch auf lange Zeit nicht sein. Mit geballter Kraft erwachte Deutschlands Wirtschaft, nicht zuletzt unter tatkräftiger Unterstützung der »neuen Freunde«, den Amerikanern. Und schon wieder dachte man daran, neues Militär aufzubauen. Was stellte schon eine Nation ohne Panzer, Schiffe und Flugzeuge dar?
Bei der Bevölkerung stieß dieser Aufmarsch allerdings auf heftigen Widerstand. Wagte sich ein junger Soldat in Uniform auf die Straße, so konnte es schon passieren, dass ihn gewisse Kreise mit nicht unbedingt freundlichen Attributen bedachten. Besonders die Stadt Essen mit ihren Krupp-Werken, der Waffenschmiede der Wehrmacht, hatte die Zerstörung besonders heftig getroffen. Viele zerstörte Stadtteile waren die Folge.
Doch inzwischen hieß es bereits wieder: Essen - die Einkaufsstadt. Auch Attraktionen wie die Gartenbauausstellung, die GRUGA, oder das Freilufttheater zeugten von einer neuen Zeit. Hinzu kamen der Baldeneysee und zahllose weitere grüne Oasen, die der Stadt ein neues Gesicht verpassten. Nicht zu vergessen die Fußballhelden von Rot-Weiß Essen - die Jungs brachten Ansehen und Achtung. Landesweit hatte sich die Stadt einen hervorragenden Namen verschafft. Da war es wohl verständlich, dass sich eine Bundeswehrannahmestelle bescheiden im dritten Stockwerk eines unscheinbaren Amtsgebäudes versteckte.
Als der Neuankömmling vor einer Wartebank ankam, blickten ihm drei schüchtern aussehende Burschen entgegen. »Wollt ihr auch zu der Freiwilligenannahmestelle?«, fragte er locker in die Runde.
»Sieht so aus. Setz dich und harre der Dinge«, erwiderte einer, während ihn die anderen abschätzend musterten.
Wenig später vertiefte auch er sich in eine der herumliegenden Broschüren der Bundeswehr.
Nach einer Weile wurde das Schweigen dadurch unterbrochen, dass einer der Wartenden, seine Nase leicht rümpfend und zum Neuen gewandt, feststellte: »Das riecht hier plötzlich nach frischen Brötchen! He Kumpel, bist du etwa Bäcker und hast welche mitgebracht? Sag!«
»Wenn du mich mit >he Kumpel< meinst, ich bin Konditor, kein Bäcker, das ist ein gewaltiger Unterschied. Bäcker ist so etwas Ähnliches wie ein Anstreicher. Konditor hingegen hat was Kreatives an sich, vergleichbar mit einem Bildhauer oder Maler. Verstehst du den Unterschied? … Tut mir leid, dass ich dir Appetit mache, aber zum Duschen fehlte die Zeit. Aber wenn ich störe, dann warte ich am Ende des Ganges!«
»Nein, nein, du störst nicht, ich wollte dir keinesfalls zu nahe treten – nur es duftet so … so … irgendwie angenehm eben.«
Plötzlich stand ein freundlicher älterer Herr in der Tür und bat:
»Der Nächste bitte!«
Nach einer Stunde ungeduldigen Wartens konnte der Konditorgeselle das Amtszimmer betreten und zog dort verschämt seine Papiere aus der Jackentasche hervor. Dann folgte er der Armbewegung des Beamten und nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz.
»Na dann wollen wir mal begutachten, junger Mann, was Sie so anzubieten haben«, begann der Beamte das Gespräch. »Sie sehen noch sehr jung aus … wie alt sind Sie eigentlich?«
»Übermorgen werde ich 18 Jahre alt«, antwortete er und fügte schnell hinzu, »ich habe auch die Unterschrift meines Vaters in den Bewerbungspapieren. Hier ist mein Lebenslauf, zwei Passfotos und mein Gesellenbrief … genau wie gefordert!«, fügte Michael, nun schon etwas forscher zur Erklärung hinzu.
Schweigend studierte der Beamte die vorgelegten Papiere, betrachtete etwas länger den Gesellenbrief und mit einem Schmunzeln auf den breiten Lippen lehnte er sich würdevoll in den quietschenden Sessel zurück. Dann begann er plötzlich lauthals zu lachen!
»Pilot wollen Sie werden als Konditor? Ja Junge«, plötzlich ins vertraute Du wechselnd, »willst du denn im Sturzflug ein Ei in die Pfanne schlagen?« Kopfschüttelnd fügte er hinzu: »Junger Mann«, das Du war wieder aus dem Sprachschatz des Bürokraten verschwunden, »das schlagen Sie sich mal schnell aus dem Kopf. Das geht überhaupt nicht. Ihren Beruf können Sie bei uns gut und gerne anderswo verwenden.« Mit väterlichen Worten, dabei auf die Werbetafel zeigend, meinte der Amtmann: »Schauen Sie hier >Komm zur Marine - Sie fahren zur See, sehen Sie ganze Welt< … und in der Küche, der Kombüse, erwartet Sie ein großes Wirkungsfeld. Na, wäre das eine Alternative?« Dem jungen Bewerber rutschte das Herz in die Hose. Trotzig, mit Enttäuschung in den Augen, sprang er auf, stützte seine großen Hände in die Hüften und aufbrausend rief er: »Sie … das will ich aber nicht! Genau da komme ich gerade her, aus der Backstube in einem Kellerloch. Das Vorhaben schlage ich mir nicht aus dem Kopf!« Wütend fügte er hinzu: »Haben Sie überhaupt einen Hammer hier, wenn Sie schon solche Ratschläge verteilen? Sie sagten gerade, den Piloten soll ich mir aus dem Kopf schlagen? … und ich sage Ihnen, bitte zerstören Sie nicht meinen Jugendtraum! Jahrelang habe ich mich darauf vorbereitet und in den wenigen Stunden meiner Freizeit habe ich vieles über die Luftfahrt gelernt. Bitte! Ich will … nein! Ich muss diesen Weg versuchen! Klar, ich weiß, Konditor zu sein, passt nicht so recht zum Pilotenberuf. Aber sehen Sie, ich habe das Burggymnasium hier in Essen besucht, einen Handwerksberuf erlernt und einen Gesellenbrief, der mit »sehr gut« bewertet wurde, bekommen. Das sollte reichen … jedenfalls habe ich das so von anderen gehört. Mit den Unterlagen muss man nach Hannover zu einer Fliegertauglichkeitsprüfung … und dort bewerten und entscheiden Fachleute, ob ich geeignet bin zum Piloten … oder nicht? Warum wollen Sie bereits hier im Büro bestimmen, welche Eignung und Fähigkeiten in mir stecken!«
Der Beamte reagierte mit besänftigenden Worten und bat den offensichtlich empörten Burschen, der erregt aufgesprungen war, wieder Platz zu nehmen.
»Entschuldigen Sie meine Einwände, Herr …«, er schaute suchend auf die vor ihm ausgebreiteten Unterlagen, Faber … Beruhigen Sie sich! Wenn Sie meinen, dass Sie zu diesem anspruchsvollen Beruf berufen sind, dann will ich Ihnen nicht im Wege stehen. Bitte sehr, fahren wir also fort und füllen Sie den Antrag aus. Hier bitte, unterschreiben Sie.« Doch ein etwas erhabenes Lächeln konnte der alte Herr sich nicht verkneifen. Ebenso wenig den Kommentar: »Na schön, ein fliegender Konditor, aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn Ihr Traum nicht in Erfüllung geht. Denn viele wurden gerufen, aber nur wenige auserwählt.«
»Wann darf ich mit einer Antwort rechnen?«, fragte Michael zufrieden.
»Erfahrungsgemäß werden sie in zwei bis drei Monaten eine Nachricht erhalten. Viel Glück, junger Mann.«
Den Arbeitskollegen und auch dem strengen Meister im Betrieb gegenüber hatte Michael mit keinem Wort seine Absicht erwähnt, beim Militär anzuheuern. »Ich muss dringend zum Zahnarzt«, behauptete er, um für die Stunden bei der Meldestelle frei zu bekommen.
***
Monate später erhielt er die Aufforderung, sich in Hannover zur Eignungsprüfung einzufinden. Dafür opferte er gern eine Woche der kostbaren Tage seines diesjährigen Jahresurlaubes.
Entschlossen beantwortete er dort täglich zügig selbst delikate Fragen der Prüfungskommission für Anwärter auf den Pilotenberuf. Mit Staunen stellte Michael fest, dass sich die Gruppe der Anwärter täglich reduzierte. Noch einmal verringerte sich die Auswahl, als der medizinische Teil mit der Unterdruckkammer und der Zentrifuge an die Reihe kam. Dabei wurden die übrig gebliebenen Aspiranten tatsächlich bis zur Bewusstlosigkeit geschleudert. Diese Prüfungen, im wahrsten Sinne des Wortes auf Herz und Nieren, brachten so manchen Traum vom Fliegen endgültig zum Scheitern. Bereits nach fünf Tagen waren von 30 Interessenten nur noch fünf flugtaugliche übrig geblieben.
***
Mit stolzgeschwellter Brust, den Einberufungsschein in der Tasche, kehrte Michael gut gelaunt in die ungeliebte Backstube zurück.
Jetzt verkündete er seinem erstaunten und vor allem überraschten Meister: »Am 1. September melde ich mich beim Fluganwärterregiment der Luftwaffe in Uetersen.« Bei diesem Ort handelt es sich um ein 1.500 Seelen Dörfchen in der Nähe von Pinneberg bei Hamburg. Gut gelaunt rief er an seinem letzten Tag zum Abschied in die Runde:
»Lebt wohl, Ihr Teiggenossen! Tschüss!«
Eine graue dunkle Dunstglocke schwebte wie üblich über dem Ruhrpott - auch an diesem strahlenden Sonntagmorgen Ende August 1959. Nur schemenhaft zeigte sich die Sonne über der erwachenden Stadt Essen. Auf dem Hauptbahnhof herrschte bereits reges Treiben wie auf einem Ameisenhaufen. Michael stand neben seinen Eltern auf dem Bahnsteig. Etwas traurig musterte die Mutter ihren Sprössling und sparte nicht mit mahnenden Worten: »Junge versprich mir, fliege nie zu hoch und nie zu schnell!«
»Unnachahmlich Mutter«, dachte Michael und lachend umarmte er sie. »Aber Mama, was glaubst du denn. Zunächst werde ich richtig laufen oder besser marschieren lernen müssen. Bis ich in ein Flugzeug steigen darf, liegt mit Sicherheit noch ein langer Weg vor mir.«
»Und schreib uns, so oft du kannst, damit auch deine Geschwister Anteil nehmen können an deinem aufregenden Werdegang!«, forderte der Vater und schaute etwas mitleidig auf den geschnürten Pappkarton, das bescheidene Reisegepäck des flügge werdenden Sohnes.
Endlich saß er, Michael Faber, mit allen möglichen Ratschlägen und Anweisungen der Eltern versehen im Zug. Entspannt drückte Michael sich in das Polster der Sitzbank der Deutschen Bahn. Als der Zug schließlich nach Norden dampfte, war er nur schwach besetzt, während ihnen überfüllte Züge aus den Feriengebieten der Nord- oder Ostsee entgegen kamen.
»Ihr müsst morgen wieder in die Schule oder zur Arbeit«, dachte der angehende Soldat, »aber ich werde nie wieder eine stickige Backstube betreten, das schwöre ich mir! Und sollte ich kein Pilot werden – na schön, als Techniker oder Schrauber werde ich bei den Flugzeugen bestimmt einen Job finden.«
Etwas gedankenverloren starrte er zum Fenster hinaus, war das, was er fühlte, Abschiedsschmerz? »Werde ich Heimweh bekommen?«, fragte er sich plötzlich. »Nein, das glaube ich nicht, vielleicht werden mir zu Weihnachten die Familienfeiern fehlen. Das vor dem Weihnachtsbaum Singen, das Musizieren oder so, aber was war denn in den letzten Jahren? Wann war ich überhaupt Zuhause? Nur zum Schlafen! … Wie sagte der Vater einmal so beiläufig, als ich wieder einmal müde und zerknirscht spät nach Hause kam? >Nun ja, mein Sohn, du wolltest nicht studieren, da muss man eben arbeiten. Und Lehrjahre sind keine Herrenjahre.< Ja, Vater, aber fair kann es trotzdem zugehen! An diesem Tag hatte ich mir vier Ohrfeigen eingefangen … eigentlich wegen nichts! Zehn Stunden hatte ich gearbeitet, nur 15 Minuten davon waren eine kleine Mittagspause, und zwar auf einem Mehlsack sitzend, das aufgewärmte Essen hinunterwürgend – sind das Zustände? Wir hatten keinen ordentlichen Umkleideraum, keine Duschen, die Toiletten mussten wir uns oben mit den Gästen im Café teilen. >Sonntags dürft ihr auch kommen<, sagte der Chef, >dann lernt ihr freundlich bedienen.< Ja, aber vor allem dürft ihr für mich Sahne und Eis verkaufen!«
Später, im dritten Lehrjahr, wagte der Meister nicht mehr die Hand gegen Michael zu erheben, jetzt überragte der seinen Chef um einige Zentimeter – nun traf es die jüngeren Lehrlinge.
Anfangs glaubte Vater, dass in seiner Heimat in Schlesien die Konditorei der Großeltern auf uns warten würde. >Bald werden wir zurückkehren in unser geliebtes Breslauerland, denn wenn die Polen wieder fortgehen, ist es wieder unser Zuhause.< Ach, welche Traumvorstellungen hattest du, Väterchen! Nur weil ich einmal beinahe wegen altgriechisch sitzen geblieben wäre, einer Sprache, die kein Mensch wirklich mehr braucht … und na ja, in Mathe war ich auch nicht besonders stark, hättest du mich nicht gleich von der Schule nehmen und in die Backstube schicken müssen. Eine zweite Chance gab es nicht für mich. Ertragen habe ich es – aber glücklich wäre ich in diesem Beruf nie geworden. Viel lieber hätte ich Automechaniker gelernt. Technik, schrauben, bauen, konstruieren, ja, darin liegen meine Veranlagungen. Aber jetzt, mit meinen 18 Jahren, werde ich mein Leben selbst in die Hand nehmen und allen zeigen, was wirklich in mir steckt.
Ein quietschendes Bremsen und das Rütteln des anhaltenden Zuges lenkten die Aufmerksamkeit des nachdenklichen Fahrgastes zurück in die Wirklichkeit.
»Hannover Hauptbahnhof«, schallte es aus der Lautsprecheranlage.
Stolz erfüllte ihn. Ja, hier war er schon einmal vor ein paar Monaten eine Woche lang für die Prüfungen für die Pilotenauswahl gewesen. »Das haben wir doch schon mal geschafft, Junge«, stellte er befreit aufatmend fest. Nun hieß es mutig hinein in den Traumberuf. »Dein Weg steht dir offen!«, bestätigte er sich nicht zum ersten Mal in der letzten Zeit.
Inzwischen hatte ein reifer Herr das Abteil betreten und fragte freundlich: »Junger Mann, darf ich Gesellschaft leisten?«
»Aber natürlich«, entgegnete Michael, »soll ich Ihren Koffer ins Gepäcknetz heben?«
Nein danke, das schaffe ich noch selbst – so alt bin ich zum Glück noch nicht. Wem haben Sie denn so fröhlich auf dem Bahnsteig zugewunken? Kennen Sie hier jemanden? Oder meinten Sie mich?«, fragte der neue Fahrgast schmunzelnd.
Nein, mein Herr, woher sollte ich Sie kennen. Ich habe nur so zum Spaß den Leuten zugewunken. Aus Übermut und Lebensfreude. Ein Herzenswunsch geht in Erfüllung und ich fühle mich unbeschreiblich frei und glücklich heute.«
»Darf ich fragen, welcher Wunsch sich Ihnen erfüllt? … Oder soll ich raten?« Und auf die Fliegerzeitschrift weisend, die sein junger Mitfahrer in der Hand hielt, fügte er hinzu: »Dein Glück scheint auf den Wolken zu schweben. Willst du nach Bremen zur Pilotenschule oder planst du etwas Ähnliches? Liege ich damit richtig?«
Freimütig gestand Michael: »Sie haben es fast getroffen – nur Lufthansa, also die zivile Flugausbildung, kann ich mir nicht erlauben, das ist viel zu teuer. So etwas können meine Eltern mir nicht finanzieren. Pilot möchte ich dennoch werden, aber bei der neuen Bundeswehr. Hier in Hannover habe ich vor Monaten alle Einstellungsprüfungen bestanden und heute geht es nach Hamburg. Dort in der Nähe befindet sich die militärische Fliegerschule. Dahin führt mich heute mein Weg und deshalb bin ich so gut drauf.«
Der ältere Reisegast gab keine Antwort auf die Erklärung des begeisterten Jungen, sondern setzte vielmehr eine ernste, nachdenkliche Miene auf und fragte stattdessen: »Darf ich hier rauchen? Das ist doch ein Raucherabteil oder nicht?«
»Natürlich, ich lasse das Fenster etwas herunter; wenn es zieht, sagen Sie es mir.«
Schweigend steckte der Mann sich eine Zigarette an. »Rauchst du auch? Willst du eine?«
»Nein danke, dafür gebe ich kein Geld aus«, erklärte Michael abweisend.
Nachdem ein paar runde Rauchwolken im Abteil hingen, durchbrach der neue Fahrgast die Stille. »Junger Mann, bist du dir im Klaren darüber, welchen Weg du bewusst einschlagen willst?«
Weißt du überhaupt was Krieg … Schießen … Töten bedeuten? Ich habe all das bitter erlebt und durchgestanden. Eine lange Gefangenschaft, Hunger, Kälte und all die physischen und psychischen Belastungen … niemand, der es nicht am eigenen Leib verspürt hat, kann sich das auch nur ansatzweise vorstellen. Ich musste das ertragen … Ja … ich habe überlebt, aber verfolgen wird mich dieser Albtraum bis zu meinem Tod. Und jetzt sollen die Fundamente geschaffen werden, diese Apokalypse zu wiederholen? Warum willst du zum Militär?«, der Vorwurf, der in dieser Frage mitschwang, war nicht zu überhören.
»Ich kann Ihnen das gerne erklären«, unterbrach Michael seinen Gegenüber.
»An Krieg oder ans Töten denke ich nicht … in keiner Weise, mein Herr!«
»Sie können natürlich nicht wissen, wer ich bin. Mein Name ist Heinz Konsalik … ich bin Schriftsteller. Vielleicht haben Sie eines meiner Bücher gelesen. >Der Arzt von Stalingrad< dürfte wohl das bekannteste sein. Das sollten Sie vielleicht einmal lesen.«
»Mein Name ist Michael Faber. Ich muss gestehen, dass ich kaum Romane lese, meist nur Fachliteratur über die Fliegerei. Aber das >Fliegerleben< von Udet, das kenne ich. Der Mann ist mein Idol. Ein großartiger Pilot sage ich Ihnen! Ein Kunstflieger, wie er im Buche steht. Er hat auch tolle Filme gedreht. Dann aber musste er im Krieg mit den Wölfen heulen und hat sich schließlich das Leben genommen. Während der Zeit des Nationalsozialismus war Udet im Reichsluftfahrtministerium verantwortlich für die technische Ausrüstung der Luftwaffe und bekleidete ab 1939 das Amt des Generalluftzeugmeisters der Wehrmacht. Bei seinem Tod war er im Rang eines Generalobersten.«
»Genau … das war 1941.«
»Ja, und damals wurde ich geboren, aber mein Wunsch besteht nur darin, Pilot zu werden. Vom Krieg habe ich nur an das Ende 1945 dunkle Erinnerungen. Allerdings ist mir die Vertreibung aus der Heimat, wir waren oder besser sind noch immer Schlesier, also die Vertreibung ist mir noch ziemlich deutlich im Gedächtnis, war furchtbar. Hunger und Kälte, die ständige Sorge der Mutter, ob und wo wir die nächste Nacht unterkommen können, das verstand ich damals leider schon. Trotzdem sehe ich heute meine Chance mir meinen Wunsch, Pilot zu werden, zu erfüllen, nur beim Militär. Ist das etwa eine Schande? Vielleicht gehe ich ja später zu einer privaten Fluggesellschaft. Seien Sie beruhigt, an irgendwelche Kriegsspiele denkt die Jugend von heute kaum. Es ist ja alles so schön geworden und manches so leicht wie »Komm zur Bundeswehr, wir bieten dir einen Traumjob«. Ich sehe meinen Schritt ausschließlich als günstige Möglichkeit, mir meinen Berufswunsch zu erfüllen. Kann ich Sie damit beruhigen,
Herr Konsalik?«
Doch der schüttelte nur leicht den Kopf.
»Was haben Sie nur für Vorstellungen?! Glauben Sie, man wird Sie oder irgendeinen Soldaten fragen, ob Sie in den Krieg ziehen wollen? Oh mein Gott, wie naiv seid ihr eigentlich … vermutlich genauso wie wir seinerzeit! Ich frage mich wirklich, woher Sie den Mut und die Überzeugung nehmen, so selbstsicher daherzureden.«
Etwas abwesend wirkend, holte er eine neue Zigarette hervor und setzte sie bedächtig in Brand. »Abgesehen von deiner Blauäugigkeit bezüglich der Militärs, die ich übrigens nicht nachvollziehen kann, für die Pilotenlaufbahn sind einige Voraussetzungen erforderlich … Hast du überhaupt Abitur?«
»Leider nicht«, Michael lehnte sich ein bisschen zurück.
»Ich musste abbrechen, der blaue Brief kam dazwischen. Griechisch hat mir das Genick gebrochen, um genau zu sein altgriechisch. Allerdings konnte ich später in Abendkursen die Volkshochschule besuchen. Dabei gelang es mir, das Wichtigste nachzuholen – neben der Arbeit.«
Michael vermied es tunlichst, das Wort Konditor oder Backstube in den Mund zu nehmen.
Nach einigen kurzweiligen Stunden verabschiedete sich der bekannte Schriftsteller und Kriegsteilnehmer von Michael Faber. Zum Abschied wünschte er seinem jungen Reisebegleiter »Hals und Beinbruch«, diesen Fliegergruß kannte er. Im Weggehen ermahnte er noch:»Fangt mir ja keinen Krieg mehr an!«
»Hamburg Altona!«, schallte es aus den Lautsprechern am Bahnsteig. Hier war für den angehenden Piloten Zwischenstation. Mit einem Bummelzug ging die Fahrt weiter nach Pinneberg. Anno dazumal noch ein kleines unbedeutendes Städtchen vor den Toren der Hansestadt Hamburg.
Vor dem Bahnhofsgebäude in Pinneberg stand bereits ein alter, im bekannten olivgrünen Militarylook lackierter Bus – er wurde also offensichtlich erwartet. Michael ging auf einen uniformierten Soldaten zu und stellte sich vor.
»Willkommen in Schleswig-Holstein, Herr Faber. Steigen Sie bitte ein. Wir müssen allerdings noch etwas warten. Ist das alles, was Sie dabeihaben?«, erstaunt wies der Soldat auf das kümmerliche Reisegepäck des Neuankömmlings.
»Reicht das nicht? Ich bekomme doch eine Uniform oder?« Michael schämte sich plötzlich wegen seines armseligen Gepäcks.
»Natürlich, so ist es.«
Warten. Das war das Erste, was man dem frisch gebackenen beinahe Soldaten beibrachte – und zwar gründlich. Der »Abholer« wartete noch zwei weitere Züge ab, mit denen Aspiranten eintrafen – und die Züge hatten auch noch reichlich Verspätung.
Nachdem der letzte Zug eingetroffen war, kam ein Unteroffizier aus der Bahnhofsgaststätte und las von einer Liste alle Namen der Neuankömmlinge vor. Nachdem keiner fehlte, setzte sich der klapprige Bus endlich in Bewegung. Das Kopfsteinpflaster der Dorfstraße konnte die Federung des altersschwachen Fahrzeuges nicht egalisieren.
»Über dieses Kopfsteinpflaster werdet ihr in der nächsten Zeit noch oft marschieren und schmerzhafte Erfahrungen sammeln! Wir haben das alle durchgemacht und überlebt. >Gelobt sei, was hart macht<, sagen die alten Haudegen dazu«, drohte der Unteroffizier halb im Scherz, zynisch grinsend. Michael empfand diesen keineswegs besonders freundlichen Satz wie eine kalte Dusche, war aber keinesfalls entmutigt. Dass die Grundausbildung beim Militär keine zart besaitete Sache sein konnte, war ihm klar.
Vor der Hauptwache der altehrwürdigen Kaserne von Uetersen thronte ein imponierender grauer Granitfindling, in dem mit massiver Runenschrift die Losung »Willkommen im Horst der jungen Adler!« eingraviert war.
»Das sieht mir doch sehr nach einem Überbleibsel aus den Zeiten des seligen Herrn Führers aus!«, scherzte einer der vorlauten Neuankömmlinge.
Endlich hielt der Bus vor einem etwas antiquierten roten Backsteingebäude über dessen Eingangstüre ein Schild mit der Inschrift »FLUGANWÄRTERREGIMENT I« prangte. Kein Zweifel, das einfache Schild verfehlte seine Wirkung auf Michael nicht.
Die Piloten, die amtlich Flugzeugführer genannt werden, betraten das Gebäude und verteilten sich nach Anweisung eines Unteroffiziers auf die verschiedenen Stuben – sprich Zimmer.
»Flieger Faber«, der Kerl hatte tatsächlich Flieger Faber gesagt, »Sie gehen auf Stube 103, dort warten bereits einige Kameraden auf Sie! Um sieben gibt es Abendbrot – dort drüben«, er zeigte auf ein langes flaches Gebäude, »ist der Speisesaal. Verstanden?«
»Ja, mache ich, Herr Vorgesetzter!«, antwortete Michael, wie er dachte, ganz artig.
»Das heißt »JAWOHL, Herr Unteroffizier, merken Sie sich das. Schließlich sind wir hier bei der Armee, verstanden?«
Gehorsam entgegnete Michael laut und vernehmlich: »Jawohl, Herr Unteroffizier!«, und verabschiedete sich ansonsten wortlos in Richtung Stube 103. Davor stellte er seinen Pappkarton ab und atmete erst einmal tief durch. »Mal sehen, was für Typen mich hier erwarten«, sinnierte er. Obwohl er sich keine Reaktion erwartete, klopfte er an die Tür. Die Antwort kam fast zeitgleich.
»Weitergehen, wir geben nichts!«, ließ irgendein Scherzbold hören.
Überrascht öffnete Michael die Zimmertür und sah in ein grinsendes Jungengesicht.
»Komm rein, jetzt sind wir vollzählig. Du bist die Nummer Acht und mehr Betten gibt’s hier nicht. Ich heiße Klaus Bertram, mir hat man auch dieses Zimmer >verschrieben<. Es scheint, als wäre ich der Stubenälteste. Also dann wollen wir uns mal bekannt machen …«
Etwas gehemmt nannte Michael seinen Namen und nahm dann das ihm zugewiesene untere Bett eines Stockbettes nebst Spind in Beschlag, wo er erst einmal seinen Pappkarton unterbrachte. Nebenbei versuchte er, sich die Namen seiner Mitbewohner einzuprägen. Darunter ein Klaus Heidelberg, nicht aus Heidelberg, sondern aus Bremen stammend. Die Jungs kamen aus allen Teilen Deutschlands.
Was in den folgenden Wochen über die Rekruten hereinbrach, zerstörte so manch einen Traum vom fidelen Fliegerleben bei der Luftwaffe. Manchmal lachend, aber auch zynisch wurde ihnen beschieden:
»Bevor ihr fliegen lernt, bemüht euch erst einmal, richtig zu laufen!«
So manch anfänglich begeisterter Anwärter war von dieser körperlichen Anstrengung und Disziplin nur bedingt angetan. Von Anfang an wurde den jungen Männern Mut und Willenskraft in einem hohen Ausmaß abverlangt. Der Ton war manchmal sehr rüde und die Sprache nicht immer druckreif. Einige erreichten ihre Leistungsgrenze schnell. Michaels Füße verursachten ihm schmerzhafte Probleme. Das jahrelange Herumlaufen in weichen Sandalen in der Backstube hatte seine Füße breit und weich werden lassen. Das Schuhwerk der Armee und die hohe Beanspruchung durch das lange marschieren führten nun zu Komplikationen. Die »Knobelbecher« drückten gewaltig. Aber Michael wollte deswegen den Sani nicht zu häufig aufsuchen, weil er befürchtete, man könne ihm letztlich die Qualifikation zum Piloten aus gesundheitlichen Gründen verweigern – das durfte keinesfalls passieren. Blasen an den Füßen hin oder her, da musste er durch.
Während einem Besuch bei den Eltern kam das Thema zur Sprache, und die Mutter erteilte den guten Rat: »Du musst auf diesen Märschen frische Socken oder Fußlappen mitnehmen und diese wechseln!«
»Oh Gott, Mutter, was hast du für Vorstellungen vom Heer. Wenn wir stundenlang marschieren, manchmal bis zum Bauch im Wasser, was denkst du, was da los wäre, wenn ich mich einfach irgendwo hinsetzen und beginnen würde, meine Schuhe auszuziehen und die Socken zu wechseln. Im besten Fall lachen sie mich aus, falls sie mich nicht gleich für verrückt erklären. Sehr hilfreich sind deine Ratschläge leider nicht.«
Die Befürchtungen Michaels bestätigten sich. Da es nicht nur ihm so mit seinen Füßen erging, konnte er bald miterleben, wie jene, die sich deswegen permanent ins Krankenrevier begaben und sich krank meldeten, vom Lehrgang ausgeschlossen wurden. Es schmerzte, aber das Zähne zusammenbeißen hatte sich gelohnt. Michael überstand diese »schmerzhafte Phase« und kam weiter. Wieder ein kleiner Schritt zum heiß ersehnten Pilotenschein war geschafft.
Jene, die ausschieden, beendeten ihre Wehrpflicht und landeten wieder im Alltagstrott, andere fanden in diversen Waffengattungen »Unterschlupf« und blieben so der jungen Bundeswehr erhalten. Mit Einbruch des Winters kam auch ein Manöver auf den Dienstplan und damit die Verlegung zum Heerestruppenübungsplatz Putlos nördlich von Lübeck. Dort gab Michael seine ersten scharfen Schüsse aus dem Gewehr und einer Pistole ab. Ziel war stets der legendäre Pappkamerad. Diese Übung bleibt keinem Soldat während seiner Ausbildung erspart. Der eisige Ostseewind, gepaart mit feinem Schneegestöber, blies den Soldaten gehörig um die Nase in der Schleswig-Holsteinischen Ebene. Die Rekruten mussten oft stundenlang zitternd und frierend am Schießstand aushalten, aber auch das wurde überstanden.
Nach dem Dienst wärmten sie sich an einem fauchenden Kanonenöfchen. Die wohltuende Wärme war ein bescheidenes Trostpflaster in diesen frostigen Zeiten.
»In diesen arschkalten Zelten sollen wir hausen?«, maulten die fast erfrorenen Soldaten aufgebracht, »das ist ja unmenschlich.« Die Begeisterung für die elitäre Luftwaffe sank rapide.
Michael dachte so manches mal: »Wenn die der Konsalik hören könnte, sein Spott wäre ihnen sicher.« Nur zu gut war ihm dessen
Bericht über Stalingrad im Gedächtnis haften geblieben!‘
»Und wir haben uns für diese Tortur auch noch freiwillig gemeldet!«, ging die Litanei seiner Gefährten meist noch weiter. Allerdings musste er fairer Weise eingestehen, dass sein Los etwas leichter war.
Schon bei der Ankunft wurden Helfer für die »Gulaschkanone« gesucht – da kam ihm seine Berufsausbildung zupass.
»Kann einer von euch kochen?«, fragte ein Unteroffizier in die Runde und Michael meldete sich, nachdem die Kameraden Michael sofort als »Teigaffen« geoutet hatten. So wurde er dem »Küchenbullen« als Hilfskraft zugeteilt, ein Umstand, der ihm letztlich so manches eiskalte Unbill ersparte. Zwei weitere Kameraden traten den Weg zum Kartoffelschälen auch an. Wenig später erhielt Michael vom Koch ob seiner Vorkenntnisse die Ernennung zum stellvertretenden Leiter der »Menagefabrik«. Wenig begeistert überlegte er, als ihn sein Chef Richtung Kantine verließ, wie er an die Sache herangehen sollte, die sich ihm zeitgleich offenbarte. Scheinbar irrtümlich hatte der Zahlmeister der Kompanie die doppelte Menge an Hackfleisch zugeteilt, das ergaben Michaels überschlagsmäßige Berechnungen – er beschloss daher, seinen Kameraden eine Freude zu bereiten und ging mit der Fleischmenge großzügig um und verzichtete auf die Beigabe von Brot – damit nahm das Unheil seinen Lauf.
Die Frikadellen aus reinem Fleisch und in einer Senf-Sahne-Soße, Obst, Gemüse und Kartoffelpüree, mit reichlich brauner Butter begossen, fanden begeisterte Abnehmer. Man war anderes gewohnt. Die Anerkennung der ausgehungerten Rekruten war unverhohlen. Michael nahm Lob und Dank mit der ihm eigenen Gelassenheit zur Kenntnis.
Dann allerdings nahte das Ungemach im Gleichschritt. Der gerade eben erst geleerte Speisesaal füllte sich zum zweiten Mal: Die Nachzügler - deswegen die Fleischmenge. Der Wirtschaftler ging förmlich in die Luft. An sich bei der Luftwaffe nichts Ungewöhnliches, doch an dieser Stelle nicht erwünscht. Das Donnerwetter unüberhörbar: »Was führen Sie denn hier für einen Unsinn auf? Wo ist der Verantwortliche? Antworten Sie zum Teufel!« Der Offizier vom Dienst klang so gar nicht freundlich angesichts der murrenden Soldaten, die nach den anstrengenden Märschen der Hunger quälte. Ohne lange Debatten wurde Michael zum Sündenbock erkoren – und reagierte nicht sauer, sondern kreativ. Improvisation ist das halbe Leben, offensichtlich auch beim Bund. Die zusammengewürfelte Küchenmannschaft zauberte in Kürze ein Sparmenü, bestehend aus Bratkartoffeln mit Speck und Spiegelei. Die Vorratskammer beherbergte stets ausreichend Kartoffeln, Speck und Eier. So wurde dem geflügelten Wort »Ohne Mampf kein Kampf« Rechnung getragen. Einige murrten zwar und gaben einen Alpha-Foxtrott, also alles für den Arsch – dem NATO Alphabet entlehnt – von sich, und das »Feldküchensturmabzeichen« würde man Michael dafür wohl auch nicht verleihen, darüber war er sich im Klaren, doch erst einmal war der Dampf aus dem Kessel. Wenigstens vorerst.
»Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr« (Römer 12, 19)
Michael schlug die Augen auf, es herrschte stockdunkle Nacht. Außerdem war er total durchgefroren, als er wach wurde. Perplex stellte er fest, dass sein Bett mitten im Kasernenhof unter freiem Himmel stand. Diese Rabauken hatten ihn doch mitsamt seinem Feldbett ins Freie verfrachtet! Wie war das möglich gewesen?
Diese nachtragende Sippschaft hatte Michaels tiefen Schlaf ausgenutzt und sein Feldbett still und heimlich samt dem Schläfer ins Freie getragen – und dort blieb es, bis er erwachte.
Anfangs war er stinksauer, doch letztlich lachte er selbst mit – selbst dann noch, als er vom UvD angeschnauzt wurde, weil er sein Feldbett im Hof der Kaserne »geparkt« hatte.
Der Stubenälteste Klaus aus Bremen wurde beneidet wie ein Filmstar, denn er besaß den Privatpilotenschein und war damit mit dem Sitzen im Cockpit vertraut – und in dieser für ihn so tollen Zeit kam der Einberufungsbefehl. Aber Klaus war noch etwas, nämlich Besitzer eines Mercedes 170, BJ 1948. Das war in jenen Zeiten wirklich etwas ganz Besonderes. Klaus stammte aus wohlhabenden Verhältnissen. Genau wusste es niemand, doch angeblich war sein Vater ein waschechter General – und alle partizipierten von diesem Umstand, denn Klaus nahm stets einige seiner Zimmergenossen mit, wenn er ins Dorf fuhr. Allerdings ganz sicher nicht ohne Hintergedanken, denn Sprit kostete damals bereits 60 Pfennig und der alte Stern schluckte gewaltige Mengen.
»Das Spritproblem können wir zweifelsfrei günstiger lösen!«, schlug Manfred der Lange – und Sparsame – vor. Der Kerl war durch seinen Geiz und die ewige Nörgelei von wegen Sparsamkeit bereits eine Legende in der Truppe.
»Wir können«, schlug er vor, »wenn wir Wache schieben, problemlos Sprit beschaffen!«
»Aha, beschaffen nennt man das«, warf Michael hämisch ein. »Wir sagen klauen!«
»Im Dienste des Vaterlandes ist das organisieren. Verstanden, du Ignorant? Also wenn wir Wache schieben, können wir ohne aufzufallen von den Flugzeugen die erforderlichen Mengen«, er redete tatsächlich so geschwollen daher, als könne er damit den Anschein von Rechtmäßigkeit erwecken, »abzapfen. Ist das klar!«, schloss er seine Rede im Kasernenhofton.
Mit erhobenem Haupt, ganz so, als habe er jetzt das »Ei des Kolumbus« entdeckt, verließ er nach diesem fragwürdigen Vorschlag erst einmal würdevoll die Stube. Nach längeren Beratungen, allerdings waren diese ein reines Spiegelgefecht, denn der Ausgang stand bereits wie im Parlament vor der Debatte fest. Der Plan wurde angenommen – und, wie könnte es unter diesen Vorzeichen anders sein, generalstabsmäßig ausgeführt.
Noch nie war von Rekruten das Wacheschieben so sehnlich erwartet worden, wie von Klaus, Manfred und Michael. Der Tag der Premiere war gekommen, der Schlachtplan wurde exakt umgesetzt.
Bereits einen Tag zuvor hatte Klaus mit seinem Wagen möglichst unauffällig leere Benzinkanister in der Nähe abgestellter Flieger in Gebüschen platziert. Unter der Tragfläche des Flugzeuges befand sich der Entlüftungsstutzen, der zum »Ausfüllstutzen« umfunktioniert werden sollte. Kein Mensch bei der Luftwaffe kann – und selbst wenn, würde es tun – feststellen, ob aus einem betankten Fluggerät eine kleine Menge an Treibstoff fehlt.
Während des Wachganges in der Nacht schoben sie nun die mit Sprit gefüllten Kanister unter dem Maschendrahtzaun durch. Klaus sammelte die Beute ein und befüllte den durstigen Mercedes.
Das hochwertige Flugbenzin musste allerdings eins zu eins mit billigem Fusel von der Tankstelle gemischt werden, damit die Maschine des alten Wagens nicht überfordert war. Dies wussten die Männer aus dem technischen Unterricht.
Rückblickend betrachtet, war die Aktion »Flugbenzin« eine hirnrissige Angelegenheit. Wegen der paar Mark riskierten sie ihre Chance, ein Flugzeug steuern zu dürfen, ein für alle Mal. Aber was reizt den Menschen mehr als das Verbotene! Dagegen war jede Art der Vernunft machtlos. Welchen Dusel sie hatten, dabei nie ertappt zu werden, darüber dachten sie damals keine Sekunde nach.
Die Monate verflogen und so kam der Tag, an dem die so heiß ersehnte Flugausbildung begann. Untrennbar verbunden damit war auch die Flugzulage – diese war es auch, die den Unfug mit dem Spritklau beendete, denn diese Zulage polierte den Wehrsold merkbar auf.
Stolz und mit unüberhörbarem Gesang marschierten die jungen Fluganwärter über das Flugfeld. Die verhassten »Knobelbecher« wurden gegen die begehrten Fliegerstiefel, die auch von den Fallschirmjägern getragen wurden, ausgetauscht. Nicht nur das angenehm zu tragende Rindsleder, sondern auch das Aussehen machte Eindruck. Dazu kam noch der knallgelbe Fliegerschal, der die feldgraue Fliegerkombination gehörig aufmöbelte.
»Hallo, da kommen die Fluganwärter!« ertönte das alte Panzerlied, während man im Gleichschritt marschierte.
»Ob es stürmt oder schneit, ob die Sonne lacht –
der Tag glühend heiß – oder kalt die Nacht. Werft an die Motoren, schiebt Vollgas hinein …
»Warum sollen wir bloß Panzerlieder singen?«, fragten sich die jungen Flieger, wir sind doch Piloten! Es gibt doch auch tolle Fliegerlieder … los … auf geht’s!«
Durch die Lüfte fliegt dahin,
hell im Sonnenschein eine kleine Jägerin, ME 109, horido, horrido, immer sollst du Sieger sein. Herrscher in der Luft allein, horrido, kleine ME 109 horrido.
Doch schnell wurde ihnen Einhalt geboten. »Mein Gott, Kameraden, denkt doch einmal nach. Hört auf mit der Singerei. Wir haben hier auch englische Fluglehrer am Fliegerhorst und zurzeit ist auch eine britische Ausbildungseinheit auf dem Platz stationiert. Auch wenn wir mit dem Dritten Reich an sich nichts zu tun haben … aber wir sind Deutsche und Deutschland hat den Krieg nun einmal verloren«, das leider sprach er nicht aus. »Wir wollen unsere jungen Verbündeten doch nicht vor den Kopf stoßen und niemanden kompromittieren. Die Sieger waren die anderen, daran müssen wir denken, meine Herren.« Ja, so besorgt und höflich mit »meine Herren« wurden die Rekruten in ihre Schranken verwiesen. »Singt etwas anderes oder gar nichts!«, fügte der Ausbilder hinzu.
Fortan marschierten die angehenden Piloten schweigend über das Rollfeld.
***
Ein Jahr war inzwischen vergangen. Es war ein hartes, ein entbehrungsreiches Jahr gewesen. Sicher, es hatte auch eine Menge Spaß gegeben – noch jetzt musste Michael hell auflachen, wenn er an so manchen Streich dachte, den er teilweise auch am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte. Nie jedoch verlor er sein Ziel aus den Augen: Er musste und wollte nur eines, nämlich Pilot werden!
Der große Tag war angebrochen! Heute würden die Jungs zum ersten Mal seit Beginn ihrer Ausbildung ein Cockpit besteigen. Fast ein wenig verloren, unscheinbar wie bemalte Mäuschen, standen sie da die knallgelb lackierten Schulmaschinen PIPER-L-18 amerikanischer Provenienz und jahrzehntelang bewährt und tausendfach erprobt. Unzählige angehende junge Piloten in der gesamten westlichen Hemisphäre hatten ihre ersten fliegerischen Schritte in so einem Schulflugzeug absolviert.
Erwartungsfroh umringten Klaus, Manfred und Michael den Fluglehrer, dem sie zugeteilt waren.
»Ich bin Hauptfeldwebel Wiedfeld!«, zweifelsfrei ein »Fischkopp«, der Hamburger Slang war nicht zu überhören.
»Bereits zu Kriegszeiten habe ich Leute wie euch in die Luft gebracht! Also Kameraden, nur Mut, ich beiße nicht … zumindest vorläufig.«
Hier wurde pflichtgemäß gelacht.
»Im Übrigen halte ich diesen Vortrag immer gleich zu Beginn eines Lehrgangs, denn es müssen sämtliche Unklarheiten beseitigt sein. In unserem Gewerbe kann der kleinste Fehler tödlich sein. Den Verlust von euch … hier darf wieder gelacht werden … kann das Vaterland verschmerzen, aber so eine Maschine kostet ein kleines Vermögen! Daher ist es unbedingt erforderlich, dass die sogenannte Chemie zwischen uns stimmig ist. Nur wenn das gegenseitige Vertrauen bedingungslos ist, kann unsere Mission von Erfolg gekrönt sein. Daher bitte keine falsche Scheu. Wer denkt, dass ich nicht der Richtige für ihn bin, der soll es sagen; oder, wie es anderswo so schön heißt, für immer schweigen! Es ist keine Schande den Fluglehrer zu wechseln. Mein Wunsch und mein Ziel ist es jedenfalls, euch zu Piloten auszubilden, die auch im Augenblick von Gefahr instinktiv die richtige Entscheidung treffen. Falls also einer einen anderen Lehrer möchte – keine falsche Scham. Ich hoffe, wir haben uns verstanden!«
»Jawohl, Herr Hauptfeldwebel!«, erklang es wie aus einem Guss aus aller Munde.
»So, nachdem das nun geklärt wäre erhebe ich die Frage, wer von euch hat schon einmal ein Flugzeug oder gar ein Cockpit in natura gesehen?«
Klaus trat vor. Aus seinen Erzählungen wussten die Kameraden, dass er bereits zehn Stunden am Steuerknüppel einer CESSNA 152 gesessen hatte. Das ermöglichte ihm eine Mitgliedschaft im Aero Club Bremen.
Manfred hingegen erklärte freimütig, dass er noch nie einem Flugzeug so nahe gekommen war wie jetzt. Wohlweislich verschwiegen die Burschen jene Operation »Sprit für den Stern« an dieser Stelle aus gutem Grund.. Michael erzählte, dass ihm sein Vater zu seinem 16. Geburtstag einen Rundflug über Essen spendiert hatte. Bei dieser Gelegenheit durfte er ein paar Minuten das Steuer halten – ein symbolischer Akt ohne Bedeutung. Allerdings habe er sich intensiv mit Modellflugzeugen und Fernsteuerungen beschäftigt.
»Kennt ihr den Klassiker >Der Flug des Phönix< mit Hardy Krüger?«, fragte Hauptfeldwebel Wiedfeld an dieser Stelle. Natürlich kannten sie diesen tollen Film alle.
»Da erklärt doch Hardy Krüger seinen geschockten Kameraden ganz ruhig, dass er eigentlich kein Flugzeugkonstrukteur sei, sondern lediglich Modellflugzeuge gebaut habe. Doch das sei im Prinzip dasselbe, und Aufregung daher nicht angebracht. Er werde das havarierte Flugzeug flott kriegen, daran ließ er keinen Zweifel! Also schön, meine Herren«, mit einer geübten Bewegung schob er seine Dienstmütze filmreif ein wenig in den Nacken, »jetzt erkläre ich euch das Um und Auf, das Prozedere vor dem Start. Absolut überlebenswichtig: Die Vorflugkontrolle. Fahrwerk, Bewegung der Steuerelemente, Spornrad, ganz wichtig Öl- und Treibstoffkontrolle. Wenn das alles kontrolliert und für okay befunden ist, erst dann besteigen wir das Cockpit. Übrigens, ihr habt doch sicher auch in den Nachrichten gehört, dass gestern ein Starfighter, die derzeit beste, sicherste und modernste Maschine, abgestürzt ist. Leider kam der Pilot dabei trotz des Schleudersitzes ums Leben.«
Hauptfeldwebel Wiedfeld konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass der Starfighter in ein paar Jahren die charakteristische Zusatzbezeichnung »Witwenmacher« tragen und Franz Josef Strauß um ein paar Millionen reicher machen würde. Stattdessen setzte er seinen Vortrag fort: »So Klaus, dann wollen wir Mal, du darfst mir als Erster deine Flugkünste demonstrieren. Denk allerdings daran, dass es sich hier um einen zarten Spornradflieger und keine Ganzmetall CESSNA mit Bugradsteuerung handelt. Hier haben wir einen Steuerknüppel zwischen den Beinen, kein Steuerholm. Deswegen fangen wir auch ganz von vorne an«, erklärte der alte Hase und sparte nicht mit allen möglichen Ratschlägen. Gleichmäßig beruhigend schnurrte das 90 PS Lycoming Triebwerk. Weil dieses einfache Schulflugzeug kein Radio besaß, musste der Fluglehrer sich mit seinen Schülern brüllend verständigen. Ein Starthelfer gab mit roter oder grüner Flagge die Start- oder Landeerlaubnis. Wie der Dirigent eines Orchesters wedelte der Flugleiter den abfliegenden und landenden Maschinen zu. Dabei wurde er von den kritischen Zuschauern penibel beobachtet. Bereits nach relativ kurzer Zeit kristallisierte sich heraus, wer ein feinfühliger Pilot werden würde und wer doch eher zum »Holzhacker« geboren war. Diesbezüglich nahm Wiedfeld ebenfalls kein Blatt vor den Mund.
